 |
| Credit Bild: © Sven Doornkaat |
Es war ein geradezu erhebendes
Gefühl, als ich zum ersten Mal bei den Aufnahmen einer String Section in einem professionellen
Studio dabei war: die Bögen setzten an, die ersten Töne erfüllten den Raum,
einzelne Instrumente verschmolzen zu einem einzigen gewaltigen Klangkörper. Wer
selbst an Filmmusik oder orchestralen Produktionen arbeitet, kommt dabei
unweigerlich ins Träumen: Wie wäre es wohl, nicht bloß Beobachter zu sein,
sondern selbst ganz vorne zu stehen und die eigene musikalische Vision an ein
Ensemble von Weltklasse-Musikern weiterzugeben und sie zu dirigieren?
Genau dieser Idee hat
sich die ultra-umfangreiche und enorm ambitionierte String-Library Benjamin Wallfisch Strings aus dem Hause Orchestral Tools verschrieben.
Sie möchte nicht weniger, als das Gefühl vermitteln, mitten vor einer
lebendigen, atmenden Streichersektion zu stehen und deren Ausdruckskraft
unmittelbar unter den eigenen Fingerspitzen zu haben. Ob dieses Versprechen
tatsächlich eingelöst wird und ob man sich hier kompromisslos dem Klang eines
echten Filmmusik-Ensembles annähert, finden wir im folgenden Review heraus.
Ein Star
zeitgenössischer Filmmusik
Um zu verstehen, warum
diese Library so klingt wie sie klingt, lohnt ein Blick auf den Mann dahinter. Benjamin
Wallfisch zählt fraglos zu den Superstars der modernen Filmmusikszene. Seine Soundtracks,
etwa für „Blade Runner 2049" in Zusammenarbeit mit Hans Zimmer oder auch „Alien:Romulus“,
gehören zum Besten, was das moderne Scoring zu bieten hat. Dabei ist Benjamin
Wallfisch ein Meister vieler Sparten: einerseits klassisch ausgebildet am
Orchester, andererseits aber auch im Umgang mit elektronischen Klängen
versiert. Diesen dezidiert nicht nur klassischen Approach merkt man auch bei
dieser String-Library.
Wallfisch – geboren
1979, aufgewachsen in einer durch und durch musikalischen Familie, mit
Musikereltern und einem Pianisten-Großvater– ist kein gewöhnlicher
Filmkomponist. Mit fünf Jahren begann er Klavier zu spielen, mit sechs zu
komponieren. Später absolvierte er die Guildhall School of Music und die Royal
Academy of Music in London, bevor ihn Mentoren wie Dario Marianelli und
schließlich Hans Zimmer in ihre Umlaufbahn zogen. Wallfischs klassische
Frühjahre – mit Dirigaten vor der BBC Symphony Orchestra, dem London Symphony
Orchestra und der Philharmonia – schärften ein orchestrales Gespür, das sich in
jedem seiner Filmscores manifestiert.
Was folgte, ist moderne
Kinogeschichte. Die Kollaboration mit Hans Zimmer für „Hidden Figures"
brachte eine Golden Globe-Nominierung, „Blade Runner 2049" Grammy- und
BAFTA-Nominierungen, „IT" machte ihn zu einer der ersten Adresse für
Horror-Scoring schlechthin. Seither hat Wallfisch an über achtzig Spielfilmen
mitgewirkt. Eines seiner jüngsten Werk, der Score zur HBO-Prequel-Serie „IT:
Welcome to Derry", unterstrich einmal mehr seine unheimliche Fähigkeit, mittels
Streicher akustische Jump Scares zu fabrizieren – Haare im Nacken inklusive.
Doch Wallfisch ist,
und das ist entscheidend für das Verständnis dieser Library, kein reiner
Orchestral-Traditionalist. Sein Ansatz verbindet klassische Akkuratesse mit dem
Ohr eines Sounddesigners, der keine Berührungsängste mit elektronischen
Texturen kennt. In seinem Homestudio steht der Vintage Synthesizer nicht weit
vom Piano entfernt. Exakt diese Hybrididentität hat er nun in einem
Sample-Library-Duo kodiert.
Das Yin & Yang:
Strings und Stringscapes als komplementäres Duo
 |
| Credit Bild: © Orchestral Tools |
Orchestral Tools und
Wallfisch liefern hier ein Duo, das gerade in seiner Komplementarität seine
wahre Stärke entfaltet. Benjamin Wallfisch Strings (BWS) ist die klassische
Seite: cineastische Ensemble- und Divisi-Aufnahmen, konzipiert als direkter
Zugang zur Welt der Cinematic-Streicher. Stringscapes by Benjamin Wallfisch ist
das dunkle Gegenstück – ein Arsenal aus orchestralen Streichertexturen und
-effekten, das sich irgendwo zwischen zeitgenössischem Sounddesign und dem
klanglichen Alptraumkabinett eines Bernard Herrmann sowie klassischer
Horror-Soundtracks bewegt.
Benjamin Wallfisch
Strings
 |
| Credit Bild: © Orchestral Tools |
Das Ziel war es für
Wallfisch, eine möglichst realistische, natürliche und organisch klingende
String-Library zu erschaffen, bei der man sich so fühlt, als würde man direkt
vor einer professionellen String-Section stehen. Nachdem ich diese Library nun
einige Wochen getestet habe, kann ich konstatieren: Dies ist vollends geglückt.
Aufgenommen wurde das
gesamte Projekt auf der Hauptbühne der Teldex Studios in Berlin – jener
legendären Scoring Stage, auf der Orchestral Tools auch ihre Berlin Series, die
Metropolis Ark Series und zahlreiche weitere Flaggschiffe eingespielt hat. Die
Besetzung: 14 erste Violinen, 12 zweite Violinen (mit eigens anders besetzten
Spielern), 10 Violen, 10 Celli und sechs Kontrabässe. Eine vollwertige,
professionelle Streicherbesetzung – keine Kompromisslösung.
Für diese Library
braucht man allerdings einen leistungsstarken Computer. In meinem Praxistest
funktionierte das Laden von der internen Festplatte meines Laptops wesentlich
flüssiger als von einer externen SSD. Allerdings lassen sich Mikrofonpositionen
zusammenführen, um CPU-Leistung zu sparen, und außerdem können einzelne
Elemente sowie Mic-Positionen gezielt installiert werden. Das schont das
System.Mit meinen 32 GB RAM, einer 1-TB-Festplatte und einem Intel-i9-Prozessor
hatte ich jedenfalls keinerlei Probleme.
Ein zentrales
konzeptionelles Statement dieser Library ist die konsequente Abkehr von
Sample-Loops für lange Töne. Wallfisch, der immer wieder die Lücke zwischen
realen Orchesteraufnahmen und Sample-Libraries beklagte, ließ die Spieler ihre
Sustains 23 bis 25 Sekunden lang halten – ein Ansatz, der den natürlichen Atem
der Instrumente bewahrt und dem Ergebnis eine organische Lebendigkeit verleiht,
die loop-basierte Bibliotheken schlicht nicht replizieren können. Ein
radikaler, konsequenter Entscheid, der hörbar Früchte trägt.
Das resultierende
Timbre erinnert gleichzeitig an Angelo Badalamentis melancholische Klangwelten
und die eiskalte Eleganz von „Basic Instinct“, wirkt dabei messerscharf und
verweist zugleich auf ein zeitgenössisches, hybrides Klangvokabular, das
Bernard Herrmann wohl mit Begeisterung adaptiert hätte, wäre er in der Ära
moderner Elektronik aufgewachsen. Genau dort siedelt sich diese Library an.
Die fünf Dynamikebenen
für alle Kernartikulationen sind dabei nicht nur ein Feature auf einer
Spezifikationsliste, sondern klingen auch entsprechend überzeugend. Das
automatische Ansteigen des Vibratos in höheren Dynamiken unterstreicht
emotionale Höhepunkte auf eine Art, die sich intuitiv und musikalisch richtig
anfühlt – als hätte man echten Spielern gegenüber schlicht die Hand gehoben.
Diese Unmittelbarkeit in der Ausdruckskontrolle ist selten in dieser Kategorie.
Stringscapes
 |
| Credit Bild: © Orchestral Tools |
Stringscapes
wiederum ist die dunkle Kammer dieses Duos. Die Bandbreite reicht von subtilen
Ambisonics über bedrohliche Cluster-Texturen bis zu dem, was die Entwickler
ohne Umschweife als „terrifying sonic vistas from the gates of hell itself“
beschreiben – und das ist keine Übertreibung, sondern eine
treffende Beschreibung des tatsächlichen Klangpotenzials.
Streicher, die wie
Norman Bates' Messer herabsausen. Artikulationen, die sich wie ein Schatten
über ein Kleinstadtidyll legen. Hier findet sich das Sounddesign-Vokabular der
modernen Horrorfilmmusik in seiner destilliertesten Form: György Ligetis
Mikropolyphonie trifft auf Wallfischs eigene Horror-Erfahrung aus der
„IT“-Franchise, und das Resultat klingt, als hätte man Pennywises gesamtes
klangliches Repertoire in einem einzigen Plugin gebündelt.
Eine String-Library
mit dem gewissen „It“-Faktor. Um Wallfischs persönlichem Stil gerecht zu
werden, braucht man sowohl Strings als auch Stringscapes.