Obwohl die ganzen
großen klassischen Synthesizer regelrechte Klang-Chamäleons sind und mit den
nötigen Programming-Fähigkeiten in viele Richtungen gebogen werden können, gibt
es klarerweise unumstößliche Fixsterne am Sound-Himmel elektronischer
Klangerzeugung. Es sind jene tonalen Signaturen, die sich tief in das
kollektive Gedächtnis der Pop-, Rock- und Filmmusik eingebrannt haben: Die
unerreichten, markerschütternden Referenz-Bässe des Minimoog, die majestätisch
schwebenden Pads und prägnanten Brass-Sounds von Oberheim, die unverkennbaren,
Chorus-getränkten Plucks eines Roland Juno oder diese ganz spezielle, düstere
Schwere und unheimliche Dichte eines Prophet-5. Wer diese unterschiedlichen
Klangfarben in seiner Digital Audio Workstation (DAW) reproduzieren wollte,
musste lange Zeit entweder auf eine ganze Phalanx spezialisierter Plugins
zurückgreifen oder horrende Summen auf dem Vintage-Markt für anfällige
Hardware-Originale hinblättern.
Credit Bild:© U-he
Das mittlerweile mit Fug
und Recht selbst als Klassiker zu bezeichnende Synthesizer-Plugin Diva aus dem
Hause u-he vereint genau diese unterschiedlichen, legendären Welten unter einer
einzigen, eleganten Oberfläche. Dabei macht Diva (das steht für Dinosaur
Impersonating Virtual Analogue Synthesizer) vieles von
dem, was archaische Geräte von Moog bis Roland berühmt gemacht hat, geht jedoch
gleichzeitig völlig eigene, progressive Wege. Das Konzept bricht mit der Philosophie
klassischer 1:1-Replikas: Anstatt nur ein einziges historisches Gerät zu
kopieren bzw. zu modeln, erlaubt Diva eine beispiellose, intertextuelle
Kombination einzelner Epochen.
Ein Synth mit vielen
Facetten
Im Kern hat Diva zwei große Stärken: da wäre zum
einen der extrem authentische analoge
Klang (will man diesen in all seinen Facetten genießen empfiehlt sich ein
entsprechend starker Rechner!). Und dann die Möglichkeit sich in bester Mix &
Match-Manier quasi seinen eigenen Frankenstein-Synth zu basteln.
Gekonnt fängt Diva den
wahren Geist diverser analoger Hardware-Ikonen ein, indem sie dem User eine
extrem flexible, modulare Struktur zur Verfügung stellt. Die Oszillatoren,
Filter und Hüllkurven-Module orientieren sich bis ins kleinste Detail an den
realen Schaltungskomponenten der geschätzten monophonen und polyphonen
Synthesizer-Klassiker von gestern. Die
Möglichkeiten sind hier wirklich mannigfaltig: So lassen sich beispielsweise
raue Moog-Style-Oszillatoren mit Filter-Charakteristika, die man in ihrer
aggressiven Resonanz eher aus dem Hause Yamaha kennt, nahtlos miteinander
kombinieren. Es entsteht so eine faszinierende Sandbox für Klangexperimente,
bei der historische Anachronismen nicht nur erlaubt, sondern als kreativer
Katalysator ausdrücklich erwünscht sind.
Das Interessante
daran: Obwohl die einzelnen Module deutlich erkennbare historische Referenzen
besitzen, entsteht durch ihre Kombination eben nicht zwangsläufig ein weiterer
Klon eines bekannten Klassikers. Man kann sich vielmehr einen Synthesizer
bauen, den es als Hardware so nie
gegeben hat.
Schaltungssimulation
statt bloßer Analog-Illusion
Ein wesentlicher Grund
für Divas bis heute bemerkenswerte Klangqualität liegt in der verwendeten
Technologie. Diva war der erste native Software-Synthesizer, der Methoden
industrieller Schaltungssimulatoren, wie man sie sonst eher aus der
akademischen Elektronikentwicklung kennt, in Echtzeit auf die digitale
Audioebene übertrug. Virtuell werden dabei die Eigenschaften elektronischer
Komponenten wie Kondensatoren und Widerstände berechnet. Das ist erheblich
rechenintensiver als eine simple Annäherung an das Verhalten analoger Hardware.
Der Aufwand hat
allerdings einen hörbaren Effekt. Diva klingt nicht statisch oder steril,
sondern besitzt diese gewisse organische Bewegung, die man mit analoger
Hardware verbindet. Der Klang hat Fundament, Charakter und eine natürliche
Sättigung, ohne dass man ihn erst durch eine ganze Kette aus EQ, Saturation und
weiteren Prozessoren schicken muss, damit er interessant wird.
Wer Diva mit
niedrigerem Qualitätsmodus betreibt, kann CPU sparen. Wer jedoch die klanglich
anspruchsvolleren Modi verwendet, sollte entsprechend Rechenleistung im
Computer haben.
Praxis-Workflow
In der täglichen
Studiopraxis erweist sich das Plugin schnell als ausgesprochen vielseitiger
Allrounder. Das liegt auch daran, dass sich diese Diva nicht lange bitten
lässt: Bässe, Pads, Arpeggios, Sequenzen, Leads, Noises und ungewöhnliche
Lo-Fi-Texturen gehören gleichermaßen zu seinem Repertoire.
Die Mannschaft um Urs
Heckmann hat hier ein Instrument geschaffen, das in erstaunlich vielen
Bereichen reüssieren kann, ohne dabei seine eigene klangliche Handschrift zu
verlieren.
Auch die integrierten
Effekte tragen dazu bei. Besonders der Chorus, der sich klanglich deutlich an
den klassischen Juno-Chorus anlehnt, ist ein ausgesprochen nützliches Werkzeug,
um Sounds sofort in Richtung Achtzigerjahre, Synth-Pop oder atmosphärischer
Filmmusik zu bewegen. Dazu kommen Reverb- und Delay-Sektionen sowie ein Arpeggiator,
die aus einem bereits charaktervollen Grundsound schnell einen deutlich
größeren und räumlicheren Klang machen.
Gerade im modernen
Film- und Hybrid-Scoring spielt Diva seine Stärken aus. Auch in einem dichten
Arrangement, in dem sich Synthesizer und ein großes orchestrales Tutti
gegenseitig behaupten müssen, lässt sich das Instrument gut platzieren. Die
analoge Präsenz hilft dabei, dass Pads, Sequenzen oder Bässe nicht einfach im
Orchester verschwinden.
Natürlich schadet
etwas Erfahrung im Synth-Programming nicht, wenn man die tieferen Ebenen der
Modulationsmöglichkeiten wirklich ausreizen möchte.
Presets, Soundsets
und die erstaunliche Tiefe von Diva
Bei u-he lassen sich
zusätzliche Soundsets erwerben. Gerade weil Diva mittlerweile seit
einigen Jahren auf dem Markt ist, existiert hier ein entsprechend umfangreiches
Ökosystem (u-he Diva
Soundsets). Die
zusätzlichen Preset-Sammlungen sind dabei keineswegs nur „More of the same“.
Klangwelten Packs mit klingenden Namen wie Automata oder Defotm
zeigen, wie weit sich das Instrument abseits der klassischen Analog-Referenzen
treiben lässt.
Damit stehen schnell
Hunderte zusätzliche Klangmöglichkeiten zur Verfügung – von klassischen
Synth-Sounds bis zu deutlich experimentelleren Settings und tiefgreifenden
Customizations.
Das unterstreicht erneut, wie vielseitig Diva tatsächlich ist: Die historische DNA ist klar erkennbar, aber sie definiert nicht die Grenzen des Instruments.















