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| Credit Bild:© Mixed In Key |
Genau hier setzt das Plugin „Wingman“ von Mixed In Key an.
Es verspricht die ultimative digitale, kreative Abhilfe gegen den gefürchteten
Writer’s Block. Das Tool hört auf das Audiomaterial, das innerhalb der DAW
gerade läuft, und schlägt darauf basierend musikalische Ideen vor –
insbesondere passende Akkorde und Basslines. Dabei kann Wingman Vocals, Loops,
einzelne Stems oder auch komplette Tracks analysieren und daraus Vorschläge
entwickeln, die sich an Tonart, Rhythmik und musikalischem Feeling des vorhandenen
Materials orientieren.
In Version 2.0 geht das Konzept noch deutlich weiter: Die
generierten Ideen lassen sich mit eigenen Sounds, VST-Instrumenten,
Rhythmus-Presets und Effekten weiterformen. Auch der Export als MIDI oder WAV
ist möglich. Das Plugin soll also nicht einfach fertige Musik ausspucken,
sondern aus dem bestehenden Material heraus neue musikalische Wege aufzeigen.
Damit präsentiert sich Wingman als hochinnovatives
Kreativ-Tool, das möglichst natürlich Ideen weiterentwickeln, musikalische
Vorschläge machen und – das ist hier das alles entscheidende Detail – aus
bestehendem Material organische, sinnvolle Ergänzungen weben soll. Letztlich
verspricht die Software also, exakt so zu agieren, wie es ein versierter
Co-Produzent auf der Couch im Studio tun würde: kreativ, natürlich und
intelligent.
Mixed In Key begibt sich so natürlich in einen Bereich, der auch vor dem Hintergrund jüngster Debatten über künstlich (und nicht künstlerisch)kreierte Musik bei vielen Plugin-Usern extreme Gefühle und mitunter Instant-Ablehnung hervorrufen wird. Aber: Man sollte diesem innovativen Konzept den Benefit of the Doubt geben und sich zunächst mit den interessanten Möglichkeiten vertraut machen, die dieses Tool bietet. Denn: Die musikalischen Vorschläge von Wingman sind nicht einfach KI-generiert, sondern basieren auf dem hauseigenen Music Theory Algorithm von Mixed In Key, der die Vorschläge musikalisch analysiert und kontextbezogen aus dem vorhandenen Material ableitet.
Top-Gun-Ästhetik
Schon beim ersten Öffnen in meiner DAW of Choice, Pro
Tools, fällt das durchdachte Design auf. Mit einer dezenten, aber stilvollen
„Top Gun“-artigen Optik ausgestattet, macht das Plugin seinem Namen alle Ehre.
Wie der sprichwörtliche Wingman von Tom Cruise hält dieses digitale Helferlein
dem Komponisten den Rücken frei, übernimmt die Flankendeckung und bewahrt einen
potenziell vor kreativen Sackgassen.
Dabei ist Wingman keineswegs nur auf das reine Generieren
von Akkorden und Basslines beschränkt. Das Konzept funktioniert vielmehr als
eine kleine musikalische Produktionsumgebung innerhalb der DAW. Wer eine Idee
erzeugt hat, kann sie direkt mit eigenen Sounds previewen, rhythmisch verändern
und mit Effekten bearbeiten. Dafür stehen unter anderem ein Rhythm Editor,
verschiedene Rhythmus-Presets für Akkorde und Basslines sowie eine integrierte
Effektsektion zur Verfügung.
Dass dieses kühne Konzept nicht nur auf dem glänzenden
Marketing-Papier funktioniert, untermauern die zahlreichen Accolades auf der
Website des Herstellers. Wenn namhafte Hit-Songwriter wie Diplo und
Top-Tier-Produzenten sich öffentlich zu einem Tool bekennen, stellt das eine
handfeste Legitimation dar.
Der Elefant im Raum: KI, Retortenbands und der
„AI Slop“
Man kommt in einem Review im Jahr 2026 nicht umhin, den
sprichwörtlichen Elefanten im Raum zu adressieren: Künstlich generierter
Content und alles was in die Nähe von AI und Retorte geht, ist fraglos das
alles überschattende Trendthema – oder besser gesagt: das absolute Reizthema
unserer Zeit, je nach persönlicher und beruflicher Sichtweise. In nur wenigen
anderen Bereichen hat die einst als Heilsbringer gehypte Technologie einen
derart schlechten Ruf wie in der traditionellen Kreativbranche.
Und das geschieht oftmals völlig zu Recht! Immerhin
schwemmen Retortenbands, algorithmisch generierte Playlists und unerträglicher
„AI Slop“ die Streaming-Plattformen und letztlich sämtliche Kanäle. Was
beispielsweise schon in der klassischen Werbung nervt, wird in der Musik direkt
als Affront gesehen. Es gibt Heerscharen von „Producern“, die es sich allzu
einfach machen wollen und der Kunst ihre menschliche Unvollkommenheit rauben.
Angesichts der aktuellen, hochkochenden Diskussionen über die drastische Entwertung
und Automatisierung künstlerischer Arbeit mag der bloße Ansatz von Wingman also
bei vielen Puristen und Vollblut-Musikern sofort alle Alarmglocken schrillen
lassen.
Allerdings gilt hier: Gemach, gemach! Man hat es bei
Wingman eben nicht mit einer dieser berüchtigten generativen
Text-to-Audio-Plattformen zu tun, die einem auf Knopfdruck („Mache mir einen
Hit im Stil von The Weeknd“) die eigentliche kompositorische Arbeit abnimmt.
Garbage In bedeutet auch hier Garbage Out.
Genauso wie es bei allen großen LLMs (Large Language
Models, also ChatGPT und Konsorten) der Fall ist, greift auch hier das eherne
Grundgesetz der digitalen Welt: Wingman ist nur exakt so gut wie der Input, den
man ihm zur Verfügung stellt. Das Plugin agiert nicht im luftleeren Raum. Es
„hört“ innerhalb der DAW quasi mit und macht auf Basis der von uns selbst
eingespielten Audio- oder MIDI-Files konkrete Vorschläge, wie es mit dem Song
weitergehen könnte. Es analysiert also das vorhandene Material und versucht,
daraus musikalisch passende Ergänzungen abzuleiten.
Das ist ein entscheidender Unterschied. Wer Wingman mit
einer eigenen Vocalspur, einem Loop, einem Stem oder einem kompletten Track
füttert, erhält Vorschläge, die sich auf genau dieses Material beziehen.
Zusätzlich verfügt das Tool über eine integrierte Stem-Separation, mit der sich
Audio beispielsweise in Vocals, Bass, Drums und weitere Bestandteile aufteilen
lässt. Auch Audio-to-MIDI gehört zum Funktionsumfang: Audiomaterial kann in
editierbares MIDI umgewandelt werden, um daraus beispielsweise Melodien neu
aufzubauen, Harmonien darüberzulegen oder Samples gezielter
weiterzuverarbeiten.
Es zeigt Pfade auf, wie man das Arrangement ausbauen und
klanglich auffetten kann. Das heißt im Umkehrschluss: Wer das Plugin mit
langweiligen, völlig uninspirierten Zwei-Akkord-Ideen füttert, bekommt am Ende
auch kein epochales Magnum Opus heraus. Wingman liefert definitiv keine
Instant-Genialität aus der Dose. Als „Composition Companion“ kann er aber
Anreize schaffen, wie es mit der eigenen Komposition weitergehen kann.
Praxis
Um die wahre Magie des Plugins zu entfesseln, muss man sich
mit „Wingman“ intensiv auseinandersetzen und spielen. Angesichts der
mannigfaltigen und teils hochkomplexen Funktionen unter der Haube ist ein
echter Einarbeitungswille gefragt. Das Tool erfordert detaillierte Arbeit mit
Stems, die man erfreulicherweise ebenso wie isolierte WAV- und MIDI-Files
nahtlos exportieren und wieder in die DAW importieren kann.
Gerade der Workflow rund um MIDI und Audio macht Wingman dabei interessant: Eine generierte Idee muss nicht zwangsläufig im Plugin verbleiben. Man kann sie als MIDI oder WAV exportieren und anschließend ganz klassisch in der eigenen DAW weiterbearbeiten.
In Version 2.0 kommt außerdem die Möglichkeit hinzu, eigene
VST-Synthesizer direkt innerhalb von Wingman zu verwenden. Unterstützt werden
unter anderem Serum, Diva, Pigments, Omnisphere, Kontakt, Nexus, Massive X und
Sylenth. Wer bereits einen etablierten eigenen Soundkosmos besitzt, muss sich
also nicht zwingend mit einem fremden Klangvorrat zufriedengeben.
Um hier wirklich professionelle, überzeugende Ergebnisse zu
erzielen, heißt es: Tutorials schauen und – diesmal wirklich! – die
Bedienungsanleitung lesen. Ein rein intuitives „Plug and Play“ (oder in diesem
Falle eher „Load and Play“) ist Wingman schlichtweg nicht. Zumindest nicht,
wenn man wirklich große, vielschichtige musikalische Ideen mit seinem
virtuellen Songwriting-Partner weiterentwickeln und nicht nur an der Oberfläche
kratzen will.
Der Praxistest: Zwischen Mainstream-EDM und
filmischer Tiefe
In meinem ersten ausgiebigen Praxistest zeigte sich diese
Lernkurve deutlich. Ich fütterte „Wingman“ mit einem recht komplexen,
atmosphärischen Synth-Track, der kompositorisch eher in eine düstere Scoring-
und Filmmusik-Richtung ging. Die KI analysierte das Material und schlug mir
daraufhin zunächst etwas generische Piano-Lines vor. Handwerklich war das
absolut fehlerfrei und für den oft derivativen Mainstream-EDM-Markt mitunter
sogar folgerichtig. Aber für meine cineastischen Zwecke war sofort klar: Da geht
noch mehr, das ist zu formelhaft.
Wingman will eben gelernt und angelernt sowie dirigiert
werden. Die Software liefert einen Ausgangspunkt – und genau wie bei einem
menschlichen Session-Partner hängt die Qualität des Ergebnisses auch davon ab,
wie präzise man kommuniziert, welche Richtung man vorgibt und wie lange man
bereit ist, mit dem Material zu arbeiten.
Hat man den Bogen der Audio-Engine aber erst einmal raus,
hält man ein ungemein kreatives und sehr cooles Tool in der Hand, das
musikalische Türen öffnet, an die man selbst vielleicht gar nicht gedacht
hätte. Gerade die Möglichkeit, unterschiedliche Rhythmus-Presets auszuprobieren
oder über den Rhythm Editor gezielt Bewegung, Groove und Variation in die
generierten Ideen zu bringen, erweitert den kreativen Spielraum erheblich.
Statt lediglich eine Akkordfolge abzurufen, kann man also relativ schnell verschiedene
rhythmische und musikalische Varianten erkunden.
Ein besonders interessantes Feature ist dabei die
„Dice“-Funktion. Sie lässt Wingman einen völlig unerwarteten Sound für die
jeweilige Produktion auswählen. Das ist natürlich ein kleines Glücksspiel –
aber gerade deshalb kann es als kreativer Impuls funktionieren. Manchmal ist es
schließlich genau der Zufall, der eine festgefahrene Session wieder in Bewegung
bringt.
Besonders erfreulich für den Workflow: Erstklassig
integrierte Effekte sorgen direkt im Plugin dafür, dass die Ideen des kleinen
Helfers nicht wie trockene General-MIDI-Skizzen klingen, sondern klanglich
äußerst ansprechend und mix-ready aus den Monitoren drücken. Die integrierte
Effektsektion umfasst unter anderem OTT, Sidechain, Filter, Delay, Reverb und
Poly FX. Dadurch lässt sich eine generierte Idee bereits innerhalb von Wingman
deutlich stärker in Richtung eines fertigen Produktionssounds bringen, anstatt
zunächst nur eine nackte musikalische Skizze zu hören.
Als futuristisch anmutendes Werkzeug fügt sich die Software
zudem nahtlos in professionelle Studioumgebungen ein. Die explizite Optimierung
für High-End-DAWs wie Pro Tools fällt im Studio-Alltag extrem positiv auf.
Fazit
Back to the Ethics: Ob man ein solches Tool nun
grundsätzlich ablehnt, weil man den maschinellen Eingriff in die Kunst
fürchtet, oder ob man es pragmatisch als modernen Assistenten in sein Setup
integriert – diese Entscheidung muss am Ende des Tages jeder Kreative für sich
selbst treffen.
Fest steht jedoch: Wingman ist eines der kreativsten und
faszinierendsten Plugins der letzten Zeit. Es versucht wirklich, gänzlich neue
Wege in der Produktion zu beschreiten. Es beteiligt sich nicht an dem völlig
wahllosen Bandwagon-Hopping des allgemeinen KI-Wahns, sondern demonstriert eine
hochgradig sinnvolle Nutzung moderner technologischer Möglichkeiten.
Das Entscheidende dabei ist der kontextbezogene Ansatz.
Wingman hört nicht einfach auf ein Stichwort und produziert daraufhin
irgendeinen musikalischen Output. Das vorhandene Audiomaterial ist der
Ausgangspunkt. Daraus entstehen Akkord- und Bassline-Ideen, die anschließend
mit eigenen Instrumenten, Rhythmusmustern, Effekten und weiteren
Produktionsentscheidungen individuell geformt werden können. Von der ersten
musikalischen Skizze bis zum exportierten MIDI- oder WAV-File bleibt damit
erstaunlich viel Kontrolle beim Anwender.
Letztlich ist das, was dieses Plugin als musikalischer
Sparringspartner leistet, schlichtweg verblüffend. Aber die beruhigende,
zutiefst menschliche Essenz bleibt bestehen: Richtig gute Ideen muss man als
Künstler immer noch selber haben. Und das ist auch gut so.
