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| Credit Bild: © KeySolutions |
Synthesizer und
Kino – das ist eine Liaison, die Filmgeschichte geschrieben hat und
zusammenpasst wie Leinwand und Licht. Schwebende Pads, synthetische
Brass-Fanfaren, pulsierende Sequenzen und jene tiefen Drones, bei denen schon
vor dem ersten Bild klar ist, dass gleich etwas Bedeutendes passieren wird:
Elektronische Klänge sind fester Bestandteil des musikalischen Vokabulars des
Films.
Ihre Stärke
liegt dabei auch in ihrer Wandlungsfähigkeit. Ein Synthesizer kann eine Melodie
tragen, einen Raum andeuten oder etwas hörbar machen, für das es im Orchester
kein unmittelbar passendes Instrument gibt. Insofern wohnt beinahe jedem Synth
etwas Cinematisches inne. Man muss es ihm nur entlocken.
Dass ein neues
Instrument allerdings ausdrücklich als Cinematic Hybrid Synth angekündigt
wird, macht dennoch neugierig. Welche Eigenschaften sollen es für die große
Leinwand prädestinieren? Besonders üppige Presets? Viel Hall? Oder
Möglichkeiten, mit denen sich ein Klang ähnlich entwickeln lässt wie eine
Szene?
Der neu
veröffentlichte Traveler von KeySolutions Sounds nimmt sich genau dieser
Fragen an. Hinter dem Instrument steht der langjährige Music-Tech-Veteran Mike
Martin, der mit KeySolutions nicht nur seine einstige Sounddesign-Firma
reanimiert, sondern in diesem Software-Synthesizer auch seine jahrzehntelange
Erfahrung und seine Ideen aus der Beschäftigung mit Hardware- und
Software-Synthesizern zusammenführt. Der Name ist entsprechend programmatisch:
Traveler soll den Musiker auf eine Klangreise mitnehmen.
Wo diese Reise
hingeht? Das entscheidet der Spieler. Ein schöner Anspruch. Allerdings auch
einer, mit dem man sich auf dem gegenwärtigen, von hochkarätigen Synth-Plugins
bevölkerten Markt erst einmal behaupten muss. Zwischen immer umfangreicher
werdenden Hybrid-Synths und spezialisierten Scoring-Libraries, deren Presets
bereits halbe Soundtracks mitbringen, braucht ein neuer Synth eine wirklich
eigene Perspektive, einen unverwechselbaren Charakter und idealerweise Sounds,
die man nicht schon dutzendfach in seiner Plugin-Sammlung findet.
Also begeben
wir uns auf die Reise und laden Traveler in die Pro-Tools-Session.
Dort begrüßt
uns ein zwischen Moog und Korg angesiedeltes Vintage-Design, das bereits
einiges über den Grundcharakter des Instruments verrät. Statt futuristischer
Hochglanzoberfläche setzt Mike Martin auf die vertraute Ästhetik klassischer
Synthesizer. Große Regler, eine übersichtliche Anordnung der wichtigsten
Parameter und eine gewisse Vintage-Hardware-Anmutung – sieht man einmal vom
farbigen Display in der Mitte ab – vermitteln den Eindruck eines klassisch
ausgelegten Synthesizers. Ein Eindruck, der allerdings nur zum Teil stimmt.
Aber der Reihe nach …
Chapter 1
oder der erste Akt
Dieser ist
zunächst (!) vergleichsweise unspektakulär. Denn der erste Anschlag
beziehungsweise das Initial-Preset begrüßt den Anwender mit einem ziemlich
gewöhnlichen Standard-Sound. Durchaus brauchbar, bloß nicht jener Klang, den
man angesichts der Cinematic-Ankündigung erwartet hätte. Keine sich langsam
erhebende Klanglandschaft, kein unmittelbarer Ausflug in die Weiten eines
imaginären Science-Fiction-Epos.
Von diesem
ersten Eindruck sollte man sich jedoch keineswegs abschrecken lassen. Denn
Traveler verlangt hier unbedingt einen zweiten Blick beziehungsweise ein
genaueres Hinhören – es lohnt sich.
Die auf
direkten Zugriff ausgelegte Oberfläche soll zwar den Einstieg erleichtern,
unter ihr steckt allerdings eine deutlich umfangreichere Architektur mit
entsprechend vielen Möglichkeiten zur Klangformung. Und die offenbart sich
nicht unbedingt beim ersten Tastendruck, sondern vor allem dann, wenn man
beginnt, sich intensiver mit dem Instrument und seinen klanglichen
Möglichkeiten auseinanderzusetzen.
Vintage-Sound
mit modernen Ambitionen
Traveler klingt
mächtig, ausgesprochen vintage und erstaunlich analog. Bereits beim Scrollen
durch die mehr als 450 mitgelieferten Presets, darunter eine Artist
Collection renommierter Sounddesigner wie David Helpling, Drew Schlesinger oder
Venus Theory, sowie bei den ersten eigenen Tweaks offenbart sich ein
Klangcharakter, der an viele der großen Synthesizer-Ikonen der Siebziger- und
Achtzigerjahre erinnert, dabei aber durchaus eigenständig bleibt.
Breite Pads,
charaktervolle Leads, satte Bässe und organische Texturen prägen das Klangbild.
Die Sounds besitzen jene angenehme Wärme und Substanz, die man mit klassischen
analogen Instrumenten verbindet, ohne dabei grundsätzlich auf die Präzision und
Flexibilität moderner digitaler Klangerzeugung verzichten zu müssen.
Bemerkenswert
ist dabei vor allem, wie aufgeräumt Traveler klingt. Obwohl sich den einzelnen
Sounds eine beträchtliche Portion Modulation und Movement beimischen lässt,
bleiben sie erstaunlich definiert und kontrollierbar – und damit ausgesprochen
praxistauglich. Selbst ausladende Flächen besitzen genügend Kontur, um sich in
einem Arrangement zu behaupten, ohne zwangsläufig sämtliche anderen Instrumente
unter sich zu begraben.
Und das ist
gerade für den professionellen Einsatz ein nicht zu unterschätzender Vorteil.
Schließlich hilft der spektakulärste Synthesizer-Sound wenig, wenn er sich
anschließend nur mit Mühe in einen bestehenden Mix integrieren lässt.
Traveler möchte
offenbar weniger die nächste Sammlung sofort einsatzbereiter
Hollywood-Klangklischees sein, sondern vielmehr ein Synthesizer, der in erster
Linie musikalisch brauchbare und inspirierende Sounds liefert. Ein Ansatz, der
mir persönlich ausgesprochen gut gefällt.
Manchem mag das
angesichts der Cinematic-Ausrichtung beinahe zu wenig spektakulär erscheinen.
Auch wer ein Instrument vor allem für moderne EDM-Produktionen sucht, könnte
die überbordenden Effektorgien und besonders aggressiven Klangfarben mancher
spezialisierter Mitbewerber vermissen. Traveler setzt seine Akzente jedenfalls
anders.
Mit den
zahlreichen unter der Haube befindlichen Einstellmöglichkeiten lässt sich das
Instrument allerdings auch weit über seine ausgeprägten Retro-Wurzeln
hinausführen. Dann wird aus dem vermeintlichen Vintage-Synth ein zeitgemäßes
Sounddesign-Tool, das durchaus komplexe, ungewöhnliche und sich kontinuierlich
verändernde Klangwelten erschaffen kann.
Dass sich
Traveler dennoch nicht ausschließlich auf eine bestimmte musikalische Richtung
festlegen lässt, dürfte auch der langjährigen Erfahrung seines Entwicklers
geschuldet sein. Mike Martin kennt schließlich nicht nur die Geschichte
elektronischer Klangerzeugung, sondern auch die Anforderungen, die Musiker und
Produzenten in unterschiedlichsten Produktionsumgebungen an ihre Instrumente
stellen.
Entsprechend
fühlt sich Traveler in genreübergreifenden Arrangements ausgesprochen wohl.
Von Synthwave
über Achtziger-Hardrock bis hin zum Score eines (noch nicht realisierten 😉) Slasher-Movies liefert mir Traveler
sowohl Inspiration als auch zahlreiche Sounds, die bereits ohne größere
Nachbearbeitung ihren Platz im Arrangement finden. Sie besitzen Charakter, ohne
sich permanent in den Vordergrund drängen zu müssen.
Sieht man
einmal von meiner obligatorischen Vorliebe für etwas Tape-Sound und
gelegentliche EQ-Korrekturen ab, ist hier erfreulich wenig zusätzliche
Klangkosmetik notwendig. Traveler liefert vielfach bereits das, was man in
einer laufenden Produktion benötigt: einen überzeugenden, musikalisch
verwendbaren Sound, der sich nicht erst durch eine halbe Effektkette kämpfen
muss, um seine Qualitäten auszuspielen.
Das macht Spaß
und weckt durchaus die Lust, tiefer in die Materie einzutauchen.
Vertraute
Ausgangspunkte, offene Reiseroute
Die ausgeprägte
Vintage-Orientierung ist also durchaus gewollt, allerdings keineswegs mit einer
Beschränkung auf klassische Synthesizer-Konzepte gleichzusetzen. Denn bei
näherer Betrachtung offenbart Traveler ein Instrument, dessen zahlreiche
Komponenten zu Experimenten geradezu einladen.
Drei
Oszillatoren bilden die Grundlage. Ihr kontinuierlicher Stimmbereich umfasst
sechs Oktaven, die Wellenformen lassen sich während des Spielens verändern.
Oszillator 2 bringt einen siebenstimmigen Super-Stack mit, dessen
Verstimmung und Stereospreizung für jene Dichte zuständig sind, die man mit
großen modernen Synth-Flächen verbindet.
Oszillator 3
öffnet dagegen die Tür zur Wavetable-Synthese. Neben 85 mitgelieferten
Wavetables können eigene importiert werden; Duo-Stacking erweitert auch hier
die räumlichen Möglichkeiten. Sync sowie lineare und exponentielle FM ergänzen
das Spektrum. Damit lässt sich von vertrauten Grundfarben aus deutlich
weitergehen – bis zu metallischen, rauen oder komplex ineinander verschobenen
Texturen.
Ein Vintage-Regler
fügt subtile Oszillatordrift und nichtperiodisches Verhalten hinzu. Das passt
zum Konzept, denn Bewegung muss keineswegs immer als deutlich hörbare
Modulation auftreten. Gerade bei langen Tönen können kleine Unregelmäßigkeiten
verhindern, dass ein Klang wie eingefroren wirkt.
Traveler
versammelt damit unterschiedliche Syntheseideen unter einem Dach. Das ist
angesichts moderner Soft-Synth-Powerhouses natürlich keine grundlegend neue
Idee. Dennoch gelingt es Mike Martin, aus den vertrauten Bausteinen ein
durchaus eigenständiges Instrument zu formen, dessen Stärken sich weniger in
isolierten Einzelklängen als vielmehr im Zusammenspiel der verschiedenen
Komponenten zeigen.
Sein hybrider
Charakter entsteht aus ihrer Kombination: analoge Anmutung, digitale
Wandlungsfähigkeit und die Möglichkeit, beides innerhalb eines Sounds
miteinander arbeiten zu lassen.
Klanglich
bewegt sich Traveler dabei durchaus auf hohem Niveau. Besonders die breiten,
leicht instabilen Flächen und organisch anmutenden Texturen können überzeugen,
ohne dass man dafür zwangsläufig alle Oszillatoren bis zum Anschlag aufdrehen
muss. Auch klassische Synth-Sounds gehören zum Repertoire. Allerdings besitzt
Traveler nicht in jeder Disziplin einen unverwechselbaren Fingerabdruck. Für
Brot-und-Butter-Sounds stehen schließlich längst zahlreiche hervorragende
Alternativen bereit. Seine eigentliche Stärke liegt woanders.
Wenn sich
eine Fläche in eine Szene verwandelt
Besonders
konsequent fällt die Stereoarchitektur aus. Die Oszillatoren lassen sich
separat im Panorama platzieren, Stimmen alternierend verteilen und die Position
einzelner Voices modulieren. Auch die Filterarchitektur arbeitet stereo. Eine
eigene Regelung der Breite im unteren Frequenzbereich erlaubt es, den Bass zu
zentrieren, während sich darüber das Klangbild öffnet.
Für Scoring ist
das mehr als dekorative Breite. Ein langsam auseinanderwanderndes Pad kann den
Eindruck eines sich öffnenden Raums erzeugen. Ein enger, zunächst kaum bewegter
Klang kann dagegen Spannung sammeln, bevor seine Bestandteile unterschiedliche Richtungen
einschlagen. Solche Veränderungen erzählen bereits etwas, selbst wenn
harmonisch noch gar nicht viel passiert.
Ähnlich wichtig
ist die zeitliche Gestaltung. Die Hüllkurven ermöglichen lange Entwicklungen
und lassen sich vom vertrauten ADSR-Verlauf auf erweiterte ADBSSR-Formen
mit anpassbaren Kurven umstellen. Das ist gerade dann interessant, wenn eine
Fläche mehrere Zustände durchlaufen soll, statt nach dem Attack einfach auf
einem Sustain-Level zu verharren.
Zwei
unabhängige 16-Step-Control-Tracks ergänzen rhythmische und klangliche
Abläufe. Der Arpeggiator bietet 20 Abspielmodi und kann gezielt einzelne
Oszillatoren ansprechen. So lässt sich innerhalb eines Patches eine Ebene in
Bewegung versetzen, während eine andere liegen bleibt. Ein Puls entsteht aus
der Fläche heraus, ohne dass dafür sofort ein zweites Instrument nötig wäre.
Genau hier wird
die Cinematic-Idee des Traveler greifbar: im Verhältnis zwischen einem Klang
und seiner Veränderung.
Dabei muss es
keineswegs immer die monumentale Klangwand sein. Auch zurückhaltende, beinahe
fragile Texturen profitieren von dieser Architektur. Ein leicht modulierter,
zunächst unspektakulärer Ton kann sich über mehrere Sekunden hinweg zu einer
komplexen Fläche entwickeln, ohne seine ursprüngliche Identität vollständig zu
verlieren.
Das ist
musikalisch interessanter als viele jener Presets, die bereits beim ersten
Anschlag sämtliche Register ziehen und damit im Grunde kaum mehr Raum für eine
weitere Entwicklung lassen.
Allerdings
verlangt diese Herangehensweise auch etwas Geduld. Wer schnell einen fertigen,
spektakulären Signature-Sound für den nächsten Trailer benötigt, wird mitunter
bei einer spezialisierten Library schneller ans Ziel kommen. Traveler belohnt
dagegen jene Anwender, die selbst bestimmen möchten, was zwischen dem ersten
und dem letzten Ton passiert.
Unter der
Oberfläche wird es tief
Drei polyphone
LFOs mit 21 Formen und Zufallsbewegungen, eine zusätzliche Modulationshüllkurve
sowie eine 21-Bus-Modulationsmatrix bieten dafür reichlich Spielraum.
Ursprünglich mit 92 Modulationszielen ausgestattet, wurde deren Zahl mit
Version 1.1 auf mittlerweile 144 Ziele erweitert. Modulationsquellen
können wiederum andere Modulationen beeinflussen. Eine Bewegung muss also weder
gleichförmig bleiben noch bei jeder gespielten Stimme identisch verlaufen.
Das dürfte
Sounddesigner freuen, verlangt aber auch Einarbeitung. Die zugängliche
Oberfläche nimmt dem Instrument seine Komplexität nicht ab. Wer eigene,
langfristig interessante Entwicklungen bauen möchte, muss verstehen, welche
Bewegungen einander ergänzen und wann sie sich gegenseitig im Weg stehen. Alles
gleichzeitig zu modulieren ergibt schließlich noch keine Dramaturgie.
Auch die
Filtersektion verbindet unterschiedliche Traditionen. Ladder-Varianten mit 6,
12, 18 und 24 dB Flankensteilheit stehen neben NJM2069-inspirierten Modellen
mit 12 und 24 dB, die unter anderem an den Korg DW-8000 anknüpfen. Bass
Compensation, ein unabhängiger High-Pass, Mixer Feedback und Pre-Filter Drive
erweitern den Zugriff.
Damit wird die
Filterwahl zur Entscheidung über den Charakter einer Bewegung. Eine sanfte
Öffnung kann einen Sound allmählich freilegen; ein stärker angefahrener,
resonanter Verlauf kann denselben Moment wesentlich nervöser gestalten. Die
historischen Bezugspunkte sind dabei Zutaten für ein eigenständiges Instrument.
Was dabei
gefällt, ist die Möglichkeit, auch vergleichsweise einfache Ausgangssounds
durch gezielte Eingriffe deutlich aufzuwerten. Traveler muss nicht permanent
mit sämtlichen Features protzen, um interessante Ergebnisse zu liefern.
Mitunter reichen bereits eine veränderte Filtercharakteristik, etwas
Oszillatordrift und eine subtil modulierte Stereobreite, um aus einem
gewöhnlichen Pad etwas wesentlich Lebendigeres zu machen.
Bei aller
Flexibilität sollte man allerdings nicht übersehen, dass diese Möglichkeiten in
der Oberklasse aktueller Software-Synthesizer längst zum guten Ton gehören.
Traveler erfindet die Synthese nicht neu. Er kombiniert bekannte Verfahren
vielmehr auf eine musikalisch durchdachte Weise.