Mittwoch, 27. Mai 2026

GFORCE SOFTWARE ODDITY 3 Test: Die digitale Rückkehr eines Synthesizer-Rebellen

Credit Bild: © GForce Software
 „Oddity 3“ – nein, hier geht es nicht um David Bowies „Space Oddity“, Auch wenn sich der hier rezensierte Synthesizer eindeutig für abgespacete Klänge empfiehlt. Hinter dem „seltsamen“ Namen verbirgt sich eine allseist egfierte digitale Emulation des gelinde gesagt ikonischen ARP Odyssey.

Die Klänge des kultigen Droiden R2-D2 aus Star Wars stammen ebenfalls von einem ARP – GForce hat hier netterweise gleich ein passendes Preset inkludiert.
Schon der „Init“-Patch evoziert einen legendären Sound: den ABBA-„Gimme! Gimme! Gimme!“-Lead-Synth.
Trent Reznor ist schon seit Jahren bekennender Fan dieser Emulation. Schon nach kurzem Anspielen weiß man auch warum. Dieser Odyssey knarzt ungehobelt und düster – genau so, wie man es sich wünscht.

ARP Legacy

Während viele klassische Synthesizer der 1970er-Jahre darauf ausgelegt waren, möglichst „saubere“ Klänge zu erzeugen, hatte der Odyssey immer etwas Ungezähmtes. Sein Sound konnte aggressiv sein, schmutzig, manchmal sogar leicht chaotisch – und genau deshalb liebten ihn Generationen von Musikern.

Mit dem Oddity3 bringt die britische Softwarefirma GForce Software eine moderne Softwareinterpretation in die DAWm die sich nicht nur als  Emulation, sondern als umfassende digitale Weiterentwicklung eines der spannendsten Synthesizer der Analogära versteht.

Die Geburt eines Rivalen zum Minimoog

Um zu verstehen, warum dieses Instrument bis heute Kultstatus genießt, lohnt sich allerdings zunächst ein Blick in seine Geschichte.Anfang der 1970er-Jahre befand sich die Welt der Synthesizer noch in einer Art experimenteller Frühphase. Firmen wie Moog Music hatten mit Instrumenten wie dem Minimoog Model D bereits Maßstäbe gesetzt. Doch ein Unternehmen wollte zeigen, dass es auch anders ging: ARP Instruments.Der ARP Odyssey erschien 1972 und war in vielerlei Hinsicht eine direkte Antwort auf den Minimoog. Beide Instrumente waren kompakte, monophone Performance-Synthesizer – gedacht für Live-Musiker, nicht nur für Studios.Doch während der Minimoog für seinen warmen, runden Klang bekannt war, besaß der Odyssey einen deutlich bissigeren Charakter. Seine Architektur erlaubte extreme Modulationen, aggressive Filterfahrten und eine sehr flexible Klanggestaltung.

Ein Synth für Experimentierer

Technisch bot der Odyssey zwei Oszillatoren, ein resonanzfähiges Filter, Ringmodulation, Sample & Hold sowie eine ungewöhnlich flexible Modulationsmatrix. Besonders der Ringmodulator machte das Instrument für experimentelle Sounds interessant. Metallische Texturen, Sci-Fi-Effekte und radikale Klangverformungen waren damit problemlos möglich.

Auch das Sample-&-Hold-Modul eröffnete neue Klangwelten. Zufällige Tonfolgen, rhythmische Modulationen oder chaotische Filterbewegungen gehörten schnell zum typischen Repertoire vieler Odyssey-User.

Gerade diese Mischung aus musikalischer Spielbarkeit und klanglicher Wildheit machte den Synthesizer für viele Künstler attraktiv.

Im Laufe der 1970er- und 1980er-Jahre tauchte der ARP Odyssey in zahllosen Produktionen auf. Musiker schätzten vor allem seine Fähigkeit, sich im Mix durchzusetzen.Seine Leads konnten schneiden, seine Bässe hatten Punch und seine Effektsounds klangen oft futuristisch. Gerade in Progressive Rock, Funk und früher elektronischer Musik fand das Instrument schnell seine Nische.

Der Odyssey wurde außerdem mehrfach überarbeitet. Verschiedene Revisionen unterschieden sich vor allem im Filterdesign – ein Detail, das unter Synthesizer-Fans bis heute leidenschaftlich diskutiert wird. Diese unterschiedlichen Filtervarianten spielen auch in modernen Emulationen eine wichtige Rolle.

Third Encounter

Bereits frühere Versionen der Oddity-Reihe galten als sehr überzeugende Softwareinterpretationen. Die dritte Generation geht nun noch einen Schritt weiter. Zum einen wurden die unterschiedlichen Filterrevisionen des Originals modelliert. Nutzer können damit verschiedene historische Varianten des Odyssey nachbilden – von früheren, etwas raueren Filtern bis hin zu späteren Versionen mit etwas kontrollierterem Verhalten .Zum anderen erweitert die Software das Instrument um moderne Funktionen, die im analogen Original nie existierten.

POYLFREQ PHONON Test – Präzisionslabor für granulare Klangalchemie

Credit Bild: © Polyfreq
Wo einst die historische Kinoorgel versuchte, ein ganzes Orchester  in ein einziges Gehäuse zu pressen, und frühe Synthesizer die Atome des Klangs mittels Oszillatoren neu ordneten, da setzt die granulare Synthese an der ultimativen Mikrogrenze an: der Zerlegung von Audio-Material in winzige Fragmente, in sogenannte „Grains“. Genau in diesem hochspannenden, kreativen Grenzbereich zwischen präziser Laborarbeit und unvorhersehbarem Spielplatz verortet sich das Debüt-Plugin der britischen Edelschmiede PolyFreq. Mit „Phonon“ schickt der in Bristol ansässige Boutique-Hersteller ein Werkzeug ins Rennen, das sich selbst selbstbewusst als „Präzisionslabor für klangliche Alchemie“ versteht. Nun denn…

Klang-Konzept

Ein Phonon ist allgemein die elementare Anregung (Quant) einer harmonischen Schwingung. Dieser wissenschaftliche Konnex offenbart sich auch beim spielen dieses ganz im spartanischen Retro-Look gehaltenen Sofstsynth-Plugins

Das grundlegende Konzept hinter Phonon unterscheidet sich wohltuend von vielen Mitbewerbern auf dem Markt. Wo andere granulare Synthesizer allzu oft auf den reinen Zufall, unkontrollierte Randomisierung oder die mathematische Schichtung multipler Audioquellen setzen, bricht Phonon eine Lanze für die absolute Kontrolle.

Das Herzstück seiner Engine ist ein extrem hochwertiger Sample-Granulations-Algorithmus, der mit einer Sub-Sample-Grain-Planung operiert. Durch die getrennte Steuerung von Grain-Rate und Grain-Dichte eröffnen sich dem Anwender völlig neue Horizonte, um Klangfarbe und Tempo sowohl im Makro- als auch im Mikrobereich absolut wiederholbar und präzise zu formen. Unterstützt wird diese Herangehensweise durch eine automatische Grundton-Erkennung (Root Note Detection) sowie vier clevere Keyboard-Follow-Modi inklusive Legato-Funktion. Das Ergebnis? Phonon fühlt sich auf Anhieb wie ein echtes, ausdrucksstarkes Instrument an und verkommt nicht zur bloßen Drone-Maschine für Ambient-Flächen. Die Bandbreite reicht hier nahtlos von klassischen, diffusen Texturwolken bis hin zu extrem formbaren, messerscharfen Wellenformen. Es ist, um im Bild des Herstellers zu bleiben, zu gleichen Teilen ein analytisches Labor und ein inspirierender kreativer Spielplatz.

„Phonons Entwicklung wurde von der enormen Kreativität früher granularer Arbeiten von Komponisten wie Trevor Wishart und Curtis Roads sowie dem Deep Listening einer Pauline Oliveros inspiriert. Unser Wunsch war es, dieses wilde, kreative Territorium für die elektronische Musikproduktion und das Sounddesign zugänglicher zu machen – ohne ihm das wegzunehmen, was es so seltsam und inspirierend macht.“ Erzählt Nick Mariette, Gründer von PolyFreq.

Workflow: Komplexe Synthese, intuitiv gelöst

Man merkt dem Plugin an jeder Ecke an, dass hier ein Entwickler mit tiefer Verwurzelung in der Audiotechnologie am Werk war. Nick Mariette hat über zwei Jahrzehnte an vorderster Front der modernen Raumklang-Forschung verbracht – seine Vita reicht von einer Promotion im Bereich Audio Augmented Reality bis hin zu wegweisenden Arbeiten in den Teams hinter Industriestandards wie Audinate Dante, Dolby Atmos und Lake Technology. Diese fundierte Expertise spiegelt sich glücklicherweise nicht in einem überladenen, kryptischen Interface wider, sondern in einem angenehm geradlinigen Workflow.

Das vollständig skalierbare Interface setzt auf maximale Übersichtlichkeit: Die meisten Features sind sofort sichtbar, verschachtelte Menüs oder versteckte Unteroptionen sucht man hier vergeblich. Modulationen werden ganz intuitiv via Drag-and-Drop zugewiesen. Dahinter schlummert ein beachtliches Arsenal an Modulationsquellen, die mit Audio-Rate operieren und dafür sorgen, dass Patches lebendig reagieren und organisch evolvieren.

Klanglich abgerundet wird das Signal durch eine Charakter-getriebene Effektkette. Ein sättigendes Drive-Modul sorgt bei Bedarf für analogen Schmutz und harmonische Oberschwingungen, während ein resonantes Filter den Frequenzraum aufräumt oder dramatisch zuspitzt. Ein extrem musikalischer Utility-Reverb dient schließlich als klanglicher Klebstoff und verleiht den granularen Fragmenten die nötige räumliche Tiefe, ohne den Mix zu matschen.

Besonders praxisnah zeigt sich Phonon auch bei der Verwaltung der eigenen Kreationen: Dank des integrierten Preset-Managements inklusive Sample-Embedding lassen sich Sounds mitsamt dem Ausgangsmaterial kinderleicht exportieren und teilen. Über ein cleveres Snapshot-System können zudem bis zu acht verschiedene Klangzustände innerhalb eines Presets eingefroren und miteinander verglichen werden – ein unschätzbares Feature für das vertiefte Sounddesign im Studio-Alltag.

PSP LEXICON PSP42 Test – Vom Rack ins Plugin

Credit Bild: © PSP 
Sieht man sich historische Aufnahmen von Session-Hero Michael Landau aus der großen 80s- und 90s-Studiozeit – der Rack-Ära –- an, fällt einem immer wieder ein ganz spezielles Modul in den Kühlschrank-Setups und Bradshaw-Racks der Session-Ikonen auf: ein blau schwarzes Kästchen mit roten Knöpfen – das Lexicon  PCM 42 Delay. Heute schwer zu bekommen, seinerzeit ein State-of-the-Art-Delay, das es nun von den polnischen Developern PSP Audioware für das eigene Rack… äh, die eigene DAW gibt.

Zwischen Digitalpräzision und analogem Gefühl

Was den Reiz des ursprünglichen PCM 42 ausmachte, war nie bloß die Delay-Zeit oder die reine Funktionalität – es war dieses schwer greifbare „Feel“ und ganz eigenem sound diese Mischung aus digitaler Klarheit und organischer Unschärfe. Genau hier setzt das PSP42 an.Die Emulation bildet nicht nur die grundlegenden Parameter des Originals ab, sondern geht einen entscheidenden Schritt weiter: Features wie erweiterte Delay-Zeiten, Tempo-Sync, interne Modulationen und zusätzliche Klangformungsoptionen erweitern das Konzept behutsam, ohne den Charakter zu verwässern.

Gerade diese Balance ist bemerkenswert. Das Plugin fühlt sich nie wie ein steriles, überoptimiertes Modern-Tool an, sondern eher wie ein Stück Vintage Studio-Hardware, das zufällig in die Gegenwart gefallen ist.

Klang: Dichte, Tiefe, Bewegung

Klanglich spielt das PSP42 genau dort, wo man es sich erhofft – und vielleicht sogar ein Stück darüber hinaus. Die Delays sind präsent, aber nie aufdringlich. Sie sitzen im Mix, ohne ihn zuzukleistern, und entwickeln mit zunehmendem Feedback eine fast dreidimensionale Tiefe.

Besonders auffällig ist die interne Modulation: Subtile Pitch-Schwankungen, leichte Instabilitäten im Zeitverhalten – all das sorgt für Bewegung im Signal. Das Resultat sind Delays, die leben. Keine statischen Wiederholungen, sondern organische Echos, die sich ständig minimal verändern.Dreht man die Feedback-Schleifen weiter auf, bewegt man sich schnell in Richtung Selbstoszillation – ein Bereich, den das Plugin kontrollierbar, aber nie komplett zähmt. Genau diese leicht unberechenbare Komponente macht den Reiz aus.

Bedienung & Workflow: Old School trifft DAW-Komfort

Die Oberfläche orientiert sich stark am Original – inklusive jener leicht kryptischen Logik, die man von Vintage-Geräten kennt. Wer Plug-and-Play erwartet, wird hier nicht sofort abgeholt. Wer sich jedoch einarbeitet, wird belohnt.Parameter wie Delay Time, Feedback, Input Level oder die charakteristische „Infinite Repeat“-Funktion sind direkt zugänglich, während zusätzliche Features wie Filtering und Modulation dem Sound gezielt Form geben.Der Workflow fühlt sich dabei erstaunlich „hands-on“ an – fast so, als würde man tatsächlich an einem Rackgerät drehen. Ein nicht zu unterschätzender Faktor in einer Welt, in der viele Plugins eher wie sterile Interfaces als wie Instrumente wirken.

BECOMING LED ZEPPELIN – Die Geburt einer Rocklegende in 4K

 

Credit Bild: © Plaion Pictures
Musik-Dokus feiern nicht unbedingt immer auf der großen Filmfestival-Bühne Premiere. Bei Led Zeppelin und dem Kurator des Vermächtnisses dieser stilprägenden Rockband, Jimmy Page himself, ist dies jedoch anders. So erblickte eine Work-in-Progress-Fassung unter großem Medienecho und Standing Ovations bei den 78. Filmfestspielen von Venedig im Jahr 2021 das Licht der Öffentlichkeit. Bis der Film schließlich international in die Kinos kam und später auch auf Netflix landete, dauerte es allerdings noch einige Jahre.Nun ist er Film bei Plaion Pictures in einer luxuriösen Sammleredition erschienen, die die Dokumentation sowohl in kristallklarem 4K als auch im herkömmlichen Blu-ray-Format enthält – inklusive hochwertigem Sammlerschuber und allerlei cooler Goodies für Zeppelin-Aficionados und Sammler.

Regisseur Bernard MacMahon, der sich bereits für die allseits gefeierte Roots-Doku „American Epic“ verantwortlich zeichnete, widmet sich in „Becoming Led Zeppelin“ den frühen Jahren der Band. Es ist eine Origin-Story oder auch ein Entwicklungsroman im Doku-Format. Denn MacMahon beleuchtet die Kindheit und Jugend von Robert Plant, John Paul Jones, Jimmy Page und John Bonham und zeichnet nach, wie aus vier völlig unterschiedlichen Musikern jene kreative Explosion entstand, die den Rock und weite Teile der modernen Popkultur nachhaltig verändern sollte.  Die  Nachkriegskindheit der Musiker hierbei eine große Rolle und wie amerikanischer Blues und Rock ’n’ Roll zum Kontrastprogramm zur Tristesse eines teils noch zerstörten Englands nach 1945 wurden. Bevor jedoch die Treppe zur Hymne „Stairway To Heaven“ erklommen wird, ist hier Schluss – trotz der beachtlichen Überlänge von mehr als zwei Stunden. Die eigentliche Transformation steht im Zentrum: Wie aus den New Yardbirds Led Zeppelin wurden. Der Film für musikalische Sozialisation, kulturelle Einflüsse und die DNA dieser Band.

Obwohl Led Zeppelin für Experimentierfreude und Progressivität bekannt sind, ist diese Doku zwar edel produziert, aber eher konventionell inszeniert. In gewohnter Talking-Heads-Manier gibt es Interviews mit den verbliebenen Mitgliedern, die reflektiert und analytisch über die Entstehung ihres Sounds sprechen.Eine besondere emotionale Wirkung entfalten die Bonham-Passagen. Der 1980 verstorbene Drummer kommt in O-Tönen aus dem Off selbst zu Wort.

Konventionell ist „Becoming Led Zeppelin“ also durchaus. Wer experimentelle Formen oder dekonstruktive Musikdokumentationen erwartet, wird hier nicht fündig werden. MacMahon ist fraglos ein guter Dokumentarfilmer, dass diese Doku jedoch nicht von Martin Scorsese umgesetzt wurde, merkt man trotzdem. MacMahon setzt vielmehr auf einen sehr klassischen Aufbau mit chronologischer Struktur, restauriertem Archivmaterial und einem starken Fokus auf Musik und Atmosphäre.

Interessant ist, dass diese Doku weniger bekannte Anekdoten offenbart und bislang ungesehenes Bildmaterial verwendet. Gerade die frühen England- und US-Tourneen entwickeln durch die seltenen Fotografien und Backstage-Aufnahmen eine enorme Sogwirkung. Nur in Sachen Live-Videos gibt es etwas weniger Material, als manche Fans vielleicht erwartet hätten. Zwar sind die restaurierten Konzertsequenzen audiovisuell beeindruckend und besitzen enorme Kraft, allerdings hätte man sich stellenweise noch mehr vollständige Performance-Passagen gewünscht. Aber gut – die gibt es offenbar schlicht nicht. Und die vor über 20 Jahren veröffentlichte Led-Zeppelin-DVD bleibt in Sachen Konzertmitschnitte ohnehin das Nonplusultra.

Außergewöhnlich für eine Doku ist jedoch die Aufmachung der umfangreichen Collector’s Edition: Die Blu-ray kommt in einem attraktiv hochwertigen Sammlerschuber daher. In einer Steelbook-Blu-ray-Hülle befinden sich sowohl die kristallklare 4K-UHD- als auch die reguläre Blu-ray-Version des Films. In einer zweiten Box befinden sich zudem allerlei Goodies für Sammler: ein Brief vom Regisseur, vier Fotokarten, ein Patch, Sticker sowie zwei Plektren.

PINK FLOYD SHINE ON: Die ganze Geschichte in O-Tönen

Credit Coverbild: © Hannibal Verlag
Wenige andere Band haben es geschafft, über derart unterschiedliche Generationen hinweg gleichzeitig Kultstatus, Mainstream-Relevanz und elitäre Aura zu bewahren. Von den psychedelischen Londoner Underground-Tagen über die gigantomanischen Stadiontourneen der Siebziger bis hin zur ewigen Popkultur-Kanonisierung von „The Dark Side Of The Moon“ oder „The Wall“: Pink Floyd sind längst kein bloßer Rock-Act mehr, sondern ein kulturelles Monument. Ein eigenes audiovisuelles Universum zwischen Progressive Rock, Kunstinstallation, philosophischer Melancholie und Größenwahn.

Genau dieser Mythos steht im Zentrum von Mark Blakes monumentaler Oral History „Shine On“, erschienen im Hannibal Verlag. Und schon nach wenigen Seiten wird klar: Hier geht es nicht um eine gewöhnliche Musikerbiografie. Blake verfolgt vielmehr einen Ansatz, der frappierend an die erzählerische Dynamik moderner Oral-History-Formate erinnert – irgendwo zwischen klassischen Rockdokumentationen, den besten Musikjournalismus-Texten und der literarischen Dramaturgie von Daisy Jones & The Six. Bloß dass hier keine fiktionalisierte Bandgeschichte erzählt wird, sondern eine der faszinierendsten realen Musik-Sagas überhaupt.

Der britische Rockjournalist und Pink-Floyd-Spezialist Mark Blake hat über Jahre hinweg Interviews, Archivmaterial und Originalzitate zusammengetragen und daraus ein schillerndes Mosaik konstruiert. Zu Wort kommen dabei nicht nur die Musiker selbst – also etwa Roger Waters, David Gilmour oder Nick Mason – sondern auch Produzenten, Wegbegleiter, Techniker, Fotografen, Designer und kreative Mitstreiter. Gerade dadurch entsteht jene spezielle Unmittelbarkeit, die Oral Histories von klassischen Biografien unterscheidet.

Man liest „Shine On“ nicht wie ein lineares Sachbuch, sondern beinahe wie einen gigantischen Dokumentarfilm in Textform. Stimmen greifen ineinander, widersprechen sich, ergänzen sich oder entlarven alte Legenden als Halbwahrheiten. Genau darin liegt einer der größten Reize dieses Buchs. Denn die Geschichte von Pink Floyd war immer auch eine Geschichte konkurrierender Narrative. Wer hatte wann die kreative Kontrolle? Wie groß war der Einfluss Syd Barretts wirklich? War Roger Waters visionärer Auteur oder destruktiver Egomane? Und wie viel von der Melancholie und Isolation der Band war genuine Emotion – und wie viel kalkulierte Mythologie?

Blake versucht erfreulicherweise nie, diese Fragen endgültig „aufzulösen“. Stattdessen entsteht ein vielschichtiges Gesamtbild, das die internen Spannungen der Band ebenso sichtbar macht wie ihre kreative Genialität. Genau dadurch wirkt „Shine On“ oft ehrlicher als klassische Musiker-Biografien, die allzu häufig einer glattpolierten Meistererzählung folgen.

Besonders stark ist das Buch immer dann, wenn es Atmosphäre einfängt. Die frühen Kapitel über das Swinging London der Sechziger besitzen stellenweise beinahe etwas Filmisches. Man spürt den Rauch der Clubs, die experimentelle Aufbruchsstimmung jener Zeit und die eigentümliche Mischung aus Kunsthochschul-Avantgarde und psychedelischem Chaos, aus der Pink Floyd hervorgingen.

Gerade Syd Barrett schwebt dabei wie ein tragischer Geist über dem gesamten Buch. Seine kreative Vision, sein mentaler Zerfall und seine Abwesenheit werden fast zur unsichtbaren Hauptfigur der gesamten Erzählung. Ähnlich wie in den besten Musikdokumentationen entwickelt sich daraus ein permanentes Echo: Barrett ist weg – und doch irgendwie immer präsent. Selbst die gigantischen Erfolgsjahre der Band wirken oft wie der Versuch, diesen Verlust künstlerisch zu verarbeiten oder zu übertönen.

Blake zeichnet dabei eindrucksvoll nach, wie sich Pink Floyd Schritt für Schritt von einer experimentellen Underground-Band zur globalen Stadion-Institution entwickelten. Der Weg führt von improvisierten Acid-Happenings über die Konzeptalbum-Revolution der Siebziger bis hin zu den monumentalen Bühnenshows, die Musik, Filmprojektionen, Architektur und Performance-Art verschmelzen ließen.

Gerade diese Entwicklung macht „Shine On“ auch zu einem spannenden Buch über die Transformation des Rock selbst. Denn kaum eine Band steht derart exemplarisch für den Wandel von den utopischen Sechzigern zur zunehmend gigantomanischen Mega-Entertainment-Kultur der späten Siebziger und Achtziger.

CROW HILL ABSURDLY QUIET PIANO Test – Lo Fi und Ambient-Klavier zwischen David Lynch, Tape Dust und kontrollierter Dekonstruktion

Credit Bild: © Crow Hill Company
Es gibt Libraries, die versuchen, möglichst viele Anwendungsbereiche gleichzeitig abzudecken: zig Presets, aufwendige GUIs und „Ultimate Composer Tools“, die für breitwandige Anwendungsbereiche eine möglichst große Bandbreite abdecken. Und dann gibt es virtuelle Instrumente wie „Absurdly Quiet Piano“ von Crow Hill – eine Sample-Library, die sich bewusst der radikalen Reduktion verschreibt. Kein musikalischer Marvel-Film, sondern eher ein obskurer Arthouse-Streifen um drei Uhr morgens, den man zufällig entdeckt und der einem danach tagelang im Kopf herumspukt – oder auch das ideale Tool für Lynch-artige Sounds.

Wenn Stille plötzlich enorm laut wird

Genau darin liegt die besondere Qualität dieses ungewöhnlichen Instruments. Das „Absurdly Quiet Piano“ schafft maximalen Impact mit leisen Tönen. Es will nicht vordergründig beeindrucken, indem es nach einem Concert Grand im Wiener Konzerthaus oder gar „episch“ klingt. Wer einen transparenten Bösendorfer-Hochglanzsound erwartet, der Delta Goodrem beim ESC begleitet merkt schnell, dass Crow Hill bewusst eine ganz andere Richtung einschlägt. Stattdessen setzt die Library auf Fragilität, Intimität und jene kleinen Unsauberkeiten, die man bei High-End-Piano VSTs bewusst vermeidet. Das Resultat ist ein Instrument, das weniger nach klassischer Sample-Library klingt als nach einer verlorenen Tonbandaufnahme aus einem alternativen Universum zwischen Jóhann Jóhannsson, Harold Budd, Nils Frahm und den melancholischen Momenten eines Angelo-Badalamenti-Scores.

Die Grundidee klingt zunächst fast simpel: ein extrem leise gespieltes Upright Piano, aufgenommen mit maximalem Fokus auf Resonanzen, mechanischen Artefakten und intime Dynamikabstufungen – ohne dabei die Soundcharakteristik typischer „Felt Pianos“ zu übernehmen (wenngleich gewisse klangliche Verwandtschaften nicht abzustreiten sind). Doch gerade diese konzeptionelle Einschränkung wird hier zur eigentlichen kreativen Stärke. Für das Sampling (Stichwort Noise Floor und Noise Reduction) war all das eine große Herausforderung, denn derart subtile Sounds zu capturen ist alles andere als einfach. Das Resultat ist jedoch ein wirklich einzigartiges Instrument im virtuellen Werkzeugkasten.

Klangästhetik: Lo-Fi-Lyrik statt sterilem Perfektionismus

Das „Quiet Piano“ besitzt einen weichen, gedeckten und stellenweise beinahe geisterhaften Charakter. Die Transienten sind zurückgenommen, die Höhen niemals aggressiv, und die Dynamik bewegt sich in den subtilsten Abstufungen. Klingt das nun nach Herzschmerz auf Tasten oder nach Noir um Mitternacht? Beides – und genau darin liegt der Reiz dieses leisen Pianos, das sich in meinem persönlichen Scoring und Recording Projekten rasch bei allem bewährt hat, dass zwischen Ambient, Horror und melancholischer Cineastik angesiedelt ist. Dieses Piano liebt Raum, Stille, langsame Akkordwechsel, Drones und die Addition von Tape Echoes. Reverbs ziehen wie Nebelschwaden durch den Mix.

In Kombination mit granularen Texturen oder analogen Synth-Flächen entsteht schnell jene fragile Cinematic-Ästhetik, die momentan zahlreiche moderne Scores prägt – von A24-Melancholie bis hin zu introspektiven Indie-Game-Soundtracks. So funktioniert das „Absurdly Quiet Piano“ nicht nur als klassisches Harmonieinstrument, sondern beinahe als Sounddesign-Element. Einzelne Töne wirken wie akustische Objekte im Raum. Manche Presets erinnern eher an präparierte Pianos oder Tape-Manipulationen als an traditionelle Klavieraufnahmen.

Sound of Silence

Das „Absurdly Quiet Piano“ ist mit seiner zarten Subtilität so etwas wie ein Nachfolger des unlängst erschienenen „Crystal Piano“, das ebenfalls einen sehr eng abgesteckten Bereich des Piano-Domains abdeckte und operiert an der Schwelle zur Stille.

FRANCIS KÉRÉ SIGNIERSTUNDE IM TASCHEN STORE BERLIN

Credit Bild: © Tasschen Verlag
Das Zusammenspiel von traditionellem Wissen, moderner Innovation und sozialer Engaiertheit prägt seit Jahrzehnten das Werk des burkinisch-deutschen Architekten Francis Kéré. Ob Schulen in Afrika oder internationale Prestigeprojekte wie das Las Vegas  Museum of Art.– mit seinen Entwürfen schafft Kéré Räume, die Geschichten erzählen und Gemeinschaften zusammenbringen. Dass Kéré Architektur als kollektiven Prozess versteht, spiegelt sich in jedem Detail seiner Arbeit wider: Seine Bauten sind keine elitären Monumente, sondern lebendige Instrumente des Austauschs.

Nun ist im Taschen Verlag mit der umfassenden Monografie „Building Stories“ eine beeindruckende Werkschau auf das Schaffen dieses ersten afrikanischen Pritzker-Preisträgers erschienen.

Am kommenden Dienstag, den 9. Juni, wird Francis Kéré dieses Werk gemeinsam persönlich vorstellen signieren – um 18 Uhr im Taschen Store Berlin (Schlüterstraße 39).

Mit Aino Laberenz ist an diesem Abend zudem eine zentrale Figur der internationalen Kunst- und Kulturszene präsent: Die Kuratorin, Bühnenbildnerin und langjährige Lebensgefährtin Christoph Schlingensiefs verwaltet nicht nur dessen künstlerischen Nachlass, sondern leitet bis heute das von Schlingensief initiierte Operndorf Afrika in Burkina Faso – jenes außergewöhnliche Kultur- und Bildungsprojekt, dessen architektonisches Konzept von Francis Kéré stammt. Die Signierstunde mit Drinks wird also nicht nur ein Sommerfest sondern eine weit über das Thema Architektur hinausgehende Buchpräsentation.

 Wann & Wo: 

 

Signierstunde

Dienstag, 09.Juni, ab 18 Uhr

im Taschen Store Berlin (Schlüterstraße 39)

Montag, 18. Mai 2026

MERCURIALL EUPHORIA Test - Digitale Ekstase

Credit Bild: © Mercuriall Audio Software

Es gibt Verstärker, die einfach nur gut klingen – und es gibt jene, die eine ganze Ära mitdefinieren. Der vom deutschen Amp Guru Reinhold Bogner entwickelte Bogner Ecstasy gehört zweifellos in beide Kategorien. In einer Zeit, in der Gitarrensounds zunehmend zwischen Vintage-Romantik und kompromisslosem High-Gain-Exzess polarisierten, gelang Bogner Anfang der 1990er-Jahre ein bemerkenswerter Balanceakt: ein Verstärker, der in all diesen Metiers gleichermaßen reüssieren konnte – und noch deutlich mehr.

Mit der Amp Sim „Euphoria“ der russischen Entwickler von Mercuriall Audio gibt es nun digitale Interpretation dieses Amps – inklusive austauschbarer Front Grill-Designs und all jener Schalter, Optionen und Eigenheiten, die den Bogner seit Jahrzehnten zum Favoriten unzähliger Tweaker machen. Doch vermag es diese digitale Rekreierung tatsächlich auch, die komplexen Eigenheiten des sehr speziellen Bogner-Signature-Sounds überzeugend einzufangen und damit für die titelgebende Euphorie zu sorgen?

Die Geburt eines modernen Klassikers

Der Ecstasy war nie nur  als bloße Weiterentwicklung bestehender Konzepte gedacht, sondern vielmehr als eigenständiges Design, das zwar auf d en Schultern von Riesen stand, gleichzeitig aber auch die ureigene Vision Reinhold Bogners, eines Mannes mit ebenso ausgeprägten technischen Fähigkeiten wie klanglichen Visionen umsetzte. Drei Kanäle, umfangreiches Tone Shaping, schaltbare Voicings – ein Baukasten für professionelle Gitarristen, die maximale Kontrolle bei gleichzeitig musikalischer Ansprache suchten und genau wussten, was sie taten. Denn der Bogner gab Musikern mit seinen unzähligen Reglern und Schaltern zwar einerseits nahezu grenzenlose Möglichkeiten der Klangformung in die Hände, gleichzeitig mussten sie diesen für damalige Verhältnisse relativ komplexen Amp aber auch beherrschen lernen. Der mächtige, eher bassige Grundcharakter des Bogner-Sounds ist dabei eines jener Signature-Merkmale, die sich nur schwer authentisch modellieren lassen. Bogner vereinte in seinem Design vieles von dem, was den Marshall Plexi einst zum Standard machte, kombinierte dies jedoch mit moderneren High-Gain-Konzepten der 1980er-Jahre und verlieh dem Ganzen gleichzeitig eine sehr eigene klangliche Handschrift. Das Ergebnis war ein ganz spezieller Sound: tendenziell dunkel und gleichzeitig brillant, bei Bogner war so etwas nie Widerspruch. Cremig, artikuliert, dynamisch. Maximale „Saturation“ also Sättigung, aber mit  maximaler Noten-Transparenz. Nicht zuletzt deshalb avancierte der Amp schnell zum Geheimtipp unter Studio-Profis und Tour-Gitarristen.

MERCURIALL 6160III Test – Brown Sound & moderne High-Gain-Perfektion

Credit Bild: © Mercuriall Audio Software
Der 5150 zählt zweifellos zu den meistmodellierten Gitarrenverstärkern überhaupt – nur von den unzähligen Marshall-Sims übertroffen. Im Bereich High Gain gibt es überhaupt keinen anderen Amp, der derart oft digital rekonstruiert oder als klanglicher Referenzpunkt herangezogen wurde wie das ursprünglich gemeinsam mit Eddie Van Halen entwickelte Design. Und das hat einen einfachen Grund: Der 5150, zunächst von Peavey gefertigt und später unter dem eigenen EVH-Markenbanner weiterentwickelt, ist in seinen zahleichenen Iterationen und Revisionen ein Standard für modernen High Gain. Vom späten Hard Rock der 1990er über Metalcore, Nu Metal und modernen Progressive Metal bis hin zu heutigen Djent-Produktionen zieht sich die DNA des 5150 in all seiner Aggression, Kontrolle und Spielgefühl durch unzählige Genres.

Mit dem Mercuriall 6160III versucht Mercuriall Audio nun genau diese spezielle Mischung aus digital einzufangen. Die spannende Frage dabei ist allerdings nicht bloß, ob der typische Sound getroffen wird. Interessanter ist vielmehr, ob die Simulation auch jenes unmittelbare Spielgefühl reproduzieren kann, das den 5150 seit Jahrzehnten zu einem der wichtigsten modernen Amp-Designs überhaupt macht.

Digitale Präzision

Der Mercuriall 6160III basiert auf dem EVH 5150III Stealth. Dieser bietet drei Kanäle und drei Klang-Charaktere: Clean, Crunch und Lead. Was auf dem Papier zunächst vertraut wirkt, entfaltet in der Praxis eine bemerkenswerte Bandbreite.Der Clean-Kanal bleibt klar, druckvoll und direkt, ohne jene sterile Glätte vieler moderner Metal-Amps zu entwickeln. Statt klinischer Sauberkeit erhält man hier einen Sound mit Charakter. Der Crunch-Kanal liefert genau jene bissige, artikulierte Zerre, die man für rhythmisches Spiel benötigt, hat aber soviele Gain-Reserven, dass er auch für Leads problemlos funktioniert.Und schließlich der Lead-Kanal: dicht, sustainreich,– aber eben nicht undefiniert oder matschig. Besonders interessant ist dabei die interne Abstimmung der Gain-Struktur. Selbst bei extremen Einstellungen bleibt der Sound erstaunlich kontrollierbar.

Modeling & Spielgefühl

Wie schon bei anderen Mercuriall-Simulationen basiert auch der 6160III auf einem sehr tiefgehenden Modeling-Ansatz. Die Entwickler simulieren nicht bloß Frequenzgänge oder statische Verzerrungsprofile, sondern rekonstruieren das Verhalten der eigentlichen Schaltkreise. Und genau deshalb fühlt sich der 6160III weniger wie ein statisches Plugin und deutlich mehr wie ein echter Verstärker an.Besonders auffällig ist dabei das Verhalten beim Zurückdrehen des Volume-Potis. Selbst stark verzerrte Sounds reagieren äußerst organisch auf Pegelreduktionen. Palm Mutes kommen präzise und definiert. Selbst schnelle Riffpassagen behalten ihre Kontur. Leads schneiden mühelos durch den Mix, ohne unangenehm schrill zu wirken. Gleichzeitig bleiben selbst komplexe Arrangements transparent.

Samstag, 9. Mai 2026

TAL: Roland-Ikonen im modernen Plugin-Format

Ein Original der Eighties: JX-8P
Credit Bild: © TAL
Die Geschichte elektronischer Musik kennt einige wenige Instrumente, die ganze Klangästhetiken geprägt haben. Der typische „80er-Sound“, der sofort Assoziationen zu Synth-Pop, New Wave, Italo Disco oder den ikonischen Film-Soundtracks jener Zeit weckt, zählt fraglos dazu. Und viele dieser Sounds wären ohne bestimmte Instrumente kaum denkbar: den Roland Juno-60, den Roland Jupiter-8 – und später auch dessen geistiger Nachfolger, den Roland JX 8P.

Sie alle stammen aus der goldenen Phase analoger Poly-Synthesizer – einer Zeit, in der Firmen wie eben die japanische Roland Corporation begannen, komplexe Synthese plötzlich massentauglich zu machen. Heute, mehr als vierzig Jahre später, gehören diese Instrumente zu den begehrtesten Vintage-Synthesizern überhaupt. Originalgeräte erzielen auf dem Gebrauchtmarkt teils astronomische Preise. Der Grund dafür ist einfach: Diese Synths besitzen einen extrem charakteristischen Klang, der sich selbst mit modernen, technisch weit überlegenen Instrumenten nicht ohne Weiteres reproduzieren lässt. Ihre Mischung aus Wärme, Eigenheiten, Instabilität und musikalischer Direktheit bleibt einzigartig. Kein Wunder also, dass Entwickler seit Jahren versuchen, diese Klassiker möglichst authentisch in Softwareform neu zu emulieren.

Eine der interessantesten Adressen dafür ist die Schweizer Softwareschmiede Togu Audio Line – besser bekannt als TAL.

Tale of TAL: Schweizer Präzision beim Synth-Modeling

Der Anspruch, den TAL verfolgt, lässt sich klar umreißen: eine möglichst naturalistische und realistische digitale Emulation legendärer Hardware-Synthesizer umzusetzen– inklusive aller Eigenheiten, aber auch der charmanten Limitationen, die Vintage-Designs zwangsläufig mit sich bringen. Denn genau diese kleinen Unzulänglichkeiten machen den Charakter vieler analoger Klassiker überhaupt erst aus. Eine zu starke Modernisierung würde den eigentlichen Klang verfälschen. TAL verfolgt deshalb beinahe eine Art Reinheitsgebot: Der Originalsound steht im Mittelpunkt, ergänzt lediglich um behutsame Zugeständnisse an moderne Produktions-Workflows. Am Ende soll für Spieler und Zuhörer idealerweise nur eine Frage offenbleiben: War das jetzt ein Softsynth oder tatsächlich ein Originalgerät? Und wenn man bedenkt, wie eigenständig und charaktervoll diese Vintage-Synthesizer klingen, wird schnell klar, wie schwierig dieses Unterfangen eigentlich ist.

TAL hat diese Herausforderung jedoch bravourös gemeistert und genießt in der Synthesizer-Szene – insbesondere im Synthwave- und Retrowave-Bereich – seit vielen Jahren einen exzellenten Ruf. Die Produkte von Mastermind Patrick Kunz zählen so mittlerweile zu den etablierten Klassikern unter den Software-Synthesizern.

Juno Pose: TAL U-NO-LX

Credit Bild: © TAL
Nein – hier geht es natürlich nicht um Sabrina Carpenters Bühnenshow, sondern um den legendären Klang des Roland-Juno-Synths. Bei TAL heißt die digitale Neuinterpretation U-NO-LX – und liefert genau jenen warmen, direkten Charakter, der bis heute in unzähligen Produktionen weiterlebt.

Obwohl bis heute nicht vollständig geklärt ist, welche konkreten Synthesizer die Stranger Things-Komponisten Kyle Dixon und Michael Stein tatsächlich verwendeten, gilt ein Juno-6 als sehr wahrscheinlich. Gerade Stücke wie „Kids“ tragen genau jene schwebende, melancholische Klangästhetik in sich, für die die Juno-Serie berühmt wurde. Und bereits nach wenigen Minuten mit dem U-NO-LX wird deutlich: Patrick Kunz hat den Kultsound des Originals bemerkenswert präzise eingefangen.

Anders als viele komplexe Konkurrenten setzte Roland beim Juno auf ein erstaunlich simples Konzept: einfacher Aufbau, direkte Bedienung, sofort musikalische Ergebnisse. Der Synth verfügte lediglich über einen einzigen Oszillator pro Stimme, ergänzt durch einen Suboszillator, ein Filter und klassische Hüllkurven. Technisch betrachtet war das vergleichsweise überschaubar. Und dennoch entwickelte der Juno eine der markantesten Klangsignaturen der gesamten Synthesizer-Geschichte.

Der Grund dafür lag vor allem in zwei Dingen: seinem Filter – und seinem legendären Chorus. Der integrierte Stereo-Chorus war ursprünglich eher als zusätzlicher Effekt gedacht, entwickelte sich jedoch schnell zum eigentlichen Markenzeichen des Instruments. Sobald man ihn aktiviert, passiert etwas Magisches: Ein zunächst relativ einfacher Synth-Sound verwandelt sich plötzlich in eine breite, schwebende und beinahe cineastische Fläche. Genau dieser Effekt wurde zum Herzstück zahlloser Produktionen – von Synth-Pop über Ambient bis hin zu Filmmusik.

Und genau hier zeigt TAL seine große Stärke: Der Chorus des U-NO-LX klingt für meinen Geschmack erstaunlich nah am Original. Dieses leicht verrauschte, organische Schweben wurde extrem überzeugend getroffen.

Mit dem U-NO-LX hat TAL eine besonders akkurate Softwareversion des Juno geschaffen. Der Synth wurde anhand realer Hardware modelliert; Oszillatoren, Filter und Hüllkurven orientieren sich sehr eng am Verhalten des Originals. Besonders auffällig ist dabei, wie konsequent sich das Plugin am historischen Vorbild orientiert. Anders als viele moderne Softsynths versucht der U-NO-LX nicht, das ursprüngliche Konzept künstlich aufzublasen oder mit zahllosen Zusatzfeatures zu überladen. Hier geht es ausschließlich um den Sound.Und der überzeugt bis heute.

Pads wirken weich und schimmernd. Bässe besitzen überraschend viel Druck für einen Single-Oszillator-Synth. Leads haben jene subtile analoge Wärme, die selbst in modernen Produktionen sofort funktioniert. Gerade in Kombination mit dem Chorus entsteht ein Klangbild, das unmittelbar nach klassischem Analog-Synth klingt – und exakt versteht man, weshalb der Juno bis heute Kultstatus genießt.

Der U-NO-LX ist so fraglos eine der besten Emulationen dieses verdienten Klassikers. Eine puristische, klanglich extrem starke Hommage an einen der wichtigsten Synthesizer der 1980er-Jahre.

TAL J-8: Rolands majestätisches Flaggschiff

Credit Bild: © TAL
Wenn der Juno der pragmatische Allrounder der Roland-Welt war, dann war der Jupiter-8 ihr Luxusmodell. Der 1981 vorgestellte Synthesizer gehörte zu den leistungsfähigsten polyphonen Instrumenten seiner Zeit. Zwei Oszillatoren pro Stimme, umfangreiche Modulationsmöglichkeiten, Split- und Layer-Modi – der Jupiter-8 war eine regelrechte Klangmaschine. Und er klang entsprechend.

Während der Juno eher weich und atmosphärisch wirkt, besitzt der Jupiter eine deutlich größere klangliche Bandbreite: von massiven Brass-Sounds über aggressive Leads bis hin zu riesigen, komplexen Flächen. Der Jupiter-8 tauchte in den 1980ern praktisch überall auf. Synth-Pop, frühe elektronische Filmmusik, Progressive Rock – kaum ein Genre jener Zeit kam ohne diesen Synth aus. Sein Sound war groß, breit und präsent. Genau deshalb wurde er schnell zum Studiostandard vieler Produzenten.

Auch beim J-8 verfolgt TAL dieselbe Philosophie wie bereits beim U-NO-LX: möglichst authentische Nachbildung statt unnötiger Feature-Explosion.

Das Plugin basiert erneut auf einem realen Hardware-Gerät, dessen Verhalten möglichst exakt modelliert wurde. Zwei Oszillatoren, Crossmodulation, Filter, Hüllkurven und klassische Jupiter-Funktionen wurden sehr detailgetreu umgesetzt.Besonders interessant ist dabei die Kalibrierungssektion. Hier lassen sich Eigenschaften wie Filterverhalten, Resonanz oder Instabilitäten einzelner Stimmen verändern. Dadurch kann man den Sound entweder sauber und kontrolliert halten – oder bewusst stärker in jene leicht unperfekte Vintage-Richtung treiben, die viele Produzenten so lieben.

REACTOR DSP SPACE REACTOR Test: Legendäre Lexicon Reverbs als Plugin

Credit Bild: © Reactor DSP
Die Hall-Effekte der legendären Lexicon PCM 60, 70, 90 und MPX1-Geräte zählten zu den blinden Flecken eines Plugin-Marktes, der beinahe alles bereits mehrfach abgedeckt hat – bis jetzt. Mit dem Space Reactor legt die junge Plugin-Schmiede Reactor DSP nun eine Version jener ikonischen Reverb-Effekte vor, die man insbesondere als essenziellen Bestandteil für 80s-Rock-Sounds kennt. Tiled Room, Large Hall und Co. – klassische Räume, neu gedacht, mit geringer Latenz und niedriger CPU-Belastung. Doch wie authentisch klingt das Ganze? Die kurze Antwort: erstaunlich nah am Original bzw nicht zu unterscheiden. Die lange: Für cleane wie verzerrte Gitarrensounds der Achtziger ist dieser Effekt nicht nur hilfreich, sondern nahezu unerlässlich – so sehr, dass dieses Plugin durchaus das Potenzial hat, zum „Go-To“ und „Always-On“-Reverb zu avancieren.

Nachhall der Geschichte

Seinerzeit waren die Lexicon-Reverbs State of the Art – geradezu futuristisch. Heute erscheinen sie, rein technisch betrachtet, fast wie die Antithese zu modernen, hochauflösenden „Pristine Verbs“ . Und doch: Wirklich übertroffen wurden sie nie. Denn die Lexicon-Reverbs prägten den Sound einer ganzen Ära – und wer genau diesen Klang für eigene Produktionen rekonstruieren will, kommt an diesem spezifischen, ungemein musikalischen Reverb-Charakter nicht vorbei.JCM800, ein vorgeschalteter Super Overdrive, ein passendes Delay – und dahinter dieser typische Lexicon-Hall: Wer eine solche Kette kennt oder spielt, weiß, dass genau dieses Reverb das sprichwörtliche Tüpfelchen auf dem i ist. Das Icing auf dem Cake. Ohne diesen Hall fehlt etwas. ReactorDSP schließt hier eine Lücke – und liefert ein Plugin, das ohne große Einarbeitung „straight out of the box“ funktioniert. Kein langes Schrauben, keine verschachtelten Menüs. Stattdessen: Reverbs mit Charakter, mit Vibe, mit unmittelbarer musikalischer Verwendbarkeit.

Klangästhetik & Praxis: Zwischen Retro-Charme und moderner Effizienz

Hinter Reactor DSP stehen Software Entwickler  Heinrich Kollner und Metal Producer Lasse Lammert. Lammert ist bekannt für großartige Sounds, sein neues Plugin bildet da keine Ausnahme. Was sofort auffällt, ist die klangliche Kohärenz der Presets. Der berühmte Tiled Room klingt dicht, leicht körnig, mit genau jener räumlichen Signatur, die man aus zahllosen Produktionen kennt. Die Algorithmen arbeiten nicht steril, sondern bewusst mit einer gewissen Textur – ein Umstand, der insbesondere bei Gitarren und Drums für jene organische Einbettung sorgt, die viele moderne Reverbs vermissen lassen.

Ein weiteres Detail, das im Alltag schnell zum entscheidenden Faktor wird: Pre-computed Normalization. Jeder Preset-Wechsel erfolgt ohne Lautstärkesprünge. Kein Nachregeln, kein A/B-Chaos – stattdessen ein konsistenter Workflow, der den Fokus auf das Wesentliche lenkt: den Klang.

Entwicklung & Konzept: Vom Hardware-Frust zur Software-Lösung

Space Reactor ist kein generisches Reverb-Plugin, sondern das Resultat einer sehr konkreten Problemstellung. Ausgangspunkt war die Frustration von Produzent Lasse Lammert darüber, dass kein Plugin den Sound seiner bevorzugten Hardware-Presets wirklich überzeugend reproduzieren konnte – inklusive jener subtilen Stereo-Verschiebungen, die maßgeblich zur räumlichen Tiefe beitragen.

SYNAPSE AUDIO – OBSESSION Test: Oberklasse Oberheim

Credit Bild: © Synape Audio
Der Oberheim OB-Xa gehört zweifellos zu den ganz großen Klassikern der Synthesizer-Geschichte: brachiale Bässe, massive Pads und natürlich diese legendären Prince-Strings. Mit „Obsession“ bringt der Wiesbadener Software-Hersteller Synapse Audio einen virtuellen Synthesizer auf den Markt, der den Sound dieses klassischen analogen Poly-Synths beeindruckend authentisch in die moderne Musikproduktion überträgt.

Die Interpretation des ikonischen OB-Xa aus der Hand der Software-Schmiede Synapse Audio präsentiert sich stilvoll retro im Design und bemerkenswert authentisch im Klang. Die charakteristische Architektur und Soundästhetik des Originals wurden mit großer Detailtreue digital nachgebildet. Zwei Oszillatoren bilden die klangliche Grundlage, ergänzt durch ein umschaltbares Tiefpassfilter mit zwei oder vier Polen, zwei ADSR-Hüllkurven sowie zwei LFOs. Die Engine basiert auf einer modellierten Emulation analoger Schaltungen, um die typischen klanglichen Eigenschaften der historischen Hardware möglichst originalgetreu zu reproduzieren.

Jump!

Im Praxis-Test zeigt sich schnell, dass Synapse Audio hier alles andere als zu viel versprochen hat. Das berühmte Brass-Ensemble – einer der Signature-Sounds der Original-Hardware, etwa zu hören in Jump von Van Halen – wird unglaublich authentisch und mit diesem subtilen Synth-Brass-Growl reproduziert.30 Minuten später, nachdem man sich längst in diesem authentischen Eighties-Sound verloren hat, fällt einem plötzlich auf: Da gibt es noch viel mehr Presets zu entdecken. Extrem gute Strings, warme Pads und druckvolle Bässe sorgen ebenso für Begeisterung wie rhythmische Presets, die sofort Assoziationen an klassischen Synth-Pop hervorrufen.

Ein zentrales Merkmal von Obsession ist die Simulation individueller Stimmenkarten („Voice Boards“). Jede einzelne Stimme kann leichte Abweichungen bei Parametern wie Filter-Cutoff oder Hüllkurvenzeiten aufweisen. Genau diese minimalen Unterschiede erzeugen jene lebendige, organische Klangcharakteristik, die analoge Poly-Synthesizer bis heute so faszinierend macht.

Technisch bietet der virtuelle Synthesizer eine Engine mit wahlweise acht oder sechzehn Stimmen. Zusätzlich stehen verschiedene Spielmodi wie Single-, Dual- und Split-Konfigurationen zur Verfügung, mit denen mehrere Sounds kombiniert oder über unterschiedliche Tastaturbereiche verteilt werden können. Moderne Produktionsanforderungen berücksichtigt das Instrument zudem durch MPE-Unterstützung sowie die Integration in das Native-Kontrol-Standard-Ökosystem.

Obsessive Attention to Detail

Effektseitig liefert Synapse Audio absolute Spitzenklasse ab. Besonders hervorzuheben sind der fast schon vokalartige Hall – hier und da beinahe chorartig schimmernd – sowie der extrem fette Chorus, der vielen Sounds erst diese majestätische Breite verleiht. Manche Presets sorgen regelrecht für Gänsehaut.

U-HE ZEBRA LEGACY Test – Batflaps, Blockbuster & das ultimative Klanglabor

u-he Zebra 2 GUI
Credit Bild: © u-he
Es gibt diese seltenen Momente, in denen Klang nicht einfach nur gehört, sondern geradezu erlebt wird. Mein erster echter Kontakt mit dem Softsynth Zebra von u-he war genau so ein Moment – und er hatte nichts mit einem Plugin-Test oder einer Soundexploration im Homestudio zu tun. Ich stand in einem großen Recording-Studio, irgendwo zwischen Deadlines und Meetings. Die Engineers werkten an der SSL, überprüften Verkabelungen und forderten die Speaker mit dem Referenzmaterial-Soundtrack des Tages: Hans Zimmers Score für die Batman-Filme von Christopher Nolan.Dann passierte es. Diese pulsierenden, flirrenden, fast organischen Texturen von sich nähernden Flügelgeräuschen. Gänsehaut. Die legendären „Batflaps“. Diese Mischung aus Druck, Bewegung und emotionaler Wucht. Majestätisch, überlebensgroß hoben sich diese Sound-Schwingen über dichte Synth-Pads.Das Instrument hinter diesen Sounds: Zebra Synth – genauer gesagt die Hans-Zimmer-Version dieses Plugins der deutschen Softwareschmiede u-he.

Der Weg zum Soundtrack-Synth

Manche Software-Synthesizer versuchen, ein historisches Instrument möglichst exakt zu emulieren. Andere bauen ihre eigene Welt. Zebra gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.Seit seiner ersten Iteration entwickelte sich das Instrument zu einem der flexibelsten und eigenständigsten Softsynths überhaupt. Wer sich erstmals intensiver mit Zebra beschäftigt, merkt schnell, dass hier nicht die möglichst akkurate Nachbildung eines Minimoogs oder Jupiter-8 im Zentrum steht. Stattdessen versteht sich Zebra als eigenständige, offene Plattform für Klangdesign.Die Mischung aus modularer Architektur, außergewöhnlicher Klangqualität und enormer Flexibilität machte Zebra über Jahre hinweg zum Geheimfavoriten zahlloser Produzenten – insbesondere im Bereich Film-, Trailer- und Game-Musik. Und ja: Braaams zählen zu den Spezialgebieten des Zebra, ebenso wie bedrohlich klingende Pads und cineastische Drones. Spätestens seit Hans Zimmer und sein Sounddesign-Team Zebra intensiv für ihre Multimillionen-Produktionen einsetzten, wurde der Synth endgültig Teil der DNA zeitgenössischer Filmmusik.

Zimmer, Zebra, Zauber

u-he Zebra HZ GUI Hans Zimmer
Credit Bild: © u-he

Neben Zebra2 sowie zahllosen Soundsets ist in der Legacy Edition des Zebra auch die HZ-Version („Hans Zimmer“) dieses Synths enthalten.Die Geschichte dieses Software-Instruments beginnt nicht etwa als gewöhnliche Produktentwicklung, sondern mitten in der Welt moderner Hollywood-Filmmusik. Mitte der 2000er-Jahre arbeitete Hans Zimmer an den Scores zur Batman-Trilogie von Christopher Nolan – Klangwelten voller Druck, düsterer Atmosphäre und jener monumentalen Hybrid-Ästhetik zwischen Orchester und elektronischem Sounddesign, die wenig später ganze Generationen von Trailer- und Score-Komponisten prägen sollte.
Und manchmal existieren beide Zustände gleichzeitig innerhalb desselben Patches. Auf der Suche nach einem flexiblen Instrument für genau diese Art von Klanggestaltung stieß Zimmer auf den Zebra Synth von u-he. Was ursprünglich als Begeisterung für ein außergewöhnlich vielseitiges Plugin begann, entwickelte sich schnell zu einer engen Zusammenarbeit zwischen Zimmer, seinem Sounddesign-Team – insbesondere Howard Scarr – und Firmengründer Urs Heckmann selbst.

Zimmer war fasziniert davon, dass Zebra eben nicht versuchte, lediglich klassische Vintage-Synthesizer zu imitieren. Stattdessen bot das Instrument eine offene Architektur – genau das, was modernes Scoring benötigt. Im Verlauf der Arbeit an The Dark Knight und später The Dark Knight Rises entstand schließlich eine speziell angepasste Version des Synths: ZebraHZ. 

u-he integrierte zusätzliche Module, experimentelle Filter, neue Resonatoren, Dynamics-Prozessoren sowie Funktionen, die teilweise bereits frühe Vorboten des späteren Zebra3-Konzepts darstellten. Viele dieser Erweiterungen entstanden direkt aus Anforderungen, die Zimmer während der Score-Produktion formulierte. Genau hier entstanden jene legendären Klangtexturen, die man heute unmittelbar mit Nolans Batman-Ästhetik verbindet: die eingangs erwähnten pulsierenden „Batflaps“, düstere Hybrid-Drones, massive synthetische Brass-Sounds, sich ständig transformierende Pads und jene brachialen cineastischen Low-End-Strukturen, die später praktisch zum Standard moderner Trailer-Musik wurden.

2012 veröffentlichte u-he das Paket schließlich offiziell als „The Dark Zebra“. Enthalten waren nicht nur ZebraHZ selbst, sondern auch hunderte Presets von Hans Zimmer und Howard Scarr – darunter zahlreiche Sounds, die direkt aus den Batman-Scores stammten.

Seitdem besitzt Dark Zebra innerhalb der Sounddesign- und Filmkomponisten-Szene beinahe Kultstatus. Nicht nur wegen seines prominenten Einsatzes in Blockbuster-Produktionen, sondern weil das Instrument eindrucksvoll bewies, dass Software-Synthesizer längst dieselbe emotionale Größe, Komplexität und cineastische Wucht erreichen konnten wie gigantische Hardware-Setups.

Allerdings wäre es zu kurz gegriffen, Zebra ausschließlich auf Hans Zimmer zu reduzieren. Zwar kommt man kaum an dessen Einfluss vorbei – nicht als bloßes Namedropping, sondern weil Zimmer selbst immer wieder öffentlich betont hat, wie sehr er Zebra nach wie vor schätzt und wie oft er beim Arbeiten mit diesem Instrument neue Möglichkeiten entdeckt.Die eigentliche Stärke des Synths liegt darin, dass er genug Raum für völlig eigene Klangvorstellungen bietet.

SCUFFHAM S-GEAR Test: Plugin-Klassiker mit Boutique-Amp-Sound

Credit Bild: © Scuffham
Die Plugin-Suite Scuffham S-Gear zählt zu den älteren noch immer erhältlichen Versuchen ikonische Amp-Sounds zu digitalisieren und stammt aus einer Zeit, als das Prinzip Verstärker in ernstzunehmender Weise als Plugin zu emulieren noch relativ jung war. Ein Pionier-Plugin sozusagen, das seit seiner Einführung 2011 schon mehrere Iterationen und Updates durchlaufen hat und nach dem Prinzip "still going strong" nach wie vor upgedatet wird. Trotz dieses Veteranen-Status fliegt S-Gear etwas unter dem Radar, man liest und hört  – abseits von Insider-Zirkeln – verhältnismäßig wenig darüber.  Warum ist das so? Handelt es sich dabei mittlerweile eher um ein Legacy-Produkt oder doch um einen Sleeper-Star, der seiner Zeit weit voraus war und noch heute zu begeistern vermag und mit den aktuellen Platzhirschen mithalten kann? Let’s find out.

Mike Scuffham und die Rack-Ideologie

S-Gear ist das „Brainchild“ von Mike Scuffham – unter Kennern ein Name mit Gewicht. Bevor er unter eigenem Banner entwickelte, arbeitete er als Ingenieur bei Marshall und zeichnete unter anderem für das legendäre JMP-1 Rack-Modul verantwortlich. Das prägte fraglos auch das Kernkonzept und Layout von S-Gear – nicht nur, weil hier selbstredend ein digitaler Marshall-Style-Amp enthalten ist, sondern auch den Aufbau des gesamten Plugins: Denn S-Gear ist wie ein komplexes Rack-System modular konzipiert.

Dieser Ansatz setzt im Vergleich zu vielen Konkurrenzprodukten nicht auf maximalen Skeuomorphismus im Sinne von optisch bis ins Detail nachgebildeten Vintage-Amps, sondern folgt einer eigenen, funktionalen Logik, bei der man schmale Module aneinanderreihen und tauschen kann. Das Resultat ist ein Konzept, das sich deutlich von vielen Mitbewerbern unterscheidet, sich aber im Praxis-Workflow als nicht minder praktikabel erweist. 

Auch beim Herzstück von S-Gear, den Verstärkern wandelt Scuffham auf eigenen Wegen, geht es hier doch nicht um die möglichst exakte Modellierung eines spezifischen Amps, sondern vielmehr um eigenständige Interpretationen bewährter Klassiker von Fender bis Soldano. Die Amps kann man sich am besten als Hybride aus unterschiedlichen Referenz-Modellen vorstellen. Ein weiterer Punkt der S-Gear unique macht, zumal die hier vertretenen Verstärker klanglich allesamt erstklassig sind.

Die Amps im Detail: Archetypen statt Masse

Scuffham entwarf S-Gear als in sich abgeschlossenes, sprich „self-contained“, Ecosystem, das im Grunde alles enthält, was der Gitarrist braucht – zumindest jener Gitarrist mit einer gewissen Genre-Verortung. Doch dazu kommen wir noch. S-Gear ist eine All-in-One-Lösung, bei der von „Clean to Scream“, sprich vom unverzerrten Sound über Crunch-Tones hin zum vollverzerrten Solo- und Riff-Brett mit Effekten garniert, alles abgedeckt wird. Nur, dass das Scuffham-Konzept eines des Understatements und der bewussten Reduktion bzw. Besinnung aufs Wesentliche ist.So bietet dieses Plugin keine endlose Amp-Collection sondern eine kuratierte Auswahl – und genau das ist Teil des Konzepts. Jeder Amp markiert ein klar definiertes klangliches Terrain, ohne als reine Kopie aufzutreten. Was sofort auffällt: Gemein ist allen Modellen, dass sie extrem sensibel auf Anschlagdynamik und das Volume-Poti der Gitarre reagieren. Auch im kritischen "On the Edge of Breakup"-Bereich  – dort, wo der Ton gerade ins Overdrive kippt – zeigt S-Gear eine Qualität, die manch anderes Plugin vermissen lässt:extreme Nuancen.

Die Amps im Detail:

The Duke: "Robben Ford in a box" oder auch Scuffhams Interpretation des Dumble und Fender-Sound-Ideals. Der Tone Stack ist vom Super Reverb abgeleitet, kalifornische Clean und Overdrive-Klänge sind die Forte dieses amerikanisch-geprägten Amps.

Custom ’57: S-Gears „Tweed“ und eine der besten digitalen Versionen der berüchtigt schwer zu fassenden Sounds jener Amps mit dem charakterischen Bezug. Von Clapton-esquen Twin-Sounds zu brachialen Neil Young Proto-Grunge Exzessen ist hier alles möglich.

The Stealer: der "Marshall"-Style Amp, inspiriert von einem seltenen Park-Head, der Scuffham einst begeisterte. Äußerst flexibel und schafft es  Hendrix-artige Semi-Clean-Sounds ebenso gut abzubilden wie archetypische Britische Hard Rock Sounds. Nur wer hier einen José-modded Plexi oder Brown Sound erwartet wird etwas zu wenig Gain-Reserven vorfinden.

The Wayfarer: ein weiterer amerikanisch geprägter Amp, hier geht es ins Territorium getuneder Fender-Sounds. Der Wayfarer ist dabei so etwas wie das Schweizer Taschenmesser unter den Scuffham Amp-Sims, da er am drastischsten in seiner Klangformung ist (inkl. tiefgreifendem EQ, der an Mesa Boogie-Designs erinnert ). Im Grundcharakter erinnert das stark an die legendären Paul Rivera-modded Fenders (frühe Steve Lukather Sounds!). Damit ist S-Gear die einzige  Plugin-Suite, die diesem seltenen Klangideal nahekommt.

The Jackal: der heavieste unter den Scuffham-Amps, tight, fokussiert. Der lila Bezug macht klar dass hier u.a. der Soldano-SLO-100 Pate stand. Nun ist dies sicher nicht die authentischste aller SLO-Emulationen, aber der High Gain-Sound, der hier abrufbar ist, erweist sich beim Recording als recht wandlungsfähig.

Braucht man mehr als diese 5 Archetypen? Das kommt darauf an, in welchen Musikgenres man sich heimisch fühlt. Ebenso wie die Grundphilosophie von S-Gear nicht jeden erdenklichen Sound abdecken will, richten sich auch die Amps vor allem an Player, die auf Clean- und „On the Edge of Breakup“-Sounds stehen und Vintage-Distortion bevorzugen – also Gitarristen, die eher im Blues-, Country- und Roots-Rock-Bereich die Saiten zum Glühen bringen. Und in diesen Genres sind Dynamics bekanntlich King. Jene gibt es hier zuhauf, auch weil man anders als bei den vielen anderen Amp Sims, die jeweiligen Verstärker nicht nur via der Standard-EQ-Knöpfen tweaken kann, sondern bis ins Detail Parameter wie Presence und Sag einstellen kann. Die Amps, wie letztlich jedes einzelne Modul von S-Gear - entpuppen sich dabei als regelrechete Chamäleons. Sie reagieren zudem extrem sensibel auf Anschlagdynamik und das Volume-Poti. Dieses Verhalten fühlt sich organisch an. S-Gear entfaltet eine Dynamik, die viele „größere“ Suites vermissen lassen.Der Sound  lässt sich am treffendsten als dreidimensional beschreiben. S-Gear wirkt offener, unmittelbarer, näher am Gefühl eines lauten Boutique-Tube-Amps, der in einem guten Raum abgenommen wurde. Clean-Sounds perlen, Crunch hat Biss und Textur. Der Bereich Roots-Rock und Blues ist fraglos sein Metier. 

Donnerstag, 7. Mai 2026

EMPIRICAL LABS PARADYN Test – Dynamik trifft Präzision

Credit Bild: © Empirical Labs
EQs kann man bekanntlich nie zu viele haben. Und doch ist es sehr selten, dass ein neuer Kandidat in dieser Kategorie mehr ist als bloße Variation eines längst etablierten Konzepts. Wenn also ein Produkt wie ParaDyn von Empirical Labs (ELI) released wird, könnte man zunächst lapidar feststellen: just another EQ. Wer sich jedoch näher mit diesem Plug-in auseinandersetzt, merkt schnell, dass diese Einschätzung in diesem Fall deutlich zu kurz greift.

Denn ParaDyn macht einiges anders als die unüberschaubare Schar anderer EQs. Was hier auf den ersten Blick wie ein klassischer parametrischer Vierband-EQ erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als deutlich ambitionierteres Werkzeug. Empirical Labs erweitert mit ParaDyn das vertraute Konzept eines EQs um eine dynamische Dimension, die weit über das hinausgeht, was man gemeinhin unter einem „Dynamic EQ“ subsumiert.

Vier Sektionen, ein Konzept

Im Kern basiert ParaDyn auf vier parametrischen EQ-Sektionen, die klanglich klar in der Tradition des hauseigenen BIG FrEQ stehen. Das bedeutet: musikalische Eingriffe, präzise Filter und – nicht unwichtig – die Möglichkeit, mit charakteristischen Flat-Top-Bandformen zu arbeiten, die insbesondere bei breiteren Eingriffen ihre Stärken ausspielen.

Die eigentliche Besonderheit verbirgt sich jedoch in den Sektionen „1“ und „4“. Hier integriert Empirical Labs jeweils vollwertige DYN-Module, die den EQ in eine hybride Klangbearbeitungszentrale verwandeln. Diese Module sind nicht bloß Add-ons, sondern zentraler Bestandteil des Konzepts: Sie eröffnen eine Form der dynamischen Kontrolle über Frequenzbereiche, die man so bislang nur von deutlich komplexeren oder fragmentierten Setups kannte.

Dyn EQ, Masking und Kompression – ein modulares System

ParaDyn lässt sich zunächst ganz klassisch im Dyn-EQ-Mode betreiben. Frequenzen werden also abhängig vom Eingangssignal dynamisch angehoben oder abgesenkt – ein vertrautes Prinzip, das hier jedoch durch die typische ELI-Signature ergänzt wird: ein Timbre, das nie steril wirkt. Spannender wird es im Dyn-Mask-Mode. Hier analysiert das Plug-in das umgebende Frequenzmaterial und reagiert kontextsensitiv. Vereinfacht gesagt: Wenn eine Ziel-Frequenz ohnehin bereits von anderen Signalanteilen maskiert wird, greift die Dynamik weniger stark ein. Das Ergebnis ist ein natürlicheres, intelligenteres Verhalten – funktional nicht unähnlich zu ELIs DerrEsser-Hardware, jedoch hier deutlich flexibler implementiert.

Als wäre das nicht schon ausreichend, lässt sich jedes dieser DYN-Module zusätzlich in einen Compress-Mode versetzen. In diesem Modus wird das jeweilige Band in zwei unabhängige Bereiche aufgeteilt und fungiert faktisch als vollwertiger Kompressor. Damit mutiert ParaDyn beinahe zu einem modularen Channel-Strip, bei dem EQ und Dynamikbearbeitung nicht nur koexistieren, sondern intelligent ineinandergreifen.

Workflow & GUI – vertraut, aber erweitert

Optisch orientiert sich ParaDyn klar am BIG FrEQ. Das ist eine kluge Entscheidung, denn wer bereits mit diesem Plug-in gearbeitet hat, findet sich sofort zurecht. Die Oberfläche wirkt aufgeräumt, funktional und verzichtet trotz der beachtlichen Feature-Dichte unter der Haube auf unnötigen Ballast.Gerade im praktischen Einsatz zeigt sich die Stärke dieses Designs: Unterstützt wird das Ganze durch eine sinnvoll kuratierte Auswahl an Factory-Presets, die nicht nur als Ausgangspunkt dienen, sondern auch das konzeptionelle Potenzial des Plug-ins demonstrieren.