Die Kamera
bewegt sich langsam durch einen dunklen, verlassenen Korridor. Zunächst ist
kaum etwas zu hören, nur die Schritte des Protagonisten im endlosen Schwarz.
Dann setzt ein tieffrequenter Ton ein, zuerst dumpf, dann immer präsenter
werdend. Kein Orchester, keine Gitarre – ein Klang zwischen dem Ächzen von
Metall und einem überirdischen Dröhnen. Langsam verändert er seine Textur und
gewinnt an Intensität. Musikalisch passiert eigentlich wenig – und dennoch
entsteht aus ein paar Noten sofort das Gefühl, dass etwas Unheilvolles
bevorsteht. Szenen wie diese sind in der Film- und TV-Geschichte meist
untrennbar mit Synthesizern verbunden.
Credit Bild:© Newfangled Audio
Die für derlei
Stimmungen notwendigen klassischen Braams und bassigen Noises kann man mit den
meisten Synths erzeugen. Dass ein Plugin sich jedoch bewusst und überaus konsequent in Richtung
musikalischer Destruction bewegt, ist dann aber doch etwas Neues. Enter „Generate“
aus dem Hause Newfangled Audio
– ein Plugin, das sich selbst als „Cinematic Synth“ versteht und einen der
eigenwilligsten und ungewöhnlichsten Instrumente der letzten Jahre darstellt,
verschreibt es sich doch konsequent der chaotischen Synthese.
Unberechenbarkeit
als Prinzip
Im
Maschinenraum von Generate schlagen keine herkömmlichen, berechenbaren Herzen.
Im Zentrum operiert die Engine mit acht sogenannten „Chaotic Oscillators“ – mit
Titeln wie Double Pendulum, Vortex, Pulsar, Discharge, Turbine, Helix, Crescent
und Magma. Schon die Werks-Presets machen klar, weshalb diese ihre Namen
tragen.
Sie basieren auf mathematischen Modellen
nichtlinearer Systeme. Anstatt einer sterilen Tonhöhe zu folgen, driften sie,
eiern und interagieren miteinander in einer Form, die sich nie restlos bändigen
lässt. Man muss sich das so vorstellen, dass die Oszillatoren ein
furchteinflößendes Eigenleben entwickeln.
Genau diese
permanente, mikrotonale Schwankungen erzeugen eine unterschwellige, hochgradig
organische Spannung. Das menschliche Ohr registriert unweigerlich: Hier stimmt
etwas nicht. Es ist exakt jene Dissonanz, die die klaustrophobischen und
unheimlichen Atmosphären erschafft, nach denen Sounddesigner suchen. Dank der
komplexen Engine von Generate, die sich zwar recht intuitiv bedienen lässt (zumindest
für Synth-Profis) dabei aber dennoch die tiefgehende Manipulation zahlreicher
Parameter erlaubt, lässt sich fließend von einer simplen Sinuswelle in das
absolute Unbekannte überblenden. Pads beginnen im Hintergrund schwer zu
„atmen“, Bässe zittern nervös vor sich hin, und Leads kippen urplötzlich ins
Unberechenbare – und dann gibt es da noch Sounds, die an den Balrog aus „Der
Herr der Ringe“ gemahnen…
West-Coast-DNA
für die Postmoderne
Im Kern ist Generate von der Philosophie der West-Coast-Synthese beeinflusst und orientiert sich an den legendären Designs von Don Buchla – gewissermaßen hat man es hier mit einem Buchla-Synth auf Steroiden zu tun. Dies ist jedoch nur der Ausgangspunkt. Von dieser Basis ausgehend, erkundet Generate ganz neue Welten. Es ist tatsächlich ein durchaus innovatives und ungewöhnliches Synth-Design, das einem hier in die DAW gegeben wird – eines, das letztlich keine direkte Entsprechung in einem Hardware-Vorbild findet.
Statt eine
klassische Oszillatorarchitektur lediglich um weitere Wellenformen,
Modulationsmöglichkeiten oder Effekte zu erweitern, wird bei Generate ein
dynamisches System selbst zum Ausgangspunkt der Klangerzeugung. Die daraus
entstehenden Bewegungen sind nicht vollständig vorhersehbar und lassen sich
dennoch gezielt beeinflussen. Genau aus diesem Spannungsverhältnis zwischen
Kontrolle und Kontrollverlust bezieht Generate einen wesentlichen Teil seines
Charakters.
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| Credit Bild:© Newfangled Audio |
Ein Low Pass
Gate – eine tiefe Verneigung vor dem Buchla 292 – dämpft den Sound nicht bloß
ab, sondern verleiht ihm Charakter. Durch spezifische Pole- und Resonance-Parameter
erhält das Signal eine derart perkussive, organische Schlagkraft, dass Generate
an keiner Stelle nach einem klinischen Digitalprodukt klingt. Der Synthesizer
besitzt eine analoge Brutalität – dass ein Limiter mit an Bord ist, ist daher
dringend nötig. Hier flattern die Monitor Boxen – man sollte also bezüglich der
Volume-Einstellungen behutsam vorgehen. Dieser Synth zählt zu den brachialsten,
die es am Markt gibt. Wer hier auf der Suche nach klassischen schöngeistigen Sounds
von manch Eighties-Synths ist, ist hier an der falschen Adresse.
Wem aber der
Sinn nach musikalischer Gefahr steht, nach jener rohen, unheimlichen Spannung,
die einen modernen Cinematic-Score auszeichnet, wird Generate lieben. Dieser
Synthesizer weigert sich schlichtweg, formelhaft und brav zu klingen. Er
begreift Synthese nicht als lineares Abarbeiten statischer Wellenformen,
sondern als ein bedrohlich wucherndes Netzwerk aus Instabilitäten.
Fazit
Generate ist
alles andere als generisch. Seine extreme Eigenständigkeit und ein Klang, der
nicht unbedingt schön klingen will, sind seine große Stärke und werden gleichzeitig
manchen Synth-Fan abschrecken. Denn Generate ist kein Allround-Synthesizer, der
jede klassische Synth-Aufgabe möglichst unkompliziert erledigt. Wer hier
Prophet-Pads und Oberheim-Brass sucht, wird nicht glücklich.
Genau diese
chaotische Klangästhetik macht jedoch den Charme dieses coolen Plugins aus.
Dieser Synth ist ein Meisterwerk der gezielten Unruhe. Wer in das Interface
dieses Sound- und Ideen-Generators eintaucht, stellt schnell fest: Der Wahnsinn
hat hier absolute Methode. Gezielter und gewollter Kontrollverlust wird hier
selbst zum Gestaltungsmittel. Es gibt schön klingende Synths – und dann gibt es
Generate. Und der ist nicht nur ein mächtiges Werkzeug für filmische Suspense
sondern regelrecht ein Ideen-Generator.
