Sonntag, 5. Juli 2026

MARILYN MONROE 100 – Ein prachtvoller Bildband zum 100. Geburtstag einer unsterblichen Legende

Credit Coverbild: © Prestel Verlag
Norma Jeane Baker, die die Welt später als Marilyn Monroe kennenlernen sollte, steht bis heute wie kaum eine andere Persönlichkeit für Glanz und Elend der Traumfabrik Hollywood. Sie war Sexsymbol und Schauspielerin, Projektionsfläche und Intellektuelle, verletzlicher Mensch und sorgfältig erschaffene Kunstfigur zugleich. Nur wenige Stars haben die Popkultur des 20. Jahrhunderts so nachhaltig geprägt wie sie - trotz oder auch wegen ihres frühen Todes mit nur 36 Jahren, der ihren Mythos bis heute am Leben hält: Monroe wurde nicht alt, sie wurde unsterblich.

2026 wäre sie 100 geworden. Anlässlich dieses Jubiläums erscheint mit "Marilyn Monroe 100" ein hochwertiger Bildband, der sich nicht nur als Hommage an eine Hollywood-Legende versteht, sondern zugleich als sorgfältig kuratierte Zeitreise durch Leben, Karriere und öffentliche Wahrnehmung einer Frau, die weit mehr war als die berühmteste Blondine der Filmgeschichte.

Bereits die äußere Gestaltung macht deutlich, dass man es hier nicht mit einer gewöhnlichen Bild-Biografie zu tun hat. Diese "Centennial Edition" präsentiert sich in einer ausgesprochen edlen Aufmachung, deren hochwertige Verarbeitung dem Status ihres Sujets gerecht wird. Der schwere Band ist ein bibliophiles Sammlerstück für Liebhaber klassischer Hollywood-Fotografie.  Besonders beeindruckend ist die Qualität der Reproduktionen. Die Bilder erscheinen in beeindruckender Brillanz und Detailtiefe. Die wahre Stärke des Bandes liegt jedoch in seiner fotografischen Auswahl. Marilyn vor den Kameras der größten Fotografen ihrer Zeit. Vertreten sind zahlreiche der bedeutendsten Bildkünstler des 20. Jahrhunderts, darunter Eve Arnold, Richard Avedon, Henri Cartier-Bresson oder Sam Shaw – jenes legendäre Foto eingeschlossen, das Marilyn Monroe im weißen Kleid über dem U-Bahn-Schacht während der Dreharbeiten zu „The Seven Year Itch“ zeigt und längst zur Ikone der Popgeschichte geworden ist.

Dabei beschränkt sich der Band erfreulicherweise nicht ausschließlich auf die bekannten Motive. Auffallend viele Aufnahmen dürften selbst langjährigen Monroe-Fans bislang kaum begegnet sein oder wurden nur äußerst selten publiziert. Gerade diese Mischung aus ikonischen Bildern und weniger bekannten Fotografien verleiht dem Buch seinen besonderen Reiz.

Vielleicht liegt die größte Qualität dieses Buchs darin, dass es Marilyn Monroe nicht ausschließlich als Verkörperung des amerikanischen Nachkriegs-Glamours präsentiert. Autorin und Kulturkritikerin Rachel Syme widmet sich in ihrem einfühlsamen Vorwort genau diesen Widersprüchen: Marilyn war eine Frau, die zwar als „Blonde Bombshell“ weltberühmt wurde, gleichzeitig jedoch leidenschaftlich Dostojewski las, Bücher sammelte, sich intensiv für Literatur interessierte und weit gebildeter war, als ihr öffentliches Image vermuten ließ. Monroe erscheint als jemand, der sich selbst immer wieder neu erfand – aus Norma Jeane Baker wurde Marilyn Monroe, aus dem schüchternen Waisenmädchen die wohl berühmteste Filmikone ihrer Generation. Gerade diese Ambivalenz zwischen Kunstfigur und Privatperson zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Band.

Credit Bild: © Florea Diamonds
Credit Bild: © Elliott Erwitt
Credit Bild: © Sam Shaw
Natürlich spart das Buch die dunkleren Kapitel ihres Lebens nicht völlig aus, die späten Jahre, persönliche Krisen und ihre bis heute diskutierten gesundheitlichen wie emotionalen Probleme werden durchaus thematisiert. Dennoch fällt auf, dass diese Aspekte
vergleichsweise zurückhaltend behandelt werden. Dies hängt wohl auch damit zusammen, dass dieses Buch in enger Zusammenarbeit mit dem Marilyn Monroe Estate entstanden ist. Der Fokus liegt also weniger auf Sensationslust oder spekulativen Deutungen als vielmehr auf dem Lebenswerk und dem kulturellen Vermächtnis der Schauspielerin. Für Leser, die eine investigative Biografie erwarten, mag dies eine kleine Einschränkung darstellen.

Die zahlreichen Fotosessions offenbaren eine erstaunliche Nähe. Manche Aufnahmen wirken für ihre Entstehungszeit beinahe überraschend intim und persönlich. Sie zeigen keine perfekte Leinwandgöttin, sondern eine nachdenkliche Frau, die zwischen Unsicherheit, Selbstbewusstsein und Professionalität pendelt. Immer wieder entsteht der Eindruck, als habe Marilyn den Fotografen bewusst Einblicke hinter die sorgfältig aufgebaute Fassade gewährt. Diese Momente verleihen dem Band eine bemerkenswerte emotionale Tiefe.

Auch textlich überzeugt die Centennial Edition. Die vielen Originalzitate und zeitgenössischen Aussagen vermitteln ein wesentlich differenzierteres Bild, als es populäre Monroe-Klischees vermuten lassen. Selbst wer bereits zahlreiche Biografien über Marilyn Monroe gelesen hat, wird hier zwar kaum revolutionär neue Fakten entdecken. Die zusammengestellten O-Töne eröffnen jedoch interessante Einblicke in ihr Innenleben und zeigen eindrucksvoll, wie reflektiert, intelligent und selbstkritisch sie tatsächlich war. In Zeiten permanenter Social-Media-Präsenz und ständiger öffentlicher Verfügbarkeit wirkt Marilyns sorgfältig kultivierter Mythos beinahe wie ein Relikt aus einer anderen Welt. Sie verkörpert den klassischen Hollywood-Star im ursprünglichen Sinn: geschaffen von den Studios, umgeben von Geheimnissen, stilisiert zur Legende. Eine vergleichbare Aura besitzen heutige Prominente kaum noch.

Gerade deshalb entfalten diese Fotografien heute eine fast magische Wirkung. Dieser Band ist eine visuelle Liebeserklärung an eine Frau voller Widersprüche. Ein prachtvolles Buch über einen Star, wie es ihn wahrscheinlich nie wieder geben wird.

Marilyn Monroe 100, erschienen im Prestel Verlag