Sonntag, 5. Juli 2026

BABYAUDIO GRAINFERNO Test: Die Kunst der granularen Zerstörung

Credit Bild: © Baby Audio
Die Geschichte der elektronischen Klangerzeugung ist geprägt von stetigen Paradigmenwechseln. Während die klassisch-analogen Emulationen den Markt lange Zeit geradezu dominierten, rücken zunehmend eine andere, weitaus experimentellere Form der Soundarchitektur ins Zentrum moderner Produktionen. Der neue Grainferno Synth aus dem Hause Baby Audio widmet sich genau diesem gegenwärtig extrem trendenden Thema der granularen Synthese – und liefert dabei schlichtweg eines der interessantesten und potentesten virtuellen Instrumente der letzten Zeit. Als dezidiertes Granular Synth Plugin konzipiert, schlägt Baby Audio hier eine Brücke zwischen akademischer Klangforschung und hochgradig musikalischem Sounddesign.

Against The Grain

Um die Faszination dieses Instruments zu verstehen, muss man sich kurz vor Augen führen, was unter der Haube eigentlich passiert: Das Prinzip der granularen Synthese beschreibt eine Form der Klangerzeugung, bei der Sounds nicht als durchgehende, lineare Tonspur verstanden, sondern in winzige Fragmente zerlegt werden. Diese sogenannten „Grains“ oder Klangkörner sind oftmals nur wenige Millisekunden lang. Aus abertausenden solcher isolierter Mikro-Partikel wird anschließend ein völlig neuer Klang zusammengesetzt. Im krassen Gegensatz zur klassischen subtraktiven Synthese, bei der man meist mit statischen Wellenformen, Filtern oder herkömmlichen Oszillatoren arbeitet, funktioniert granulare Synthese beinahe wie akustische Molekularphysik. Einzelne Klangsplitter werden bis zur Unkenntlichkeit gedehnt, massiv geschichtet, rückwärts abgespielt, im Stereobild neu angeordnet oder in ihrer Abspielgeschwindigkeit radikal verändert. Dadurch entstehen schwebende Flächen, zerfallende Texturen oder völlig fremdartige Soundgebilde, die paradoxerweise oft gleichzeitig tief organisch und extrem künstlich wirken.

Stark vereinfacht ausgedrückt: Mit Granularsynthese vermag man vollkommen einzigartige Synth-Sounds zu erstellen. Selbst die banalsten Alltagsgeräusche – sei es das Fallen eines Löffels auf einen harten Boden oder ein simples Räuspern – können, wenn man sie sauber aufnimmt und in einen leistungsfähigen Granular-Synthesizer einspeist, zu einem via Keyboard spielbaren, epischen Instrument verwandelt werden. Allein dieser Gedanke macht schon greifbar, welch immenses Potenzial und welche mannigfaltigen Möglichkeiten für bis dato ungehörte Klänge und effektive Klangmanipulation in diesen Designs stecken.

Infernalisch

Apropos Manipulation: Der GrainFerno wirft nicht nur selbst unscheinbare Soundschnipsel in ein regelrechtes klangliches Inferno, um sie als progressive Soundstrukturen wieder auszuspucken, er glänzt auch durch die kreative Anreicherung mit exzellenten Effekten. Es ist faszinierend zu beobachten, wie durch diese Bearbeitungsketten selbst banale Geräusche plötzlich episch oder surreal anmuten. Ein kurzer Klavieranschlag mutiert zu einer endlos wabernden Ambient-Wolke, eine menschliche Stimme zerfällt in digitale Geisterpartikel, und aus einem simplen Drum-Sample bricht ein rhythmisches Klanggewitter heran. Gerade elektronische Musiker und Sounddesigner nutzen granulare Synthese deshalb so exzessiv, um komplexe Atmosphären zu erschaffen, die mit traditionellen Instrumenten schlicht nicht realisierbar wären. Es ist gewissermaßen musikalischer Kubismus – eine Audio-Collage auf atomarer Ebene.

Besonders in Genres wie Ambient, EDM, experimenteller Elektronik oder auch in modernen Filmscores hat sich diese Technik längst als unverzichtbares Stilmittel etabliert. Künstler wie Aphex Twin, Tim Hecker oder zahlreiche zeitgenössische Filmkomponisten arbeiten bevorzugt mit solchen Verfahren, weil sie Klänge nicht bloß auf Tasten abspielen, sondern sie wie akustischen Ton regelrecht formen und verformen wollen. Statt Klang linear zu reproduzieren, wird er zersplittert und in eine neue DNA überführt.

Genau an diesem Punkt entfaltet GrainFerno seine eigentliche Magie. Das Resultat sind Texturen, die sich permanent verändern und atmen. Nichts bleibt statisch, nichts wirkt jemals vollständig greifbar. Akkord-Pads zerfallen hörbar in ihre Partikel, dichte Atmosphären beginnen bedrohlich zu flirren, und Obertöne verschieben sich subtil gegeneinander. Musikalische Spannung entsteht hier nicht platt durch ansteigende Lautstärke oder instrumentale Dichte, sondern durch Instabilität – durch das ständige, unterschwellige Gefühl, dass sich der Klang in der nächsten Millisekunde komplett transformieren könnte.

MARILYN MONROE 100 – Ein prachtvoller Bildband zum 100. Geburtstag einer unsterblichen Legende

Credit Coverbild: © Prestel Verlag
Norma Jeane Baker, die die Welt später als Marilyn Monroe kennenlernen sollte, steht bis heute wie kaum eine andere Persönlichkeit für Glanz und Elend der Traumfabrik Hollywood. Sie war Sexsymbol und Schauspielerin, Projektionsfläche und Intellektuelle, verletzlicher Mensch und sorgfältig erschaffene Kunstfigur zugleich. Nur wenige Stars haben die Popkultur des 20. Jahrhunderts so nachhaltig geprägt wie sie - trotz oder auch wegen ihres frühen Todes mit nur 36 Jahren, der ihren Mythos bis heute am Leben hält: Monroe wurde nicht alt, sie wurde unsterblich.

2026 wäre sie 100 geworden. Anlässlich dieses Jubiläums erscheint mit "Marilyn Monroe 100" ein hochwertiger Bildband, der sich nicht nur als Hommage an eine Hollywood-Legende versteht, sondern zugleich als sorgfältig kuratierte Zeitreise durch Leben, Karriere und öffentliche Wahrnehmung einer Frau, die weit mehr war als die berühmteste Blondine der Filmgeschichte.

Bereits die äußere Gestaltung macht deutlich, dass man es hier nicht mit einer gewöhnlichen Bild-Biografie zu tun hat. Diese "Centennial Edition" präsentiert sich in einer ausgesprochen edlen Aufmachung, deren hochwertige Verarbeitung dem Status ihres Sujets gerecht wird. Der schwere Band ist ein bibliophiles Sammlerstück für Liebhaber klassischer Hollywood-Fotografie.  Besonders beeindruckend ist die Qualität der Reproduktionen. Die Bilder erscheinen in beeindruckender Brillanz und Detailtiefe. Die wahre Stärke des Bandes liegt jedoch in seiner fotografischen Auswahl. Marilyn vor den Kameras der größten Fotografen ihrer Zeit. Vertreten sind zahlreiche der bedeutendsten Bildkünstler des 20. Jahrhunderts, darunter Eve Arnold, Richard Avedon, Henri Cartier-Bresson oder Sam Shaw – jenes legendäre Foto eingeschlossen, das Marilyn Monroe im weißen Kleid über dem U-Bahn-Schacht während der Dreharbeiten zu „The Seven Year Itch“ zeigt und längst zur Ikone der Popgeschichte geworden ist.

Dabei beschränkt sich der Band erfreulicherweise nicht ausschließlich auf die bekannten Motive. Auffallend viele Aufnahmen dürften selbst langjährigen Monroe-Fans bislang kaum begegnet sein oder wurden nur äußerst selten publiziert. Gerade diese Mischung aus ikonischen Bildern und weniger bekannten Fotografien verleiht dem Buch seinen besonderen Reiz.

Vielleicht liegt die größte Qualität dieses Buchs darin, dass es Marilyn Monroe nicht ausschließlich als Verkörperung des amerikanischen Nachkriegs-Glamours präsentiert. Autorin und Kulturkritikerin Rachel Syme widmet sich in ihrem einfühlsamen Vorwort genau diesen Widersprüchen: Marilyn war eine Frau, die zwar als „Blonde Bombshell“ weltberühmt wurde, gleichzeitig jedoch leidenschaftlich Dostojewski las, Bücher sammelte, sich intensiv für Literatur interessierte und weit gebildeter war, als ihr öffentliches Image vermuten ließ. Monroe erscheint als jemand, der sich selbst immer wieder neu erfand – aus Norma Jeane Baker wurde Marilyn Monroe, aus dem schüchternen Waisenmädchen die wohl berühmteste Filmikone ihrer Generation. Gerade diese Ambivalenz zwischen Kunstfigur und Privatperson zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Band.

Credit Bild: © Florea Diamonds
Credit Bild: © Elliott Erwitt
Credit Bild: © Sam Shaw
Natürlich spart das Buch die dunkleren Kapitel ihres Lebens nicht völlig aus, die späten Jahre, persönliche Krisen und ihre bis heute diskutierten gesundheitlichen wie emotionalen Probleme werden durchaus thematisiert. Dennoch fällt auf, dass diese Aspekte
vergleichsweise zurückhaltend behandelt werden. Dies hängt wohl auch damit zusammen, dass dieses Buch in enger Zusammenarbeit mit dem Marilyn Monroe Estate entstanden ist. Der Fokus liegt also weniger auf Sensationslust oder spekulativen Deutungen als vielmehr auf dem Lebenswerk und dem kulturellen Vermächtnis der Schauspielerin. Für Leser, die eine investigative Biografie erwarten, mag dies eine kleine Einschränkung darstellen.