Dienstag, 18. Dezember 2018

AC/DC 1973 – 1980: The Bon Scott Years

Credit Coverbild: © Edition Olms   Jawbone Press 
„We´re not too concerned with being very artistic or sounding pretty … we just want to make the walls cave in and the ceilings collapse. Nice clothes and fancy guitars can carry you only so far.“ 

Kann man den gesamten Approach von AC/DC, dem „thunder from down under“ besser beschreiben als es ihr ikonischer Leadsänger Bon Scott in einem Interview im Super Rock Magazine im Juni 1979 getan hat ? Es ist dies nur eines der vielen aufschlussreichen Zitate, die im neu erschienen Kompendiumsband „AC/DC 1973-1980: The Bon Scott Years“ von Autor Jeff Apter zusammengetragen wurden und ein sehr komplettes Bild des Rockphänomens AC/DC und aller beteiligten Musiker zeichnen. Gleichzeitig ist dieses Buch aber auch eine Momentaufnahme der Siebziger Jahre-Rockszene, in die die AC/DC-Jungs wie aus dem Nichts hineinplatzten.

Apter – seines Zeichens Angus Young-Biograph und Ghostwriter der Bio „Dirty Deeds“ für Ex-„Atzedatze“-Basser Dave Evans – ist Fan und Experte gleichermaßen. Folgerichtig merkt man beim Lesen seines neuen Buch auch die begeisterte Akribie, mit der er die wohl wichtigste Phase in der Karriere der Australier dokumentiert  - jene Jahre, in der AC/DC vom Geheimtip, der in kleinen Clubs spielte zu stadionfüllenden Ikone wurden und die maßgeblich von diesem unverwechselbaren Sänger mit der charakteristischen Reibeisenstimme mitgeprägt wurden.

Im Gespräch mit einem Fan der Australier kommt ja irgendwann unweigerlich die Frage, welche Phase man denn präferiert, die "early days" mit Scott am Mikro oder die spätere ab „Back In Black“ mit Brian Johnson. Für mich persönlich, wie für unzählige andere weltweit ist die Sache klar: die Zeit mit Bon war etwas ganz besonderes. 
Apter zeichnet diese Periode extrem genau nach, weshalb sich dieses Buch nicht nur an neue Fans sondern auch bzw. vor allem an AC/DC-Veteranen richtet. 
Zwar ist dieses Buch kein klassischer  coffee table-Band - hier hat man schon eindrucksvollere Foto-Retrospektiven gesehen -  dennoch wartet Apters Werk neben interessanten "oral history"-quotesGig-Reports, Interview-Schnipseln etc. mit einigen raren Aufnahmen aus dieser Frühphase auf.

Insgesamt eine sehr lesenswerte Chronik.

Bibliographische Angaben:AC/DC 1973-1980: The Bon Scott Years“ von Autor Jeff Apter 
Englische Originalausgabe ca. 300 Seiten mit ca. 100 Fotos.Klappenbroschur im Format 22 × 22 cm
ISBN-10: 3-283-01288-1 , ISBN-13: 978-3-283-01288-5€ (D): 19,95 € (A): 20,60 sFr.: 26.90

Montag, 17. Dezember 2018

DEEP PURPLE – IN ROCK: Der lange Weg zu einem Meisterwerk

Credit Coverbild: © Hannibal Verlag
Derzeit geht es ja Schlag auf Schlag, ein hochkarätiges Rock-Jubiläum folgt in kurzen Abschnitten auf das nächste: Zuerst Led Zeppelin, das Anniversary des legendären Weißen Albums der Beatles, dann der Jahrestag des Releases von „Beggars Banquet“ der Stones. Und auch eine andere legendäre britische Rockband, nämlich Deep Purple,  feiert nun 50 jähriges Bandbestehen.

Passend dazu erscheint die Chronik ihres ersten großen Meisterwerks:
Dieses stammt von anno 1970, heißt „In Rock“ und ist ein bis heute großartiger Klassiker, der mitunter zurecht zu den Grundsteinen des Heavy Metal gezählt wird. Allein schon das Cover dieser ersten LP der sog. MK II-Besetzung mit den in Stein gemeißelten Antlitzen der Bandmembers im Mount Rushmore-Stil hat echten Kultcharakter – und die Songs stehen dem in nichts nach. Allen voran die Überballade „Child In Time“ und  - „nomen est omen“ - „Speed King“. Hier vereinten sich erstmals nahezu alle Elemente die den Purple Sound als ausmachen, nur die Klassik-Komponente wurde bei kommenden Alben noch deutlicher.
Jon Lords einzigartiges Hammondspiel als Kontrapunkt zu den fast manisch anmutenden Gitarrenattacken des Ritchie Blackmore, der grollend-tighte Bass Roger Glovers, die harten und gleichzeitig swingenden Drums Ian Paices und natürlich die gellenden Schreie des Ian Gillan: Das alles war letztlich eine  logische Entwicklung aus dem britischen Bluesboom der Sechziger und bildete gemeinsam mit Black Sabbath und einem gewissen Grad auch Led Zep die Proto-Metal-Speerpsitze der late Sixties und early Seventies.

Die Entstehungsgeschichte von „in Rock“ und wie aus einer durchaus beachteten Rockband  und ihren frühen Hits wie „Hush“ eine stadienfüllende Rocklegende wurde,  erzählt „Der lange Weg zu einem Meisterwerk“ nach. Ein ganzes Buch über ein einziges Album? Ja, das geht und zu diesem Klassiker gibt es auch wirklich viel zu erzählen. Die beiden Autoren Simon Robinson und Stephen Clare, beides Experten in Sachen Purple, gehen hier wirklich sehr tief ins Detail. Akribisch haben sie  wie es scheint so ziemlich jeden Schnipsel an Informationen zu dieser LP gesucht….und auch gefunden.
Das Ergebnis ist ein kompakter Softcoverband und eine Mischung aus Bildband und Lesebuch. Dass sich ein solches Projekt eher nicht an jene richtet, die nur „Smoke On The Water“ kennen , sondern vornehmlich etwas für die Hardcore-Purple-Anhänger ist, dürfte klar sein.
Doch gerade diese fast schon wissenschaftlich anmutende Detaildichte macht in Kombination zu den Vintage Fotos dieses Buch zum idealen Begleitband, wenn man mal wieder „In Rock“ auflegt.

Bibliographische Angaben:
DEEP PURPLE – IN ROCK: Der lange Weg zu einem Meisterwerk
1. Auflage November 2018, 176 Seiten, Klappenbroschur
Format: 20,5 x 21
ISBN 978-3-85445-656-8
25,00 EUR

ROCK CLASSICS Nr. 24: THE BEATLES – Das Sonderheft

Credit Coverbild: © 2018 ROCK CLASSICS/Slam Media GmbH    Apple Corps Ltd.


Die dieser Tage veröffentlichte, mittlerweile 23. Ausgabe der Rock Classics widmet sich wieder einer Brit-Legende: nach den Stones und Led Zeppelin stehen im letzten Heft des Jahres 2018 nun die Beatles im Fokus.
Dies hat wohl weniger mit dem bevorstehenden Brexit und dem Polit-Chaos auf der Insel zu tun, als vielmehr mit dem aktuellen Ereignissen und Jahrestagen in Sachen Liverpooler Heroes – das große 50th Anniversary  des White Albums und der neuen Paul McCartney-Nummer 1 –LP  Egypt Station“.

Das 114 seitige Hochglanzheft bietet einen Crash Kurs in Sachen „Macca“, Lennon, Harrison und Starr mit Hintergrundfeatures, Biografien, Beleuchtung aller zwischen ´63 – und ´70 veröffentlichten Studioalben, einem Überblick über Devotionalien und einem Streifzug durch Hamburg, jener Stadt in der die Beatles ja zu Anfang ihrer Karriere u.a. im legendären Starclub spielten.
Der alte Fan wird hierbei naturgemäß nicht wirklich etwas Neues erfahren, die gewohnt gute Aufmachung der Rock Classics-Reihe sorgt jedoch wieder dafür, dass sich dieser Fab Four Kompaktüberblick nicht nur an ganz neue, junge Fans richtet.

Sonntag, 16. Dezember 2018

TRIP-TIP: SERGIO LEONE-RETROSPEKTIVE in PARIS

Ein Filmstill der legendären Anfangssequenz von "Spiel mir das Lied vom Tod", 1968.
© Fondazione Cineteca di Bologna / Fondo Angelo Novi
Für alle die zur Weihnachtszeit bzw. ums neue Jahr herum in die Stadt der Liebe reisen, habe ich diesmal einen extrem interessanten cinephilen Ausstellungstip:
Vor genau 50 Jahren erschien mit Sergio Leones Italowestern-Oper „Once Upon A Time In The West“ aka „Spiel mir das Lied vom Tod“ ein Film, der wie kaum ein anderer die überlebensgroßen Mythen vom Wilden Westen in sich vereint.

Passend zu diesem Anniversary ist noch bis zum  27.01. 2019 in der Cinémathèque Française in Paris eine große Retrospektive auf den 1989 verstorbenen Meisterregisseur unter dem – auf zwei seiner Film bezugnehmenden – Titel „Once Upon A Time, Sergio Leone “zu sehen. Diese Ausstellung verspricht die Quellen seiner Informationen, unbekannte Aspekte seiner Persönlichkeit und Produktionsgeheimnisse seiner zum Kult gewordenen Filme zu beleuchten.

Infos zu Tickets & Co. findet ihr hier.

 Auch einen äußerst umfangreichen Ausstellungskatalog gibt es dazu, der u.a. Essays, Beiträge von Filmexperte Sir Christopher Frayling sowie eine Reihe rarer Bilder vereint – nur leider  nicht in einer „internationalen“ Edition sondern exklusiv in Französisch.
Jennifer Connelly und Sergio Leone am Swr von "Es war einmal in Amerika", 1984
© Fondazione Cineteca di Bologna

Samstag, 15. Dezember 2018

NICK MASON – INSIDE OUT - Meine Geschichte mit Pink Floyd

Credit Coverbild: © Edel Books
„Ich habe sämtliche Referenzbücher über Pink Floyd mit einem Lächeln wieder weggelegt. Lieber Autor, das hast du dir schön ausgedacht, aber so ist es nun wirklich nicht gewesen.“ Ein vernichtendes Urteil, das Nick Mason, Drummer und Gründungsmitglied der legendären Band, über jene Bücher fällt, die die wechselhafte Historie der progressiven Rocklegenden bisher beleuchtet haben.
Ich vermute mal, so ähnlich wie ihm wird es wohl vielen berühmten Persönlichkeiten gehen, wenn sie von anderen geschrieben Chroniken, Retrospektiven und Biographien über sich selbst lesen. Mit seiner Autobiographie „Inside Out“, erschienen bei Edel Books, nimmt Mason jedenfalls die Zügel selbst in die Hand und erzählt, wie er die Welt sieht bzw. legt seine Sicht der Dinge dar.

Und zu erzählen hat er wirklich viel, denn Mason ist nicht nur ein Musiker, der sich merklich seine Begeisterung bis zum heutigen Tage bewahrt hat, sondern auch eine Figur, die seit der Frühphase der großen britischen Rockszene mit dabei war – und den Leser am Euphoriegefühl jener Zeit und an legendären Aufnahmesessions zu den aufwendigen Masterpieces von Floyd teilhaben lässt.Dass er heutzutage nicht nur Rock-Legende ist, sondern als Redakteur auch regelmäßig für GQ, das offizielle Ferrari-Magazin, The Independent und The Sunday Times schreibt, merkt man. „Inside Out“ ist nämlich eine richtig gut geschriebene Rock-Biographie – die jedoch zu keinem Zeitpunkt an Reißerischem oder Sensationslüsternem interessiert ist.

Masons zu Papier gebrachten Erinnerungen sind vielmehr unaufgeregt  - und natürlich logsicherweise auch sehr subjektiv; zusammen mit den eingangs erwähnten „Referenzbüchern“ ergibt  sich für den Leser jedoch ein durchaus komplettes Bild von Pink Floyd und deren Geschichte. Eine empfehlenswerte Lektüre für Fans und Musikhistorisch Interessierte.

Mittwoch, 12. Dezember 2018

DAVID BOWIE – EIN LEBEN


Credit Coverbild: © Rowohlt Verlag Mirrorpix/Getty Images 
Biographien großer Musiker haben es anno 2018 ja schon ein bisschen schwer.
Immerhin kann man nicht gerade von einem Mangel an „Recollections“ der Stars sprechen, zumal sich bei diesen Büchern die Haupt-Topoi zwischen Aufstieg und Absturz zwangsläufig wiederholen. Hinzu kommt, dass viele Standardwerke in diesem Bereich längst erschienen sind, man denke an die Exzess-Chronologie in Mötley Crües „The Dirt“, oder Keith Richards Bestseller „LIFE“. Auch über den Starman himself David Bowie sind sowohl zu seinen Lebzeiten als auch posthum zahlreiche Biographien erschienen. Eine neu im Rowohlt Verlag veröffentlichte und von GQ-Editor und MBE Dylan Jones geschriebene, schafft jedoch das Kunststück andere Facetten in der bekannten Lebensgeschichte zu beleuchten und so zu einem essentiellen Teil der Rockbibliothek zu werden.

Dies liegt vor allem auch daran, dass Jones für sein Buch einen völlig anderen Zugang als 98% aller anderen Musikbücher wählt. Zwar zeichnet er, wie es dieses Genre eben verlangt, den bemerkenswerten Werdegang des David Robert Jones zur Kunstfigur David Bowie nach,  jedoch tut er dies nicht anhand einer normalen Biographie. Stattdessen bedient er sich der Methode der oral history mit Originalzitaten von Bowie selbst sowie den Erinnerungen jener, die ihn am besten kannten oder mit  der Ikone zu tun hatten. Zu Jones´ prominentem Cast zählt dabei eine illustre Riege des Who Is Who der Brit-und Musik-Szene wie Tony Visconti, Lady Gaga, Elton John, Beatle Paul McCartney, Bob Gedolf, Damien Hirst, Marianne Faithful, Nicolas Roeg….

Auf diesen hochinteressanten Reminiszenzen und der Wiedergabe der O-Töne
liegt - abgesehen von ein paar verbindenden Absätzen und knappen Einleitungen - auch der Hauptfokus in diesem Buch. Dieser minimalistische Approach, der sich auch im völligen Verzicht auf Bildmaterial wiederfindet, regt den Leser dazu an seine eigenen Interpretationen und Schlussfolgerungen über den so außergewöhnlichen wie enigmatischen Musiker zu finden. Um allerdings etwas von den hier versammelten Stories zu haben, sollte man schon ein beachtliches Vorwissen mitbringen und vor allem im „Who is Who“ der Rock N´ Roll Szene bewandert sein. Für Bowie-Einsteiger die erst jetzt dem Charme von Ziggy Stardust oder Alladdin Sane erlegen sind, ist „Ein Leben“ also womöglich nicht der beste Einstieg. Dieses Buch richtet sich vornehmlich an die Auskenner, die jedoch eine unkonventionelle Künstlerbiographie erhalten, die sich so flüssig wie ein Roman liest.

Das Interessante an der Herangehensweise des Autors liegt vor allem im Subjektiven. Ein Wesenszug von wissenschaftlich korrekt durchgeführter oral history ist ja, dass man die Zeitzeugen ihr eigenes Erleben nacherzählen lässt und nicht als teilnehmender Beobachter in das Geschehen und den Erinnerungsprozess eingreift. Genau dies scheint Jones beherzigt zu haben und zeichnet so ein eindringliches, plastisches Bild von Bowie – das nicht ohne Widersprüche bleibt, aber gerade deshalb vielleicht mehr über den Menschen hinter der Kunstfigur aussagt, als andere biographische Werke.
Fraglos gibt es andere Bücher, die eine tiefergreifende musikhistorische Einordnung vornehmen, wodurch „Ein Leben“ sicher nicht die einzige Bowie-Bio ist, die man braucht. Doch ist Jones´ Annäherung an ein popkulturelles Phänomen ein essentielles Buch über „den Mann der vom Himmel fiel“, dessen „Rock N´Roll Oral History“-Zugang so ungewöhnlich wie interessant ist.

Sonntag, 9. Dezember 2018

ELLEN VON UNWERTH - FRÄULEIN

TELEPHONE SEX New York 1997
Credit Bild: © Ellen von Unwerth
Nur wenige Fotografen der Fashion-Szene haben eine derartig unverwechselbare künstlerische Handschrift wie Ellen von Unwerth. Bei ihr reichen ein paar Sekunden eines Filmclips oder ein einziges Bild völlig aus und der Betrachter weiß, dass es sich um ein Werk der gebürtigen Frankfurterin handelt. Unwerth, die in ihrer Jugend selbst als Model arbeitete und im Laufe ihrer Karriere die Seiten und damit  hinter die Kamera wechselte verfügt über einen unglaublich distinktiven Stil, der die sexuell aufgeladene Pin-Up-Kunst der 50er mit High Fashion verbindet.

Fräulein“, erschienen im Taschen Verlag, ist eine umfassende gut 480 Seiten starke Rückschau auf die Arbeit Unwerths aus den 90er Jahren bis 2009 -  wobei ein Großteil der in diesem Bildband versammelten Aufnahmen bislang unveröffentlicht war. In dieser kompakten, sehr konzentrierten Rückschau lässt sich einerseits die Entwicklung von Unwerths Stil nachvollziehen, gleichzeitig wird jedoch auch deutlich, dass die wesentlichsten Merkmale ihrer fotografischen Handschrift sich von Beginn an einem roten Faden gleich durch ihr Gesamtwerk ziehen: Unwerths Hauptfiguren sind die Fräulein - Wesen, die zwischen naiver Unbedarftheit und Verdorbenheit changieren, elfengleiche Unschuld trifft auf dunkle Triebe mit sado-masochistischen Untertönen.Immer wieder spürbar auch die deutliche Helmut Newton-Influence.
TEDDY London 2006
Credit Bild: © Ellen von Unwerth
BITCH! Paris 2007
Credit Bild: © Ellen von Unwerth
Dabei sind es die beinahe beiläufig wirkenden Gesten der Models und Unwerths Gespür für kleinste Details die den speziellen  „kinky flair“ ihrer Bilder mit ausmachen. Unwerth ist eine der führenden Meisterinnen der erotischen Fotografie, Ihre Aufnahmen sind charmant witzig, verspielt,  fetischistisch und gemahnen immer wieder an Film-Stills - eine geradezu postmoderne anmutende Auseinandersetzung mit dem 50s Pin Up-Phänomen und sexuellen Obsessionen. Dabei lichtet Unwerth nicht einfach nur überaus ansehnliche Models ab. Selbst Einzelbilder erzählen bei ihr immer eine eigene kleine Gesichte - eine Story, die jedoch stets mit einem schmutzigen Lächeln erzählt wird.
Hat Unwerth Prominente vor ihrer Linse holt sie in ihren sexuell aufgeladenen Sujets selbst aus eher als bieder bis reserviert wirkende Celebrities versteckte Seiten zum Vorschein. Die Wirkung von Unwerths Kunst liegt auch darin, dass ihr spezieller „point of view“ häufig wesentlich heißer hintergründiger ist, als die Shots manch ihrer männlicher Kollegen.

Fazit:
„Fräulein“ ist eine Taschen-typisch äußerst stylisch gestaltete, attraktive Retrospektive auf eine der ganz großen Individualistinnen der Fotografen-Szene.

Credit Coverbild: © Ellen von Unwerth    Taschen Verlag

Ellen von Unwerth, Ingrid Sischy
Fräulein,
Hardcover 19 X 27,4 cm
480 Seiten
€ 29,99
Taschen Verlag


MANDY - NICOLAS CAGE AUF PSYCHEDELISCHEM HEAVY METAL-GRINDHOUSE-RACHE-TRIP


Credit Bild: © Koch Media 
Die USA anno 1983, es ist die Reagan-Ära, in der vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs nicht nur die Angst vor Spionen umgeht, sondern auch vor einer potentiell gefährlichen Popkultur, insbesondere dem bösen Heavy Metal. In jenen Zeiten führt der Holzfäller Red Miller (Nicolas Cage is back!) mit seiner Frau Frau Mandy ein abgeschiedenes Leben in einem Haus im Wald. Die eremitische Idylle der beiden wird jedoch gestört als eine Gruppe okkulter „Jesus Freaks“ - ja, bei Mandy ist das kein Widerspruch 😉- unter der Führung  ihres Gurus, dem an Charles Manson gemahnenden, gescheiterten Folksänger Jeremiah Sands, gewaltsam in ihr Leben eindringt und Red in weiterer Folge dazu gezwingungen ist einen dunklen Pfad der Vergeltung einzuschlagen.

Schon kurz nach dem Release entwickelte sich „Mandy“ zu einem Hit auf den einschlägigen Festivals. Nun bringt Koch Media den neuen Streifen von Panos Kosmatos – dem Sohn von „Rambo II“ und „Tombstone“-Regisseur George Kosmatos – schon kurz nach den ersten europäischen Screenings als technisch tadellose Blu ray ins Heimkino.
Die enthusiasmiert-euphorischen Festivalkritiken eilten diesem Movie meilenweit voraus, genauso wie die Huldigung auf Cages Performance  - kehrt der Oscar-Preisträger nun aus den mitunter selbst gewählten Untiefen der drittklassigen Streifen zurück ? Ist „Mandy“ wirklich seine lange überfällige „Return To Form“? Nun, teils teils.Tatsächlich ist Cage die absolute Idealbesetzung für den wortkargen Rächer. Wer sonst hätte im aktuellen Filmbusiness den Mut eine Rolle in einem derart „ausgefransten“ Streifen zu übernehmen und die Figur des Red mit jener wahnsinnigen Intensität zu spielen ? Andererseits spielt Cage auch hier schlichtweg eine typische Cage-Rolle – mit all seinen Eigenheiten; schreiend und mit weit aufgerissen Augen, Performances in Machwerken der Vergangenheit wie „Drive Angry“ rufen sich unweigerlich ins Gedächtnis. Overacting nennen das die einen, idiosynchratische, unverwechselbare Manierismen die anderen.
Credit Bild: © Koch Media 
 
Credit Bild: © Koch Media 
Doch ganz egal ob man jetzt Cage-Fan ist oder nicht  - „Mandy“ ist fraglos einer der ungewöhnlichsten und vor allem wildesten Filme der letzten Jahre - der sich allerdings absolut nicht an ein Mainstream-Action-Publikum richtet. Denn Regisseur Cosmatos, ein Name, den man auch in Zukunft auf seinem Radar haben sollte, schuf mit diesem Projekt einen Film, den man nur als totalen Trash ablehnen oder als old school-Schund lieben kann; ein Werk das wohl nur die absoluten Geeks schätzen werden können.
"Mandy" ist vieles zugleich; eine bittersüße Romance  und eine beinharter Revenge-Story, ein psychedelischer Experimentalfilm mit Mut zur Arthouse-Entschleunigung und starkem Okkultismus- und Drogen-Subtext sowie eine Hommage an die Exploitation- und B-Movies der späten 70er und frühen 80er Jahre. Hinzu kommt, dass  „Mandy“ eine detailversessene Liebeserklärung an das Heavy Rock und Heavy Metal-Genre ist. Von den Black Sabbath und Mötley Crüe-Shirts von Reds Geliebter, genre-konformer Symbolik, dem hypnotischen Soundtrack des leider dieses Jahr verstorbenen isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson - der Carpenter-artige Synths mit verfremdeten Doom Metal-Gitarren mischt - hin zur berauschenden Art Direction, die den ganzen Streifen wie die Verfilmung eines Metal-Albumcovers wirken lassen.
Credit Bild: © Koch Media 

Credit Bild: © Koch Media 
Klingt wild ? Ist es auch, zumindest ab der zweiten Hälfte, denn Cosmatos comic-haft überzeichnete Tour De Force zerfällt grob in zwei Teile. Eine von King Crimson eingeleitete Exposition, die in meditativen Bildern dem Zuseher eine  ätherisch, langatmige Einführung in die Story gibt. Dann schaltet Cosmatos mehrere Gänge höher – wechselt also vom Clean-Kanal in den Distortion-Modus – und entfacht eine rabiate Racheorgie inkl. Kettensägenduell und blutigen „Video Nasties“-Exzessen.
Nicht nur für Cages Charakter sondern auch für den Zuseher wirkt das wie ein filmischer (Horror-) Trip: Die psychedelische, knallige Farbdramaturgie erweckt Assoziationen zu Dario Argentos Klassiker „Suspiria“ (und an ein andere Neo-Grindhouse-Arthouse-Experiment der jüngsten Vergangenheit: Nicoals Winding Refns „Neon Demon“).  Die tranceartige Erzählweise gemahnt – analog zum Abstieg Reds in die Tiefen des drogeninduzierten Wahsninns - an den  Alejandro Jodorowskys Western „El Topo“. Mit letzterem Film gemein hat „Mandy“ auch die teils stark ausgeprägten, geduldsprobenartigen  Längen - aber war das nicht bei vielen der heutzutage verehrten Midnight Movies so ?
Credit Bild: © Koch Media 
Wenn auf der Rückseite der Blu ray von einem Kultfilm gesprochen wird, so ist das gar nicht weit hergeholt. Tatsächlich hat „Mandy“ durchaus das Potential dazu. Das liegt einerseits daran, dass Regisseur Cosmatos das Spiel mit filmhistorischen und popkulturellen Querverweisen und Intertextualität virtuos beherrscht. Andererseits ist „Mandy“ einer der wenigen Film, der originalgetreu jenes Gefühl wiedererweckt, das man bei der Sichtung eines jener „verbotenen“ ultraseltenen B-Movie-Schätze  hat bzw. hatte. 
All dies macht „Mandy“ nicht unbedingt zu einem guten Film im klassischen Sinne, jedoch zu einem der besten Neo-Schundfilm seit diese Gattung Mitte der Achtziger aus den (Bahnhofs-)Kinos verschwand. Ein Werk für Genre-Kenner, mit gleich hohem Trash- wie Kultfaktor oder auch: der beste, schlechte Film des Jahres - nur im Grindhouse-Genre ist das kein Paradoxon.

Bonus-Content der Blu ray:  Audiokommentar, Making of-Featurette, Deleted Scenes, Teaser, Trailer

Freitag, 7. Dezember 2018

ERIC CLAPTON - HAPPY XMAS


Credit Bild: © Universal Music
Nach der großartigen biographischen Dokumentation „Life in 12 Bars“ erscheint 2018 nun auch noch ein neues Album von Mr. Slowhand. Das ist jedoch nicht unbedingt jene Platte die man gemeinhin von ihm erwartet hätte. Denn Eric Clapton überrascht hier mit einer LP, die in seiner umfangreichen Diskographie bislang fehlte: einem waschechten Weihnachts-Album.

Einzelne Songs für X-Mas-Compilations hat die britische Legende in der Vergangenheit ja schon eingespielt, nun begibt sich EC jedoch für eine ganze CD in ein ebenso festliches wie „kontroverses“ Genre, an dem sich seit jeher die Geister scheiden. Für die einen ist so etwas ein altmodisches, nikolaus-rotes Tuch für die anderen genau die richtige Einstimmung auf die Feiertage, abseits von allzu Traditionellem wie den Wiener Sängerknaben oder ähnlichen klassischen Chören.
Bereits wenn die ersten Tweed Distortion-Licks inklusive Delta-Turnaround den Opener „White Christmas“ einläuten, weiß man: das hier ist nicht die alltägliche Superstar-X-Mas Kost (siehe Rod Stewart). Hier gibt es Weihnachten ohne Kitsch. Slowhand  fusioniert seinen Blues Rock gekonnt mit den bekannten Traditionals. Dabei gelingt es ihm einerseits dem Stil der Originale treu zu bleiben und andererseits jedem Song seinen unverkennbaren Stempel aufzudrücken. Klar, ohnehin bluesige X-Mas-Klassiker wie "Merry Christmas, Baby" sind naheliegend und werden mit den flüssigen Leadlines Claptons geschmückt. Doch selbst viel bzw. bereits allzu oft gecoverten Evergreens, die sonst eher einen Broadway-Touch aufweisen, gewinnt er neue Seiten ab. Auch am Nordpol gibt es den Blues...und jamaikanisches Flair, wie beim  „I Shot The Sheriff“-izierten „Silent Night“ im  ungemein groovenden Reggae -Gewand.

Allein die Reinterpretation von "Jingle Bells", die dem dieses Jahr verstorbenen Star-DJ Avicii gewidmet ist und – ja, ihr lest richtig –  EDM mit ein paar Blues Licks im Background kombiniert, wirft Fragen auf. Der Track wirkt wie ein Fremdkörper und passt nicht wirklich zum Rest des Albums.  Abgesehen davon merkt man jedoch durchwegs, dass Clapton offenbar großer Weihnachstfan ist, das Cover hat er selbst gestaltet und mit dem Lied  „For Love On Christmas Day“ hat er auch einen neuen, originalen X-Mas-Song komponiert, der an die Spät-Achtziger/Neunziger-Phase erinnert. 
Credit Bild: © Universal Music
Mit dieser Slowhand-Version eines „seasonal“-Albums reiht sich Clapton in eine große Tradition ein, man denke an die Weihnachtsaufnahmen von Elvis, Johnny Cash oder das Duett seines Landsmannes David Bowie mit Bing Crosby. So wird diese Platte nicht zu einem „unter ferner liefen“-Eintrag sondern zu einem der interessantesten Alben des Jahres: ein Instant Holiday-Klassiker, dem man künftig jedes Jahr auflegen kann - und eine schöne Ergänzung in der Diskographie eines Künstlers, der in seiner Karriere nie still stand sondern immer wieder neue, unerwartete Wege beschritt.

Für Sammler interessant: derzeit sind  zwei unterschiedliche, vom Cover her optisch jedoch nicht zu unterscheidende  Versionen von "Happy X-Mas" erhältlich. Eine bereits im Oktober veröffentlichte Variante mit insgesamt 14 Tracks sowie eine heute erschienene Deluxe Version, die das Album um zwei zusätzliche Tracks erweitert - und die man als EC-Fan absolut nicht missen möchte.

Richtig Weihnachtsstimmung kommt nicht nur mit diesem Album sondern auch mit dem entzückenden Musikvideo zu "White Christmas" auf. Ein Clip, mit dessen Story sich alle Musiker sicherlich sofort identifizierenen können, geht es doch um den sehnlichsten Wunsch eines Jungen ( ev. der junge Clapton ?) eine Blues-Gitarre unterm Weihnachtsbaum vorzufinden:

Donnerstag, 6. Dezember 2018

GREG KOCH - BRAVE NEW BLUES GUITAR

Credit Bild: © Hal Leonard
Im Mainstream mag er kein allseits bekannter „Household Name“ sein, in der Gitarrenszene ist der amerikanische Saitenvirtuose Greg Koch jedoch eine richtige Fixgröße, die seit Jahren sowohl mit seinem unorthodoxen Spielstil als auch seinem ganz eigenen, speziellen Humor begeistert: so schafft er es normale Gear Demos auf Youtube richtiggehend mitreißend zu gestalten oder stimmt schon mal zur Weihnachtszeit ein witziges Lied über seinen Wunsch nach einer „Les Paul From The Custom Shop“ an.

Diese Tugenden prägen auch sein neuestes Lehrbuch „Brave New Blues Guitar“. In diesem widmet er sich ganz jenem Genre, das eines der wesentlichen Fundamente seines Spiels darstellt: dem Blues. Trotz des Titels, der an futurische Sounds und modernistischen Rock mit blauer Note denken lässt, geht es hier aber vor allem um die Vermittlung von Konzepten zu den großen klassischen Heroes, wie bspw. den Three Kings, den britischen Idolen (Eric Clapton, Jimmy Page, Jeff Beck), US-Legends wie Jimi Hendrix, den Texas Bluesern Johnny Winter, Stevie Ray Vaughan und  Billy Gibbons oder Slide-Virtuosen wie Duane Allman und Derek Trucks.

Auf 88 Seiten vermittelt Koch  „Classic Styles Techniques & Licks, reimagined with a  Modern Feel“ und zeigt richtig gut klingende Licks, die sich nah an historischen Aufnahmen der Legenden bewegen – so lernt man etwa jene Triplet-Licks die Mr. Slowhands Spiel zu Cream-Zeiten prägten genauso wie riesige Bendings, wie sie Page etwa bei einem historischen Royal Albert Hall-Gig einsetzte.
Diese anspruchsvollen Licks kann man sowohl durch die präzise notierte Tabulatur lernen als auch – da es sich hier um ein sog. Hal Leonard Videobook handelt – durch sehr anschauliche, ausführliche Videos. Neben dem  Softcover-Buch erhält man hier einen speziellen Code mit dem man sich bei einer Site des Verlags einlogged und die dazugehörigen Instruction-Videos abrufen kann. Das funktioniert in der Praxis völlig problemlos und da man den Content nicht nur streamen sondern auch downloaden kann, vermisst der Leser die früher bei solchen Releases beigefügten CDs eigentlich gar nicht.

Aber Achtung: Dieses Buch richtet sich nicht an den Anfänger in Sache Gitarren. Vielmehr sind die Adressaten weit fortgeschrittene bis professionelle Gitarristen, die über das entsprechende musiktheoretische Wissen und eine ausgereifte Spieltechnik verfügen. Ein Rookie an den sechs Saiten wird etwa mit den anspruchsvollen Bendings die Koch hier demonstriert, ziemlich überfordert sein.
Alle anderen erhalten mit diesem Buch aber eine praxsinahe und vor allem musikalisch interessante Lesson, bei der die Musikalität stets im Mittelpunkt steht und es nie um fade Fingerübungen geht: Ein inspirierendes Buch.

Dienstag, 4. Dezember 2018

STAX ´68: A MEMPHIS STORY: Bürgerrechte und Sweet (Soul) Music

Credit Bild: © Universal Music 
In ihrer Rolle als Spiegelbild soziokultureller Rahmenbedingungen sowie Pulsmesser gesellschaftlicher Veränderungen war Musik wahrscheinlich nie wieder so stark wie in den Sechzigern. Folglich schlugen sich gerade die Umwälzungen des Revolutionsjahres 1968 in den Songs politisch gesinnter Musiker nieder – nicht nur bei den üblichen Verdächtigen der Singer-Songwriter sondern wie im Falle von Stax Records mitunter beim Output eines ganzen Labels.

Das in Memphis, Tennessee beheimatete Unternehmen zählte zu den führenden Black Music Labels, sein unverfälschter Sound stand im Kontrast zum ungleich glatteren Motown und sorgte für einige der ganz großen Pop-Momente der Sechziger. Doch 1968 befand sich diese Hitschmiede aus den Südstaaten an einem existenzbedrohenden Scheideweg: Während „vor der Tür“ der utopische Hippietraum sowie die Bürgerrechtsbewegung einen Höhepunkt erreichten, fand sich Stax Records in einer schweren Krise wieder. Ihr größter Star Otis Redding war bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen  und Vertragsprobleme mit dem Showbiz-Giganten Atlantic Records hatten dafür gesorgt, dass Stax die Macht über einen Gutteil ihres Backkatalogs abhanden gekommen war. Hinzu kamen tragische Ereignisse wie die Ermordung Martin Luther Kings in Memphis oder das  Attentat auf Hoffnungsträger Robert Kennedy, die ´68 nicht nur zu einem Jahr des Aufbruchs sondern auch zu einem Krisenjahr werden ließen.
Ein gerade  neu erschienenes, luxuriöses Boxset zeichnet nun das ereignisreiche Jahr in der Stax-Historie nach.
Credit Bild: © Universal Music 
Bei dieser Compilation hat man es nicht mit einem herkömmlichen Best Of zu tun, vielmehr konzentriert sich diese Box ausschließlich auf den Zeitraum eines Jahres und vereint jede einzelne Single die damals von Januar bis Dezember herauskam. Natürlich sind da nicht nur die absoluten Klassiker dabei: Hier findet man auch weniger bekannte bis beinahe vergessene Gems neben den großen Namen wie Otis Redding, Isaac Hayes, Staples Singers, Albert King, Eddie Floyd, Johnnie Taylor oder Delaney & Bonnie…..
Trotz des enormen Umfangs gibt es eigentlich keine richtigen „Filler“, die Hitfabrik in Memphis arbeitete seinerzeit wirklich auf Hochtouren. Zudem spiegelt dieses  68er-Set auch sehr gut die Vielschichtigkeit von Stax Records wider: Vom tremolo-getränktem Soul zu erhabenem Gospel hin zu stechendem Blues war hier alles dabei.
Pops und Mavis Staples
Credit Bild: © Don Nix Collection, Stax Museum of American Soul Music
Isaac Hayes
Credit Bild: © Don Nix Collection, Stax Museum of American Soul Music
Ein solches Release richtet sich natürlich in erster Linie an die Collectors und dementsprechend ist auch die Aufmachung, die überaus gelungen ist.
Anstatt nur ein dickes Booklet beizufügen ist gleich das ganze Set in wertiger Hardcover-Buchform gehalten. Die insgesamt 134 Tracks (!) werden auf 5 Discs aufgeteilt, die jeweils in einem dicken, im Buch integrierten Kartonslipcases stecken.
„Stax ´68“ ist somit ein  Sammlerstück, das in gekonnter Weise einen Teil der Geschichte dieses untrennbar mit Memphis verbundenen Labels nacherzählt – und nicht nur für Fans zeitloser Musik sondern auch für historisch Interessierte faszinierend ist.

Freitag, 30. November 2018

THE ROLLING STONES – BEGGARS BANQUET 50th Anniversary Edition

Credit Bild: © Universal Music
Als die Rolling Stones im Dezember 1968 ihr Album  „Beggars Banquet“ veröffentlichten, markierte diese LP einen der wesentlichsten Wendepunkte in der Karriere von „Englands Newest Hitmakers“: Mit dem Festmahl der Bettler spielten sie nicht nur ihre für viele Fans beste Platte ein sondern nahmen auch den ersten Eintrag in einer unglaublichen Reihe unumstößlicher, in rascher Abfolge releaseder Klassiker auf. Das geniale Live-Dokument "Get Yer Ya Ya´s Out" sowie die ebenso großartigen Studioalben  "Let It Bleed", "Sticky Fingers", "Exile On Main Street" und "Goats Head Soup" sollten folgen.

Deutlich bemerkbar machte sich auf "Beggars..." vor allem eine Verschiebung im band-internen Machtgefüge: so vollzog sich hier der Shift weg von Brian Jones , der sich zunehmend von der Gruppe entfremdete und nur mehr auf ein paar Songs zu hören ist, hin zum nun dominierenden Songwriter Duo Jagger-Richards. Diese verfolgten eine andere künstlerische Ausrichtung als Jones und so wurde ´68 jenes Jahr, in dem die Stones endgültig ihren eigenen Sound fanden. Die Beatles-esken Psychedelik-Experimente wie noch auf „Their Satanic Majesties Request“ gehörten fortan der Vergangenheit an, auf diesem Meisterwerk der Ausschweifung hörte man eine neue ungleich düsterere Version der einst härtesten Beat-Band der Welt:  Nach wie vor im tiefsten Delta verwurzelt war die Amalgamation von Akustikgitarren und elektrischen Instrumenten, hinzu kam ein stärker werdender Country-Einfluss, der sich auf den kommenden Alben noch deutlicher manifestieren sollte.

Die Songs auf "Beggars" transzendieren das Hitsingle-Format und gleichen beinahe einer Kurzgeschichtensammlung. Short Stories, die bei der Vertonung eines Bacchanals des Verdorbenen geschrieben wurden. Sang Jagger zuvor noch - eh schon unverblümt, für die damals noch weitaus zugeknöpftere Zeit - wie er mit einem Mädl die Nacht verbringen wollte, lud er nun gleich ein Groupie zu sich "upstairs" wie im rasselnden „Stray Cat Blues“. Mit dem zeitgeistigen „Street Fighting Man“ lieferte man quasi den offiziellen Soundtrack zum Straßenkampf im Revoutionsjahr, ungeachtet dessen, dass die Stones selber stets weitaus apolitischer als etwa Dylan oder Lennon waren. 

Passend zum dreckigen Sound sind auch die dunklen, oft resignierten Lyrics:
Pure Hoffnungslosigkeit zum Wehklang der Slidegitarre („No Expectations“) trifft auf
Südstataen-Ausschweifung im expliziten „Parachute Woman“ und ein Hillbilly-Panoptikum bei der Southern Gothic-Erzählung „Dear Doctor“ über ein bevorstehendes unglückseliges „shotgun wedding“, das nur mit reichlich Hochprozentigem zu ertragen ist. Das Säkulare verlassen die Stones mit der Gospel-Ode auf den kleinen Mann bei "Salt Of The Earth". Einen Kontrapunkt dazu setzt der Teufels-Samba beim von Mihail Bulgakov inspirierten "Sympathy For The Devil“ - ein absoluter Jahrhundertsong."Beggars" ist das Paradebeispiel für eine Platte bei der es "all killer, no filler" gibt.

Nun 5 Jahrzehnte nach dem ursprünglichen Release wird diese Meisterwerk zum großen Jubiläum reissued. Die Neuauflage kommt im Schuber, wodurch sowohl das ikonische  "Toiletten"-Cover als auch das 1968 veröffentlichte Artwork bei der Neuauflage reproduziert werden. Das Bild mit den Kloschmieragen  - wo etwa der Traum Bob Dylans  runtergespült wurde - wollte die Plattenfirma in den Sixties nicht, stattdessen kam "Beggars Banquet" in schlichter, beiger Hülle in die Läden: darauf war nur zu lesen "Rolling Stones  Beggars Banquet  R.S.V.P. ;  also „répondez s’il vous plaît“ als höfliche Bitte um Rückantwort an den Gastgeber für das Bankett der Bettler:
Credit Coverbild: © Universal Music
Abgesehen davon merkt man jedoch bei dieser neu erschienenen 2018er Version nicht viel von "Anniversary". Denn auf eine an die Vinyl angelehnte CD-Reissue wie beim jüngst veröffentlichten White Album-Neuauflage oder Sticky Fingers wurde hier verzichtet. Auch ein dickes Booklet oder Bonus Tracks sucht man vergeblich: Obwohl gerade ungesehene Fotos, Demos oder anderes unveröffentlichtes Material von den Sessions in den Olympic Studios  ungemein interessant gewesen wärenDas alles ändert zwar nichts daran, dass dieses Album nach wie vor eines der besten aller Zeiten ist, doch hat der Stones-Fan schon aufwendigere Reissues gesehen.

Mittwoch, 28. November 2018

BREAKING STONES – 1963-1965: Eine Band auf der Schwelle zum Weltruhm

Credit Coverbild: ©Terry O´Neill Emons Verlag

A portrait of the artists as young men….

Der Status Quo der Rolling Stones als dienstälteste Rockband des Planeten ist ja bekanntlich jener von Legenden, deren Antlitze man, so es einen Mount Rushmore des Rock gäbe, in den - ähem - Stein meißeln müsste. Doch dies war nicht immer so: Anfang bzw. Mitte der Sechziger standen die Steine noch ganz am Anfang; Richards war noch nicht das „human riff“ und Jagger noch nicht die Ikone eines Frontmans. Ihr kometenhafter Aufstieg war zwar aufgrund ihrer Hitsongs und dem persönlichen Charisma der Musiker von Beginn beinahe vorprogrammiert, doch noch befanden sich diese jungen Briten erst an der Schwelle zum Weltruhm: Sie waren noch eine hungrige Bluescoverband, die zunehmend eigene Songs in ihr Repertoire brachte und die Antithese zu den Beatles darstellten.
Englands Newest Hitmakers waren die härteste Beatband der Welt und somit natürlich für die Altvorderen noch viel schlimmer als die Jungs aus Liverpool.
Jene Phase – die Jahre 1963-1965 – die mitunter besonders stark von Brian Jones mitgeprägt wurde, steht auch im Zentrum des Bildbandes „Breaking Stones“.

Die Bilder in „Breaking Stones“ stammen von Terry O´Neill und Gered Mankowitz, beides Größen der Rock N´ Roll-Photography, die damals selbst Jugendliche waren und sich somit ganz nahm Puls der Zeit der britischen  Blues-und Rockszene befanden. Diese nicht-existente Distanz zum Swinging´ London merkt man den Aufnahmen auch an, die selbst bei den „staged photos“ einen leichten candid touch aufweisen. Ihre eindringlichen Aufnahmen wirken bisweilen gar intim, man sieht die Steine noch ohne die Superstar-Barriere.

Klar, Stones-Bücher gibt es schon sehr viele, der USP dieses schön gestalteten Bildbandes liegt jedoch darin, dass er sich im Gegensatz zu anderen Publikationen zum Thema nicht auf die gesamte bisherige Karriere sondern rein auf die die ganz frühe Periode konzentriert.
Ähnlich wie Alfred Wertheimers legendär gewordene Aufnahmen des jungen Elvis zeigen O´Neills und Mankowitz Bilder einen besonderen Moment im Leben von (werdenden) Superstars: In den Fotos festgehalten wird hier nämlich genau jene Zeit bevor aus der Beatband „The Rolling Stones“ die ikonenhaften „Stones“ wurden.

Bibliographische Angaben:
Terry O'Neill, Gered Mankowitz: Breaking Stones 1963 – 1965 - Eine Band auf der Schwelle zum Weltruhm
Fotografien von Terry O'Neill & Gered Mankowitz, Mit einer Einleitung von Robin Morgan
Übersetzung aus dem Englischen von Martin Schüller, ca. 200 Abbildungen, Gebunden, 23,7 x 30 cm,240 Seiten,
ISBN 978-3-95451-903-3 Euro 39,95 [D] , 41,10 [AT]