Samstag, 8. August 2026

ORCHESTRAL TOOLS METROPOLIS ARK Series Test – Vom Fritz Lang-Orchester zum modernen Hybrid Score

Credit Bild:© Orchestral Tools
Ein entscheidendes Wesensmerkmal des Kinos im Allgemeinen und visionärer Filmkunst im Speziellen war immer, dass die Grenzen des Mediums permanent verschoben wurden. Einer der größten Pioniere dieser Entwicklung war zweifellos Fritz Lang, dessen Todestag sich 2026 zum 50. Mal jährt. Mit Meisterwerken wie „Dr. Mabuse, der Spieler“, „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ und „Metropolis“ prägte der österreichisch-deutsche Regisseur nicht nur die visuelle Grammatik des Films, sondern erschuf ganze visuelle Welten, deren ästhetischer Einfluss bis heute nachwirkt.

Der Film Metropolis war dabei weit mehr als ein spektakuläres Science-Fiction-Monument der Stummfilm-Ära. Langs Dystopie einer gigantischen Zukunftsstadt, in der monumentale Maschinenarchitektur, soziale Klüfte und menschliche Abgründe aufeinanderprallen, verlangte nach einer ebenso exzessiven wie neuartigen musikalischen Sprache. Der Komponist Gottfried Huppertz schuf damals ein gewaltiges, spürbar von Richard Strauss und Richard Wagner inspiriertes spätromantisches Orchesterwerk voll von Leitmotiven und überwältigender Orchestrierung – im Zusammenspiel mit den Science-Fiction-Bildern war das ein retro-futuristisches Spektakel: Das Orchester transportierte den Maschinen-Klang der Großstadtmechanik, Bedrohung und menschliche Zerbrechlichkeit gleichermaßen. Es war ein Sound, der das Publikum schlichtweg übermannen sollte – klassisch verwurzelt, in seiner Wirkung absolut "larger than life".

Genau dieses Klangideal – die Synthese aus klassischem Erbe, monumentaler Architektur, emotionaler Tiefe und futuristischer Vision bei maximalem „sonic impact“ – steht auch im Zentrum der Metropolis Ark Collection von Orchestral Tools. Die Berliner Sample-Edelschmiede, selbst tief in der Tradition europäischer Klangkultur verankert, hat mit der Ark-Serie  moderne Libraries konzipiert, die klanglich äußerst unique sind. Es geht hier nicht um das x-te brave und letztlich uninteressante Konservatoriums-Ensemble, sondern um ein radikales, dramaturgisch durchdachtes Werkzeugkasten-System für klassisches wie zeitgenössisches Scoring.

Monumentale Klangwelten

Im Intro war von der klanglichen Überwältigung in der Weimarer Zeit die Rede, doch natürlich ist auch die Evolution der modernen Filmmusik untrennbar mit dem stetig wachsenden Bedürfnis nach maximaler akustischer Intensität verbunden. Das zeitgenössische Cinema – und nicht zuletzt das Segment der Trailer-Musik – verlangt nach dem Hans Zimmer-Faktor, nach akustischer Wucht. Es ist eine Welt, in der die Dynamik nicht selten erst im dreifachen Forte () beginnt.

Genau an diesem Extrempunkt setzt Orchestral Tools an. Das Konzept hinter der Ark-Serie ist faszinierend analog zu Fritz Langs Filmepos: Es ist einerseits retro, klassisch und tief vintage-geprägt, andererseits kompromisslos futuristisch für hochmodernes Scoring designed. Das Sampling wurde mit sprichwörtlicher deutscher Gründlichkeit in den legendären Berliner Teldex Studios durchgeführt – jenem akustischen Raum, der für seine transparente Tiefe und seinen legendären Raumklang weltweit geschätzt wird. Das Ergebnis: Die Libraries klingen unglaublich dreidimensional, organisch und lebendig – das ist Sampling auf höchstem Niveau. Einen dementsprechen leistungsstarken Rechner sollte man also sein Eigen nennen wenn man mit diesem "Fritz Lang-Orchester" experimentieren möchte.

Anzumerken ist auch, dass hier bei weitem nicht nur brachial gewerkt werden kann: Alle 6 Collections der Metropolis Ark-Serie verfügen über einen enormen Dynamikumfang. Der Composer kann beim Spielen dieser Libraries somit mühelos zwischen subtilsten Texturen und extremen Klangexplosionen changieren. Der Kerngedanke ist es 

ARK 1 – Wucht und Wahnsinn

Unter dem Diktum „The new fortissimo“ schlägt ARK 1 das erste Kapitel dieser Monumentalserie auf. Wer nach dem ultimativen Trailer-Sound und maximaler Durchsetzungskraft sucht, wird mit dieser Allround-Library unweigerlich fündig. Metropolis Ark 1 widmet sich konsequent der lauten, imposanten Seite des Spektrums – von mezzo-forte bis hin zu einem erderschütternden . Das Instrumentarium ist umfangreich, inklusive einer Überraschung, die man so sonst garantiert nirgends im Orchestergraben findet. Orchestral Tools nennt die einzelnen Kategorien hier Districts:

District I umfasst Gewaltige Sections aus Streichern, Holzbläsern und Brass-Instrumenten

District II ist die Choir-Abteilung mit wuchtigen Männer- und ätherischen Frauenchören für epische Sakral- und Dramatik-Momente.

District III liefert brachiale Drums und massive Percussion-Ensembles.

District IV ist schließlich eine Metal-Band – ganz richtig gelesen: E-Gitarren, E-Bass und ein schweres Drumset für den direkten Crossover-Sound.

Die Streicher von ARK 1 bilden das emotionale, extrem durchsetzungsfähige Fundament. Sie liefern genau jene filmische Breitwand-Dramaturgie, die sowohl in der stummen Frühzeit des Mediums Film usus war als auch in modernen Produktionen verlangt wird. Das brillante Konzept liegt jedoch nicht in reiner Lautstärke, sondern in der organischen Durchsetzungskraft und dem Vibe, der bei den Aufnahmen eingefangen wurde. Gerade im Hybrid-Scoring, wo das Orchester gegen tiefgestimmte Heavy-Gitarren oder massive analoge Synth-Wände ankämpfen muss, setzt sich ARK 1 mühelos durch. Ark 1 (wie auch die anderen Arks) kann so klassisch oder so progressiv klingen, wie das der User möchte - Letztlich kann man in einem Hybrid-Ansatz sogar etwas vollkommen Originäres erreichen – hier gibt es wieder einen Parallel zu Metropolis, und zwar zu Giorgio Moroders Mittachtziger Neudeutung des Scores für den Lang´schen Filmklassiker.

ARK 2 – Rolling in the Deep

Credit Bild:© Orchestral Tools
Während der erste Teil den orchestralen Vorschlaghammer schwingt, taucht Metropolis Ark 2 in die tiefsten und dunkelsten Register ab. Es ist das Yin zum Yang des Vorgängers: Hier regiert das Subtile, das Düstere, das bedrohliche Flüstern in den unteren Frequenzbereichen.. Alle Instrumente und Stimmen konzentrieren sich auf die leisen, intensiven und unheimlichen Schattierungen der unteren Dynamikbereiche (bis ). immens. Auch dieses Kapitel unterteilt sich in vier charakterstarke Distrikte:

District I (Orchestra): Tiefe Holz- und Blechbläser (inklusive Kontrabass-Klarinetten) sowie ein sehrtiefes Streicher-Ensemble.

District II (Choir): Kinderchor, Frauenchor, engelsgleiche Soprane und abgründige Basso Profondo-Chöre.

District III (Epic Low Percussion): Erdbebenartige, tieffrequente Schlagwerke und subsonic Booms.

District IV (Keys): Intimes Klavier, Harmonium und eine historische Positif-Orgel.

Neben ungewöhnlichen Besetzungen und Kombinationen (Percussion Synths!) erweist sich ARK 2 als praktischer Texturgeber für düstere Thriller, Dystopien und archaische Spannungsmomente inkl. Wagner Tuba für die Vertonung des besonders Epischen.

ARK 3 – Die Architektur der Bewegung

Credit Bild:© Orchestral Tools
Von Taiko bis Timpani: Ist es eine Percussion-Library? Oder ist es ein Orchester? In Wahrheit ist es beides: Metropolis Ark 3 fusioniert mächtiges Schlagwerk mit Streichern, Holz- und Blechbläsern zu einem ziemlich einzigartigen, perkussiven Orchesterapparat.

Der Klang entspricht dem Dröhnen der Maschinenstadt: Langs Vision lebte von industrieller Präzision, Zahnrädern und unerbittlicher Bewegung. ARK 3 greift diese Idee auf und behandelt das gesamte Orchester als gigantische Rhythmusgruppe. Gigantische Taiko-Ensembles – laut Orchestral Tools die lauteste Recording-Session, die je im Teldex Studio durchgeführt wurde – treffen auf perkussive String-Hits, Staccati und Brachial-Cluster.

In ihrer kompromisslosen Dynamik und physischen Präsenz erinnert die Energie mitunter an die rohe Performance-Wucht der Blue Man Group. Ob für treibende Chase-Sequenzen oder komplexe Action-Cues: ARK 3 liefert eine Rhythmus-Maschine mit enormem Attack, die organische Schlagkraft perfekt mit elektronischem Sounddesign verbindet.

ARK 4 – Radikale Kontraste

Credit Bild:© Orchestral Tools
Hier geht es vor allem um die Nuancen von sog „blended ensembles“ die in ihren klanglichen Kontrasten interessante Synergie-Effekte schaffen.

10 Ensembles aus Holz- und Blechbläsern, Männer- und Frauenchöre und ein Streichorchester sind keine reinen Repetitionen der früheren Arks sondern liefern wiederum neue Nuancen. Bei den Blasinstrumenten reicht die Dynamikspannweite reicht von hauchzartem  bis zu überblasener Brutalität auf  mit extremen Artikulationen wie Overblown- und Overpressure-Effekten. Das passt nicht nur perfekt zu „Babylon Berlin“-artigen Produktionen sondern ergänzt die bisherigen Ark-Volumes um subtile und gleichzeitig extrem interessante Klangfarben. Die Sounds die mit dieser Library möglich sind fügen sich nahtlos in die breiten Klangflächen der anderen Arks ein und schenken dem Arrangement jenes präzise „Top-End“, das im Mix für sofortige Wiedererkennung sorgt – oder eine Lead-Melodie zum Schweben bringt.

Freitag, 7. August 2026

MIXED IN KEY WINGMAN Test: Copilot fürs Songwriting

Credit Bild:© Mixed In Key
Jeder Musiker, Produzent und Komponist kann davon ein melancholisches Lied singen: Während man tief in der Nacht im Studio an neuen Ideen feilt oder in mühsamen, kräftezehrenden Songwriting-Sessions nach der rettenden Hook-Idee fischt, trifft man plötzlich auf sie – die viel zitierte, unüberwindbare Wand. Man kommt einfach nicht weiter. Das Arrangement stagniert, die anfängliche Euphorie verfliegt. Wie unbezahlbar gut ist es in exakt solchen Momenten, einen echten Songwriting-Partner an seiner Seite zu wissen. Einen Mick Jagger zum Keith Richards, einen John Lennon zum Paul McCartney – oder, wenn es für den Anfang ein paar Nummern kleiner und weniger historisch sein darf, einfach einen verlässlichen Ideen-Geber, der den kreativen Funken mit einer unerwarteten Wendung neu entfacht.

Genau hier setzt das Plugin „Wingman“ von Mixed In Key an. Es verspricht die ultimative digitale, kreative Abhilfe gegen den gefürchteten Writer’s Block. Das Tool hört auf das Audiomaterial, das innerhalb der DAW gerade läuft, und schlägt darauf basierend musikalische Ideen vor – insbesondere passende Akkorde und Basslines. Dabei kann Wingman Vocals, Loops, einzelne Stems oder auch komplette Tracks analysieren und daraus Vorschläge entwickeln, die sich an Tonart, Rhythmik und musikalischem Feeling des vorhandenen Materials orientieren.

In Version 2.0 geht das Konzept noch deutlich weiter: Die generierten Ideen lassen sich mit eigenen Sounds, VST-Instrumenten, Rhythmus-Presets und Effekten weiterformen. Auch der Export als MIDI oder WAV ist möglich. Das Plugin soll also nicht einfach fertige Musik ausspucken, sondern aus dem bestehenden Material heraus neue musikalische Wege aufzeigen.

Damit präsentiert sich Wingman als hochinnovatives Kreativ-Tool, das möglichst natürlich Ideen weiterentwickeln, musikalische Vorschläge machen und – das ist hier das alles entscheidende Detail – aus bestehendem Material organische, sinnvolle Ergänzungen weben soll. Letztlich verspricht die Software also, exakt so zu agieren, wie es ein versierter Co-Produzent auf der Couch im Studio tun würde: kreativ, natürlich und intelligent.

Mixed In Key begibt sich so natürlich in einen Bereich, der auch vor dem Hintergrund jüngster Debatten über künstlich (und nicht künstlerisch)kreierte Musik bei vielen Plugin-Usern extreme Gefühle und mitunter Instant-Ablehnung hervorrufen wird. Aber: Man sollte diesem innovativen Konzept den Benefit of the Doubt geben und sich zunächst mit den interessanten Möglichkeiten vertraut machen, die dieses Tool bietet. Denn: Die musikalischen Vorschläge von Wingman sind nicht einfach KI-generiert, sondern basieren auf dem hauseigenen Music Theory Algorithm von Mixed In Key, der die Vorschläge musikalisch analysiert und kontextbezogen aus dem vorhandenen Material ableitet.

Top-Gun-Ästhetik

Schon beim ersten Öffnen in meiner DAW of Choice, Pro Tools, fällt das durchdachte Design auf. Mit einer dezenten, aber stilvollen „Top Gun“-artigen Optik ausgestattet, macht das Plugin seinem Namen alle Ehre. Wie der sprichwörtliche Wingman von Tom Cruise hält dieses digitale Helferlein dem Komponisten den Rücken frei, übernimmt die Flankendeckung und bewahrt einen potenziell vor kreativen Sackgassen.

Dabei ist Wingman keineswegs nur auf das reine Generieren von Akkorden und Basslines beschränkt. Das Konzept funktioniert vielmehr als eine kleine musikalische Produktionsumgebung innerhalb der DAW. Wer eine Idee erzeugt hat, kann sie direkt mit eigenen Sounds previewen, rhythmisch verändern und mit Effekten bearbeiten. Dafür stehen unter anderem ein Rhythm Editor, verschiedene Rhythmus-Presets für Akkorde und Basslines sowie eine integrierte Effektsektion zur Verfügung.

Dass dieses kühne Konzept nicht nur auf dem glänzenden Marketing-Papier funktioniert, untermauern die zahlreichen Accolades auf der Website des Herstellers. Wenn namhafte Hit-Songwriter wie Diplo und Top-Tier-Produzenten sich öffentlich zu einem Tool bekennen, stellt das eine handfeste Legitimation dar.

Der Elefant im Raum: KI, Retortenbands und der „AI Slop“

Man kommt in einem Review im Jahr 2026 nicht umhin, den sprichwörtlichen Elefanten im Raum zu adressieren: Künstlich generierter Content und alles was in die Nähe von AI und Retorte geht, ist fraglos das alles überschattende Trendthema – oder besser gesagt: das absolute Reizthema unserer Zeit, je nach persönlicher und beruflicher Sichtweise. In nur wenigen anderen Bereichen hat die einst als Heilsbringer gehypte Technologie einen derart schlechten Ruf wie in der traditionellen Kreativbranche.

Und das geschieht oftmals völlig zu Recht! Immerhin schwemmen Retortenbands, algorithmisch generierte Playlists und unerträglicher „AI Slop“ die Streaming-Plattformen und letztlich sämtliche Kanäle. Was beispielsweise schon in der klassischen Werbung nervt, wird in der Musik direkt als Affront gesehen. Es gibt Heerscharen von „Producern“, die es sich allzu einfach machen wollen und der Kunst ihre menschliche Unvollkommenheit rauben. Angesichts der aktuellen, hochkochenden Diskussionen über die drastische Entwertung und Automatisierung künstlerischer Arbeit mag der bloße Ansatz von Wingman also bei vielen Puristen und Vollblut-Musikern sofort alle Alarmglocken schrillen lassen.

Allerdings gilt hier: Gemach, gemach! Man hat es bei Wingman eben nicht mit einer dieser berüchtigten generativen Text-to-Audio-Plattformen zu tun, die einem auf Knopfdruck („Mache mir einen Hit im Stil von The Weeknd“) die eigentliche kompositorische Arbeit abnimmt. Garbage In bedeutet auch hier Garbage Out.

Genauso wie es bei allen großen LLMs (Large Language Models, also ChatGPT und Konsorten) der Fall ist, greift auch hier das eherne Grundgesetz der digitalen Welt: Wingman ist nur exakt so gut wie der Input, den man ihm zur Verfügung stellt. Das Plugin agiert nicht im luftleeren Raum. Es „hört“ innerhalb der DAW quasi mit und macht auf Basis der von uns selbst eingespielten Audio- oder MIDI-Files konkrete Vorschläge, wie es mit dem Song weitergehen könnte. Es analysiert also das vorhandene Material und versucht, daraus musikalisch passende Ergänzungen abzuleiten.

Das ist ein entscheidender Unterschied. Wer Wingman mit einer eigenen Vocalspur, einem Loop, einem Stem oder einem kompletten Track füttert, erhält Vorschläge, die sich auf genau dieses Material beziehen. Zusätzlich verfügt das Tool über eine integrierte Stem-Separation, mit der sich Audio beispielsweise in Vocals, Bass, Drums und weitere Bestandteile aufteilen lässt. Auch Audio-to-MIDI gehört zum Funktionsumfang: Audiomaterial kann in editierbares MIDI umgewandelt werden, um daraus beispielsweise Melodien neu aufzubauen, Harmonien darüberzulegen oder Samples gezielter weiterzuverarbeiten.

Es zeigt Pfade auf, wie man das Arrangement ausbauen und klanglich auffetten kann. Das heißt im Umkehrschluss: Wer das Plugin mit langweiligen, völlig uninspirierten Zwei-Akkord-Ideen füttert, bekommt am Ende auch kein epochales Magnum Opus heraus. Wingman liefert definitiv keine Instant-Genialität aus der Dose. Als „Composition Companion“ kann er aber Anreize schaffen, wie es mit der eigenen Komposition weitergehen kann.

Praxis

Um die wahre Magie des Plugins zu entfesseln, muss man sich mit „Wingman“ intensiv auseinandersetzen und spielen. Angesichts der mannigfaltigen und teils hochkomplexen Funktionen unter der Haube ist ein echter Einarbeitungswille gefragt. Das Tool erfordert detaillierte Arbeit mit Stems, die man erfreulicherweise ebenso wie isolierte WAV- und MIDI-Files nahtlos exportieren und wieder in die DAW importieren kann.

Gerade der Workflow rund um MIDI und Audio macht Wingman dabei interessant: Eine generierte Idee muss nicht zwangsläufig im Plugin verbleiben. Man kann sie als MIDI oder WAV exportieren und anschließend ganz klassisch in der eigenen DAW weiterbearbeiten.

PSP WOBBLER Test– The Dark Side of Modulation

Credit Bild:© PSP Audioware
Wer tief in die Studio-Historie von Pink Floyds Jahrhundertwerk The Dark Side of the Moon eintaucht, landet unweigerlich beim Intro von „Time“. Was sich dort klanglich abspielt, ist weit mehr als nur ein simpler Studio-Effekt – es ist eine absolute Meisterklasse der räumlichen Modulation. Wir hören schwebende, merkwürdig entrückte Texturen im Stereobild, die sich permanent in einem undefinierbaren Vakuum zwischen Phase, mechanischer Rotation und psychedelischem Flirren bewegen. Es ist genau dieses organische Atmen, diese greifbare Tiefe im Klang, die Produzenten und Sounddesigner bis heute fasziniert.

Was man in diesen Sekunden wahrnimmt, ist kein klassischer Phaser, kein Flanger und auch kein herkömmliches Leslie-Kabinett. Es ist das Resultat eines höchst obskuren, beinahe alchemistischen Studio-Experiments: eines handgebauten „Frequency Translators“. Alan Parsons, der als Toningenieur maßgeblich für die klangliche Vision des Albums mitverantwortlich war, setzte diesen Exoten damals gemeinsam mit dem findigen Techniker Keith Adkins ein, um jene unverkennbare Textur zu erschaffen.

Und genau dieses schwer greifbare Stück Studio-Mythologie – halb Effektgerät, halb unberechenbares physikalisches Phänomen – ist nun als Software-Plugin zurückgekehrt. Mit dem  Wobbler liefern PSP Audioware nicht nur eine detailverliebte Emulation ab, sondern können auch mit einem offiziellen Endorsement und der direkten, aktiven Beteiligung von Alan Parsons höchstpersönlich aufwarten. Ich das Tool getestet und uns auf die dunkle Seite der Modulation begeben.

Frequenzverschiebung: Der eigentliche Trick

Um zu verstehen, warum dieses Plugin klanglich so heraussticht, muss man einen Blick unter die Haube werfen. Der zentrale Unterschied zu herkömmlichen Werkzeugen – und zugleich das, was den Wobbler*für Produzenten so faszinierend macht – liegt im zugrunde liegenden DSP-Prinzip.

Während klassische Modulationseffekte wie Chorus, Phaser oder Flanger im Kern stets mit zeitverzögerten oder phasenverschobenen Kopien des Originalsignals arbeiten, setzt der Wobbler konsequent auf Frequency Shifting*(Frequenzverschiebung). Das bedeutet in der Praxis: Das Signal wird eben nicht einfach nur verdoppelt oder auf einer Zeitachse moduliert, sondern tatsächlich spektral, also in seiner absoluten Tonhöhe, verschoben. Das Resultat dieser Operation sind nicht-harmonische Phasenbeziehungen. Mischt man dieses bearbeitete Signal nun über den Dry/Wet-Regler dem Originalton bei, entsteht das charakteristische „Wobble“ – ein lebendiges, sich permanent bewegendes Interferenzmuster tief im Frequenzraum. Oder, um es abseits der trockenen Mathematik etwas weniger technisch und dafür musikalischer auszudrücken: Der Sound scheint sich auf organische Weise zu verbiegen und zu krümmen, ohne dass man als Zuhörer genau benennen könnte, *warum* das eigentlich passiert.

Klanglich operiert der *PSP Wobbler* in einem hochspannenden Niemandsland. Wer das Plugin auf eine Spur legt, hört: einen feinen Hauch von Phaser, einen Schuss metallischen Flanger, einen subtilen, organischen Rotary-Vibe und darüber hinaus einen Schuss schwer quantifizierbaren Mojo. Es klingt kein anderes Plugin wie der Wobbler.

PSP DATAMIX A567 Review – Electric Ladyland im Plugin-Format: Der Sound von Hendrix’ Konsole

Credit Bild:© PSP Audioware
Es gibt Studios, die sind mehr als nur vier Wände voller Mikrofone, Outboard-Gear und einem Mischpult. Sie werden irgendwann selbst Teil der Musikgeschichte. Das Record Plant und das Electric Lady Studio von Jimi Hendrix gehören zweifellos zu dieser Kategorie. Hier wurden einige der prägendsten Aufnahmen der Rockgeschichte produziert – und ein Teil dieses unverwechselbaren Sounds entstand dabei nicht zuletzt durch eine ganz spezielle, heute fast schon obskure Studiokonsole: die Datamix. Genau dort setzt das Plugin Datamix A567 von PSP an.

Das Plugin basiert auf einer frühen Datamix-Konsole, jenem eigenwilligen Stück Studiotechnik, das unter anderem von Eddie Kramer während der goldenen Ära von The Record Plant und Electric Lady eingesetzt wurde. Kramer, der als Engineer und Producer an legendären Aufnahmen von Jimi Hendrix, Led Zeppelin, KISS und zahlreichen weiteren Künstlern beteiligt war, ist ein eIkone unter den Producern und ein Mann mit Golden Ears. Die Alben an denen er arbeitete zählen noch Jahrzehnte später zu den audiophilsten Releases der an großartig klingenden Aufnahmen nicht gerade armen Classic Rock-Ära.

Historisch und Legendär

Und genau dieser historische Kontext ist beim A567 nicht bloß Marketing-Folklore. Das Plugin ist offiziell von Eddie Kramer abgesegnet und endorsed. PSP AudioWare hat sich also nicht lediglich irgendeinen Vintage-EQ zum Vorbild genommen, sondern versucht, einen ganz konkreten Teil dieser historischen Studiotechnik und deren klangliche Eigenheiten in die DAW zu übertragen. Das Ergebnis ist ein Equalizer, der sich von Anfang an gegen eine Erwartung stellt, die wir von modernen digitalen EQs längst verinnerlicht haben: Neutralität. Denn der Datamix A567 will vieles sein: aber nicht neutral. Es ist dies auch eines der Haupt-Wesensmerkmale so vieler analoger Vintage-Gear die der Sound-Aficionado liebt und in Ehren hält

So ist der Datamix A567 absolut  kein chirurgischer Equalizer. Er ist nicht primär dafür gedacht, Probleme millimetergenau aus einem Signal herauszuoperieren. Er ist dafür da, Sounds eine Identität zu geben. Mojo und Vibe lautet hier die Devise. Gute Refernzkopfhörer bzw Monitorboxen offenbaren dann auch schnell: das Signal bekommt einen schwer definierbaren Sound.Bonus hinzugefügt: Das beginnt bereits dort, wo man eigentlich noch gar nichts macht. Denn der A567 ist so konzipiert, dass er selbst mit sämtlichen EQ-Bändern in der Nullstellung alles andere als neutral klingt. Schon das bloße Durchschleifen eines Signals verändert dessen Charakter hörbar. Preamp- und Output-Stages sorgen für zusätzliche Färbung und Nichtlinearitäten. Oder anders gesagt: Dieses Ding arbeitet, selbst wenn man „nichts“ machst.

Genau das macht den A567 für bestimmte Quellen zu einem potenziellen Always-On- beziehungsweise Go-To-Effekt. Besonders auf Gitarrenspuren ist das extrem spannend. Man muss nicht erst aggressiv an den Frequenzreglern drehen, um einen Unterschied zu hören. Der Charakter ist bereits Bestandteil des Systems.

Analog Vibe

Dreht man an den Reglern, passiert nicht einfach nur „mehr Höhen“ oder „weniger Mitten“. Es passiert quasi Attitude. Im Kern folgt das digitale Datamix-Plugin der Logik analoger Geräte, bei denen man mehr mit den Ohren als mit den Augen arbeitet. Gerade ungewöhnliche oder auf den ersten Blick radikale Einstellungen können deshalb genau das Richtige sein. Es geht weniger darum, eine vermeintlich perfekte Kurve zu erzeugen, sondern darum, den Punkt zu finden, an dem ein Signal sich plötzlich richtig anfühlt.

TASCHEN Summer Sale 2026: Coffee Table Books zur Hebung des "Shelf Esteem"

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Wenn der Taschen Verlag seine Bücher aufschlägt und den Sommer stilvoll schließt…

Es gibt Rituale, die den Spätsommer erst vollkommen machen. Noch bevor sich – frei nach Rilke – die langen Schatten über die Sonnenuhren legen und der Sommer "sehr groß" gewesen ist, richtet sich der Blick der Buchwelt auf einen Termin, der längst selbst beinahe Klassikerstatus genießt: der Sale des Kölner Luxusverlags Taschen.

Anfang September ist es also wieder offen, jenes seltene Zeitfenster, in dem große Kultur, ikonisches Design und außergewöhnliche Fotografie plötzlich erstaunlich erschwinglich werden (bis zu -75% Rabatt).

Wer also schon immer mit großen Fotografen wie David Bailey oder Mario Testino durch die Modegeschichte flanieren, den Meisterwerken der Renaissance begegnen, in den Villen der internationalen Jetsets verweilen oder hinter die Kulissen legendärer Filme von Martin Scorsese bis FRancis Ford Coppola blicken wollte, findet zwischen den monumentalen Seiten der Taschen-Bände ganze Universen.

Den Auftakt bildet die Preview Party am Mittwoch, 2. September, von 17 bis 20 Uhr bei dem die Taschen Flagship Stores ihre Türen für einen genussvollen Abend öffnen: Drinks, entspannte Musik und die exklusive Möglichkeit, noch vor dem offiziellen Verkaufsstart durch die begehrtesten Titel zu stöbern.

Wer also den Sommer mit etwas mehr Stil als einem letzten Strandtag verabschieden möchte, findet zwischen meterlangen Bücherregalen vielleicht genau jenes Objekt, das noch viele Jahre den Wohnzimmertisch schmückt.

Die Termine im Überblick

Sale in den Flagship Stores Berlin (Schlüterstraße 39) & Köln (Neumarkt 3)

Mittwoch, 2. September, bis Samstag, 5. September

Preview Party
Mittwoch, 2. September, 17 bis 20 Uhr
Mit Drinks und exklusiver Vorschau auf die Sale-Highlights.

Online-Sale
Donnerstag, 3. September, bis Sonntag, 6. September
unter
www.taschen.com

Credit Bild: © Taschen Verlag

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Dienstag, 21. Juli 2026

SYNAPSE AUDIO PROXIMA: Der unterschätzte Prophet im Plugin-Format

Credit Bild: © Synapse Audio
Dass sich Entwickler in der Welt der analoger Synthesizer-Emulationen vorrangig den unangefochtenen Monumenten der Musikgeschichte widmen, hat gute Gründe. Ein Prophet-5, ein Minimoog oder ein Jupiter-8 haben ganze Dekaden geprägt und ihren zeitlosen Status in der Studiowelt völlig zu Recht sicher. Doch abseits dieser Giganten schlummern in den Archiven der Synthesizer-Historie noch ganz andere, mitunter nicht minder spannende Instrumente. Mit dem Plugin Proxima richtet die deutsche Softwareschmiede Synapse Audio den Blick genau auf einen solchen klanglichen Schatz: den Sequential Circuits Prophet-600.

Im direkten Vergleich zum weitaus berühmteren großen Bruder, dem legendären Prophet-5, fristete der Prophet-600 in der öffentlichen Wahrnehmung ein Schattendasein. Dabei gebührt genau diesem Instrument ein historischer Ehrenplatz im Pantheon der Musiktechnologie: Als er Anfang der Achtzigerjahre auf den Markt kam, war er der allererste kommerzielle Synthesizer überhaupt, der eine serienmäßige MIDI-Schnittstelle aufzuweisen hatte. Zudem war er preislich deutlich erschwinglicher kalkuliert als der für viele unlesitbare Nobel-Kultsynth Prophet-5. Damit stieß er die Studiotüren weit auf und ebnete einer ganzen Generation von Musikern den Weg in die polyphone, vernetzte Studio-Zukunft.

Dunkle Schwere und Achtziger-Nostalgie

Dass Synapse Audio ein goldenes Händchen für die Rekonstruktion analoger Schaltkreise besitzt, haben sie in der Vergangenheit oft genug bewiesen – man denke an Hans Zimmers Cinematic Synth The Legend HZ oder ihre Oberheim-Emulation namens Obsession. Auch beim Proxima wird diese Expertise sofort spürbar. Jene charakteristische dunkle Bassigkeit und die physisch greifbare, analoge Schwere - die man getrost als klangliche Signature und Qualitätsmerkmal der Synthesizer-Designs von Synapse Audio bezeichnen darf - dominiert und zeichnet auch dieses Plugin in exemplarischer Weise aus. Der Proxima klingt nicht nach sterilem Code, er atmet den ungeschminkten, leicht unberechenbaren Geist echter Vintage Hardware.

Die popkulturellen Referenzen springen einen beim ersten Anspielen der Presets geradezu an. Die Synth-Pioniere der US-Band Mr. Mister sollen den Original-Synth angeblich intensiv bei ihrem Welthit „Kyrie“ eingesetzt haben - und exakt so klingt die Engine des Plugins auch: unverhohlen und kompromisslos nach den glorreichen Eighties. Das ist Nostalgie pur, allerdings ohne den typischen, dünnen Plastik-Beigeschmack.

Der „kleine“ Prophet

Hinter der nostalgischen Fassade verbirgt sich jedoch noch mehr: nämlich ein beachtliches Arbeitspferd für den modernen Studioalltag. Die dem Original inhärente Flexibilität wurde von Synapse Audio perfekt in die digitale Domäne übersetzt und erweitert, etwa um die bekannten Modulationseffekte des Herstellers.  Der Proxima erweist sich als erstaunlich vielseitiges Chamäleon: Charakteristische, wunderbar schräge „Faux Strings“, dichte, analog flirrende Pads und markerschütternde Bass-Strukturen, die im Low-End wunderbar aufräumen - hier ist schlicht alles da, was das Producer-Herz begehrt. Der Synth lädt mit seiner aufgeräumten Oberfläche dazu ein, zu experimentieren. Es ist faszinierend, wie mühelos der Spagat zwischen historisch akkurater Retro-Ästhetik und modernem, Mix-ready-Sounddesign gelingt. Jedes Filter-Routing und jede Modulationsstufe verhält sich so organisch, wie man es von erstklassigen analogen Emulationen erwartet.

Donnerstag, 16. Juli 2026

UVI RUMBLE Test: It’s all about The Bass

UVI Rumble Bass Synth GUI
Credit Bild: © UVI
Es ist eine grundlegende Wahrheit im weiten Feld der  Musik: Der Bass bildet meist das unumstößliche Fundament, die architektonische Basis, auf der viele  gelungene Produktion ruhen -  und das gilt ganz besonders im modernen „Synth Land“. Die Bandbreite dessen, was der tieffrequente Bereich heute leisten muss, ist gewaltig. Sie reicht von den federnden Basslines bis hin zu den dräuenden, von tiefem Unheil kündenden Akzenten des modernen Satzbettes im zeitgenössischen Scoring. Denken wir nur an John Carpenters minimalistische, unter die Haut gehende Pedal Tones, die pure Paranoia evozieren, oder im krassen Gegensatz dazu an jene markerschütternden Subs und rhythmischen Breaks, welche die aufgepeitschte Menge auf einem hippen Dance Festival zur Ekstase treiben. Bass und Synthesizer — das ist seit jeher eine symbiotische Verbindung, eine Liebesbeziehung der organischen Urgewalt.

Genau hier setzt die französische Softwareschmiede UVI mit ihrem neuesten Wurf Rumble an. Ein Instrument, das dezidiert dafür entwickelt wurde, den vielschichtigen Ansprüchen moderner Low-End-Ästhetik gerecht zu werden. Es geht um jenes physische Gewicht, den Punch, die messerscharfe Artikulation und die subtile Bewegung, die  bassgetriebene Musik heute zwingend verlangt. Um dieses Versprechen einzulösen, geht UVI architektonisch einen extrem ambitionierten Weg: Jedes Frequenzband wird strukturell als eigenständige, vollkommen autarke Synthesizer-Engine behandelt. Drei parallele Kraftwerke speisen hier am Ende einen einzigen, absolut monumentalen Gesamtsound.

Let’s get ready to RRRumble

Ähnlich sonor und markerschütternd wie Michael Buffers legendäre Intros im Boxring tönt auch das, was diese spezialisierte Bass-Maschine aus den Studiomonitoren drückt. Rumble ist kein Allrounder, sondern ein hochgradig fokussiertes, mächtiges und massives Werkzeug. Unter der elegant gestalteten Haube verbirgt sich ein beachtliches Arsenal an klangformenden Elementen: Neun hochentwickelte Oszillatormodelle treffen auf sechs hochpräzise Filterschaltkreise, flankiert von zehn flexiblen Effektketten und sage und schreibe 33 Modulationsquellen.

Das klangliche Gehirn dieses Plugins basiert auf einer dreigeteilten Architektur, die Frequenzen konsequent trennt und formt. Die drei Sektionen „Body“, „Character“ und „Air“ verfügen jeweils über ihren ganz eigenen Oszillator, einen dedizierten Waveshaper sowie maßgeschneiderte Effekte. Erst nach dieser individuellen Bearbeitung konvergieren die Signale im finalen Signalfluss und durchlaufen eine gemeinsame Filterstufe, einen präzisen Multiband-Kompressor und einen Master-EQ. Das Ergebnis dieses aufwendigen Layerings von Sub-, Mitten- und Hochfrequenzanteilen ist eine ungemein druckvolle, perfekt zusammengeschweißte klangliche Stimme, die sich im Mix sofort behauptet.

Rumble in the Jungle

Ob man nun im staubigen Untergrund des Deep Drum & Bass und Jungle operiert oder hochglanzpolierte Tracks für den kommerziellen House-Mainstream schraubt — *Rumble* erweist sich in fast jeder elektronischen Spielart als absoluter Budget-Tipp mit Premium-Charakter. Der Synth besitzt eine bemerkenswerte klangliche Modernität. Sounddesigner, die epische Scores für das Breitwand-Kino realisieren müssen, werden hier mit Leichtigkeit Patches kreieren, die von der bedrohlichen Ankunft eines außerirdischen Monsters in einem Sci-Fi-Spektakel künden. Die Attack-Zeiten sind knackig, das Low-End bleibt auch bei extremen Frequenz-Exkursionen stabil und verwaschene Phasenprobleme sucht man hier vergebens. Gleichzeitig zeigt sich das Plugin flexibel genug, um auch die urbanen Genres der Clubmusik mit der nötigen Portion Schmutz und Durchsetzungskraft zu bedienen.

Lieben Sie Braaams?

Der berühmte Romantiker hätte angesichts dieser Bassgewalt wohl schockiert das Weite gesucht, doch für den modernen Connaisseur feingetunter Verzerrung ist die integrierte „Fuzz Control“ ein wahres Fest. Wenn der Grundsound nämlich einmal nicht bissig oder „gnarly“ genug sein sollte, lässt sich das Signal über diese Sektion wunderbar anknuspern oder komplett in ein harmonisches Sättigungs-Nirwana treiben. Überhaupt lädt die Benutzeroberfläche dazu ein, das Feld der Bass-Sounds bis ins kleinste Detail zu customizen und zu tweaken. Die Modulationen greifen präzise, und dank der klugen Aufteilung der Frequenzbänder verliert man selbst bei drastischen Klangexperimenten nie das tonale Fundament im Frequenzkeller.

Donnerstag, 9. Juli 2026

BOGREN AMPKNOB DUET & FATMAN Test: Schwedischer Minimalismus trifft amerikanische Amp-Historie

Credit Bild: © Bogren Digital

Credit Bild: © Bogren Digital
Die schwedische Plugin-Schmiede Bogren Digital – das Brainchild des international renommierten Metal-Produzenten Jens Bogren – hat sich seit einigen Jahren einen exzellenten Namen im Bereich der Amp-Sims gemacht. Diese richteten sich bislang jedoch dezidiert an jene Fraktion, die in die Heavy- und kompromisslos verzerrte Schiene tendierte. Mit den neu erschienenen Plugins Fatman & Duet wagen sich die Skandinavier nun jedoch aus ihrer Komfortzone heraus und erstmals tief in klassisch kalifornische Gefilde – mitten hinein in den klanglich so sensiblen Bereich von Clean- und Edge-of-Breakup-Tones und Sounds fender´schen Zuschnitts.

Das ist zweifelsohne ein überaus interessanter, ja mutiger Schritt. Denn ebenso wie es bei einer akkuraten britischen Amp-Sim oder einem tight artikulierenden, rhythmischen Chug-Chug-High-Gain-Sound auf die allerletzten Nuancen und Details ankommt, so ist auch der klassisch amerikanische Bereich eine absolute Kunst für sich. Dieses ganz spezifische klangliche Biotop lebt von einem hochgradig subtilen Zusammenspiel: dem klassischen Klangideal nach Leo Fender, dem perfekten Reverb und jenen geradezu filigranen Schattierungen und dynamischen Übergängen, bei denen ein cleaner Ton bei härterem Anschlag ganz leicht in den Overdrive kippt.

Also holen wir die Stratocaster und Telecaster aus dem Koffer, stöpseln uns direkt ins Interface ein, wählen Pro Tools auf und werfen einen Blick auf zwei digitale Amps, die nach Verstärkern modelliert wurden, die Teil des Inventars von Bogrens eigenem Fascination Street Studio in Örebro sind.

Der Fatman: Prototypischer Tweed mit Reverb-Upgrade

Credit Bild: © Bogren Digital
Beginnen wir mit dem Fatman, der sich stilvoll in feinsten, wenngleich stark in Mitleidenschaft gezogenen Tweed-Bezug hüllt. Das skeuomorphisch enorm attraktiv und fotorealistisch gestaltete GUI orientiert sich unverkennbar am legendären Fender Bassman. Einem klassischen Röhrenverstärker, der – wie der Name schon unmissverständlich sagt – in den Fünfzigerjahren eigentlich für Bassisten entworfen wurde. Historisch gesehen wurde er jedoch eher selten von ebenjenen Tieftönern verwendet, sondern rasch von findigen Rock-’n’-Roller und Bluesern mit der Sechssaitigen adoptiert. Der Grund dafür lag schlicht in seiner ungemein gitarrenfreundlichen, warmen und durchsetzungsstarken Klangcharakteristik.

Während der Amp im historischen Original eigentlich keinen integrierten Federhall aufweist, wird er hier virtuell mit einem zusätzlichen Reverb ausgestattet(überdies kann man bei beiden dieser neuen Bogren-Plugins auch einen Room Reverb-Sound hinzumischen). Der „Haupt-Hall“ ist ein klassischer Federhall, „scheppert“ authentisch und erweitert den sehr direkten Bassman-Sound um eine wunderschöne, dreidimensionale Tiefe, die sofort für Atmosphäre sorgt. Wenn man den „Fatman“ spielt, merkt man sofort, dass Bogren den Fokus auf genau jenen prototypischen Bassman-Sound gelegt hat, der diesen Amp-Klassiker so berühmt gemacht hat: Es ist dieser aggressive, aber dennoch niemals schneidende Growl, der jeden Single-Note-Lick wie von selbst in den Vordergrund drückt. Beeindruckend ist, wie der Fatman auf die Dynamik des Anschlags reagiert. Es ist ein Sound, der von „tief und warm“ bis hin zu „dreckig und spitz“ alle Nuancen des klassischen Blues- und Rock-Spektrums abdeckt: das klingt nach Stones, Black Crowes, Buddy Guy.

Durch die der Ampknob-Reihe eigene  Reduktion auf ein Mindestmaß an Knöpfen sind nicht zwar alle Sounds, die man mit einem Fender-Tweed erreichen kann, möglich, woran auch der recht subtile, nicht tweakbare Boost nichts ändert. Den typisch kernigen Tweed-Sound fängt dieses Plugin dennoch gut ein.

Der Duet: Glockige Brillanz und die Philosophie der Reduktion

Credit Bild: © Bogren Digital
Das zweite Plugin im Bunde lehnt sich klanglich unmissverständlich an den legendären Blackface Twin Reverb an. Wo der Fatman eher in den rauen Mitten lebt, zeigt sich der Duet als absoluter Meister der glockigen, obertonreichen Brillanz. Bogren hat es geschafft, diese typische, fast schon hifi-artige Färbung des Originals einzufangen, die den Sound so groß, weit und dreidimensional wirken lässt.

Betätigt man den Boost-Schalter, bekommt das Signal eine seidige Kompression und einen dezenten Mitten-Push – ganz im Stile eines klassischen, sanft eingestellten Tubescreamers vor einem cleanen Amp. Der Duet liefert exakt jenen unfassbar weiten, perlenden Sound, der ihn zur ultimativen Pedal-Plattform im Studio macht. Selbstverständlich kann jedoch auch dieser cleane Riese wunderbar organisch in die Sättigung gefahren werden. Neben dem obligatorischen Spring- und Room-Reverb bringt der Amp zudem ein herrlich analoges Tremolo mit, das dem cleanen Fundament das finale Vintage-Finishing verleiht und sicher zu den Highlights dieses Plugins zählt. Cleane bis leicht angezerrte Akkorde und Single Note Lines - man denke etwa an das Americana-Genre -  klingen mit diesem Plugin großartig, wer jedoch den perfekten texanischen Blues Rock Sound inkl. prägnantem Mid Frequency-Push sucht, findet mit diesem Plugin eher nicht das perfekte Match.

Dienstag, 7. Juli 2026

XILS-LAB THE EIGHTY Test: Vangelis, Toto und der Klang des digitalen Olymps

Credit Bild: © XilsLab
Vangelis, Blade Runner, Chariots of Fire, Toto, Africa – das sind die Assoziationen, die einem sofort in den Sinn kommen, wenn man an Yamahas einstiges Synth-Flaggschiff, den legendären CS-80, denkt. Das Original beschritt seinerzeit völlig neue Wege. Für Vangelis war es schlicht der beste Synthesizer, der jemals gebaut wurde; er wurde Teil seines Signature-Sounds und lieferte dem Klangmagier sein eigenes, digitales Orchester. Steve Porcaro von Toto – die weltberühmten, so charakteristischen Brass-Sounds auf dem Welthit „Africa“ stammen beispielsweise von einem CS-80 – liebt diesen Synthesizer bis heute und verlieh ihm das Prädikat, besonders „musikalisch“ zu sein.

Und tatsächlich: Dem CS-80 wohnt ein Geist inne, den kaum ein anderes Instrument jemals wieder einfangen konnte. Der französische Plugin-Hersteller Xils-Lab hat nun seine eigene, digitale Emulation vorgelegt, die mit allen Eigenheiten, kleinen „Quirks“ und einem verblüffend analogen Klangbild aufwartet. Unter dem selbstbewussten Namen The Eighty offeriert dieser Synthesizer authentische CS-80-Sounds und zelebriert den Sound der späten Siebzigerjahre (1977 erblickte der Bolide das Licht der Welt) sowie der frühen Achtziger in einer Präzision, die den Puristen aufatmen lässt.

Der CS-80: Ein Monolith zwischen Pop und Filmmusik

Auch wenn der CS-80 auf diversen großen Pop-Produktionen zu hören ist, ein klassischer, leicht zu bändigender Pop-Synth ist er eigentlich nicht. Ihm wohnt immer etwas Cinematic inne. Sein Klang ist breit, organisch und wirkt fast schon lebendig – er „atmet“ in einer Weise, die moderne, klinisch reine VST-Instrumente oft vermissen lassen. XILS-lab hat eine Emulation geschaffen, bei der man in jeder Sekunde merkt, dass hier regelrechte Synthesizer-Maniacs am Werk waren, die das Original nicht nur als Datenblatt, sondern als Instrument verstanden haben.

Die Software-Version liefert eine schwindelerregende Anzahl an Reglern und ist mit so viel Liebe zum Detail erstellt worden, dass man sich beim ersten Laden der GUI fast schon in den Gorbals Sound Studios oder bei Vangelis im Heimstudio wähnt. Alles wirkt haptisch, alles wirkt nach einer Epoche, in der Synthesizer noch physikalische Monster waren, die man zähmen musste. Während andere Emulationen oft nur an der Oberfläche kratzen, hat XILS-lab die komplexe Architektur der zwei parallelen Synthesizer-Stimmen akribisch abgebildet. Man hört förmlich das Rauschen der virtuellen Komponenten, die feinen Instabilitäten der Oszillatoren, die dem Sound diese organische „Brüchigkeit“ verleihen, die man heute so schmerzlich vermisst. Es ist eben nicht nur ein statischer Sound, sondern ein lebendiges System, das auf jeden Druck auf das Modulationsrad und – sofern ein entsprechender Controller vorhanden ist – auf den polyphonen Aftertouch reagiert.

Die Architektur des Eigenwilligen: Handling und Spielweise

Das Original war ein eigenwilliger, äußerst komplexer Synthesizer, dessen spezifische Schiebeschalter und die archaisch anmutende Bedienoberfläche einiges an Übung erforderten, um wirklich komplexe Sounds zu kreieren. Der Softsynth von XILS-lab ist nun eine 1:1-Kopie – sowohl vom Design als auch vom spezifischen Handling. Wer hier schnelle „Preset-Hopping“-Erfolge sucht, wird zunächst vielleicht an seine Grenzen stoßen, denn dieses Plugin möchte erlernt werden.

Doch genau das ist seine Stärke: Er erzwingt eine Beschäftigung mit der Materie. Wer die Funktionsweise der zwei parallelen Synthesizer-Stimmen, der Ringmodulation und der berühmten, polyphonen Aftertouch-Steuerung verstanden hat, wird mit Texturen belohnt, die an organischer Tiefe kaum zu überbieten sind. Die Schiebeschalter und Regler reagieren dabei so direkt, wie man es von einem modernen Plugin kaum erwartet – die Programmierung eines Sounds fühlt sich hier fast schon wie eine haptische Erfahrung an.

Was The Eighty von anderen Emulationen abhebt, ist die Art und Weise, wie die verschiedenen Ebenen des Sounds ineinandergreifen. Man kann hier nicht einfach „Presets durchklicken“ – man muss verstehen, wie der CS-80 funktioniert, um seine volle Magie freizusetzen. Es ist ein Instrument für Entdecker. Die subtile Modulation, die man über die unzähligen Schieberegler im „Performance“-Bereich erreicht, ermöglicht es, den Klangcharakter während des Spielens völlig zu transformieren – von einem sanften, fast flüsternden Pad bis hin zu einem brachialen, röhrenden Brass-Sound, der durch Mark und Bein geht. Die Lernkurve ist steil, das ist unbestritten, aber der Lohn für diese Mühe ist eine klangliche Souveränität, die man sonst nur bei analogen Veteranen findet. Man lernt hier nicht nur ein Plugin kennen, man lernt die Philosophie der klassischen Synthese.

Modernisierung in homöopathischen Dosen

Um den Ur-Synth für den modernen Workflow zu rüsten, wurde er mit einigen wenigen, aber sehr durchdachten Änderungen erweitert. Es gibt eine Handvoll Effekte wie Reverb oder Phaser; diese verfälschen den Grundsound jedoch zu keinem Zeitpunkt. Sie sind optional und zudem eher dezent abgestimmt. Für manche User mag das mitunter fast zu dezent sein – wer dramatischere oder extremere FX wünscht, muss sich zwangsläufig anderer Plugins als Ergänzung bedienen.

Montag, 6. Juli 2026

GFORCE SEQUENTIAL PROPHET-5 Test: Prophetische Klangoffenbarungen

Credit Bild: © GForce Software
Im Land der Synthesizer gibt es Instrumente – und es gibt Legenden. Der Sequential Prophet-5 gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Dave Smiths Meisterwerk aus dem Jahr 1978, ein polyphoner Synthesizer mit extrem charakteristischem Sound, hat die Geschichte elektronischer Musik nachhaltig geprägt. Er war nicht nur einer der ersten programmierbaren Poly-Synthesizer überhaupt, sondern revolutionierte den gesamten Markt durch eine Idee, die heute selbstverständlich erscheint: Presets. Während Musiker zuvor Regler fotografierten oder sich Kabelwege notierten, um Sounds später reproduzieren zu können, genügte beim Prophet plötzlich ein Tastendruck. Was heute banal klingt, war damals nichts weniger als eine Zeitenwende. Der Rest ist Geschichte. Michael Jackson, Madonna, Peter Gabriel, Dr. Dre oder John Carpenter – sie alle setzten diesen Synth ein und machten den Prophet zu einem Teil ihrer musikalischen DNA. Der Prophet-Sound wurde zum Sound ganzer Jahrzehnte. Und nun ist dieser Synth als Plugin von der britischen Edel-Schmiede GForce Software erschienen.

Eine Premiere

Nun ist dies beileibe nicht die erste digitale Version eines Prophet-5, einige  andere  Hersteller haben sich bereits an diesem Monument versucht. Dennoch besitzt die Veröffentlichung von GForce Software einen besonderen Stellenwert. Denn erstmals überhaupt entstand eine offizielle Software-Emulation in direkter Zusammenarbeit mit Sequential. Und das macht einen Unterschied. GForce hat sich bereits mit seinen hervorragenden Oberheim-Emulationen für Furore gesorgt. Nun widmeten sie sich einem weiteren Platzhirsch mit absolutem Legendenstatus – und zwar nicht als bloße Interpretation, sondern eben mit dem offiziellen Segen der Marke selbst.

Ich persönlich hatte bislang stets ein ambivalentes Verhältnis zu Prophet-Emulationen. Obwohl der Prophet-5 zweifellos zu den ikonischsten Synthesizern überhaupt zählt und ich seinen Sound prinzipiell liebe, konnten mich viele digitale Interpretationen nie vollständig überzeugen. Sein Klang ist schlicht zu speziell, zu eigen, zu sehr mit einer bestimmten Vorstellung von „analoger Gravitation“ verbunden. Er besitzt eine Schwere, die man sofort erkennt. Er klingt mächtig, bassbetont, fast schon holzig. Der Prophet besitzt etwas Erdiges, Dunkleres, weniger Poliertes. „Wood Lo-Fi“ wäre die treffendste Beschreibung für diesen Signature-Sound. Er klingt nie geschniegelt oder klinisch perfekt. Vielmehr vermittelt er das Gefühl eines Instruments, dessen Schaltkreise tatsächlich arbeiten, atmen. Genau diese Qualität in die digitale Welt zu transportieren, gehört zu den schwierigsten Aufgaben überhaupt.

Credit Bild: © GForce Software

Authentisch Vintage und mehr

Schon nach wenigen Minuten mit diesem Plugin – bzw. seinem init-Preset, fällt auf, wie sorgfältig GForce gearbeitet hat. Die Entwickler reproduzieren nicht einfach irgendeinen Prophet-5, sondern gleich mehrere historische Evolutionsstufen. Rev1 und Rev2 mit ihren legendären SSM-Filtern besitzen diese cremige, beinahe schmelzende Wärme, die Pads und Brass-Sounds eine unverwechselbare organische Tiefe verleiht. Die spätere Rev3-Version mit Curtis-Chips liefert dagegen mehr Punch, etwas mehr Definition und einen leicht strafferen Grundcharakter.

THE CROW HILL COMPANY CRYSTAL & BRACKISH PADS Test: Zwischen gläserner Reinheit und schmutziger Patina

Credit Bild: © Crow Hill Company
Pads – also jene lang anhaltenden, zumeist sanft schwebenden Flächensounds – sind ein absoluter Standard, ein unverzichtbarer musikalischer „Staple“ im Synth-Bereich. In ihrer Reinform dienen sie primär dazu, einen dichten musikalischen Hintergrund zu weben, eine emotionale Atmosphäre zu etablieren oder harmonische Flächen zu erzeugen, die den restlichen Instrumenten ein solides Bett bieten. Sie zeichnen sich in der Regel durch extrem langsame Ein- und Ausblendzeiten (Attack und Release), enorm breite, raumfüllende Klangspektren und oftmals subtil modulierte Klangverläufe aus. Dementsprechend exzessiv werden Pads in der zeitgenössischen elektronischen Musik, im Ambient, im Pop und ganz besonders in der modernen Filmmusik eingesetzt, um klangliche Tiefe, psychologische Stimmungen und eine greifbare räumliche Wirkung zu erschaffen.

Die Kehrseite: Ein richtiges gutes Pad zu kreieren ist leichter gesagt als getan, denn im besten Fall soll es schließlich nicht völlig statisch oder digital leblos klingen. The Crow Hill Company legt mit den diametral unterschieldich gelagerten Plugins  „Crystal Pads“ und dem brandneuen „Brackish Pads“ gleich zwei atmosphärische Werkzeuge, die klangliche Kontraste bedienen, aber in ihrer grundsätzlichen DNA vereint sind: Sounddesign darf niemals starr sein, es muss organisch klingen.

Crystal Pads: Gläserne Klang-Architektur

Als kleiens Sequel zum von John Crapenetr inspirierten „Crystal Pianos“-Release – bei dem gewöhnliche Haushaltsgläser mittels einer bahnbrechenden Methode (dem sogenannten „Shepperd Mapping“) zu voll spielbaren, chromatischen Instrumenten transformiert wurden – folgt nun der nächste logische Schritt in dieser klanglichen Evolution. Crystal Pads ist ein virtuelles Instrument, das die kompromisslose organische Macht der Sample-Synthese nutzt, um aus profanen Glasobjekten lebendige, tief atmende Klangwelten zu formen.

Was dieses Instrument radikal von generischen, digitalen Synthesizer-Flächen unterscheidet, ist die schiere harmonische Komplexität seiner unkonventionellen Quelle. Aufgenommen in den renommierten Gorbals Sound Recording Studios im schottischen Glasgow (unter der Verwendung eines äußerst edlen Neumann-Mikrofon-Setups, bestehend aus U 87, KM 84 und KM 184), fängt das Plugin die spezifische, fast schon physische Resonanz von 18 verschiedenen Glasobjekten ein. Das Resultat ist eine erstaunliche akustische Lebendigkeit. Diese organischen Texturen verbinden sich im finalen Mix natürlich, nd unaufdringlicher mit echten Orchesterinstrumenten oder akustischen Gitarren.

Unter der spartanischen, aber optisch schön gestalteten Haube stellt das Plugin dem User insgesamt 48 sorgfältig kuratierte Pads zur Verfügung (aufgeteilt in 16 Basis-Sets). Die eigentliche Magie liegt jedoch in der dreigliedrigen Architektur. Jedes Preset besteht aus drei völlig unabhängig voneinander kontrollierbaren und stimmbaren Layern (von Crow Hill „Partials“ getauft):

Fundamental: Die klangliche Basis. Hier liegen die satten, unerschütterlich stabilen Grundtöne, die das musikalische Fundament gießen.

Harmonic: Diese Ebene addiert komplexe Obertöne und einen klanglichen Reichtum, der dem Sound seine eigentliche Tiefe und cineastische Textur verleiht.

Genies: Die personifizierte Unberechenbarkeit. Hier verbergen sich gläserne, unerwartete Überraschungen und Artefakte. Diese Layer tauchen eher episodisch auf, durchbrechen lange, monotone Loops mit unvorhersehbaren Momenten und hauchen dem Sound eine lebendige Unberechenbarkeit ein, ohne dass das Plugin den kompositorischen Fluss diktiert.

Natürlich: Trotz dieser Tweaking-Möglichkeiten ist dieses Pads-Plugin eines, das – wie schon das Crystal Piano – extrem subtil ist, manchen wohl sogar zu subtil. Extreme Variationen, wie man sie von den Pads moderner Synths oder komplexen Vintage-Synthesizern kennt, bekommt man hier nicht. Auch ist der Anwendungsbereich ex consequenti eher beschränkt. Wer jedoch auf „Glassiness“ steht und eine LoFi-artige Ambient-Ästhetik in die eigenen Recordings bringen möchte, wird mit diesem günstigen Plugin durchaus glücklich werden – und vielleicht springt dabei sogar der eine oder andere Funke kristallklarer Inspiration über.

Brackish Pads: Die charmante Unvollkommenheit als narratives Werkzeug

Credit Bild: © Crow Hill Company
Als massiven, düsteren Gegenentwurf zur kristallinen, fast schon engelsgleichen Reinheit schiebt Crow Hill nun Brackish Pads hinterher. Wenn der Vorgänger das Licht bricht, suhlt sich dieser Neuzugang förmlich in der akustischen Dunkelheit und klanglichen Patina. Ebenfalls entwickelt von Crow Hill-Mitbegründer Media-Composer Christian Henson, repräsentiert diese Library die rohen, ungeschönten Werkzeuge seines eigenen Studioalltags. Hensons Kerngedanke ist so simpel wie bestechend: Filmmusik soll in erster Linie Geschichten erzählen und narrative Bögen stützen – und menschliche Erzählstrukturen, Gedanken und Sprachmuster sind in der Realität niemals aalglatt oder makellos. Sie stottern, sie zögern, sie sind voller Brüche und Unschärfen.