Samstag, 9. Mai 2026

TAL: Roland-Ikonen im modernen Plugin-Format

Ein Original der Eighties: JX-8P
Credit Bild: © TAL
Die Geschichte elektronischer Musik kennt einige wenige Instrumente, die ganze Klangästhetiken geprägt haben. Der typische „80er-Sound“, der sofort Assoziationen zu Synth-Pop, New Wave, Italo Disco oder den ikonischen Film-Soundtracks jener Zeit weckt, zählt fraglos dazu. Und viele dieser Sounds wären ohne bestimmte Instrumente kaum denkbar: den Roland Juno-60, den Roland Jupiter-8 – und später auch dessen geistiger Nachfolger, den Roland JX 8P.

Sie alle stammen aus der goldenen Phase analoger Poly-Synthesizer – einer Zeit, in der Firmen wie eben die japanische Roland Corporation begannen, komplexe Synthese plötzlich massentauglich zu machen. Heute, mehr als vierzig Jahre später, gehören diese Instrumente zu den begehrtesten Vintage-Synthesizern überhaupt. Originalgeräte erzielen auf dem Gebrauchtmarkt teils astronomische Preise. Der Grund dafür ist einfach: Diese Synths besitzen einen extrem charakteristischen Klang, der sich selbst mit modernen, technisch weit überlegenen Instrumenten nicht ohne Weiteres reproduzieren lässt. Ihre Mischung aus Wärme, Eigenheiten, Instabilität und musikalischer Direktheit bleibt einzigartig. Kein Wunder also, dass Entwickler seit Jahren versuchen, diese Klassiker möglichst authentisch in Softwareform neu zu emulieren.

Eine der interessantesten Adressen dafür ist die Schweizer Softwareschmiede Togu Audio Line – besser bekannt als TAL.

Tale of TAL: Schweizer Präzision beim Synth-Modeling

Der Anspruch, den TAL verfolgt, lässt sich klar umreißen: eine möglichst naturalistische und realistische digitale Emulation legendärer Hardware-Synthesizer umzusetzen– inklusive aller Eigenheiten, aber auch der charmanten Limitationen, die Vintage-Designs zwangsläufig mit sich bringen. Denn genau diese kleinen Unzulänglichkeiten machen den Charakter vieler analoger Klassiker überhaupt erst aus. Eine zu starke Modernisierung würde den eigentlichen Klang verfälschen. TAL verfolgt deshalb beinahe eine Art Reinheitsgebot: Der Originalsound steht im Mittelpunkt, ergänzt lediglich um behutsame Zugeständnisse an moderne Produktions-Workflows. Am Ende soll für Spieler und Zuhörer idealerweise nur eine Frage offenbleiben: War das jetzt ein Softsynth oder tatsächlich ein Originalgerät? Und wenn man bedenkt, wie eigenständig und charaktervoll diese Vintage-Synthesizer klingen, wird schnell klar, wie schwierig dieses Unterfangen eigentlich ist.

TAL hat diese Herausforderung jedoch bravourös gemeistert und genießt in der Synthesizer-Szene – insbesondere im Synthwave- und Retrowave-Bereich – seit vielen Jahren einen exzellenten Ruf. Die Produkte von Mastermind Patrick Kunz zählen so mittlerweile zu den etablierten Klassikern unter den Software-Synthesizern.

Juno Pose: TAL U-NO-LX

Credit Bild: © TAL
Nein – hier geht es natürlich nicht um Sabrina Carpenters Bühnenshow, sondern um den legendären Klang des Roland-Juno-Synths. Bei TAL heißt die digitale Neuinterpretation U-NO-LX – und liefert genau jenen warmen, direkten Charakter, der bis heute in unzähligen Produktionen weiterlebt.

Obwohl bis heute nicht vollständig geklärt ist, welche konkreten Synthesizer die Stranger Things-Komponisten Kyle Dixon und Michael Stein tatsächlich verwendeten, gilt ein Juno-6 als sehr wahrscheinlich. Gerade Stücke wie „Kids“ tragen genau jene schwebende, melancholische Klangästhetik in sich, für die die Juno-Serie berühmt wurde. Und bereits nach wenigen Minuten mit dem U-NO-LX wird deutlich: Patrick Kunz hat den Kultsound des Originals bemerkenswert präzise eingefangen.

Anders als viele komplexe Konkurrenten setzte Roland beim Juno auf ein erstaunlich simples Konzept: einfacher Aufbau, direkte Bedienung, sofort musikalische Ergebnisse. Der Synth verfügte lediglich über einen einzigen Oszillator pro Stimme, ergänzt durch einen Suboszillator, ein Filter und klassische Hüllkurven. Technisch betrachtet war das vergleichsweise überschaubar. Und dennoch entwickelte der Juno eine der markantesten Klangsignaturen der gesamten Synthesizer-Geschichte.

Der Grund dafür lag vor allem in zwei Dingen: seinem Filter – und seinem legendären Chorus. Der integrierte Stereo-Chorus war ursprünglich eher als zusätzlicher Effekt gedacht, entwickelte sich jedoch schnell zum eigentlichen Markenzeichen des Instruments. Sobald man ihn aktiviert, passiert etwas Magisches: Ein zunächst relativ einfacher Synth-Sound verwandelt sich plötzlich in eine breite, schwebende und beinahe cineastische Fläche. Genau dieser Effekt wurde zum Herzstück zahlloser Produktionen – von Synth-Pop über Ambient bis hin zu Filmmusik.

Und genau hier zeigt TAL seine große Stärke: Der Chorus des U-NO-LX klingt für meinen Geschmack erstaunlich nah am Original. Dieses leicht verrauschte, organische Schweben wurde extrem überzeugend getroffen.

Mit dem U-NO-LX hat TAL eine besonders akkurate Softwareversion des Juno geschaffen. Der Synth wurde anhand realer Hardware modelliert; Oszillatoren, Filter und Hüllkurven orientieren sich sehr eng am Verhalten des Originals. Besonders auffällig ist dabei, wie konsequent sich das Plugin am historischen Vorbild orientiert. Anders als viele moderne Softsynths versucht der U-NO-LX nicht, das ursprüngliche Konzept künstlich aufzublasen oder mit zahllosen Zusatzfeatures zu überladen. Hier geht es ausschließlich um den Sound.Und der überzeugt bis heute.

Pads wirken weich und schimmernd. Bässe besitzen überraschend viel Druck für einen Single-Oszillator-Synth. Leads haben jene subtile analoge Wärme, die selbst in modernen Produktionen sofort funktioniert. Gerade in Kombination mit dem Chorus entsteht ein Klangbild, das unmittelbar nach klassischem Analog-Synth klingt – und exakt versteht man, weshalb der Juno bis heute Kultstatus genießt.

Der U-NO-LX ist so fraglos eine der besten Emulationen dieses verdienten Klassikers. Eine puristische, klanglich extrem starke Hommage an einen der wichtigsten Synthesizer der 1980er-Jahre.

TAL J-8: Rolands majestätisches Flaggschiff

Credit Bild: © TAL
Wenn der Juno der pragmatische Allrounder der Roland-Welt war, dann war der Jupiter-8 ihr Luxusmodell. Der 1981 vorgestellte Synthesizer gehörte zu den leistungsfähigsten polyphonen Instrumenten seiner Zeit. Zwei Oszillatoren pro Stimme, umfangreiche Modulationsmöglichkeiten, Split- und Layer-Modi – der Jupiter-8 war eine regelrechte Klangmaschine. Und er klang entsprechend.

Während der Juno eher weich und atmosphärisch wirkt, besitzt der Jupiter eine deutlich größere klangliche Bandbreite: von massiven Brass-Sounds über aggressive Leads bis hin zu riesigen, komplexen Flächen. Der Jupiter-8 tauchte in den 1980ern praktisch überall auf. Synth-Pop, frühe elektronische Filmmusik, Progressive Rock – kaum ein Genre jener Zeit kam ohne diesen Synth aus. Sein Sound war groß, breit und präsent. Genau deshalb wurde er schnell zum Studiostandard vieler Produzenten.

Auch beim J-8 verfolgt TAL dieselbe Philosophie wie bereits beim U-NO-LX: möglichst authentische Nachbildung statt unnötiger Feature-Explosion.

Das Plugin basiert erneut auf einem realen Hardware-Gerät, dessen Verhalten möglichst exakt modelliert wurde. Zwei Oszillatoren, Crossmodulation, Filter, Hüllkurven und klassische Jupiter-Funktionen wurden sehr detailgetreu umgesetzt.Besonders interessant ist dabei die Kalibrierungssektion. Hier lassen sich Eigenschaften wie Filterverhalten, Resonanz oder Instabilitäten einzelner Stimmen verändern. Dadurch kann man den Sound entweder sauber und kontrolliert halten – oder bewusst stärker in jene leicht unperfekte Vintage-Richtung treiben, die viele Produzenten so lieben.

REACTOR DSP SPACE REACTOR Test: Legendäre Lexicon Reverbs als Plugin

Credit Bild: © Reactor DSP
Die Hall-Effekte der legendären Lexicon PCM 60, 70, 90 und MPX1-Geräte zählten zu den blinden Flecken eines Plugin-Marktes, der beinahe alles bereits mehrfach abgedeckt hat – bis jetzt. Mit dem Space Reactor legt die junge Plugin-Schmiede Reactor DSP nun eine Version jener ikonischen Reverb-Effekte vor, die man insbesondere als essenziellen Bestandteil für 80s-Rock-Sounds kennt. Tiled Room, Large Hall und Co. – klassische Räume, neu gedacht, mit geringer Latenz und niedriger CPU-Belastung. Doch wie authentisch klingt das Ganze? Die kurze Antwort: erstaunlich nah am Original bzw nicht zu unterscheiden. Die lange: Für cleane wie verzerrte Gitarrensounds der Achtziger ist dieser Effekt nicht nur hilfreich, sondern nahezu unerlässlich – so sehr, dass dieses Plugin durchaus das Potenzial hat, zum „Go-To“ und „Always-On“-Reverb zu avancieren.

Nachhall der Geschichte

Seinerzeit waren die Lexicon-Reverbs State of the Art – geradezu futuristisch. Heute erscheinen sie, rein technisch betrachtet, fast wie die Antithese zu modernen, hochauflösenden „Pristine Verbs“ . Und doch: Wirklich übertroffen wurden sie nie. Denn die Lexicon-Reverbs prägten den Sound einer ganzen Ära – und wer genau diesen Klang für eigene Produktionen rekonstruieren will, kommt an diesem spezifischen, ungemein musikalischen Reverb-Charakter nicht vorbei.JCM800, ein vorgeschalteter Super Overdrive, ein passendes Delay – und dahinter dieser typische Lexicon-Hall: Wer eine solche Kette kennt oder spielt, weiß, dass genau dieses Reverb das sprichwörtliche Tüpfelchen auf dem i ist. Das Icing auf dem Cake. Ohne diesen Hall fehlt etwas. ReactorDSP schließt hier eine Lücke – und liefert ein Plugin, das ohne große Einarbeitung „straight out of the box“ funktioniert. Kein langes Schrauben, keine verschachtelten Menüs. Stattdessen: Reverbs mit Charakter, mit Vibe, mit unmittelbarer musikalischer Verwendbarkeit.

Klangästhetik & Praxis: Zwischen Retro-Charme und moderner Effizienz

Hinter Reactor DSP stehen Software Entwickler  Heinrich Kollner und Metal Producer Lasse Lammert. Lammert ist bekannt für großartige Sounds, sein neues Plugin bildet da keine Ausnahme. Was sofort auffällt, ist die klangliche Kohärenz der Presets. Der berühmte Tiled Room klingt dicht, leicht körnig, mit genau jener räumlichen Signatur, die man aus zahllosen Produktionen kennt. Die Algorithmen arbeiten nicht steril, sondern bewusst mit einer gewissen Textur – ein Umstand, der insbesondere bei Gitarren und Drums für jene organische Einbettung sorgt, die viele moderne Reverbs vermissen lassen.

Ein weiteres Detail, das im Alltag schnell zum entscheidenden Faktor wird: Pre-computed Normalization. Jeder Preset-Wechsel erfolgt ohne Lautstärkesprünge. Kein Nachregeln, kein A/B-Chaos – stattdessen ein konsistenter Workflow, der den Fokus auf das Wesentliche lenkt: den Klang.

Entwicklung & Konzept: Vom Hardware-Frust zur Software-Lösung

Space Reactor ist kein generisches Reverb-Plugin, sondern das Resultat einer sehr konkreten Problemstellung. Ausgangspunkt war die Frustration von Produzent Lasse Lammert darüber, dass kein Plugin den Sound seiner bevorzugten Hardware-Presets wirklich überzeugend reproduzieren konnte – inklusive jener subtilen Stereo-Verschiebungen, die maßgeblich zur räumlichen Tiefe beitragen.

SYNAPSE AUDIO – OBSESSION Test: Oberklasse Oberheim

Credit Bild: © Synape Audio
Der Oberheim OB-Xa gehört zweifellos zu den ganz großen Klassikern der Synthesizer-Geschichte: brachiale Bässe, massive Pads und natürlich diese legendären Prince-Strings. Mit „Obsession“ bringt der Wiesbadener Software-Hersteller Synapse Audio einen virtuellen Synthesizer auf den Markt, der den Sound dieses klassischen analogen Poly-Synths beeindruckend authentisch in die moderne Musikproduktion überträgt.

Die Interpretation des ikonischen OB-Xa aus der Hand der Software-Schmiede Synapse Audio präsentiert sich stilvoll retro im Design und bemerkenswert authentisch im Klang. Die charakteristische Architektur und Soundästhetik des Originals wurden mit großer Detailtreue digital nachgebildet. Zwei Oszillatoren bilden die klangliche Grundlage, ergänzt durch ein umschaltbares Tiefpassfilter mit zwei oder vier Polen, zwei ADSR-Hüllkurven sowie zwei LFOs. Die Engine basiert auf einer modellierten Emulation analoger Schaltungen, um die typischen klanglichen Eigenschaften der historischen Hardware möglichst originalgetreu zu reproduzieren.

Jump!

Im Praxis-Test zeigt sich schnell, dass Synapse Audio hier alles andere als zu viel versprochen hat. Das berühmte Brass-Ensemble – einer der Signature-Sounds der Original-Hardware, etwa zu hören in Jump von Van Halen – wird unglaublich authentisch und mit diesem subtilen Synth-Brass-Growl reproduziert.30 Minuten später, nachdem man sich längst in diesem authentischen Eighties-Sound verloren hat, fällt einem plötzlich auf: Da gibt es noch viel mehr Presets zu entdecken. Extrem gute Strings, warme Pads und druckvolle Bässe sorgen ebenso für Begeisterung wie rhythmische Presets, die sofort Assoziationen an klassischen Synth-Pop hervorrufen.

Ein zentrales Merkmal von Obsession ist die Simulation individueller Stimmenkarten („Voice Boards“). Jede einzelne Stimme kann leichte Abweichungen bei Parametern wie Filter-Cutoff oder Hüllkurvenzeiten aufweisen. Genau diese minimalen Unterschiede erzeugen jene lebendige, organische Klangcharakteristik, die analoge Poly-Synthesizer bis heute so faszinierend macht.

Technisch bietet der virtuelle Synthesizer eine Engine mit wahlweise acht oder sechzehn Stimmen. Zusätzlich stehen verschiedene Spielmodi wie Single-, Dual- und Split-Konfigurationen zur Verfügung, mit denen mehrere Sounds kombiniert oder über unterschiedliche Tastaturbereiche verteilt werden können. Moderne Produktionsanforderungen berücksichtigt das Instrument zudem durch MPE-Unterstützung sowie die Integration in das Native-Kontrol-Standard-Ökosystem.

Obsessive Attention to Detail

Effektseitig liefert Synapse Audio absolute Spitzenklasse ab. Besonders hervorzuheben sind der fast schon vokalartige Hall – hier und da beinahe chorartig schimmernd – sowie der extrem fette Chorus, der vielen Sounds erst diese majestätische Breite verleiht. Manche Presets sorgen regelrecht für Gänsehaut.

U-HE ZEBRA LEGACY Test – Batflaps, Blockbuster & das ultimative Klanglabor

u-he Zebra 2 GUI
Credit Bild: © u-he
Es gibt diese seltenen Momente, in denen Klang nicht einfach nur gehört, sondern geradezu erlebt wird. Mein erster echter Kontakt mit dem Softsynth Zebra von u-he war genau so ein Moment – und er hatte nichts mit einem Plugin-Test oder einer Soundexploration im Homestudio zu tun. Ich stand in einem großen Recording-Studio, irgendwo zwischen Deadlines und Meetings. Die Engineers werkten an der SSL, überprüften Verkabelungen und forderten die Speaker mit dem Referenzmaterial-Soundtrack des Tages: Hans Zimmers Score für die Batman-Filme von Christopher Nolan.Dann passierte es. Diese pulsierenden, flirrenden, fast organischen Texturen von sich nähernden Flügelgeräuschen. Gänsehaut. Die legendären „Batflaps“. Diese Mischung aus Druck, Bewegung und emotionaler Wucht. Majestätisch, überlebensgroß hoben sich diese Sound-Schwingen über dichte Synth-Pads.Das Instrument hinter diesen Sounds: Zebra Synth – genauer gesagt die Hans-Zimmer-Version dieses Plugins der deutschen Softwareschmiede u-he.

Der Weg zum Soundtrack-Synth

Manche Software-Synthesizer versuchen, ein historisches Instrument möglichst exakt zu emulieren. Andere bauen ihre eigene Welt. Zebra gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.Seit seiner ersten Iteration entwickelte sich das Instrument zu einem der flexibelsten und eigenständigsten Softsynths überhaupt. Wer sich erstmals intensiver mit Zebra beschäftigt, merkt schnell, dass hier nicht die möglichst akkurate Nachbildung eines Minimoogs oder Jupiter-8 im Zentrum steht. Stattdessen versteht sich Zebra als eigenständige, offene Plattform für Klangdesign.Die Mischung aus modularer Architektur, außergewöhnlicher Klangqualität und enormer Flexibilität machte Zebra über Jahre hinweg zum Geheimfavoriten zahlloser Produzenten – insbesondere im Bereich Film-, Trailer- und Game-Musik. Und ja: Braaams zählen zu den Spezialgebieten des Zebra, ebenso wie bedrohlich klingende Pads und cineastische Drones. Spätestens seit Hans Zimmer und sein Sounddesign-Team Zebra intensiv für ihre Multimillionen-Produktionen einsetzten, wurde der Synth endgültig Teil der DNA zeitgenössischer Filmmusik.

Zimmer, Zebra, Zauber

u-he Zebra HZ GUI Hans Zimmer
Credit Bild: © u-he

Neben Zebra2 sowie zahllosen Soundsets ist in der Legacy Edition des Zebra auch die HZ-Version („Hans Zimmer“) dieses Synths enthalten.Die Geschichte dieses Software-Instruments beginnt nicht etwa als gewöhnliche Produktentwicklung, sondern mitten in der Welt moderner Hollywood-Filmmusik. Mitte der 2000er-Jahre arbeitete Hans Zimmer an den Scores zur Batman-Trilogie von Christopher Nolan – Klangwelten voller Druck, düsterer Atmosphäre und jener monumentalen Hybrid-Ästhetik zwischen Orchester und elektronischem Sounddesign, die wenig später ganze Generationen von Trailer- und Score-Komponisten prägen sollte.
Und manchmal existieren beide Zustände gleichzeitig innerhalb desselben Patches. Auf der Suche nach einem flexiblen Instrument für genau diese Art von Klanggestaltung stieß Zimmer auf den Zebra Synth von u-he. Was ursprünglich als Begeisterung für ein außergewöhnlich vielseitiges Plugin begann, entwickelte sich schnell zu einer engen Zusammenarbeit zwischen Zimmer, seinem Sounddesign-Team – insbesondere Howard Scarr – und Firmengründer Urs Heckmann selbst.

Zimmer war fasziniert davon, dass Zebra eben nicht versuchte, lediglich klassische Vintage-Synthesizer zu imitieren. Stattdessen bot das Instrument eine offene Architektur – genau das, was modernes Scoring benötigt. Im Verlauf der Arbeit an The Dark Knight und später The Dark Knight Rises entstand schließlich eine speziell angepasste Version des Synths: ZebraHZ. 

u-he integrierte zusätzliche Module, experimentelle Filter, neue Resonatoren, Dynamics-Prozessoren sowie Funktionen, die teilweise bereits frühe Vorboten des späteren Zebra3-Konzepts darstellten. Viele dieser Erweiterungen entstanden direkt aus Anforderungen, die Zimmer während der Score-Produktion formulierte. Genau hier entstanden jene legendären Klangtexturen, die man heute unmittelbar mit Nolans Batman-Ästhetik verbindet: die eingangs erwähnten pulsierenden „Batflaps“, düstere Hybrid-Drones, massive synthetische Brass-Sounds, sich ständig transformierende Pads und jene brachialen cineastischen Low-End-Strukturen, die später praktisch zum Standard moderner Trailer-Musik wurden.

2012 veröffentlichte u-he das Paket schließlich offiziell als „The Dark Zebra“. Enthalten waren nicht nur ZebraHZ selbst, sondern auch hunderte Presets von Hans Zimmer und Howard Scarr – darunter zahlreiche Sounds, die direkt aus den Batman-Scores stammten.

Seitdem besitzt Dark Zebra innerhalb der Sounddesign- und Filmkomponisten-Szene beinahe Kultstatus. Nicht nur wegen seines prominenten Einsatzes in Blockbuster-Produktionen, sondern weil das Instrument eindrucksvoll bewies, dass Software-Synthesizer längst dieselbe emotionale Größe, Komplexität und cineastische Wucht erreichen konnten wie gigantische Hardware-Setups.

Allerdings wäre es zu kurz gegriffen, Zebra ausschließlich auf Hans Zimmer zu reduzieren. Zwar kommt man kaum an dessen Einfluss vorbei – nicht als bloßes Namedropping, sondern weil Zimmer selbst immer wieder öffentlich betont hat, wie sehr er Zebra nach wie vor schätzt und wie oft er beim Arbeiten mit diesem Instrument neue Möglichkeiten entdeckt.Die eigentliche Stärke des Synths liegt darin, dass er genug Raum für völlig eigene Klangvorstellungen bietet.

SCUFFHAM S-GEAR Test: Plugin-Klassiker mit Boutique-Amp-Sound

Credit Bild: © Scuffham
Die Plugin-Suite Scuffham S-Gear zählt zu den älteren noch immer erhältlichen Versuchen ikonische Amp-Sounds zu digitalisieren und stammt aus einer Zeit, als das Prinzip Verstärker in ernstzunehmender Weise als Plugin zu emulieren noch relativ jung war. Ein Pionier-Plugin sozusagen, das seit seiner Einführung 2011 schon mehrere Iterationen und Updates durchlaufen hat und nach dem Prinzip "still going strong" nach wie vor upgedatet wird. Trotz dieses Veteranen-Status fliegt S-Gear etwas unter dem Radar, man liest und hört  – abseits von Insider-Zirkeln – verhältnismäßig wenig darüber.  Warum ist das so? Handelt es sich dabei mittlerweile eher um ein Legacy-Produkt oder doch um einen Sleeper-Star, der seiner Zeit weit voraus war und noch heute zu begeistern vermag und mit den aktuellen Platzhirschen mithalten kann? Let’s find out.

Mike Scuffham und die Rack-Ideologie

S-Gear ist das „Brainchild“ von Mike Scuffham – unter Kennern ein Name mit Gewicht. Bevor er unter eigenem Banner entwickelte, arbeitete er als Ingenieur bei Marshall und zeichnete unter anderem für das legendäre JMP-1 Rack-Modul verantwortlich. Das prägte fraglos auch das Kernkonzept und Layout von S-Gear – nicht nur, weil hier selbstredend ein digitaler Marshall-Style-Amp enthalten ist, sondern auch den Aufbau des gesamten Plugins: Denn S-Gear ist wie ein komplexes Rack-System modular konzipiert.

Dieser Ansatz setzt im Vergleich zu vielen Konkurrenzprodukten nicht auf maximalen Skeuomorphismus im Sinne von optisch bis ins Detail nachgebildeten Vintage-Amps, sondern folgt einer eigenen, funktionalen Logik, bei der man schmale Module aneinanderreihen und tauschen kann. Das Resultat ist ein Konzept, das sich deutlich von vielen Mitbewerbern unterscheidet, sich aber im Praxis-Workflow als nicht minder praktikabel erweist. 

Auch beim Herzstück von S-Gear, den Verstärkern wandelt Scuffham auf eigenen Wegen, geht es hier doch nicht um die möglichst exakte Modellierung eines spezifischen Amps, sondern vielmehr um eigenständige Interpretationen bewährter Klassiker von Fender bis Soldano. Die Amps kann man sich am besten als Hybride aus unterschiedlichen Referenz-Modellen vorstellen. Ein weiterer Punkt der S-Gear unique macht, zumal die hier vertretenen Verstärker klanglich allesamt erstklassig sind.

Die Amps im Detail: Archetypen statt Masse

Scuffham entwarf S-Gear als in sich abgeschlossenes, sprich „self-contained“, Ecosystem, das im Grunde alles enthält, was der Gitarrist braucht – zumindest jener Gitarrist mit einer gewissen Genre-Verortung. Doch dazu kommen wir noch. S-Gear ist eine All-in-One-Lösung, bei der von „Clean to Scream“, sprich vom unverzerrten Sound über Crunch-Tones hin zum vollverzerrten Solo- und Riff-Brett mit Effekten garniert, alles abgedeckt wird. Nur, dass das Scuffham-Konzept eines des Understatements und der bewussten Reduktion bzw. Besinnung aufs Wesentliche ist.So bietet dieses Plugin keine endlose Amp-Collection sondern eine kuratierte Auswahl – und genau das ist Teil des Konzepts. Jeder Amp markiert ein klar definiertes klangliches Terrain, ohne als reine Kopie aufzutreten. Was sofort auffällt: Gemein ist allen Modellen, dass sie extrem sensibel auf Anschlagdynamik und das Volume-Poti der Gitarre reagieren. Auch im kritischen "On the Edge of Breakup"-Bereich  – dort, wo der Ton gerade ins Overdrive kippt – zeigt S-Gear eine Qualität, die manch anderes Plugin vermissen lässt:extreme Nuancen.

Die Amps im Detail:

The Duke: "Robben Ford in a box" oder auch Scuffhams Interpretation des Dumble und Fender-Sound-Ideals. Der Tone Stack ist vom Super Reverb abgeleitet, kalifornische Clean und Overdrive-Klänge sind die Forte dieses amerikanisch-geprägten Amps.

Custom ’57: S-Gears „Tweed“ und eine der besten digitalen Versionen der berüchtigt schwer zu fassenden Sounds jener Amps mit dem charakterischen Bezug. Von Clapton-esquen Twin-Sounds zu brachialen Neil Young Proto-Grunge Exzessen ist hier alles möglich.

The Stealer: der "Marshall"-Style Amp, inspiriert von einem seltenen Park-Head, der Scuffham einst begeisterte. Äußerst flexibel und schafft es  Hendrix-artige Semi-Clean-Sounds ebenso gut abzubilden wie archetypische Britische Hard Rock Sounds. Nur wer hier einen José-modded Plexi oder Brown Sound erwartet wird etwas zu wenig Gain-Reserven vorfinden.

The Wayfarer: ein weiterer amerikanisch geprägter Amp, hier geht es ins Territorium getuneder Fender-Sounds. Der Wayfarer ist dabei so etwas wie das Schweizer Taschenmesser unter den Scuffham Amp-Sims, da er am drastischsten in seiner Klangformung ist (inkl. tiefgreifendem EQ, der an Mesa Boogie-Designs erinnert ). Im Grundcharakter erinnert das stark an die legendären Paul Rivera-modded Fenders (frühe Steve Lukather Sounds!). Damit ist S-Gear die einzige  Plugin-Suite, die diesem seltenen Klangideal nahekommt.

The Jackal: der heavieste unter den Scuffham-Amps, tight, fokussiert. Der lila Bezug macht klar dass hier u.a. der Soldano-SLO-100 Pate stand. Nun ist dies sicher nicht die authentischste aller SLO-Emulationen, aber der High Gain-Sound, der hier abrufbar ist, erweist sich beim Recording als recht wandlungsfähig.

Braucht man mehr als diese 5 Archetypen? Das kommt darauf an, in welchen Musikgenres man sich heimisch fühlt. Ebenso wie die Grundphilosophie von S-Gear nicht jeden erdenklichen Sound abdecken will, richten sich auch die Amps vor allem an Player, die auf Clean- und „On the Edge of Breakup“-Sounds stehen und Vintage-Distortion bevorzugen – also Gitarristen, die eher im Blues-, Country- und Roots-Rock-Bereich die Saiten zum Glühen bringen. Und in diesen Genres sind Dynamics bekanntlich King. Jene gibt es hier zuhauf, auch weil man anders als bei den vielen anderen Amp Sims, die jeweiligen Verstärker nicht nur via der Standard-EQ-Knöpfen tweaken kann, sondern bis ins Detail Parameter wie Presence und Sag einstellen kann. Die Amps, wie letztlich jedes einzelne Modul von S-Gear - entpuppen sich dabei als regelrechete Chamäleons. Sie reagieren zudem extrem sensibel auf Anschlagdynamik und das Volume-Poti. Dieses Verhalten fühlt sich organisch an. S-Gear entfaltet eine Dynamik, die viele „größere“ Suites vermissen lassen.Der Sound  lässt sich am treffendsten als dreidimensional beschreiben. S-Gear wirkt offener, unmittelbarer, näher am Gefühl eines lauten Boutique-Tube-Amps, der in einem guten Raum abgenommen wurde. Clean-Sounds perlen, Crunch hat Biss und Textur. Der Bereich Roots-Rock und Blues ist fraglos sein Metier. 

Donnerstag, 7. Mai 2026

EMPIRICAL LABS PARADYN Test – Dynamik trifft Präzision

Credit Bild: © Empirical Labs
EQs kann man bekanntlich nie zu viele haben. Und doch ist es sehr selten, dass ein neuer Kandidat in dieser Kategorie mehr ist als bloße Variation eines längst etablierten Konzepts. Wenn also ein Produkt wie ParaDyn von Empirical Labs (ELI) released wird, könnte man zunächst lapidar feststellen: just another EQ. Wer sich jedoch näher mit diesem Plug-in auseinandersetzt, merkt schnell, dass diese Einschätzung in diesem Fall deutlich zu kurz greift.

Denn ParaDyn macht einiges anders als die unüberschaubare Schar anderer EQs. Was hier auf den ersten Blick wie ein klassischer parametrischer Vierband-EQ erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als deutlich ambitionierteres Werkzeug. Empirical Labs erweitert mit ParaDyn das vertraute Konzept eines EQs um eine dynamische Dimension, die weit über das hinausgeht, was man gemeinhin unter einem „Dynamic EQ“ subsumiert.

Vier Sektionen, ein Konzept

Im Kern basiert ParaDyn auf vier parametrischen EQ-Sektionen, die klanglich klar in der Tradition des hauseigenen BIG FrEQ stehen. Das bedeutet: musikalische Eingriffe, präzise Filter und – nicht unwichtig – die Möglichkeit, mit charakteristischen Flat-Top-Bandformen zu arbeiten, die insbesondere bei breiteren Eingriffen ihre Stärken ausspielen.

Die eigentliche Besonderheit verbirgt sich jedoch in den Sektionen „1“ und „4“. Hier integriert Empirical Labs jeweils vollwertige DYN-Module, die den EQ in eine hybride Klangbearbeitungszentrale verwandeln. Diese Module sind nicht bloß Add-ons, sondern zentraler Bestandteil des Konzepts: Sie eröffnen eine Form der dynamischen Kontrolle über Frequenzbereiche, die man so bislang nur von deutlich komplexeren oder fragmentierten Setups kannte.

Dyn EQ, Masking und Kompression – ein modulares System

ParaDyn lässt sich zunächst ganz klassisch im Dyn-EQ-Mode betreiben. Frequenzen werden also abhängig vom Eingangssignal dynamisch angehoben oder abgesenkt – ein vertrautes Prinzip, das hier jedoch durch die typische ELI-Signature ergänzt wird: ein Timbre, das nie steril wirkt. Spannender wird es im Dyn-Mask-Mode. Hier analysiert das Plug-in das umgebende Frequenzmaterial und reagiert kontextsensitiv. Vereinfacht gesagt: Wenn eine Ziel-Frequenz ohnehin bereits von anderen Signalanteilen maskiert wird, greift die Dynamik weniger stark ein. Das Ergebnis ist ein natürlicheres, intelligenteres Verhalten – funktional nicht unähnlich zu ELIs DerrEsser-Hardware, jedoch hier deutlich flexibler implementiert.

Als wäre das nicht schon ausreichend, lässt sich jedes dieser DYN-Module zusätzlich in einen Compress-Mode versetzen. In diesem Modus wird das jeweilige Band in zwei unabhängige Bereiche aufgeteilt und fungiert faktisch als vollwertiger Kompressor. Damit mutiert ParaDyn beinahe zu einem modularen Channel-Strip, bei dem EQ und Dynamikbearbeitung nicht nur koexistieren, sondern intelligent ineinandergreifen.

Workflow & GUI – vertraut, aber erweitert

Optisch orientiert sich ParaDyn klar am BIG FrEQ. Das ist eine kluge Entscheidung, denn wer bereits mit diesem Plug-in gearbeitet hat, findet sich sofort zurecht. Die Oberfläche wirkt aufgeräumt, funktional und verzichtet trotz der beachtlichen Feature-Dichte unter der Haube auf unnötigen Ballast.Gerade im praktischen Einsatz zeigt sich die Stärke dieses Designs: Unterstützt wird das Ganze durch eine sinnvoll kuratierte Auswahl an Factory-Presets, die nicht nur als Ausgangspunkt dienen, sondern auch das konzeptionelle Potenzial des Plug-ins demonstrieren.

Mittwoch, 29. April 2026

ERIC CLAPTON 1974: Bilder eines Künstlers am Wendepunkt

Credit Bild: © 6strings24frames / C.Larsen & Sons Book Publishing
1974 stand Mr. Slowhand Eric Clapton im wahrsten Sinne des Wortes an den Crossroads. Nicht zum ersten Mal in seinem Leben und auch nicht das letzte Mal – doch jenes Jahr markierte für den Mann, den man ob seiner Fähigkeiten an der Gitarre einst „God“ nannte, einen entscheidenden Scheideweg.

Es ist genau dieser Moment der Neuverortung, den der vorliegende Bildband in den Fokus rückt – und zwar mittels eines beeindruckend dichten visuellen Archivs. Ausgangspunkt bildet ein bislang unveröffentlichter Fundus von über 2700 Fotografien des New Yorker Fotografen Tony De Nonno, der Claptons Rückkehr ins Rampenlicht nach einer langen Phase des Rückzugs und überstandener Heroin-Sucht mit der Kamera begleitete. Was dabei entsteht, ist weniger eine klassische Rückschau als vielmehr eine Art visuelles Logbuch eines Jahres, das sich konsequent jeder simplen Dramaturgie entzieht.Denn 1974 ist hier nicht bloß das Jahr von „461 Ocean Boulevard“, nicht nur die Geschichte einer neuen Band oder einer erfolgreichen Welttournee. Es ist ein Jahr des Dazwischen. Zwischen Rückzug und Rückkehr, zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, zwischen jener alten Virtuosität und einem neuen, bewusst reduzierten musikalischen Ansatz. Die Sessions in den Criteria Studios in Miami, die Proben, die Konzerte – all das wird nicht isoliert abgehandelt, sondern als Teil eines fortlaufenden Prozesses sichtbar gemacht.

Ein besonderer Reiz liegt in der Auswahl der Motive. Die rund 20 dokumentierten Shows der „461 Ocean Boulevard“-Tour liefern zwar jene Live-Momente, die man erwarten würde – doch der eigentliche Mehrwert entsteht in den unspektakulären Bildern: Backstage-Situationen, beiläufige Augenblicke, Momente der Konzentration oder Erschöpfung. Es sind genau diese Zwischentöne, die Clapton hier weniger als entrückte Ikone erscheinen lassen, sondern als jemanden, der sich erst wieder in seine eigene Rolle einfinden muss.

Dass neben De Nonno auch Fotografen wie Michael Putland, Ron Pownall oder Watt Casey ihre Archive geöffnet haben, erweitert die Perspektive zusätzlich. Unterschiedliche Blickwinkel, unterschiedliche ästhetische Ansätze – und daraus resultierend ein vielschichtiges Gesamtbild. Ergänzt wird das visuelle Material durch Beiträge von Yvonne Elliman, die nicht nur als Zeitzeugin fungiert, sondern selbst Teil dieser musikalischen Phase war.

Formal präsentiert sich der Band als hochwertig produziertes Objekt, die Bücher von Publisher Christan Larsen sind stets persönliche Passion-Projects: 272 Seiten im großzügigen Format, gedruckt auf schwerem Arctic Volume White Papier, gebunden in von den Farben Miamis inspiriertes Brillanta-Leinen mit Siebdruck-Cover. Mehr als 250 Fotografien – in Farbe und Schwarzweiß, größtenteils unveröffentlicht – unterstreichen den Anspruch, hier nicht bloß ein weiteres „Coffee Table Book“, sondern ein ernstzunehmendes Archiv vorzulegen.

FUSE AUDIO LABS TUBE LAB Test: Flexibler Vintage-Channelstrip mit echtem Röhrencharakter

FUSE AUDIO TUBE LAB GUI
Credit Bild: © Fuse Audio Labs
Es ist eine jener Konstanten in der Welt der Audio-Plugins, dass die Sehnsucht nach analogem Klang nie wirklich verschwunden ist – im Gegenteil: Je digitaler die Produktionsumgebungen werden, desto größer das Bedürfnis nach organischer Imperfektion, nach harmonischer Sättigung, nach jenem schwer greifbaren „Glue“, der Tracks zusammenhält. Genau hier setzt das Düsseldorfer Boutique-Developer-Team von Fuse Audio Labs mit seinem neuesten Release an: Tube Lab, ein Channelstrip-Plugin, das sich ganz bewusst der Klangästhetik klassischer Röhrenhardware verschreibt – und diese gleichzeitig in ein modernes, flexibel konfigurierbares Workflow-Konzept überführt.

Bereits auf den ersten Blick wird klar, dass es sich hier nicht um eine simple Emulation eines einzelnen Geräts handelt. Vielmehr verfolgt Tube Lab einen modularen Ansatz: Preamp, Equalizer und Kompressor sind nicht in eine starre Signalkette gezwängt, sondern lassen sich frei anordnen – sowohl visuell als auch im tatsächlichen Signalfluss. Dieses Detail mag auf dem Papier unscheinbar wirken, ist jedoch ein erfrischend neuer Ansatz und entpuppt sich in der Praxis als einer der entscheidenden Faktoren, die aus einem klassischen Channelstrip, wie man in von zahllosen anderen Herstellern auch kennt, ein regelrechtes Klanglabor machen.

Röhrenvielfalt & Klangformung – das Herzstück des Plugins

Im Zentrum steht die Tube Amplifier-Sektion, die mit einer Auswahl klassischer Röhrentypen aufwartet: 12AT7, 12AU7, 12AX7, 6DJ8 und 12DW7. Tube Amp-Cracks wissen: jede dieser Varianten bringt ihre ureigene Charakteristik mit – von subtil bis hin zu aggressiverem Overdrive. Es obliegt dem Nutzer, ob er lediglich einen Hauch von analoger Färbung hinzufügen oder das Signal bewusst in die Sättigung treiben möchte. Klanglich klinen sowohl homöopathische Einstellungen als auch extremere Settings gleichermaßen gut.

Ergänzt wird dieser Bereich durch einen dreibandigen Baxandall-EQ, der weniger chirurgisch als vielmehr musikalisch arbeitet. Keine überanalytischen Eingriffe, sondern breite, wohlklingende Anpassungen – genau so, wie man es von klassischen Analogdesigns erwartet. Mehr Hören und Fühlen ist hier die Devise, denn beim Retro-Equipment können selbst vermeintlich unorthodoxe Einstellungen manchmal die ersten Resultate ergeben. Der dritte Baustein im Bunde ist der Optical Leveler, ein optischer Kompressor mit Classic- und Modern-Modus sowie optionaler AGC-Funktion. Die Dynamikbearbeitung erfolgt entsprechend geschmeidig und unaufdringlich, ideal für Signale, die eher geführt als kontrolliert werden sollen.

Workflow & Anwendung

Was Tube Lab besonders auszeichnet, ist seine Vielseitigkeit im praktischen Einsatz. Ob Vocals, Bass, Gitarren, Drums oder Keys– überall dort, wo harmonische Dichte und Gewicht gefragt sind, spielt dieses Plugin seine Stärken aus. Dabei reicht die Bandbreite von kaum wahrnehmbarer Veredelung bis hin zu deutlich hörbarer Sättigung mit markantem Charakter.

Dienstag, 28. April 2026

MERCURIALL TWEED Amps Test: 50 Shades of Tweed


Der Tweed Bass von Mercuriall
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© Mercuriall Audio Software
Es gibt in der Geschichte der elektrifizierten Musik ein paar Klangsignaturen, die sich  tief in das kollektive Hörgedächtnis eingeschrieben haben. Der sogenannte „Tweed Sound“ ist fraglos einer davon. Gemeint ist damit eine unverwechselbare, archaische klangästhetische Idee. Die charakteristischen, mit Tweed-Stoff bezogenen Verstärker die diesem Sound ihren Namen gaben, kamen aus dem Hause Fender und wurden rasch zu mehr als bloßen Arbeitsgeräten: Sie avancierten zu stilprägenden Werkzeugen einer ganzen Ära. 

Was diesen Sound bis heute so faszinierend macht, ist seine inhärente Ambivalenz. Er ist zugleich warm und rau, weich komprimierend und doch durchsetzungsfähig, transparent und dennoch von einer prägnanten Verzerrung durchzogen. Anders als spätere High-Gain-Konzepte oder klinisch-saubere Clean-Amps lebt der Tweed Sound von seinen Übergängen – von genau jenen Grauzonen zwischen Clean und Overdrive, in denen sich Oberton an Oberton reiht und das Signal eine organische Kohärenz entwickelt. Hinzu kommt eine ausgeprägte Dynamiksensibilität. Tweed-Amps reagieren nicht nur auf das gespielte Material, sondern auf die Art und Weise, wie es gespielt wird. Anschlagsstärke, Artikulation, selbst minimale Nuancen in der Phrasierung – all das wird hörbar übersetzt. Diese Direktheit macht sie bis heute zu einem bevorzugten Werkzeug für Musiker, die Ausdruck über Perfektion stellen.

Die Herausforderung Tweed

Gerade das macht es allerdings auch äußerst schwer den Tweed Sound digital adäquat abzubilden, ist kein Geheimnis. Gerade die subtilen Übergänge, die dynamische Ansprache und die nichtlinearen Sättigungsprozesse stellen Modeling-Ansätze vor besondere Herausforderungen. Mit dem Tweed Bass und  Tweed Blues haben die Entwickler von Mercuriall ihre eigene Interpretation veröffenlicht. Mercuriall begegnet diesem Problem mit seiner etablierten Neural Hybrid Engine v3.0. Statt lediglich das klangliche Resultat zu approximieren, wird der Verstärker auf Ebene seines Verhaltens modelliert: Schaltungsinteraktionen, dynamische Abhängigkeiten und nichtlineare Prozesse werden rekonstruiert, nicht bloß simuliert. Die entscheidende Frage bleibt dennoch: Wie überzeugend gelingt die Übersetzung dieses organischen, schwer greifbaren Klangideals in die digitale Domäne? Genau hier setzen die beiden Tweed-Modelle an.

Tweed Bass 

Den Anfang macht einer der ikonischsten Vertreter der Tweed-Ära: der Bassman. Ursprünglich als Verstärker für Bass konzipiert, entdeckten Gitarristen schnell sein eigentliches Potenzial. Cranked, also weit aufgerissen, entwickelt der Amp jene charakteristische, leicht körnige Verzerrung, die bis heute als Blaupause für Blues- und Roots-Sounds gilt.Mit dem Mercuriall Tweed Bass wird genau diese klangliche DNA in ein modernes Plugin-Format übertragen – und bleibt dabei bemerkenswert nah am Original.

Hier steht der musikalische Sweet Spot im Zentrum. Der Ton ist rund, warm und von jener typischen Tweed-Kompression geprägt, die Transienten sanft glättet und dem Signal eine fast bandmaschinenartige Kohärenz verleiht.Ein oft unterschätzter Faktor bei Amp-Simulationen ist das Spielgefühl. Hier zeigt sich einmal mehr die Stärke von Mercurialls Ansatz: Der Tweed Bass reagiert sensibel auf Anschlagsdynamik. Leichtes Spiel bleibt clean und transparent, während härtere Attacke organisch in Sättigung übergeht. Gerade für Genres wie Blues, Soul oder Classic Rock, in denen Ausdruck über technischer Perfektion steht, erweist sich diese Dynamik als entscheidender Vorteil.

MERCURIALL 1987X SG Test: Modifizierter Mythos

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Klassische Marshall-Amps sind einer jener seltenen Fälle, in denen ein technisches Gerät, in diesem Falle ein Amp, zur kulturellen Ikone wurde. Was ursprünglich als britische Antwort auf amerikanische Verstärkerkonzepte begann, entwickelte sich binnen weniger Jahre zum klanglichen Epizentrum der Rockmusik. Die Amplifier aus dem englischen Bletchley definierten nicht nur einen Sound, sondern ein spezielles Spielgefühl und sind untrennbar mit der Entwicklung und Ausdifferenzierung der Rockmusik in ihre zahllosen Subgenres verbunden. Doch die Geschichte endet nicht beim Original. Im Gegenteil: Marshalls wurden rasch zur Leinwand: modifiziert, erweitert und individualisiert. In Werkstätten und Garagen entstanden Varianten, die mehr Gain, tighteres Low-End, fokussiertere Mitten lieferten. An genau diesem Punkt setzt die russische Pluginschmiede Mercuriall mit ihrem 1987X SG Amp an.

 Mercuriall & die Kunst des Modellings

Seit der Gründung verfolgt das Unternehmen einen Ansatz, der sich bewusst von vielen klassischen Modeling-Strategien absetzt. Statt sich lediglich dem klanglichen Endergebnis anzunähern, geht es hier um die Rekonstruktion der einzelnen Amp-Komponenten selbst. Konkret bedeutet das: Modelliert wird nicht nur der Sound, sondern das Verhalten des Verstärkers auf Ebene des elektrischen Schaltkreises. Nichtlineare Prozesse innerhalb der Verstärkerstufen, das Zusammenspiel einzelner Komponenten, die Abhängigkeit von Eingangspegel und Reglerstellungen – all das fließt in die Simulation ein.  Die frühen Versionen dieser Modelle waren entsprechend rechenintensiv. Der Versuch, analoge Schaltungen möglichst tiefgehend digital abzubilden, führte zwangsläufig zu komplexen Berechnungen. Mit der Zeit wurden diese Methoden jedoch effizienter, ohne die Grundidee aufzugeben. Das Resultat ist die heutige Neural-Hybrid-Technologie, die klassische Schaltungsmodellierung mit optimierten, teilweise neuronalen Verfahren kombiniert.Die zugrunde liegende Philosophie bleibt dabei bemerkenswert konstant: Guter Sound entsteht nicht durch das Kopieren eines Ergebnisses, sondern durch das Verständnis des Mechanismus, der dieses Ergebnis hervorbringt.

Ampbox – ein ganzes Ökosystem

Eingebettet wird das Endergebnis dieses diffizielen Prozesses – der digitale Amp selbst –  in Mercurialls Ampbox-Ökosystem – eine modulare Plattform, die als flexible Arbeitsumgebung konzipiert ist. Es ist ein System, das sich individuell erweitern und konfigurieren lässt. Amps, Cabinets und Effekte greifen ineinander und lassen sich signalflussmäßig frei kombinieren. Gerade im Kontext moderner Produktionsumgebungen ist das ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Ampbox fungiert als digitales Pendant zu einem physischen Rig – nur ohne dessen logistische Limitierungen. Von der Tubescreamer-Varianten über Super-Overdrive hin zu diversen Studioeffekten und EQs ist hier alles enthalten was man braucht. Und das alles in bestechender Qualität, auch wenn im Bereich von Delays und Reverb dezidierte Plugins nicht unbedingt ersetzt werden, Besonders sticht allerdings der Micro Pitch Shift hervor. Inspiriert vom legendären Eventide H3000 (Preset #231), liefert dieses Stereo-Tool genau jene subtilen Detunings und räumlichen Verbreiterungen, die seit Jahrzehnten zahllose Gitarrensounds definieren und anders als bei den meisten anderen Plugin Suites ist dieser Effekt integraler Bestandteil des Ampbox-Systems.

Ole’ José

Zurück zum Amp . Um in der schieren Masse an Marshall-Emulationen herauszustechen, braucht es mehr als nur Authentizität. Letztere liefert diese Marshall-Interpretation zwar fraglos, doch das ist längst nicht alles. Der entscheidende Unterschied beim Mercuriall 1987X SG liegt in seiner spezifischen Ausrichtung: Es handelt sich nicht um eine bloße irgendeinen beliebigen Amps eines modifizierten 1987X – konkret eines zweikanaligen Marshalls, der den russischen Gitarristen Sergey Golovin im Stil der legendären José-Arredondo-Mods überarbeitet wurde. Damit ist dieser digitale Amp zwar nicht das einzige Plugin, das doctored Marshall-Sounds bietet- er ist jedoch der einzige der explizit die José-Schaltung nachstellt.

ORCHESTRAL TOOLS SPECTRUM Bundle Test – Libraries für Klangkosmopoliten

Orchestral Tools Spectrum Bundle
Credit Bild: © Orchestral Tools
Die Integration globaler Instrumente, hybrider Texturen und kulturübergreifender Sound-Ästhetiken in einen orchestralen (Filmmusik)-Kontext auch abseits von Period Pieces ist fraglos einer der Trends moderner Filmmusik. Genau an dieser Schnittstelle positioniert sich das Spectrum Bundle von Orchestral Tools – ein ambitioniertes, in Zusammenarbeit mit dem britischen Komponisten Richard Harvey entstandenes Projekt, das sich nicht weniger vorgenommen hat, als die klangliche Palette moderner Scores entscheidend zu erweitern.

Harvey, selbst ein musikalischer Kosmopolit mit Wurzeln in der klassischen Musiktradition und einer Karriere zwischen Kollaborationen mit Größen wie Paul McCartney, John Williams und Hans Zimmer sowie eigenen Film- und Fernsehprojekten, bringt hier nicht nur seine Expertise, sondern vor allem ein tiefes Verständnis für instrumentale Authentizität und kulturelle Kontexte ein. Das Ergebnis ist kein bloßes Sammelsurium exotischer Klangquellen, sondern eine kuratierte, dramaturgisch durchdachte Library, die ihre Stärken vor allem im narrativen Einsatz im Scoring entfaltet.

Musikalische Reisen ohne Klischees

Das Spectrum Bundle selbst vereint mehrere spezialisierte Collections von Orchestral Tools, die jeweils einen eigenen geografischen, kulturellen oder klangästhetischen Fokus setzen – von fernöstlicher Orchestertradition bis hin zu archaischen Saiteninstrumenten.

Wer bei einem derartigen Konzept vorschnell an folkloristische Versatzstücke oder austauschbare „World Music“-Klischees denkt, wird schnell eines Besseren belehrt. Die Instrumente und Klangfarben dieses Bundles werden nicht als exotische Effekte behandelt, sondern als integrale Bestandteile eines modernen Scoring-Ansatzes. Von südost-asiatischen Holz- und Blechbläsern bis hin zu seltenen perkussiven Klangkörpern entfaltet sich ein Spektrum, das weit über geografische oder stilistische Grenzen hinausgeht. Dabei gelingt es diesem Bundle, jene feine Balance zu halten, die in diesem Bereich entscheidend ist: Authentizität und Vielseitigkeit ohne Beliebigkeit. Gerade im Kontext zeitgenössischer Film- und Serienproduktionen, in denen eben kulturelle Hybridität längst zur musikalischen Norm geworden ist, erweist sich diese Herangehensweise als äußerst zeitgemäß. Die Klänge fügen sich organisch in orchestrale wie auch elektronische Arrangements ein – oder auch in einem Rock-Kontext, doch dazu später mehr.

Grenzenlose Klangvielfalt

Aufgenommen wurde – wie bei Orchestral Tools üblich – auf höchstem Niveau, mit einem Detailgrad, der selbst im dichtesten Arrangement noch Differenzierung zulässt. Mehrere Mikrofonpositionen und eine Vielzahl an authentischen artikulatorischen Nuancen sorgen dafür, dass die Instrumente nicht nur realistisch klingen, sondern sich auch flexibel in unterschiedliche Produktionskontexte integrieren lassen.

Die sechs im Bundle enthaltenen Libraries im Detail:

Lyra – Himmlisch & ätherisch

Obwohl Spectrum tatsächlich klanglich um den Globus reist, beginnen wir mit der jüngsten, erst kürzlich releasten Collection – und die führt uns nach Westeuropa. Lyra zelebriert die sphärische Magie der schwingenden (offenen) Saite – vom feingliedrigen Harfenklang bis zur Zither als kulturellem Resonanzkörper europäischer Musiktraditionen. Die Library versammelt elf ausgewählte Zupfinstrumente aus dem westlichen Instrumentarium und macht sie zu solistischen Charakterstimmen innerhalb zeitgenössischer Kompositionen. Da lässt sich fraglos auch trefflich auf den Spuren von Anton Karas wandeln. „Der dritte Mann“ ? Auf jeden Fall, Lyra ist aber hier fraglos erste Wahl für authentische Klänge in diesem Bereich.

Phoenix Orchestra – Das fernöstliche Gegenstück zum klassischen Orchester

Mit Phoenix Orchestra öffnet sich das Tor nach Ostasien – genauer gesagt in die Klangwelt einer traditionellen chinesischen Orchesterbesetzung, die hier in bemerkenswerter Tiefe und Detailtreue umgesetzt wurde. 21 Solo-Instrumente, Ensemble-Patches und klar definierte Orchestersektionen (Streicher, Bläser, Percussion, Zupfinstrumente) bilden ein Setup, das sich zwar an der Logik westlicher Orchesterlibraries orientiert und dennoch eine völlig andere Klangsprache spricht. Instrumente wie Erhu, Guzheng oder Sheng liefern jene charakteristischen Klangfarben, die man gerade für historische Filmszenen oder auch Dokus brauchen kann. Diese frischen Timbres bilden eine regelrechte Spielwiese fürs eigene Sounddesign, das einen Orchester-Arbeit gewissermaßen neu entdecken lässt. Enstanden ist diese Collection in Zusammenarbeit mit Henry Gregson-Williams (Shrek, Spy Game, Prometheus) und Richard Hawley. Man merkt dies vor allem darin wie instant-filmisch sie klingt, Gregson-Willams war auch für denn Score des 2020er Live Action-Adaption von Mulan verantwortlich, dementsprechend hochkarätig klingt das Ganze dann auch.

Andea – Intime Klangräume und fragile Texturen

Während Phoenix Orchestra in orchestralen Dimensionen denkt, operiert Andea deutlich intimer. Hier geht es weniger um große Gesten als um feine, oft beinahe kammermusikalische Nuancen. Flöten, Percussion und diverse ZupfInstrumente wie 8-saitige Ukulele oder einen Harfe aus Paraguay stehen im Zentrum dieser Collection – oft mit einem Fokus auf fragile Klangverläufe, die sich besonders für atmosphärische Underscores oder minimalistische Kompositionen eignen. Andea ist damit ein subtiler Texturgeber, der sich ideal in hybride Arrangements einfügt und damit wohl zu den vielseitigsten Libraries dieser abwechslungsreichen Collection zählt.

Dienstag, 21. April 2026

TWO NOTES GENOME SUITE Test: Die DNA des guten Tons

Two Notes Genome Suite GUI Interface am Laptop
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Die Konzeption und Zusammenstellung eines richtig erstklassigen Gitarren-Rigs ist fraglos eine Kunst für sich – und war bis vor gar nicht allzu langer Zeit ein äußerst schwieriges, bisweilen fast unmögliches Unterfangen. Kleinere Amps und Setups klangen meist kraftlos und eindimensional, Digitallösungen wirkten oft wie ein lebloser Abklatsch des angestrebten analogen Sounds. Heute ist das längst anders. Trotz der durchaus gerechtfertigten Glorifizierung von Vintage-Sounds und Röhren-Fetischismus leben wir right now wahrlich in einem goldenen Zeitalter erstklassiger digitaler Gitarrensounds. Amp-, Effekt- und Lautsprecher-Simulationen sind längst mehr als salonfähig geworden – mehr noch, sie sind aus modernem Recording nicht mehr wegzudenken und haben eine Qualität erreicht, bei der Software praktisch nicht mehr von analogen Sounds zu unterscheiden ist und häufig das Zentrum des gesamten Setups bildet.

Entsprechend heiß umkämpft und mittlerweile gesättigt ist der Plugin-Markt – in diesem Umfeld noch echte Begeisterung hervorzurufen, ist schwierig. Der renommierte französische Hersteller Two Notes, bekannt für seine Lautsprecher-Simulations-Soft- und Hardware, versucht es dennoch und wirft mit der komplexen Plugin-Suite Genome seinen Hut in den Ring – und das nicht halbherzig. Denn der Anspruch, der hier verfolgt wird, ist ebenso groß wie überaus ambitioniert.

Genome soll nicht weniger als eine umfassende All-in-One-Lösung für Gitarristen (und Bassisten) sein, mit der die gesamte Signalkette abgedeckt wird – und die mit Expansion Packs sowie künftigen Updates kontinuierlich erweitert wird. Während die meisten Amp-Sims eine klar umrissene Aufgabe erfüllen – ein Genre, ein paar Amps, ein paar Effekte – und andere Komplettlösungen nicht selten „jack of all trades, but master of none“ sind, hat Two Notes einen anderen Weg gewählt: nicht nur ein einzelnes Glied der Signalkette abzubilden, sondern dem Player ein gesamtes Ökosystem zur Verfügung zu stellen – genreübergreifend. Von Pedals über Amps, hauseigene DynIRs, Studio-Effekte bis hin zu Postproduktions-Tools.

Der Versuch, alles zu vereinen – kann so etwas gelingen? Finden wir es heraus.

The Theory of Everything

Credit Bild: © Two Notes Audio Engineering
Beim ersten Start des Programms begrüßt den User der Screen „Loading Your Dream Rig“. Ein selbstbewusster Claim – denn wie dieses Dream Rig aussieht, variiert stark von Gitarrist zu Gitarrist sowie von Genre zu Genre. Der Blueser braucht ein völlig anderes Setup als der Metal-Spieler, der Classic-Rocker andere Amps als der moderne Pop-Gitarrist. Genome macht hier (und insbesondere mit den jüngsten Updates, die die Flotte an verfügbaren Amps und Effekten drastisch erweitert haben) keine halben Sachen.Von vergleichsweise simplen „Straight-in-the-Amp“-Setups bis hin zu komplexen Dual-Amp-Rigs mit Studioeffekten ist hier alles möglich. Die Architektur folgt einer klaren Logik: Preamp, Poweramp, Pedals, Cabinet, Studio FX – alles ist vorhanden, alles ist kombinierbar, alles lässt sich flexibel neu anordnen. Und hier zeigt sich schon: Genome ist alles andere als generisch.

Im übersichtlichen Interface kann man sich seinen eigenen Signalstrang aus unterschiedlichen Komponenten zusammenstellen. Die klanglichen DNA-Experimente können dabei durchaus „Jurassic Park“-artige Dimensionen erreichen. Denn Multi-Amp-Setups sind bei Genome kein Problem. Zehn Slots stehen dabei unmittelbar zur Verfügung. Zudem kann man das Signal stereo splitten – was die Anzahl der Klangformungs-Slots effektiv verdoppelt. Gerade die optionalen Dual-Lanes eröffnen Möglichkeiten, die über Standard-Amp-Setups hinausgehen – etwa für Layering, Stereo-Designs oder komplexe Hybrid-Sounds.

Amps, Amps, Amps

Credit Bild: © Two Notes Audio Engineering

Credit Bild: © Two Notes Audio Engineering

Credit Bild: © Two Notes Audio Engineering
Die meisten Anbieter liefern heute überzeugende Amp-Modelle – am Ende ist es Geschmackssache, und es kommt auf Details an. Denn wie im Spitzensport, wo Millisekunden entscheiden, ist auch beim Amp Modeling der Punkt erreicht, an dem es nur noch um Qualitätsunterschiede im Mikrobereich geht. Genome ist hier fraglos eine jener Lösungen, die das gewisse Etwas haben und zu den Eigenständigeren am Markt zählen.

Vom ultracleanen California-Modell über britische Rock-Standards bis hin zum US-High-Gain-Monster ist alles vertreten. So weit, so konventionell. Das Spezielle an Genome ist jedoch, dass es Klasse und Masse vereint. Neben den üblichen Verdächtigen – Blackface-, Clean- und britische Plexi-/JCM-inspirierte Sounds – gibt es auch speziellere und seltenere Modelle, alle optisch äußerst ansprechend umgesetzt.Die schiere Anzahl ist schlichtweg beeindruckend – hier gibt’s nicht nur einen Plexi-Style-Amp, sondern gleich mehrere Varianten, ebenso wie etwa einen Super Bass oder auch eine digitale Interpretation des Marshall Astoria. Auch Metal-Fans kommen auf ihre Kosten: So ist etwa eine Version von Ola Englunds Satan-Amp vertreten sowie eine Reihe von Mesa-Amps. Hinzu kommen Eigenkreationen von Amps, die so nicht außerhalb von Genome existieren – und einfach großartig sind.

CROW HILL COMPANY MARSHAL BRASS Test – Blechbläser für cineastische Storyteller

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EXT. NIEMANDSLAND – TAG

Ein grauer Himmel hängt schwer über einer zerfurchten Landschaft. Schlamm. Rauch. Stille.

Eine einzelne Figur stapft durch das zerstörte Terrain. Jeder Schritt mühsam. Um sie herum: gefallene Kameraden, zerborstene Fahrzeuge, zerschlagenes Kriegsgerät – Relikte eines Moments, der eben noch nach Pathos verlangte und nun in sich zusammengefallen ist.

Kein Triumph. Kein Sieg.

Aus der Ferne – kaum greifbar – erhebt sich ein Klangfragment.
Eine sich langsam aufbauende Brass-Melodie.Kein strahlendes Signal. Keine Fanfare, Kein Ruf zum Angriff. Kein Echo jener goldglänzenden Heldenbilder. Stattdessen: eine fahrige, beinahe brüchige Melodie.
Mehr Frage als Antwort.

So könnte ein Drehbuch-Entwurf für einen Anti-Kriegsfilm lauten. Und für das Scoring eines solchen Moment braucht es keine Standard Brass-Library, die noch einmal das alte Korngold-Ideal reproduziert. Keine intergalaktischen John Williams-Fanfaren, keine auf Hochglanz poliere  Bläser-Section. Etwas Erdigeres. Etwas, das nicht glänzt, sondern Down and dirty. Enter: Marshal Brass. Eine Library, die wie gemacht ist für genau solche Momente.

Im Westen nichts Neues?

Brass-Libraries sind generell eine schwierige Sache. Es gibt schon sehr viele, und oftmals kann ein erstes Anspielen etwas underwhelming sein – viel Neues gibt es nicht zu entdecken. Marshal Brass ist hier eine wohltuende Abwechslung, die sich bewusst von anderen Libraries unterscheidet. Einerseits durch das gesampelte Ensemble aus Flügelhorn und drei Euphonien anstelle der klassischen Trompeten & Co., andererseits durch den Ton und das Timbre, die diese Library ausmachen – Klänge, die Assoziationen wecken, Bilder evozieren und letztlich jene unsichtbare Brücke zwischen Ton und Emotion schlagen, die gerade im Kontext von Filmmusik essenziell ist.

Mit Marshal Brass liefert The Crow Hill Company ein Instrument, das sich klar von gängigen Konventionen absetzt. Im Zentrum steht ein Ensemble, das in dieser Form bislang kaum in Sample-Libraries abgebildet wurde: ein Flügelhorn, flankiert von drei Euphonien. Eine Besetzung, die sich bewusst der ikonischen Strahlkraft von Hörnern und Trompeten entzieht und stattdessen eine andere, weniger eindeutig kodierte Klangfarbe kultiviert. Das Resultat ist ein Sound, der sich irgendwo zwischen Melancholie, Resignation und leiser Erhabenheit bewegt – weniger „Call to Arms“, mehr „Aftermath“ einer Schlacht.

All das hat natürlich den Filmmusik-Komponisten im Hinterkopf, und für genau diese Gruppe ist diese Library fraglos eine der reizvollsten Brass-Veröffentlichungen der letzten Zeit.

Wege zum Ruhm

Gerade im filmischen Kontext entfaltet diese Klangästhetik ihre volle Wirkung. Wo klassische Brass-Sections oft den großen Gestus bedienen – Pathos, Triumph, heroische Überhöhung – operiert Marshal Brass in einem deutlich ambivalenteren emotionalen Spektrum. Es ist der Sound von Erinnerung, von Verlust, von gebrochener Tapferkeit.

Man denkt unweigerlich an jene Momente im Film, in denen nicht der Sieg im Vordergrund steht, sondern der Preis, der dafür bezahlt wurde. Die Entscheidung, auf die übliche klangliche Eindeutigkeit zu verzichten, erweist sich dabei als größte Stärke dieser Library.

Klanglich bewegt sich das Instrumentarium auf einem bemerkenswert hohen Niveau. Die leicht instabile Intonation der Euphonien – im klassischen Orchesterkontext oft als Schwäche wahrgenommen – wird hier bewusst als stilistisches Mittel eingesetzt. Im Ensemble entsteht dadurch eine organische, beinahe atmende Textur, die sich deutlich von der klinischen Perfektion vieler moderner Libraries abhebt. Das Flügelhorn wiederum bringt eine gewisse Wehmut ins Spiel, eine zurückgenommene Lyrik, die weniger signalhaft wirkt als vielmehr erzählerisch. Der Sound ist nicht auf maximale Durchsetzungskraft getrimmt, sondern auf emotionale Glaubwürdigkeit.