Freitag, 16. Oktober 2026

SOUNDTHEORY GULLFOSS Test – Intelligentes Mixing & Mastering

Credit Bild: © Soundtheory
Der Gullfoss ist ein Wasserfall in Island. Malerisch, beinahe mystisch und mit seinen gewaltigen Wassermassen eine der eindrucksvollsten Naturerscheinungen der Insel. Doch um geografische Explorationen im Stile von National Geographic soll es in diesem Review natürlich nicht gehen. Der Plugin-Namensvetter des Wasserfalls besitzt allerdings eine Eigenschaft, die man gemeinhin mit Wasserfällen verbindet: Kristallklarheit.

Dieses Attribut gilt gerade in der kritischen Endphase des Mixing und Mastering als eine Art Heiliger Gral – oft gesucht, nicht immer gefunden. Denn Muddy Mixes, verwaschene Texturen, konkurrierende Frequenzen und jener letzte Feinschliff, der aus einer guten Homestudio-Produktion einen Track macht, der auch auf einem kommerziellen Release bestehen kann, sind eine Kunst für sich. Mitunter entscheiden schließlich wenige Dezibel an den richtigen Stellen darüber, ob ein Mix lediglich laut und voll oder tatsächlich groß, transparent und professionell klingt.

Die Audiospezialisten von Soundtheory haben es sich mit Gullfoss zur Aufgabe gemacht, einen beträchtlichen Teil dieses mühsamen Prozesses zu vereinfachen. Das Herzstück bildet ein intelligenter, in Echtzeit arbeitender Equalizer, der sich erheblich von den üblichen Vertretern seiner Zunft unterscheidet. Statt lediglich vorgegebene Frequenzkorrekturen abzuarbeiten, analysiert Gullfoss das Audiomaterial fortlaufend und passt seine Bearbeitung an das tatsächlich Gehörte an.Oder anders formuliert: Gullfoss hört aktiv zu.

Hör mir doch einfach zu!

Wenn ich bei einem klassischen EQ bestimmte Frequenzen anhebe, absenke oder mit einem schmalbandigen Cut bearbeite, bleibt diese Einstellung zunächst bestehen. Egal, ob gerade eine Sängerin, ein Gitarrensolo oder ein ganzes Orchester im Vordergrund steht – der EQ erledigt gewissenhaft das, was ich ihm aufgetragen habe. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen. Schließlich beruht ein erheblicher Teil der Audioproduktion genau auf dieser Form gezielter Klanggestaltung.

Soundtheory Gullfoss verfolgt allerdings einen grundlegend anderen Ansatz. Die Software basiert auf einem komplexen mathematischen Modell unserer menschlichen Hörwahrnehmung und untersucht, welche Signalbestandteile andere verdecken beziehungsweise überlagern. Dieses Phänomen nennt sich frequenzabhängige Maskierung und begegnet uns beim Mixing praktisch ständig. Eine dominante Gitarrenwand kann etwa feinere Details der Vocals verschlucken, während überbetonte untere Mitten einem Arrangement jene Transparenz nehmen, die es eigentlich besitzen könnte.

Gullfoss versucht, genau solche Ungleichgewichte auszugleichen, ohne dass der Anwender jede problematische Frequenz erst mühsam selbst identifizieren muss. Dafür wird die EQ-Kurve laut Hersteller mehr als 300-mal pro Sekunde angepasst. Hinter der vergleichsweise unspektakulären Benutzeroberfläche steckt also eine ausgesprochen komplexe Signalverarbeitung, die ihre Entscheidungen permanent an das musikalische Geschehen anpasst.

Interessanterweise handelt es sich dabei nicht um ein gewöhnliches KI- oder Machine-Learning-System, auch wenn der Begriff „intelligent“ zunächst genau das vermuten lässt. Soundtheory setzt vielmehr auf ein eigens entwickeltes psychoakustisches Wahrnehmungsmodell. Gullfoss orientiert sich somit nicht einfach an einer vorgefertigten Ideal-EQ-Kurve, sondern an den tatsächlichen Verhältnissen innerhalb des Signals.

Das klingt zunächst ziemlich theoretisch und komplrx. In der Praxis ist die Sache erfreulich unkompliziert.

Recover und Tame

Fünf wesentliche Parameter bestimmen die Klangbearbeitung: RECOVER, TAME, BIAS, BRIGHTEN und BOOST. Dazu kommen eine dynamische Frequenzanzeige, Eingangs- und Ausgangspegel sowie die Möglichkeit, den zu bearbeitenden Frequenzbereich gezielt einzugrenzen.

Die beiden wichtigsten Regler heißen RECOVER und TAME. Ersterer hebt jene Klanganteile hervor, die von anderen Frequenzen verdeckt werden. TAME arbeitet gewissermaßen von der anderen Seite und nimmt besonders dominante Signalbestandteile zurück, damit der Rest wieder mehr Platz bekommt. Beide Prozesse ergänzen sich und können gleichzeitig eingesetzt werden.

Mit BIAS lässt sich beeinflussen, wie Gullfoss zwischen diesen beiden Bearbeitungsrichtungen gewichtet. BRIGHTEN verändert die tonale Balance in Richtung eines helleren oder dunkleren Klangbildes, während BOOST nicht einfach die Lautstärke erhöht, sondern die wahrgenommene Frequenzverteilung verändert. Mehr Boost bedeutet dabei tendenziell ein kräftigeres Bassfundament bei zurückgenommenen Mitten.

Besonders angenehm ist, dass Gullfoss die wahrgenommene Lautheit weitgehend konstant hält und die Dynamikstruktur des Ausgangsmaterials bewahren soll. Das erleichtert den A/B-Vergleich erheblich, weil man nicht automatisch den lauteren Sound für den besseren hält – eine der ältesten Fallen im Recording-Business.

Die Bedienung bleibt trotz dieser Möglichkeiten erfreulich intuitiv. Man muss weder eine komplexe Multiband-Matrix verstehen noch unzählige Frequenzpunkte setzen, um ein brauchbares Ergebnis zu erzielen. Gleichzeitig erlauben die verschiebbaren Frequenzgrenzen gezielte Eingriffe, wenn beispielsweise nur ein bestimmter Teil des Spektrums bearbeitet werden soll.

Vom Muddy Mix zum klaren Klangbild

Und wie klingt das Ganze nun? Erstaunlich gut. Denn der größte Reiz von Gullfoss liegt weniger darin, eine Aufnahme spektakulär zu verändern, als vielmehr darin, bereits vorhandene Qualitäten hörbar zu machen. Ein etwas verhangener Mix gewinnt an Kontur, Instrumente scheinen besser voneinander getrennt und selbst feinere Details treten deutlicher hervor, ohne dass das Resultat zwangsläufig übertrieben hell oder künstlich bearbeitet wirkt.

Gerade bei komplexen Arrangements ist das eine ausgesprochen angenehme Eigenschaft. Wenn Gitarren, Synthesizer, Streicher, Bass und Schlagzeug um denselben begrenzten akustischen Raum konkurrieren, kann Gullfoss helfen, die einzelnen Elemente besser zur Geltung zu bringen. Nicht dadurch, dass plötzlich jedes Instrument lauter wird, sondern weil störende Überlagerungen reduziert werden.

Für mich liegt genau darin die eigentliche Magie des Plugins. Es erzeugt nicht einfach zusätzliche Brillanz nach dem Prinzip „mehr Höhen gleich besserer Sound“, sondern arbeitet wesentlich differenzierter. Der Mix wirkt aufgeräumter, offener und gewinnt mitunter an räumlicher Tiefe, ohne seinen ursprünglichen Charakter vollständig zu verlieren.

Dabei ist Gullfoss keineswegs ausschließlich für die Stereosumme gedacht. Auch auf Vocals, Gitarren, Drums, einzelnen Instrumentengruppen oder orchestralen Produktionen lässt sich die Software ausgesprochen sinnvoll einsetzen. Gerade bei dicht arrangierten Filmmusik-Tracks, in denen synthetische und akustische Klangquellen aufeinandertreffen, kann eine solche frequenzabhängige Entflechtung besonders interessant sein.

Natürlich sollte man den Algorithmus trotzdem nicht mit einer universellen Wunderwaffe verwechseln. Ein grundsätzlich schlecht ausbalancierter Mix bleibt auch mit Gullfoss ein schlecht ausbalancierter Mix – möglicherweise nur ein etwas transparenterer. Und wer die Regler allzu beherzt aufdreht, riskiert, dass die Software stärker in das Klangbild eingreift, als musikalisch sinnvoll wäre.

Weniger ist deshalb häufig mehr. Besonders dann, wenn bereits ein solides Mixing-Fundament vorhanden ist.

LOGICKEYBOARD TITAN PRO TOOLS Test: Mehr Musik, weniger Umwege

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In so gut wie jedem professionellen Studio dieser Welt findet man den unbestrittenen Industriestandard unter den Recording-Softwares: Pro Tools, die Pionier-DAW von Avid. Der Autor dieser Zeilen ist – ist – wie hier im ausführlichen Pro Tools Ultimate Test nachzulesen ist – selbst großer Fan dieser Software, die ihrem Namen alle Ehre macht

Allerdings gehört zum professionellen Arbeiten auch, die Möglichkeiten eines solchen Programms möglichst unmittelbar unter den Fingern zu haben.Und genau hier wird ein Stück Studio-Equipment interessant, das neben Mikrofonen, Audio-Interfaces und den neuesten Plugins vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit bekommt: die Computertastatur. So findet man in mindestens ebenso vielen Studios inzwischen auch speziell auf die jeweilige Software zugeschnittene Tastaturen.

Wer täglich aufnimmt, editiert und mischt, verbringt schließlich einen beträchtlichen Teil dieser Zeit damit, Befehle auszulösen. Ein Fenster wechseln, einen Clip schneiden, die Aufnahme starten, eine Auswahl verändern – lauter kleine Handgriffe, die möglichst selbstverständlich ablaufen sollten. Muss man zwischendurch überlegen, welche Tastenkombination jetzt gefragt war, oder sich durch Menüs bewegen, gerät der kreative Fluss schnell ins Stocken.

Entsprechend sinnvoll sind speziell auf die jeweilige Software zugeschnittene, farblich codierte Tastaturen. Ihr Prinzip ist ebenso einfach wie ausgeklügelt: Die Beschriftung und die farbliche Hervorhebung macht wichtige Shortcuts direkt auf den Tasten sichtbar und bindet die Hardware damit enger in den Software-Workflow ein.

Eine solche Tastatur kommt vom dänischen Hersteller Logickeyboard. Die hier getestete TITAN für Avid Pro Tools für Windows verbindet dieses Konzept mit Hintergrundbeleuchtung sowie USB- und Bluetooth-Betrieb. Und sie liegt gerade vor mir, während ich diese Zeilen tippe.

Stellt sich die Frage: Kann eine DAW-Tastatur den Studio-Workflow tatsächlich verändern?

Shortcuts statt Maus- und Tastenkombinationsakrobatik

Wer regelmäßig mit Pro Tools arbeitet, kennt das Problem: Die Software ist mächtig, entsprechend umfangreich fällt die Zahl ihrer Tastaturbefehle aus. Vieles davon geht irgendwann in Fleisch und Blut über. Andere Shortcuts kennt man zwar theoretisch, sucht sie im entscheidenden Moment aber trotzdem im Menü.

Genau hier setzt Logickeyboard an. Die TITAN trägt mehr als 70 Pro-Tools-Shortcuts auf ihren Tasten. Beschriftung und Farbcodierung helfen dabei, sich im Befehlsvorrat der DAW zu orientieren. Technisch bleibt sie eine reguläre Computertastatur; ihre besondere Stärke liegt darin, die vorhandenen Steuerungsmöglichkeiten von Pro Tools unmittelbar sichtbar zu machen.

Das ist ein kleiner, aber nicht zu unterschätzender Unterschied. Man muss sich nicht jederzeit an jede einzelne Funktion erinnern. Häufig genügt ein Blick auf das Layout, um den gesuchten Befehl wiederzufinden und direkt auszuführen.

Und das erleichtert die Arbeit ungemein – so sehr, dass man sich schon nach kurzer Zeit fragt, weshalb man eigentlich so lange ohne Shortcut-Keyboard gearbeitet hat.

Letztlich geht es  um jene wiederkehrenden Bedienvorgänge, die sich über einen langen Recording-, Editing- oder Mixing-Tag summieren. Ein Tastendruck statt Menüsuche, ein griffbereiter Befehl statt eines weiteren Weges über den Bildschirm: Jede einzelne Abkürzung mag unspektakulär wirken. In ihrer Gesamtheit verändern sie den Arbeitsfluss durchaus.

Gerade beim Editing wird das interessant. Wer viele Takes schneidet, Clips bearbeitet, Spuren organisiert oder zwischen Werkzeugen und Ansichten wechselt, entwickelt ohnehin seine persönliche Shortcut-Routine. Das Logickeyboard unterstützt diese Arbeitsweise und macht zugleich auf Befehle aufmerksam, die bislang vielleicht noch gar nicht zum eigenen Repertoire gehörten. Ein echtes Pro-Tools-Tool also.

Das Handling: Erstaunlich schnell selbstverständlich

Das Handling ist intuitiv, weil man sich grundsätzlich in vertrautem Terrain bewegt. Eine Computertastatur muss man schließlich nicht erst bedienen lernen. Auch die TITAN benötigt keine speziellen Treiber; sie wird per USB oder Bluetooth verbunden und als normale Tastatur verwendet.

Die Eingewöhnung betrifft vor allem die zusätzliche Beschriftung und die farbliche Orientierung. Nach kurzer Zeit beginnt man, bestimmte Funktionen automatisch an ihrer Position wiederzufinden. Aus dem anfänglichen Nachsehen wird allmählich eine Handbewegung, über die man kaum noch nachdenkt.Natürlich bleiben die Bedienregeln von Pro Tools erhalten. Manche Befehle benötigen weiterhin zusätzliche Tasten wie Strg, Alt oder Shift.

Der Charme des Logickeyboards liegt dagegen darin, sich in eine ohnehin bestehende Arbeitsweise einzufügen. Man ersetzt seine gewohnte Tastatur und bekommt genau dort zusätzliche Orientierung, wo die Hände bereits arbeiten.

Das ist bei Studio-Hardware keineswegs selbstverständlich. Ein Produkt kann auf dem Papier noch so sinnvoll sein: Verlangsamt oder verkompliziert es den Ablauf, verschwindet es nach kurzer Zeit wieder vom Schreibtisch. Hier ist das Gegenteil der Fall. Die TITAN wird erstaunlich schnell selbstverständlich.

Verarbeitung und Design

Credit Bild: © 6strings24frames

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Haptisch und optisch hat man es hier fraglos mit einem Premium-Produkt zu tun. Das ist ein professionelles Werkzeug mit Stil. Schon die attraktive Verpackung vermittelt einen wertigen ersten Eindruck, den die Tastatur selbst dann ohne Weiteres bestätigt.

Das TITAN-Design ist schlichtweg sexy: flach, aufgeräumt und mit einem titangrauen Gehäuse, auf dem sich die farbigen Tasten deutlich abheben. Die Beschriftung wirkt wie ein integraler Bestandteil des Produkts. Das gesamte Erscheinungsbild passt zu einem Arbeitsgerät, das seinen festen Platz im Studio beansprucht.

Das Aluminiumgehäuse und die flachen Tasten mit Scherenschalter-Mechanik bilden die konstruktive Grundlage. Die Bauhöhe beträgt lediglich rund 13 Millimeter. Im Gebrauch vermittelt das Keyboard ein präzises, angenehm direktes Tippgefühl. Es ist flach, ohne dabei billig oder klapprig zu wirken.

Diese Qualität ist im Alltag mindestens ebenso wichtig wie die aufgedruckten Shortcuts. Eine Tastatur liegt permanent vor einem, wird unzählige Male am Tag berührt und muss sich auch dann gut anfühlen, wenn gerade keine Session läuft.

Wie eingangs angedeutet, habe ich einen Großteil dieses Reviews tatsächlich auf der TITAN geschrieben. Nach einer kurzen – und ich betone: wirklich kurzen – Umgewöhnung funktioniert auch das Tippen von Fließtext tadellos. Die voneinander abgesetzten Chiclet-Tasten bieten genügend Orientierung, um zwischen Tracknamen, Session-Notizen, E-Mails und längeren Absätzen zu wechseln.

Mittwoch, 14. Oktober 2026

KEYSOLUTIONS SOUNDS TRAVELER Test – Ein Cinematic Synth auf Klangreise

Credit Bild: © KeySolutions
Synthesizer und Kino – das ist eine Liaison, die Filmgeschichte geschrieben hat und zusammenpasst wie Leinwand und Licht. Schwebende Pads, synthetische Brass-Fanfaren, pulsierende Sequenzen und jene tiefen Drones, bei denen schon vor dem ersten Bild klar ist, dass gleich etwas Bedeutendes passieren wird: Elektronische Klänge sind fester Bestandteil des musikalischen Vokabulars des Films.

Ihre Stärke liegt dabei auch in ihrer Wandlungsfähigkeit. Ein Synthesizer kann eine Melodie tragen, einen Raum andeuten oder etwas hörbar machen, für das es im Orchester kein unmittelbar passendes Instrument gibt. Insofern wohnt beinahe jedem Synth etwas Cinematisches inne. Man muss es ihm nur entlocken.

Dass ein neues Instrument allerdings ausdrücklich als Cinematic Hybrid Synth angekündigt wird, macht dennoch neugierig. Welche Eigenschaften sollen es für die große Leinwand prädestinieren? Besonders üppige Presets? Viel Hall? Oder Möglichkeiten, mit denen sich ein Klang ähnlich entwickeln lässt wie eine Szene?

Der neu veröffentlichte Traveler von KeySolutions Sounds nimmt sich genau dieser Fragen an. Hinter dem Instrument steht der langjährige Music-Tech-Veteran Mike Martin, der mit KeySolutions nicht nur seine einstige Sounddesign-Firma reanimiert, sondern in diesem Software-Synthesizer auch seine jahrzehntelange Erfahrung und seine Ideen aus der Beschäftigung mit Hardware- und Software-Synthesizern zusammenführt. Der Name ist entsprechend programmatisch: Traveler soll den Musiker auf eine Klangreise mitnehmen.

Wo diese Reise hingeht? Das entscheidet der Spieler. Ein schöner Anspruch. Allerdings auch einer, mit dem man sich auf dem gegenwärtigen, von hochkarätigen Synth-Plugins bevölkerten Markt erst einmal behaupten muss. Zwischen immer umfangreicher werdenden Hybrid-Synths und spezialisierten Scoring-Libraries, deren Presets bereits halbe Soundtracks mitbringen, braucht ein neuer Synth eine wirklich eigene Perspektive, einen unverwechselbaren Charakter und idealerweise Sounds, die man nicht schon dutzendfach in seiner Plugin-Sammlung findet.

Also begeben wir uns auf die Reise und laden Traveler in die Pro-Tools-Session.

Dort begrüßt uns ein zwischen Moog und Korg angesiedeltes Vintage-Design, das bereits einiges über den Grundcharakter des Instruments verrät. Statt futuristischer Hochglanzoberfläche setzt Mike Martin auf die vertraute Ästhetik klassischer Synthesizer. Große Regler, eine übersichtliche Anordnung der wichtigsten Parameter und eine gewisse Vintage-Hardware-Anmutung – sieht man einmal vom farbigen Display in der Mitte ab – vermitteln den Eindruck eines klassisch ausgelegten Synthesizers. Ein Eindruck, der allerdings nur zum Teil stimmt. Aber der Reihe nach …

Chapter 1 oder der erste Akt

Dieser ist zunächst (!) vergleichsweise unspektakulär. Denn der erste Anschlag beziehungsweise das Initial-Preset begrüßt den Anwender mit einem ziemlich gewöhnlichen Standard-Sound. Durchaus brauchbar, bloß nicht jener Klang, den man angesichts der Cinematic-Ankündigung erwartet hätte. Keine sich langsam erhebende Klanglandschaft, kein unmittelbarer Ausflug in die Weiten eines imaginären Science-Fiction-Epos.

Von diesem ersten Eindruck sollte man sich jedoch keineswegs abschrecken lassen. Denn Traveler verlangt hier unbedingt einen zweiten Blick beziehungsweise ein genaueres Hinhören – es lohnt sich.

Die auf direkten Zugriff ausgelegte Oberfläche soll zwar den Einstieg erleichtern, unter ihr steckt allerdings eine deutlich umfangreichere Architektur mit entsprechend vielen Möglichkeiten zur Klangformung. Und die offenbart sich nicht unbedingt beim ersten Tastendruck, sondern vor allem dann, wenn man beginnt, sich intensiver mit dem Instrument und seinen klanglichen Möglichkeiten auseinanderzusetzen.

Vintage-Sound mit modernen Ambitionen

Traveler klingt mächtig, ausgesprochen vintage und erstaunlich analog. Bereits beim Scrollen durch die mehr als 450 mitgelieferten Presets, darunter eine Artist Collection renommierter Sounddesigner wie David Helpling, Drew Schlesinger oder Venus Theory, sowie bei den ersten eigenen Tweaks offenbart sich ein Klangcharakter, der an viele der großen Synthesizer-Ikonen der Siebziger- und Achtzigerjahre erinnert, dabei aber durchaus eigenständig bleibt.

Breite Pads, charaktervolle Leads, satte Bässe und organische Texturen prägen das Klangbild. Die Sounds besitzen jene angenehme Wärme und Substanz, die man mit klassischen analogen Instrumenten verbindet, ohne dabei grundsätzlich auf die Präzision und Flexibilität moderner digitaler Klangerzeugung verzichten zu müssen.

Bemerkenswert ist dabei vor allem, wie aufgeräumt Traveler klingt. Obwohl sich den einzelnen Sounds eine beträchtliche Portion Modulation und Movement beimischen lässt, bleiben sie erstaunlich definiert und kontrollierbar – und damit ausgesprochen praxistauglich. Selbst ausladende Flächen besitzen genügend Kontur, um sich in einem Arrangement zu behaupten, ohne zwangsläufig sämtliche anderen Instrumente unter sich zu begraben.

Und das ist gerade für den professionellen Einsatz ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Schließlich hilft der spektakulärste Synthesizer-Sound wenig, wenn er sich anschließend nur mit Mühe in einen bestehenden Mix integrieren lässt.

Traveler möchte offenbar weniger die nächste Sammlung sofort einsatzbereiter Hollywood-Klangklischees sein, sondern vielmehr ein Synthesizer, der in erster Linie musikalisch brauchbare und inspirierende Sounds liefert. Ein Ansatz, der mir persönlich ausgesprochen gut gefällt.

Manchem mag das angesichts der Cinematic-Ausrichtung beinahe zu wenig spektakulär erscheinen. Auch wer ein Instrument vor allem für moderne EDM-Produktionen sucht, könnte die überbordenden Effektorgien und besonders aggressiven Klangfarben mancher spezialisierter Mitbewerber vermissen. Traveler setzt seine Akzente jedenfalls anders.

Mit den zahlreichen unter der Haube befindlichen Einstellmöglichkeiten lässt sich das Instrument allerdings auch weit über seine ausgeprägten Retro-Wurzeln hinausführen. Dann wird aus dem vermeintlichen Vintage-Synth ein zeitgemäßes Sounddesign-Tool, das durchaus komplexe, ungewöhnliche und sich kontinuierlich verändernde Klangwelten erschaffen kann.

Dass sich Traveler dennoch nicht ausschließlich auf eine bestimmte musikalische Richtung festlegen lässt, dürfte auch der langjährigen Erfahrung seines Entwicklers geschuldet sein. Mike Martin kennt schließlich nicht nur die Geschichte elektronischer Klangerzeugung, sondern auch die Anforderungen, die Musiker und Produzenten in unterschiedlichsten Produktionsumgebungen an ihre Instrumente stellen.

Entsprechend fühlt sich Traveler in genreübergreifenden Arrangements ausgesprochen wohl.

Von Synthwave über Achtziger-Hardrock bis hin zum Score eines (noch nicht realisierten 😉) Slasher-Movies liefert mir Traveler sowohl Inspiration als auch zahlreiche Sounds, die bereits ohne größere Nachbearbeitung ihren Platz im Arrangement finden. Sie besitzen Charakter, ohne sich permanent in den Vordergrund drängen zu müssen.

Sieht man einmal von meiner obligatorischen Vorliebe für etwas Tape-Sound und gelegentliche EQ-Korrekturen ab, ist hier erfreulich wenig zusätzliche Klangkosmetik notwendig. Traveler liefert vielfach bereits das, was man in einer laufenden Produktion benötigt: einen überzeugenden, musikalisch verwendbaren Sound, der sich nicht erst durch eine halbe Effektkette kämpfen muss, um seine Qualitäten auszuspielen.

Das macht Spaß und weckt durchaus die Lust, tiefer in die Materie einzutauchen.

Vertraute Ausgangspunkte, offene Reiseroute

Die ausgeprägte Vintage-Orientierung ist also durchaus gewollt, allerdings keineswegs mit einer Beschränkung auf klassische Synthesizer-Konzepte gleichzusetzen. Denn bei näherer Betrachtung offenbart Traveler ein Instrument, dessen zahlreiche Komponenten zu Experimenten geradezu einladen.

Drei Oszillatoren bilden die Grundlage. Ihr kontinuierlicher Stimmbereich umfasst sechs Oktaven, die Wellenformen lassen sich während des Spielens verändern. Oszillator 2 bringt einen siebenstimmigen Super-Stack mit, dessen Verstimmung und Stereospreizung für jene Dichte zuständig sind, die man mit großen modernen Synth-Flächen verbindet.

Oszillator 3 öffnet dagegen die Tür zur Wavetable-Synthese. Neben 85 mitgelieferten Wavetables können eigene importiert werden; Duo-Stacking erweitert auch hier die räumlichen Möglichkeiten. Sync sowie lineare und exponentielle FM ergänzen das Spektrum. Damit lässt sich von vertrauten Grundfarben aus deutlich weitergehen – bis zu metallischen, rauen oder komplex ineinander verschobenen Texturen.

Ein Vintage-Regler fügt subtile Oszillatordrift und nichtperiodisches Verhalten hinzu. Das passt zum Konzept, denn Bewegung muss keineswegs immer als deutlich hörbare Modulation auftreten. Gerade bei langen Tönen können kleine Unregelmäßigkeiten verhindern, dass ein Klang wie eingefroren wirkt.

Traveler versammelt damit unterschiedliche Syntheseideen unter einem Dach. Das ist angesichts moderner Soft-Synth-Powerhouses natürlich keine grundlegend neue Idee. Dennoch gelingt es Mike Martin, aus den vertrauten Bausteinen ein durchaus eigenständiges Instrument zu formen, dessen Stärken sich weniger in isolierten Einzelklängen als vielmehr im Zusammenspiel der verschiedenen Komponenten zeigen.

Sein hybrider Charakter entsteht aus ihrer Kombination: analoge Anmutung, digitale Wandlungsfähigkeit und die Möglichkeit, beides innerhalb eines Sounds miteinander arbeiten zu lassen.

Klanglich bewegt sich Traveler dabei durchaus auf hohem Niveau. Besonders die breiten, leicht instabilen Flächen und organisch anmutenden Texturen können überzeugen, ohne dass man dafür zwangsläufig alle Oszillatoren bis zum Anschlag aufdrehen muss. Auch klassische Synth-Sounds gehören zum Repertoire. Allerdings besitzt Traveler nicht in jeder Disziplin einen unverwechselbaren Fingerabdruck. Für Brot-und-Butter-Sounds stehen schließlich längst zahlreiche hervorragende Alternativen bereit. Seine eigentliche Stärke liegt woanders.

Wenn sich eine Fläche in eine Szene verwandelt

Besonders konsequent fällt die Stereoarchitektur aus. Die Oszillatoren lassen sich separat im Panorama platzieren, Stimmen alternierend verteilen und die Position einzelner Voices modulieren. Auch die Filterarchitektur arbeitet stereo. Eine eigene Regelung der Breite im unteren Frequenzbereich erlaubt es, den Bass zu zentrieren, während sich darüber das Klangbild öffnet.

Für Scoring ist das mehr als dekorative Breite. Ein langsam auseinanderwanderndes Pad kann den Eindruck eines sich öffnenden Raums erzeugen. Ein enger, zunächst kaum bewegter Klang kann dagegen Spannung sammeln, bevor seine Bestandteile unterschiedliche Richtungen einschlagen. Solche Veränderungen erzählen bereits etwas, selbst wenn harmonisch noch gar nicht viel passiert.

Ähnlich wichtig ist die zeitliche Gestaltung. Die Hüllkurven ermöglichen lange Entwicklungen und lassen sich vom vertrauten ADSR-Verlauf auf erweiterte ADBSSR-Formen mit anpassbaren Kurven umstellen. Das ist gerade dann interessant, wenn eine Fläche mehrere Zustände durchlaufen soll, statt nach dem Attack einfach auf einem Sustain-Level zu verharren.

Zwei unabhängige 16-Step-Control-Tracks ergänzen rhythmische und klangliche Abläufe. Der Arpeggiator bietet 20 Abspielmodi und kann gezielt einzelne Oszillatoren ansprechen. So lässt sich innerhalb eines Patches eine Ebene in Bewegung versetzen, während eine andere liegen bleibt. Ein Puls entsteht aus der Fläche heraus, ohne dass dafür sofort ein zweites Instrument nötig wäre.

Genau hier wird die Cinematic-Idee des Traveler greifbar: im Verhältnis zwischen einem Klang und seiner Veränderung.

Dabei muss es keineswegs immer die monumentale Klangwand sein. Auch zurückhaltende, beinahe fragile Texturen profitieren von dieser Architektur. Ein leicht modulierter, zunächst unspektakulärer Ton kann sich über mehrere Sekunden hinweg zu einer komplexen Fläche entwickeln, ohne seine ursprüngliche Identität vollständig zu verlieren.

Das ist musikalisch interessanter als viele jener Presets, die bereits beim ersten Anschlag sämtliche Register ziehen und damit im Grunde kaum mehr Raum für eine weitere Entwicklung lassen.

Allerdings verlangt diese Herangehensweise auch etwas Geduld. Wer schnell einen fertigen, spektakulären Signature-Sound für den nächsten Trailer benötigt, wird mitunter bei einer spezialisierten Library schneller ans Ziel kommen. Traveler belohnt dagegen jene Anwender, die selbst bestimmen möchten, was zwischen dem ersten und dem letzten Ton passiert.

Unter der Oberfläche wird es tief

Drei polyphone LFOs mit 21 Formen und Zufallsbewegungen, eine zusätzliche Modulationshüllkurve sowie eine 21-Bus-Modulationsmatrix bieten dafür reichlich Spielraum. Ursprünglich mit 92 Modulationszielen ausgestattet, wurde deren Zahl mit Version 1.1 auf mittlerweile 144 Ziele erweitert. Modulationsquellen können wiederum andere Modulationen beeinflussen. Eine Bewegung muss also weder gleichförmig bleiben noch bei jeder gespielten Stimme identisch verlaufen.

Das dürfte Sounddesigner freuen, verlangt aber auch Einarbeitung. Die zugängliche Oberfläche nimmt dem Instrument seine Komplexität nicht ab. Wer eigene, langfristig interessante Entwicklungen bauen möchte, muss verstehen, welche Bewegungen einander ergänzen und wann sie sich gegenseitig im Weg stehen. Alles gleichzeitig zu modulieren ergibt schließlich noch keine Dramaturgie.

Auch die Filtersektion verbindet unterschiedliche Traditionen. Ladder-Varianten mit 6, 12, 18 und 24 dB Flankensteilheit stehen neben NJM2069-inspirierten Modellen mit 12 und 24 dB, die unter anderem an den Korg DW-8000 anknüpfen. Bass Compensation, ein unabhängiger High-Pass, Mixer Feedback und Pre-Filter Drive erweitern den Zugriff.

Damit wird die Filterwahl zur Entscheidung über den Charakter einer Bewegung. Eine sanfte Öffnung kann einen Sound allmählich freilegen; ein stärker angefahrener, resonanter Verlauf kann denselben Moment wesentlich nervöser gestalten. Die historischen Bezugspunkte sind dabei Zutaten für ein eigenständiges Instrument.

Was dabei gefällt, ist die Möglichkeit, auch vergleichsweise einfache Ausgangssounds durch gezielte Eingriffe deutlich aufzuwerten. Traveler muss nicht permanent mit sämtlichen Features protzen, um interessante Ergebnisse zu liefern. Mitunter reichen bereits eine veränderte Filtercharakteristik, etwas Oszillatordrift und eine subtil modulierte Stereobreite, um aus einem gewöhnlichen Pad etwas wesentlich Lebendigeres zu machen.

Bei aller Flexibilität sollte man allerdings nicht übersehen, dass diese Möglichkeiten in der Oberklasse aktueller Software-Synthesizer längst zum guten Ton gehören. Traveler erfindet die Synthese nicht neu. Er kombiniert bekannte Verfahren vielmehr auf eine musikalisch durchdachte Weise.

NEURAL DSP ARCHETYPE: NOLLY X Test – Referenz-Sound durch flexible Custom Amps

Credit Bild: © Neural DSP
Adam „Nolly“ Getgood hat den modernen Sound des Progressive Metal nicht nur als Bassist von Periphery, sondern vor allem als Produzent, Engineer und Sound-Tüftler entscheidend mitgeprägt – und genau diese Perspektive merkt man auch seiner Signature-Amp-Sim der finnischen Plugin-Spezialisten Neural DSP an.

Einerseits liefert Archetype: Nolly X prototypische Rock- und Metal-Sounds, andererseits ist das Plugin ein erstaunlich flexibles Produktionswerkzeug, das sich problemlos in unterschiedlichste musikalische Umgebungen einfügt. Dahinter steckt die Idee einer kompletten Signalkette, in der Amp, Cabinet, Mikrofonierung, Effekte und in weiterer Folge auch das Mixing als zusammenhängende musikalische Einheit gedacht werden.

Und genau hier glänzt Nolly X . Die Verzerrung klingt harmonisch reichhaltig, ohne unnötig aufgeblasen zu wirken, präzise, ohne steril zu werden, und modern, ohne automatisch in jene klinische Djent-Ecke abzubiegen, in der jeder Palm Mute wie mit dem Lineal gezogen klingt. Der Grundcharakter besitzt etwas ausgesprochen Produziertes, ohne glatt zu wirken.

Moderner Klassiker

Archetype: Nolly ist mittlerweile selbst so etwas wie ein moderner Klassiker unter den Gitarren-Plugins. Mit der aktualisierten X-Version hat Neural DSP das Konzept nicht vollständig neu erfunden, sondern an den entscheidenden Stellen renoviert. Zusätzliche Speaker-Optionen, ein Room-Reverb, der neue Nolly’s Mod für den grafischen EQ sowie Funktionen wie Transpose, Doubler, Live Tuner und Metronom holen das Plugin technisch in die aktuelle Neural-DSP-Generation. Das Resultat ist weniger ein komplett neues Nolly als vielmehr die Deluxe-Version eines ohnehin hervorragenden Originals – flexibler, komfortabler und bei der Klangformung noch einmal ein gutes Stück vielseitiger.

Grundsätzlich folgt die Archetype-Serie einem interessanten Prinzip. Statt einen historischen Verstärker nachzubauen und dessen Frontplatte möglichst detailgetreu auf den Bildschirm zu verpflanzen, übersetzt Neural DSP die klangliche Welt eines Musikers in eine komplette virtuelle Arbeitsumgebung. Bei Nolly passt diese Idee besonders gut, weil sein Sound ohnehin weniger an einem einzigen legendären Amp hängt als daran, wie er Verstärker auswählt, modifiziert, mikrofoniert und anschließend in einer Produktion platziert.

Amp, Cabinet, Mikrofonierung, Pedale, EQ und Effekte stehen deshalb nicht isoliert nebeneinander, sondern wirken wie Bestandteile eines aufeinander abgestimmten Systems. Das erspart die virtuelle Studioregie aus fünf verschiedenen Plugins und liefert relativ schnell einen Sound, der bereits dort sitzt, wo eine Gitarre im Mix später ohnehin landen soll. Gleichzeitig bleibt genügend Spielraum, das Ganze in eine vollkommen andere Richtung zu ziehen.

Genau darin besteht letztlich der Reiz einer guten Signature-Suite: nicht darin, plötzlich möglichst exakt wie Periphery zu klingen, sondern mit Nollys Werkzeugen den eigenen Sound zu bauen.

Bread, Butter und ein bisschen mehr

Vor den Amps stehen ein Solid-State-Kompressor, zwei unterschiedliche Overdrive- beziehungsweise Booster-Varianten und ein Delay bereit. Hinter Amp und Cabinet folgen ein weiteres Delay und Reverb; mit der X-Version ist zusätzlich ein Room-Reverb hinzugekommen. Der grafische 9-Band-EQ wurde wiederum um Nolly’s Mod erweitert, der Frequenzbereiche und Q-Werte verändert und damit bei Bedarf deutlich drastischere Eingriffe ermöglicht.

Was fehlt, ist eine eigene Modulationssektion. Chorus, Phaser, Flanger oder Tremolo sucht man hier vergeblich. Angesichts mancher aktueller Gitarren-Suites, die mittlerweile ungefähr den Funktionsumfang eines mittelgroßen Pedalshops in ein einziges Plugin quetschen, fällt das durchaus auf. Zum vollkommenen All-in-One-Gitarrenuniversum wird Nolly X deshalb nicht.

Mich stört das im Studio allerdings kaum. In meinem Wet-Dry-Wet-Setup in Pro Tools mische ich ohnehin bevorzugte Harmonizer-, Delay-, Reverb- und Modulations-Plugins hinzu. Entscheidend ist für mich vielmehr, ob das Fundament stimmt – und genau dort spielt Nolly X seine größte Stärke aus.

Bekannte Klassiker neu interpretiert

Der eigentliche Clou sitzt in der Amp-Sektion. Vier Verstärker decken Clean, Crunch, Rhythm und Lead ab, was zunächst fast unspektakulär klingt. Dahinter stehen allerdings Modelle von Nollys eigenen, teilweise erheblich modifizierten Röhren-Amps – und genau dieser Zusatz macht den Unterschied.

Als Ausgangspunkte gelten unter anderem ein Bogner Shiva, ein modifizierter Marshall JCM800 2203, ein Peavey 5150 Block Letter sowie ein stark veränderter Victory V30 Countess. Entscheidend ist dabei weniger das Namedropping als der Umstand, dass diese Amps längst durch Nollys eigene klangliche Vorstellung gegangen sind. Gerade beim Rhythm-Modell handelt es sich deshalb eben nicht um einen Stock-5150, sondern um Nollys eigenen modifizierten 5150 – und genau diese Producer-Handschrift hört man dem Ergebnis an.

OTTO AUDIO II II II II Test – Schwere Materie

Credit Bild: © Otto Audio
Wie muss der perfekte Heavy-Sound eigentlich klingen? Massiv und fett, so viel steht fest. Gleichzeitig aber definiert, aggressiv und durchsetzungsfähig – mit jener beinahe körperlichen Wucht, die den Metal und seine Subgenres auszeichnen. Das Problem dabei: Was auf dem Papier nach einer relativ einfachen Gleichung klingt, ist in der Praxis ein permanenter Balanceakt. Zu viel Low End und der vermeintlich monumentale Gitarrensound verwandelt sich im Mix in Brei. Zu viel Tightness und aus dem mächtigen Riff wird plötzlich ein dünnes Maschinengewehr. Zu viel Gain wiederum macht zwar zunächst Eindruck, nimmt dem Anschlag aber irgendwann genau jene Kontur, die Heavy erst wirklich heavy macht.

Umso interessanter ist, wie unterschiedlich die einzelnen Amp-Sim-Entwickler diese Gleichung lösen. Manche orientieren sich möglichst exakt an legendären Verstärkern, andere bauen gleich komplette virtuelle Gitarren-Rigs inklusive Pedalboard, Raum und Post-FX. Otto Audio schlägt mit dem kryptisch betitelten II II II II einen anderen Weg ein. Die High-Gain-Amp-Sim steht mit beiden Beinen tief in der Welt großer klassicher Röhrenverstärker, will sich aber ausdrücklich nicht auf die digitale Reproduktion eines einzigen Klassikers reduzieren lassen. Stattdessen geht es um eine Art frei formbaren Heavy-Amp – einen Verstärker, der bekannte Gene besitzt und trotzdem erstaunlich schnell seine ganz eigene Sprache spricht.

Mehr Röhre im Rechner

Schon beim ersten Anspielen fällt auf, wie röhrig und analog der II II II II klingt. Die Gain-Struktur wirkt organisch, die Verzerrung sitzt nicht einfach wie eine zusätzliche Schicht auf dem Signal, sondern verändert sich mit Anschlag, Dynamik und Spielweise. Akkorde besitzen trotz massiver Sättigung Struktur, Palm Mutes entwickeln diesen kurzen körperlichen Schub aus den Lautsprechern und einzelne Noten bekommen beim Ausklingen jene leicht unberechenbare Obertonbewegung, die man bei wirklich guten Röhren-Amps so schätzt.

Keine Spur also von jener zweidimensionalen „Digitalness“, die manchen Amp-Sim-Sound zwar technisch sauber, aber emotional ungefähr so aufregend wie ein Excel-Sheet wirken lassen kann. Der II II II II klingt ausgesprochen analog, ausgesprochen röhrig und vor allem lebendig. Das heißt nicht, dass man plötzlich vergisst, vor Studiomonitoren zu sitzen. Aber die Illusion funktioniert erstaunlich gut – und vor allem reagiert der Amp so, dass man unweigerlich anders spielt.

Dabei ist die Ausstattung für heutige Amp-Sim-Verhältnisse zunächst geradezu spartanisch – oder, je nach Perspektive, wohltuend reduziert. Es gibt kein virtuelles Pedalboard mit zwölf Overdrives, kein Delay, keinen Hall und keinen Effektzirkus, der aus einem Amp-Plugin gleich noch eine komplette DAW innerhalb der DAW machen möchte. Das mag in einer Zeit immer komplexerer All-in-One-Gitarrensuiten fast schon archaisch wirken. Im Studio-Alltag stört es mich persönlich allerdings überhaupt nicht: In Pro Tools mische ich ohnehin Eventide Harmonizer, Circular Delay, Reverb oder andere bevorzugte Effekte bei. Nur wer von seiner Amp-Sim zwingend eine komplette Signal Chain vom Tuner bis zum Mastering erwartet, dürfte hier zunächst etwas vermissen.

Entscheidend sind letztlich ohnehin zwei Dinge: Bedienbarkeit und Klang. Und klanglich spielt der II II II II ganz weit vorne mit.

Denn dieser Amp ist nur auf den ersten Blick simpel. Unter der Oberfläche steckt vielmehr ein erstaunlich umfangreicher Klangbaukasten – und genau dort beginnt seine eigentliche Faszination.

Klang-Chamäleon

Der II II II II lässt sich in vollkommen unterschiedliche Richtungen tunen – dank einiger Besonderheiten des virtuellen Schaltkreises hat man es beinahe mit einem Modeler zu tun, der klanglich in zahlreiche Richtungen gehen kann. Vom tief gestimmten 7- oder 8-String-Brett bis zu deutlich klassischeren High-Gain-Sounds reicht die Palette erstaunlich weit. Er kann an Mesa gemahnen, an Soldano erinnern, die aggressive Direktheit moderner Amps liefern oder sich wesentlich traditioneller und rockiger geben. Oder komplett eigen tönen. Für unterschiedlichste Heavy-Spielarten kann sich das Plugin dadurch als Schweizer Taschenmesser entpuppen – nur eben eines mit ziemlich scharfer Klinge.

Gerade im Produktionsalltag ist das enorm praktisch. Man kann den II II II II problemlos auf mehreren Gitarrenspuren einsetzen und trotzdem deutlich unterschiedliche Rhythmus-, Layer- und Lead-Sounds erzeugen, ohne für jede Spur den kompletten virtuellen Amppark wechseln zu müssen. Gerade beim Quad-Tracking oder generell bei dichten Metal-Produktionen ist das ein echtes Argument. Schließlich entscheidet nicht nur, ob eine einzelne Gitarre isoliert gigantisch klingt, sondern ob mehrere unterschiedliche Sounds innerhalb eines Songs oder Albums nebeneinander funktionieren, ohne dass am Ende alles wie dasselbe Preset in leicht veränderter Lautstärke wirkt.

Boutique Metal

Was der Otto Audio II II II II grundsätzlich anders angeht als viele klassische Amp-Sims, ist die Art der Klangformung. Ein wesentlicher Teil des Konzepts läuft über sogenannte Impedance Curves, die nicht nur den Frequenzgang, sondern vor allem das Spielgefühl teilweise drastisch verändern können. Neun unterschiedliche Kurven stehen zur Verfügung und reichen klanglich von stärker gescoopten Varianten über ausgewogenere Abstimmungen bis zu deutlich mittigeren und offensiveren Settings.

Das klingt zunächst nach einer jener Funktionen, die Gear-Nerds begeistert und alle anderen innerhalb von fünf Sekunden zum nächsten Preset flüchten lässt. In der Praxis ist der Unterschied jedoch unmittelbar hör- und vor allem spürbar. Denn die Interaktion zwischen Verstärker und Lautsprecher gehört zu jenen Bereichen, die bei vielen Amp-Sims vergleichsweise statisch bleiben. Hier lässt sich dagegen tatsächlich beeinflussen, wie der virtuelle Verstärker auf die angeschlossene Lautsprechercharakteristik reagiert.

Und wo der II II II II bei Effekten geizt, schöpft er an anderer Stelle mit gleich 22 Cabinets asu dem Vollen.

Die sogenannten Dimensional IRs umfassen 22 handverlesene Cab-Optionen, die über einen längeren Entwicklungszeitraum nach Otto Audios eigener Methodik entstanden sind.

Wall of Sound auf Knopfdruck

Besonders interessant wird es mit dem sogenannten GROUND BREAKING WIIIDT-Effekt. Dahinter steckt ein Double-Tracking-artiger Wall-of-Sound-Effekt, mit dem bereits beim einzelnen Einspielen der Eindruck einer wesentlich breiteren Gitarrenwand entsteht.

Als klassischer Ersatz für sauber eingespieltes Double Tracking würde ich das nicht betrachten. Als Writing- und Riffing-Tool macht die Funktion allerdings ausgesprochen viel Spaß. Man spielt einen Part und bekommt unmittelbar einen Eindruck davon, wie dessen Gewicht und Breite später innerhalb eines größeren Arrangements wirken könnten. Gerade beim Schreiben schwerer Gitarrenmusik ist das nicht zu unterschätzen, denn ein Sound, der solo gigantisch erscheint, kann im fertigen Mix überraschend klein werden – während ein vermeintlich unspektakulärer Rhythmus-Sound plötzlich exakt jene Lücke füllt, die ihm Bass, Drums und zweite Gitarre überlassen.

Der Width-Modus funktioniert deshalb ein wenig wie eine Vorschau auf die spätere Gitarrenwand. Und ja: Das kann ziemlich süchtig machen. Ein simpler Chug, ein paar Sekunden spielen – und plötzlich klingt der Rechner, als wäre zumindest ein Teil der Platte längst produziert.

Das verleitet zwar dazu, länger zu riffen als ursprünglich geplant. Für eine Gitarren-Amp-Sim ist das allerdings wahrscheinlich eines der schöneren Probleme.

Tiefer, noch tiefer….

Noch interessanter finde ich das von Otto Audio als Descending Harmonics™ bezeichnete Konzept. Hinter dem Namen steckt letztlich etwas, das High-Gain-Gitarristen seit Jahren suchen: tiefer stimmen, dicker chuggen und trotzdem Definition behalten.Gerade bei Drop-Tunings, Bariton- oder Extended-Range-Gitarren ist das alles andere als selbstverständlich. Mehr Gain bedeutet schließlich nicht automatisch mehr Heavy. Irgendwann verwandelt sich ein vermeintlich mächtiges Low End schlicht in Brei, die Transienten verschwinden und aus dem tonnenschweren Riff wird ein undefiniertes tiefes Geräusch.

Genau hier spielt der II II II II eine seiner größten Stärken aus. Er schafft es erstaunlich gut, tiefe Frequenzen kontrolliert und gleichzeitig physisch wirken zu lassen. Die Anschläge bleiben definiert, während untere Mitten und Bässe trotzdem nicht künstlich ausgehöhlt oder steril wirken. Das Resultat ist dieses schwer zu treffende Verhältnis aus Tightness und Größe: präzise genug für schnelle, rhythmisch komplexe Parts, aber gleichzeitig massiv genug, damit ein einzelner Akkord tatsächlich Raum einnimmt.

Unter der Haube

Wer tiefer einsteigen möchte, findet im II II II II deutlich mehr Stellschrauben, als die zunächst reduzierte Erscheinung vermuten lässt. Power-Amp-Parameter, Bias, Resonance, Voltage Sag, Feedback Circuit, Speaker Load, Impedance Curves und die bereits erwähnten Dimensional IRs erlauben Eingriffe weit unterhalb dessen, was bei vielen Amp-Sims überhaupt zugänglich ist. Hinzu kommen unterschiedliche Endröhrenmodelle auf Basis von EL34, 6L6 und KT88 sowie modellierte 12AX7-Trioden in Preamp und Phase Inverter.

Dienstag, 13. Oktober 2026

NEURAL DSP FORTIN CALI SUITE Test: Von Bletchley nach Los Angeles

Credit Bild: © Neural DSP
„Marshall auf Steroiden“ ist eine jener Formulierungen, die im Gitarrenjournalismus fast schon inflationär gebraucht wird, wenn es um aufgemotzte Variante klassischer britischer Amp-Designs geht. Beim Fortin Cali ist sie allerdings tatsächlich mehr als zutreffend. Denn genau dort beginnt die Geschichte: bei einem klassisch britischen Verstärkerkonzept, das Amp-Designer Mike Fortin so lange getuned hat und auf moderne Gain-Reserven getrimmt hat, bis etwas sehr Eigenes herauskam. Die  Fortin Cali Suite von Neural DSP konserviert diesen Ansatz seit Jahren auf dem Rechner – und ist damit heute fast schon selbst ein Veteran im schnelllebigen Amp-Sim-Markt. Umso spannender ist die Frage, ob der digitale Cali auch heute noch überzeugt und Feuer spuckt.

Ein bisschen Geschichte: Die Modifizierung von Jim Marshalls Design

Der klassische britische Rock-Amp war laut, direkt, mittig und besaß jene organische Verzerrung, die ganze Generationen von Gitarristen geprägt hat. Trotzdem begann spätestens in der amerikanischen Hard-Rock-Szene der Siebziger und Achtziger das große Hot-Rodding: mehr Gain, veränderte Gain-Stufen, Master-Volume-Mods, zusätzliche Schalter, andere Bright-Caps, teilweise Dioden-Clipping. Die Zentren der Klangentwicklung verschoben sich gewissermaßen: Aus Bletchley wurde Los Angeles und aus dem klassischen Plexi-Sound zunehmend eine eigene Gattung.Der modded Marshall war geboren.

Eine der Schlüsselfiguren dieser Entwicklung war der in Los Angeles arbeitende Amp-Techniker José Arredondo, dessen Name heute beinahe synonym mit einer bestimmten Spielart heißgemachter britischer Amps verwendet wird. Fortin Amplification selbst stellt die eigene Modding-Tradition ausdrücklich in diesen historischen Zusammenhang und bezeichnet den Cali als Hommage an jene kalifornischen Mods der Achtziger. 

Das bedeutet nicht, dass der Fortin Cali schlicht ein moderner José-Mod-Nachbau und die Suite dessen digitale Kopie wäre.Interessanter ist gerade die Evolution. Amp-Designer Mike Fortin nahm jene Grundidee des modifizierten britischen Amps – mehr Gain und Sättigung, ohne den ursprünglichen Charakter komplett zu verlieren – und entwickelte daraus über seine eigenen Cali- und Killer-Kali-Modifikationen eine moderne Interpretation. Für mich ist dies fraglos eine der besten Modded-Marshall-Varianten überhaupt: einerseits dank des erstklassigen Grundsounds und seines ausgeprägten Charakters, andererseits aufgrund der enormen Flexibilität. Denn selbst wenn man schon hundert verschiedene Marshalls und deren zahllose Variationen gespielt hat, scheint fast jeder dieser Verstärker wieder eine eigene Persönlichkeit mitzubringen. Der Cali besitzt jedenfalls eine ausgesprochen markante.

Neural DSP hat genau diesen Verstärker in die Fortin Cali Suite übertragen: eine elegante, auf schnelle Workflows getrimmte Plugin-Suite, die gleichzeitig genügend Möglichkeiten für einen tieferen Einstieg in die Klanggestaltung bietet. Man gelangt rasch zu einem brauchbaren Sound, kann sich aber ebenso ausgiebig mit den Feinheiten der Verstärkerschaltung beschäftigen.

Klanglich haben wir es hier mit einem der tightesten Vertreter dieser britisch geprägten Amp-Familie zu tun. Der Sound bleibt präzise, Chugs und palm-muted Riffs schnellen ohne Matsch oder verwischte Konturen aus den Speakern. Unweigerlich möchte man die leere E-Saite bearbeiten und Sepulturas „Dead Embryonic Cells“ anstimmen.

Aber: Wer bei Fortin automatisch ausschließlich an ultratightes modernes Metal-Geballer denkt, bekommt hier eine kleine Überraschung. Denn der Cali erzählt eigentlich die Geschichte davon, wie man von einem klassischen britischen Amp überhaupt zum High-Gain-Monster gekommen ist.

Drei Kanal-Biest

Der virtuelle Amp besitzt wie das reale Vorbild drei Kanäle: Clean, OD2 und OD1. Neural DSP selbst spannt den Bogen vom Vintage-Clean über Hot-Rodded-British-Sounds bis zu modernem High Gain.

Mit moderatem Gain und Humbuckern führt die Reise relativ schnell in die Achtziger: Hard Rock, klassischer Heavy Metal und jene Zwischenwelt, in der ein Amp bereits deutlich mehr Verzerrung liefert als ein Vintage-Plexi, aber noch nicht unter jener Gain-Kompression verschwindet, die viele moderne Metal-Amps charakterisiert.

Das ist für mich einer der stärksten Bereiche der Suite. Die einzelnen Saiten eines Akkords bleiben nachvollziehbar, der Amp reagiert merklich auf Anschlag und Volume-Regler und besitzt trotzdem bereits diesen zusätzlichen Biss, den man mit einem klassischen Stock-Amp erst durch Pedale oder Modifikationen erzeugen müsste.

Zwischen Plexi-Anleihen und einer durchaus an den JCM800 erinnernden Schärfe findet sich hier ein breites Spektrum britischer Rock-Sounds. Der Cali lässt diese Verwandtschaft hörbar werden, ohne dabei seine eigene klangliche Handschrift aufzugeben.

Und dann gibt es natürlich den Violence Switch.Sowohl OD1 als auch OD2 können damit eine zusätzliche Gain-Stufe aktivieren. Violence bedeutet allerdings nicht einfach nur „derselbe Amp, aber lauter“. Die zusätzliche Sättigung und Kompression verändern das gesamte Spielgefühl. Der Ton wird dichter, aggressiver und bewegt sich merklich stärker in Richtung moderner High-Gain-Amp. Palm Mutes bekommen mehr Gewicht, Leads mehr Sustain, und bei tieferen Tunings wird klar, warum Fortins Designs gerade bei Metal-Gitarristen einen derart guten Ruf besitzen.

Interessanterweise bleibt dabei trotzdem genug von der Grundstruktur erhalten. Der Cali verwandelt sich nicht plötzlich in einen völlig anderen Amp. Er klingt eher wie dieselbe Schaltung, nachdem jemand beschlossen hat, sämtliche Sicherheitsvorkehrungen zu ignorieren.

Und gerade dieser Übergang macht mehr Spaß als einfach nur „Gain auf zehn“.

Effektive Effekte

Vor dem eigentlichen Amp stellt Neural DSP drei Fortin-Pedale bereit.

GRIND dient weniger dazu, einen ohnehin verzerrten Amp mit noch mehr Distortion zu überladen, sondern verändert vor allem die Struktur des Eingangssignals: Überschüssiges Low End wird reduziert, Attack und Artikulation treten deutlicher hervor, und gerade tiefer gestimmte Gitarren wirken erheblich kontrollierter.

Der HEXDRIVE bewegt sich stärker in Richtung klassischer Overdrive beziehungsweise Boost und bietet damit eine weitere Möglichkeit, die verschiedenen Cali-Kanäle zu formen.

Und schließlich gibt es den ZUUL, Fortins Noise Gate – für mich zumindest ein heißer Kandidat auf den Titel des besten Noise Gates überhaupt. Gerade bei Sounds mit viel Gain ist entscheidend, dass die Spielpausen tatsächlich still werden, während ausklingende Töne ihre Natürlichkeit behalten. Ein abgewürgter Lead-Ton wäre schließlich ein ziemlich hoher Preis für ein bisschen Ruhe zwischen zwei Riffs. Der ZUUL passt mit seiner direkten Bedienung jedenfalls bestens zur Philosophie der Suite.

Hinter der Amp-Sektion sitzt ein 9-Band Graphic EQ.Gerade bei stark verzerrten Gitarren ist das erheblich nützlicher, als es zunächst klingt. Ein paar dB in den richtigen Mittenbereichen verändern häufig mehr als noch eine weitere Gain-Stufe. Der EQ erlaubt deshalb relativ präzise Korrekturen, bevor man überhaupt zusätzliche Plugins in der DAW bemühen muss.

Delay und Reverb ergänzen die Suite um die obligatorischen räumlichen Effekte. Diese Sektion kam allerdings erst mit Version 2.0 im Jahr 2021 hinzu – gemeinsam mit dem Graphic EQ, neuen Artist Presets und einer Überarbeitung des Amp-Modellings. Damit erhielt der Cali seinerzeit sowohl zusätzliche Möglichkeiten für die Klanggestaltung als auch eine technische Überarbeitung.

Sonntag, 11. Oktober 2026

FREE PLUGIN ALERT: MODBAP FIDELITY THEORY

Credit Bild: © Modbap
Der bislang vor allem für seine Eurorack-Instrumente bekannte Hersteller Modbap steigt ins Software-Geschäft ein – und bietet anlässlich des sechsten Firmengeburtstags sein erstes Plugin zum Start 72 Stunden lang kostenlos an. Das aufs Nötigste reduzierte oneTHNG: Fidelity Theory kann man sich so im Rahmen der Aktion vom 10. bis 12. Oktober 2026 als uneingeschränkte Vollversion sichern.

Fidelity Theory ist ein Effekt zur digitalen Klangfärbung, der beispielsweise Drumloops, Synthesizern oder Samples gezielt einen raueren, körnigeren oder dunkleren Charakter verleiht. Dafür verknüpft ein zentraler Regler zwei Größen, die man gewöhnlich getrennt betrachtet: Samplerate und Bittiefe. Dreht man in die eine Richtung, bleibt das Frequenzspektrum breiter, während die digitale Abstufung gröber wird; in der anderen steigt die Bittiefe, während die Bandbreite schrumpft. So lassen sich unterschiedliche Formen digitaler Patina erkunden – von leichten Gebrauchsspuren bis zur deutlichen Verfremdung.

Die reduzierte Bedienung ist zugleich das Grundprinzip der neuen oneTHNG-Serie: Jedes Plugin konzentriert sich auf eine bestimmte Bearbeitungsaufgabe, die über einen Hauptregler zugänglich wird. Bei Fidelity Theory ergänzen zwei Klangvarianten namens IRON und WORN sowie eine zuschaltbare Aliasing-Stufe für metallische Texturen das Konzept. Ein überschaubares Werkzeug also, bei dem das unmittelbare Drehen und Hören im Mittelpunkt steht.

Die Gratisaktion läuft ausschließlich über Modbap; der Rabatt wird im Warenkorb angewendet. Nach dem Aktionszeitraum kostet Fidelity Theory für den restlichen Oktober 29,99 US-Dollar, regulär sind 39,99 US-Dollar vorgesehen. Das Plugin ist für Windows und macOS in den Formaten VST3 beziehungsweise AU verfügbar.

Zur Gratisaktion: Modbap oneTHNG – Fidelity Theory

Dienstag, 6. Oktober 2026

NEURAL DSP ARCHETYPE: MISHA MANSOOR X Test – Das Plugin für außergewöhnliche Djentlemen

Credit Bild: © Neural DSP
Gitarrist, Synth-Aficionado, maßgeblicher Wegbereiter eines ganzen Subgenres, Sportwagen-Enthusiast – Misha Mansoor ist eine der vielseitigsten und herausragendsten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Heavy-Szene und des Progressive Metal. Mit seiner Band Periphery lotet er klangliche Grenzen aus. Zudem gilt er als einer der maßgeblichen Vertreter des Djent – jener Spielart des modernen Metal, deren charakteristisches Fundament aus tief gestimmten Gitarren, perkussiven Palm-Mutes, komplexen Rhythmen und einer geradezu chirurgischen Präzision besteht. Wie ein Heavy-Sound im aktuellen Zeitalter klingen muss, darüber weiß der Vielbeschäftigte also ein oder zwei Dinge. 

Dies kulminiert nun im Archetype: Misha Mansoor X Plugin von Neural DSP, einem der größten Player im Modeling-Land. Die Archetype-Reihe ist dabei immer prominenten Gitarristen gewidmet und destilliert den jeweiligen Signature Sound in eine Plugin-Suite. Das Ergebnis ist also nicht einfach eine weitere virtuelle Amp-Sammlung, sondern der Versuch, eine sehr spezifische Klangästhetik in ein flexibles Software-Instrument zu übersetzen.

Amps und Cabs

Drei Amps stehen im Zentrum des Plugins – und interessanterweise handelt es sich dabei nicht einfach um digitale 1:1-Abbilder einzelner Verstärker. Vielmehr hat Mansoor unterschiedliche Amp-DNA-Stränge miteinander gekreuzt und daraus drei eigene Designs geschaffen. Das macht den Archetype besonders, denn statt lediglich bekannte Klassiker virtuell nebeneinanderzustellen, geht es hier um jene Kombinationen, die Mansoor für seinen eigenen Sound interessant findet.

Der Clean Amp basiert auf einem Mesa/Boogie Lonestar und deckt entsprechend die deutlich zahmere Seite des Plugins ab. Viel Headroom, ein voller, hochwertiger Grundcharakter und genügend Dynamik sorgen dafür, dass hier nicht bloß der obligatorische Clean-Kanal geliefert wird. Dreht man ihn weiter auf, bewegt er sich angenehm in Richtung Crunch und leichter Overdrive – und liefert damit bereits den ersten Hinweis darauf, dass dieser Archetype wesentlich mehr kann als ausschließlich Djent.

Beim Rhythm Amp wird es erwartungsgemäß deutlich rabiater. Hier treffen Peavey 5150 beziehungsweise Mansoors Invective und Omega Ampworks Granophyre aufeinander – also gleich mehrere moderne High-Gain-Schwergewichte. Und diese Kombination macht auf dem Papier genauso viel Sinn wie unter den Fingern: Der aggressive Attack und der extrem kontrollierte Punch der Peavey-DNA verbinden sich mit der massiven Gewalt des Granophyre. Das Ergebnis ist jener charakteristisch trockene und präzise High-Gain-Sound, bei dem selbst tief gestimmte Akkorde nicht einfach zu einer Wolke aus Verzerrung zerfallen. Palm-Mutes kommen mit Nachdruck aus den Speakern, komplexe Akkorde bleiben erstaunlich transparent und schnelle Riffs wirken beinahe maschinell exakt.

Amp Nummer drei verschiebt den Schwerpunkt schließlich von maximalem Rhythmus-Punch in Richtung Sustain und Lead. Hier lautet die  Gleichung Friedman HBE meets Bogner Snorkler. Die britisch geprägte Friedman-DNA trifft damit auf einen der begehrtesten modifizierten Bogner-Sounds – und entsprechend geschmeidiger präsentiert sich das Ergebnis. Der Amp singt stärker, komprimiert musikalisch und liefert reichlich Sustain. Gerade Leads erhalten dadurch jene Mischung aus cremiger Oberfläche und bissiger Präsenz, die sich auch in dichten Arrangements noch durchsetzen kann.

Die drei Amps sind weniger drei isolierte Klangwelten als drei unterschiedliche Perspektiven auf Mansoors Vorstellung eines modernen Gitarrensounds: Clean, Rhythm und Lead das ist  die erwartbare Trifekta der meisten Amp-Sims, hier erhalten sie jedoch eine besonders deutliche und eigenwillige Note, die man so in keiner anderen Suite findet.

Das Entscheidende dabei: Selbst bei stark verzerrten Sounds bleibt das Plugin crisp und präzise, der Anschlag geht nie unter.Gerade im Djent- und Progressive-Metal-Kontext ist das keine Nebensächlichkeit. Wo viel Gain, tiefe Tunings und komplexe Riffs zusammenkommen, kann ein Gitarrensound schnell zu einer amorphen Wand aus Verzerrung werden. Der Archetype: Misha Mansoor geht den entgegengesetzten Weg. Trotz der massiven Zerre bleibt die Ansprache kontrolliert, die Transienten sind präsent und selbst schnelle, rhythmisch hochkomplexe Figuren behalten ihre Kontur.

Das ist letztlich genau die Ästhetik, für die Mansoor steht: massiv, tight und präzise, ohne dass die Gitarre dabei an physischer Präsenz verliert.

Auch die Cab-Sektion fügt sich entsprechend in dieses Konzept ein und macht aus dem Amp-Signal einen Sound, der ohne große Verrenkungen mix-ready aus dem Plugin kommt. Jedem Amp steht dabei ein passendes Cabinet gegenüber: ein 1x12 mit Eminence-Speaker für den Clean Amp sowie zwei 4x12-Cabs mit Vintage 30s beziehungsweise Greenbacks für Rhythm und Lead. Insgesamt stehen 378 von Adam „Nolly“ Getgood aufgenommene Impulse Responses sowie sieben frei positionierbare virtuelle Mikrofone zur Verfügung.Gerade für moderne Produktionen ist das ein wichtiger Punkt: Der Sound soll nicht erst nach einer halben Stunde EQ-Arbeit funktionieren, sondern bereits beim ersten Anschlag eine klare Richtung vorgeben.

Effekte

Hier holt das Plugin mit Horizon Devices einen entscheidenden Teil von Mansoors eigener Hardware-Welt in die Software. Sowohl der Horizon Devices Compressor als auch der Precision Drive wurden detailgetreu nachmodelliert. Gerade Letzterer gehört praktisch zum Grundvokabular moderner High-Gain-Gitarren und sorgt dafür, das Low End vor dem Amp zu straffen und den Anschlag noch stärker nach vorne zu holen.

Die Effektsektion geht damit jedoch deutlich über das hinaus, was man von einem klassischen Amp-Sim erwarten würde, und orientiert sich konsequent an der modernen Gitarrenproduktion.

Ebenso ungewöhnlich sind die experimentelleren Pitch- und Special-FX. Laser kombiniert Ringmodulation und Pitch-Shifting und lässt sich unter anderem via Expression-Pedal steuern – ideal für Breakdowns, Übergänge und Noise-Experimente im zeitgenössischen Metal. Hinzu kommen der Dual Octaver sowie der granulare Glitch-Effekt, der das Gitarrensignal zerlegt und in Stutter-, Pitch- und Textur-Effekte verwandelt.

Und genau hier wird aus dem Signature-Amp langsam ein richtiges Sound-Design-Tool. Denn die Effekte sind nicht bloß dekoratives Beiwerk, sondern erweitern den musikalischen Spielraum des Plugins erheblich. Pitch-Shifting, abgefahrene Modulationen und die charakteristischen Noise-Spielereien gehören schließlich längst zum Vokabular moderner Heavy-Produktionen. Das passt wiederum hervorragend zu Mansoor, dessen musikalischer Ansatz nie ausschließlich auf möglichst brutale Gitarren beschränkt war. Zwischen Metal, Progressive Rock, Elektronik und Sound-Experimenten existieren zahlreiche Schnittstellen – und genau diese Offenheit findet sich auch im Plugin wieder.

Soundtrack

Ich selbst spiele eher nicht im Djent-Bereich, und dennoch hat mich dieses Plugin begeistert. Das ist ganz im Sinne Mansoors, der dieses Plugin als Sandbox und Starting Point für Experimentation sieht. Entsprechend flexibel ist es dann auch ausgelegt.Man ist hier keineswegs auf Metal abonniert, sondern kann das Plugin für eine Vielzahl von Rock-Sounds verwenden. Die kreativen Glitch- und Noise-Effekte und der sustainreiche Grundcharakter, der stets edel und präzise artikuliert rüberkommt, machen das Ganze auch für heftige Gitarrensounds im Scoring/Soundtrack-Bereich praktikabel. Zumal dieses Plugin bei aller Modernität auchs ehr klassich klingen kann, 

Und plötzlich funktioniert der Archetype in einem völlig anderen Kontext.Wie geschmolzene Lava schieben sich Riffs selbst über dichte Synth-Flächen, während die kontrollierte Ansprache dafür sorgt, dass auch bei enormer Klangdichte noch eine erstaunliche Definition erhalten bleibt. Gerade im Zusammenspiel mit elektronischen Sounds entsteht dabei eine interessante Spannung: Die Gitarre muss nicht zwingend als klassische Rockgitarre im Vordergrund stehen, sondern kann selbst zum Sound-Design-Element werden.

Mit den kreativen Delays und Effekten sind atmosphärische, noisige Leads selbst über dichten Orchesterarrangements kein Problem. Was normalerweise schnell nach klanglichem Matsch klingt, lässt sich hier erstaunlich kontrolliert in den Mix integrieren. Das macht das Plugin auch für Filmmusik, Trailer und andere cineastische Anwendungen interessant, bei denen Gitarren weniger die Rolle einer klassischen Band-Gitarre übernehmen als vielmehr Textur, Bewegung und Energie liefern sollen.

ICONIC INSTRUMENTS DETROIT DRUMS & DETROIT FX Test: Motown, British Invasion und der Sound der Sixties

Credit Bild: © Iconic Instruments
Detroit hatte schon immer ein besonderes Verhältnis zu Rhythmus. In den Fabrikhallen stampften Pressen und Fließbänder im Takt, ein paar Straßenzüge weiter entstanden Grooves, die wenig später die halbe Popwelt bewegen sollten. 

Der Detroit Drum Sound war direkt, kompakt und unverschämt effektiv: eine Snare mit Biss, eine Kick mit Schub, kurze Toms, trockene Räume und genau die richtige Portion Dreck zwischen den Transienten. Nicht groß, nicht luxuriös, nicht auf Hochglanz poliert – dafür mit einem Groove, der Songs innerhalb weniger Takte auf Betriebstemperatur brachte.

Und natürlich entstand dieser ganz spezielle Charakter nicht allein am Schlagzeug.  Stimmung, Mikrofone, Preamps, Bandmaschinen, Kompression, Raum und allerlei technische Eigenheiten verschmolzen zu einer klanglichen Handschrift, die heute geradezu ikonisch ist. Gerade weil damals vieles aus heutiger Sicht limitiert war, besitzen diese Aufnahmen etwas, das modernen Produktionen trotz praktisch unbegrenzter Möglichkeiten erstaunlich oft fehlt: Identität.

Genau hier setzen ICONIC INSTRUMENTS DETROIT DRUMS & DETROIT FX an. Das eine Plugin liefert das rhythmische Fundament, das andere soll die passende Produktionsästhetik rundherum beisteuern. Gemeinsam wollen sie also nicht einfach ein paar Vintage-Drums und Retro-Effekte in die DAW stellen, sondern eine ganze Ära klanglich rekonstruieren.

Detroit Drums: Motown ohne Museum

Detroit Drums besteht aus zwei separaten Drum-Modellen, schlicht L-Model und S-Model betitelt. Beide entstanden in Zusammenarbeit mit dem Good Hands Drum Shop in New York und basieren auf originalen Kits aus den Sechzigern, bestückt mit zeitgenössischen beziehungsweise heute kaum noch erhältlichen Original-Fellen und Cymbals. Selbst die Tuning-Methoden orientieren sich an der damaligen Praxis.

Das ist wesentlich wichtiger, als es zunächst klingt. Ein Vintage-Drum-Sound entsteht nämlich nicht dadurch, dass man ein modernes Kit durch eine Tape-Simulation jagt. Die Instrumente selbst waren anders dimensioniert, anders gestimmt und oftmals erheblich stärker gedämpft als das, was man heute aus Rock- und Pop-Produktionen kennt. Detroit Drums trifft diese Ästhetik ausgesprochen gut. Die Sounds wirken kompakt, warm und sofort älter, ohne nach einem übertriebenen Lo-Fi-Filter zu klingen.

Dampening – the lost art

Eines der interessantesten Features ist die individuelle Kontrolle über Tuning und Dampening jedes Drums.Gerade die Dämpfung ist für Sixties-Sounds essenziell.

Ein Tea Towel, ein Stück Tape oder andere Formen der Fell-Dämpfung verändern Sustain, Attack, Obertöne und letztlich die komplette Rolle der Trommel im Arrangement. Iconic Instruments macht diesen Bereich direkt spielbar.Ein offenerer Sound bewegt sich stärker in Richtung Jazz, frühes R&B oder akustischere Produktionen; mit zunehmender Dämpfung landen Snare und Toms schneller in jener kurzen, fokussierten Welt klassischer Soul- und Pop-Records.Gerade dadurch ist Detroit Drums erheblich flexibler, als der Name vermuten lässt.Natürlich ist Motown der offensichtliche Ausgangspunkt.Aber nicht die Endstation.

Genau deshalb funktioniert die Library auch ausgezeichnet für Beat Music und British Invasion.Die frühen britischen Bands entwickelten ihre Sprache schließlich keineswegs in einem Vakuum. Amerikanischer Rhythm & Blues, Soul, Rock ’n’ Roll und Motown waren wesentliche Bezugspunkte jener Musiker, die wenige Jahre später von Liverpool und London aus die Popwelt veränderten. Selbst der internationale Erfolg des Motown-Sounds nahm während der British-Invasion-Ära weiter zu.Für einen frühen Charlie Watts-Sound muss man bei Detroit Drums deshalb gar nicht besonders viel verbiegen.

Zwei Kits, zwei Perspektiven

Die beiden Modelle unterscheiden sich genug, um nicht wie reine Variationen desselben Kits zu wirken.

Das L-Model besitzt nach meinem Eindruck etwas mehr Offenheit und den klassischeren großen Pop-/R&B-Charakter. Die Snare wirkt detailreicher, während das Kit insgesamt etwas universeller erscheint.

Das S-Model kommt dunkler und etwas kompakter daher. Gerade für Funk, engere Soul-Grooves oder stärker gedämpfte Beat-Sounds ist das ausgesprochen reizvoll.

Beide Instrumente sind multisampled und unterstützen Round Robins. Zusätzlich gibt es ungewöhnlich viele Artikulationen: sechs Snare-Varianten, unterschiedliche Kick- und Tom-Zonen, mehrere Cymbal-Artikulationen und sechs Öffnungsgrade der Hi-Hat, die sich sogar kontinuierlich per Controller durchfahren lassen. General MIDI und ein erweitertes chromatisches Mapping stehen ebenfalls zur Verfügung.

Dadurch bleibt Detroit Drums trotz seines Retro-Konzepts tatsächlich ein spielbares Drum-Instrument und nicht nur eine Kollektion hübscher One-Shots.

Der eigentliche Star sitzt hinter dem Kit

Mindestens genauso wichtig wie die Samples ist allerdings die integrierte Mixing-Umgebung.Und hier beginnt Detroit Drums richtig interessant zu werden. Iconic Instruments hat eine komplette Sixties-artige Recording Chain eingebaut: Vintage-Mikrofonierung, Tube-Preamp-Färbung für verschiedene Mic-Busse, Plate Reverb, 660-style Vari-Mu Compression, einfacher Shelving EQ und Tape Processing. Über eine Routing-Matrix kann das komplette Kit intern gemischt oder für externe Bearbeitung auf einzelne DAW-Ausgänge verteilt werden.

Damit verändert sich die Arbeitsweise fundamental.Man lädt nicht einfach „Vintage Snare 01“ und klebt anschließend fünf Retro-Plugins dahinter.Die Drum-Library wurde von Anfang an mit der Aufnahmekette als Teil des Instruments gedacht.Denn wer einen alten Record reproduzieren möchte, braucht eben nicht nur das Instrument, sondern die gesamte Strecke zwischen Fell und Master Tape.

Die im Drum-Instrument integrierten Processing-Module sind bewusst reduzierte Versionen eigenständiger Iconic-Instruments-Plugins. Im Detroit FX Bundle bekommt man diese Tools in vollständiger Form – und kann damit natürlich nicht nur die Drums bearbeiten.

Der Model 350 Tube Preamp orientiert sich an der Input-Stufe eines Ampex-350-Tape-Systems. Statt daraus eine komplizierte Vintage-Laborstation zu machen, konzentriert sich das Plugin auf den musikalisch relevanten Teil: Record Level für die Röhrenfärbung, High- und Low-Pass-Filter zur Eingrenzung der Saturation, paralleles Mixing sowie Playback Level. Iconic hat sogar bewusst mehr Drive zugelassen, als mit dem historischen Gerät normalerweise möglich gewesen wäre.

Klanglich ist genau das die Art Plugin, die man schnell auf zu saubere digitale Spuren wirft.

Nicht um hörbare Distortion zu erzeugen, sondern um den Transienten ein wenig Härte zu nehmen und dem Signal jene subtile Verdichtung zu geben, die man meist erst bemerkt, wenn man das Plugin wieder deaktiviert.

Der Transport Vintage Tape setzt diesen Gedanken konsequent fort. Neben klassischer Tape-Saturation und Compression lassen sich Low- und High-Frequency-Drive separat beeinflussen, ein Head-Bump erzeugen und die Höhen nach der Bearbeitung wieder kontrolliert zurückholen. Besonders clever finde ich den HF-Bypass, mit dem sich die Tape-Färbung auf bestimmte Frequenzbereiche konzentrieren lässt.

Damit kann man Vintage bekommen, ohne automatisch Blanket-over-the-speakers zu erzeugen.

Exciting Compression – Detroit Parallel Processing

Besonders passend zur ganzen Motown-Thematik ist der Model 660 X Exciting Compressor.

Die Grundlage bildet ein klassischer 660-artiger Vari-Mu-Compressor. Iconic Instruments greift darüber hinaus aber eine Technik auf, die mit Motown-Engineer Lawrence Horn verbunden ist: Ein paralleler, stark komprimierter Signalweg wurde zusätzlich massiv in den oberen Frequenzen angehoben und dem unbearbeiteten Signal lediglich beigemischt. Ziel war mehr Präsenz und Excitement, ohne den natürlichen Haupttrack komplett plattzumachen.Model 660 X integriert genau diesen Gedanken direkt.

Neben Input, Threshold und Time Constant gibt es einen separaten Excitement-Bereich, Drive, regelbares Knee und Mix.Auf Drums funktioniert das hervorragend.Ein trockener Beat bekommt plötzlich mehr Snap und Forward Motion, ohne dass man die natürlichen Transienten des Originals komplett opfert.Auch auf Vocals macht das historische Konzept nach wie vor Sinn.

ParametrEQ – sieben musikalische Entscheidungen

Der ParametrEQ rekonstruiert wiederum einen modifizierten Detroit-EQ mit sieben festgelegten Frequenzbändern. Jedes lässt sich um acht Dezibel anheben oder absenken; besonders interessant ist die variable Q-Struktur, die bei kleineren Eingriffen breit und musikalisch bleibt, mit zunehmendem Boost beziehungsweise Cut aber selektiver wird.Das fühlt sich vollkommen anders an als ein moderner grafischer Analyzer-EQ mit 24 frei platzierbaren Nodes.Und gerade deshalb ist er interessant.

SP140 – put it on a plate

Mit dem SP140 kommt schließlich eine der wichtigsten Zutaten klassischer Studioproduktion hinzu: Plate Reverb.Enthalten sind fünf unterschiedliche 140-artige Steel Plates, ergänzt um Pre-Delay, fünf Density-Stufen, Filter, Tube Drive und Stereo-Width-Kontrolle.Gerade auf Detroit Drums ist der Effekt beinahe sofort verständlich.Ein trockener Snare-Schlag bekommt jene leicht metallische, dichte räumliche Fahne, die man mit unzähligen Produktionen der Sechziger und Siebziger verbindet. Und hier führt der Weg wieder weg von Motown und hin zu Phil Spector – und zu  „Be My Baby“, zu den Ronettes, aber auch zur Intro-Sequenz von Martin Scorseses „Mean Streets“Der Song entstand zwar nicht in Detroit, sondern in Gold Star, wo Spectors berühmte Echo Chambers einen wesentlichen Teil der Wall-of-Sound-Ästhetik lieferten. Doch der Grundgedanke ist derselbe: Raum war ein Produktionsmittel, nicht nachträgliche Dekoration.

Vintage ist nicht automatisch vielseitig

Ein kleiner Reality Check gehört dennoch dazu. Detroit Drums besitzt eine sehr klare ästhetische Identität.Wer riesige moderne Rock-Kicks, hyperrealistische 20-Tom-Kits oder maximal offene Cinematic-Percussion sucht, ist hier vollkommen falsch. Auch hinsichtlich der schieren Anzahl an Kit Pieces und Artikulationen können große aktuelle Drum-Libraries natürlich mehr bieten.Aber genau diese Beschränkung empfinde ich fast als Stärke.Dieses Instrument möchte nicht jedes Drumkit zwischen 1950 und heute abbilden.Es möchte eine bestimmte Ära glaubwürdig reproduzieren.Und das gelingt.

Auch das FX Bundle ist stärker Charakter-Sammlung als Universal-Mixing-Suite.

Fazit

Iconic Instruments Detroit Drums und Detroit FX funktionieren für mich besonders gut, weil sie Vintage-Sound nicht auf Tape Flutter und ein vergilbtes GUI reduzieren. Hier wurde verstanden, dass eine Ära aus einer Kette von Entscheidungen besteht.Detroit Drums bringt einen erstaunlich großen Teil der klassischen Drum Recording-Chain bereits innerhalb eines einzigen Instruments zusammen. Die zwei Kits klingen glaubwürdig nach Sixties, lassen sich über Tuning und Dampening aber weit genug formen, um nicht ausschließlich für Motown-Pastiches interessant zu sein.

Das Resultat ist weniger Drum Library plus Effektpaket als eine kleine virtuelle Zeitmaschine. Destination: 1964.