Sonntag, 21. Juli 2019

PLAY IT LOUD: Das Buch zur MET-Ausstellung

© Courtesy of  The Metropolitan Museum of Art
Mit ihnen wurde Musikgeschichte geschrieben: Noch bis zum ersten Oktober dieses Jahres kann man im Rahmen der "Play It Loud"-Ausstellung zur Ikone gewordene Reliquien des Rock in den ehrwürdigen Hallen des New Yorker Metropolitan-Museums bewundern. 
Anders als bei ähnlich gelagerten „high profile“ Schauen über die Stones, Bowie oder zuletzt Pink Floyd liegt der Fokus hier ausschließlich auf Instrumenten – und hierbei, neben vereinzelten Synthesizern oder Pianos vor allem auf den ungleich fotogeneren Gitarren, Bässen, Amps, Effektpedalen und Stage-Kostümen (Stichwort: Jimmy Pages Dragon Suit !).

Und wie immer bei solchen Events gibt es natürlich auch hier ein begleitendes Buch zur Ausstellung. Und da das MET zu den Kunsttempeln schlechthin zählt, ist auch dieses "accompanying release" äußerst ansprechend gestaltet. Man hat es hier nämlich nicht mit einem normalen Katalog zu tun, sondern einer Mischung aus coffee-table Bild- und Essay-Band, der einige der beeindruckendsten Exponate, Ikonen der klassischen Rock N´Roll Photography sowie glühende Abhandlungen über die revolutionäre Kraft des Instruments (u.a von Rolling Stone-Veteran David Fricke) beinhaltet.
Der Vorteil dabei - dieses äußerst liebevoll gestaltete Buch ist auch all jenen zugänglich, die den zugegeben langen Trip nach NYC nicht machen können.
Zu sehen gibt es einige der berühmtesten Artefakte aus der glorreichen Ära des Instrumentenbaus wie die schwarze Les Pual Custom, mit der Keith Richards „Sympathy For The Devil einspielte, Don Felders Doppelhals-Gitarre die live bei „Hotel California“ zum Einsatz kam, Jimmy Pages Akustikgitarre aus dem Intro von „Stairway To Heaven“, Eric Claptons aus mehreren Teilen verschiedener Strats zusammengebaute „Blackie“, Van Halens komplettes 1978er Setup mit Frankenstrat und Marshall und und und….

Hier ein exklusives Preview mit einigen der prestigeträchtigsten Exponate:
Mr. Slowhands "Blackie"
© ZUMA Press, Inc. / Alamy Stock Photo

1957er Les Paul Custom aus der  "Collection of Keith Richards"
© Courtesy of  The Metropolitan Museum of Art

Donnerstag, 4. Juli 2019

BRUCE SPRINGSTEEN – WESTERN STARS

Credit Bild: © Sony Music

Gemächlich, gänzlich ohne jegliche Eile rollt der Pickup-Truck, das Detroiter Symbol für den amerikanischen Blue Collar-Arbeiter, den schier endlos scheinenden Highway entlang. Ohne erkennbares Ziel folgt der Fahrer des in die Jahre gekommenen Wagens der Straße ins Nirgendwo, direkt durch das Herz Amerikas vorbei an einem wilden Mustang, der seine Kreise in einer dichten Staubwolke zieht.

Es sind diese so archaisch wie ikonisch anmutenden Bilder der letzten großen „Frontier“, die vor dem geistigen Auge des Zuhörers der jüngsten Platte des Boss entstehen. Nicht von ungefähr heißt sie „Western Stars“,  ist allerdings dennoch kein reinrassiges Country-Album. Jenes Genre hatte ja schon immer einen festen Platz im Songwriting-Koffer Springsteens, für seinen musikalischen Neo-Western bedient er sich jedoch gekonnt an Genre-Versatzstücken ohne gänzlich ein traditionelles Hillbilly-oder Alt-Country-Werk einzuspielen.
Angekündigt war das Album auch als Springsteens Hommage an den Southern California Pop der späten Sechziger und frühen Siebziger, dies hört man insbesondere an den teils stark dominierenden Streichern-Arrangements, die den Geist dieser Zeit atmen sowie den euphonischen Akkordfolgen, die eine wilde Westcoast  evozieren. Die Charaktere, welche die neuen Lieder bevölkern sind typische Springsteen´sche Helden, die genauso gut von Salinger oder Joyce stammen könnten. Die Rolle des gänzlich unbeschwerten Hero ? Der Boss hatte ihn nie auf seiner Casting-Liste.

„Western Stars“ geizt zwar nicht mit Bombast, gerade wenn die mächtige Streicherwand den Hauptdarsteller unzähliger Country-Songs, das berühmte „lonesome  Feeling“, begleiten, insgesamt ist es jedoch introspektiv und zurückgenommen.
Diese gedämpfte Grundstimmung könnte als eine Bestandsaufnahme des Status Quo der Vereinigten Staaten anno 2019 gedeutet werden. Doch obwohl es genau in Trump-Zeiten erscheint und Springsteen nicht eben ein unpolitischer Musiker ist, hat man es hier nicht mit einer Abrechnung mit der aktuell im Amt befindlichen Administration zu tun.
Der Boss hat universellere Themen im Blick, „Western Stars“ ist eine so tiefenentspannte wie zeitlose Erzählung, eine schwermütige Working Class-Serenade. Also typisch Springsteen eigentlich. Man hat ihn – Stichworte: Nebraska und Born To Run– zwar schon mit mehr Verve und Abwechslungsreichstum musizieren gehört – doch als Panorama von short stories aus dem Heartland ist das betont unaufgeregte und introspektive „Western Stars“ sehr effektiv.
Credit Bild: © Sony Music

HOLLYWOOD VAMPIRES – RISE


Credit Bild: © Ross Halfin       earMUSIC
Am Höhepunkt seiner Karriere als Trinker formierte Schockrocker Alice Cooper die Hollywood Vampires, einen Club prominenter Gentlemen, die ähnlich wie ihre Kollegen aus dem Bram Stoker-Roman oder einer Hammer Films-Produktion die Nacht zum Tage machten. Entgegen den Cooper´schen Bühnengepflogenheiten stand ihnen der Sinn jedoch keineswegs nach Blut sondern vielmehr nach Hochprozentigem, handelte es sich damals in jener Hochphase der Rock N´Roll Exzesse doch um einen hochkarätigen „Celebrity Drinking Club“ dem u.a. Ringo Starr, Keith Moon, Micky Dolenz of The Monkees oder auch mal John Lennon angehörten.

Fast Forward ins Jahr 2015: da wurden die Vampires, die bis dato eher den trivia-interessierten Rock-Fans ein Begriff waren, reaktiviert. Diesmal jedoch -  die harten Zeiten liegen längst hinter Cooper -  nicht als Party-Gesellschaft sondern als Band: als Supergroup mit hochkarätiger Besetzung um genau zu sein. Zusammen mit Joe Perry, ehemals ebenfalls kein Kostverächter, Hollywood-Superstar Johnny Depp sowie einer Reihe  illustrer Mitmusiker  wurde verstorbenen Weggefährten aus der vergangenen Rock-Ära musikalisch Tribut gezollt.Einige Jahre und weltweite Touren später macht das unlängst veröffentlichte zweite Opus der Vampire von der Westcoast namens „Rise“ klar, dass dieses Projekt absolut keine Eintagsfliege war. Die Chemie zwischen den Musikern scheint wirklich exzeptionell zu sein.

Im Gegensatz zum Erstling sind diesmal nur drei der Songs Coverversionen.
Alice Cooper sagt über das Album mit merkbarem Stolz: „ ‘Rise‘ ist nicht nur eine komplett andere Spezies als das erste Vampires Album [...] es ist besonderer, als alles, das ich vorher gemacht habe. Dieses Projekt bin ich ganz anders angegangen, als normalerweise. Jeder von uns; Joe, Johnny, Tommy und ich haben an den Songs geschrieben. Was aber anders ist ist, dass ich nicht versucht habe die Songs mehr nach Alice klingen zu lassen. Weil jeder von uns andere Einflüsse hat, ist der Sound sehr cool. Ich denke, dass wir mit diesem Album etablieren was der Vampires Sound wirklich ist, während es beim ersten Album darum ging den Hut vor unseren gefallenen Rock’n’Roll-Brüdern zu ziehen.“

Das Debut Album war also das Vorspiel, der Prolog, jetzt geht der Vampir aus dem Vyper Rom direkt an die Halsschlagader. Was ein passendes Wortbild für den rohen, rotzig-räudigen Sound von „Rise“ ist. Von den kakophonen Gitarren-Noises im Opener bis zum letzten Track hat man es mit einer wilden Platte zu tun, die denkbar wenig Interesse am Zeitgeist zeigt. Über weite Strecken könnte „Rise“ entgegen der Selbsteinschätzung Coopers durchaus als ein reines Alice-Album der jüngeren Vergangenheit durchgehen. Diese Sound-Komponente dominiert neben Punk-Einflüssen überdeutlich. Die bluesige Aerosmith-Seite spielt hingegen eine eher untergeordnete Rolle, dafür fehlt über weite Strecken die Melodik.
Im Vergleich zum Debut-Album stellt „Rise“ dennoch eine klare Weiterentwicklung dar, wirkt  in seiner recht langen, 16 Tracks umfassenden Spielzeit jedoch etwas „uneven“ und geht ziellos in unterschiedliche Richtungen.
Am Schluss sind es wieder die Covers (Johnny Depp brilliert bei Bowies „Heroes“ und Perry, der bei „You Can´t Put Your Arms Around A Memory“Johnny Thudners „channeled“ ) sowie die klassisch, schmissige Rockabilly-Nummer „Welcome The Bushwhackers“ mit Maestro Jeff Beck die am meisten überzeugen.
Credit Coverbild: © earMUSIC