Montag, 18. Juli 2022

STRANGER THINGS UND DER MASTER OF PUPPETS

Credit Coverbild: © Edition Olms
Viele Metal-Fans staunten nicht schlecht, als jüngst in den Spotify Top 40 neben allerlei Mainstream-Pop auf einmal ein ihnen wohlbekannter Track aus dem Jahre 1986 aufschien.
Wie zuvor bei Kate Bushs "Running Up That Hill" wurde auch  Metallicas "Master Of Puppets" in der neuesten Staffel der Netflix-Serie "Stranger Things" an prominenter (Schlüssel-)Stelle eingesetzt und so von einer völlig neuen Generation entdeckt. 

Blickt man auf die Diskographie der größten Rockbands der Musikgeschichte so fällt auf, dass es bei vielen Künstlern ein ganz spezielles „Schlüsselalbum“ gibt. Eine LP die einem regelrechten „watershed moment“ gleicht. Auf jenen Alben erfolgt entweder eine entscheidende Weiterentwicklung des Signature Sounds oder es wird gleich eine neue, für die spätere Karriere wesentliche Richtung eingeschlagen.
Die Beatles hatten beispielsweise ihr erstes psychedelisches Magnum Opus „Revolver, die Stones ihr „Beggars Banquet“ das symptomatisch für die bis in die 70er reichende Hit-Serie sein sollte. Bei den Heavy-Ikonen Metallica kann man diesen Moment ganz klar im Jahre 1986 verorten, denn da erschien „Master Of Puppets“(kurz „MoP“).

Dieser Klassiker des Schwermetalls gilt vielen als das beste Genre-Album ever. Und das nicht zu unrecht. Schon auf ihrem Debut „Kill ´Em All“ und insbesondere bei „Ride The Lightning“ zeigten sie sich weitaus vielseitiger und vielschichtiger als all ihre Bay Area-Kollegen. Auf „MoP“ gingen sie diesen Weg konsequent weiter: Während Slayer sich in kakophonischen Collagen ergingen, legten Hetfield, Hammett, Ulrich und Burton einen zusätzlichen Grundstein für die zunehmende Progressivität ihrer Kompositionen. Und trotz dem eher überschaubarem Mainstream-Appeal aufgrund seines hyper-aggressiven Sounds war „MoP“ ein kommerzieller Triumph – der Durchbruch war geschafft. Die sich aus dem metallischen Themen-Triumvirat – Wahnsinn, Krieg , Darkness – speisenden Songs sind bis heute Klassiker, die aus den Live-Gigs der San Francisco-Ikonen nicht wegzudenken sind.

Der Bildband „Back To The Front“ beleuchtet nun die Mittachtziger-Phase Metallicas - es sind Bilder aus einer unschuldigeren Zeit: Man sieht die Band on stage aber auch beim Herumalbern abseits der Konzertbühne mit den weißen Kreuzen. Es sind Zeitdokumente der Sturm und Drang-Phase des Metal, als eine Subkultur-Szene endgültig aus dem Schatten ins Licht der Mainstream-Öffentlichkeit trat. In jene Zeit fiel jedoch auch der tragischste Einschnitte der Band-Geschichte: der Unfalltod des prägenden Bassisten Cliff Burton, der vor genau 33 Jahren bei einem Tourbus-Unfall ums Leben kam. „Back To The Front“ ist auch ein Tribute an diesen innovativen Musiker.

Es handelt sich dabei zwar bei weitem nicht um das erste coffee-table-Buch der Metalheroen aus San Francisco – Hetfield & Co. erkannten schon früh die prestigeträchtige Wirkung der gediegenen Bildband-Retrospektive. Doch ist es die erste monothematische Rückschau, die sich ganz und gar einer ganz speziellen Ära in der illustren Karriere Metallicas widmet. Dass damit vorwiegend der ganz harte Kern der „Metallica Family“ angesprochen wird ist klar. Der erhält jedoch ein toll gestaltetes, bibliophiles Sammlerstück das unzählige ungesehene Dokumente vereint.

Metallica: Back To The Front, erschienen bei Edition Olms

Montag, 11. Juli 2022

THE ROLLING STONES BY PUTLAND

Credit Coverbild: © Delius Klasing Verlag
Einst war das Genre des Rock noch dominierend in den Charts und der große gemeinsame Nenner beim Publikum. Auch anspruchsvolle und experimentelle Musik vermochte es noch auf breite Resonanz bei einem Mainstream-Publikum zu stoßen und es waren die Rockstars,  die über das Reich der Stadien, Clubs und Recording Studios herrschten. Festgehalten wurde dieses goldene Ära häufig von den sog. Rock N´ Roll Photographers, die zu Chronisten dieser heute sagenumwobenen Zeit wurden und meist selbst sehr nah  an der Subkultur dran waren. Der Brite Michael Putland (1947-2019) über den es heißt, dass er in den Siebzigern keinen Tag frei hatte, war einer der ganz Großen unter diesen Künstlern, die eine neue Bildsprache in der (Musik-)Fotografie etablierten.

Dass Putland in den Seventies kaum Freizeit hatte mutet nicht einmal übertrieben an, angesichts der vielen Stars, die er vor seiner Linse hatte: Eric Clapton, Led Zeppelin, The Who, Queen, David Bowie...Auch mit den Rolling Stones arbeitete er über viele Jahre zusammen, ging sogar mit ihnen auf die immer gigantischer werdenden Tourneen. Ein neuer, passend zum Band-Jubiläum erschienener Buch zeigt nun die Stones, wie Putland sie sah. 

Putland war sowohl Spezialist für das Festhalten kleiner, sehr persönlicher Momente, welche die Band-Dynamik offenbaren (ein Blick auf das fröhliche Titelbild mit dem im Vorjahr leider verstorbenen Charlie Watts macht wehmütigals auch für das Einfangen des den Liveshows innewohnenden Spektakulären und Überhöhten.
Aufgeteilt in drei Kapitel werden die Jahre 1963-1994 beleuchtet, das Hauptaugenmerk liegt hier jedoch klar auf den Seventies, die einen Großteil dieses Buchs füllen. Im äußerst ausführlichen und hochinteressanten Begleittext, ließ Putland anekdotenreich auch seine eigene Karriere Revue passieren und portraitierte dabei nicht nur die damalige Musikszene sondern zeigte auch die Entwicklung der härtesten Beatband der Welt.

The Rolling Stones by Putland, erschienen im Delius Klasing Verlag

WEITERFÜHRENDER BUCH-TIPP: MUSIKIKONEN

Credit Coverbild: © Delius Klasing Verlag
Die zuvor erwähnten Zusammenarbeiten mit dem Who Is Who der Musikindustrie abseits der Stones (die in diesem Buch allerdings natürlich auch eine Rolle spielen) gibt es im programmatisch betitelten Bildband "Musikikonen", zu bewundern. Von intimen, stillen Portraits hin zu einigen der wohl spektakulärsten Live-Shots ever sieht man hier Seite um Seite die große Kunst Putlands.

Michael Putland - Musikikonen: Von ABBA bis The Who, erschienen im Delius Klasing-Verlag

GARY MOORE - DIE OFFIZIELLE BIOGRAPHIE

Credit Coverbild: © Hannibal Verlag
Gary Moore (1952-2011) war fraglos einer der außergewöhnlichsten Musiker, die je die sechs Saiten zum Glühen gebracht haben. Bei Moore verbanden sich eine ganze Reihe von Merkmalen, die ihn zu einem besonderen Künstler mach(t)en: Da wäre zum einen sein ungemein emotionales Spiel, das immer eine immense Intensität aufwies -  bei ihm wusste man  stets, er lebte bzw. fühlte jede einzelne Note.
Dann fällt einem natürlich seine Virtuosität ein, selbst die längsten und weitesten Bendings waren bei  Moore stets genau exekutiert und High Speed-Passagen waren stets präzise - und all dies vorgetragen mit einem mächtigen Gitarren-Sound.  Und dann war er überdies noch ein vielseitiger Songwriter und großartiger Sänger. 

Angesichts all dessen mutet es geradezu seltsam an, dass es streng genommen keine Literatur über diesen Ausnahme-Virtuosen gibt. Der britische Autor Harry Shapiro hat Erfahrung mit Bios großer  Gitarristen (zuvor schrieb er über die Karrieren von Eric Clapton und Jimi Hendrix) und begradigt diesen Missstand nun etwas mit einer neuen, offiziellen Biographie - es ist die erste dieser Art über den Mann aus Belfast.

Shapiro zeigt sich als profunder Rechercheur, der auch weniger bekannte Aspekte aus Moores Vita zu rekonstruieren vermag und zeichnet dessen Weg zum Star detailreich, wenngleich stilistisch eher konventionell nach. Mit einer etwas kurzen, lediglich schwarz- weißen Fotostrecke ist diese erste große Buch-Würdigung Moores nicht gerade reich bebildert - allerdings gibt es einen anderen "Bonus": im Gegensatz zu  vielen andere Biographien über große Gitarristen  widmet Shapiro einen durchaus extensiven Teil dem Equipment des irischen Meisters: Moore "Tone" war stets exquisit und viele seiner "Gear Choices" haben selbst einen legendären Ruf, wie etwa die 1959er Les Paul "Greenie", die er einst von Peter Green kaufte (und die heute im Besitz von Metallicas Kirk Hammett ist) oder die Fender Strat in Fiesta Red. Shapiro bleibt jedoch nicht nur bei diesen bekannten (und die respektive vom Gibson und Fender Custom Shop reproduziert wurden) stehen, sondern taucht tief ein in die Sammlung und die Rigs Moores.

Die vielleicht speziellsten Teile in Shapiros umfangreichen Werk sind jedoch weder diese für Gitarren-Fans hochinteressanten Gear-Infos noch die detaillierte Schilderung des Aufstiegs Moores: es sind die vielen, bis dato wenig beleuchteten persönlichen und zwischenmenschlichen Aspekte, die den Menschen hinter dem berühmten Virtuosen zeigen - und es sind die gegen Schluss zu zitierten O-Töne von Stars wie Eric Clapton, Slash, Bob Geldof, Joe Bonamassa oder Steve Lukather, in denen ihre Wertschätzung gegenüber Moore spürbar wird. 

Harry Shapiro - Gary Moore: Die offizielle Biographie, erschienen im Hannibal Verlag

AL DI MEOLA, JOHN MCLAUGHLIN, PACO DE LUCIA - SATURDAY NIGHT IN SAN FRANCISCO

Credit Coverbild: © Ear Music Edel
Dass Stars oder ihr Plattenlabel nach einigen Jahrzehnten Alternative Mixes und nie verwendetes Material auf dem Dachboden oder im Studiolager finden, ist nicht unbedingt etwas Ungewöhnliches - zahllose erweiterte Reissues und Boxsets zehren von genau diesen mehr oder minder erhellenden Archiv-Funden. Bei jenen Aufnahmen, die das zuletzt erschienene „Saturday Night in San Francisco“-Album bilden, war offenbar ganze vier Jahrzehnte unklar, ob sie  überhaupt existieren. Allein dieser Umstand würde dieser Platte also schon den Nimbus des Besonderen verleihen. Hinzu kommt jedoch, dass man es hier mit dem Dokument einer grandios-virtuosen Performance aus den frühen Achtzigern zu tun hat, die noch dazu nichts weniger ist, als die direkte Fortsetzung eines der ganz großen Gitarren-Alben.

 Friday Night in San Francisco“, aufgenommen im Warfield Theatre in ebenjener Stadt am 05.12.1980, gilt zu Recht als eines der wegweisendsten Jazz-/Instrumental-Platten aller Zeiten. Die virtuose Mischung aus Jazz, Fusion, Flamenco und mediterraner Musik erreichte damals nicht nur ein genre-affines Nischenpublikum und wurde so nach dem Release 1981 zum Hit. Mit diesem fulminanten Start ins damalige Wochenende war jedoch noch nicht Schluss, auch am darauffolgenden Tag spielten die Maestros Al Di Meola, John McLaughlin und Paco De Lucia  im Warfield Theatre.  Fast Forward in die Gegenwart: Al Di Meola und sein Team durchforsteten die Original-16-Spur-Bänder akribisch und so kann man anno 2022 auch den explosiven letzten Auftritt des berühmten Gitarrentrios vom Nikolaustag 1980 nachhören.

Die Frage, ob nun die Freitags oder Samstags-Show besser ist und welche dieser beiden Platten nun beeindruckender ist, lässt sich nicht beantworten: einerseits aufgrund der anderen Setlist, andererseits aufgrund des unglaublich hohen spielerischen Niveaus dieser drei begnadeten Virtuosen an den sechs Saiten. Hier hört man drei geniale Musiker am absoluten Höhepunkt ihrer Kunst, die Melodien und Licks in beeindruckend flüssiger Manier von ihren Griffbrettern perlen lassen – und im perfekten Zusammenspiel als Trio durch ihre Instrumente regelrecht kommunizieren.

Freitag, 8. Juli 2022

ELVIS – DIE LEGENDE

Credit Coverbild: © Hannibal Verlag
Memphis im US-Bundesstaat Tennessee ist ein Ort, an dem man an gefühlt jeder Ecke auf einen Teil Musikgeschichte trifft: dort das Peabody Hotel, in dem sich dereinst der spätere Sun Records-Chef Sam Philips mit seinem Namensvetter Dewey Philips (einer der wichtigsten Radio DJs, der in den Fifties in seiner Sho Blues und Rock N´ Roll spielten und so in die Wohnzimmer der neugierigen Hörerschaft brachte); dort die Beale Street, ein Epizentrum der vielfältigen schwarzen Kultur des Südens oder eben das Sun Records Studio, in dem ein junger Mann namens Elvis Presley seine ersten Aufnahmen machte. Und natürlich Graceland im Stadtteil Whitehaven, das legendäre Anwesen des King Of Rock N´ Roll, das heute seine letzte Ruhestätte ist. 

Teile Gracelands sind ein Museum und beherbergen eine beeindruckende Sammlung an Memorabilia und Exponaten, verwaltet vom hauseigenen Archiv. Einen Blick auf ausgewählte Teile dieser extensiven Sammlung sowie in das außergewöhnlich eingerichtete Heim des Kings kann man auch im Buch „Elvis- Die Legende“ werfen. Dieser Band erschien ursprünglich schon vor einigen Jahren, wurde nun anlässlich des bevorstehenden 45. Todestages Presleys jedoch neu aufgelegt. 

Autorin Gillian G. Gaar , die sonst u.a.  für den Rolling Stone oder MOJO schreibt sowie Musikerbiographien (z.B. über Jimi Hendrix) und  die Kolumne „All Things Elvis“  im Goldmine Magazine verfasst, richtet das Spotlight auf unterschiedliche Aspekte im Leben des Elvis Aaron Presley, die letztlich eine Biographie ergeben: Gaar beleuchtet Marksteine der beispiellosen Karriere des ersten modernen weltweiten Megastars. 
Langjährige Fans werden viele dieser Fakten schon kennen und dieses 192 Seiten starke Buch kann naturgemäß thematisch nicht so tiefgehend und ausführlich sein wie beispielsweise Peter Guralnicks extensive, zwei-bändige Biographie. Dennoch ist Gaars Werk reich an Fakten und Trivia. Und da dieser Band in enger Kooperation mit Elvis' Nachlassverwaltern entstand und auch vom Graceland Archiv autorisiert wurde, sieht der Fan hier mehr als 150 Fotos, ergänzt um eine Fülle von Erinnerungsstücken wie persönliche Briefe, Rezepte, Telegramme, Konzerttickets oder Tourprogramme, Schmuck, Gewand, Gitarren oder Autos - wodurch dieses Buch nicht nur ein kompaktes Künstlerportrait sondern auch eine überaus gelungene, bibliophile Tour durch Teile eines faszinierenden Archivs wird.

Gillian G. Gaar, ELVIS – DIE LEGENDE Autorisiert vom Graceland Archiv, Hardcover, 28,3 x 24,5 cm, 192 Seiten, durchgehend farbig bebildert, erschienen im Hannibal Verlag

Donnerstag, 7. Juli 2022

DIE GEHEIMSPRACHE DES BLUES - Die wahre Bedeutung der Songtexte

Credit Coverbild: © Editon Olms
Obwohl sich die Basis des Blues, sein musikalisches Grundschema und die eindeutigen Kernmerkmale dieser Musikrichtung trotz einer steten Adaptierung über die Jahrzehnte nicht veränderten, zählt er zu einem der vielfältigsten und am weitesten verästelten Musikgenres: Von der Urform der Arbeitssongs auf den Baumwollfeldern der Südstaaten (den sog. Field Hollers mit dem Call & Response), den herumreisenden Bluesmusikern, die ihre Erfahrungen in Songform festhielten und für die schwarze Community spielten über die zunehmende Ausbreitung in die großen Städte der USA (Great Migration und Big City Blues) hin zu modernen Spielarten -  die lokalen Ausformungen und distinktiven Subgenres sind mannigfaltig und vielschichtig - ebenso wie die Texte.

Lyrics im Blues weisen nicht nur eine beeindruckende Kreativität in der Be- und Umschreibung der besungenen Sachverhalte auf, sondern geben dem heutigen Hörer auch Einblick in eine vergangene Zeit und in ein soziokulturelles Umfeld, das in dieser Form nicht mehr existiert. Zudem offenbaren uns Blues Songs einen teils faszinierenden Slang bzw. Szene-Jargon, der in seiner Unverblümtheit keinesfalls hinter den expliziten Texten heutiger Rapper zurücksteht. Während Sonntags in der Kirche beim Gospel natürlich das Sakrale im Mittelpunkt stand, gehörte der Samstagabend „Wein, Weib und Gesang“ bzw. dem Blues, der sich stets auch dem allzu Menschlichen, Lasterhaften und irdischen Problemen widmete: Sex, Liebe und Eifersucht, Drogen, Suizid, Ausbeutung aber auch ganz einfach die „good time“ wenn der „Juke Joint“, kracht .

 Manche dieser Thematiken werden direkt angesprochen, andere werden nur mit einer Art Geheimsprache, die man geradezu als Code bezeichnen könnte, beschrieben. Autor Robert Cremer hat sich genau dieser eigenen Blues-Etymologie angenommen und analysierte hunderte Songs  -  übersetzt diesen Slang, gibt Aufschluss über heute wenig gebräuchliche Begriffe und taucht im Zuge dessen auf 868 Seiten tief ein in die Geschichte dieser amerikanischen Musikrichtung. Cremers Entdeckungen  sind musikhistorisch sowie sozio-kulturell faszinierend, sein Vorgehen bemerkenswert detailreich, geradezu detektivisch. In 12 Kapitel, eingeteilt nach Themenkomplexen wie z.B. Sex, Humor, Schnaps, Voodoo, Rassentrennung oder der traditionell selbstbewussten Eigenbeschreibung des Bluesman, werden Lyric-Exzerpte analysiert und das Vokabular bekannter und weniger bekannter Songs detailreich und unterhaltsam erklärt.

 Analog zum lexikalen Charakter dieses Hardcover-Bandes - allerdings im Kontrast zum farbenfrohen Cover - ist das ganze zwar sehr übersichtlich, aber doch ziemlich nüchtern und über weite Strecken in Schwarz/Weiß gestaltet. Ein Umstand der jedoch nichts daran ändert, dass dies eines der interessantesten Musikbücher der letzten Zeit ist -  zumal es bei Cremer nicht nur bei für Blues-Veteranen mitunter bekannten Erkenntnissen bleibt, dass bei Textzeilen wie  „diggin my garden“ nicht eben Gartenfreunde angesprochen werden, saftspendende Limonen nicht nur an der Fruchttheke erhältlich sind und selbst das Braten eines Steaks nicht unbedingt etwas mit Kulinarik zu tun haben muss.

Robert Cremer – Die Geheimsprache des Blues Mit einem Vorwort von Bobby Rush. 868 Seiten mit über 250 Fotos und Illustrationen. Hardcover im Großformat 21 x 30 cm.ISBN 978-3-283-01316-5. 

Sonntag, 3. Juli 2022

SAUL LEITER - RETROSPEKTIVE

Credit Coverbild:©Saul Leiter  Kehrer Verlag
Obwohl er schon in den Forties Werke von ganz eigener, geradezu wegweisender Ästhetik schuf, erging es dem vielseitigen Künstler Saul Leiter (1923–2013) ähnlich wie zahlreichen Pionieren: Erst lange nachdem viele seiner Bilder entstanden sind, erfuhr er die verdiente Würdigung als ein wichtiger Vertreter der Farbfotografie. Die Gründe für diese relativ späte Entdeckung eines unglaublich eindrucksvollen Fotokünstlers mögen schlicht Timing, Zufall oder auch der Umstand gewesen sein, dass sich Leiter lange Zeit hauptsächlich als Maler verstand und etwa mit abstrakten Expressionisten mit Willem De Kooning ausstellte.

Diese Kunstgattung prägte ganz generell die Arbeiten Leiters: er zeigte stets einen Hang zur Abstraktion und schoss Bilder, die oft wie ein Gemälde wirken und malte Bilder, die in ihrer Dynamik beinahe an Schnappschüsse gemahnen. Auch und gerade im Bereich der Street Photography, einem Subgenre in dem Leiter einige seiner besten Werke schuf, merkt man dies überdeutlich. In ihrem bewussten Einsatz von Unschärfe und perspektivischen Tricks erinnern Leiters Werke an Film-Stills und phasenweise gar an Gerhard Richter. Mysteriös sind die großen, tiefschwarzen, von Schatten hervorgerufenen Flächen, die gut Dreiviertel seiner Fotografien einnehmen. Leiters Sicht auf das (Alltags-)leben ist eigenwillig und faszinierend.

Anlässlich der weltweit umfassendsten Retrospektive im Haus der Photographie der Deichtorhallen Hamburg 2012 erschien ein umfangreicher Retrospektiv-Bildband, der  die bisher umfassendste Monografie über Leben und Werk des großen Fotografen und Maler darstellt. Dieses Buch ist nun in dritter, aktualisierter Auflage erneut erhältlich und lohnt sich sowohl für Kunst-Fans, die Leiter erst entdecken, als auch für jene, die um die Kraft seiner Bilder wissen.  Denn neben einem Blick auf Leiters frühe Schwarz-Weiß- und Farbaufnahmen ist dieser Band auch deshalb so interessant weil er auch weniger bekannte Bereiche des Schaffens Leiters beleuchtet, etwa die  Mode- und Aktfotografie.

 Ingo Taubhorn, Brigitte Woischink (Hrsg.): Saul Leiter296 Seiten, 155 Farbe und S/W Abbildungen, 22 x 26,4 cm, erschienen im Kehrer Verlag