Pads – also jene lang
anhaltenden, zumeist sanft schwebenden Flächensounds – sind ein absoluter
Standard, ein unverzichtbarer musikalischer „Staple“ im Synth-Bereich. In ihrer
Reinform dienen sie primär dazu, einen dichten musikalischen Hintergrund zu
weben, eine emotionale Atmosphäre zu etablieren oder harmonische Flächen zu
erzeugen, die den restlichen Instrumenten ein solides Bett bieten. Sie zeichnen
sich in der Regel durch extrem langsame Ein- und Ausblendzeiten (Attack und
Release), enorm breite, raumfüllende Klangspektren und oftmals subtil
modulierte Klangverläufe aus. Dementsprechend exzessiv werden Pads in der
zeitgenössischen elektronischen Musik, im Ambient, im Pop und ganz besonders in
der modernen Filmmusik eingesetzt, um klangliche Tiefe, psychologische Stimmungen
und eine greifbare räumliche Wirkung zu erschaffen.
Credit Bild: © Crow Hill Company
Die Kehrseite: Ein
richtiges gutes Pad zu kreieren ist leichter gesagt als getan, denn im besten
Fall soll es schließlich nicht völlig statisch oder digital leblos klingen. The
Crow Hill Company legt mit den diametral unterschieldich gelagerten Plugins „Crystal Pads“ und dem brandneuen „Brackish
Pads“ gleich zwei atmosphärische Werkzeuge, die klangliche Kontraste bedienen,
aber in ihrer grundsätzlichen DNA vereint sind: Sounddesign darf niemals starr
sein, es muss organisch klingen.
Crystal Pads: Gläserne
Klang-Architektur
Als kleiens Sequel zum
von John Crapenetr inspirierten „Crystal Pianos“-Release – bei dem gewöhnliche
Haushaltsgläser mittels einer bahnbrechenden Methode (dem sogenannten „Shepperd
Mapping“) zu voll spielbaren, chromatischen Instrumenten transformiert wurden –
folgt nun der nächste logische Schritt in dieser klanglichen Evolution. Crystal
Pads ist ein virtuelles Instrument, das die kompromisslose organische Macht der
Sample-Synthese nutzt, um aus profanen Glasobjekten lebendige, tief atmende
Klangwelten zu formen.
Was dieses Instrument
radikal von generischen, digitalen Synthesizer-Flächen unterscheidet, ist die
schiere harmonische Komplexität seiner unkonventionellen Quelle. Aufgenommen in
den renommierten Gorbals Sound Recording Studios im schottischen Glasgow (unter
der Verwendung eines äußerst edlen Neumann-Mikrofon-Setups, bestehend aus U 87,
KM 84 und KM 184), fängt das Plugin die spezifische, fast schon physische
Resonanz von 18 verschiedenen Glasobjekten ein. Das Resultat ist eine
erstaunliche akustische Lebendigkeit. Diese organischen Texturen verbinden sich
im finalen Mix natürlich, nd unaufdringlicher mit echten Orchesterinstrumenten
oder akustischen Gitarren.
Unter der
spartanischen, aber optisch schön gestalteten Haube stellt das Plugin dem User
insgesamt 48 sorgfältig kuratierte Pads zur Verfügung (aufgeteilt in 16
Basis-Sets). Die eigentliche Magie liegt jedoch in der dreigliedrigen
Architektur. Jedes Preset besteht aus drei völlig unabhängig voneinander
kontrollierbaren und stimmbaren Layern (von Crow Hill „Partials“ getauft):
Fundamental: Die
klangliche Basis. Hier liegen die satten, unerschütterlich stabilen Grundtöne,
die das musikalische Fundament gießen.
Harmonic: Diese Ebene
addiert komplexe Obertöne und einen klanglichen Reichtum, der dem Sound seine
eigentliche Tiefe und cineastische Textur verleiht.
Genies: Die
personifizierte Unberechenbarkeit. Hier verbergen sich gläserne, unerwartete
Überraschungen und Artefakte. Diese Layer tauchen eher episodisch auf,
durchbrechen lange, monotone Loops mit unvorhersehbaren Momenten und hauchen
dem Sound eine lebendige Unberechenbarkeit ein, ohne dass das Plugin den
kompositorischen Fluss diktiert.
Natürlich: Trotz
dieser Tweaking-Möglichkeiten ist dieses Pads-Plugin eines, das – wie schon das
Crystal Piano – extrem subtil ist, manchen wohl sogar zu subtil. Extreme
Variationen, wie man sie von den Pads moderner Synths oder komplexen
Vintage-Synthesizern kennt, bekommt man hier nicht. Auch ist der
Anwendungsbereich ex consequenti eher beschränkt. Wer jedoch auf „Glassiness“
steht und eine LoFi-artige Ambient-Ästhetik in die eigenen Recordings bringen
möchte, wird mit diesem günstigen Plugin durchaus glücklich werden – und
vielleicht springt dabei sogar der eine oder andere Funke kristallklarer
Inspiration über.
Brackish Pads: Die
charmante Unvollkommenheit als narratives Werkzeug
Als massiven, düsteren
Gegenentwurf zur kristallinen, fast schon engelsgleichen Reinheit schiebt Crow
Hill nun Brackish Pads hinterher. Wenn der Vorgänger das Licht bricht, suhlt
sich dieser Neuzugang förmlich in der akustischen Dunkelheit und klanglichen
Patina. Ebenfalls entwickelt von Crow Hill-Mitbegründer Media-Composer
Christian Henson, repräsentiert diese Library die rohen, ungeschönten Werkzeuge
seines eigenen Studioalltags. Hensons Kerngedanke ist so simpel wie bestechend:
Filmmusik soll in erster Linie Geschichten erzählen und narrative Bögen stützen
– und menschliche Erzählstrukturen, Gedanken und Sprachmuster sind in der
Realität niemals aalglatt oder makellos. Sie stottern, sie zögern, sie sind
voller Brüche und Unschärfen.
Credit Bild: © Crow Hill Company
Genau diese
zeitgeistige Unvollkommenheit macht Brackish Pads zum vielleicht originellsten
und mutigsten Release der Edinburgher Softwareschmiede. Statt steriler
Breitwand-Akkorde regiert hier das faszinierende Unberechenbare: mikrotonale
Reibungen, strangulierte Töne und charmant stotternde Modulationen. Auch hier
operiert die Engine mit einer Trias an Layern: Neben „Basic“ (für die schwere
analoge Basis) und „Complex“ (für dichte Harmonien) sind es vor allem die
sogenannten „Critters“, die den Unterschied machen. Hier lauern unangenehme,
bizarre oder schlicht überraschende Artefakte – wie etwa der stolpernde,
zögerliche „Aleaggiator“-Sound –, die für extrem charakterstarken Schmutz
sorgen. Komplett durch analoge Röhren gejagt, merkt man diesen exzellent
klingenden, dezidiert auf Filmmusik ausgerichteten Pads-Generatoren ihre
organische Herkunft und ihre analoge Unperfektion in jeder gespielten Note an.
Fazit