
Credit Bild: © Bogren Digital
Die schwedische
Plugin-Schmiede Bogren Digital – das Brainchild des international renommierten
Metal-Produzenten Jens Bogren – hat sich seit einigen Jahren einen exzellenten Namen
im Bereich der Amp-Sims gemacht. Diese richteten sich bislang jedoch dezidiert
an jene Fraktion, die in die Heavy- und kompromisslos verzerrte Schiene tendierte.
Mit den neu erschienenen Plugins Fatman & Duet wagen sich die Skandinavier
nun jedoch aus ihrer Komfortzone heraus und erstmals tief in klassisch kalifornische
Gefilde – mitten hinein in den klanglich so sensiblen Bereich von Clean- und
Edge-of-Breakup-Tones und Sounds fender´schen Zuschnitts.
Credit Bild: © Bogren Digital
Das ist zweifelsohne
ein überaus interessanter, ja mutiger Schritt. Denn ebenso wie es bei einer
akkuraten britischen Amp-Sim oder einem tight artikulierenden, rhythmischen
Chug-Chug-High-Gain-Sound auf die allerletzten Nuancen und Details ankommt, so
ist auch der klassisch amerikanische Bereich eine absolute Kunst für sich.
Dieses ganz spezifische klangliche Biotop lebt von einem hochgradig subtilen
Zusammenspiel: dem klassischen Klangideal nach Leo Fender, dem perfekten Reverb
und jenen geradezu filigranen Schattierungen und dynamischen Übergängen, bei
denen ein cleaner Ton bei härterem Anschlag ganz leicht in den Overdrive kippt.
Also holen wir die
Stratocaster und Telecaster aus dem Koffer, stöpseln uns direkt ins Interface
ein, wählen Pro Tools auf und werfen einen Blick auf zwei digitale Amps, die nach
Verstärkern modelliert wurden, die Teil des Inventars von Bogrens eigenem
Fascination Street Studio in Örebro sind.
Der Fatman: Prototypischer
Tweed mit Reverb-Upgrade
Beginnen wir mit dem
Fatman, der sich stilvoll in feinsten, wenngleich stark in Mitleidenschaft
gezogenen Tweed-Bezug hüllt. Das skeuomorphisch enorm attraktiv und
fotorealistisch gestaltete GUI orientiert sich unverkennbar am legendären
Fender Bassman. Einem klassischen Röhrenverstärker, der – wie der Name schon
unmissverständlich sagt – in den Fünfzigerjahren eigentlich für Bassisten
entworfen wurde. Historisch gesehen wurde er jedoch eher selten von ebenjenen
Tieftönern verwendet, sondern rasch von findigen Rock-’n’-Roller und Bluesern
mit der Sechssaitigen adoptiert. Der Grund dafür lag schlicht in seiner ungemein
gitarrenfreundlichen, warmen und durchsetzungsstarken Klangcharakteristik.
Credit Bild: © Bogren Digital
Während der Amp im
historischen Original eigentlich keinen integrierten Federhall aufweist, wird
er hier virtuell mit einem zusätzlichen Reverb ausgestattet(überdies kann man
bei beiden dieser neuen Bogren-Plugins auch einen Room Reverb-Sound hinzumischen).
Der „Haupt-Hall“ ist ein klassischer Federhall, „scheppert“ authentisch und erweitert
den sehr direkten Bassman-Sound um eine wunderschöne, dreidimensionale Tiefe,
die sofort für Atmosphäre sorgt. Wenn man den „Fatman“ spielt, merkt man
sofort, dass Bogren den Fokus auf genau jenen prototypischen Bassman-Sound
gelegt hat, der diesen Amp-Klassiker so berühmt gemacht hat: Es ist dieser
aggressive, aber dennoch niemals schneidende Growl, der jeden Single-Note-Lick
wie von selbst in den Vordergrund drückt. Beeindruckend ist, wie der Fatman auf
die Dynamik des Anschlags reagiert. Es ist ein Sound, der von „tief und warm“
bis hin zu „dreckig und spitz“ alle Nuancen des klassischen Blues- und
Rock-Spektrums abdeckt: das klingt nach Stones, Black Crowes, Buddy Guy.
Durch die der
Ampknob-Reihe eigene Reduktion auf ein
Mindestmaß an Knöpfen sind nicht zwar alle Sounds, die man mit einem
Fender-Tweed erreichen kann, möglich, woran auch der recht subtile, nicht
tweakbare Boost nichts ändert. Den typisch kernigen Tweed-Sound fängt dieses
Plugin dennoch gut ein.
Der Duet: Glockige
Brillanz und die Philosophie der Reduktion
Das zweite Plugin im
Bunde lehnt sich klanglich unmissverständlich an den legendären
Blackface Twin Reverb an. Wo der Fatman eher in den rauen Mitten lebt, zeigt
sich der Duet als absoluter Meister der glockigen, obertonreichen Brillanz.
Bogren hat es geschafft, diese typische, fast schon hifi-artige Färbung des
Originals einzufangen, die den Sound so groß, weit und dreidimensional wirken
lässt.
Credit Bild: © Bogren Digital
Betätigt man den Boost-Schalter, bekommt das Signal eine seidige Kompression und einen dezenten Mitten-Push – ganz im Stile eines klassischen, sanft eingestellten Tubescreamers vor einem cleanen Amp. Der Duet liefert exakt jenen unfassbar weiten, perlenden Sound, der ihn zur ultimativen Pedal-Plattform im Studio macht. Selbstverständlich kann jedoch auch dieser cleane Riese wunderbar organisch in die Sättigung gefahren werden. Neben dem obligatorischen Spring- und Room-Reverb bringt der Amp zudem ein herrlich analoges Tremolo mit, das dem cleanen Fundament das finale Vintage-Finishing verleiht und sicher zu den Highlights dieses Plugins zählt. Cleane bis leicht angezerrte Akkorde und Single Note Lines - man denke etwa an das Americana-Genre - klingen mit diesem Plugin großartig, wer jedoch den perfekten texanischen Blues Rock Sound inkl. prägnantem Mid Frequency-Push sucht, findet mit diesem Plugin eher nicht das perfekte Match.
Die Konfession
eines Tweakers
Was beide Plugins
trotz ihrer fundamental unterschiedlichen Klangfärbung radikal eint, ist das zuvor
schon kurz angedeutete, radikal reduzierte Interface. Bogren verfolgt hier eine
kompromisslose Philosophie der extremen Vereinfachung: Bei dieser Plugin-Reihe
geht es um ein absolutes Mindestmaß an Knöpfen – also der totale Gegenentwurf
zu so gut wie jedem anderen Hersteller
auf dem Markt. Die Entwickler fassen das wie folgt zusammen: „Produzent Jens
Bogren hat jeden einzelnen Ampknob so entwickelt, dass er den bestmöglichen
Klang liefert, sobald man ihn lädt. Kein Feintuning, keine Ablenkungen –
einfach dein fertiger Sound in Sekundenschnelle. Beginne mit einem fertigen
Sound.“
Regelmäßige Leser
dieser Zeilen werden an dieser Stelle vermutlich nicht überrascht sein, wenn
ich ein Geständnis ablege: Ich bin im ein absoluter Tweaker. Ich liebe es
Knöpfe präzise einzustellen, Frequenzen chirurgisch zu sezieren, virtuelle
Mikrofonkapseln um Millimeter vor der Kalotte zu verschieben und an komplexen
Signalwegen zu feilen.
Und dennoch sprechen mich
diese Ampknobs an. Dass ein einziger, dominanter Hauptregler (der quasi Gain
und ein intelligentes, internes Level-Matching gleichzeitig steuert), ein
virtueller Pedal-Schalter als Boost, ein paar ausgewählte Cab-IRs sowie die
spartanischen Regler für die Effekte tatsächlich ausreichen können, reicht in
diesme Fall für einen sehr guten Sound. Der Bogren-Sound ist hier tatsächlich
nicht nur zu 100 % mix-ready, sondern er liefert so etwas wie den idealisierten
Patch, die absolute Platin-Blaupause der jeweiligen Verstärker-Ikonen. Man hört
ab der ersten Sekunde einen perfekten, studiotauglichen Sound – ganz ohne
stundenlanges Tweaking.
Fazit
hart umkämpften
Segment der Fender-Emulationen und Clean-/Edge-of-Breakup-Sounds sieht sich
Bogren Digital naturgemäß mit einer immensen, alteingesessenen Konkurrenz
konfrontiert. Eine Konkurrenz wesentlich mehr Eingriffe in den Sound zulässt
und so oft eine breitere Klangpalette abdeckt. Wer also seinen Sound bis ins
letzte Detail kontrollieren will, wird mit diesem radikalen Konzept schlichtweg
nicht glücklich werden und muss zwangsläufig woanders suchen. Das Fehlen
tiefergehender Sounddesign-Eingriffe ist der Preis, den man für diese
kompromisslose Streamlining-Philosophie zahlt. Wer aber ein unkompliziertes,
blitzschnelles Werkzeug sucht, der wird die Ampknobs lieben. Es ist die
radikale Kunst des Weglassens - mit überzeugenden Sounds von feinstem Clean hin
zu erdiger Distortion.