Ein besonders interessanter Aspekt der Filmkultur ist, dass nicht nur Filme selbst kanonisiert werden, sondern auch die Erzählungen über ihre Entstehung. Manche Werke erzeugen ein derart dichtes Geflecht aus Anekdoten, ikonischen Bildern, Figuren und Atmosphären, dass sich um sie herum zwangsläufig ein zweites narratives Feld bildet – ein Resonanzraum jenseits der Leinwand. „Once Upon a Time… in Hollywood“ ist genau ein solcher Film und ein neuer umfangreicher „The Making of“ Band beleuchtet ebenjenen Raum eingehend.
Credit Bild: ©Insight Editions
Am Buchrücken prangt eine Neun. Eine Zahl, die bei Quentin Tarantino eine besondere Bedeutung trägt, markiert sie doch seinen vorletzten Film. Nach zehn Filmen soll Schluss sein. Dieser Band bildet nun den Auftakt der vom Regisseur selbst abgesegneten „Quentin Tarantino Library“, einer auf mehrere Teile angelegten bibliophilen Werkschau, die sich dem Gesamtwerk eines Regisseurs widmet, der sich seiner eigenen Filmografie als bewusst konstruiertem Kanon und kulturellem Archiv vollkommen bewusst ist. Dieses Buch ist damit nicht nur eine Einzelpublikation, sondern der Beginn eines editorischen Vermächtnisprojekts eines Regisseurs, der wie nur wenige um die Tragweite seines eigenen Werks weiß.
Natürlich ist dies nicht das erste Making-of-Buch der Filmgeschichte. Doch nur selten erreichen solche Publikationen den Status eines eigenständigen kunst- und kulturhistorischen Dokuments. Sir Christopher Fraylings Sergio-Leone-Making-ofs seien hier als Referenz genannt. In genau diese Traditionslinie reiht sich auch dieser Band ein – und hier liegt seine eigentliche Besonderheit. Er versteht sich nicht als bloßes Begleitmaterial, sondern als Erweiterung des Films, als eine Art „Augmented Product“. Es ist eine immersive Reise hinter die Kulissen eines der ambitioniertesten Filme der letzten Jahre.
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| Credit Coverbild: ©Insight Editions |
Mehr als 65 neu geführte Interviews mit Cast und Crew bilden das narrative Rückgrat des Buches. Stimmen von Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Mikey Madison, Margaret Qualley, Austin Butler, Kurt Russell, Dakota Fanning, Maya Hawke oder Sydney Sweeney verdichten sich gemeinsam mit jenen zentraler kreativer Instanzen – etwa Kameramann Robert Richardson, Production Designer Barbara Ling oder Produzent David Heyman – zu einer vielstimmigen Reflexion über das Filmemachen selbst. Entscheidend ist dabei, dass Glennie diese Stimmen nicht als lose Zitatsammlung aneinanderreiht. Sie werden Teil einer übergeordneten Erzählung über kreative Entscheidungsprozesse, über Tarantinos zugleich minutiös geplante und offen improvisierende Arbeitsweise sowie über den Stellenwert von Musik, Kostüm, Architektur und Rhythmus im filmischen Erzählen. So entsteht ein Making-of, das weniger dokumentiert als interpretiert.
Bemerkenswert ist auch der Zugang, den Tarantino hier erstmals in dieser Konsequenz erlaubt. Der Regisseur eröffnet den Band persönlich und stellt umfangreiches Material aus seinem privaten Archiv zur Verfügung: Hunderte Setfotografien, Produktionsmemos, Storyboards, Kostüm- und Szenenbildentwürfe, Studiounterlagen sowie eine Vielzahl ephemerer Dokumente. Sichtbar wird nicht nur der Herstellungsprozess eines Films, sondern die Arbeitsweise eines Autors, der Kino als Gesamtsystem begreift – als Zusammenspiel von Raum, Körper, Musik, Materialität und Zeitgefühl.
Auf über 400 Seiten entfaltet sich so eine detailreiche Chronik von der ersten Idee über Casting, Proben und Dreharbeiten bis hin zur Premiere und dem späteren Oscar-Erfolg mit zehn Nominierungen und zwei Auszeichnungen. Es ist das Echo eines Films, der selbst bereits ein Echo auf Hollywoods Vergangenheit war – und zugleich ein eigenständiges Werk, das zeigt, wie sehr sich Filmgeschichte nicht nur auf der Leinwand, sondern auch in ihren Produktionsnarrativen fortschreibt. Während viele vergleichbare Publikationen primär illustrativ funktionieren und rasch austauschbar bleiben, positioniert sich The Making of Quentin Tarantino’s Once Upon a Time in Hollywood bewusst in der Tradition großer filmhistorischer Monografien – und gewährt zugleich einen selten tiefen Einblick in den Filmmaking-Prozess Quentin Tarantinos.
The Making of Quentin Tarantino’s Once Upon a Time in Hollywood, erschienen bei Insight Editions
| Credit Coverbild: ©Insight Editions |


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