Freitag, 14. August 2026

NEWFANGLED AUDIO GENERATE Test: Synth-Wahnsinn mit Methode

Credit Bild:© Newfangled Audio
Die Kamera bewegt sich langsam durch einen dunklen, verlassenen Korridor. Zunächst ist kaum etwas zu hören, nur die Schritte des Protagonisten im endlosen Schwarz. Dann setzt ein tieffrequenter Ton ein, zuerst dumpf, dann immer präsenter werdend. Kein Orchester, keine Gitarre – ein Klang zwischen dem Ächzen von Metall und einem überirdischen Dröhnen. Langsam verändert er seine Textur und gewinnt an Intensität. Musikalisch passiert eigentlich wenig – und dennoch entsteht aus ein paar Noten sofort das Gefühl, dass etwas Unheilvolles bevorsteht. Szenen wie diese sind in der Film- und TV-Geschichte meist untrennbar mit Synthesizern verbunden.

Die für derlei Stimmungen notwendigen klassischen Braams und bassigen Noises kann man mit den meisten Synths erzeugen. Dass ein Plugin sich jedoch bewusst  und überaus konsequent in Richtung musikalischer Destruction bewegt, ist dann aber doch etwas Neues. Enter „Generate“ aus dem Hause Newfangled Audio – ein Plugin, das sich selbst als „Cinematic Synth“ versteht und einen der eigenwilligsten und ungewöhnlichsten Instrumente der letzten Jahre darstellt, verschreibt es sich doch konsequent der chaotischen Synthese.

Unberechenbarkeit als Prinzip

Im Maschinenraum von Generate schlagen keine herkömmlichen, berechenbaren Herzen. Im Zentrum operiert die Engine mit acht sogenannten „Chaotic Oscillators“ – mit Titeln wie Double Pendulum, Vortex, Pulsar, Discharge, Turbine, Helix, Crescent und Magma. Schon die Werks-Presets machen klar, weshalb diese ihre Namen tragen.

Sie  basieren auf mathematischen Modellen nichtlinearer Systeme. Anstatt einer sterilen Tonhöhe zu folgen, driften sie, eiern und interagieren miteinander in einer Form, die sich nie restlos bändigen lässt. Man muss sich das so vorstellen, dass die Oszillatoren ein furchteinflößendes Eigenleben entwickeln.

Genau diese permanente, mikrotonale Schwankungen erzeugen eine unterschwellige, hochgradig organische Spannung. Das menschliche Ohr registriert unweigerlich: Hier stimmt etwas nicht. Es ist exakt jene Dissonanz, die die klaustrophobischen und unheimlichen Atmosphären erschafft, nach denen Sounddesigner suchen. Dank der komplexen Engine von Generate, die sich zwar recht intuitiv bedienen lässt (zumindest für Synth-Profis) dabei aber dennoch die tiefgehende Manipulation zahlreicher Parameter erlaubt, lässt sich fließend von einer simplen Sinuswelle in das absolute Unbekannte überblenden. Pads beginnen im Hintergrund schwer zu „atmen“, Bässe zittern nervös vor sich hin, und Leads kippen urplötzlich ins Unberechenbare – und dann gibt es da noch Sounds, die an den Balrog aus „Der Herr der Ringe“ gemahnen…

West-Coast-DNA für die Postmoderne

Im Kern ist Generate von der Philosophie der West-Coast-Synthese beeinflusst und orientiert sich an den legendären Designs von Don Buchla – gewissermaßen hat man es hier mit einem Buchla-Synth auf Steroiden zu tun. Dies ist jedoch nur der Ausgangspunkt. Von dieser Basis ausgehend, erkundet Generate ganz neue Welten. Es ist tatsächlich ein durchaus innovatives und ungewöhnliches Synth-Design, das einem hier in die DAW gegeben wird – eines, das letztlich keine direkte Entsprechung in einem Hardware-Vorbild findet.

Statt eine klassische Oszillatorarchitektur lediglich um weitere Wellenformen, Modulationsmöglichkeiten oder Effekte zu erweitern, wird bei Generate ein dynamisches System selbst zum Ausgangspunkt der Klangerzeugung. Die daraus entstehenden Bewegungen sind nicht vollständig vorhersehbar und lassen sich dennoch gezielt beeinflussen. Genau aus diesem Spannungsverhältnis zwischen Kontrolle und Kontrollverlust bezieht Generate einen wesentlichen Teil seines Charakters.

Credit Bild:© Newfangled Audio
Analoge Brutalität

Ein Low Pass Gate – eine tiefe Verneigung vor dem Buchla 292 – dämpft den Sound nicht bloß ab, sondern verleiht ihm Charakter. Durch spezifische Pole- und Resonance-Parameter erhält das Signal eine derart perkussive, organische Schlagkraft, dass Generate an keiner Stelle nach einem klinischen Digitalprodukt klingt. Der Synthesizer besitzt eine analoge Brutalität – dass ein Limiter mit an Bord ist, ist daher dringend nötig. Hier flattern die Monitor Boxen – man sollte also bezüglich der Volume-Einstellungen behutsam vorgehen. Dieser Synth zählt zu den brachialsten, die es am Markt gibt. Wer hier auf der Suche nach klassischen schöngeistigen Sounds von manch Eighties-Synths ist, ist hier an der falschen Adresse.

Wem aber der Sinn nach musikalischer Gefahr steht, nach jener rohen, unheimlichen Spannung, die einen modernen Cinematic-Score auszeichnet, wird Generate lieben. Dieser Synthesizer weigert sich schlichtweg, formelhaft und brav zu klingen. Er begreift Synthese nicht als lineares Abarbeiten statischer Wellenformen, sondern als ein bedrohlich wucherndes Netzwerk aus Instabilitäten.

Fazit

Generate ist alles andere als generisch. Seine extreme Eigenständigkeit und ein Klang, der nicht unbedingt schön klingen will, sind seine große Stärke und werden gleichzeitig manchen Synth-Fan abschrecken. Denn Generate ist kein Allround-Synthesizer, der jede klassische Synth-Aufgabe möglichst unkompliziert erledigt. Wer hier Prophet-Pads und Oberheim-Brass sucht, wird nicht glücklich.

Genau diese chaotische Klangästhetik macht jedoch den Charme dieses coolen Plugins aus. Dieser Synth ist ein Meisterwerk der gezielten Unruhe. Wer in das Interface dieses Sound- und Ideen-Generators eintaucht, stellt schnell fest: Der Wahnsinn hat hier absolute Methode. Gezielter und gewollter Kontrollverlust wird hier selbst zum Gestaltungsmittel. Es gibt schön klingende Synths – und dann gibt es Generate. Und der ist nicht nur ein mächtiges Werkzeug für filmische Suspense sondern regelrecht ein Ideen-Generator.