Quentin Tarantino ist fraglos der prägende Regisseur seiner Generation. Dabei erschafft er jedoch weit mehr als nur unvergessliche Filme und ikonische Szenen: Er kreiert ganze Mikrokosmen. Fiktive Marken, archetypische Figuren, eine tiefe intertextuelle Verwobenheit mit Filmgeschichte und Popkultur sowie die sorgfältig ausgewählten Outfits seiner Pro- und Antagonisten – all das sind Bestandteile einer minutiös konstruierten (Film-)Welt.
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Genau hier setzt „Tarantino Town – His Movies and the Works That Inspired Them“ von Johan Chiaramonte und Camille Mathieu an. Als geistiges Sequel zum im Vorjahr erschienenen „Wes Anderson Museum“ ist auch dieser Band ein liebevoll gestaltetes Nachschlagewerk für Cineasten, doch er vibriert auf eine ganz andere, deutlich rauere Weise. Tarantino Town ist ein Ort, der zeitlos wirkt und durch den der Hauch der Geschichte weht – gleichermaßen in den Fünfzigern und Siebzigern wie auch fest in der Gegenwart von QT’s Filmen verhaftet. Hier gibt es ein Diner, in dem man einen Five-Dollar-Milkshake aus „Pulp Fiction“, die fettigen Nachos von Stuntman Mike aus „Death Proof“ oder Minnie’s Haberdashery Stew aus dem Western „The Hateful Eight“ bestellen kann.
Im Bookstore greift man zu Schundromanen oder den Büchern von Elmore Leonard. Im örtlichen Motel warten der übercharismatische Killer Bill oder die coolen Vega-Brüder. Second-Hand-Fans finden im Thrift Store die Anzüge aus „Reservoir Dogs“. Im Kino laufen Kultfilme von „Vanishing Point“ bis zum Italowestern „Django“ des zweitbesten Italowestern-Regisseurs aller Zeiten, Sergio Corbucci. Im Plattenladen lässt sich ein persönliches Mixtape aus Elvis-Presley-Songs und Ennio-Morricone-Stücken zusammenstellen – und dann wäre da noch der für Tarantinos Biografie absolut unverzichtbare Videostore. Und schließlich – hier wird die Metaebene gesprengt – finden sich auch Real-Life-Schauplätze mit Tarantino-Bezug, etwa das vom Regisseur geführte New Beverly Cinema.
Zu all diesen Orten entführt einen dieser Reiseführer, der zugleich ein Begleitbuch zur Filmografie Tarantinos ist. Und wie bei guten Reiseführern geht es eben nicht nur um Sehenswürdigkeiten, sondern auch um Zusammenhänge. Chiaramonte und Mathieu kartografieren Tarantinos Werk mit sicherem Blick für Querverbindungen, Einflüsse, Inside Jokes und Referenzen. Das Buch funktioniert weniger als lineare Analyse denn als offenes Archiv, bei dem es – gerade für Tarantino-Neulinge – viel Erhellendes zu entdecken gibt. Ganz ähnlich wie Tarantinos Filme selbst, die bei jeder Sichtung neue Details freilegen.
Am Ende bleibt „Tarantino Town“ vor allem eines: eine leidenschaftliche, kenntnisreiche Hommage an einen faszinierenden Regisseur und sein konsequentes Worldbuilding.
Tarantino Town – His Movies and the Works That Inspired Them,von Johan Chiaramonte & Camille Mathieu, erschienen im Prestel Verlag