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| Credit Coverbild: © Taschen Verlag |
Konturen lösen sich auf, Farben verschwinden, Schatten werden zu Flächen und selbst bekannte Orte scheinen für einen Moment einer anderen Zeit anzugehören. Gerade der Vollmond besitzt dabei eine besondere Kraft: Er macht die Nacht sichtbar, ohne ihr ihre Dunkelheit vollständig zu nehmen. Darren Almond nimmt diese besondere Qualität des Mondlichts zum Ausgangspunkt für seine Werke. Im Taschen-Bildband Fullmoon sind nun seine Fotosafaris verein: eine fotografische Reise, in der nicht nur Landschaften, sondern auch Zeit und Wahrnehmung eine zentrale Rolle spielen und der Betrachter Zeuge einer Zwischenwelt aus Sichtbarem und Verborgenem wird.
Dieses besondere Licht wird in Fullmoon zum eigentlichen Protagonisten. Almond begibt sich auf eine nächtliche Reise rund um den Globus, bei der Landschaft plötzlich nicht mehr nur Ort, sondern auch Erinnerung, Zeit und Projektion wird.
Denn obwohl es sich bei den mehr als 370 Fotografien in diesem Buch um Berge, Flüsse, Küsten, Wiesen, Eisfelder und Wälder handelt, ist dies kein klassischer Bildband über spektakuläre Natur. Almond interessiert sich weniger für das Postkartenmotiv als für den Moment, in dem sich Landschaft, Zeit und Wahrnehmung gegenseitig auflösen. Der Vollmond ist dabei nicht einfach eine Lichtquelle, sondern so etwas wie ein fotografisches Werkzeug
Genau hier liegt die eigentliche Faszination von Fullmoon. Almond arbeitet mit extrem langen Belichtungszeiten von mehr als einer Viertelstunde; dadurch entstehen Bilder, die auf den ersten Blick fast wie Aufnahmen im Morgengrauen wirken. Doch irgendetwas stimmt nicht. Das Licht ist zu weich, die Schatten zu präsent, der Himmel gleichzeitig von feinen Sternenlinien durchzogen. Wasser bekommt eine beinahe neblige, schaumartige Struktur, während Felsen, Wiesen und Berge ihre normale fotografische Materialität verlieren. Die Landschaft wirkt dadurch weniger dokumentiert als erinnert – als hätte jemand versucht, sich einen Ort vorzustellen, an dem er einmal gewesen ist, ohne noch ganz sicher zu sein, wann.
Und natürlich ist genau das kein Zufall. Almond beschäftigt sich als Konzeptkünstler seit vielen Jahren mit Erinnerung, Kulturgeschichte und Zeit; Fullmoon verbindet diese Themen auf ausgesprochen elegante Weise mit einer romantischen Vorstellung von Natur. Allerdings ist diese Romantik nicht einfach rückwärtsgewandt. Almond fotografiert keine idyllische Welt, in der der Mensch noch im Einklang mit der Natur lebt, sondern untersucht vielmehr, wie wir Landschaft heute überhaupt noch wahrnehmen. Zwischen Nationalpark, Reisefotografie, Naturdokumentation und romantischer Malerei entsteht ein eigenartiger Schwebezustand. Man erkennt die Orte – und erkennt sie gleichzeitig nicht wieder.
Das macht auch die geografische Spannweite des Buches so interessant. Von Yosemite über Patagonien und die Alpen bis zur japanischen Küste und der englischen Heide reicht diese nächtliche Reise rund um den Globus. Es gibt majestätische amerikanische Berglandschaften, karge arktische Eisfelder, Felsen am Meer und immer wieder die vergleichsweise unspektakulären, vertrauten Landschaften Großbritanniens. Gerade diese Mischung verhindert, dass Fullmoon zu einem simplen Best-of spektakulärer Naturaufnahmen wird. Almond interessiert sich offensichtlich nicht nur für das Monumentale. Ein Stück Wiese, ein dunkler Hang oder ein stiller Küstenabschnitt kann ihm genauso wichtig sein wie ein Bergmassiv. Entscheidend ist nicht die Größe des Motivs, sondern seine Fähigkeit, im Mondlicht eine andere Identität anzunehmen.

















