Samstag, 8. August 2026

ORCHESTRAL TOOLS METROPOLIS ARK Series Test – Vom Fritz Lang-Orchester zum modernen Hybrid Score

Credit Bild:© Orchestral Tools
Ein entscheidendes Wesensmerkmal des Kinos im Allgemeinen und visionärer Filmkunst im Speziellen war immer, dass die Grenzen des Mediums permanent verschoben wurden. Einer der größten Pioniere dieser Entwicklung war zweifellos Fritz Lang, dessen Todestag sich 2026 zum 50. Mal jährt. Mit Meisterwerken wie „Dr. Mabuse, der Spieler“, „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ und „Metropolis“ prägte der österreichisch-deutsche Regisseur nicht nur die visuelle Grammatik des Films, sondern erschuf ganze visuelle Welten, deren ästhetischer Einfluss bis heute nachwirkt.

Der Film Metropolis war dabei weit mehr als ein spektakuläres Science-Fiction-Monument der Stummfilm-Ära. Langs Dystopie einer gigantischen Zukunftsstadt, in der monumentale Maschinenarchitektur, soziale Klüfte und menschliche Abgründe aufeinanderprallen, verlangte nach einer ebenso exzessiven wie neuartigen musikalischen Sprache. Der Komponist Gottfried Huppertz schuf damals ein gewaltiges, spürbar von Richard Strauss und Richard Wagner inspiriertes spätromantisches Orchesterwerk voll von Leitmotiven und überwältigender Orchestrierung – im Zusammenspiel mit den Science-Fiction-Bildern war das ein retro-futuristisches Spektakel: Das Orchester transportierte den Maschinen-Klang der Großstadtmechanik, Bedrohung und menschliche Zerbrechlichkeit gleichermaßen. Es war ein Sound, der das Publikum schlichtweg übermannen sollte – klassisch verwurzelt, in seiner Wirkung absolut "larger than life".

Genau dieses Klangideal – die Synthese aus klassischem Erbe, monumentaler Architektur, emotionaler Tiefe und futuristischer Vision bei maximalem „sonic impact“ – steht auch im Zentrum der Metropolis Ark Collection von Orchestral Tools. Die Berliner Sample-Edelschmiede, selbst tief in der Tradition europäischer Klangkultur verankert, hat mit der Ark-Serie  moderne Libraries konzipiert, die klanglich äußerst unique sind. Es geht hier nicht um das x-te brave und letztlich uninteressante Konservatoriums-Ensemble, sondern um ein radikales, dramaturgisch durchdachtes Werkzeugkasten-System für klassisches wie zeitgenössisches Scoring.

Monumentale Klangwelten

Im Intro war von der klanglichen Überwältigung in der Weimarer Zeit die Rede, doch natürlich ist auch die Evolution der modernen Filmmusik untrennbar mit dem stetig wachsenden Bedürfnis nach maximaler akustischer Intensität verbunden. Das zeitgenössische Cinema – und nicht zuletzt das Segment der Trailer-Musik – verlangt nach dem Hans Zimmer-Faktor, nach akustischer Wucht. Es ist eine Welt, in der die Dynamik nicht selten erst im dreifachen Forte () beginnt.

Genau an diesem Extrempunkt setzt Orchestral Tools an. Das Konzept hinter der Ark-Serie ist faszinierend analog zu Fritz Langs Filmepos: Es ist einerseits retro, klassisch und tief vintage-geprägt, andererseits kompromisslos futuristisch für hochmodernes Scoring designed. Das Sampling wurde mit sprichwörtlicher deutscher Gründlichkeit in den legendären Berliner Teldex Studios durchgeführt – jenem akustischen Raum, der für seine transparente Tiefe und seinen legendären Raumklang weltweit geschätzt wird. Das Ergebnis: Die Libraries klingen unglaublich dreidimensional, organisch und lebendig – das ist Sampling auf höchstem Niveau. Einen dementsprechen leistungsstarken Rechner sollte man also sein Eigen nennen wenn man mit diesem "Fritz Lang-Orchester" experimentieren möchte.

Anzumerken ist auch, dass hier bei weitem nicht nur brachial gewerkt werden kann: Alle 6 Collections der Metropolis Ark-Serie verfügen über einen enormen Dynamikumfang. Der Composer kann beim Spielen dieser Libraries somit mühelos zwischen subtilsten Texturen und extremen Klangexplosionen changieren. Der Kerngedanke ist es 

ARK 1 – Wucht und Wahnsinn

Unter dem Diktum „The new fortissimo“ schlägt ARK 1 das erste Kapitel dieser Monumentalserie auf. Wer nach dem ultimativen Trailer-Sound und maximaler Durchsetzungskraft sucht, wird mit dieser Allround-Library unweigerlich fündig. Metropolis Ark 1 widmet sich konsequent der lauten, imposanten Seite des Spektrums – von mezzo-forte bis hin zu einem erderschütternden . Das Instrumentarium ist umfangreich, inklusive einer Überraschung, die man so sonst garantiert nirgends im Orchestergraben findet. Orchestral Tools nennt die einzelnen Kategorien hier Districts:

District I umfasst Gewaltige Sections aus Streichern, Holzbläsern und Brass-Instrumenten

District II ist die Choir-Abteilung mit wuchtigen Männer- und ätherischen Frauenchören für epische Sakral- und Dramatik-Momente.

District III liefert brachiale Drums und massive Percussion-Ensembles.

District IV ist schließlich eine Metal-Band – ganz richtig gelesen: E-Gitarren, E-Bass und ein schweres Drumset für den direkten Crossover-Sound.

Die Streicher von ARK 1 bilden das emotionale, extrem durchsetzungsfähige Fundament. Sie liefern genau jene filmische Breitwand-Dramaturgie, die sowohl in der stummen Frühzeit des Mediums Film usus war als auch in modernen Produktionen verlangt wird. Das brillante Konzept liegt jedoch nicht in reiner Lautstärke, sondern in der organischen Durchsetzungskraft und dem Vibe, der bei den Aufnahmen eingefangen wurde. Gerade im Hybrid-Scoring, wo das Orchester gegen tiefgestimmte Heavy-Gitarren oder massive analoge Synth-Wände ankämpfen muss, setzt sich ARK 1 mühelos durch. Ark 1 (wie auch die anderen Arks) kann so klassisch oder so progressiv klingen, wie das der User möchte - Letztlich kann man in einem Hybrid-Ansatz sogar etwas vollkommen Originäres erreichen – hier gibt es wieder einen Parallel zu Metropolis, und zwar zu Giorgio Moroders Mittachtziger Neudeutung des Scores für den Lang´schen Filmklassiker.

ARK 2 – Rolling in the Deep

Credit Bild:© Orchestral Tools
Während der erste Teil den orchestralen Vorschlaghammer schwingt, taucht Metropolis Ark 2 in die tiefsten und dunkelsten Register ab. Es ist das Yin zum Yang des Vorgängers: Hier regiert das Subtile, das Düstere, das bedrohliche Flüstern in den unteren Frequenzbereichen.. Alle Instrumente und Stimmen konzentrieren sich auf die leisen, intensiven und unheimlichen Schattierungen der unteren Dynamikbereiche (bis ). immens. Auch dieses Kapitel unterteilt sich in vier charakterstarke Distrikte:

District I (Orchestra): Tiefe Holz- und Blechbläser (inklusive Kontrabass-Klarinetten) sowie ein sehrtiefes Streicher-Ensemble.

District II (Choir): Kinderchor, Frauenchor, engelsgleiche Soprane und abgründige Basso Profondo-Chöre.

District III (Epic Low Percussion): Erdbebenartige, tieffrequente Schlagwerke und subsonic Booms.

District IV (Keys): Intimes Klavier, Harmonium und eine historische Positif-Orgel.

Neben ungewöhnlichen Besetzungen und Kombinationen (Percussion Synths!) erweist sich ARK 2 als praktischer Texturgeber für düstere Thriller, Dystopien und archaische Spannungsmomente inkl. Wagner Tuba für die Vertonung des besonders Epischen.

ARK 3 – Die Architektur der Bewegung

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Von Taiko bis Timpani: Ist es eine Percussion-Library? Oder ist es ein Orchester? In Wahrheit ist es beides: Metropolis Ark 3 fusioniert mächtiges Schlagwerk mit Streichern, Holz- und Blechbläsern zu einem ziemlich einzigartigen, perkussiven Orchesterapparat.

Der Klang entspricht dem Dröhnen der Maschinenstadt: Langs Vision lebte von industrieller Präzision, Zahnrädern und unerbittlicher Bewegung. ARK 3 greift diese Idee auf und behandelt das gesamte Orchester als gigantische Rhythmusgruppe. Gigantische Taiko-Ensembles – laut Orchestral Tools die lauteste Recording-Session, die je im Teldex Studio durchgeführt wurde – treffen auf perkussive String-Hits, Staccati und Brachial-Cluster.

In ihrer kompromisslosen Dynamik und physischen Präsenz erinnert die Energie mitunter an die rohe Performance-Wucht der Blue Man Group. Ob für treibende Chase-Sequenzen oder komplexe Action-Cues: ARK 3 liefert eine Rhythmus-Maschine mit enormem Attack, die organische Schlagkraft perfekt mit elektronischem Sounddesign verbindet.

ARK 4 – Radikale Kontraste

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Hier geht es vor allem um die Nuancen von sog „blended ensembles“ die in ihren klanglichen Kontrasten interessante Synergie-Effekte schaffen.

10 Ensembles aus Holz- und Blechbläsern, Männer- und Frauenchöre und ein Streichorchester sind keine reinen Repetitionen der früheren Arks sondern liefern wiederum neue Nuancen. Bei den Blasinstrumenten reicht die Dynamikspannweite reicht von hauchzartem  bis zu überblasener Brutalität auf  mit extremen Artikulationen wie Overblown- und Overpressure-Effekten. Das passt nicht nur perfekt zu „Babylon Berlin“-artigen Produktionen sondern ergänzt die bisherigen Ark-Volumes um subtile und gleichzeitig extrem interessante Klangfarben. Die Sounds die mit dieser Library möglich sind fügen sich nahtlos in die breiten Klangflächen der anderen Arks ein und schenken dem Arrangement jenes präzise „Top-End“, das im Mix für sofortige Wiedererkennung sorgt – oder eine Lead-Melodie zum Schweben bringt.

ARK 5 – Epische Fragmente

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Das fünfte Kapitel fungiert als grandioses Finale der regulären Nummern-Serie. Metropolis Ark 5 ist ein detailliertes Toolkit, das darauf ausgelegt ist, hochintensive, dramatische Cues in rasender Geschwindigkeit zu realisieren.

Im Zentrum stehen mächtige Blechbläser-Sektionen (Flügelhorn, Trompete), vorgefertigte orchestrale Akkorde, analoge Synths, dramatische Swells, Stabs, Rips und Glissandi. Wagnerianische Themen lassen sich hier ebenso blitzschnell skizzieren wie komplexe Spannungsmomente. Die geschickte Kombination aus echten Orchester-Akkorden und analogen Synthesizern macht ARK 5 zum modernsten Entry dieser Reihe.

ARK Ø – Das Prototyp-Orchester: Der Ursprung der Serie

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Mit Metropolis Ark Ø schließt sich der Kreis: Diese Library präsentiert das Prototyp-Orchester – jene ursprüngliche Idee, aus der schließlich die ARK-Serie überhaupt erst hervorgegangen ist. Im Zentrum steht hier die geballte Kraft eines Tutti-Orchesters, das auf maximale Einfachheit und bei maximaler Wucht ausgelegt ist. Die großen Sektionen klingen auf Anhieb monumental und organisch. Es ist das perfekte Werkzeug für schnelles Writing, Instant-Sketching und emotionale Skizzen, ohne sich in komplexen Menüstrukturen zu verlieren.

Fazit

Welche Volume ist die Beste---schwierig zu sagen, denn hier wirkt keine Library in irgendeiner Weise redundant.  „Collect them all“ ist man da versucht zu sagen. Trotz Überschneidungen ergänzen sich die einzelnen Arks und sorgen letztlich für ein umfangreiches Orchesterpaket. Für sich allein genommen sind wohl Ark 1 und Ark Ø jene, mit denen man die meisten Bereiche abdeckt. Doch auch die anderen Libraries sind wesentliche Beispiele in dieser Collection, die ungefähr so maßvoll und zurückhaltend ist wie eine Wagner-Oper.

Die große Qualität dieser Kollektion liegt in der konsequenten Synthese zweier Welten: Sie ehrt die große Tradition des klassischen Orchesters und bedient gleichzeitig die harten Anforderungen moderner Medien- und Trailer-Produktionen.

Der Bezug zu Fritz Langs Metropolis erweist sich dabei als weit mehr als bloßes Marketing-Beiwerk. Langs Meisterwerk stand für den Mut, neue technische Mittel zu ergreifen, um eine völlig neue künstlerische Sprache zu erschaffen. Genau diesen Geist atmet die Ark-Serie. Von den düsteren Abgründen der Ark 2 über die rhythmische Wucht der Ark 3 bis hin zur schieren „Magnitude“ der Ark 1 und Ark Ø liefert Orchestral Tools keinen beliebigen Einheitsbrei, sondern ein charakterstarkes, hochgradig inspirierendes System für modernes Erzählen. Ein modernes Klang-Powerhouse, das neue Welten eröffnet - zwischen moderner Expressivität und klassischem Expressionismus.