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| Credit Bild: © Heavyocity |
Halloween mag
zwar vorbei sein, doch der Schrecken nimmt kein Ende – zumindest, wenn es nach
Heavyocity geht. Mit Psychosis öffnet die Sample-Schmiede eine
akustische Schreckenskammer, deren Inhalt Filmkomponisten ausgesprochen gelegen
kommen dürfte. Schließlich braucht ein guter Horror-Score mehr als den
obligatorischen Knall, bei dem das Popcorn durch den Kinosaal fliegt. Die
eigentliche Kunst beginnt dort, wo noch gar nichts passiert ist und man
trotzdem schon ein wenig tiefer in den Sessel rutscht.
Ein leerer
Korridor, eine halb geöffnete Tür, ein Kinderzimmer, in dem alles ordentlich an
seinem Platz steht. Eigentlich kein Grund zur Beunruhigung. Bis sich ein kaum
greifbarer Klang unter das Bild schiebt und aus der vertrauten Umgebung
plötzlich ein Ort wird, an dem man lieber nicht allein wäre. Das Horrorkino
lebt von solchen Verschiebungen – und die Musik besitzt die bemerkenswerte
Fähigkeit, sie auszulösen, ohne ihren Ursprung zu verraten.
Genau in dieser
Unsicherheit fühlt sich diese Library ausgesprochen wohl. Zwischen eigenwillig
gespielten akustischen Instrumenten, nervösen Texturen und abrupten
Klangausbrüchen entsteht ein musikalisches Vokabular für jene Momente, in denen
die Wahrnehmung keine verlässliche Orientierung mehr bietet. Man hört noch
Holz, Saiten und Metall. Was sich daraus zusammensetzt, wirkt allerdings schon
erheblich weniger vertraut.Und hinter der nächsten Tür möchte man diesen
Klängen vermutlich nicht begegnen.
Psychoakustik:
Wenn Instrumente ihr Eigenleben entwickeln
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| Credit Bild: © Heavyocity |
Der Titel
dieser üppigen, rund 6,9 GB großen Library lässt sich als musikalische
Metapher für eine Klangwelt verstehen, in der Instrumente ihre vertrauten
Eigenschaften verlieren und Geräusche plötzlich ein beunruhigendes Eigenleben
entwickeln. Dafür kombiniert das Paket ungewöhnliche akustische Quellen mit
aufwendiger Bearbeitung, rhythmischen Strukturen und gezielten Schockeffekten.
Das Ergebnis sind hybride Klanggebilde, die an Bernard Herrmanns messerscharfe
Streicherattacken ebenso erinnern können wie an Ennio Morricones experimentelle
Geräuschwelten – ein Panoptikum unheimlicher Sounds, das die Nackenhaare
zuverlässig aufstellen soll.
Das
Interessante beginnt bereits beim Ausgangsmaterial. Heavyocity nahm unter
anderem Koto, Sarangi und Rubab, Spieluhren, Toy Pianos, Gongs und resonierende
Metallobjekte auf. Gestrichen, geschabt, gedehnt und auf unkonventionelle Weise
angeregt, liefern diese Quellen die Grundlage für die anschließende klangliche
Verfremdung. Insgesamt umfasst PSYCHOSIS 720 Klangquellen und 332 Presets.
Diese Herkunft
ist für das Konzept wesentlich. Ein physisches Objekt bringt Eigenheiten mit,
die sich kaum auf einen einzelnen Ton reduzieren lassen: das Geräusch des
Anschlags, Reibung, unregelmäßige Resonanzen und ein Ausklingen, das sich
gelegentlich interessanter entwickelt als der eigentliche Beginn. Genau solche
Eigenschaften bieten reichlich Material für ein Sounddesign, das zwischen
Instrument und Geräusch arbeitet.
Dass Heavyocity
ein ausgeprägtes Gespür für diese Körperlichkeit besitzt, kennt man bereits von
anderen Libraries des Herstellers. Deren Strings zählen für mich zu den
holzigsten und plastischsten Vertretern im Sample-Bereich – „woody“ im besten
Sinne, mit jener hörbaren Verbindung zwischen Saite, Bogen und Resonanzkörper,
die einem gesampelten Instrument erst seine physische Präsenz gibt. Bei Psychosis
wird dieses Gespür für das Material nun gezielt ins Beunruhigende gewendet.
Gerade weil sich die Klänge noch so greifbar anfühlen, wirken ihre Verformungen
umso eigentümlicher.
Man kann einen
Sound als etwas Körperliches wahrnehmen, während seine Ursache bereits schwer
zu bestimmen ist. Eine Saite? Eine Blechplatte? Ein entferntes mechanisches
Geräusch? Sobald die Zuordnung unsicher wird, beginnt das Kopfkino
mitzuarbeiten.
Daneben gibt es
durchaus Sounds, die sich anhören, als würde ein Werwolf gerade einen arglosen
Wanderer verspeisen, und Noises, bei denen man lieber nicht allzu genau wissen
möchte, was sie verursacht haben könnte. Psychosisbeherrscht also auch das
ausdrücklich Monströse. Nur wäre es schade, die Library darauf zu reduzieren.
Gerade die
Spieluhren und kleinen Tasteninstrumente zeigen, wie viel Wirkung im
vermeintlich Harmlosen steckt. Ihre vertraute, beinahe kindliche Klangwelt
lässt sich durch den Kontext erstaunlich leicht verschieben. Wenige vereinzelte
Töne können in einer ansonsten dunklen Textur mehr Unbehagen erzeugen als ein
weiterer demonstrativ böser Bass.
Der Schrecken
braucht schließlich gelegentlich etwas Unschuld, an der er sich abarbeiten
kann.
Horror-Scoring:
Die Spannung vor dem Aufschrei
Psychosis deckt
sowohl abrupte Ereignisse als auch länger anhaltende Spannungszustände ab. Die
Auswahl reicht von kurzen, zuspitzenden Klanggesten – den sogenannten Stings –
und Jumpscare-Sounds über Übergänge bis zu gehaltenen Texturen und rhythmischem
Material.
Das ist
dramaturgisch sinnvoll. Ein Schockeffekt hat eine andere Aufgabe als ein Klang,
der sich über eine ganze Szene hinweg kaum merklich verändert. Der eine
markiert einen Augenblick, der andere beeinflusst, wie wir die Zeit davor
erleben.
Man denke an
eine langsame Kamerafahrt durch einen verlassenen Flur. Ein regelmäßiger Puls
kann zunächst Orientierung geben. Kommt eine unruhige Textur hinzu, wird
dieselbe Bewegung plötzlich verdächtig. Verschiebt sich anschließend deren
Klangfarbe, obwohl im Bild weiterhin nichts geschieht, entsteht Spannung aus
der Erwartung selbst.
Für solche
Anwendungen sind die temposynchronen, teilweise atonalen Rhythmen interessant.
Sie erlauben Bewegung, ohne dass dafür sofort ein melodisches Motiv oder ein
klassisches Streicher-Ostinato die Szene eindeutig kommentieren muss. Tonale
Bestandteile können Halt geben, geräuschhafte Schichten diesen wieder infrage
stellen.
Darin liegt
eine der überzeugendsten Eigenschaften des Pakets: Es stellt Material für
verschiedene Phasen einer Horrorszene bereit. Das leise Unbehagen, die
zunehmende Verdichtung und der plötzliche Ausbruch können aus einer verwandten
Klangwelt entwickelt werden. Dadurch bekommt ein Cue einen Zusammenhang, der
bei der wahllosen Kombination spektakulärer Einzeleffekte schnell verloren
geht.
Psychosis
Designer: Drei Schichten Unbehagen
Für die
Ausarbeitung solcher Verläufe steht der Psychosis Designer bereit. Drei
Kanäle lassen sich kombinieren und jeweils hinsichtlich Hüllkurve, Klangfarbe,
Verzerrung, Bewegung und Raum bearbeiten. Ein zentraler Macro-Regler bündelt
mehrere Veränderungen; Sequencer und aufzeichnbare Mixerbewegungen ermöglichen
Entwicklungen über die Zeit.
Der praktische
Nutzen ergibt sich unmittelbar aus der Aufgabe: Eine Szene verändert ihre
Intensität selten ausschließlich über die Lautstärke. Ebenso entscheidend sind
die Dichte des Materials, dessen rhythmische Aktivität oder die Frage, wie nah
eine Klangquelle zu sein scheint.
Eine mögliche
Anwendung wäre deshalb, eine zunächst zurückhaltende Fläche allmählich mit
einer raueren Quelle zu verschränken, während sich die rhythmischen
Bestandteile stärker bemerkbar machen. Die musikalische Situation entwickelt
sich, ohne dass ständig ein neuer Sound eingeführt werden muss. Gerade bei
längeren Suspense-Passagen kann das helfen, den Zusammenhang zu bewahren.
Über beide
Instrumente hinweg stehen insgesamt 35 Cue-Creator-Presets
beziehungsweise entsprechende Kombinationen zur Verfügung. Sie liefern bereits
zusammengestellte Ausgangspunkte für solche Aufgaben und erleichtern die
schnelle Skizze eines Cues. Ihre eigentliche Brauchbarkeit entscheidet sich
anschließend daran, wie gut man sie auf Schnitt, Dialog und Dramaturgie
abstimmt.
Ein
beeindruckendes Preset besitzt schließlich noch keine Kenntnis davon, wann im
Film die Tür aufgeht.