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Donnerstag, 28. April 2016

THE ROLLING STONES LIVE FROM THE VAULT LIVE IN LEEDS 1982 & LIVE AT THE TOKYO DOME

Nach dem Release des 1975er L.A. Forum-Gigs, dem 81er Hampton Coliseum-Konzert und  dem Roundhouse-Gig aus der „Sticky Fingers“-Periode  öffnen die Stones wieder ihre Archive - diesmal geht die „From The Vault“-Reise zurück in die Jahre 1982 und 1990.
Der  Zuseher begibt sich mit diesen Konzertfilmen zurück in eine interessante Phase in der Karriere der Stones: Die Mick Taylor-Periode, die ein legendäres Album nach dem anderen hervorgebracht hatte, lag hinter ihnen. Ron Wood war als Bandmitglied etabliert, die Transition zum Stadion-Spektakel-Gig abgeschlossen. Und die Stones hatten bereits den Status lebender Legenden inne, die einerseits zwar neue Alben veröffentlichten, andererseits allerdings auch Verwalter eines umfangreichen Klassiker-Backkatalogs waren.


LIVE IN LEEDS 1982  Roundhay Park
 

Credit Coverbild: Eagle Rock Entertainment/Eagle Vision/EDEL
´82 kehrten die Stones nachdem sie im Vorjahr auf großer US-Tournee gewesen waren(dokumentiert auf dem „Live From The Vault“-Titel aus dem Hampton Coliseum) auf die Bühnen ihres Heimatkontinents zurück. Diese Europatour brachte sie auch nach Leeds, wo im Roundhay Park eine riesige Outdoor Show stieg. Ein Großteil der Setlist war zu diesem Zeitpunkt bereits etabliert, die Stones hatten damals einfach schon derart viele Hits aufgenommen, dass es zahlreiche „Must Play“-Songs gab - siehe etwa „Honky Tonk Women“,  „Brown Sugar“, „ Satisfaction“ oder „You Can´t Always Get What You Want“.

Die Show beginnt auch mit einem Throwback in die Frühphase: „Under My Thumb“ eröffnet den Leeds-Gig, ein Song, der bei heutigen Stones-Konzerten selten zu finden ist. Generell ist jedoch zu konstatieren, dass beim Leeds-Gig damals neues Material und Klassiker relativ gleich berechtigt gegenüber stehen; das „Tattoo You“-Album war noch jung, dementsprechend finden sich einige Songs dieser Platte - wie „Start Me Up“ oder „Black Limousine“ - in der Setlist wieder. Es sind auch jene Songs, die eine klangliche Reminiszenz an frühere Stones-Zeiten darstellen, die sich im Vergleich zu anderen Eighties-Songs (z.B. „Hang Fire“, „Let Me Go“) am besten neben den Klassikern in die Show einfügen.

Andere Raritäten , die sonst bzw. heute nicht mehr gespielt werden, gibt es nicht wirklich- abgesehen etwa vom genialen Covers „Twenty Flight Rock“, eine der besten Versionen dieses oft gecoverten Eddie Cochran Rockabilly-Klassikers. Vergleicht man nun diesen Gig mit dem ´81er Hampton-Konzert so unterscheidet sich die Setlist von „Live Leeds“  auch nur marginal - „Live In Leeds“ zeigt einen typischen early Eighties-Stones Gig, der trotz fehlender Überraschungen sehr sehenswert ist. Was auch für die absolut extravaganten Outfit Jaggers  gilt.
 

LIVE AT THE TOKYO DOME   Tokyo 1990
 
Credit Coverbild: Eagle Rock Entertainment/Eagle Vision/EDEL
Fast Forward zum Beginn einer neuen Dekade und Zeitsprung ins Jahr 1990 zur „Steel Wheels“-Tour, die noch größere Dimensionen als in Leeds annahm. Ein Gig bzw. eine Tour, die sich etwa vom Aufbau der Show wegweisend für Stones-Konzerte der kommende Dekade(n) erweisen sollte.
Letztlich bietet sich bei diesem Gastspiel im Land der aufgehenden Sonne ein sehr ähnliches Bild wie in Leeds: Die Greatest Hits stehen damals aktuellen Songs gegenüber, wobei sich  die damals neuen Lieder sich weniger gut in Gesamtbild mit den alten Klassikern einfügen.
Selten Gespieltes gibt es auch hier nicht - dafür macht der Gig wie in Leeds großen Spaß -  Zum einen werden die Stones-Classics selbst nach dem zigten Mal anhören nicht langweilig. Zum anderen verdeutlichen die „Vault“-Konzerte  auch, dass nur wenige Gruppen es so wie die Stones schaffen selbst Bühnen gigantischen Ausmaßes vollkommen dominieren können - man schaue sich nur Jagger an, der hier beinahe einen Marathon auf der Bühne läuft.


Zur technischen Seite der beiden Releases: Qualitätsmäßig wird aus diesen immerhin jahrzehntealten Aufnahmen auf den SD Blu Rays das Maximum herausgeholt. Beide Releases liefern sehr gute Bild-und Tonqualität. Für Stones-Historiker sind  diese „Vault“-Titel auch deshalb interessant, da durch sie (wenn man die gesamten bisher erschienenen Teile in chronologischer Reihenfolge ansieht) spotlightartig die Entwicklung dieser legendären Band nachgezeichnet wird.

Mittwoch, 24. März 2021

TIME IS ON THEIR SIDE: Neuauflage der ROLLING STONES Band-Chronik

Credit Coverbild: © Taschen Verlag

Am 12. Juli des Jahres 1962 fand sich eine Gruppe junger britischer Musiker, die später zu Megastars aufsteigen sollten, zum damaligen Zeitpunkt jedoch noch ganz am Anfang ihrer Karriere standen, in der Londoner Oxford Street ein, um ihren ersten Auftritt hinzulegen. Die Venue: der legendäre Marquee Club, die Band: The Rolling Stones. Dass dies der Startschuss für eine unglaubliche Karriere werden sollte, konnte damals noch keiner wissen. Was folgte war eine Reihe  beeindruckender Mark-Steine einer mittlerweile bald 6 Jahrzehnte andauernden Erfolgsgeschichte: zur Ikone gewordene Musiker,  die dienstälteste Rock N´ Roll-Band der Welt, Klassikeralben, Riffs für die Ewigkeit, ein in die Popkultur eingegangenes Logo…

Passend zum 58. Jubiläum der Stones ist im Taschen Verlag ein Bildband erschienen, der diese lange Karriere eindrucksvoll Revue passieren lässt. Fans wissen: dieses von Reuel Golden herausgegebene und in Zusammenarbeit mit den Stones entstandene Buch ist nicht gänzlich neu, die Originalausgabe erschien  2015. Schon damals handelte es sich nicht um die erste offizielle Stones-Rückschau in Buchform – es war jedoch mit Sicherheit die Umfangreichste. Nicht nur aufgrund der schieren Mammut-Ausmaße war dieser Band für den stabilen coffee table das Nonplusultra in Sachen Stones – sondern auch aufgrund seiner luxuriösen Aufmachung mit einem Einband in lila Reptil-Prägung. Die neue, aktualisierte Version verzichtet darauf und ist insgesamt etwas zurückgenommener, um nicht zu sagen „stripped“.

Am Inhalt selbst hat sich jedoch nicht viel geändert. Noch immer ist dieser Band eine extensive Retrospektive, die wie eine Greatest Hits-Compilation eine Auswahl der besten Aufnahmen von Jagger, Richards, Jones, Watts, Taylor und Wood versammelt. Die Stones waren ja immer auch Kunstobjekt, von der Fotogenität der Band selbst über das ikonische Lippen-und Zungen-Logo hin zu Plattencovern wie dem kultigen „Sticky Fingers“ von 1971. Die Namen hinter der Kamera lesen sich dann auch wie ein Who Is Who der internationalen Fotografen-Szene: Bailey, Newton, Corbijn, Ritts, Richardson oder Leibovitz.

Credit Bild: © Taschen Verlag

Credit Bild: © Taschen Verlag

Credit Bild: © Taschen Verlag
Der Hauptteil des Buches ist in drei, jeweils nach Song-Klassikern benannte Akte unterteilt, welche die ganze Schaffensperiode der Stones vom Beginn bis in die Gegenwart nachzeichnen. Dadurch entsteht quasi eine Biographie in Bildern. Die chronologische Reise durch die Jahrzehnte zeigt zudem im Zeitraffer die „changing times“, gesellschaftliche Umbrüche (etwa das gewaltsame Ende des Flower Power-Dreams ua. symbolisiert durch die Altamont-Tragödie) und die Veränderung der Band.

Akt 1 „Time Is On My Side“ beleuchtet die Jahre 1962 - 1969. Es ist die Brian Jones-Zeit, die nicht nur auf dem Cover hervorgehoben wird, sondern der im Band selbst auch besonders viel Platz eingeräumt wird. Akt 2 „Wild Horses“ setzt nach dem tragischen Tode Jones´ ein und beleuchtet die Phase von 1969 - 1978. Dieser Teil fällt ein bisschen kürzer als das vorherige Kapitel aus und auch Ausnahmegitarrist Mick Taylor kommt verhältnismäßig selten vor.  Akt 3 „Mixed Emotions“ fokussiert schließlich auf die lange Zeitspanne von 1978  bis in die Jetztzeit. Einen Einblick in die Sessions zu „Blue & Lonesome“, dem genialen 26. Studioalbum aus dem Jahre 2016, erhält man jedoch leider nicht.

Insgesamt ist diese Neuauflage weniger Kunstobjekt als vielmehr „normaler“ Bildband. Die Dichte an großartigen Aufnahmen macht das Buch jedoch trotzdem zu einer essenziellen Ergänzung der eigenen Stones-Bibliothek - zumal die Erstauflage, abgesehen von einigen Art Editions, schon lange vergriffen ist.  

The Rolling Stones. Aktualisierte Ausgabe 
Reuel Golden
Hardcover mit Ausklappseiten, 30 x 30 cm, 3,78 kg, 466 Seiten

Dienstag, 28. Mai 2019

Ethan A. Russels LET T BLEED – Die Rolling Stones, Altamont und das Ende der Sixties

Credit Coverbild:© edel books  Ethan A. Russell
Es war das dunkle Gegenstück zum personifizierten Hippietraum Woodstock: Das Altamont Festival, an dessen Höhepunkt die Rolling Stones spielten und das im Chaos und mit einem ermordeten Menschen endete: beim eigentlich friedlich geplanten Konzert-Event wurde fatalerweise die Bikergang Hells Angels als Security angestellt, die beim Auftritt der Steine den jungen Konzertzuschauer Meredith Hunter erstach. Ein Ereignis, das zusammen mit den durch Anhänger von Charles Mansons "Family" verübten Tate-LaBianca-Morden zum Sinnbild für das Ende der optimistischen Sixtes wurde.
Der Bildband „LET T BLEED – Die Rolling Stones, Altamont und das Ende der Sixties“ von Fotograf Ethan Russel ist die Chronik der Ereignisse vom nordkalifornischen Altamont Speedway vom 6. Dezember 1969 – und  mehr. Denn es geht hier  wie  Untertitel bereits verrät nicht "nur" um jenes Konzert der Stones sondern generell auch um die die 60er und wie die Dekade des Wassermanns ins Dunkelheit endete.

Hauptdarsteller sind jedoch die Stones in ihrer absoluten Hoch-Phase. Im Jahr zuvor (1968) war „Beggars Banquet“ erschienen, eines der Hauptwerke der Band, das nicht nur endgültig das Songwriter Duo Jagger-Richards als treibende Kraft etablierte sondern auch den Stones-Sound zementierte - aus der Beatband "The Rolling Stones" waren „The Stones“ geworden. Es war jene Zeit als ein Klassiker-Album nach dem anderen herauskam und die Stones schlicht "untouchable" waren. 
Dass man in Russels eindringlichen Aufnahmen die Band im Zenit sieht, ist einer der Punkte, die diesen Bildband so faszinierend machen. Russel zählt zu den ganz großen Rock N´Roll Photographers, jener Zunft die ohne große Hilfsmittel und moderne Spielereien heute als klassisch geltende Aufnahmen der Legenden festhielten und den Mythos und die Ikonographie des Rock maßgeblich mitprägten. Die hier gezeigten Aufnahmen zählen dann auch zu den großen Momenten dieses Subgenres der Fotokunst.

Dieses Buch ist aber nicht nur wegen dieser Bilder so spannend, sondern auch weil es sich eben nicht damit begnügt "nur" ein hochwertiger coffee table-Schmöker zu sein. Unzählige Augenzeugenberichte und eine ausführliche Textchronik der Ereignisse des "End of the Sixties"  machen"Let It Bleed" zu einem der besten und mitreissendsten Bände über diese Zeit.

Samstag, 17. Dezember 2016

THE ROLLING STONES - BLUE & LONESOME


Credit Coverbild: © Universal Music
Mit „Blue & Lonesome“ veröffentlichen die Stones  genau jene Platte, auf die echte Fans schon seit Jahrzehnten warten: ein reines Blues-Album vom Anfang bis zum Schluss. Die Faszination für die Protagonisten des Genres hat Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ronnie Wood nie losgelassen. Diese Platte ist nun die Verneigung von Musikern, die längst ihrerseits Legendenstatus erreicht haben, vor den Idolen ihrer Jugend.mDer erste Vorabtrack der Platte, „Just Your Fool“, ließ heuer schon die Erwartungen hochschnellen und das Endprodukt „Blue & Lonesome“ - benannt nach dem gleichnamigen Little Walter-Klassiker - hält nun alle Versprechungen ein.
Aufgenommen in nur drei Sessions vor genau einem Jahr im Dezember 2015 besteht das Album aus 12 Covern von Blues-Klassikern die von Legenden wie Harmonika-Pionier Little Walter, Howlin´ Wolf, Otis Rush, Johnny Taylor , Eddie Taylor, Lightnin´ Slim, Jimmy Reed oder Magic Sam eingespielt wurden ( interessanterweise findet sich in der Tracklist aber kein Muddy Waters-Song...).  Die Spontanität mit der bei den puristischen Sessions ohne Overdubs operiert wurde, merkt man der Platte total an - vom Opener an gibt es hier einen unglaublichen Drive, wie er typisch für die klassischen Blues Aufnahmen der 50er war.

Überhaupt ist „Blue & Lonesome“ mit beinahe an klassische Musik gemahnender Konsequenz vintage-korrekt und authentisch. Die Songs sind - wie einst bei Chess Records- kurz und knapp gehalten, hier wird nicht lange gejammt oder soliert. Die Arrangements sind in ihrer instrumentellen Dichte meist sehr nah an den Originalen - das vorherrschende Prinzip von  „Blue & Lonesome“ ist nicht die Re-Interpretation oder experimentelle Umdeutung des historischen Ausgangsmaterials wie beim Sixties British Blues Rock-Boom sondern die höchstmögliche Original- und Werktreue - ohne dabei allerdings den typischen Stones-Touch vermissen zu lassen.
Jagger, Richards, Watts und Wood haben ihren ganz eigenen Groove - nur ganz wenige vermögen den Blues so zu spielen wie die Stones. Es sind genau diese Eigenheiten, die die Band so unverwechselbar machen - ob es die „Jaggerisms“ bei den Vocals sind, die von ganz ganz unten raufgezogenen Licks Richards oder Woods oder  Watts, der im einen Moment minimalistisch den Takt gibt nur um im nächsten Moment mit Fills die Fieberkurve raufzutreiben.
Der Shuffle bleibt hier nicht lediglich eine Rhythmus-Art - er lebt richtiggehend, atmet geradezu...es ist ein vor und zurück, ein Push & Shove, das in seiner Laszivität, einst Moralapostel auf die Barrikaden brachte. Während eines Zwölf-Takte Schemas entfacht die Band so eine mitreißende Dynamik - mal  nehmen sie sich zurück, werden abrupt etwas langsamer und leiser nur um im nächsten Moment  dann plötzlich brüllend laut vorzupreschen. Die Mikrofone ächzen förmlich unter diesen Lautstärkeattacken, wenn der Shuffle plötzlich von einem köcheln zu einem Orkan anschwillt. Die „Tape Saturation“, also  die warme, vintage Röhren-Sättigung - Merkmal vieler klassischer Aufnahmen der Musikgeschichte- ist hier äußerst präsent.

Credit Coverbild: © Universal Music
Bei zwei Tracks ist auch ein besonderer Gast mit dabei: Mr. Slowhand Eric Clapton - Es gibt die Geschichte, dass EC einst den Job, den heute Ronnie Wood übernimmt, hätte haben können - Mit seinen liquiden Slide-Gitarren-Licks bei „Everybody Knows About My Good Thing“ und eruptiven Soloeinlagen, wie aus einem Chess Records-Azetat gerissen bei „I Can´t Quit You Baby“, zeigt die Gitarrenikone aus Surrey erneut, dass er und die Steine ein perfektes Team abgeben.

Dass Frontman Jagger ein grandioser, tief in der Tradition der Pioniere des Mississippi Saxophone stehender Harp Spieler ist war schon vor „Blue & Lonesome“ bekannt - hier bekommt er allerdings nicht nur als Singer das Spotlight sondern in gesteigertem Maße auch als Solist an der Harmonika - in den zahlreiche instrumentalen Solospots bringt er die Kammern seines Harp zum Glühen. Überhaupt steht auf dieser Platte gerade Jagger besonders im Fokus - als Zuhörer entdeckt man  gar unbekannten Nuancen seiner Stimme; der 73-jährige Jagger klingt hier stellenweise wie der junge Buddy Guy.
Im Laufe ihrer Karriere waren die Stones nicht immer reine Genre-Puristen, sondern griffen öfters auch erfolgreich zeitgenössische Trends (siehe etwa Disco in den 70ern)  und prägten sie in weiterer Folge mit - nicht immer entstanden dabei ihre stärksten Songs.

Bei „Blue & Lonesome“ gehen die Steine allerdings einen gänzlich anderen Weg - „Blue & Lonesome“ ist eine erfrischend ungeschliffene und im besten Sinne so gar nicht zeitgemäße Platte, mit der Mainstream-Stones-Fans, die lediglich die Nummern diverser Greatest Hits Collections kennen, unter Umständen wenig anfangen werden. Hardcore-Fans wissen jedoch -  im Herzen waren sie immer schon eine Chicago Blues Band, „Blue & Lonesome“ subsumiert so letztlich die gesamte bisherige Karriere dieser Band.

Was „From The Cradle“ 1994 für Eric Clapton war, ist „Blue & Lonesome“ heute für die Stones -  von diesen Aufnahmen führt ein direkter Link zu den Anfängen der dienstältesten Rock N´Roll-Band - es ist ein Sample ihrer DNA. Zum jetzigen Zeitpunkt sind die Stones älter, als es die meisten Legenden, denen hier die Reverenz erwiesen wird, zu ihrem Todeszeitpunkt waren - doch noch immer sprühen die Steine vor geradezu jugendlicher Energie, wenn sie diese Songs spielen können. Ein mitreißendes „old school“-Album, das nicht nur zu ganz großen Blues-Scheiben der letzten Jahre zählt sondern insgesamt betrachtet die beste Stones-Platte seit 1974 darstellt.

Donnerstag, 24. Mai 2018

Rolling Stones: Alle Songs - Die Geschichten hinter den Tracks


Credit  Coverbild: © Delius Klasing Verlag
Mit der erst kürzlich gestarteten Fortsetzung ihrer letztjährigen „No Filter“-Shows sind die Rolling Stones nun also wieder on the road auf ihrer ganz persönlichen „never ending“-Tour.
Und obwohl der gelernte Fan längst weiß, dass weite Teile der Setlist mehr oder minder seit Jahrzehnten in Stein gemeißelt sind, ist es immer wieder spannend, ob und welche Raritäten für die Konzertereignisse ausgegraben werden.
Immerhin: Auswahl genug haben sie ja, können doch nur wenige Bands auf einen ähnlich extensiven Backkatalog zurückgreifen. Gerade in der Zeit von der Bandgründung bis Mitte der Siebziger reihte sich ein Klassiker an den nächsten. Songs, die fix im popkulturellen Bewusstsein verankert sind. Musikalische Zeugen des damaligen Zeitgeistes, die gleichzeitig bemerkenswert zeitlos erscheinen und die nicht nur musikalisch faszinierend sind, sondern auch oftmals spannende Entstehungsgeschichte aufweisen.Und genau um diese Backstories hinter den Liedern geht es auch im neuen Stones-Nachschlagewerk „Alle Songs“ (erschienen im Delius Klasing Verlag) des französischen Autorenduos Philippe Margotin und Jean-Michel Guesdon.

Margotins und Guesdons Buch ist ein Werk von geradezu lexikalen Ausmaßen. Wer mit der Diskographie der Stones vertraut ist, wird sich über den Mammutumfang des Bandes nicht wundern. Wie der Titel bereits verrät, wird hier jeder einzelne Song, jedes Album und jede Single der rollenden Steine unter die Lupe genommen.
Doch bei der Schilderung der Hintergrundgeschichten der Aufnahmen bleibt es nicht: Man kann nachschlagen, wer an den jeweiligen Sessions beteiligt war, es gibt immer wieder Trivias und die wichtigsten Personen aus dem Stones-Universum - von Andrew Loog Oldham bis zu Anita Pallenberg – werden vorgestellt. Selbst das verwendete Equipment der Steine, wie zB. Mick Taylors SG oder Keiths „Micawber“ Tele,  kommt vor.
Zudem ist der über 750 -seitige Wälzer dermaßen reich bebildert, dass er beinahe als Bildband durchgehen könnte.

Natürlich kennen alte Stones-Ologen schon viele Infos und Facts, doch richtet sich der Band bei weitem nicht nur an neue, jüngere Fans, die in kompakter und gleichzeitiger umfangreicher Manier einen Guide zur dienstältesten Rockband des Planeten suchen.
Vielmehr hat man hier ein kompetent gemachtes Lexikon, das zudem ziemlich up to date ist – so gibt es auch ein Kapitel zum jüngsten Blues-Album „Blue & Lonesome“.
Dem Autoren-Duo gelang so das Kunststück, der nicht gerade wenig umfangreichen Stones-Bibliothek ein äußerst gut gemachtes Werk hinzuzufügen. Zumal das Buch letztlich nicht nur die  Diskographie der Legenden beleuchtet, sondern eine richtige Bandchronik ist, in der die bewegte, jahrzehntelange Historie der Stones kompakt nachlesbar wird.

Mittwoch, 28. November 2018

BREAKING STONES – 1963-1965: Eine Band auf der Schwelle zum Weltruhm

Credit Coverbild: ©Terry O´Neill Emons Verlag

A portrait of the artists as young men….

Der Status Quo der Rolling Stones als dienstälteste Rockband des Planeten ist ja bekanntlich jener von Legenden, deren Antlitze man, so es einen Mount Rushmore des Rock gäbe, in den - ähem - Stein meißeln müsste. Doch dies war nicht immer so: Anfang bzw. Mitte der Sechziger standen die Steine noch ganz am Anfang; Richards war noch nicht das „human riff“ und Jagger noch nicht die Ikone eines Frontmans. Ihr kometenhafter Aufstieg war zwar aufgrund ihrer Hitsongs und dem persönlichen Charisma der Musiker von Beginn beinahe vorprogrammiert, doch noch befanden sich diese jungen Briten erst an der Schwelle zum Weltruhm: Sie waren noch eine hungrige Bluescoverband, die zunehmend eigene Songs in ihr Repertoire brachte und die Antithese zu den Beatles darstellten.
Englands Newest Hitmakers waren die härteste Beatband der Welt und somit natürlich für die Altvorderen noch viel schlimmer als die Jungs aus Liverpool.
Jene Phase – die Jahre 1963-1965 – die mitunter besonders stark von Brian Jones mitgeprägt wurde, steht auch im Zentrum des Bildbandes „Breaking Stones“.

Die Bilder in „Breaking Stones“ stammen von Terry O´Neill und Gered Mankowitz, beides Größen der Rock N´ Roll-Photography, die damals selbst Jugendliche waren und sich somit ganz nahm Puls der Zeit der britischen  Blues-und Rockszene befanden. Diese nicht-existente Distanz zum Swinging´ London merkt man den Aufnahmen auch an, die selbst bei den „staged photos“ einen leichten candid touch aufweisen. Ihre eindringlichen Aufnahmen wirken bisweilen gar intim, man sieht die Steine noch ohne die Superstar-Barriere.

Klar, Stones-Bücher gibt es schon sehr viele, der USP dieses schön gestalteten Bildbandes liegt jedoch darin, dass er sich im Gegensatz zu anderen Publikationen zum Thema nicht auf die gesamte bisherige Karriere sondern rein auf die die ganz frühe Periode konzentriert.
Ähnlich wie Alfred Wertheimers legendär gewordene Aufnahmen des jungen Elvis zeigen O´Neills und Mankowitz Bilder einen besonderen Moment im Leben von (werdenden) Superstars: In den Fotos festgehalten wird hier nämlich genau jene Zeit bevor aus der Beatband „The Rolling Stones“ die ikonenhaften „Stones“ wurden.

Bibliographische Angaben:
Terry O'Neill, Gered Mankowitz: Breaking Stones 1963 – 1965 - Eine Band auf der Schwelle zum Weltruhm
Fotografien von Terry O'Neill & Gered Mankowitz, Mit einer Einleitung von Robin Morgan
Übersetzung aus dem Englischen von Martin Schüller, ca. 200 Abbildungen, Gebunden, 23,7 x 30 cm,240 Seiten,
ISBN 978-3-95451-903-3 Euro 39,95 [D] , 41,10 [AT]

Mittwoch, 20. Dezember 2017

THE ROLLING STONES - ON AIR

Credit Bild: © Universal Music
The Revolution will be broadcasted.

In den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden die Radiosendungen der öffentlich-rechtlichen BBC zu einem der wichtigsten Kanäle um die neue Beatmusik in die Wohnzimmer des britischen Empire zu bringen.
Radio Airplay bei der einflussreichen und reichweitenstarken Institution,  das war in Zeiten der alten Rundfunkmonopole und limitierten Kommunikationswege mit dem Publikum zudem eine der wesentlichsten Ingredienzien des Erfolgs von aufstrebenden, jungen Bands der Brit-Musikszene.
Kurz nachdem der erste Schock der stiff upper lip-Fraktion über die  Pilzköpfe aus Liverpool etwas abgeklungen war, schmetterten  - nachdem ihre ursprüngliche Bewerbung abgelehnt wurde - so plötzlich die „noch viel schlimmeren“ Rolling Stones aus den Lautsprechern - und ließen ob der Begeisterung, die sie beim jungen Publikum entfachten, wohl so manch konservatives Elternteil zum „mother´s little helper“ greifen.

 „The Rolling Stones - On Air“ ist  nun die Chronik jener Zeit und vereint - in der Deluxe Doppel CD-Version dieses Releases - 32 ursprünglich via BBC Radio ausgestrahlte Songs des vermeintlichen Sittenverfalls aus den Jahren 1963 - 1965.
Credit Bild: © Universal Music
Im letzten Dezember veröffentlichten die Steine mit „Blue & Lonesome“ ja ein Album, das sie zurück zu ihren Wurzeln als reine Blues-Band führte -  „On Air“ geht, genau ein Jahr später, sogar noch einen Schritt weiter und ist  eine Audio-Zeitkapsel in die Anfangsphase der Band mit Brian Jones aka Elmo Lewis. 

Bei Gigs in Londoner Clubs hatten Jagger, Richards, Jones, Wyman, Watts und Stewart zwar schon ihren die frühen Jahre prägenden, zwischen zeitgenössischem Beat und tiefem Blues angesiedelten Sound herausgearbeitet -  die endgültige Richtung der Stones war jedoch noch nicht in Stein gemeißelt.
„On Air“ ist eine Momentaufnahme  dieser Frühphase, die jedoch  keine herkömmliche Best Of-Compilation der „early days“ darstellt. Vielmehr sind hier „Satisfaction“ oder „The Last Time“ eher die Ausnahme. Im Zentrum stehen Covers der von den Stones verehrten Idole: So spielen sie natürlich Chuck Berry-Nummern, wie die allererste  Stones-Single „Come On“, „Roll Over Beethoven“,  „Around And Around“ oder „Memphis,  Tennessee“.
Hinzu kommen viele Chess-Records-Blues-Songs - von  Muddy Waters´ „I Can´t Be Satisfied“ bis zum  Instrumentaljam bei „2120 South Michigan Avenue“. Und natürlich Jaggers Demonstrationen des ultimativen Blue Eyed Souls bei „Everybody Needs Somebody To Love“ oder Solomon Burkes „Cry To Me“.

Credit Coverbild: ©  Universal Music

„On Air“ richtet sich somit weniger an Stones-Gelegenheitshörer, die nur die auch im Mainstream bekannten Hits hören wollen, sondern  an die Stones-ologen und Sammler. Die bekommen überaus tight gespielte Versionen von Highlights der frühen Alben und eine ganze Reihe Raritäten und Blues-Deep Cuts –in einem ansprechenden Set, das eine
hungrige Band an der Schwelle zur späteren Legendenwerdung zeigt.

Freitag, 11. November 2016

THE ROLLING STONES - HAVANA MOON

Wenn plötzlich der Ruf des Midnight Ramblers mit der Stimme einer verzerrten Blues-Harp durch die klebrige Schwüle der kubanischen Nacht gellt, dann sind die Stones im Land des Bärtigen gelandet.
Credit Coverbild: © Universal Music
Die Stones-Festspiele des Jahres 2016 gehen munter weiter - nach dem vor dem Sommer veröffentlichten Unplugged-Gig „Totally Stripped“ und dem die Jahre 1964-1969 umfassenden, aufwändigen Boxset „The Rolling Stones In Mono“ dokumentiert nun „Havana Moon“ den  historischen Karfreitags-Gigs vom 25. März 2016.

An jenem Tag spielten die Stones als Finale ihrer „América Latina Olé“-Tour ein Gratis-Konzert in Havanna - kurz nachdem US-Präsident Barack Obama von Fidel Castros Bruder Raul empfangen wurde. Dass nach dem Besuch des „Leader Of The Free World“ die  Steine in Havanna anrollten wurde ebenfalls zum geschichtsträchtigen Event: Während die ältere Generation der Sechziger im Rest der Welt ob dieser „unmöglichen“ Band mit ihren langen Haaren und dem offensichtlich die Jugendlichen verderbendem Sound die Nase rümpfte, war der Rhythm N´ Blues der Steine im Land Castros gar verboten.

Jagger in seinem Element
Credit Bild: © Getty Images     Universal Music

Doch die Zeiten ändern sich bekanntlich - erst seit wenigen Jahren hat sich der kommunistische Inselstaat dem Westen geöffnet. Und nachdem bereits die Haute Couture von Modezar Karl Lagerfeld mit einer Chanel-Show im vermeintlich antikapitalistisch Inselstaat zugelassen wurde, brach nun auch noch der nächste Damm und rund eine Million Zuseher hatten die Möglichkeit zum Ort einer Rock N´ Roll-Zelebration zu pilgern. 

Hier ein Blick ins Konzert mit dem ewigen Ausschweifungsklassiker „Brown Sugar“:


Die Tracklist:
Jumpin´ Jack Flash
It´s Only Rock N´ Roll (But I Like It)
Out Of Control
Angie
Paint It Black
Honky Tonk Women
You Got The Silver
Midnight Rambler
Gimme Shelter
Sympathy For The Devil
Brown Sugar
You Can´t Always Get What You Want
(I Can´t Get No) Satisfaction

Bonus Tracks:
Tumbling Dice
All Down The Line
Before They Make Me Run
Miss You
Start Me Up

Natürlich muss man im Hinblick auf die Lied-Auswahl anmerken, dass es sich - abseits von den historischen Rahmenbedingungen und der ideellen Bedeutung des Gigs - weitgehend um „business as usual“ in Sachen Stones-Konzerte handelt. Die Setlist setzt sich abseits von „Out Of Control“, „You Got The Silver“ vom „Let It Bleed“-Album oder dem „Exile On Main Street“-Shuffle „All Down The Line“ vornehmlich aus den bekanntesten Gassenhauern zusammen.
Das Richards-Spotlight mit „Before They Make Me Run“ ist dabei ebenso bekanntes Ritual wie das Finale mit dem frühen Bandklassiker „Satisfaction“. Gerade bei einem solchen Ereignis wird sich manch langjähriger Hardcore-Fan eine etwas abenteuerlichere Songauswahl und mehr  selten gespielte Raritäten erhofft haben. Aber gut, die Kubaner mussten Jahrzehnte auf einen Gig ihrer Helden warten - so gibt es eben ein Greatest Hits-Set. Und trotz der Absenz großer Überraschungen ist „Havana Moon“ ein stones-typisches Show-Spektakel - auch wenn auffällt, dass die Songs des Kuba-Gastspiels durchaus schon mal mit mehr Drive und Power gespielt wurden.
Die Stimmung im Publikum ist trotzdem ausgelassen bis frenetisch - das Lebensgefühl am Malecón, dass Pedro-Juan Gutiérrez in seinen Büchern beschreibt, steigt förmlich aus den
ultra-scharfen Bildern der Blu ray.
Die Möglichkeiten dieses HD-Mediums werden auch optimal genutzt, denn die Kameras fangen in cinematischen Einstellungen wahrlich traumhafte Bilder ein, von der effektvollen Bühne mit ihren HD-Videowalls, den entfesselten chicas vor der Stage  oder dem gut gelaunt-lässigen Zusammenspiel der Band - und über allem wacht der titelgebende Mond Havannas.  

Die imposante Bühne bei "Sympathy For The Devil"
Credit Bild: © Getty Images    Universal Music

Cuba Libre: Die Stones mögen mit diesem Gig Kuba nicht frei gemacht haben,
aber es ist ein weiteres Symbol der Öffnung eines vormals abgeschotteten Landes, das langsam aus dem selbstgewählten Exil zurückkehrt. Die Zeiten in denen  Musik ein bisschen die Welt verändern konnte mögen vorbei sein, der historische Nimbus dieses Kuba-Auftritts war sicher größer und spektakulärer als der Gig selbst - doch wenn die weltgrößte Rock N´ Roll-Band ihre zeitlosen Klassiker an einem solchen Ort spielt, dann hat das was von einem Ereignis - und "Havana Moon" fängt die Stimmung dieses Karfreitags sehr gekonnt ein.

Ein gut gelauner Ronnie Wood mit Vintage Fender Stratocaster
Credit Bild: © Getty Images      Universal Music

Freitag, 25. Oktober 2019

TON, STEINE, SÄGESPÄHNE: THE ROLLING STONES - ROCK AND ROLL CIRCUS


Credit Bild: ©  Michael Randolph   Universal Music
Dezember 1968: London swingte noch immer – nun jedoch stark psychedelisch induziert.
Die Rolling Stones befinden sich in einer Umbruchphase, um das neue-Album „Beggars Banquet“ - ein Werk, das als eines der quintessenzielen Bluesrock-Alben in die Annalen der Musikgeschichte eingehen sollte-  zu promoten konzipiert Mick Jagger ein BBC TV-Special das den Zusehern ein Konzert abseits konventioneller Gigs bieten soll. Zusammen mit Regisseur Michael Lindsay-Hogg, der für die Band schon zuvor an Promovideos gearbeitet hatte, wird das ebenso ungewöhnliche wie ambitionierte Konzept einer Verbindung von Zirkus und Rock N´ Roll entworfen. Es ist ein Unterfangen wie es typischer  nicht sein könnte für die experimentierfreudige Sturm & Drang-Phase der Spätsechziger: die Rock Show ist hier nicht nur ein Spektakel sondern ein  ambitioniertes Kunstprojekt.

Neben den Stones trat ein veritables „Who is Who“ von Rock Royalty aus ihrem Umfeld im Rahmen des "Cirque de Stones" auf: Eric Clapton, damals direkt nach dem Ende von Cream,  formierte für diesen Film zusammen mit John Lennon Keith Richards (am Bass!) und Mitch Mitchell von der Jimi Hendrix Experience die All Star-Band The Dirty Mac. Mick Jaggers Freundin Marianne Faithfull war ebenso dabei wie The Who, Taj Mahal, der Geiger Ivri Gitlis, Yoko Ono und die bis dahin noch recht unbekannten Jethro Tull, nicht nur mit dem manischen Flötisten Ian Anderson sondern auch mit einem gewissen Tony Iommi an der Gitarre, der nur ein Jahr später Black Sabbath gründen sollte. Zwischen den Auftritten gibt es revue-artige, teils skurrile Dialoge und Nummern die an einen Acid-Trip während einer Roncalli-Aufführung gemahnen.

„Rock And Roll Circus“ markierte den letzten öffentlichen Liveauftritt von Brian Jones mit den Stones, nur knapp ein halbes Jahr später war der geniale Musiker tot. Ende 1968 hatten er und seine Bandkollegen sich bereits zunehmend entfremdet, die Verschiebung im band-internen Machtgefüge war nicht mehr zu übersehen: so vollzog sich hier der Shift weg von Brian Jones , der auch bei den Performances im Circus  schon stark von seinen ehemaligen Bandfreuden distanziert wirkt.
Obwohl diese Show in die „Beggars Banquet“-Phase fällt atmet sie insgesamt  noch stark den Geist des „Sgt.Pepprs“-Rivalen „Their Satanic Majesties Request“. Die meisten Performances im Zirkuszelt wirken recht roh, versprühen jedoch einen ganz eigenen Charme – ziemlich „elegantly wasted“. Die Stones präsentieren sich hier nicht in jener Form wie man sie etwa von „Gimme Shelter“ oder "Ladies And Gentlemen“  her kennt.
Credit Bild: ©  Michael Randolph   Universal Music
Mit dem Endergebnis war Mick Jagger seinerzeit angeblich nicht sehr zufrieden, weshalb der Film nie zur normalen Ausstrahlung kam und jahrzehntelang in der Versenkung verschwand, Stones-Fans werden sich an den „Cocksucker Blues“-Film erinnert fühlen. Erst 1996 wurde „Rock And Roll Circus“ schließlich doch noch veröffentlicht wurde – zum Glück, ist er doch eine regelrechte Zeitkapsel. Denn was man hier sieht ist nicht nur aufgrund der bunten Farben „as sixties as it gets“, psychedelisch, wild, anarchisch. Dass Yoko Ono auch einen eigenen Auftritt bekommt – es passt perfekt zum Treiben in den Sägespähnen.
Phasenweise wähnt sich der Zuschauer in der Theateraufführung jener Kommune die Wyatt und Billy im ´69er Kultfilm „Easy Rider“ besuchen. Wäre diese ungezügelte Show damals im britischen Fernsehen gelaufen, sie hätte wohl nur die reaktionären Ressentiments der konservativeren Bevölkerungsschicht gegenüber den Hippies und Rockern bestätigt.
Bei „Sympathy…“ etwa erinnert die Performance an modernes Theater, Jagger singt sich in einen regelrechten Wirbel, am Schluss reißt er sich das Shirt vom Leib und gibt mit entblößtem Oberkörper alles – „What´s my nameeeeeeeeeeeee?"
Credit Bild: ©  Universal Music
Die nun neu erschienene Limited Deluxe Edition dieses Kleinods aus der Stones-Diskographie erweitert das ursprünglich 1996er-Release beträchtlich und zählt allein schon aufgrund ihrer äußerst liebevollen Aufmachung zu den schönsten Reissues der letzten Zeit:
 „Rock And Roll Circus“ kommt als Mediabook mit dickem Essay-Booklet und gleich 4 Discs in reich bebilderten Ausklappfoldern -  das dürfte  jeden Fan und Sammler begeistern.
Disc 1 und 2 bieten die gesamte Show inklusiver bislang ungehörter und unveröffentlichter Outtakes: Disc 3 und 4 bieten dann das audiovisuelle Konzertdokument in SD- als auch HD-Form, also sowohl als DVD als auch als Blu ray.
Das neue HD-Master holt sicher das Maximum aus den Vintage-Aufnahmen heraus - klar, man merkt aus welchem Jahr der Film ist, nicht nur wegen der eigenen Art der Kameraeinstellungen – aber die Qualität ist tadellos. Die ans Psychoaktive grenzenden Farben knallen nur so und auch der Klang ist sehr klar und detailreich.
Kleines Detail für alle Gitarren-Freaks: Auf „Rock And Roll Circus“ hört und sieht man sowohl Keith Richards ikonische „Sympathy For The Devil“-Les Paul Custom als auch Eric Claptons legendäre „Royal Albert Hall“- ES-335.

Die 2019-Neuauflage ist fraglos die ultimative Art den eigentümlichen Charme in der Manege des „Rock And Roll Circus“ aufzusaugen: auch wenn diese Revue seinerzeit nicht alle Ambitionen erfüllen konnte, ist sie dennoch ein echtes Zeitdokument mit teils faszinierenden historischen Aufnahmen.

Freitag, 30. November 2018

THE ROLLING STONES – BEGGARS BANQUET 50th Anniversary Edition

Credit Bild: © Universal Music
Als die Rolling Stones im Dezember 1968 ihr Album  „Beggars Banquet“ veröffentlichten, markierte diese LP einen der wesentlichsten Wendepunkte in der Karriere von „Englands Newest Hitmakers“: Mit dem Festmahl der Bettler spielten sie nicht nur ihre für viele Fans beste Platte ein sondern nahmen auch den ersten Eintrag in einer unglaublichen Reihe unumstößlicher, in rascher Abfolge releaseder Klassiker auf. Das geniale Live-Dokument "Get Yer Ya Ya´s Out" sowie die ebenso großartigen Studioalben  "Let It Bleed", "Sticky Fingers", "Exile On Main Street" und "Goats Head Soup" sollten folgen.

Deutlich bemerkbar machte sich auf "Beggars..." vor allem eine Verschiebung im band-internen Machtgefüge: so vollzog sich hier der Shift weg von Brian Jones , der sich zunehmend von der Gruppe entfremdete und nur mehr auf ein paar Songs zu hören ist, hin zum nun dominierenden Songwriter Duo Jagger-Richards. Diese verfolgten eine andere künstlerische Ausrichtung als Jones und so wurde ´68 jenes Jahr, in dem die Stones endgültig ihren eigenen Sound fanden. Die Beatles-esken Psychedelik-Experimente wie noch auf „Their Satanic Majesties Request“ gehörten fortan der Vergangenheit an, auf diesem Meisterwerk der Ausschweifung hörte man eine neue ungleich düsterere Version der einst härtesten Beat-Band der Welt:  Nach wie vor im tiefsten Delta verwurzelt war die Amalgamation von Akustikgitarren und elektrischen Instrumenten, hinzu kam ein stärker werdender Country-Einfluss, der sich auf den kommenden Alben noch deutlicher manifestieren sollte.

Die Songs auf "Beggars" transzendieren das Hitsingle-Format und gleichen beinahe einer Kurzgeschichtensammlung. Short Stories, die bei der Vertonung eines Bacchanals des Verdorbenen geschrieben wurden. Sang Jagger zuvor noch - eh schon unverblümt, für die damals noch weitaus zugeknöpftere Zeit - wie er mit einem Mädl die Nacht verbringen wollte, lud er nun gleich ein Groupie zu sich "upstairs" wie im rasselnden „Stray Cat Blues“. Mit dem zeitgeistigen „Street Fighting Man“ lieferte man quasi den offiziellen Soundtrack zum Straßenkampf im Revoutionsjahr, ungeachtet dessen, dass die Stones selber stets weitaus apolitischer als etwa Dylan oder Lennon waren. 

Passend zum dreckigen Sound sind auch die dunklen, oft resignierten Lyrics:
Pure Hoffnungslosigkeit zum Wehklang der Slidegitarre („No Expectations“) trifft auf
Südstataen-Ausschweifung im expliziten „Parachute Woman“ und ein Hillbilly-Panoptikum bei der Southern Gothic-Erzählung „Dear Doctor“ über ein bevorstehendes unglückseliges „shotgun wedding“, das nur mit reichlich Hochprozentigem zu ertragen ist. Das Säkulare verlassen die Stones mit der Gospel-Ode auf den kleinen Mann bei "Salt Of The Earth". Einen Kontrapunkt dazu setzt der Teufels-Samba beim von Mihail Bulgakov inspirierten "Sympathy For The Devil“ - ein absoluter Jahrhundertsong."Beggars" ist das Paradebeispiel für eine Platte bei der es "all killer, no filler" gibt.

Nun 5 Jahrzehnte nach dem ursprünglichen Release wird diese Meisterwerk zum großen Jubiläum reissued. Die Neuauflage kommt im Schuber, wodurch sowohl das ikonische  "Toiletten"-Cover als auch das 1968 veröffentlichte Artwork bei der Neuauflage reproduziert werden. Das Bild mit den Kloschmieragen  - wo etwa der Traum Bob Dylans  runtergespült wurde - wollte die Plattenfirma in den Sixties nicht, stattdessen kam "Beggars Banquet" in schlichter, beiger Hülle in die Läden: darauf war nur zu lesen "Rolling Stones  Beggars Banquet  R.S.V.P. ;  also „répondez s’il vous plaît“ als höfliche Bitte um Rückantwort an den Gastgeber für das Bankett der Bettler:
Credit Coverbild: © Universal Music
Abgesehen davon merkt man jedoch bei dieser neu erschienenen 2018er Version nicht viel von "Anniversary". Denn auf eine an die Vinyl angelehnte CD-Reissue wie beim jüngst veröffentlichten White Album-Neuauflage oder Sticky Fingers wurde hier verzichtet. Auch ein dickes Booklet oder Bonus Tracks sucht man vergeblich: Obwohl gerade ungesehene Fotos, Demos oder anderes unveröffentlichtes Material von den Sessions in den Olympic Studios  ungemein interessant gewesen wärenDas alles ändert zwar nichts daran, dass dieses Album nach wie vor eines der besten aller Zeiten ist, doch hat der Stones-Fan schon aufwendigere Reissues gesehen.

Montag, 26. September 2016

STONES-SPECIAL: Das Jahr des Zippverschlusses


Credit Coverbild: Universal Music

Sticky Fingers“ gilt vielen als der Höhepunkt der Stones-Diskographie und als bestes Album der Briten. Mir persönlich fällt es schwer aus den in den Jahren 1968 bis 1974 veröffentlichten Platten einen klaren Favoriten auszuwählen - denn das Album mit dem Jeans-Cover entstand in einem ganz speziellen Zeitfenster, in dem  die Stones einfach nichts falsch machen konnten und in einem beeindruckendem Tempo einen genialen Meilenstein nach dem anderen einspielten:„Beggars Banquet“, „Let It Bleed“ und eines der besten Live-Dokumente aller Zeiten, „Get Yer Ya Ya´s Out“, lagen zum Zeitpunkt des „Sticky Finger“-Releases hinter ihnen,  „Exile On Main Street“ noch vor ihnen in der Zukunft in Nellcote.
Fest steht, dass das 1971 erschienene Album nicht nur im Backkatalog der Stones sondern auch musikhistorisch betrachtet zu den ganz großen Werken zählt, das nicht umsonst mit mehrfach Platin ausgezeichnet wurde und sowohl in UK als auch den USA Platz 1 der Charts erklomm.

Nach den extrem tumultreichen End-Sechzigern (Altamont) und dem tragischen Tod von Brian Jones, hört man hier erstmals den Ex-Bluesbreaker Mick Taylor als fixes Bandmitglied auf einer Studio-Platte. Die Stones tauchen tief ein in die amerikanische Roots-Musik - und lassen beinahe kein Genre aus:  Otis-Redding und Stax-Soul bei „I Got The Blues“ mit  Billy Prestons großartig-melodischem Hammondsolo; Country Rock bei „Dead Flowers“ mit dem beinahe ununterbrochenen Strom präzise gebendeter Licks, die Mick Taylor seiner Gitarre entlockt. Mississippi Fred McDowells „You Gotta“ Move ist ein tiefer Blues-Stampfer „done stones style“. Mit „Bitch“ geht es gar in funkige Gefilde, das brünftige „Can´t You Hear Me Knockin´“ explodiert in einem Latin-Rock Orgasmus und  „Bown Sugar“ - ein klassischer Open G-Tuning Keith Richards-Kracher - mit einem Text der kein „Skandal-Thema“ auslässt, darf bis heute bei keinem Gig der Steine fehlen.

An „Sticky Fingers“ ist letztlich alles Kult - das fängt schon beim von Popart-Ikone Andy Warhol gestalteten Cover, das die sexuell aufgeladene und gleichzeitig bedrohlich-düstere Stimmung des Album mit seinem Fokus auf den Topoi „Sex und Drogen“ perfekt einfängt.
Eine besondere Premiere gab es bei „Sticky Fingers“ auf der Rückseite des Plattencover - erstmals wurde das ikonische „Tongue and Lip“- Logo gezeigt, das über die Jahre zu einer der anhaltendsten Insignien der Popkultur werden sollte.

Die derzeit aktuelle Neuauflage dieses Klassikers in der bekannten Deluxe Version-Reihe
erweitert das Album zwar nicht beträchtlich (zudem muss man in der normalen Doppel CD-Version auf den originellen echten Zipper an den Jeans verzichten) sondern fügt auf der Bonus Disc vor allem Alternativ-Versionen der Album Track hinzu. Allen voran sticht hier jedoch die großartige „Brown Sugar“ - Version mit niemand geringerem als Mr. Slowhand Eric Clapton himself an der Gitarre - heraus: hier trifft sich „rock royalty“.

Der Schmelztiegel unterschiedlicher Sounds im unverkennbaren Stones-Stil fasziniert bis heute - toppen konnte dieses Werk nicht einmal die Band selbst. So ist „Sticky Fingers“ ganz ohne Nostalgie einfach extrem gut gealtert - bzw. hat sich trotz seines die frühen Seventies definierenden Sounds das Prädikat „zeitlos“ mehr als verdient.

Mittwoch, 31. Mai 2017

THE ROLLING STONES – OLÉ OLÉ OLÉ A Trip Across Latin America

Credit Coverbild: © Eagle Rock Entertainment Universal Music
Während in Europa und den USA die Counterculture-Bewegung florierte und die Rolling Stones den „street fighting“-Soundtrack zur Revolution beisteuerten, waren die meisten Länder Lateinamerikas in der Hand von Militärdiktaturen oder wie im Falle Kubas unter der Führung eines kommunistischen „Maximo Líder“. Musik, die dem Hedonismus wie dem Nonkonformismus huldigte war da weitgehend verboten sowie aufgrund der teils horrenden wirtschaftlichen Lage in jenen Ländern einfach schwer bzw. so gut wie nicht erhältlich.
Doch alles Verbotene übt natürlich immer eine ganz besondere, unwiderstehliche Faszination aus und so fand auch der Rock N´ Roll seinen Weg in jene Gefilde, trotz politischer wie ökonomischer Restriktionen entstand eine beachtliche Fangemeinde. Im Vorjahr gingen die Stones nun auf große Tour durch 10 Länder Lateinamerikas wie Peru, Brasilien oder Argentinien und spielten auch einen historischen Gig in Kuba.
Credit Bild: © GettyImages @ Dave J Hogan
„Olé Olé Olé - A Trip Across Latin America“ zeigt nun die Reise der Steine  bis zum historischen, in "Havana Moon“ verewigten Konzert in Kuba (inklusive dramaturgischem  Countdown bis zu diesem Großereignis).
Regie führte bei dieser abendfüllender Dokumentation wie schon zuletzt bei „Live From Hyde Park“ und „Havana Moon“ der britische Director Paul Dugdale.
Dugdale versteht es sowohl die Action on stage, die Interview-Passagen als auch die Eindrücke Lateinamerikas perfekt einzufangen und setzt mehr auf ausgesprochen cineastische Kameraeinstellungen als auf vordergründige Effekte.
Die Kamera ist in diesem Film stets sehr nah an den Stones- besucht sie etwa in ihrem riesigen Rehearsal Space (davon hätte man allerdings gerne mehr gesehen) oder ist auch im Stones-Privatjet mit dabei. Der Einblick, den man hier erhält ist nicht nur für die härtesten Stones-Fans isehenswert, vielmehr kann man die die Funktions-und Arbeitsweise einer Band der Größenordnung der rollenden Steine ein Stück weit nachvollziehen.
Credit Bild: © GettyImages @ Gary Miller

Credit Bild: © Getty Images @ Jorge Amengual
Als Bonus gibt es auf der DVD und Blu ray von „Olé Olé Olé“ ein paar  full length-Live Performance( denn während der Doku werden einzelne Songs nicht ausgespielt):

Out Of Control aus Buenos Aires, Argentinien

Paint It Black, wieder  Bueneos Aires

Honky Tonk Women aus Sao Paulo, Brasilien

Symapthy For The Devil,  wieder aus Sao Paulo

You Got The Silver, Lima, Peru

Midnight Rambler, aus  Lima

Miss You, ebenfalls aus Lima

Von der Songauwahl her, also eher „business as usual“– die Lateinamerika-Tour der Stones war allerdings auch nicht für allzu große Experimente bekannt. Was diese Dokumentation aber insbesondere so sehenswert macht, ist neben dem Einblick in den Touralltag vor allem auch wie gekonnt das ganz spezielle Flair der jeweiligen Destinationen eingefangen wird. Man erfährt in dieser Doku so einiges über die Lebenssituationen der Menschen in diesen Ländern - etwa wie sich Musiker  in einem Land behelfen, in dem man nicht im nächsten Musikalienladen ein Päckchen Ernie Ball Super Slinky-Saiten kaufen kann…Und die Aufnahmen des pulsierenden Lebens abseits kitschiger Postkartenidyllen sind besser als bei zahlreichen  Reisedokumentationen.

Fazit: ein äußerst sehenswerter Film.

Credit Bild: © Getty Images @ Latam