In der genialen
Title-Credit-Sequenz der HBO-Dystopie „Westworld“ gibt es diesen einen,
zutiefst poetischen Moment: Eine skelettierte, roboterhafte Hand gleitet über
die Tasten eines mechanischen Pianos. Völlig autark, ungerührt und mit einer
beängstigenden, fehlerlosen Perfektion erzeugt diese Maschine eine zutiefst
melancholische Melodie im leeren Raum. Es ist das faszinierende wie unheimliche
Sinnbild eines künstlichen Wesens, das absolut makellos performt – quasi ein
Androiden-Pianola in einer technisierten Zukunft..jpg)
Credit Bild: © UJAM
Jenem Ideal
eines perfektionistischen, in sich geschlossenen Automaten kommt die deutsche
Softwareschmiede UJAM mit ihrem neuesten Wurf verblüffend nahe. Denn neben
einem – so weit, so unspektakulär – herkömmlichen, samplebasierten
Piano-Instrument liefert das Plugin vor allem die Möglichkeit, einen virtuellen
Pianisten direkt über das eigene MIDI-Keyboard zu dirigieren. Ein einziger
Tastendruck genügt, und der unsichtbare Co-Pilot wirft komplexe, hochgradig
musikalische Begleitungen und Phrasen aus – natürlich vollautomatisch
synchronisiert mit dem aktuellen DAW-Tempo und absolut tonsicher in der
vorgegebenen Tonart.
Doch machen wir
uns nichts vor: Beim Virtual Pianist SCORE haben wir es keineswegs mit
einem starren, mechanisch ratternden Player Piano vergangener Tage zu tun.
Vielmehr entpuppt sich dieses Plugin als ein hochintelligentes, hochgradig
adaptives musikalisches Werkzeug, das dem zeitgenössischen Filmkomponisten und
Sounddesigner in der DAW als kongenialer, virtueller Session-Musiker zur Seite
steht. Über großzügige Tweaking-Optionen lässt sich dieses spielerische
Fundament anschließend im Handumdrehen klanglich und dynamisch anpassen, sodass
zu keinem Zeitpunkt der Eindruck eines starren, lieblosen Loops entsteht.
Die Tasten
der Melancholie: Das Fundament moderner Filmmusik
Die konzeptionelle Ausrichtung dieses Instruments ist dabei absolut programmatisch, denn im klassischen wie im modernen Hollywood-Filmscoring spielt das Klavier seit jeher eine überaus bedeutende, ja oftmals die alles entscheidende narrative Rolle. Wenn man die großen, emotionalen Meilensteine der Filmmusik analysiert, ist es auffällig, wie oft der Flügel den verletzlichen Kern einer Szene trägt. Seien es die zarten, oscarprämierten Motive eines Thomas Newman in „American Beauty“ und „Road to Perdition“, das tieftraurige, von John Williams komponierte Thema in „Schindlers Liste“, Hans Zimmers minimalistische, aber unendlich weite Akkorde in „Inception“ (etwa im legendären Track „Time“) – ein Flügel ist oft das perfekte Werkzeug, um menschliche Abgründe, Verletzlichkeit oder stille Hoffnungen auf die Tonspur zu bannen, man denke nur an das in Casablanca unsterblich gewordene "As Time Goes By" .
Genau für diese dramaturgische Spielwiese wurde dieses Plugin entwickelt. Es löst exakt das ein, was die Ad-Copy prägnant verspricht: Virtual Pianist SCORE ist ohne Zweifel ein „Grand Piano for Cinematic Sounds“.
Heartbroken
in Hollywood
Klanglich präsentiert sich dieses virtuelle Instrument mit einer schier unglaublichen emotionalen Tiefe. Es ist ein Instrument, das so ungemein intim, organisch und verletzlich klingt, als würde Ryan Goslings heartbroken Charakter Sebastian aus Damien Chazelles Meisterwerk „La La Land“ nachts allein im schummrigen Licht eines geschlossenen Jazz-Clubs sitzen und seine ganze Schwermut in die Tasten gießen. Man hört beim Spielen förmlich das Holz, die Resonanz des massiven Korpus und die feinen mechanischen Nuancen der Hämmerchen, die dem Sound eine fast schon greifbare, haptische Qualität verleihen. Der Algorithmus, der das dynamische Spielverlangen interpretiert, liefert hier keinen sterilen MIDI-Output, sondern eine Performance, die atmet.
Keine Bühne
für Boogie Woogie
Dabei verlangt
dieses Plugin von seinem User durchaus eine klare klangästhetische
Entscheidung, denn das Piano hat einen dezidiert definierten, unverwechselbaren
Sound-Charakter. Wer hier schweißtreibenden, erdigen Boogie Woogie, rasanten
Rock ’n’ Roll oder hochglanzpolierten Pop mit brutal hartem Attack und
maximaler Brillanz im Ton spielen will, der sitzt bei dieser Library definitiv
auf dem falschen Dampfer – beziehungsweise am falschen Klavier. Score
glänzt nicht durch schneidende Durchsetzungskraft in einem dichten,
überkomprimierten Radio-Arrangement. Es glänzt durch Wärme, durch extreme
Dynamikreserven im Pianissimo-Bereich und eine samtige, stets leicht
melancholische Grundfärbung, die sich wie ein sanfter filmischer Filter über
die gesamte Produktion legt.
Fazit
Dank der
UJAM-typischen, smarten Phrasen-Engine, die selbst komplexe cineastische
Begleitmuster und Arpeggios mit nur wenigen Tastenanschlägen triggert, lassen
sich hier binnen Sekunden harmonisch anspruchsvolle Layouts und vollwertige
Scores skizzieren. Es ist die perfekte Symbiose aus exzellent gesampeltem
Quellmaterial und einer musikalisch durchdachten Begleitautomatik, die stets
den richtigen narrativen Ton trifft, ohne jemals künstlich zu wirken.
Wer nach einem
klinischen, universellen Allrounder-Piano für jede erdenkliche Chart-Produktion
sucht, wird hier nicht fündig. Wer jedoch die dunkle, emotionale und weite
Tonalität des modernen Kinos in seiner DAW sucht, für den ist Virtual Pianist
SCORE der ideale Flügel für die große Leinwand.