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Die Scary Season ist
wieder da. Das verrät nicht nur ein Blick auf den Kalender, sondern auch die
alljährliche Horror-Offensive der Streaming-Anbieter und Kinos. Halloween naht.
Und damit jene Jahreszeit, in der selbst ansonsten ausgesprochen gemütliche
Wohnzimmer plötzlich zum Schauplatz unheimlicher Aktivitäten werden, besessene
Kinder ihr Unwesen treiben und Menschen trotz sämtlicher Warnzeichen unbedingt
noch einmal allein in den Wald gehen müssen. Natürlich mitten in der Nacht. Und
vorzugsweise mit einem Handy, dessen Akku spätestens beim ersten verdächtigen
Geräusch den Geist aufgibt.
Die alptraumhaften
Bilder und blutigen Grand-Guignol-Einfälle des Genres sind dabei das eine. Doch
was wäre all das ohne den passenden Soundtrack? Ein Schatten an der Wand ist
zunächst einmal nur ein Schatten. Erst ein kaum wahrnehmbares Dröhnen, ein
verstimmtes Kinderlied oder ein dissonanter Streichercluster machen daraus
jenen Moment, in dem man sich unwillkürlich etwas tiefer in den Sessel drückt.
Alfred Hitchcock soll
den Anteil von Bernard Herrmanns Musik an der Wirkung des ersten „Psycho“ einmal
ziemlich konkret beziffert haben: „Thirty-three percent of the effect of Psycho
was due to the music.“ Ausgerechnet die berühmte Duschszene hatte der Regisseur
ursprünglich ohne Musik vorgesehen, ehe Herrmann ihn überzeugen konnte. Eine
Entscheidung, für die nicht nur Generationen von Filmkomponisten dankbar sein
dürften. Man stelle sich umgekehrt John Carpenters „Halloween“ ohne die drohende
Präsenz der Synthesizer vor. Die Vorstadt wäre vermutlich immer noch kein
besonders sicherer Ort. Aber sie würde deutlich weniger nach unmittelbar
bevorstehendem Unheil aussehen. Oder vielmehr: klingen.
Kaum ein anderes
Filmgenre versteht es also so meisterhaft, mit unseren Erwartungen, Urängsten
und vor allem unserer Fantasie zu spielen. Und die Musik ist dabei weit mehr
als bloß atmosphärisches Beiwerk. Sie kündigt Unheil an, lange bevor es
sichtbar wird, lässt vermeintlich harmlose Situationen bedrohlich erscheinen
und sorgt mitunter dafür, dass uns selbst bei ausgeschaltetem Fernseher noch
ein kalter Schauer über den Rücken läuft.
Moderne Scores haben
für dieses Unbehagen ein beträchtliches Vokabular entwickelt. Zu Nackenhaar aufstellenden Themen,
Dissonanzen und Crescendi kommen Texturen, fragile Übergänge und hybride
Klangwelten, die sich während des Hörens verändern. Für Komponisten werden
damit auch Instrumente interessant, deren Material bereits Bewegung,
Instabilität und innere Unruhe mitbringt. Für Filmkomponisten
ist das ein ebenso reizvolles wie anspruchsvolles Betätigungsfeld, denn hier
darf die Musik auch einmal sämtliche Konventionen über Bord werfen. Und wer
sich auf die Suche nach den passenden Klängen begibt, findet mittlerweile eine
ganze Reihe von Sample Libraries, die eigens dafür geschaffen wurden, das
Fürchten zu vertonen.
Ein paar der besten und unheimlichsten in diesem Segment kommen aus Deutschland, genauer gesagt von Orchestral Tools, die mit ebenso ungewöhnlichen wie vielfältigen Libraries quasi die ganze Klaviatur des Entsetzens bespielen.
Natürlich bietet keine
dieser Libraries „Cheap Thrills“. Wir sitzen hier schließlich nicht in
der günstigsten Mitternachtsvorstellung eines heruntergekommenen
Grindhouse-Kinos, sondern im gediegenen Arthouse-Theater bei der exklusiven
Galapremiere eines A24-Streifens. Entsprechend tief muss man für diese
Premium-Libraries in die Tasche greifen. Spannender als die Frage nach dem
Eintrittspreis ist allerdings, wie viel Angst und Schrecken sich mit ihnen
tatsächlich verbreiten lässt – und dies sei ganz ohne Spoiler schon jetzt
verraten: Auf der klinischen Hamilton-Angstskala bewegen sich alle im eher
ungesunden Bereich, was in Sachen Horror-Scoring mehr als erstrebenswert ist.
HEDDAL – Wenn der Wald zurückflüstert
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| Credit Bild:© Orchestral Tools |
Den Anfang macht eine
Collection, deren Aufnahmeort bereits einen ziemlich brauchbaren Ausgangspunkt
für einen Folk-Horror-Film liefern würde. Denn im Wald, da sind die Räuber –
und vermutlich noch ganz andere Dinge. Heddal wurde in der gleichnamigen norwegischen
Stabkirche aufgenommen. Der Sage nach war an deren Errichtung ein Troll namens
Finn beteiligt, der das Bauwerk innerhalb von drei Tagen fertigstellen sollte.
Der Preis für seine Arbeit fiel allerdings etwas ungewöhnlicher aus als die
Rechnung eines örtlichen Handwerksbetriebs. Sonne und Mond oder Menschenblut
standen unter anderem zur Diskussion. Man ahnt: Die Vertragsbedingungen sollte
man hier besser vollständig lesen.Als gedanklicher
Hintergrund für eine Library mit nordischer Klangidentität funktioniert diese
Sage jedenfalls ausgezeichnet. Zum Instrumentarium gehören nordische Exoten wie anderem Nyckelharpa,
Tagelharpa und Hardangerfiedel, außerdem Kantele, Langeleik, Seljefløyte
und Bukkehorn. Solistische Farben treffen auf ungewöhnlich zusammengestellte
Ensembles; zu den Spielweisen zählen unregelmäßige Tremoli,
Biegungen, flüsternde und aleatorische Texturen. Eine zusätzliche
Sounddesign-Ebene verarbeitet das Ausgangsmaterial etwa durch Umkehrung, Tape-
beziehungsweise Cassette-Bearbeitung, Synthese und Resonatoren.
Schon diese Auswahl
eröffnet einen ganz anderen Zugang als eine klassische Horror-Streicher-Library.
Hier führt der Weg ins Unheimliche über eine musikalische Landschaft, in der
etwas Altes und nur halb Vertrautes gegenwärtig bleibt. Holz, SYnth-Sounds und gestrichene
Saiten können zunächst enorme Nähe herstellen – und genau dadurch irritieren,
sobald ihre Bewegungen plötzlich nicht mehr ganz natürlich erscheinen.
Gedanklich ist man
schnell beim Folk Horror à la Robert Eggers oder bei der trügerischen
Helligkeit von Midsommar, wo das Grauen bekanntlich keinen finsteren
Keller benötigt. Manchmal reichen ein sonniger Tag, ein freundliches Lächeln
und das unterschwellige Gefühl, dass alle anderen längst etwas wissen, was
einem selbst noch niemand erklärt hat.
Heddals Konzept wirft
entsprechend interessante Fragen auf: Wie lässt sich eine Landschaft
musikalisch beleben? Wie bekommt eine Tradition einen bedrohlichen Unterton?
Und wann kippt ein zunächst schöner Klang ins Befremdliche?
Die Vorstellung von
Schwärmen, Moornebel und einem verwunschenen Norden passt hier wesentlich
besser als der nächste möglichst gigantische Braaam. Für solche Bilder braucht
es keineswegs zwingend plakative Sounds. Eine unstete musikalische Textur kann
dem Zuhörer durchaus einreden, dass sich zwischen den Bäumen etwas bewegt –
obwohl auf der Leinwand noch kein einziges Monster zu sehen ist.
Heddal verspricht
deshalb vor allem dort interessante Möglichkeiten, wo Schönheit und
Bedrohung miteinander verbunden werden sollen. Ein einzelnes fragiles Motiv
kann dabei mehr leisten als das komplette Ensemble im Dauerbetrieb.
Und dann besitzt diese
Library tatsächlich Sounds, wie ich sie in dieser Form noch in keiner anderen VI-Collection gehört habe: Orchestral Tools hat hier allen Ernstes Geräusche
des Moors spielbar gemacht. Was zunächst fast nach einem Gag klingt, fügt
sich erstaunlich schlüssig in das Konzept. Denn gerade diese diffuse Mischung
aus Naturgeräusch, Textur und musikalischem Material verwischt die Grenze
zwischen Score und Sounddesign auf eine Weise, die für Horror enorm ergiebig
ist. Wenn man irgendwann nicht mehr sicher sagen kann, ob das gerade ein
Instrument, Wind, Wasser oder etwas Lebendiges war, hat die Library ihre
Aufgabe bereits ziemlich gut erfüllt.
KORVEN – Angstmaschine ohne Ausschaltknopf
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| Credit Bild:© Orchestral Tools |
Mark Korven zählt zu den profiliertesten und
eigenwilligsten Stimmen des zeitgenössischen Horrorfilms. Mit seinen
Soundtracks zu The VVitch, The Lighthouse,The Black Phone oder Them hat sich der kanadische Komponist einen festen Platz im Genre erspielt und
dabei eindrucksvoll bewiesen, dass es nicht immer eines ausgewachsenen
Orchesters bedarf, um dem Publikum das Fürchten zu lehren. Seine Spezialität
sind ungewöhnliche Klangfarben, verstörende Texturen und eine musikalische
Sprache, die sich häufig irgendwo zwischen Musik, Sounddesign und akustischem
Albtraum bewegt. Wer könnte also besser geeignet sein, einer ausdrücklich für
Horror-Scoring konzipierten Sample Library seinen klanglichen Stempel
aufzudrücken?
Seine gemeinsam mit
Orchestral Tools entwickelte Signature-Collection zählt entsprechend zu den
stärksten und unheimlichsten Libraries dieses Feldes. 622 spielbare
Instrumente und Patches stehen zur Verfügung, darunter zahlreiche
geschichtete und aufwendig bearbeitete Klanggebilde. Eine zentrale Rolle spielt
Korvens eigene Apprehension Engine – jenes akustische Spezialinstrument, dessen
Name bereits ziemlich unmissverständlich erklärt, wofür es gebaut wurde.
Korvens Filmmusik
interessiert sich häufig für das Unbehagen, das entsteht, wenn Klang seine
vertraute Funktion verliert. Etwas wird gestrichen, angeregt, gekratzt oder in
Schwingung versetzt – aber die akustische Ursache bleibt für den Zuhörer
undeutlich.Für Horror ist das
eine ziemlich ergiebige Ausgangslage. Ein sauber identifizierbarer
Synthesizer-Sound lässt sich mental rasch einsortieren. Ein Geräusch, das
irgendwo zwischen Instrument, Tierlaut, Insektenschwarm und beschädigter
Mechanik liegt, beschäftigt das Ohr wesentlich länger. Gerade diese fehlende
Zuordenbarkeit erzeugt Unruhe: Der Klang ist hörbar real, aber seine Ursache
bleibt außerhalb des Bildes.
Besonders interessant
ist in diesem Zusammenhang die Kategorie Orchestral Metamorphosis. Hier
lassen sich Klangschichten per Modulationsrad ineinander überblenden. Korven
empfiehlt zudem ausdrücklich einen erkundenden Umgang mit dem Material; ein
erheblicher Teil der Patches ist überhaupt nicht dafür gedacht, auf klassische
Weise Melodien abzuspielen.
Alptraumhafte Noises oder von Verwesung zeugende Insekten-Sounds betreten auch im VI-bereich durchaus Neuland. Wer also eine traditionelle Orchester-Library mit Sound-Effekten erwartet, in
der jede Artikulation einer klar umrissenen musikalischen Aufgabe dient, muss umdenken. Hier geht es oft um kontrolliertes Chaos. Ein langer, eigenwilliger Klangverlauf ist hier bereits ein kleines
dramaturgisches Ereignis. Seine Entwicklung muss zur Szene passen – und darf
möglicherweise auch einmal ganz bewusst gegen sie arbeiten.
Dabei kann gerade ein
zurückhaltend eingesetztes Detail besonders wirkungsvoll sein. Ein Kratzen am
Rand der Wahrnehmung. Ein fast organisch wirkendes Schwirren wie ein
unsichtbarer Insektenschwarm. Ein Übergang, bei dem ein vertrauter Klang
allmählich durch etwas Fremdes ersetzt wird. Eine Bewegung, deren Ende man
nicht vorhersehen kann.
Korven ist ein
ausgesprochen eigenständiges Werkzeug für alle, die das Fürchten vertonen
möchten. Der Reiz liegt dabei in den dramaturgischen Möglichkeiten: Ein Klang
kann zunächst nur leise am vermeintlichen Frieden einer Szene kratzen, sich
allmählich in den Vordergrund drängen und schließlich das gesamte Geschehen
bestimmen. Gerade für diese Entwicklung von unterschwelligem Unbehagen zu
handfester Bedrohung liefert die Library ein charaktervolles Instrumentarium,
das zu eigenen musikalischen Ideen einlädt.
Damit ist Korven eine
reizvolle Bereicherung für den Scoring-Alltag – besonders dort, wo Musik und
Sounddesign gemeinsam eine Atmosphäre schaffen sollen, die den Zuschauer auch
nach dem Abspann noch beschäftigt. Wenn der nächste Horrorfilm bereits vor
seinem ersten sichtbaren Schrecken unter die Haut gehen soll, ist dieses
Instrument eine ausgesprochen gute Besetzung.
Diese Library eignet sich besonders für Musiker, die das Unberechenbare
selbst komponieren wollen. Und deshalb gehört sie
für mich auch ganz klar zu meinen liebsten Libraries in diesem Bereich.
DRONES – Der Schrecken bleibt einfach stehen
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| Credit Bild:© Orchestral Tools |
Nicht jede Bedrohung
kommt näher. Manche ist bereits da. Im Raum. Im Boden. Im Kopf. Drones, entwickelt mit Alexander Hacke,
beschäftigt sich genau mit solchen anhaltenden Klangzuständen. Dass Hacke unter
anderem mit den Einstürzenden Neubauten verbunden ist, vermittelt bereits eine
gewisse Vorstellung davon, in welche Richtung diese Library geht.Die Collection bietet
lange, überwiegend chromatisch spielbare Drones in unterschiedlichen
Intensitäten. Zu den Ausgangs-Sounds gehören unter anderem
Gitarren mit E-Bow beziehungsweise Feedback, Synthesizer, tiefe Streicher,
Posaunen, Männerchor, Drehleier, Tanpura und E-Bow-Piano. Neben ausgearbeiteten
Klanggebilden stehen auch einzelne Bausteine zur Verfügung, die sich für eigene
Kombinationen nutzen lassen. Mit Arkanum kam zudem eine Erweiterung mit
33 von Hacke selbst gestalteten Sounds hinzu.
Der Name Drones
könnte zunächst eine etwas undankbare Erwartung wecken: Taste drücken, düsterer
Dauerton, fertig ist das Suspense-Underscore. Drone vermag dies beipsilhaft - kann jedoch noch mehr.
Das wäre dramaturgisch
allerdings ziemlich kurz gedacht. Ein anhaltender Ton verändert die Wahrnehmung
der Zeit. Er kann einer Szene einen Boden geben, unter dem etwas
weiterarbeitet, während die Figuren scheinbar vollkommen gewöhnliche Dinge tun.
Sobald dieser Boden instabil wird, verändert sich auch das Bild darüber.David Lynchs Eraserhead
ist für diese Denkweise ein naheliegender filmischer Bezugspunkt. Dort gehört
das akustische Unbehagen zur Welt selbst. Man wartet nicht nur auf ein
Ereignis; bereits die Umgebung scheint sich permanent in einem Zustand zu
befinden, in dem etwas grundsätzlich nicht stimmt.
Fürs Scoring ergibt
sich daraus eine reizvolle Aufgabe: Wie viel Bewegung braucht ein scheinbar
stehender Klang? Ein kleiner Wechsel der Gewichtung kann bereits genügen. Ein
zweiter Ton kann aus einer neutralen Fläche plötzlich eine Reibung machen. Und
das Ende einer Drone kann mindestens so bedeutungsvoll sein wie ihr Beginn.
Ein dichter, lang
gehaltener Klang beansprucht allerdings Platz – musikalisch ebenso wie im Mix.
Unter Dialog, Geräuschen und weiteren Instrumenten kann aus bedrohlicher
Präsenz schnell eine permanente akustische Überfüllung werden. Dann bleibt dem
Zuhörer kaum noch Gelegenheit, einzelne Veränderungen überhaupt als bedeutsam
wahrzunehmen.
Die Möglichkeit,
eigene Schichten zusammenzustellen, ist hier deshalb konzeptionell besonders
wertvoll. Sie erlaubt wesentlich gezieltere Entscheidungen über Register,
Dichte und Funktion, als es eine ausschließlich fertig arrangierte Atmosphäre
tun würde.Drones eignet sich
damit ideal für jene Szenen, in denen man die Gefahr noch nicht zeigen möchte,
ihre Anwesenheit aber bereits spürbar machen will. Der Komponist muss dabei nur
den Mut behalten, den Klang irgendwann auch wieder zurückzunehmen.
Und von allen hier
vorgestellten Libraries ist Drones vielleicht jene, die am wenigsten
ausschließlich an Horror gebunden bleibt. Dieselben Flächen und Texturen, die
unter einem verstörenden Film funktionieren, können ebenso in zeitgenössischer
Pop-, Rock-, Industrial- oder Ambient-Produktion ihren Platz finden.
Gitarrenfeedback, E-Bows, Stimmen und organische Schichten besitzen schließlich
eine musikalische Existenz weit jenseits des nächsten Exorzismus.
Das macht die
Collection besonders interessant: Sie ist im Horror zuhause, aber keineswegs
darin gefangen.
GRIMM – Es war einmal....
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| Credit Bild:© Orchestral Tools |
Die Brüder Grimm
sind beliebt, berühmt – und je nach Märchen auch ein klein wenig berüchtigt.
Wer sich nur an die weichgespülten Versionen mancher Kinderbuchausgabe
erinnert, vergisst leicht, wie finster, brutal und stellenweise erstaunlich
wenig jugendfrei die ursprünglichen Geschichten sein konnten. Für den einen
oder anderen Klassiker hätte man bei konsequenter Umsetzung vermutlich durchaus
über eine FSK 16 diskutieren können.Das Genre Grimdark wiederum ist im modernen Bücherregal längst eine feste Größe. Dark Fantasy, Königreiche
sind korrumpiert, Helden moralisch zumindest diskussionswürdig und der Wald ist
grundsätzlich kein Ort, an dem man unbeaufsichtigt spazieren gehen sollte.
Genau in beide
Richtungen schielt die Orchestral-Tools-Library Grimm. Sie kann sich in
einem Game of Thrones-artigen Fantasy-Universum ebenso zuhause fühlen
wie in einem modernen, progressiven Horrormärchen, bei dem man der vermeintlich
guten Fee besser nicht sofort vertrauen sollte.
Mit Grimm
wenden sich Orchestral Tools und das Komponistenkollektiv Bleeding Fingers
Music einer Klangwelt zu, die historische Instrumente mit zeitgenössischem
Scoring verbindet. Die Collection setzt auf sechs kleine, jeweils dreiköpfige
Ensembles. Zum Instrumentarium gehören unter anderem Tagelharpa, Lauten,
Drehleier, historische Posaunen, Flöten und Streicher; melodische, texturale
und aleatorische Spielweisen werden durch bearbeitete Klänge ergänzt.
Im offiziellen
Entstehungsbericht wird deutlich, dass das historische Material bewusst
ziemlich unhistorisch behandelt wurde. Bei einzelnen Flötenaufnahmen entfernte
man beispielsweise die Mundstücke, um andere Luft- und Geräuschanteile
hervorzubringen. Auch die Verbindung alter Instrumente mit einer raueren,
teilweise vom Rock beeinflussten Ästhetik gehörte zum Konzept.
Für einen Gitarristen wie mich ist das ein ausgesprochen sympathischer Ansatz. Historische Klangquellen müssen
schließlich nicht automatisch höfisch korrekt und mit ehrfürchtig gesenktem
Blick präsentiert werden. Auch eine Drehleier darf etwas zu sagen haben, das
sich nicht für das nächste Burgfest eignet.
Die kleinen Ensembles
sind dabei eine besonders interessante Entscheidung. Ein riesiger orchestraler
Apparat kann Bedrohung monumental machen. Eine überschaubare Gruppe von
Spielern vermittelt dagegen viel eher den Eindruck, dass hier tatsächlich
Menschen gemeinsam etwas ausführen. Die Musik wirkt dadurch näher,
unmittelbarer – und mitunter eben auch unangenehm nah.
Die Verbindung zu Heddal
ist naheliegend. Beide Collections arbeiten mit Instrumenten, deren
kulturelle beziehungsweise historische Herkunft unsere Wahrnehmung entscheidend
beeinflusst. Heddal zeichnet stärker eine nordische Landschaft; Grimm öffnet
dagegen eine breitere, historisch inspirierte Fantasiewelt die dreckig und richtig unheimlich klingen kann.
Als dramaturgische
Farbe bleibt Grimm ausgesprochen reizvoll: für düstere Märchen,
beschädigte Königreiche, heidnische unheimliche Rituale und Geschichten, in denen hinter
dem vermeintlich Vertrauten etwas wesentlich Älteres lauert.Also hört gut zu, ihr
lieben Kinder, es war einmal. Ob man danach noch
ruhig schläft, ist eine andere Frage.
SPLINTER – Wenn die Idylle Risse bekommt
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| Credit Bild:© Orchestral Tools |
: Es muss nicht immer
das typische Horror-Instrumentarium zwischen musikalischem Insektenschwirren à
la Korven und zombieartigen Moorgeräuschen aus Heddal sein, um beim Zuschauer
beziehungsweise Zuhörer den kalten Schweiß ausbrechen zu lassen.Manchmal ist das
wesentlich Unheimlichere ein Klang, den man eigentlich kennt – der sich nur
plötzlich falsch verhält.Genau aus dieser
Reibung zieht Splinter einen beträchtlichen Teil seines Reizes.
Vertrautes trifft auf Fremdes, akustische Instrumente geraten aus ihrer
vorgesehenen Rolle und ein scheinbar normales Kammerensemble entwickelt langsam
Eigenschaften, bei denen man lieber nicht mehr allzu genau nachfragen möchte. Willkommen in der Kammer
der peculiar sounds.