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| Credit Bild:© Eventide |
Doch was passiert, wenn man Reverb nicht länger nur als möglichst
überzeugende Simulation eines akustischen Raumes betrachtet, sondern als
musikalisches System? Genau hier setzt Eventide Temperance Pro an. Das neue
Reverb-Plug-in des legendären Effekt-Pioniers versucht nicht einfach, den
nächsten noch größeren, schöneren oder realistischeren Hall zu bauen.
Stattdessen geht Eventide einen bemerkenswert anderen Weg: Der Hall selbst wird
hier zum musikalischen Werkzeug.
Eine völlig neue Idee von Räumlichkeit
Temperance Pro basiert auf einem sogenannten Modal Reverb, bei dem der
Hall aus Tausenden unabhängig steuerbaren Resonatoren aufgebaut wird. Diese
reagieren nicht nur auf Frequenzen, sondern lassen sich gezielt an den zwölf
Tönen der chromatischen Tonleiter ausrichten. Das klingt zunächst ziemlich
theoretisch, in der Praxis bedeutet es jedoch etwas erstaunlich Einfaches: Der
Hall kann auf die Musik reagieren – bzw. er reagiert auf den harmonischen
Gehalt des Eingangssignals und ermöglicht es, gezielt zu bestimmen, welche
Frequenzen und Töne im Hall aufblühen. Für den User heißt das: Nun kann man den
tonalen Charakter der Hallfahne wesentlich präziser formen als bisher. Und
genau darin liegt der eigentliche Reiz von Temperance Pro, das von subtil bis
experimentell viele Anwendungsbereiche abzudecken vermag.
Eventide
bezeichnet Temperance Pro als „The World's Most Musical Reverb“. Das ist
selbstverständlich eine große Ansage. Interessant wird sie allerdings dadurch,
dass das Plug-in tatsächlich ein Konzept verfolgt, das sich deutlich von
klassischen Reverb-Ansätzen unterscheidet. Eben weil es nicht auf einem
typischen Raum wie einer Konzerthalle oder einer Technik wie dem Plate Reverb
basiert.Schon zuvor hat Eventide die Boundaries von Hall gepusht, etwa mit dem
Ansatz des Blackhole. Dieses legendäre Reverb steht gewissermaßen für die
andere Seite des Eventide-Ansatzes: riesige, schwer greifbare, geradezu spacige
Räume, die mit klassischer akustischer Realität nur noch bedingt etwas zu tun
haben. Temperance Pro geht ebenfalls weit über die bloße Abbildung eines
natürlichen Raumes hinaus – allerdings nicht primär über schiere Größe, sondern
über musikalische Kontrolle.
Das Resultat fühlt sich tatsächlich weniger wie ein klassischer Effekt
und mehr wie ein musikalischer Mitspieler an
Konsequent Innovativ
Mit dem integrierten Sequencer kann der Hall selbst rhythmische und
harmonische Bewegungen ausführen. Noten lassen sich über Akkordfolgen, Skalen,
Modi oder Intervalle organisieren und im zeitlichen Verlauf verändern. Aus
einem Reverb wird damit plötzlich ein Element, das beinahe wie ein Synthesizer
oder eine Sequencer-Spur behandelt werden kann.
Die Grenzen liegen entsprechend weniger in der technischen Funktion als
in der eigenen Vorstellungskraft.
Um das Prinzip hinter Temperance Pro zu verstehen, hilft ein
ungewöhnliches Bild: Man stelle sich einen Raum vor, der aus Tausenden von
Stimmgabeln besteht. Jeder dieser Resonatoren ist auf eine andere Frequenz
abgestimmt. Gemeinsam erzeugen sie den komplexen Nachhall eines Raumes. Genau
auf diesem Prinzip basiert das Modal Reverb. Eventide modelliert einen Hallraum
als Sammlung von Tausenden unabhängigen Resonatoren, deren Frequenz, Lautstärke
und Abklingverhalten in Echtzeit beeinflusst werden können.
Wie zuvor angedeutet: Damit unterscheidet sich der Ansatz grundlegend
von klassischen Algorithmus- und Convolution-Reverbs. Temperance Pro simuliert
nicht einfach nur Reflexionen oder faltet ein Eingangssignal mit einer
Impulsantwort, sondern behandelt Räumlichkeit als ein System einzelner
Resonanzen. Das eröffnet Möglichkeiten, die bei einem herkömmlichen Reverb so
nicht existieren.
Insgesamt stehen 29 Spaces zur Verfügung – von kleinen und fokussierten
Räumen über große Halls und mechanische Reverbs bis hin zu experimentellen
synthetischen Umgebungen. Der eigentliche Star ist allerdings nicht die Anzahl
der Räume. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, denn Temperance Pro macht zwar
vieles neu, bleibt aber trotzdem ein Reverb. Und dieser kann mitunter
ausgesprochen räumlich, organisch und geradezu spektakulär klingen.
Temper, Range und Target – der Dirigent der musikalischen Bewegung
Die Regler „Temper“ und „Range“ bilden dabei einen wesentlichen Teil des
Konzepts. Temper bestimmt, wie stark die ausgewählten Noten
hervorgehoben oder zurückgenommen werden, während Range festlegt, auf
welchen Frequenz- beziehungsweise Oktavbereich sich die Bearbeitung erstreckt. Man
könnte sagen: Der Anwender wird hier zum Dirigenten des Musical Movement.
Mindestens ebenso interessant sind die Target-Parameter. Mit
„Early“, „Late“ oder „All“ lässt sich bestimmen, wann innerhalb des
Hallverlaufs die tonale Bearbeitung greift. Soll die Veränderung bereits beim
Einsetzen des Halls stattfinden? Erst in der Ausklingphase? Oder über den
gesamten Verlauf?
In Kombination mit dem Position-Regler ergeben sich entsprechend
sehr weitreichende Möglichkeiten. Position verändert das Verhältnis zwischen
frühen und späten Reflexionen und damit auch die wahrgenommene Entfernung zur
Klangquelle.
NoteScape und Spectrum: Kontrolle über das Unsichtbare
Bei einem derart ungewöhnlichen Konzept ist es hilfreich, nicht völlig
im Blindflug zu arbeiten. Zwei Visualisierungen unterstützen deshalb die
Kontrolle über das Geschehen.
Der NoteScape Visualizer zeigt in Echtzeit, welche Noten
innerhalb des Hallfeldes hervorgehoben beziehungsweise zurückgenommen werden
und wie diese Resonanzen ausklingen. Das sieht zunächst spektakulär aus, ist
aber auch praktisch, weil die ansonsten eher abstrakten musikalischen Prozesse
visuell nachvollziehbar werden. Der Spectrum Analyzer zeigt wiederum die
im Modal Response verwendeten Resonatoren und ermöglicht eine präzise Kontrolle
über die tonale Balance des Halls.
Gerade bei komplexeren Einstellungen ist das hilfreich. Denn Temperance Pro kann sehr viel – und ohne entsprechende Visualisierung wäre nicht immer sofort ersichtlich, warum ein bestimmter Raum gerade so reagiert, wie er reagiert.
Density, Offset und Position: Reverb als Sounddesign-Werkzeug
Die drei speziellen Modal-Parameter zeigen besonders deutlich, wie weit
Eventide den Gedanken des musikalischen Reverbs treibt.
Mit Density lassen sich sukzessive Resonatoren aus dem Raum
entfernen. Bei voller Dichte entsteht ein komplexer, dichter Hall; reduziert
man den Wert, wird die Struktur zunehmend fragmentiert und kann bewusst lo-fi
oder zerhackt wirken.
Offset verschiebt dagegen das gesamte Resonanzspektrum um bis zu ±500 Hz.
Damit lässt sich die tonale Identität des gesamten Raumes verändern – ein
Ansatz, der mit einem klassischen Reverb nur schwer beziehungsweise in dieser
Form überhaupt nicht realisierbar wäre.
Position schließlich verändert das Verhältnis zwischen frühen und späten
Reflexionen und damit die wahrgenommene Distanz.
Diese Parameter machen aus Temperance Pro zunehmend ein
Sounddesign-Instrument. Man kann den Hall sehr subtil einsetzen, ihn aber
ebenso in Richtung fragmentierter, metallischer, synthetischer oder geradezu
surrealer Klangräume bewegen. Selbst mit dem Temper-Regler auf zwölf Uhr
liefert das Plug-in bereits interessante Ergebnisse. Dreht man weiter auf,
beginnt der eigentliche musikalische Teil des Konzepts.
Mehr als nur ein Reverb-Plug-in
Abseits der Kernfunktionen hat Eventide auch an die praktischen
Anforderungen des Studioalltags gedacht.
Die Latenz liegt unter einer Millisekunde und macht Temperance Pro damit
auch für Tracking und Echtzeitanwendungen interessant. Dazu kommen
Dual-Mono-Betrieb, vollständige Automatisierbarkeit, Referenz-Tuning,
Kill-Dry-Schalter, Undo/Redo, A/B-Vergleiche, Mix- und Notes-Lock sowie ein
Eco-Modus für eine effizientere CPU-Nutzung.
Auch die Preset-Ausstattung ist umfangreich: Die aktuelle Version bietet
über 120 Presets, darunter elf speziell als Einstieg beziehungsweise
Tutorial-Presets konzipierte Einstellungen. Mix Lock und Notes Lock sind dabei
gerade beim Experimentieren praktische Details. Man kann Presets durchgehen,
ohne jedes Mal die eigenen Mix- oder Noteneinstellungen zu verlieren. Man merkt
in nahezu jeder Funktion, dass hier Entwickler am Werk waren, die Hall nicht
lediglich als Nebeneffekt eines Signals betrachten, sondern als eigenständiges
musikalisches Instrument.
Für wen eignet sich Eventide Temperance Pro?
Temperance Pro richtet sich nicht unbedingt an diejenigen, die einfach
nur einen weiteren hochwertigen Hall für den Mix suchen. Dafür ist der Markt
bereits mehr als gut versorgt.
Seine eigentliche Zielgruppe sind Produzenten, Sounddesigner,
Komponisten und insbesondere Filmkomponisten, die Räumlichkeit als kreatives
Gestaltungsmittel verstehen. Wer mit Ambient, elektronischer Musik, Hybrid
Scoring, Sound Design oder experimenteller Filmmusik arbeitet, dürfte hier
deutlich schneller auf interessante Territorien stoßen als jemand, der
lediglich einen möglichst unauffälligen Room-Reverb für eine Akustikgitarre
benötigt.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Temperance Pro klassische
Anwendungen nicht beherrscht. Die 29 Spaces bieten durchaus konventionelle
Ausgangspunkte. Aber das eigentlich Interessante beginnt dort, wo man aufhört,
den Reverb nur als „Raum“ zu betrachten.
Fazit
Der Markt für Hall-Plug-ins ist hoffnungslos überfüllt. Jede Woche
erscheint ein neues Vintage-Derivat, ein weiterer Lexicon-inspirierter Hall
oder die nächste algorithmische Kathedrale. Das ist weder schlecht noch
überflüssig – schließlich haben unterschiedliche Reverb-Konzepte ihre jeweils
eigene musikalische Berechtigung.
Temperance Pro geht allerdings einen anderen Weg. Eventide hat hier
nicht einfach einen weiteren Reverb gebaut, sondern ein neues Konzept von
Räumlichkeit entwickelt. Der Hall kann auf die harmonische Sprache eines Stücks
reagieren, einzelne Noten hervorheben oder ausblenden, rhythmische Bewegungen
ausführen und sich über MIDI sogar performativ steuern lassen. Er ist damit
nicht länger ausschließlich Ambiente, sondern kann zum kompositorischen
Werkzeug, spektralen Bildhauer und zur kreativen Sandbox werden.
Für Komponisten, Sounddesigner und Produzenten, die ungewöhnliche Klangräume suchen, ist genau das der entscheidende Punkt. Temperance Pro ist kein Reverb für jede Situation – und will es auch gar nicht sein. Es ist ein Reverb für diejenigen, die mit Räumlichkeit mehr machen wollen, als einem Signal lediglich etwas Tiefe zu verleihen.
