Dienstag, 16. Juni 2026

ORCHESTRAL TOOLS BENJAMIN WALLFISCH STRINGS & STRINGSCAPES – Gänsehaut-Garantie aus dem Teldex Studio

Credit Bild: © Sven Doornkaat 
Es war ein geradezu erhebendes Gefühl, als ich zum ersten Mal bei den Aufnahmen einer String Section in einem professionellen Studio dabei war: die Bögen setzten an, die ersten Töne erfüllten den Raum, einzelne Instrumente verschmolzen zu einem einzigen gewaltigen Klangkörper. Wer selbst an Filmmusik oder orchestralen Produktionen arbeitet, kommt dabei unweigerlich ins Träumen: Wie wäre es wohl, nicht bloß Beobachter zu sein, sondern selbst ganz vorne zu stehen und die eigene musikalische Vision an ein Ensemble von Weltklasse-Musikern weiterzugeben und sie zu dirigieren?

Genau dieser Idee hat sich die ultra-umfangreiche und enorm ambitionierte String-Library Benjamin Wallfisch Strings aus dem Hause Orchestral Tools verschrieben. Sie möchte nicht weniger, als das Gefühl vermitteln, mitten vor einer lebendigen, atmenden Streichersektion zu stehen und deren Ausdruckskraft unmittelbar unter den eigenen Fingerspitzen zu haben. Ob dieses Versprechen tatsächlich eingelöst wird und ob man sich hier kompromisslos dem Klang eines echten Filmmusik-Ensembles annähert, finden wir im folgenden Review heraus.

Ein Star zeitgenössischer Filmmusik

Um zu verstehen, warum diese Library so klingt wie sie klingt, lohnt ein Blick auf den Mann dahinter. Benjamin Wallfisch zählt fraglos zu den Superstars der modernen Filmmusikszene. Seine Soundtracks, etwa für „Blade Runner 2049" in Zusammenarbeit mit Hans Zimmer oder auch „Alien:Romulus“, gehören zum Besten, was das moderne Scoring zu bieten hat. Dabei ist Benjamin Wallfisch ein Meister vieler Sparten: einerseits klassisch ausgebildet am Orchester, andererseits aber auch im Umgang mit elektronischen Klängen versiert. Diesen dezidiert nicht nur klassischen Approach merkt man auch bei dieser String-Library.

Wallfisch – geboren 1979, aufgewachsen in einer durch und durch musikalischen Familie, mit Musikereltern und einem Pianisten-Großvater– ist kein gewöhnlicher Filmkomponist. Mit fünf Jahren begann er Klavier zu spielen, mit sechs zu komponieren. Später absolvierte er die Guildhall School of Music und die Royal Academy of Music in London, bevor ihn Mentoren wie Dario Marianelli und schließlich Hans Zimmer in ihre Umlaufbahn zogen. Wallfischs klassische Frühjahre – mit Dirigaten vor der BBC Symphony Orchestra, dem London Symphony Orchestra und der Philharmonia – schärften ein orchestrales Gespür, das sich in jedem seiner Filmscores manifestiert.

Was folgte, ist moderne Kinogeschichte. Die Kollaboration mit Hans Zimmer für „Hidden Figures" brachte eine Golden Globe-Nominierung, „Blade Runner 2049" Grammy- und BAFTA-Nominierungen, „IT" machte ihn zu einer der ersten Adresse für Horror-Scoring schlechthin. Seither hat Wallfisch an über achtzig Spielfilmen mitgewirkt. Eines seiner jüngsten Werk, der Score zur HBO-Prequel-Serie „IT: Welcome to Derry", unterstrich einmal mehr seine unheimliche Fähigkeit, mittels Streicher akustische Jump Scares zu fabrizieren – Haare im Nacken inklusive.

Doch Wallfisch ist, und das ist entscheidend für das Verständnis dieser Library, kein reiner Orchestral-Traditionalist. Sein Ansatz verbindet klassische Akkuratesse mit dem Ohr eines Sounddesigners, der keine Berührungsängste mit elektronischen Texturen kennt. In seinem Homestudio steht der Vintage Synthesizer nicht weit vom Piano entfernt. Exakt diese Hybrididentität hat er nun in einem Sample-Library-Duo kodiert.

Das Yin & Yang: Strings und Stringscapes als komplementäres Duo

Credit Bild: © Orchestral Tools
Orchestral Tools und Wallfisch liefern hier ein Duo, das gerade in seiner Komplementarität seine wahre Stärke entfaltet. Benjamin Wallfisch Strings (BWS) ist die klassische Seite: cineastische Ensemble- und Divisi-Aufnahmen, konzipiert als direkter Zugang zur Welt der Cinematic-Streicher. Stringscapes by Benjamin Wallfisch ist das dunkle Gegenstück – ein Arsenal aus orchestralen Streichertexturen und -effekten, das sich irgendwo zwischen zeitgenössischem Sounddesign und dem klanglichen Alptraumkabinett eines Bernard Herrmann sowie klassischer Horror-Soundtracks bewegt.

Benjamin Wallfisch Strings

Credit Bild: © Orchestral Tools
Das Ziel war es für Wallfisch, eine möglichst realistische, natürliche und organisch klingende String-Library zu erschaffen, bei der man sich so fühlt, als würde man direkt vor einer professionellen String-Section stehen. Nachdem ich diese Library nun einige Wochen getestet habe, kann ich konstatieren: Dies ist vollends geglückt.

Aufgenommen wurde das gesamte Projekt auf der Hauptbühne der Teldex Studios in Berlin – jener legendären Scoring Stage, auf der Orchestral Tools auch ihre Berlin Series, die Metropolis Ark Series und zahlreiche weitere Flaggschiffe eingespielt hat. Die Besetzung: 14 erste Violinen, 12 zweite Violinen (mit eigens anders besetzten Spielern), 10 Violen, 10 Celli und sechs Kontrabässe. Eine vollwertige, professionelle Streicherbesetzung – keine Kompromisslösung.

Für diese Library braucht man allerdings einen leistungsstarken Computer. In meinem Praxistest funktionierte das Laden von der internen Festplatte meines Laptops wesentlich flüssiger als von einer externen SSD. Allerdings lassen sich Mikrofonpositionen zusammenführen, um CPU-Leistung zu sparen, und außerdem können einzelne Elemente sowie Mic-Positionen gezielt installiert werden. Das schont das System.Mit meinen 32 GB RAM, einer 1-TB-Festplatte und einem Intel-i9-Prozessor hatte ich jedenfalls keinerlei Probleme.

Ein zentrales konzeptionelles Statement dieser Library ist die konsequente Abkehr von Sample-Loops für lange Töne. Wallfisch, der immer wieder die Lücke zwischen realen Orchesteraufnahmen und Sample-Libraries beklagte, ließ die Spieler ihre Sustains 23 bis 25 Sekunden lang halten – ein Ansatz, der den natürlichen Atem der Instrumente bewahrt und dem Ergebnis eine organische Lebendigkeit verleiht, die loop-basierte Bibliotheken schlicht nicht replizieren können. Ein radikaler, konsequenter Entscheid, der hörbar Früchte trägt.

Das resultierende Timbre erinnert gleichzeitig an Angelo Badalamentis melancholische Klangwelten und die eiskalte Eleganz von „Basic Instinct“, wirkt dabei messerscharf und verweist zugleich auf ein zeitgenössisches, hybrides Klangvokabular, das Bernard Herrmann wohl mit Begeisterung adaptiert hätte, wäre er in der Ära moderner Elektronik aufgewachsen. Genau dort siedelt sich diese Library an.

Die fünf Dynamikebenen für alle Kernartikulationen sind dabei nicht nur ein Feature auf einer Spezifikationsliste, sondern klingen auch entsprechend überzeugend. Das automatische Ansteigen des Vibratos in höheren Dynamiken unterstreicht emotionale Höhepunkte auf eine Art, die sich intuitiv und musikalisch richtig anfühlt – als hätte man echten Spielern gegenüber schlicht die Hand gehoben. Diese Unmittelbarkeit in der Ausdruckskontrolle ist selten in dieser Kategorie.

Stringscapes

Credit Bild: © Orchestral Tools
Stringscapes wiederum ist die dunkle Kammer dieses Duos. Die Bandbreite reicht von subtilen Ambisonics über bedrohliche Cluster-Texturen bis zu dem, was die Entwickler ohne Umschweife als „terrifying sonic vistas from the gates of hell itself“ beschreiben – und das ist keine Übertreibung, sondern eine treffende Beschreibung des tatsächlichen Klangpotenzials.

Streicher, die wie Norman Bates' Messer herabsausen. Artikulationen, die sich wie ein Schatten über ein Kleinstadtidyll legen. Hier findet sich das Sounddesign-Vokabular der modernen Horrorfilmmusik in seiner destilliertesten Form: György Ligetis Mikropolyphonie trifft auf Wallfischs eigene Horror-Erfahrung aus der „IT“-Franchise, und das Resultat klingt, als hätte man Pennywises gesamtes klangliches Repertoire in einem einzigen Plugin gebündelt.

Eine String-Library mit dem gewissen „It“-Faktor. Um Wallfischs persönlichem Stil gerecht zu werden, braucht man sowohl Strings als auch Stringscapes.

SINE-Player-Workflow

Credit Bild: © Orchestral Tools
Der grafisch reduzierte, intuitiv bedienbare SINE Player ist für Kenner der Orchestral-Tools-Welt keine Überraschung. Neben dem Handling fällt die selektive Download-Option positiv auf: Sie erlaubt es, zunächst nur jene Instrumente und Mikrofonpositionen herunterzuladen, die aktuell benötigt werden – ein pragmatischer Ansatz, der die anfängliche Datenmenge handhabbar macht.

Die multiple Mic-Position-Architektur ermöglicht ein detailliertes Mischen innerhalb des Players, mit der Möglichkeit, mehrere Positionen zu einem einzigen Channel zu mergen – ein nicht zu unterschätzender Vorteil in professionellen Workflows, in denen Ressourcenmanagement entscheidend ist. Bemerkenswert ist zudem die Atmos-Konfiguration, die diese Library für immersive Audioproduktionen qualifiziert und einen Blick in die Zukunft des Cinematic Scoring öffnet.

Die Autoswitch- und Remapping-Funktionen des Players tragen zusätzlich dazu bei, dass sich BWS nicht wie ein akademisches Archiv, sondern wie ein lebendiges Kompositionsinstrument anfühlt – eines, das den kreativen Flow nicht unterbricht.

Fazit

Benjamin Wallfisch Strings und Stringscapes by Benjamin Wallfisch sind weder ein Nostalgieprodukt noch eine weitere Derivat-Library in einem längst überfüllten Markt. Sie sind der konsequente Versuch eines der bedeutendsten aktiven Filmkomponisten, jene Lücke zu schließen, die ihn als Anwender von Sample-Libraries jahrzehntelang frustriert hat – und dieser Versuch ist nicht nur geglückt, sondern setzt einen neuen Referenzpunkt.

An diesen beiden Libraries ist nicht alles klassisches „Bread & Butter“. Gleichzeitig haben sowohl Strings als auch Stringscapes das Zeug dazu, zum täglichen „Daily Driver“ beim Komponieren zu werden. Der organische, nicht sterile Charakter dieser Streicher – ihre Fähigkeit, echte Emotionen zu transportieren, ob in der brachialen Wucht eines Tutti-Climax oder in der leisen Bedrohlichkeit einer Stringscapes-Textur – unterscheidet BWS fundamental von dem, was man sonst in dieser Kategorie findet.

Man kauft hier nicht nur Samples, man kauft Wallfischs Scoring-Philosophie: die Überzeugung, dass das Beste an echten Orchestern nicht ihre Perfektion, sondern ihre Atmung, ihr Leben ist. Beherrscht man die komplexen Artikulationen, ist das ganz großes Kino – man fühlt sich tatsächlich wie inmitten des Ensembles.

Grundsätzlich richten sich beide Produkte natürlich an professionelle Anwender. Wer lediglich einen schnellen Ersatz für ein Live-Orchester sucht, wird die Möglichkeiten, die diese Library bietet, kaum ausschöpfen.

BWS und die ergänzenden Stringscapes liefern Gänsehaut ab dem ersten Ton und vermögen echte Emotionen zu wecken. Das ist letztlich das größte Kompliment, das man einer String-Library machen kann.

Credit Bild: © Orchestral Tools