Montag, 6. Juli 2026

UJAM VIRTUAL PIANIST SCORE Test: Spiel´s noch einmal, Sam

Credit Bild: © UJAM
In der genialen Title-Credit-Sequenz der HBO-Dystopie „Westworld“ gibt es diesen einen, zutiefst poetischen Moment: Eine skelettierte, roboterhafte Hand gleitet über die Tasten eines mechanischen Pianos. Völlig autark, ungerührt und mit einer beängstigenden, fehlerlosen Perfektion erzeugt diese Maschine eine zutiefst melancholische Melodie im leeren Raum. Es ist das faszinierende wie unheimliche Sinnbild eines künstlichen Wesens, das absolut makellos performt – quasi ein Androiden-Pianola in einer technisierten Zukunft.

Jenem Ideal eines perfektionistischen, in sich geschlossenen Automaten kommt die deutsche Softwareschmiede UJAM mit ihrem neuesten Wurf verblüffend nahe. Denn neben einem – so weit, so unspektakulär – herkömmlichen, samplebasierten Piano-Instrument liefert das Plugin vor allem die Möglichkeit, einen virtuellen Pianisten direkt über das eigene MIDI-Keyboard zu dirigieren. Ein einziger Tastendruck genügt, und der unsichtbare Co-Pilot wirft komplexe, hochgradig musikalische Begleitungen und Phrasen aus – natürlich vollautomatisch synchronisiert mit dem aktuellen DAW-Tempo und absolut tonsicher in der vorgegebenen Tonart.

Doch machen wir uns nichts vor: Beim Virtual Pianist SCORE haben wir es keineswegs mit einem starren, mechanisch ratternden Player Piano vergangener Tage zu tun. Vielmehr entpuppt sich dieses Plugin als ein hochintelligentes, hochgradig adaptives musikalisches Werkzeug, das dem zeitgenössischen Filmkomponisten und Sounddesigner in der DAW als kongenialer, virtueller Session-Musiker zur Seite steht. Über großzügige Tweaking-Optionen lässt sich dieses spielerische Fundament anschließend im Handumdrehen klanglich und dynamisch anpassen, sodass zu keinem Zeitpunkt der Eindruck eines starren, lieblosen Loops entsteht.

Die Tasten der Melancholie: Das Fundament moderner Filmmusik

Die konzeptionelle Ausrichtung dieses Instruments ist dabei absolut programmatisch, denn im klassischen wie im modernen Hollywood-Filmscoring spielt das Klavier seit jeher eine überaus bedeutende, ja oftmals die alles entscheidende narrative Rolle. Wenn man die großen, emotionalen Meilensteine der Filmmusik analysiert, ist es auffällig, wie oft der Flügel den verletzlichen Kern einer Szene trägt. Seien es die zarten, oscarprämierten Motive eines Thomas Newman in „American Beauty“ und „Road to Perdition“, das tieftraurige, von John Williams komponierte Thema in „Schindlers Liste“, Hans Zimmers minimalistische, aber unendlich weite Akkorde in „Inception“ (etwa im legendären Track „Time“) – ein Flügel ist oft das perfekte Werkzeug, um menschliche Abgründe, Verletzlichkeit oder stille Hoffnungen auf die Tonspur zu bannen, man denke nur an das in Casablanca unsterblich gewordene "As Time Goes By" .

Genau für diese dramaturgische Spielwiese wurde dieses Plugin entwickelt. Es löst exakt das ein, was die Ad-Copy prägnant verspricht: Virtual Pianist SCORE ist ohne Zweifel ein „Grand Piano for Cinematic Sounds“.

Heartbroken in Hollywood

Klanglich präsentiert sich dieses virtuelle Instrument mit einer schier unglaublichen emotionalen Tiefe. Es ist ein Instrument, das so ungemein intim, organisch und verletzlich klingt, als würde Ryan Goslings heartbroken Charakter Sebastian aus Damien Chazelles Meisterwerk „La La Land“ nachts allein im schummrigen Licht eines geschlossenen Jazz-Clubs sitzen und seine ganze Schwermut in die Tasten gießen. Man hört beim Spielen förmlich das Holz, die Resonanz des massiven Korpus und die feinen mechanischen Nuancen der Hämmerchen, die dem Sound eine fast schon greifbare, haptische Qualität verleihen. Der Algorithmus, der das dynamische Spielverlangen interpretiert, liefert hier keinen sterilen MIDI-Output, sondern eine Performance, die atmet.

Keine Bühne für Boogie Woogie

Dabei verlangt dieses Plugin von seinem User durchaus eine klare klangästhetische Entscheidung, denn das Piano hat einen dezidiert definierten, unverwechselbaren Sound-Charakter. Wer hier schweißtreibenden, erdigen Boogie Woogie, rasanten Rock ’n’ Roll oder hochglanzpolierten Pop mit brutal hartem Attack und maximaler Brillanz im Ton spielen will, der sitzt bei dieser Library definitiv auf dem falschen Dampfer – beziehungsweise am falschen Klavier. Score glänzt nicht durch schneidende Durchsetzungskraft in einem dichten, überkomprimierten Radio-Arrangement. Es glänzt durch Wärme, durch extreme Dynamikreserven im Pianissimo-Bereich und eine samtige, stets leicht melancholische Grundfärbung, die sich wie ein sanfter filmischer Filter über die gesamte Produktion legt.

Fazit

Dank der UJAM-typischen, smarten Phrasen-Engine, die selbst komplexe cineastische Begleitmuster und Arpeggios mit nur wenigen Tastenanschlägen triggert, lassen sich hier binnen Sekunden harmonisch anspruchsvolle Layouts und vollwertige Scores skizzieren. Es ist die perfekte Symbiose aus exzellent gesampeltem Quellmaterial und einer musikalisch durchdachten Begleitautomatik, die stets den richtigen narrativen Ton trifft, ohne jemals künstlich zu wirken.

Wer nach einem klinischen, universellen Allrounder-Piano für jede erdenkliche Chart-Produktion sucht, wird hier nicht fündig. Wer jedoch die dunkle, emotionale und weite Tonalität des modernen Kinos in seiner DAW sucht, für den ist Virtual Pianist SCORE der ideale Flügel für die große Leinwand.