Sonntag, 21. Juni 2026

MERCURIALL SUN-100 Test: Die digitale Wiedergeburt der Soldano-Legende

Credit Bild: © Mercuriall
1987 war zweifelsohne ein gutes Jahr. Die weltweite Hard-Rock- und Heavy-Metal-Welle steuerte unaufhaltsam auf ihren absoluten, stadionfüllenden Höhepunkt zu – es war eine Ära, in der Gitarrensoli noch Popkultur-Relevanz besaßen. Weltpolitisch kam es zu tektonischen Verschiebungen des Wandels. Im Februar signalisierte der sowjetische Führer Michail Gorbatschow seine Bereitschaft, ein weitreichendes Abkommen zur Verringerung nuklearer Mittelstreckenraketen mit den USA zu schließen – ein entscheidender Schritt im Kalten Krieg in Richtung einer spürbaren Entspannung. Ökologisch wurden eines der erfolgreichsten internationalen Umweltabkommen überhaupt und initiierte die langsame, aber stetige Erholung der Ozonschicht. Ein Jahr des Aufbruchs also. Und ganz nebenbei bemerkt: Auch der Autor dieser Zeilen erblickte in ebenjenem Jahr das Licht der Welt. Auch in Scahen Amps att sich einiges:Der Amp-Designer Mike Soldano brachte einen High-Gain-Verstärker auf den Markt, wie man ihn in dieser kompromisslosen Form bis dato schlichtweg nicht kannte: den Soldano Super Lead Overdrive 100, kurz SLO-100, ein Paradigmenwechsel in Röhrenform

High Gain-Pionier

Zwar gab es damals schon von findigen Tüftlern und Technikern heißgemachte, "hot-rodded" Marshalls, und auch der Mesa Boogie Mark II ermöglichte bereits extrem verzerrte Sounds,. Doch Soldanos progressives Design war dennoch ein immenser, klanglich tiefgreifender Schritt nach vorne. Was diesen Amp von der Masse der aufgemotzten Röhrenboliden absetzte, war sein. Die Verzerrung war extrem dicht, organisch und gesättigt, aber niemals matschig; sie besaß eine Durchsetzungskraft im Mix, die bei den stark produzierten Alben der späten Achtziger unerlässlich war. Hinzu kam das ungemein süß singende Sustain.

Zudem sorgte die ausgeklügelte Architektur mit einem äußerst flexiblen Clean-, Crunch- und Lead-Kanal dafür, dass sich dieser Verstärker keineswegs nur auf ein einziges Genre festlegen ließ. Es ist ein faszinierendes Phänomen der Musikgeschichte, dass völlig konträre Player – von Eric Clapton über Mark Knopfler, Gary Moore und Warren DeMartini bis hin zu Eddie Van Halen –einen Soldano auf der Bühne oder im Studio spielten. Bis heute gilt der SLO-100 als unumstößliche Referen-Amp in Scahen High Class-Sound. Ein Archetyp, der gefühlt in den letzten Jahren wieder  zunehmend an Popularität gewonnen hat, da sein charakteristischer "Growl" in modernen Produktionen wieder verstärkt als wärmerer Gegenpol zu sterilenSounds gefragt ist.

Der Mercuriall Sun 100

Mit dem Sun 100 legt nun auch die russische Plugin-Schmiede Mercuriall eine digitale Version dieses ikonischen Amps vor. Man muss dazu festhalten: Eine Emulation des SLO-100 findet sich mittlerweile im Programm von fast allen namhaften Plugin-Herstellern. Die Konkurrenz ist dementsprechend enorm und der Markt an Amp-Sims eigentlich übersättigt. Lässt der Sun 100 also tatsächlich aus die Sonne aufgehen – oder handelt es sich nur um ein weiteres Derivat? Finden wir es heraus.

Der Mercuriall Sun 100 basiert in seinem komplexen Modeling-Code auf einer ganz spezifischen Hardware-Revision ein: einer 2015er Version des Soldano SLO-100. Diese bewusste Wahl ist klanglich von entscheidender Bedeutung. Im direkten Vergleich zu anderen Soldano-Amp-Sims auf dem Markt klingt diese Iteration hörbar roher, wilder und ungezähmter.

Hier ein Einblick in den komplexen Modeling-Prozess:

Credit Bild: © Mercuriall

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Authentizität in Bits und Bytes: Sound und Workflow

Wie man das von den Software-Architekten bei Mercuriall bereits gewohnt ist, ist auch diese Digitalisierung absolut minutiös und detailversessen ausgeführt. Der Sun 100 vereint unter seiner Benutzeroberfläche alles, was man vom echten Hardware-Vorbild liebt und erwartet. Die unbestechliche Präzision und Artikulation, mit der das Plugin auf die Spieldynamik reagiert, ist regelrecht greifbar. Die perkussiven 80s-Cleans perlen förmlich aus den virtuellen Speakern, doch die eigentliche Magie passiert in den Overdrive-Stufen.

Greift man in die Saiten – im Idealfall mit einer klassischen Superstrat wie einer Charvelderen heiße Humbucker den Amp präzise anfeuern – entfaltet das Plugin ungemein vielseitige Crunch-Nuancen. Dreht man das Gain weiter auf, offenbart sich jener legendäre, flüssige High-Gain-Lead-Sound, der noch heute als absoluter Referenz-Sound gilt. Selbst bei extremen Settings bleibt die Saitentrennung erhalten, komplexe Akkorde verschwimmen nicht zu einem undefinierten Rauschen, sondern behalten stets ihren musikalischen und harmonischen Kontext. Mercuriall verzichtet auf unnötigen GUI-Ballast und konzentriert sich ganz auf das akkurate Nachbilden der Schaltkreise. Das Resultat fühlt sich out of the box "produziert" an, ohne dabei steril zu wirken.

Fazit

Mercuriall liefert mit dem Sun 100 ein echtes Powerhouse ab. Anstatt den Sound künstlich zu glätten, haben sie die brachiale, ungezähmten Geist der 2015er Hardware-Revision perfekt konserviert. Für Gitarristen und Produzenten, die auf der Suche nach dem ultimativen, atmenden Soldano-Erlebnis in der DAW sind, führt an diesem Plugin kaum ein Weg vorbei. Es ist kompromisslos, musikalisch und klanglich erhaben – und zweifellos eine der besten Soldano-Amp-Sims out there.