Sonntag, 11. Februar 2024

BOB DYLAN - MIXING UP THE MEDICINE

Credit Coverbild: © Droemer Knaur
Seit Jahrzehnten arbeiten sich Heerscharen von Dylanologen an der Deutung der vielschichtigen und oft interpretationsoffenen Songtexte des Robert Allen Zimmerman ab. Beinahe ebenso viele Biografen, Filmemacher und Fotografen beschäftigten sich mit dem legendären Künstler, der nie Sprachrohr einer ganzen Generation sein wollte und dennoch zu einer ihrer prägendsten Gallionsfiguren wurde. Dylan und die auch von ihm veränderte Pop- und Counterculture, das ist schlichtweg untrennbar miteinander verbunden, seine Bedeutung für ebendiese kann man folglich kaum überschätzen. Den Gipfel dieser anhaltenden, an Obsession grenzenden Faszination stellt fraglos das Bob Dylan Center in Tulsa, Oklahoma dar.

Tulsa, das weiß der Amerika-Kenner , ist ein Ort, von dem es heißt, er habe seine eigene Zeitrechnung. „Tulsa Time“, dort ticken die Uhren noch etwas anders. Je nachdem wen man fragt, ist es das „Oil Capital Of the World“ oder der „Buckle Of the Bible Belt“. Für Dylan und seine Vita haben Orte wie dieser mitunter eine besondere Bedeutung. Einerseits wurde er in Minnesota geboren. Dort im anderen Amerika abseits der Küstenstädte fand man historisch gesehen oft den Nährboden für musikalische Revolutionen. Dylan  als Künstler früh in den mannigfaltigen Traditionen seines Heimatlandes verhaftet, war früh an den schwarzen und weißen Strömungen vom Delta bis zu den Appalachen interessiert und sammelte einem Lepidopterologen gleich musikalische Eindrücke, die später Eingang in seine postmoderne Musik fanden. In einem frühen Interview mit dem Playboy sagte Dylan einst im Hinblick, dass  alles anders gekommen wäre wenn er in New York oder Kansas City geboren worden wäre.

Dort in Tulsa also, unweit des Museums für einen anderen großen Songwriter Amerikas, Woody Guthrie, baute Finanzier und Milliardär George Kaiser, einer der 500 reichsten Männer der Welt, mit seiner Foundation ein altes Industriegebäude zum Dylan-Schrein um. Der Künstler selbst war zwar wie kolportiert wurde persönlich relativ wenig involviert, das Team rund um den enigmatischen Songwriter stand jedoch in engem Kontakt mit den Machern des Museums, das sowohl eine eigene Forschungsstätte als auch eine Dauerausstellung beherbergt.

 Das neu erschienene Buch "Mixing Up The Medicine" ist nun die die offizielle Publikation dieses Archivs. Der Titel wurde aus dem Dylan-Song "Subterranean Homesick Blues" entlehnt. Anders als beim dazugehörigen Clip (eines der der ersten Musikvideos der Geschichte btw)  gibt es hier zwar keine weißen Papptafeln, aber dafür Seite um Seite viel zu entdecken. So wird es dem Leser erlaubt in das Archiv einzutauchen - ganz ohne sich in die Nähe des Arkansas River zu begeben. 

"Mixing Up The Medicine“ ist dabei Bildband und Biographie in einem. Anhand der hier zu sehenden Exponate - und derer gibt es unzählige zu bestaunen – werden die einzelnen Station in der Vita Dylans beleuchtete und gleichzeitig die Legendenbildung vorangetrieben: Da ein Bild aus Dylans Kindheitstagen oder ein Blick ins High School-Jahrbuch, in dem der junge Robert selbstbewusst verkündetet, dass sein Zukunftsplan nach der Graduation beinhaltete, such Little Richards Band anzuschließen. Dort eine Aufnahme aus der Studiozeit mit Gitarrenlegende Michael Bloomfield. Da ein  Fan-Brief vom Boss Bruce Springsteen, der sich selbst in seinen Lyrics mitunter von Dylan beeinflussen ließ. Dann eine Vinyl von "All Along The Watchtower", die einst Jimi Hendrix gehörte, der den Song bekanntermaßen unsterblich machte.

Hinzu kommen Essays von Dylan-Kennern wie Greil Marcus, Ed Rusha, Richard Hell, Michael Ondaatje oder Amanda Petrusich. Als Leser fühlt sich die geballte Informationsdichte an, als würde man sich tatsächlich durch ein Archiv graben. Geradezu als befände man sich in einem labyrinthischen Song, bei dem an jeder Ecke Querverweise warten. 

Bekanntes wird hier in ansprechender Weise neu aufbereitet und viel Rares zu Tage gefördert. Gute Biographien und Nachschlagewerke über Dylan gibt es nicht gerade Wenige, dieses hier hat den Anspruch zu den definitiven Werken über die Legende zu zählen - und schafft dies auch. Was die "Basement Tapes" ( in musikalischer Hinsicht ist, stellt dieses Werk für die bibliophile Auseinandersetzung mit „His Bobness“ dar. Ein 600 Seiten langer Streifzug durch Dylans "Back Pages". 

Bob Dylan - Mixing Up The Medicine, von Mark Davidson und Parker Fishel, erschienen bei Droemer Knaur