Sonntag, 21. Juni 2026

EPIC: Elvis Presley in Concert – Baz Luhrmanns fiebriger Blick auf den King

Credit Bild: © Plaion Pictures /Sony 
Das Publikum im Halbdunkel des International Hotel in Las Vegas wartet angespannt. Neben dem geschäftigen Treiben des Dining-Betriebs harren sie der Ankunft eines Halbgotts aus Memphis, Tennessee, der die frohe Kunde vom Rock ‚n‘ Roll verkünden soll. Neben dem Publikum ist auch Lucien Ballard, der Kameramann an der Seite Sam Peckinpahs, vor Ort und wird mit seinem Kamera-Team ein Konzert-Spektakel sondergleichen einfangen. Richard Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“ erklingt – Trommeln, die einst als die Menschheitsdämmerung in Stanley Kubricks „2001“ untermalen – kündigen an, dass hier ein Entertainer die Bühne betreten wird, wie es ihn zuvor nicht gegeben hat.

Mich persönlich – als jemanden, der Elvis naturgemäß nie live in Concert erleben konnte – faszinierte immer, wie sehr die Begeisterung und der schiere Drive, den Presley auf den Bühnen zu entfachen vermochte, sich auch im heimischen Wohnzimmer bemerkbar machte. „Mitreißend“ war hier nur ein Hilfsdruck. Ein episches Erlebnis, das nun im wortspielerischen betitelten Film „EPIC – Elvis Presley In Concert“ von Baz Luhrmann neu beleuchtet wird.

Dem australischen Regisseur geht es so wie unzähligen Elvis-Aficionados weltweit: Dieser Mann aus Tupelo lässt ihn einfach nicht los. Diese Faszination merkt eman schon in seinem die Konventionen eines Biopics sprengenden Elvis-Film mit Austin Butler aus dem Jahr 2022 – und sie ist auch in EPIC spürbar.  Im Zuge der Recherchen stieß er in den Archiven von Warner Bros. auf einen regelrechten Schatz: 68 Kisten voller 35-mm- und 8-mm-Filmmaterial, darunter umfangreiche Outtakes aus den Konzertklassikern „Elvis: That's The Way It Is“ (1970) und „Elvis on Tour“ (1972), ergänzt um bis dahin unveröffentlichte Tonaufnahmen und Interviews. Das Rohmaterial musste in akribischer Kleinarbeit restauriert und mit den entsprechenden Tonspuren synchronisiert werden – ein Prozess, der sich über Jahre hinzog. Gemeinsam mit Editor Jonathan Redmond formte Luhrmann daraus keinen klassischen Dokumentarfilm, sondern einen eleganten, rhythmisch nahezu perfekt montierten Konzertfilm. Dieser wird von Elvis selbst erzählt– aus den Interview-Mitschnitten wurde ein posthumes Voice-Over geschnitten, das den Zuschauer unmittelbar in dessen Gedankenwelt eintauchen lässt.

Credit Bild: © Plaion Pictures /Sony 
Luhrmann als Regisseur wird hier zum Arrangeur von Archivmaterial, das in einen Fiebertraum in Cinemascope-Dimensionen gegossen wird. EPIC ist kein Werk für Einsteiger – Luhrmann, dieser cineastische Maximalist lässt das Material sprechen.Wer kein popkulturelles Vorwissen mitbringt und mit der Biographie des King nicht vertraut ist, wird mit diesem Werk ebenso wenig anzufangen wissen wie mit dem 2022er Biopic. Diese Doku widersetzt sich gängigen Konventionen, spielt mit collage-artigen Strukturen – und Luhrmanns Stil findet auch im Konzertfilm-Genre ein ideales Ausdrucksmedium. So wie Luhrmann  das Filmmaterial directed, hängt die Kamera förmlich an jeder Schweißperle – fast so, wie einst die Fans, die sich nach einem Schweißtuch des Kings verzehrten.

Die Doku liefert keine bahnbrechend neuen Informationen – wer mit der Biographie des King vertraut ist, wird wenig Unbekanntes finden – doch zeigt sie erneut warum Elvis eine singuläre Erscheinung war und als Performer bis heute unerreicht bleibt: der schiere Magnetismus, die opernhafte Stimme, die sich wie ein amerikanischer Adler über die dichtesten Band- und Orchesterarrangements erhebt.

EPIC ist kein konventioneller Dokumentarfilm. Es eine Art Hagiographie in Bewegtbildern. Denn hier, in jenen Nächten im International Hotel, vollzieht sich etwas, das weit über Entertainment hinausgeht: ein Künstler am absoluten Gipfel seiner vokalen und performativen Möglichkeiten.

Das Akronym EPIC ist dabei programmatisch gemeint: Elvis Presley In Concert beschreibt präzise, worum es geht – nicht um Biographie, nicht um Skandal, sondern um die Bühne, den Moment, die Magie. Und wenn Richard Strauss‘ Ouvertüre erklingt, die Lichter gedimmt werden und Elvis die Bühne betritt, sagt Luhrmann mehr über das Phänomen Presley als es so manch kenntnisreicher Biographie-Wälzer vermag.

Credit Coverbild: © Plaion Pictures