Samstag, 9. Mai 2026

U-HE ZEBRA LEGACY Test – Batflaps, Blockbuster & das ultimative Klanglabor

u-he Zebra 2 GUI
Credit Bild: © u-he
Es gibt diese seltenen Momente, in denen Klang nicht einfach nur gehört, sondern geradezu erlebt wird. Mein erster echter Kontakt mit dem Softsynth Zebra von u-he war genau so ein Moment – und er hatte nichts mit einem Plugin-Test oder einer Soundexploration im Homestudio zu tun. Ich stand in einem großen Recording-Studio, irgendwo zwischen Deadlines und Meetings. Die Engineers werkten an der SSL, überprüften Verkabelungen und forderten die Speaker mit dem Referenzmaterial-Soundtrack des Tages: Hans Zimmers Score für die Batman-Filme von Christopher Nolan.Dann passierte es. Diese pulsierenden, flirrenden, fast organischen Texturen von sich nähernden Flügelgeräuschen. Gänsehaut. Die legendären „Batflaps“. Diese Mischung aus Druck, Bewegung und emotionaler Wucht. Majestätisch, überlebensgroß hoben sich diese Sound-Schwingen über dichte Synth-Pads.Das Instrument hinter diesen Sounds: Zebra Synth – genauer gesagt die Hans-Zimmer-Version dieses Plugins der deutschen Softwareschmiede u-he.

Der Weg zum Soundtrack-Synth

Manche Software-Synthesizer versuchen, ein historisches Instrument möglichst exakt zu emulieren. Andere bauen ihre eigene Welt. Zebra gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.Seit seiner ersten Iteration entwickelte sich das Instrument zu einem der flexibelsten und eigenständigsten Softsynths überhaupt. Wer sich erstmals intensiver mit Zebra beschäftigt, merkt schnell, dass hier nicht die möglichst akkurate Nachbildung eines Minimoogs oder Jupiter-8 im Zentrum steht. Stattdessen versteht sich Zebra als eigenständige, offene Plattform für Klangdesign.Die Mischung aus modularer Architektur, außergewöhnlicher Klangqualität und enormer Flexibilität machte Zebra über Jahre hinweg zum Geheimfavoriten zahlloser Produzenten – insbesondere im Bereich Film-, Trailer- und Game-Musik. Und ja: Braaams zählen zu den Spezialgebieten des Zebra, ebenso wie bedrohlich klingende Pads und cineastische Drones. Spätestens seit Hans Zimmer und sein Sounddesign-Team Zebra intensiv für ihre Multimillionen-Produktionen einsetzten, wurde der Synth endgültig Teil der DNA zeitgenössischer Filmmusik.

Zimmer, Zebra, Zauber

u-he Zebra HZ GUI Hans Zimmer
Credit Bild: © u-he

Neben Zebra2 sowie zahllosen Soundsets ist in der Legacy Edition des Zebra auch die HZ-Version („Hans Zimmer“) dieses Synths enthalten.Die Geschichte dieses Software-Instruments beginnt nicht etwa als gewöhnliche Produktentwicklung, sondern mitten in der Welt moderner Hollywood-Filmmusik. Mitte der 2000er-Jahre arbeitete Hans Zimmer an den Scores zur Batman-Trilogie von Christopher Nolan – Klangwelten voller Druck, düsterer Atmosphäre und jener monumentalen Hybrid-Ästhetik zwischen Orchester und elektronischem Sounddesign, die wenig später ganze Generationen von Trailer- und Score-Komponisten prägen sollte.
Und manchmal existieren beide Zustände gleichzeitig innerhalb desselben Patches. Auf der Suche nach einem flexiblen Instrument für genau diese Art von Klanggestaltung stieß Zimmer auf den Zebra Synth von u-he. Was ursprünglich als Begeisterung für ein außergewöhnlich vielseitiges Plugin begann, entwickelte sich schnell zu einer engen Zusammenarbeit zwischen Zimmer, seinem Sounddesign-Team – insbesondere Howard Scarr – und Firmengründer Urs Heckmann selbst.

Zimmer war fasziniert davon, dass Zebra eben nicht versuchte, lediglich klassische Vintage-Synthesizer zu imitieren. Stattdessen bot das Instrument eine offene Architektur – genau das, was modernes Scoring benötigt. Im Verlauf der Arbeit an The Dark Knight und später The Dark Knight Rises entstand schließlich eine speziell angepasste Version des Synths: ZebraHZ. 

u-he integrierte zusätzliche Module, experimentelle Filter, neue Resonatoren, Dynamics-Prozessoren sowie Funktionen, die teilweise bereits frühe Vorboten des späteren Zebra3-Konzepts darstellten. Viele dieser Erweiterungen entstanden direkt aus Anforderungen, die Zimmer während der Score-Produktion formulierte. Genau hier entstanden jene legendären Klangtexturen, die man heute unmittelbar mit Nolans Batman-Ästhetik verbindet: die eingangs erwähnten pulsierenden „Batflaps“, düstere Hybrid-Drones, massive synthetische Brass-Sounds, sich ständig transformierende Pads und jene brachialen cineastischen Low-End-Strukturen, die später praktisch zum Standard moderner Trailer-Musik wurden.

2012 veröffentlichte u-he das Paket schließlich offiziell als „The Dark Zebra“. Enthalten waren nicht nur ZebraHZ selbst, sondern auch hunderte Presets von Hans Zimmer und Howard Scarr – darunter zahlreiche Sounds, die direkt aus den Batman-Scores stammten.

Seitdem besitzt Dark Zebra innerhalb der Sounddesign- und Filmkomponisten-Szene beinahe Kultstatus. Nicht nur wegen seines prominenten Einsatzes in Blockbuster-Produktionen, sondern weil das Instrument eindrucksvoll bewies, dass Software-Synthesizer längst dieselbe emotionale Größe, Komplexität und cineastische Wucht erreichen konnten wie gigantische Hardware-Setups.

Allerdings wäre es zu kurz gegriffen, Zebra ausschließlich auf Hans Zimmer zu reduzieren. Zwar kommt man kaum an dessen Einfluss vorbei – nicht als bloßes Namedropping, sondern weil Zimmer selbst immer wieder öffentlich betont hat, wie sehr er Zebra nach wie vor schätzt und wie oft er beim Arbeiten mit diesem Instrument neue Möglichkeiten entdeckt.Die eigentliche Stärke des Synths liegt darin, dass er genug Raum für völlig eigene Klangvorstellungen bietet.

SCUFFHAM S-GEAR Test: Plugin-Klassiker mit Boutique-Amp-Sound

Credit Bild: © Scuffham
Die Plugin-Suite Scuffham S-Gear zählt zu den älteren noch immer erhältlichen Versuchen ikonische Amp-Sounds zu digitalisieren und stammt aus einer Zeit, als das Prinzip Verstärker in ernstzunehmender Weise als Plugin zu emulieren noch relativ jung war. Ein Pionier-Plugin sozusagen, das seit seiner Einführung 2011 schon mehrere Iterationen und Updates durchlaufen hat und nach dem Prinzip "still going strong" nach wie vor upgedatet wird. Trotz dieses Veteranen-Status fliegt S-Gear etwas unter dem Radar, man liest und hört  – abseits von Insider-Zirkeln – verhältnismäßig wenig darüber.  Warum ist das so? Handelt es sich dabei mittlerweile eher um ein Legacy-Produkt oder doch um einen Sleeper-Star, der seiner Zeit weit voraus war und noch heute zu begeistern vermag und mit den aktuellen Platzhirschen mithalten kann? Let’s find out.

Mike Scuffham und die Rack-Ideologie

S-Gear ist das „Brainchild“ von Mike Scuffham – unter Kennern ein Name mit Gewicht. Bevor er unter eigenem Banner entwickelte, arbeitete er als Ingenieur bei Marshall und zeichnete unter anderem für das legendäre JMP-1 Rack-Modul verantwortlich. Das prägte fraglos auch das Kernkonzept und Layout von S-Gear – nicht nur, weil hier selbstredend ein digitaler Marshall-Style-Amp enthalten ist, sondern auch den Aufbau des gesamten Plugins: Denn S-Gear ist wie ein komplexes Rack-System modular konzipiert.

Dieser Ansatz setzt im Vergleich zu vielen Konkurrenzprodukten nicht auf maximalen Skeuomorphismus im Sinne von optisch bis ins Detail nachgebildeten Vintage-Amps, sondern folgt einer eigenen, funktionalen Logik, bei der man schmale Module aneinanderreihen und tauschen kann. Das Resultat ist ein Konzept, das sich deutlich von vielen Mitbewerbern unterscheidet, sich aber im Praxis-Workflow als nicht minder praktikabel erweist. 

Auch beim Herzstück von S-Gear, den Verstärkern wandelt Scuffham auf eigenen Wegen, geht es hier doch nicht um die möglichst exakte Modellierung eines spezifischen Amps, sondern vielmehr um eigenständige Interpretationen bewährter Klassiker von Fender bis Soldano. Die Amps kann man sich am besten als Hybride aus unterschiedlichen Referenz-Modellen vorstellen. Ein weiterer Punkt der S-Gear unique macht, zumal die hier vertretenen Verstärker klanglich allesamt erstklassig sind.

Die Amps im Detail: Archetypen statt Masse

Scuffham entwarf S-Gear als in sich abgeschlossenes, sprich „self-contained“, Ecosystem, das im Grunde alles enthält, was der Gitarrist braucht – zumindest jener Gitarrist mit einer gewissen Genre-Verortung. Doch dazu kommen wir noch. S-Gear ist eine All-in-One-Lösung, bei der von „Clean to Scream“, sprich vom unverzerrten Sound über Crunch-Tones hin zum vollverzerrten Solo- und Riff-Brett mit Effekten garniert, alles abgedeckt wird. Nur, dass das Scuffham-Konzept eines des Understatements und der bewussten Reduktion bzw. Besinnung aufs Wesentliche ist.So bietet dieses Plugin keine endlose Amp-Collection sondern eine kuratierte Auswahl – und genau das ist Teil des Konzepts. Jeder Amp markiert ein klar definiertes klangliches Terrain, ohne als reine Kopie aufzutreten. Was sofort auffällt: Gemein ist allen Modellen, dass sie extrem sensibel auf Anschlagdynamik und das Volume-Poti der Gitarre reagieren. Auch im kritischen "On the Edge of Breakup"-Bereich  – dort, wo der Ton gerade ins Overdrive kippt – zeigt S-Gear eine Qualität, die manch anderes Plugin vermissen lässt:extreme Nuancen.

Die Amps im Detail:

The Duke: "Robben Ford in a box" oder auch Scuffhams Interpretation des Dumble und Fender-Sound-Ideals. Der Tone Stack ist vom Super Reverb abgeleitet, kalifornische Clean und Overdrive-Klänge sind die Forte dieses amerikanisch-geprägten Amps.

Custom ’57: S-Gears „Tweed“ und eine der besten digitalen Versionen der berüchtigt schwer zu fassenden Sounds jener Amps mit dem charakterischen Bezug. Von Clapton-esquen Twin-Sounds zu brachialen Neil Young Proto-Grunge Exzessen ist hier alles möglich.

The Stealer: der "Marshall"-Style Amp, inspiriert von einem seltenen Park-Head, der Scuffham einst begeisterte. Äußerst flexibel und schafft es  Hendrix-artige Semi-Clean-Sounds ebenso gut abzubilden wie archetypische Britische Hard Rock Sounds. Nur wer hier einen José-modded Plexi oder Brown Sound erwartet wird etwas zu wenig Gain-Reserven vorfinden.

The Wayfarer: ein weiterer amerikanisch geprägter Amp, hier geht es ins Territorium getuneder Fender-Sounds. Der Wayfarer ist dabei so etwas wie das Schweizer Taschenmesser unter den Scuffham Amp-Sims, da er am drastischsten in seiner Klangformung ist (inkl. tiefgreifendem EQ, der an Mesa Boogie-Designs erinnert ). Im Grundcharakter erinnert das stark an die legendären Paul Rivera-modded Fenders (frühe Steve Lukather Sounds!). Damit ist S-Gear die einzige  Plugin-Suite, die diesem seltenen Klangideal nahekommt.

The Jackal: der heavieste unter den Scuffham-Amps, tight, fokussiert. Der lila Bezug macht klar dass hier u.a. der Soldano-SLO-100 Pate stand. Nun ist dies sicher nicht die authentischste aller SLO-Emulationen, aber der High Gain-Sound, der hier abrufbar ist, erweist sich beim Recording als recht wandlungsfähig.

Braucht man mehr als diese 5 Archetypen? Das kommt darauf an, in welchen Musikgenres man sich heimisch fühlt. Ebenso wie die Grundphilosophie von S-Gear nicht jeden erdenklichen Sound abdecken will, richten sich auch die Amps vor allem an Player, die auf Clean- und „On the Edge of Breakup“-Sounds stehen und Vintage-Distortion bevorzugen – also Gitarristen, die eher im Blues-, Country- und Roots-Rock-Bereich die Saiten zum Glühen bringen. Und in diesen Genres sind Dynamics bekanntlich King. Jene gibt es hier zuhauf, auch weil man anders als bei den vielen anderen Amp Sims, die jeweiligen Verstärker nicht nur via der Standard-EQ-Knöpfen tweaken kann, sondern bis ins Detail Parameter wie Presence und Sag einstellen kann. Die Amps, wie letztlich jedes einzelne Modul von S-Gear - entpuppen sich dabei als regelrechete Chamäleons. Sie reagieren zudem extrem sensibel auf Anschlagdynamik und das Volume-Poti. Dieses Verhalten fühlt sich organisch an. S-Gear entfaltet eine Dynamik, die viele „größere“ Suites vermissen lassen.Der Sound  lässt sich am treffendsten als dreidimensional beschreiben. S-Gear wirkt offener, unmittelbarer, näher am Gefühl eines lauten Boutique-Tube-Amps, der in einem guten Raum abgenommen wurde. Clean-Sounds perlen, Crunch hat Biss und Textur. Der Bereich Roots-Rock und Blues ist fraglos sein Metier. 

Donnerstag, 7. Mai 2026

EMPIRICAL LABS PARADYN Test – Dynamik trifft Präzision

Credit Bild: © Empirical Labs
EQs kann man bekanntlich nie zu viele haben. Und doch ist es sehr selten, dass ein neuer Kandidat in dieser Kategorie mehr ist als bloße Variation eines längst etablierten Konzepts. Wenn also ein Produkt wie ParaDyn von Empirical Labs (ELI) released wird, könnte man zunächst lapidar feststellen: just another EQ. Wer sich jedoch näher mit diesem Plug-in auseinandersetzt, merkt schnell, dass diese Einschätzung in diesem Fall deutlich zu kurz greift.

Denn ParaDyn macht einiges anders als die unüberschaubare Schar anderer EQs. Was hier auf den ersten Blick wie ein klassischer parametrischer Vierband-EQ erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als deutlich ambitionierteres Werkzeug. Empirical Labs erweitert mit ParaDyn das vertraute Konzept eines EQs um eine dynamische Dimension, die weit über das hinausgeht, was man gemeinhin unter einem „Dynamic EQ“ subsumiert.

Vier Sektionen, ein Konzept

Im Kern basiert ParaDyn auf vier parametrischen EQ-Sektionen, die klanglich klar in der Tradition des hauseigenen BIG FrEQ stehen. Das bedeutet: musikalische Eingriffe, präzise Filter und – nicht unwichtig – die Möglichkeit, mit charakteristischen Flat-Top-Bandformen zu arbeiten, die insbesondere bei breiteren Eingriffen ihre Stärken ausspielen.

Die eigentliche Besonderheit verbirgt sich jedoch in den Sektionen „1“ und „4“. Hier integriert Empirical Labs jeweils vollwertige DYN-Module, die den EQ in eine hybride Klangbearbeitungszentrale verwandeln. Diese Module sind nicht bloß Add-ons, sondern zentraler Bestandteil des Konzepts: Sie eröffnen eine Form der dynamischen Kontrolle über Frequenzbereiche, die man so bislang nur von deutlich komplexeren oder fragmentierten Setups kannte.

Dyn EQ, Masking und Kompression – ein modulares System

ParaDyn lässt sich zunächst ganz klassisch im Dyn-EQ-Mode betreiben. Frequenzen werden also abhängig vom Eingangssignal dynamisch angehoben oder abgesenkt – ein vertrautes Prinzip, das hier jedoch durch die typische ELI-Signature ergänzt wird: ein Timbre, das nie steril wirkt. Spannender wird es im Dyn-Mask-Mode. Hier analysiert das Plug-in das umgebende Frequenzmaterial und reagiert kontextsensitiv. Vereinfacht gesagt: Wenn eine Ziel-Frequenz ohnehin bereits von anderen Signalanteilen maskiert wird, greift die Dynamik weniger stark ein. Das Ergebnis ist ein natürlicheres, intelligenteres Verhalten – funktional nicht unähnlich zu ELIs DerrEsser-Hardware, jedoch hier deutlich flexibler implementiert.

Als wäre das nicht schon ausreichend, lässt sich jedes dieser DYN-Module zusätzlich in einen Compress-Mode versetzen. In diesem Modus wird das jeweilige Band in zwei unabhängige Bereiche aufgeteilt und fungiert faktisch als vollwertiger Kompressor. Damit mutiert ParaDyn beinahe zu einem modularen Channel-Strip, bei dem EQ und Dynamikbearbeitung nicht nur koexistieren, sondern intelligent ineinandergreifen.

Workflow & GUI – vertraut, aber erweitert

Optisch orientiert sich ParaDyn klar am BIG FrEQ. Das ist eine kluge Entscheidung, denn wer bereits mit diesem Plug-in gearbeitet hat, findet sich sofort zurecht. Die Oberfläche wirkt aufgeräumt, funktional und verzichtet trotz der beachtlichen Feature-Dichte unter der Haube auf unnötigen Ballast.Gerade im praktischen Einsatz zeigt sich die Stärke dieses Designs: Unterstützt wird das Ganze durch eine sinnvoll kuratierte Auswahl an Factory-Presets, die nicht nur als Ausgangspunkt dienen, sondern auch das konzeptionelle Potenzial des Plug-ins demonstrieren.

Mittwoch, 29. April 2026

ERIC CLAPTON 1974: Bilder eines Künstlers am Wendepunkt

Credit Bild: © 6strings24frames / C.Larsen & Sons Book Publishing
1974 stand Mr. Slowhand Eric Clapton im wahrsten Sinne des Wortes an den Crossroads. Nicht zum ersten Mal in seinem Leben und auch nicht das letzte Mal – doch jenes Jahr markierte für den Mann, den man ob seiner Fähigkeiten an der Gitarre einst „God“ nannte, einen entscheidenden Scheideweg.

Es ist genau dieser Moment der Neuverortung, den der vorliegende Bildband in den Fokus rückt – und zwar mittels eines beeindruckend dichten visuellen Archivs. Ausgangspunkt bildet ein bislang unveröffentlichter Fundus von über 2700 Fotografien des New Yorker Fotografen Tony De Nonno, der Claptons Rückkehr ins Rampenlicht nach einer langen Phase des Rückzugs und überstandener Heroin-Sucht mit der Kamera begleitete. Was dabei entsteht, ist weniger eine klassische Rückschau als vielmehr eine Art visuelles Logbuch eines Jahres, das sich konsequent jeder simplen Dramaturgie entzieht.Denn 1974 ist hier nicht bloß das Jahr von „461 Ocean Boulevard“, nicht nur die Geschichte einer neuen Band oder einer erfolgreichen Welttournee. Es ist ein Jahr des Dazwischen. Zwischen Rückzug und Rückkehr, zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, zwischen jener alten Virtuosität und einem neuen, bewusst reduzierten musikalischen Ansatz. Die Sessions in den Criteria Studios in Miami, die Proben, die Konzerte – all das wird nicht isoliert abgehandelt, sondern als Teil eines fortlaufenden Prozesses sichtbar gemacht.

Ein besonderer Reiz liegt in der Auswahl der Motive. Die rund 20 dokumentierten Shows der „461 Ocean Boulevard“-Tour liefern zwar jene Live-Momente, die man erwarten würde – doch der eigentliche Mehrwert entsteht in den unspektakulären Bildern: Backstage-Situationen, beiläufige Augenblicke, Momente der Konzentration oder Erschöpfung. Es sind genau diese Zwischentöne, die Clapton hier weniger als entrückte Ikone erscheinen lassen, sondern als jemanden, der sich erst wieder in seine eigene Rolle einfinden muss.

Dass neben De Nonno auch Fotografen wie Michael Putland, Ron Pownall oder Watt Casey ihre Archive geöffnet haben, erweitert die Perspektive zusätzlich. Unterschiedliche Blickwinkel, unterschiedliche ästhetische Ansätze – und daraus resultierend ein vielschichtiges Gesamtbild. Ergänzt wird das visuelle Material durch Beiträge von Yvonne Elliman, die nicht nur als Zeitzeugin fungiert, sondern selbst Teil dieser musikalischen Phase war.

Formal präsentiert sich der Band als hochwertig produziertes Objekt, die Bücher von Publisher Christan Larsen sind stets persönliche Passion-Projects: 272 Seiten im großzügigen Format, gedruckt auf schwerem Arctic Volume White Papier, gebunden in von den Farben Miamis inspiriertes Brillanta-Leinen mit Siebdruck-Cover. Mehr als 250 Fotografien – in Farbe und Schwarzweiß, größtenteils unveröffentlicht – unterstreichen den Anspruch, hier nicht bloß ein weiteres „Coffee Table Book“, sondern ein ernstzunehmendes Archiv vorzulegen.

FUSE AUDIO LABS TUBE LAB Test: Flexibler Vintage-Channelstrip mit echtem Röhrencharakter

FUSE AUDIO TUBE LAB GUI
Credit Bild: © Fuse Audio Labs
Es ist eine jener Konstanten in der Welt der Audio-Plugins, dass die Sehnsucht nach analogem Klang nie wirklich verschwunden ist – im Gegenteil: Je digitaler die Produktionsumgebungen werden, desto größer das Bedürfnis nach organischer Imperfektion, nach harmonischer Sättigung, nach jenem schwer greifbaren „Glue“, der Tracks zusammenhält. Genau hier setzt das Düsseldorfer Boutique-Developer-Team von Fuse Audio Labs mit seinem neuesten Release an: Tube Lab, ein Channelstrip-Plugin, das sich ganz bewusst der Klangästhetik klassischer Röhrenhardware verschreibt – und diese gleichzeitig in ein modernes, flexibel konfigurierbares Workflow-Konzept überführt.

Bereits auf den ersten Blick wird klar, dass es sich hier nicht um eine simple Emulation eines einzelnen Geräts handelt. Vielmehr verfolgt Tube Lab einen modularen Ansatz: Preamp, Equalizer und Kompressor sind nicht in eine starre Signalkette gezwängt, sondern lassen sich frei anordnen – sowohl visuell als auch im tatsächlichen Signalfluss. Dieses Detail mag auf dem Papier unscheinbar wirken, ist jedoch ein erfrischend neuer Ansatz und entpuppt sich in der Praxis als einer der entscheidenden Faktoren, die aus einem klassischen Channelstrip, wie man in von zahllosen anderen Herstellern auch kennt, ein regelrechtes Klanglabor machen.

Röhrenvielfalt & Klangformung – das Herzstück des Plugins

Im Zentrum steht die Tube Amplifier-Sektion, die mit einer Auswahl klassischer Röhrentypen aufwartet: 12AT7, 12AU7, 12AX7, 6DJ8 und 12DW7. Tube Amp-Cracks wissen: jede dieser Varianten bringt ihre ureigene Charakteristik mit – von subtil bis hin zu aggressiverem Overdrive. Es obliegt dem Nutzer, ob er lediglich einen Hauch von analoger Färbung hinzufügen oder das Signal bewusst in die Sättigung treiben möchte. Klanglich klinen sowohl homöopathische Einstellungen als auch extremere Settings gleichermaßen gut.

Ergänzt wird dieser Bereich durch einen dreibandigen Baxandall-EQ, der weniger chirurgisch als vielmehr musikalisch arbeitet. Keine überanalytischen Eingriffe, sondern breite, wohlklingende Anpassungen – genau so, wie man es von klassischen Analogdesigns erwartet. Mehr Hören und Fühlen ist hier die Devise, denn beim Retro-Equipment können selbst vermeintlich unorthodoxe Einstellungen manchmal die ersten Resultate ergeben. Der dritte Baustein im Bunde ist der Optical Leveler, ein optischer Kompressor mit Classic- und Modern-Modus sowie optionaler AGC-Funktion. Die Dynamikbearbeitung erfolgt entsprechend geschmeidig und unaufdringlich, ideal für Signale, die eher geführt als kontrolliert werden sollen.

Workflow & Anwendung

Was Tube Lab besonders auszeichnet, ist seine Vielseitigkeit im praktischen Einsatz. Ob Vocals, Bass, Gitarren, Drums oder Keys– überall dort, wo harmonische Dichte und Gewicht gefragt sind, spielt dieses Plugin seine Stärken aus. Dabei reicht die Bandbreite von kaum wahrnehmbarer Veredelung bis hin zu deutlich hörbarer Sättigung mit markantem Charakter.

Dienstag, 28. April 2026

MERCURIALL TWEED Amps Test: 50 Shades of Tweed


Der Tweed Bass von Mercuriall
Credit Bild: 
© Mercuriall Audio Software
Es gibt in der Geschichte der elektrifizierten Musik ein paar Klangsignaturen, die sich  tief in das kollektive Hörgedächtnis eingeschrieben haben. Der sogenannte „Tweed Sound“ ist fraglos einer davon. Gemeint ist damit eine unverwechselbare, archaische klangästhetische Idee. Die charakteristischen, mit Tweed-Stoff bezogenen Verstärker die diesem Sound ihren Namen gaben, kamen aus dem Hause Fender und wurden rasch zu mehr als bloßen Arbeitsgeräten: Sie avancierten zu stilprägenden Werkzeugen einer ganzen Ära. 

Was diesen Sound bis heute so faszinierend macht, ist seine inhärente Ambivalenz. Er ist zugleich warm und rau, weich komprimierend und doch durchsetzungsfähig, transparent und dennoch von einer prägnanten Verzerrung durchzogen. Anders als spätere High-Gain-Konzepte oder klinisch-saubere Clean-Amps lebt der Tweed Sound von seinen Übergängen – von genau jenen Grauzonen zwischen Clean und Overdrive, in denen sich Oberton an Oberton reiht und das Signal eine organische Kohärenz entwickelt. Hinzu kommt eine ausgeprägte Dynamiksensibilität. Tweed-Amps reagieren nicht nur auf das gespielte Material, sondern auf die Art und Weise, wie es gespielt wird. Anschlagsstärke, Artikulation, selbst minimale Nuancen in der Phrasierung – all das wird hörbar übersetzt. Diese Direktheit macht sie bis heute zu einem bevorzugten Werkzeug für Musiker, die Ausdruck über Perfektion stellen.

Die Herausforderung Tweed

Gerade das macht es allerdings auch äußerst schwer den Tweed Sound digital adäquat abzubilden, ist kein Geheimnis. Gerade die subtilen Übergänge, die dynamische Ansprache und die nichtlinearen Sättigungsprozesse stellen Modeling-Ansätze vor besondere Herausforderungen. Mit dem Tweed Bass und  Tweed Blues haben die Entwickler von Mercuriall ihre eigene Interpretation veröffenlicht. Mercuriall begegnet diesem Problem mit seiner etablierten Neural Hybrid Engine v3.0. Statt lediglich das klangliche Resultat zu approximieren, wird der Verstärker auf Ebene seines Verhaltens modelliert: Schaltungsinteraktionen, dynamische Abhängigkeiten und nichtlineare Prozesse werden rekonstruiert, nicht bloß simuliert. Die entscheidende Frage bleibt dennoch: Wie überzeugend gelingt die Übersetzung dieses organischen, schwer greifbaren Klangideals in die digitale Domäne? Genau hier setzen die beiden Tweed-Modelle an.

Tweed Bass 

Den Anfang macht einer der ikonischsten Vertreter der Tweed-Ära: der Bassman. Ursprünglich als Verstärker für Bass konzipiert, entdeckten Gitarristen schnell sein eigentliches Potenzial. Cranked, also weit aufgerissen, entwickelt der Amp jene charakteristische, leicht körnige Verzerrung, die bis heute als Blaupause für Blues- und Roots-Sounds gilt.Mit dem Mercuriall Tweed Bass wird genau diese klangliche DNA in ein modernes Plugin-Format übertragen – und bleibt dabei bemerkenswert nah am Original.

Hier steht der musikalische Sweet Spot im Zentrum. Der Ton ist rund, warm und von jener typischen Tweed-Kompression geprägt, die Transienten sanft glättet und dem Signal eine fast bandmaschinenartige Kohärenz verleiht.Ein oft unterschätzter Faktor bei Amp-Simulationen ist das Spielgefühl. Hier zeigt sich einmal mehr die Stärke von Mercurialls Ansatz: Der Tweed Bass reagiert sensibel auf Anschlagsdynamik. Leichtes Spiel bleibt clean und transparent, während härtere Attacke organisch in Sättigung übergeht. Gerade für Genres wie Blues, Soul oder Classic Rock, in denen Ausdruck über technischer Perfektion steht, erweist sich diese Dynamik als entscheidender Vorteil.

MERCURIALL 1987X SG Test: Modifizierter Mythos

Credit Bild: © Mercuriall Audio Software
Klassische Marshall-Amps sind einer jener seltenen Fälle, in denen ein technisches Gerät, in diesem Falle ein Amp, zur kulturellen Ikone wurde. Was ursprünglich als britische Antwort auf amerikanische Verstärkerkonzepte begann, entwickelte sich binnen weniger Jahre zum klanglichen Epizentrum der Rockmusik. Die Amplifier aus dem englischen Bletchley definierten nicht nur einen Sound, sondern ein spezielles Spielgefühl und sind untrennbar mit der Entwicklung und Ausdifferenzierung der Rockmusik in ihre zahllosen Subgenres verbunden. Doch die Geschichte endet nicht beim Original. Im Gegenteil: Marshalls wurden rasch zur Leinwand: modifiziert, erweitert und individualisiert. In Werkstätten und Garagen entstanden Varianten, die mehr Gain, tighteres Low-End, fokussiertere Mitten lieferten. An genau diesem Punkt setzt die russische Pluginschmiede Mercuriall mit ihrem 1987X SG Amp an.

 Mercuriall & die Kunst des Modellings

Seit der Gründung verfolgt das Unternehmen einen Ansatz, der sich bewusst von vielen klassischen Modeling-Strategien absetzt. Statt sich lediglich dem klanglichen Endergebnis anzunähern, geht es hier um die Rekonstruktion der einzelnen Amp-Komponenten selbst. Konkret bedeutet das: Modelliert wird nicht nur der Sound, sondern das Verhalten des Verstärkers auf Ebene des elektrischen Schaltkreises. Nichtlineare Prozesse innerhalb der Verstärkerstufen, das Zusammenspiel einzelner Komponenten, die Abhängigkeit von Eingangspegel und Reglerstellungen – all das fließt in die Simulation ein.  Die frühen Versionen dieser Modelle waren entsprechend rechenintensiv. Der Versuch, analoge Schaltungen möglichst tiefgehend digital abzubilden, führte zwangsläufig zu komplexen Berechnungen. Mit der Zeit wurden diese Methoden jedoch effizienter, ohne die Grundidee aufzugeben. Das Resultat ist die heutige Neural-Hybrid-Technologie, die klassische Schaltungsmodellierung mit optimierten, teilweise neuronalen Verfahren kombiniert.Die zugrunde liegende Philosophie bleibt dabei bemerkenswert konstant: Guter Sound entsteht nicht durch das Kopieren eines Ergebnisses, sondern durch das Verständnis des Mechanismus, der dieses Ergebnis hervorbringt.

Ampbox – ein ganzes Ökosystem

Eingebettet wird das Endergebnis dieses diffizielen Prozesses – der digitale Amp selbst –  in Mercurialls Ampbox-Ökosystem – eine modulare Plattform, die als flexible Arbeitsumgebung konzipiert ist. Es ist ein System, das sich individuell erweitern und konfigurieren lässt. Amps, Cabinets und Effekte greifen ineinander und lassen sich signalflussmäßig frei kombinieren. Gerade im Kontext moderner Produktionsumgebungen ist das ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Ampbox fungiert als digitales Pendant zu einem physischen Rig – nur ohne dessen logistische Limitierungen. Von der Tubescreamer-Varianten über Super-Overdrive hin zu diversen Studioeffekten und EQs ist hier alles enthalten was man braucht. Und das alles in bestechender Qualität, auch wenn im Bereich von Delays und Reverb dezidierte Plugins nicht unbedingt ersetzt werden, Besonders sticht allerdings der Micro Pitch Shift hervor. Inspiriert vom legendären Eventide H3000 (Preset #231), liefert dieses Stereo-Tool genau jene subtilen Detunings und räumlichen Verbreiterungen, die seit Jahrzehnten zahllose Gitarrensounds definieren und anders als bei den meisten anderen Plugin Suites ist dieser Effekt integraler Bestandteil des Ampbox-Systems.

Ole’ José

Zurück zum Amp . Um in der schieren Masse an Marshall-Emulationen herauszustechen, braucht es mehr als nur Authentizität. Letztere liefert diese Marshall-Interpretation zwar fraglos, doch das ist längst nicht alles. Der entscheidende Unterschied beim Mercuriall 1987X SG liegt in seiner spezifischen Ausrichtung: Es handelt sich nicht um eine bloße irgendeinen beliebigen Amps eines modifizierten 1987X – konkret eines zweikanaligen Marshalls, der den russischen Gitarristen Sergey Golovin im Stil der legendären José-Arredondo-Mods überarbeitet wurde. Damit ist dieser digitale Amp zwar nicht das einzige Plugin, das doctored Marshall-Sounds bietet- er ist jedoch der einzige der explizit die José-Schaltung nachstellt.

ORCHESTRAL TOOLS SPECTRUM Bundle Test – Libraries für Klangkosmopoliten

Orchestral Tools Spectrum Bundle
Credit Bild: © Orchestral Tools
Die Integration globaler Instrumente, hybrider Texturen und kulturübergreifender Sound-Ästhetiken in einen orchestralen (Filmmusik)-Kontext auch abseits von Period Pieces ist fraglos einer der Trends moderner Filmmusik. Genau an dieser Schnittstelle positioniert sich das Spectrum Bundle von Orchestral Tools – ein ambitioniertes, in Zusammenarbeit mit dem britischen Komponisten Richard Harvey entstandenes Projekt, das sich nicht weniger vorgenommen hat, als die klangliche Palette moderner Scores entscheidend zu erweitern.

Harvey, selbst ein musikalischer Kosmopolit mit Wurzeln in der klassischen Musiktradition und einer Karriere zwischen Kollaborationen mit Größen wie Paul McCartney, John Williams und Hans Zimmer sowie eigenen Film- und Fernsehprojekten, bringt hier nicht nur seine Expertise, sondern vor allem ein tiefes Verständnis für instrumentale Authentizität und kulturelle Kontexte ein. Das Ergebnis ist kein bloßes Sammelsurium exotischer Klangquellen, sondern eine kuratierte, dramaturgisch durchdachte Library, die ihre Stärken vor allem im narrativen Einsatz im Scoring entfaltet.

Musikalische Reisen ohne Klischees

Das Spectrum Bundle selbst vereint mehrere spezialisierte Collections von Orchestral Tools, die jeweils einen eigenen geografischen, kulturellen oder klangästhetischen Fokus setzen – von fernöstlicher Orchestertradition bis hin zu archaischen Saiteninstrumenten.

Wer bei einem derartigen Konzept vorschnell an folkloristische Versatzstücke oder austauschbare „World Music“-Klischees denkt, wird schnell eines Besseren belehrt. Die Instrumente und Klangfarben dieses Bundles werden nicht als exotische Effekte behandelt, sondern als integrale Bestandteile eines modernen Scoring-Ansatzes. Von südost-asiatischen Holz- und Blechbläsern bis hin zu seltenen perkussiven Klangkörpern entfaltet sich ein Spektrum, das weit über geografische oder stilistische Grenzen hinausgeht. Dabei gelingt es diesem Bundle, jene feine Balance zu halten, die in diesem Bereich entscheidend ist: Authentizität und Vielseitigkeit ohne Beliebigkeit. Gerade im Kontext zeitgenössischer Film- und Serienproduktionen, in denen eben kulturelle Hybridität längst zur musikalischen Norm geworden ist, erweist sich diese Herangehensweise als äußerst zeitgemäß. Die Klänge fügen sich organisch in orchestrale wie auch elektronische Arrangements ein – oder auch in einem Rock-Kontext, doch dazu später mehr.

Grenzenlose Klangvielfalt

Aufgenommen wurde – wie bei Orchestral Tools üblich – auf höchstem Niveau, mit einem Detailgrad, der selbst im dichtesten Arrangement noch Differenzierung zulässt. Mehrere Mikrofonpositionen und eine Vielzahl an authentischen artikulatorischen Nuancen sorgen dafür, dass die Instrumente nicht nur realistisch klingen, sondern sich auch flexibel in unterschiedliche Produktionskontexte integrieren lassen.

Die sechs im Bundle enthaltenen Libraries im Detail:

Lyra – Himmlisch & ätherisch

Obwohl Spectrum tatsächlich klanglich um den Globus reist, beginnen wir mit der jüngsten, erst kürzlich releasten Collection – und die führt uns nach Westeuropa. Lyra zelebriert die sphärische Magie der schwingenden (offenen) Saite – vom feingliedrigen Harfenklang bis zur Zither als kulturellem Resonanzkörper europäischer Musiktraditionen. Die Library versammelt elf ausgewählte Zupfinstrumente aus dem westlichen Instrumentarium und macht sie zu solistischen Charakterstimmen innerhalb zeitgenössischer Kompositionen. Da lässt sich fraglos auch trefflich auf den Spuren von Anton Karas wandeln. „Der dritte Mann“ ? Auf jeden Fall, Lyra ist aber hier fraglos erste Wahl für authentische Klänge in diesem Bereich.

Phoenix Orchestra – Das fernöstliche Gegenstück zum klassischen Orchester

Mit Phoenix Orchestra öffnet sich das Tor nach Ostasien – genauer gesagt in die Klangwelt einer traditionellen chinesischen Orchesterbesetzung, die hier in bemerkenswerter Tiefe und Detailtreue umgesetzt wurde. 21 Solo-Instrumente, Ensemble-Patches und klar definierte Orchestersektionen (Streicher, Bläser, Percussion, Zupfinstrumente) bilden ein Setup, das sich zwar an der Logik westlicher Orchesterlibraries orientiert und dennoch eine völlig andere Klangsprache spricht. Instrumente wie Erhu, Guzheng oder Sheng liefern jene charakteristischen Klangfarben, die man gerade für historische Filmszenen oder auch Dokus brauchen kann. Diese frischen Timbres bilden eine regelrechte Spielwiese fürs eigene Sounddesign, das einen Orchester-Arbeit gewissermaßen neu entdecken lässt. Enstanden ist diese Collection in Zusammenarbeit mit Henry Gregson-Williams (Shrek, Spy Game, Prometheus) und Richard Hawley. Man merkt dies vor allem darin wie instant-filmisch sie klingt, Gregson-Willams war auch für denn Score des 2020er Live Action-Adaption von Mulan verantwortlich, dementsprechend hochkarätig klingt das Ganze dann auch.

Andea – Intime Klangräume und fragile Texturen

Während Phoenix Orchestra in orchestralen Dimensionen denkt, operiert Andea deutlich intimer. Hier geht es weniger um große Gesten als um feine, oft beinahe kammermusikalische Nuancen. Flöten, Percussion und diverse ZupfInstrumente wie 8-saitige Ukulele oder einen Harfe aus Paraguay stehen im Zentrum dieser Collection – oft mit einem Fokus auf fragile Klangverläufe, die sich besonders für atmosphärische Underscores oder minimalistische Kompositionen eignen. Andea ist damit ein subtiler Texturgeber, der sich ideal in hybride Arrangements einfügt und damit wohl zu den vielseitigsten Libraries dieser abwechslungsreichen Collection zählt.

Dienstag, 21. April 2026

TWO NOTES GENOME SUITE Test: Die DNA des guten Tons

Two Notes Genome Suite GUI Interface am Laptop
Credit Bild: © Two Notes Audio Engineering
Die Konzeption und Zusammenstellung eines richtig erstklassigen Gitarren-Rigs ist fraglos eine Kunst für sich – und war bis vor gar nicht allzu langer Zeit ein äußerst schwieriges, bisweilen fast unmögliches Unterfangen. Kleinere Amps und Setups klangen meist kraftlos und eindimensional, Digitallösungen wirkten oft wie ein lebloser Abklatsch des angestrebten analogen Sounds. Heute ist das längst anders. Trotz der durchaus gerechtfertigten Glorifizierung von Vintage-Sounds und Röhren-Fetischismus leben wir right now wahrlich in einem goldenen Zeitalter erstklassiger digitaler Gitarrensounds. Amp-, Effekt- und Lautsprecher-Simulationen sind längst mehr als salonfähig geworden – mehr noch, sie sind aus modernem Recording nicht mehr wegzudenken und haben eine Qualität erreicht, bei der Software praktisch nicht mehr von analogen Sounds zu unterscheiden ist und häufig das Zentrum des gesamten Setups bildet.

Entsprechend heiß umkämpft und mittlerweile gesättigt ist der Plugin-Markt – in diesem Umfeld noch echte Begeisterung hervorzurufen, ist schwierig. Der renommierte französische Hersteller Two Notes, bekannt für seine Lautsprecher-Simulations-Soft- und Hardware, versucht es dennoch und wirft mit der komplexen Plugin-Suite Genome seinen Hut in den Ring – und das nicht halbherzig. Denn der Anspruch, der hier verfolgt wird, ist ebenso groß wie überaus ambitioniert.

Genome soll nicht weniger als eine umfassende All-in-One-Lösung für Gitarristen (und Bassisten) sein, mit der die gesamte Signalkette abgedeckt wird – und die mit Expansion Packs sowie künftigen Updates kontinuierlich erweitert wird. Während die meisten Amp-Sims eine klar umrissene Aufgabe erfüllen – ein Genre, ein paar Amps, ein paar Effekte – und andere Komplettlösungen nicht selten „jack of all trades, but master of none“ sind, hat Two Notes einen anderen Weg gewählt: nicht nur ein einzelnes Glied der Signalkette abzubilden, sondern dem Player ein gesamtes Ökosystem zur Verfügung zu stellen – genreübergreifend. Von Pedals über Amps, hauseigene DynIRs, Studio-Effekte bis hin zu Postproduktions-Tools.

Der Versuch, alles zu vereinen – kann so etwas gelingen? Finden wir es heraus.

The Theory of Everything

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Beim ersten Start des Programms begrüßt den User der Screen „Loading Your Dream Rig“. Ein selbstbewusster Claim – denn wie dieses Dream Rig aussieht, variiert stark von Gitarrist zu Gitarrist sowie von Genre zu Genre. Der Blueser braucht ein völlig anderes Setup als der Metal-Spieler, der Classic-Rocker andere Amps als der moderne Pop-Gitarrist. Genome macht hier (und insbesondere mit den jüngsten Updates, die die Flotte an verfügbaren Amps und Effekten drastisch erweitert haben) keine halben Sachen.Von vergleichsweise simplen „Straight-in-the-Amp“-Setups bis hin zu komplexen Dual-Amp-Rigs mit Studioeffekten ist hier alles möglich. Die Architektur folgt einer klaren Logik: Preamp, Poweramp, Pedals, Cabinet, Studio FX – alles ist vorhanden, alles ist kombinierbar, alles lässt sich flexibel neu anordnen. Und hier zeigt sich schon: Genome ist alles andere als generisch.

Im übersichtlichen Interface kann man sich seinen eigenen Signalstrang aus unterschiedlichen Komponenten zusammenstellen. Die klanglichen DNA-Experimente können dabei durchaus „Jurassic Park“-artige Dimensionen erreichen. Denn Multi-Amp-Setups sind bei Genome kein Problem. Zehn Slots stehen dabei unmittelbar zur Verfügung. Zudem kann man das Signal stereo splitten – was die Anzahl der Klangformungs-Slots effektiv verdoppelt. Gerade die optionalen Dual-Lanes eröffnen Möglichkeiten, die über Standard-Amp-Setups hinausgehen – etwa für Layering, Stereo-Designs oder komplexe Hybrid-Sounds.

Amps, Amps, Amps

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Die meisten Anbieter liefern heute überzeugende Amp-Modelle – am Ende ist es Geschmackssache, und es kommt auf Details an. Denn wie im Spitzensport, wo Millisekunden entscheiden, ist auch beim Amp Modeling der Punkt erreicht, an dem es nur noch um Qualitätsunterschiede im Mikrobereich geht. Genome ist hier fraglos eine jener Lösungen, die das gewisse Etwas haben und zu den Eigenständigeren am Markt zählen.

Vom ultracleanen California-Modell über britische Rock-Standards bis hin zum US-High-Gain-Monster ist alles vertreten. So weit, so konventionell. Das Spezielle an Genome ist jedoch, dass es Klasse und Masse vereint. Neben den üblichen Verdächtigen – Blackface-, Clean- und britische Plexi-/JCM-inspirierte Sounds – gibt es auch speziellere und seltenere Modelle, alle optisch äußerst ansprechend umgesetzt.Die schiere Anzahl ist schlichtweg beeindruckend – hier gibt’s nicht nur einen Plexi-Style-Amp, sondern gleich mehrere Varianten, ebenso wie etwa einen Super Bass oder auch eine digitale Interpretation des Marshall Astoria. Auch Metal-Fans kommen auf ihre Kosten: So ist etwa eine Version von Ola Englunds Satan-Amp vertreten sowie eine Reihe von Mesa-Amps. Hinzu kommen Eigenkreationen von Amps, die so nicht außerhalb von Genome existieren – und einfach großartig sind.

CROW HILL COMPANY MARSHAL BRASS Test – Blechbläser für cineastische Storyteller

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EXT. NIEMANDSLAND – TAG

Ein grauer Himmel hängt schwer über einer zerfurchten Landschaft. Schlamm. Rauch. Stille.

Eine einzelne Figur stapft durch das zerstörte Terrain. Jeder Schritt mühsam. Um sie herum: gefallene Kameraden, zerborstene Fahrzeuge, zerschlagenes Kriegsgerät – Relikte eines Moments, der eben noch nach Pathos verlangte und nun in sich zusammengefallen ist.

Kein Triumph. Kein Sieg.

Aus der Ferne – kaum greifbar – erhebt sich ein Klangfragment.
Eine sich langsam aufbauende Brass-Melodie.Kein strahlendes Signal. Keine Fanfare, Kein Ruf zum Angriff. Kein Echo jener goldglänzenden Heldenbilder. Stattdessen: eine fahrige, beinahe brüchige Melodie.
Mehr Frage als Antwort.

So könnte ein Drehbuch-Entwurf für einen Anti-Kriegsfilm lauten. Und für das Scoring eines solchen Moment braucht es keine Standard Brass-Library, die noch einmal das alte Korngold-Ideal reproduziert. Keine intergalaktischen John Williams-Fanfaren, keine auf Hochglanz poliere  Bläser-Section. Etwas Erdigeres. Etwas, das nicht glänzt, sondern Down and dirty. Enter: Marshal Brass. Eine Library, die wie gemacht ist für genau solche Momente.

Im Westen nichts Neues?

Brass-Libraries sind generell eine schwierige Sache. Es gibt schon sehr viele, und oftmals kann ein erstes Anspielen etwas underwhelming sein – viel Neues gibt es nicht zu entdecken. Marshal Brass ist hier eine wohltuende Abwechslung, die sich bewusst von anderen Libraries unterscheidet. Einerseits durch das gesampelte Ensemble aus Flügelhorn und drei Euphonien anstelle der klassischen Trompeten & Co., andererseits durch den Ton und das Timbre, die diese Library ausmachen – Klänge, die Assoziationen wecken, Bilder evozieren und letztlich jene unsichtbare Brücke zwischen Ton und Emotion schlagen, die gerade im Kontext von Filmmusik essenziell ist.

Mit Marshal Brass liefert The Crow Hill Company ein Instrument, das sich klar von gängigen Konventionen absetzt. Im Zentrum steht ein Ensemble, das in dieser Form bislang kaum in Sample-Libraries abgebildet wurde: ein Flügelhorn, flankiert von drei Euphonien. Eine Besetzung, die sich bewusst der ikonischen Strahlkraft von Hörnern und Trompeten entzieht und stattdessen eine andere, weniger eindeutig kodierte Klangfarbe kultiviert. Das Resultat ist ein Sound, der sich irgendwo zwischen Melancholie, Resignation und leiser Erhabenheit bewegt – weniger „Call to Arms“, mehr „Aftermath“ einer Schlacht.

All das hat natürlich den Filmmusik-Komponisten im Hinterkopf, und für genau diese Gruppe ist diese Library fraglos eine der reizvollsten Brass-Veröffentlichungen der letzten Zeit.

Wege zum Ruhm

Gerade im filmischen Kontext entfaltet diese Klangästhetik ihre volle Wirkung. Wo klassische Brass-Sections oft den großen Gestus bedienen – Pathos, Triumph, heroische Überhöhung – operiert Marshal Brass in einem deutlich ambivalenteren emotionalen Spektrum. Es ist der Sound von Erinnerung, von Verlust, von gebrochener Tapferkeit.

Man denkt unweigerlich an jene Momente im Film, in denen nicht der Sieg im Vordergrund steht, sondern der Preis, der dafür bezahlt wurde. Die Entscheidung, auf die übliche klangliche Eindeutigkeit zu verzichten, erweist sich dabei als größte Stärke dieser Library.

Klanglich bewegt sich das Instrumentarium auf einem bemerkenswert hohen Niveau. Die leicht instabile Intonation der Euphonien – im klassischen Orchesterkontext oft als Schwäche wahrgenommen – wird hier bewusst als stilistisches Mittel eingesetzt. Im Ensemble entsteht dadurch eine organische, beinahe atmende Textur, die sich deutlich von der klinischen Perfektion vieler moderner Libraries abhebt. Das Flügelhorn wiederum bringt eine gewisse Wehmut ins Spiel, eine zurückgenommene Lyrik, die weniger signalhaft wirkt als vielmehr erzählerisch. Der Sound ist nicht auf maximale Durchsetzungskraft getrimmt, sondern auf emotionale Glaubwürdigkeit.

CROW HILL COMPANY Crystal Pianos Test: Zwischen John Carpenter und John Cage

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Angesichts der schieren Schwemme an Piano-VSTs und Libraries kann sich fraglos Ermüdung einstellen – immerhin sind die Klangunterschiede oftmals allzu marginal. Wenn also die x-te Piano-Library ins Haus flattert, ist bei vielen die Reaktion: „What? Schon wieder?“ vorprogrammiert. Doch die neuen Crystal Pianos sind anders. Als Gegenentwurf zu im Kern austauschbaren Tasteninstrument-Plugins stellt dieses eine radikale Frage: Was bleibt, wenn man dem Instrument sein wesentlichstes Element nimmt – nämlich die Saiten – und sie durch Glas ersetzt?

Dark Star

Heraus kommt ein Sound zwischen Celesta, Glockenspiel und überirdisch schimmernder Textur – kristallklar, fragil und ungewohnt. „Heart of Glass“ bekommt damit eine neue, fast wörtliche Bedeutung – und das hat ebenso viel mit den Prepared-Piano-Experimenten von John Cage zu tun wie mit dem Spielfilmdebüt von Kultregisseur John Carpenter aus dem Jahr 1974. Denn der Inspo-Ausgangspunkt für Crystal Pianos eine Szene aus ebenjenem Streifen. In „Dark Star kommt ein improvisiertes Instrument, ein Space Piano aus mit Wasser gefüllten Gefäßen vor– ein Moment, der sich Komponist und Crow-Hill-Samplist-in-Residence Christian Henson nachhaltig eingeprägt hat.

Mit seinem eigenen Glas-Piano erfüllt er sich nun den lang gehegten Traum vom eigenen Dark-Star-Piano – ein Instrument, so eigenwillig wie überraschend. Gesampelt wurden 18 ausgewählte Glasobjekte – von Weingläsern bis hin zu Bechern und Schalen. Jedes Objekt fungiert als eigene klangliche Identität: Statt Saiten schwingen Resonanzen, und unterschiedliche Beater treffen auf fragile Oberflächen.

Klangästhetik: Schimmern, Schweben, Irritieren

Auffällig ist die Mischung aus Vertrautheit und Fremdheit: Der Sound wirkt gleichzeitig bekannt und doch schwer einzuordnen---mitunter Philip Glass-artig. Die Grundklänge sind glockenartig, transparent und tragen einen langen, seidigen Ausklang.So entsteht eine Piano-Library, die eher als klangliche Leinwand funktioniert – ideal für Ambient, Film-Scoring und modernes Sounddesign. Fünf Artikulationen – von Standard-Hits über Tremolo-Varianten bis hin zu „Rubs“ am Glasrand – erweitern die Palette deutlich. Gerade die geriebenen Sounds entwickeln eine organische, fast vokale Qualität zwischen Ambient-Textur und Sounddesign-Element. Auch samplingtechnisch ist die Library sorgfältig umgesetzt: mehrere Dynamikstufen, zahlreiche Round Robins und variierende Beater verhindern, dass Pattern mechanisch wirken.

Zusammen mit den integrierten Effekten (Sub Bass, Delay, Reverb und dem treffend benannten „Sparkle“) verschiebt sich Crystal Pianos mühelos von intimen, kammermusikalischen Momenten hin zu cineastischen Klanglandschaften, die auch an Carl Orff erinnern. Oder an Hans Zimmer und dessen von ersterem beeinflussten Soundtrack zum „Lovers On The Lam“-Kultfilm „True Romance“ (Regie: Tony Scott, Drehbuch: Quentin Tarantino).

CROW HILL COMPANY SHIT SYNTH Test: Elegantly Wasted oder Fall für die Tonne?

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Normalerweise sind negative Klangattribute nicht unbedingt das, was man mit einem hochwertigen Synth verbindet. Umso ungewöhnlicher ist die Herangehensweise der Crow Hill Company mit ihrem neuen Plugin – aber gut: Was ist bei der progressiv-kreativen Crow Hill schon „normal“ oder „Standard“? Ist der brandneue und plakativ benannte „Shit Synth“ ein April-Scherz? Ein absichtlich schlecht klingender LoFi-Synthesizer – oder tatsächlich „the shit“, also ein richtig cooles Plugin? Finden wir es heraus. Also: Let’s go – hands on and down and dirty mit diesem simplen Synth. Nach dem Benutzen allerdings nicht das Händewaschen vergessen.

Ästhetik des Defekten

Es ist eine jener bewusst gesetzten Irritationen, die im Kontext aktueller Musiktechnologie fast schon wie ein Affront wirken: ein Instrument, das seine klanglichen „Mängel“ nicht kaschiert, sondern zum zentralen ästhetischen Prinzip erhebt.Ein reduzierter, einfach zu bedienender Synth mit einer kuratierten Sammlung von „Samples“ – also klanglichen Fehlstellen – irgendwo auf den Spuren von Radiohead, Aphex Twin, Boards of Canada, Jon Brion, Throbbing Gristle, Joe Meek, Laurie Spiegel und Yazoo.48 eigenwillige Klangquellen, organisiert in 16 Instrumentenkategorien, die jeweils aus drei unterschiedlichen Ursprüngen gespeist werden: analog, digital und gesampelt. Dieses Trias-Prinzip zieht sich konsequent durch das gesamte Design und sorgt bereits auf struktureller Ebene für jene Reibung, die sich später auch klanglich manifestiert.

Was hier unter Piano, Brass oder Strings firmiert, hat mit konventionellen Vorstellungen dieser Instrumente nur bedingt zu tun. Stattdessen begegnet man bewusst verstimmten, teils fragil wirkenden Klangkörpern, die den Eindruck erwecken, als hätten sie bereits mehrere technologische und ästhetische Epochen durchlaufen – und dabei nicht nur Patina, sondern auch Brüche angesetzt.

Zwischen Werner Herzog und Sound-Dekonstruktion

Der entscheidende Unterschied zu gängigen LoFi-Ansätzen liegt in der Herkunft dieser Imperfektion. Während klassische Bitcrusher, Tape-Emulationen oder Vinyl-Noise-Plugins den Verfall simulieren, setzt dieser Synth bereits bei der Quelle an.

Crow-Hill-Mastermind Christian Henson beschreibt die Genesis dieses Synths so: „Vor etwa 20 Jahren habe ich ein Sample-Instrument gebaut, das mit sämtlichen Regeln gebrochen hat: verstimmt, schlampig gespielt, schlecht aufgenommen – und trotzdem hat es mein Leben verändert. Seitdem habe ich Hunderte von Sample-Instrumenten entwickelt, aber keines davon war wieder so verstimmt, so unperfekt gespielt oder so roh aufgenommen. Also habe ich mich gefragt: Was ist da eigentlich schiefgelaufen?

Ich habe mir einige meiner Lieblingsalben nochmal angehört und gemerkt, dass viele davon objektiv betrachtet ziemlich ‚schlechte‘ Sounds haben – aber die richtigen Noten, in der richtigen Reihenfolge. Da kam mir der Gedanke: Warum nicht zurück zu meinen Wurzeln gehen und einen anderen Ansatz verfolgen? Klänge, die von Anfang an Ecken und Kanten haben – echte Instrumente, die schon bessere Tage gesehen haben oder sogar bereits angeschlagen in die DAW kommen, statt sie erst nachträglich künstlich kaputt zu machen.“

Der preislich günstige Synth ist für Henson offensichtlich ein Passion Project: „Wir haben auch ein paar echte Raritäten eingefangen; einer der heimlichen Stars ist für mich das Wersi String Orchestra aus den Siebzigern. Ich liebe diesen Sound – auch wenn man dabei gefühlt seine Plomben festhalten muss! Für mich klingt das sofort nach einem Werner Herzog-Film mit Klaus Kinski, gedreht für 15 D-Mark auf 16mm.

Montag, 20. April 2026

GFORCE SOFTWARE MINIMONSTA 2 Test: Die moderne Evolution eines Synthesizer-Mythos

GForce Software MiniMonsta2 MiniMoog GUI
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Der Minimoog Model D – erstmals 1970 veröffentlicht ist bis heute der Archetyp des kompakten, analogen Synthesizers. Drei Oszillatoren, kompromissloser Sound, ikonischer Charakter. Entworfen von Bob Moog selbst, wurde der Model D zur Blaupause zahlloser Synth-Designs und ist bis heute einer der beliebtesten und meist-emulierten Klassiker überhaupt. Sein Sound – warm, druckvoll, unverkennbar analog – tauchte in unzähligen Produktionen auf und definierte über Jahrzehnte hinweg das Klangbild ganzer Genres. Mit dem Plugin Minimonsta 2 legt die britische Softwareschmiede GForce Software eine moderne Neuinterpretation dieses legendären Instruments vor – und erweitert das klassische Konzept dabei um zahlreiche zeitgemäße Funktionen.

Vom modularen Monster zum portablen Klassiker

Um zu verstehen, warum der Minimoog bis heute Kultstatus besitzt, lohnt sich ein Blick zurück in die späten 1960er-Jahre. Vor seiner Entstehung bestanden Synthesizer aus großen modularen Systemen. Geräte von Moog Music füllten ganze Wände aus Modulen, Kabeln und Patchfeldern. Diese Instrumente waren leistungsfähig, aber schwer zu bedienen und praktisch unmöglich auf eine Bühne zu transportieren – wenn man nicht gerade so viele Roadies zur Verfügung hatte wie Emerson, Lake & Palmer.

Der Minimoog änderte genau das. Er brachte wesentliche Module eines großen Moog-Systems in ein kompaktes, fest verdrahtetes Instrument. Oszillatoren, Filter, Hüllkurven und Mixer waren übersichtlich angeordnet und sofort spielbar. Der typische Minimoog-Sound wurde damit portabel. Seine drei Oszillatoren liefern einen massiven Grundklang, während das berühmte 24-dB-Ladder-Filter für jene charakteristische Wärme sorgt, die Synth-Fans bis heute fasziniert. In den 1970er-Jahren tauchte der Synthesizer schnell in den Produktionen zahlreicher Künstler auf. Musiker aus Progressive Rock, Funk, Jazz-Fusion und später elektronischer Musik machten den Minimoog zu einem festen Bestandteil ihrer Klangpalette. Bässe mit enormem Druck, singende Lead-Sounds und experimentelle gefilterte Fanfaren - der Minimoog ist fraglos einer der einflussreichsten Synthesizer der Musikgeschichte und GForce haben diesen Klang, da muss man ohne Übertreibung sagen, perfekt emuliert.

Zwischen Vintage-Charakter und moderner Flexibilität

Klanglich bewegt sich der Minimonsta 2 sehr nah am historischen Vorbild. Die Oszillatoren liefern jenen satten analogen Grundklang, den man von klassischen Moog-Synthesizern erwartet. Das Filter reagiert musikalisch und organisch, besonders bei langsam fahrenden Resonanzbewegungen oder aggressiveren Sweeps. Gerade bei Bass-Sounds zeigt sich schnell, warum der Minimoog bis heute als Referenz gilt. Schon wenige Handgriffe genügen, um massive Bässe, singende Leads.

Die Software-Hommage, die mehrere Schritte weitergeht

Der Grundaufbau orientiert sich zwar klar am klassischen Minimoog-Layout. Drei Oszillatoren, Mixer, Filtersektion und Hüllkurven sind sofort wiederzuerkennen. Wer jemals mit einem analogen Moog gearbeitet hat, findet sich im Interface praktisch sofort zurecht. Doch unter der Oberfläche steckt deutlich mehr. Denn mehr Stimmen sorgen für gänzlich neue Klangräume. Während das historische Instrument strikt monophon war, erlaubt der Minimonsta 2 polyphones Spiel. Dadurch lassen sich mit der klassischen Moog-Architektur plötzlich auch Pads, Akkordflächen oder komplexe Layer erzeugen. Gerade in modernen Produktionen eröffnet das völlig neue Möglichkeiten. Zusätzlich bietet das Plugin eine relativ umfangreiche Modulations- und Reverb-Sektion.

GForce Software MiniMonsta2 MiniMoog Preset Browser
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GFORCE SOFTWARE MK II Test: Die digitale Wiedergeburt der Mutter aller Mellotrons

Mellotron MKII GForce GUI
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Was haben Prinzessin Margaret, König Hussein von Jordanien, Scientology-Gründer L. Ron Hubbard sowie Bands wie The Moody Blues oder King Crimson gemeinsam? Sie alle besaßen und nutzten eines der ultra-raren Mellotron-Modelle der frühen 1960er-Jahre. Ein eigentümliches Instrument, das mit seinen mechanischen Tonbändern eine faszinierende Mischung aus technischer Fragilität und klanglicher Magie erzeugte. Mit dem MkII bringt die britische Softwareschmiede GForce Software nun eine digitale Hommage an genau dieses Instrument auf den Markt – genauer gesagt an das legendäre Mellotron MkII, eines der seltensten und begehrtesten Modelle der gesamten Mellotron-Familie.

Vom Wohnzimmer-Entertainment zum Sound der Rockgeschichte

Was ursprünglich als luxuriöse Home-Entertainment-Konsole gedacht war, entwickelte sich völlig unerwartet zu einem der prägendsten Instrumente der Rockgeschichte das die Klangästhetik des Progressive Rock, psychedelischer Popmusik oder früher Filmmusik-Experimente entschieden mitprägte. Um zu verstehen, warum dieses Instrument bis heute Kultstatus genießt, lohnt sich ein kurzer Blick zurück. Die Grundidee entstand Anfang der 1960er-Jahre in Großbritannien. Technisch gesehen ist das Mellotron kein Synthesizer, sondern ein elektromechanisches Sample-Instrument – lange bevor der Begriff Sampling im modernen Sinne überhaupt existierte. Unter jeder Taste befindet sich ein kurzer Magnetband-Loop. Drückt man eine Taste, wird das Band abgespielt und gibt eine vorher aufgenommene Klangquelle wieder – etwa Streicher, Chöre, Flöten oder Orchester-Hits.Die Technik geht auf das amerikanische Instrument Chamberlin zurück, aus dem später das britische Mellotron hervorging. Das Mellotron MkI und später das MkII erschienen 1963 und waren eigentlich als luxuriöse Heimorgeln gedacht. Die Geräte verfügten über zwei Manuale mit jeweils 35 Tasten: Das linke Manual spielte vorbereitete Rhythmus- und Begleitpatterns ab, während das rechte Manual verschiedene Lead-Instrumente wiedergab.

Die Vorstellung war, dass ein einzelner Spieler damit ganze Arrangements erzeugen konnte – eine Art analoger Vorläufer moderner Arranger-Keyboards. Die Realität entwickelte sich allerdings völlig anders…

Wie Rockmusiker das Mellotron entdeckten

Während wohlhabende Privatkunden das Instrument als Unterhaltungselektronik betrachteten, entdeckten Musiker schnell dessen eigenwilligen Charakter.Bands  wie die  Beatles, Genesis oder The Rolling Stones begannen, die leicht instabilen Bandklänge kreativ einzusetzen.

Das Instrument versetzte einst die Musikerunion der BBC in Rage: Man fürchtete die Überlegung, dass dieses neuartige Gerät – das ja „Orchestersounds auf Knopfdruck“ lieferte – die arrivierten Musiker des Orchesters arbeitslos machen würde.Tatsächlich sind die Klänge jedoch kein Ersatz fürs klassische Orchester, sondern haben ihren ganz eigenen Charme.Streicher klingen wie aus der Zwischenwelt – eine kleine Elegie.Songs wie „Strawberry Fields Forever“, „Nights in White Satin“ oder „The Court of the Crimson King“ machten den typischen Mellotron-Sound weltberühmt: leicht körnig, organisch, manchmal etwas unberechenbar – aber immer atmosphärisch. Gerade diese Imperfektion wurde zu seinem Markenzeichen.  Mit dem MkII widmet sich GForce Software nun genau jener Urversion des Instruments, die oft als „Mutter aller ‘Trons“ bezeichnet wird.  Den Developern ist hier das (Klang-)Kunststück gelungen jenen charakteristischen Sounds vollends ins Digitale zu portieren.

Mellotron MKII
Origiales Mellotron MK II
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