Die Geschichte der elektronischen Klangerzeugung ist geprägt von
stetigen Paradigmenwechseln. Während die klassisch-analogen Emulationen den
Markt lange Zeit geradezu dominierten, rücken zunehmend eine andere, weitaus
experimentellere Form der Soundarchitektur ins Zentrum moderner Produktionen.
Der neue Grainferno Synth aus dem Hause Baby Audio widmet sich genau diesem
gegenwärtig extrem trendenden Thema der granularen Synthese – und liefert dabei
schlichtweg eines der interessantesten und potentesten virtuellen Instrumente
der letzten Zeit. Als dezidiertes Granular Synth Plugin konzipiert, schlägt
Baby Audio hier eine Brücke zwischen akademischer Klangforschung und hochgradig
musikalischem Sounddesign.
Credit Bild: © Baby Audio
Against The Grain
Um die Faszination dieses Instruments zu verstehen, muss man sich kurz
vor Augen führen, was unter der Haube eigentlich passiert: Das Prinzip der
granularen Synthese beschreibt eine Form der Klangerzeugung, bei der Sounds
nicht als durchgehende, lineare Tonspur verstanden, sondern in winzige
Fragmente zerlegt werden. Diese sogenannten „Grains“ oder Klangkörner sind
oftmals nur wenige Millisekunden lang. Aus abertausenden solcher isolierter
Mikro-Partikel wird anschließend ein völlig neuer Klang zusammengesetzt. Im
krassen Gegensatz zur klassischen subtraktiven Synthese, bei der man meist mit
statischen Wellenformen, Filtern oder herkömmlichen Oszillatoren arbeitet,
funktioniert granulare Synthese beinahe wie akustische Molekularphysik.
Einzelne Klangsplitter werden bis zur Unkenntlichkeit gedehnt, massiv
geschichtet, rückwärts abgespielt, im Stereobild neu angeordnet oder in ihrer
Abspielgeschwindigkeit radikal verändert. Dadurch entstehen schwebende Flächen,
zerfallende Texturen oder völlig fremdartige Soundgebilde, die paradoxerweise
oft gleichzeitig tief organisch und extrem künstlich wirken.
Stark vereinfacht ausgedrückt: Mit Granularsynthese vermag man
vollkommen einzigartige Synth-Sounds zu erstellen. Selbst die banalsten
Alltagsgeräusche – sei es das Fallen eines Löffels auf einen harten Boden oder
ein simples Räuspern – können, wenn man sie sauber aufnimmt und in einen
leistungsfähigen Granular-Synthesizer einspeist, zu einem via Keyboard
spielbaren, epischen Instrument verwandelt werden. Allein dieser Gedanke macht
schon greifbar, welch immenses Potenzial und welche mannigfaltigen
Möglichkeiten für bis dato ungehörte Klänge und effektive Klangmanipulation in
diesen Designs stecken.
Infernalisch
Apropos Manipulation: Der GrainFerno wirft nicht nur selbst unscheinbare
Soundschnipsel in ein regelrechtes klangliches Inferno, um sie als progressive
Soundstrukturen wieder auszuspucken, er glänzt auch durch die kreative
Anreicherung mit exzellenten Effekten. Es ist faszinierend zu beobachten, wie
durch diese Bearbeitungsketten selbst banale Geräusche plötzlich episch oder
surreal anmuten. Ein kurzer Klavieranschlag mutiert zu einer endlos wabernden
Ambient-Wolke, eine menschliche Stimme zerfällt in digitale Geisterpartikel,
und aus einem simplen Drum-Sample bricht ein rhythmisches Klanggewitter heran.
Gerade elektronische Musiker und Sounddesigner nutzen granulare Synthese
deshalb so exzessiv, um komplexe Atmosphären zu erschaffen, die mit
traditionellen Instrumenten schlicht nicht realisierbar wären. Es ist
gewissermaßen musikalischer Kubismus – eine Audio-Collage auf atomarer Ebene.
Besonders in Genres wie Ambient, EDM, experimenteller Elektronik oder
auch in modernen Filmscores hat sich diese Technik längst als unverzichtbares
Stilmittel etabliert. Künstler wie Aphex Twin, Tim Hecker oder zahlreiche
zeitgenössische Filmkomponisten arbeiten bevorzugt mit solchen Verfahren, weil
sie Klänge nicht bloß auf Tasten abspielen, sondern sie wie akustischen Ton
regelrecht formen und verformen wollen. Statt Klang linear zu reproduzieren,
wird er zersplittert und in eine neue DNA überführt.
Genau an diesem Punkt entfaltet GrainFerno seine eigentliche Magie. Das Resultat sind Texturen, die sich permanent verändern und atmen. Nichts bleibt statisch, nichts wirkt jemals vollständig greifbar. Akkord-Pads zerfallen hörbar in ihre Partikel, dichte Atmosphären beginnen bedrohlich zu flirren, und Obertöne verschieben sich subtil gegeneinander. Musikalische Spannung entsteht hier nicht platt durch ansteigende Lautstärke oder instrumentale Dichte, sondern durch Instabilität – durch das ständige, unterschwellige Gefühl, dass sich der Klang in der nächsten Millisekunde komplett transformieren könnte.
Kreative Zerstörung
Für Synth-Veteranen ist es keine Neuigkeit: Wer das Maximum aus dem extrem vielseitigen Grainferno herausholen will, braucht Zeit. Das User Interface wurde von Baby Audio erfreulich übersichtlich und grundsätzlich sehr zugänglich gestaltet – zumindest für Synth-Profis. Das Plugin liefert mit gut 300 exzellenten Presets jede Menge Ausgangsmaterial für sofortige Klang-Explorationen.Neulinge könnten von diesem mächtigen und naturgemäß komplexen Tool, das vieles anders macht als bekannte Analog-Synth-Emulationen, mitunter überfordert werden. Wer sich jedoch auf die granulare Logik einlässt, findet ein Instrument, das etwa filmische Spannung beim Scoring nicht bloß illustriert, sondern originär generiert – oder die abgedrehtesten Breakdown-Noises in modernen Metal-Songs erschaffen kann.
Denn genau darin liegt das Prinzip dieses Plugins: Einerseits kann man
die praxistauglichen Patches als Ausgangspunkt nutzen und sie so weit
verfremden, dass völlig neue Klangwelten entstehen. Andererseits lässt sich –
wie zuvor bereits angeschnitten – eine
eigene WAV-, AIFF- oder MP3-Datei schlicht per Drag & Drop in Grainferno
importieren, um innerhalb dieses infernalischen Netzwerks noch nie dagewesene
Klänge aus dem eigenen Audiomaterial zu erschaffen.
Fazit
Dieses Plugin ist wahnsinnig inspirierend. Analog zu seinem treffenden Namen sind hier allerlei infernalische und brachiale Klänge ebenso möglich wie zarte, gläserne Schönheiten. Wer nach einem simplen Rompler sucht, sollte weitergehen. Wer jedoch Klänge bis in ihre Atome spalten möchte, wird hier fündig.Um es abschließend zu subsumieren: Grainferno ist ein wenig so, als hätte John Cale moderne Synthesizer zur Verfügung gehabt – ein absoluter Traum für Komponisten und Sounddesigner, die das Unbekannte suchen.