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Montag, 17. August 2026

U-HE DIVA Test: Softsynth-Klassiker ohne Allüren

u-he Diva GUI
Credit Bild:© U-he
Obwohl die ganzen großen klassischen Synthesizer regelrechte Klang-Chamäleons sind und mit den nötigen Programming-Fähigkeiten in viele Richtungen gebogen werden können, gibt es klarerweise unumstößliche Fixsterne am Sound-Himmel elektronischer Klangerzeugung. Es sind jene tonalen Signaturen, die sich tief in das kollektive Gedächtnis der Pop-, Rock- und Filmmusik eingebrannt haben: Die unerreichten, markerschütternden Referenz-Bässe des Minimoog, die majestätisch schwebenden Pads und prägnanten Brass-Sounds von Oberheim, die unverkennbaren, Chorus-getränkten Plucks eines Roland Juno oder diese ganz spezielle, düstere Schwere und unheimliche Dichte eines Prophet-5. Wer diese unterschiedlichen Klangfarben in seiner Digital Audio Workstation (DAW) reproduzieren wollte, musste lange Zeit entweder auf eine ganze Phalanx spezialisierter Plugins zurückgreifen oder horrende Summen auf dem Vintage-Markt für anfällige Hardware-Originale hinblättern.

Das mittlerweile mit Fug und Recht selbst als Klassiker zu bezeichnende Synthesizer-Plugin Diva aus dem Hause u-he vereint genau diese unterschiedlichen, legendären Welten unter einer einzigen, eleganten Oberfläche. Dabei macht Diva (das steht für Dinosaur Impersonating Virtual Analogue Synthesizer) vieles von dem, was archaische Geräte von Moog bis Roland berühmt gemacht hat, geht jedoch gleichzeitig völlig eigene, progressive Wege. Das Konzept bricht mit der Philosophie klassischer 1:1-Replikas: Anstatt nur ein einziges historisches Gerät zu kopieren bzw. zu modeln, erlaubt Diva eine beispiellose, intertextuelle Kombination einzelner Epochen.

Ein Synth mit vielen Facetten

Im Kern hat Diva zwei große Stärken: da wäre zum einen der  extrem authentische analoge Klang (will man diesen in all seinen Facetten genießen empfiehlt sich ein entsprechend starker Rechner!). Und dann die Möglichkeit sich in bester Mix & Match-Manier quasi seinen eigenen Frankenstein-Synth zu basteln.

Gekonnt fängt Diva den wahren Geist diverser analoger Hardware-Ikonen ein, indem sie dem User eine extrem flexible, modulare Struktur zur Verfügung stellt. Die Oszillatoren, Filter und Hüllkurven-Module orientieren sich bis ins kleinste Detail an den realen Schaltungskomponenten der geschätzten monophonen und polyphonen Synthesizer-Klassiker von gestern.  Die Möglichkeiten sind hier wirklich mannigfaltig: So lassen sich beispielsweise raue Moog-Style-Oszillatoren mit Filter-Charakteristika, die man in ihrer aggressiven Resonanz eher aus dem Hause Yamaha kennt, nahtlos miteinander kombinieren. Es entsteht so eine faszinierende Sandbox für Klangexperimente, bei der historische Anachronismen nicht nur erlaubt, sondern als kreativer Katalysator ausdrücklich erwünscht sind.

Das Interessante daran: Obwohl die einzelnen Module deutlich erkennbare historische Referenzen besitzen, entsteht durch ihre Kombination eben nicht zwangsläufig ein weiterer Klon eines bekannten Klassikers. Man kann sich vielmehr einen Synthesizer bauen, den es als Hardware so  nie gegeben hat.

Schaltungssimulation statt bloßer Analog-Illusion

Ein wesentlicher Grund für Divas bis heute bemerkenswerte Klangqualität liegt in der verwendeten Technologie. Diva war der erste native Software-Synthesizer, der Methoden industrieller Schaltungssimulatoren, wie man sie sonst eher aus der akademischen Elektronikentwicklung kennt, in Echtzeit auf die digitale Audioebene übertrug. Virtuell werden dabei die Eigenschaften elektronischer Komponenten wie Kondensatoren und Widerstände berechnet. Das ist erheblich rechenintensiver als eine simple Annäherung an das Verhalten analoger Hardware.

Der Aufwand hat allerdings einen hörbaren Effekt. Diva klingt nicht statisch oder steril, sondern besitzt diese gewisse organische Bewegung, die man mit analoger Hardware verbindet. Der Klang hat Fundament, Charakter und eine natürliche Sättigung, ohne dass man ihn erst durch eine ganze Kette aus EQ, Saturation und weiteren Prozessoren schicken muss, damit er interessant wird.

Wer Diva mit niedrigerem Qualitätsmodus betreibt, kann CPU sparen. Wer jedoch die klanglich anspruchsvolleren Modi verwendet, sollte entsprechend Rechenleistung im Computer haben.

Praxis-Workflow

In der täglichen Studiopraxis erweist sich das Plugin schnell als ausgesprochen vielseitiger Allrounder. Das liegt auch daran, dass sich diese Diva nicht lange bitten lässt: Bässe, Pads, Arpeggios, Sequenzen, Leads, Noises und ungewöhnliche Lo-Fi-Texturen gehören gleichermaßen zu seinem Repertoire.

Die Mannschaft um Urs Heckmann hat hier ein Instrument geschaffen, das in erstaunlich vielen Bereichen reüssieren kann, ohne dabei seine eigene klangliche Handschrift zu verlieren.

Auch die integrierten Effekte tragen dazu bei. Besonders der Chorus, der sich klanglich deutlich an den klassischen Juno-Chorus anlehnt, ist ein ausgesprochen nützliches Werkzeug, um Sounds sofort in Richtung Achtzigerjahre, Synth-Pop oder atmosphärischer Filmmusik zu bewegen. Dazu kommen Reverb- und Delay-Sektionen sowie ein Arpeggiator, die aus einem bereits charaktervollen Grundsound schnell einen deutlich größeren und räumlicheren Klang machen.

Gerade im modernen Film- und Hybrid-Scoring spielt Diva seine Stärken aus. Auch in einem dichten Arrangement, in dem sich Synthesizer und ein großes orchestrales Tutti gegenseitig behaupten müssen, lässt sich das Instrument gut platzieren. Die analoge Präsenz hilft dabei, dass Pads, Sequenzen oder Bässe nicht einfach im Orchester verschwinden.

Natürlich schadet etwas Erfahrung im Synth-Programming nicht, wenn man die tieferen Ebenen der Modulationsmöglichkeiten wirklich ausreizen möchte.

Presets, Soundsets und die erstaunliche Tiefe von Diva

Bei u-he lassen sich zusätzliche Soundsets erwerben. Gerade weil Diva mittlerweile seit einigen Jahren auf dem Markt ist, existiert hier ein entsprechend umfangreiches Ökosystem (u-he Diva Soundsets). Die zusätzlichen Preset-Sammlungen sind dabei keineswegs nur „More of the same“. Klangwelten Packs mit klingenden Namen wie Automata oder Defotm zeigen, wie weit sich das Instrument abseits der klassischen Analog-Referenzen treiben lässt.

Damit stehen schnell Hunderte zusätzliche Klangmöglichkeiten zur Verfügung – von klassischen Synth-Sounds bis zu deutlich experimentelleren Settings und tiefgreifenden Customizations.

Das unterstreicht erneut, wie vielseitig Diva tatsächlich ist: Die historische DNA ist klar erkennbar, aber sie definiert nicht die Grenzen des Instruments.

Montag, 20. April 2026

GFORCE SOFTWARE MINIMONSTA 2 Test: Die moderne Evolution eines Synthesizer-Mythos

GForce Software MiniMonsta2 MiniMoog GUI
Credit Bild: © GForce Software
Der Minimoog Model D – erstmals 1970 veröffentlicht ist bis heute der Archetyp des kompakten, analogen Synthesizers. Drei Oszillatoren, kompromissloser Sound, ikonischer Charakter. Entworfen von Bob Moog selbst, wurde der Model D zur Blaupause zahlloser Synth-Designs und ist bis heute einer der beliebtesten und meist-emulierten Klassiker überhaupt. Sein Sound – warm, druckvoll, unverkennbar analog – tauchte in unzähligen Produktionen auf und definierte über Jahrzehnte hinweg das Klangbild ganzer Genres. Mit dem Plugin Minimonsta 2 legt die britische Softwareschmiede GForce Software eine moderne Neuinterpretation dieses legendären Instruments vor – und erweitert das klassische Konzept dabei um zahlreiche zeitgemäße Funktionen.

Vom modularen Monster zum portablen Klassiker

Um zu verstehen, warum der Minimoog bis heute Kultstatus besitzt, lohnt sich ein Blick zurück in die späten 1960er-Jahre. Vor seiner Entstehung bestanden Synthesizer aus großen modularen Systemen. Geräte von Moog Music füllten ganze Wände aus Modulen, Kabeln und Patchfeldern. Diese Instrumente waren leistungsfähig, aber schwer zu bedienen und praktisch unmöglich auf eine Bühne zu transportieren – wenn man nicht gerade so viele Roadies zur Verfügung hatte wie Emerson, Lake & Palmer.

Der Minimoog änderte genau das. Er brachte wesentliche Module eines großen Moog-Systems in ein kompaktes, fest verdrahtetes Instrument. Oszillatoren, Filter, Hüllkurven und Mixer waren übersichtlich angeordnet und sofort spielbar. Der typische Minimoog-Sound wurde damit portabel. Seine drei Oszillatoren liefern einen massiven Grundklang, während das berühmte 24-dB-Ladder-Filter für jene charakteristische Wärme sorgt, die Synth-Fans bis heute fasziniert. In den 1970er-Jahren tauchte der Synthesizer schnell in den Produktionen zahlreicher Künstler auf. Musiker aus Progressive Rock, Funk, Jazz-Fusion und später elektronischer Musik machten den Minimoog zu einem festen Bestandteil ihrer Klangpalette. Bässe mit enormem Druck, singende Lead-Sounds und experimentelle gefilterte Fanfaren - der Minimoog ist fraglos einer der einflussreichsten Synthesizer der Musikgeschichte und GForce haben diesen Klang, da muss man ohne Übertreibung sagen, perfekt emuliert.

Zwischen Vintage-Charakter und moderner Flexibilität

Klanglich bewegt sich der Minimonsta 2 sehr nah am historischen Vorbild. Die Oszillatoren liefern jenen satten analogen Grundklang, den man von klassischen Moog-Synthesizern erwartet. Das Filter reagiert musikalisch und organisch, besonders bei langsam fahrenden Resonanzbewegungen oder aggressiveren Sweeps. Gerade bei Bass-Sounds zeigt sich schnell, warum der Minimoog bis heute als Referenz gilt. Schon wenige Handgriffe genügen, um massive Bässe, singende Leads.

Die Software-Hommage, die mehrere Schritte weitergeht

Der Grundaufbau orientiert sich zwar klar am klassischen Minimoog-Layout. Drei Oszillatoren, Mixer, Filtersektion und Hüllkurven sind sofort wiederzuerkennen. Wer jemals mit einem analogen Moog gearbeitet hat, findet sich im Interface praktisch sofort zurecht. Doch unter der Oberfläche steckt deutlich mehr. Denn mehr Stimmen sorgen für gänzlich neue Klangräume. Während das historische Instrument strikt monophon war, erlaubt der Minimonsta 2 polyphones Spiel. Dadurch lassen sich mit der klassischen Moog-Architektur plötzlich auch Pads, Akkordflächen oder komplexe Layer erzeugen. Gerade in modernen Produktionen eröffnet das völlig neue Möglichkeiten. Zusätzlich bietet das Plugin eine relativ umfangreiche Modulations- und Reverb-Sektion.

GForce Software MiniMonsta2 MiniMoog Preset Browser
Credit Bild: © GForce Software

Mittwoch, 6. Dezember 2017

SCORPIONS – BORN TO TOUCH YOUR FEELINGS - BEST OF ROCK BALLADS

Credit Coverbild: © Ellen von Unwerth   Sony Music
„Die Ballade ist heute die Königsklasse des Rock“, meint Klaus Meine, Lead-Sänger der Scorpions, „Sie trifft, wenn sie gut ist, mitten in die Herzen der Fans“.
Und tatsächlich, gerade von Rock-Balladen geht ein ganz spezieller Reiz aus.Wenn professionelle Schmalzsänger aus dem Popbereich balladeskes vortragen, wird es schnell allzu unangenehm kitschig. Doch wenn Rocker mal ihre gefühlvolle Seite zeigen hat das oft eine ganz spezielle Authentizität wie „Feuerzeug in die Höhe“-Klassiker von Deep Purple über Guns N´ Roses bis zu Metallica beweisen.
Auch die Scorpions schufen mit Songs wie „Still Loving You“ oder dem melancholisch-hoffnungsvollen Perestroika-Hit  „Wind Of Change“ Klassiker dieser Gattung.
Ein Alleinstellungsmerkmal der Scorpions ist dabei stets der starke Hang zu ausgefeilter Melodik, dem man die europäischer Prägung durch die E-Musik deutlich anhört.Gitarrist Rudolf Schenker dazu: „Wenn wir auch in unserer frühen Jugend nicht bevorzugt Mozart oder Haydn gehört haben, sondern doch Elvis, die Stones oder Little Richard, so ist es doch die ernste Musik, die uns praktisch mit der Muttermilch geprägt hat, das kann man nicht leugnen.“
Credit Bild: ©  Moritz Mumpi Kuenster  Sony Music
„Born To Touch Your Feelings“ ist nun eine ganz auf diese Balladen ausgerichtete Compilation - quasi ein themenbasiertes Best Of, das in 17 Songs die gefühlvolle Seite der Band zeigt. Die Songs reichen dabei von den Siebzigern bis in die Gegenwart - inkl. Neueinspielungen (siehe Tracklist) sowie zwei gänzlich neuen Songs.

Tracklist:

1.     Born To Touch Your Feelings („MTV Unplugged“ Studio Edit)
2.     Still Loving You („Comeblack“ Version)
3.     Wind Of Change(„Comeblack“ Version)
4.     Always Somewhere (2015 Remaster)
5.     Send Me An Angel (New Acoustic Version 2017)
6.     Holiday (2015 Remaster)
7.     Eye Of The Storm(Radio Edit)
8.     When The Smoke Is Going Down
9.     Lonely Nights
10.  Gypsy Life
11.  House Of Cards (Single Edit)
12.  The Best Is Yet To Come
13.  When You Came Into My Life („MTV Unplugged“ Studio Edit)
14.  Lady Stralight (2015 Remaster)
15.  Folow Your Heart (New Full-Band Version 2017)
16.  Melrose Avenue (New Song)
17.  Always Be Wit You (New Song)

Die beiden neuen Songs sind sehr solide, ohne allerdings dem Scorpions-Backkatalog ein unverhofftes Juwel hinzuzufügen. „Melrose Avenue“, das die 60s Britrock- Einflüsse der Band noch deutlich aufzeigt und die getragene Akustikballade „Always Be With You“ können mit Hymnen wie „Still Loving You“  nicht mithalten.
 
Credit Bild: ©  Ian Laidlaw  Sony Music
Das zwischen romantisch-veträumter Sanftheit  und SM stehende Ellen von Unwerth-Cover gemahnt schon sehr an die frühen wegweisenden Plattencover der Hannoveraner – und auch beim Anhören der neuen Compilation sind es dann letztlich die großen Klassiker von den Siebzigern bis in die frühen Neunziger, die auf „Born To Touch Your Feelings“ herausstechen – eine Compilation, die insgesamt zeigt, dass die Scorpions zu den absoluten Großmeistern der hohen Kunst der gepflegten Power Ballad zählen.

Donnerstag, 28. April 2016

THE ROLLING STONES LIVE FROM THE VAULT LIVE IN LEEDS 1982 & LIVE AT THE TOKYO DOME

Nach dem Release des 1975er L.A. Forum-Gigs, dem 81er Hampton Coliseum-Konzert und  dem Roundhouse-Gig aus der „Sticky Fingers“-Periode  öffnen die Stones wieder ihre Archive - diesmal geht die „From The Vault“-Reise zurück in die Jahre 1982 und 1990.
Der  Zuseher begibt sich mit diesen Konzertfilmen zurück in eine interessante Phase in der Karriere der Stones: Die Mick Taylor-Periode, die ein legendäres Album nach dem anderen hervorgebracht hatte, lag hinter ihnen. Ron Wood war als Bandmitglied etabliert, die Transition zum Stadion-Spektakel-Gig abgeschlossen. Und die Stones hatten bereits den Status lebender Legenden inne, die einerseits zwar neue Alben veröffentlichten, andererseits allerdings auch Verwalter eines umfangreichen Klassiker-Backkatalogs waren.


LIVE IN LEEDS 1982  Roundhay Park
 

Credit Coverbild: Eagle Rock Entertainment/Eagle Vision/EDEL
´82 kehrten die Stones nachdem sie im Vorjahr auf großer US-Tournee gewesen waren(dokumentiert auf dem „Live From The Vault“-Titel aus dem Hampton Coliseum) auf die Bühnen ihres Heimatkontinents zurück. Diese Europatour brachte sie auch nach Leeds, wo im Roundhay Park eine riesige Outdoor Show stieg. Ein Großteil der Setlist war zu diesem Zeitpunkt bereits etabliert, die Stones hatten damals einfach schon derart viele Hits aufgenommen, dass es zahlreiche „Must Play“-Songs gab - siehe etwa „Honky Tonk Women“,  „Brown Sugar“, „ Satisfaction“ oder „You Can´t Always Get What You Want“.

Die Show beginnt auch mit einem Throwback in die Frühphase: „Under My Thumb“ eröffnet den Leeds-Gig, ein Song, der bei heutigen Stones-Konzerten selten zu finden ist. Generell ist jedoch zu konstatieren, dass beim Leeds-Gig damals neues Material und Klassiker relativ gleich berechtigt gegenüber stehen; das „Tattoo You“-Album war noch jung, dementsprechend finden sich einige Songs dieser Platte - wie „Start Me Up“ oder „Black Limousine“ - in der Setlist wieder. Es sind auch jene Songs, die eine klangliche Reminiszenz an frühere Stones-Zeiten darstellen, die sich im Vergleich zu anderen Eighties-Songs (z.B. „Hang Fire“, „Let Me Go“) am besten neben den Klassikern in die Show einfügen.

Andere Raritäten , die sonst bzw. heute nicht mehr gespielt werden, gibt es nicht wirklich- abgesehen etwa vom genialen Covers „Twenty Flight Rock“, eine der besten Versionen dieses oft gecoverten Eddie Cochran Rockabilly-Klassikers. Vergleicht man nun diesen Gig mit dem ´81er Hampton-Konzert so unterscheidet sich die Setlist von „Live Leeds“  auch nur marginal - „Live In Leeds“ zeigt einen typischen early Eighties-Stones Gig, der trotz fehlender Überraschungen sehr sehenswert ist. Was auch für die absolut extravaganten Outfit Jaggers  gilt.
 

LIVE AT THE TOKYO DOME   Tokyo 1990
 
Credit Coverbild: Eagle Rock Entertainment/Eagle Vision/EDEL
Fast Forward zum Beginn einer neuen Dekade und Zeitsprung ins Jahr 1990 zur „Steel Wheels“-Tour, die noch größere Dimensionen als in Leeds annahm. Ein Gig bzw. eine Tour, die sich etwa vom Aufbau der Show wegweisend für Stones-Konzerte der kommende Dekade(n) erweisen sollte.
Letztlich bietet sich bei diesem Gastspiel im Land der aufgehenden Sonne ein sehr ähnliches Bild wie in Leeds: Die Greatest Hits stehen damals aktuellen Songs gegenüber, wobei sich  die damals neuen Lieder sich weniger gut in Gesamtbild mit den alten Klassikern einfügen.
Selten Gespieltes gibt es auch hier nicht - dafür macht der Gig wie in Leeds großen Spaß -  Zum einen werden die Stones-Classics selbst nach dem zigten Mal anhören nicht langweilig. Zum anderen verdeutlichen die „Vault“-Konzerte  auch, dass nur wenige Gruppen es so wie die Stones schaffen selbst Bühnen gigantischen Ausmaßes vollkommen dominieren können - man schaue sich nur Jagger an, der hier beinahe einen Marathon auf der Bühne läuft.


Zur technischen Seite der beiden Releases: Qualitätsmäßig wird aus diesen immerhin jahrzehntealten Aufnahmen auf den SD Blu Rays das Maximum herausgeholt. Beide Releases liefern sehr gute Bild-und Tonqualität. Für Stones-Historiker sind  diese „Vault“-Titel auch deshalb interessant, da durch sie (wenn man die gesamten bisher erschienenen Teile in chronologischer Reihenfolge ansieht) spotlightartig die Entwicklung dieser legendären Band nachgezeichnet wird.

Dienstag, 6. Dezember 2022

ROCK CLASSICS Nr. 36: AC/DC

Credit Coverbild: © Rock Classics / Slam Media GMBH
2023 jährt sich die  Gründung von AC/DC zum 50. Mal. Dieses kommende Anniversary nahm das Team von Rock Classics zum  Anlass, um eines ihrer  Sonderhefte zu aktualisieren und neu aufzulegen  - die Updates umfassen umfangreichere Artikeln zu allen Studioalben, einen neuen Look  sowie ein zusätzliches Interview mit Angus Young und Brian Johnson zur letzten Platte  "Power Up" ( 2020).

Auf gut 114 Seiten wird dem Leser eine relativ detaillierte Retrospektive auf die Karriere der Band präsentiert, die  neben längeren Artikeln wie einem Bon Scott-Portrait oder einer Beleuchtung der musikalischen Haupteinflüsse der Gruppe auch Interviews, u.a. mit dem ersten Sänger der Gruppe Dave Evans oder Angus enthält. Der Einsteiger und Neuling hat hier ein Füllhorn an Infos und einen kompakten Überblick in Magazinform vor sich, der langjährige AC/DC-Fan wird die meisten Facts aber wohl schon kennen - da die Beiträge aber sehr lesenswert geschrieben sind und zudem von zahlreichen schönen Abbildungen illustriert werden, macht das letztlich gar nichts.

Als Bonus gibt es noch eine  CD "The Roots Of AC/DC" –zumindest wenn man das Heft online auf Mjusick.com ordert: auf der Disc finden sich natürlich keine Songs der Rocker aus Down Under sondern Tracks, die die Wurzeln der Band offenlegen: Songs, die Inspiration für die Gebrüder Young & Co. darstellten: Klassiker von Muddy Waters, den drei „Kings“ des Blues (B.B., Freddie und Albert King),  Rockabilly-Legende Carl Perkins oder Ike & Tina Turner.

Natürlich ist auch Chuck Berry mit dabei, mit der Hymne für alle Schüler „School Days“, das den harten Alltag junger Leute, die die Schulbank drücken müssen, auf den Punkt bringt und von AC/DC zu Bon Scott-Zeiten kongenial gecovert. Ebenfalls  auf der der CD vertreten ist ein weiterer von der Band gecoverter Blues-Klassiker  -  Big Joe Williams´ „Baby Please Don´t Go.

Die Disc ist im Gegensatz zu vielen anderen Bonus-CDs aus dem Magazinsektor, eine wirklich nette Beigabe , die schlüssig und clever zusammengestellt wurde. Somit ist auch diese Rock Classics-Ausgabe ein schönes Heft, das durch die vielen Fotos und die coole CD auch AC/DC-Veteranen und Langzeitfans Spaß machen dürfte und schlichtweg zum Schmökern einlädt.

Freitag, 7. Dezember 2018

ERIC CLAPTON - HAPPY XMAS


Credit Bild: © Universal Music
Nach der großartigen biographischen Dokumentation „Life in 12 Bars“ erscheint 2018 nun auch noch ein neues Album von Mr. Slowhand. Das ist jedoch nicht unbedingt jene Platte die man gemeinhin von ihm erwartet hätte. Denn Eric Clapton überrascht hier mit einer LP, die in seiner umfangreichen Diskographie bislang fehlte: einem waschechten Weihnachts-Album.

Einzelne Songs für X-Mas-Compilations hat die britische Legende in der Vergangenheit ja schon eingespielt, nun begibt sich EC jedoch für eine ganze CD in ein ebenso festliches wie „kontroverses“ Genre, an dem sich seit jeher die Geister scheiden. Für die einen ist so etwas ein altmodisches, nikolaus-rotes Tuch für die anderen genau die richtige Einstimmung auf die Feiertage, abseits von allzu Traditionellem wie den Wiener Sängerknaben oder ähnlichen klassischen Chören.
Bereits wenn die ersten Tweed Distortion-Licks inklusive Delta-Turnaround den Opener „White Christmas“ einläuten, weiß man: das hier ist nicht die alltägliche Superstar-X-Mas Kost (siehe Rod Stewart). Hier gibt es Weihnachten ohne Kitsch. Slowhand  fusioniert seinen Blues Rock gekonnt mit den bekannten Traditionals. Dabei gelingt es ihm einerseits dem Stil der Originale treu zu bleiben und andererseits jedem Song seinen unverkennbaren Stempel aufzudrücken. Klar, ohnehin bluesige X-Mas-Klassiker wie "Merry Christmas, Baby" sind naheliegend und werden mit den flüssigen Leadlines Claptons geschmückt. Doch selbst viel bzw. bereits allzu oft gecoverten Evergreens, die sonst eher einen Broadway-Touch aufweisen, gewinnt er neue Seiten ab. Auch am Nordpol gibt es den Blues...und jamaikanisches Flair, wie beim  „I Shot The Sheriff“-izierten „Silent Night“ im  ungemein groovenden Reggae -Gewand.

Allein die Reinterpretation von "Jingle Bells", die dem dieses Jahr verstorbenen Star-DJ Avicii gewidmet ist und – ja, ihr lest richtig –  EDM mit ein paar Blues Licks im Background kombiniert, wirft Fragen auf. Der Track wirkt wie ein Fremdkörper und passt nicht wirklich zum Rest des Albums.  Abgesehen davon merkt man jedoch durchwegs, dass Clapton offenbar großer Weihnachstfan ist, das Cover hat er selbst gestaltet und mit dem Lied  „For Love On Christmas Day“ hat er auch einen neuen, originalen X-Mas-Song komponiert, der an die Spät-Achtziger/Neunziger-Phase erinnert. 
Credit Bild: © Universal Music
Mit dieser Slowhand-Version eines „seasonal“-Albums reiht sich Clapton in eine große Tradition ein, man denke an die Weihnachtsaufnahmen von Elvis, Johnny Cash oder das Duett seines Landsmannes David Bowie mit Bing Crosby. So wird diese Platte nicht zu einem „unter ferner liefen“-Eintrag sondern zu einem der interessantesten Alben des Jahres: ein Instant Holiday-Klassiker, dem man künftig jedes Jahr auflegen kann - und eine schöne Ergänzung in der Diskographie eines Künstlers, der in seiner Karriere nie still stand sondern immer wieder neue, unerwartete Wege beschritt.

Für Sammler interessant: derzeit sind  zwei unterschiedliche, vom Cover her optisch jedoch nicht zu unterscheidende  Versionen von "Happy X-Mas" erhältlich. Eine bereits im Oktober veröffentlichte Variante mit insgesamt 14 Tracks sowie eine heute erschienene Deluxe Version, die das Album um zwei zusätzliche Tracks erweitert - und die man als EC-Fan absolut nicht missen möchte.

Richtig Weihnachtsstimmung kommt nicht nur mit diesem Album sondern auch mit dem entzückenden Musikvideo zu "White Christmas" auf. Ein Clip, mit dessen Story sich alle Musiker sicherlich sofort identifizierenen können, geht es doch um den sehnlichsten Wunsch eines Jungen ( ev. der junge Clapton ?) eine Blues-Gitarre unterm Weihnachtsbaum vorzufinden:

Donnerstag, 28. September 2017

30 Jahre "Hysteria": Der Leopard und das "Thriller" des Heavy Rock

Def Leppard Hysteria Albumcover 1987 ikonisches Album
Credit Coverbild: © Universal Music

Mit der Veröffentlichung von "Hysteria" im Schlüsseljahr 1987 legten die Briten Def Leppard ihr absolutes Meisterwerk vor. Ein Album auf dem man eine Band auf ihrem künstlerischen und kreativen Zenith hört. Persönliche Tragödien (der Autounfall der Drummer Rick Allen seinen Arm kostete) und 3 Jahre intensivster Arbeit im Studio gingen dem Release voran. Das Endergebnis war ein Album das nicht nur ein Millionenseller wurde (bis heute ist "Hysteria" die erfolgreichste Platte in der fast 40 jährigen Bandgeschichte) sondern auch eines der quintessentiellen Werke des 80s Heavy Rock.

Heavy Metal-Thriller

"Hysteria" sollte nichts weniger als das Heavy Metal-Thriller werden: wie bei Michael Jacksons Klassiker sollte jeder Song ein potentieller Hit sein - und dies gelang der Band und ihrem perfektionistischen Produzenten "Mutt" Lange auch in gewisser Weise.
Das Album ist exzessiv melodiös. So gut wie jeder Song ist catchy, verfügt über ungmein einprägsame Parts auch abseits der hymnischen, fürs Stadion konzipierten Refrains.
Alle Kanten die Leppard zu Zeiten der NWOBHM gehabt haben mögen, wurden so sorgfältig wie bei der Behandlung von Rohdiamanten abgeschliffen. Wenn anno '87 am einen Ende des Rock Spektrums der Gossensound von Guns N' Roses stand, so ist  Leppards Werk das genaue Gegenstück zum Sleaze aus L.A.High gloss- auf Hochglanz poliert - Ein Hard Rock Album das in seiner Testosteron geschwängerten Aura wie ein Pictorial des Penthouse Magazins wirkt. Hinzu kommt die schiere Dichte an Hard Rock Gassennhauern wie "Pour Some Sugar On Me" "Rocket", "Armageddon It" oder "Animal" neben obligatorischen Feuerzeugballaden wie "Love Bites". 

Montag, 17. Dezember 2018

DEEP PURPLE – IN ROCK: Der lange Weg zu einem Meisterwerk

Credit Coverbild: © Hannibal Verlag
Derzeit geht es ja Schlag auf Schlag, ein hochkarätiges Rock-Jubiläum folgt in kurzen Abschnitten auf das nächste: Zuerst Led Zeppelin, das Anniversary des legendären Weißen Albums der Beatles, dann der Jahrestag des Releases von „Beggars Banquet“ der Stones. Und auch eine andere legendäre britische Rockband, nämlich Deep Purple,  feiert nun 50 jähriges Bandbestehen.

Passend dazu erscheint die Chronik ihres ersten großen Meisterwerks:
Dieses stammt von anno 1970, heißt „In Rock“ und ist ein bis heute großartiger Klassiker, der mitunter zurecht zu den Grundsteinen des Heavy Metal gezählt wird. Allein schon das Cover dieser ersten LP der sog. MK II-Besetzung mit den in Stein gemeißelten Antlitzen der Bandmembers im Mount Rushmore-Stil hat echten Kultcharakter – und die Songs stehen dem in nichts nach. Allen voran die Überballade „Child In Time“ und  - „nomen est omen“ - „Speed King“. Hier vereinten sich erstmals nahezu alle Elemente die den Purple Sound als ausmachen, nur die Klassik-Komponente wurde bei kommenden Alben noch deutlicher.
Jon Lords einzigartiges Hammondspiel als Kontrapunkt zu den fast manisch anmutenden Gitarrenattacken des Ritchie Blackmore, der grollend-tighte Bass Roger Glovers, die harten und gleichzeitig swingenden Drums Ian Paices und natürlich die gellenden Schreie des Ian Gillan: Das alles war letztlich eine  logische Entwicklung aus dem britischen Bluesboom der Sechziger und bildete gemeinsam mit Black Sabbath und einem gewissen Grad auch Led Zep die Proto-Metal-Speerpsitze der late Sixties und early Seventies.

Die Entstehungsgeschichte von „in Rock“ und wie aus einer durchaus beachteten Rockband  und ihren frühen Hits wie „Hush“ eine stadienfüllende Rocklegende wurde,  erzählt „Der lange Weg zu einem Meisterwerk“ nach. Ein ganzes Buch über ein einziges Album? Ja, das geht und zu diesem Klassiker gibt es auch wirklich viel zu erzählen. Die beiden Autoren Simon Robinson und Stephen Clare, beides Experten in Sachen Purple, gehen hier wirklich sehr tief ins Detail. Akribisch haben sie  wie es scheint so ziemlich jeden Schnipsel an Informationen zu dieser LP gesucht….und auch gefunden.
Das Ergebnis ist ein kompakter Softcoverband und eine Mischung aus Bildband und Lesebuch. Dass sich ein solches Projekt eher nicht an jene richtet, die nur „Smoke On The Water“ kennen , sondern vornehmlich etwas für die Hardcore-Purple-Anhänger ist, dürfte klar sein.
Doch gerade diese fast schon wissenschaftlich anmutende Detaildichte macht in Kombination zu den Vintage Fotos dieses Buch zum idealen Begleitband, wenn man mal wieder „In Rock“ auflegt.

Bibliographische Angaben:
DEEP PURPLE – IN ROCK: Der lange Weg zu einem Meisterwerk
1. Auflage November 2018, 176 Seiten, Klappenbroschur
Format: 20,5 x 21
ISBN 978-3-85445-656-8
25,00 EUR

Montag, 18. Juli 2022

STRANGER THINGS UND DER MASTER OF PUPPETS

Credit Coverbild: © Edition Olms
Viele Metal-Fans staunten nicht schlecht, als jüngst in den Spotify Top 40 neben allerlei Mainstream-Pop auf einmal ein ihnen wohlbekannter Track aus dem Jahre 1986 aufschien.
Wie zuvor bei Kate Bushs "Running Up That Hill" wurde auch  Metallicas "Master Of Puppets" in der neuesten Staffel der Netflix-Serie "Stranger Things" an prominenter (Schlüssel-)Stelle eingesetzt und so von einer völlig neuen Generation entdeckt. 

Blickt man auf die Diskographie der größten Rockbands der Musikgeschichte so fällt auf, dass es bei vielen Künstlern ein ganz spezielles „Schlüsselalbum“ gibt. Eine LP die einem regelrechten „watershed moment“ gleicht. Auf jenen Alben erfolgt entweder eine entscheidende Weiterentwicklung des Signature Sounds oder es wird gleich eine neue, für die spätere Karriere wesentliche Richtung eingeschlagen.
Die Beatles hatten beispielsweise ihr erstes psychedelisches Magnum Opus „Revolver, die Stones ihr „Beggars Banquet“ das symptomatisch für die bis in die 70er reichende Hit-Serie sein sollte. Bei den Heavy-Ikonen Metallica kann man diesen Moment ganz klar im Jahre 1986 verorten, denn da erschien „Master Of Puppets“(kurz „MoP“).

Dieser Klassiker des Schwermetalls gilt vielen als das beste Genre-Album ever. Und das nicht zu unrecht. Schon auf ihrem Debut „Kill ´Em All“ und insbesondere bei „Ride The Lightning“ zeigten sie sich weitaus vielseitiger und vielschichtiger als all ihre Bay Area-Kollegen. Auf „MoP“ gingen sie diesen Weg konsequent weiter: Während Slayer sich in kakophonischen Collagen ergingen, legten Hetfield, Hammett, Ulrich und Burton einen zusätzlichen Grundstein für die zunehmende Progressivität ihrer Kompositionen. Und trotz dem eher überschaubarem Mainstream-Appeal aufgrund seines hyper-aggressiven Sounds war „MoP“ ein kommerzieller Triumph – der Durchbruch war geschafft. Die sich aus dem metallischen Themen-Triumvirat – Wahnsinn, Krieg , Darkness – speisenden Songs sind bis heute Klassiker, die aus den Live-Gigs der San Francisco-Ikonen nicht wegzudenken sind.

Der Bildband „Back To The Front“ beleuchtet nun die Mittachtziger-Phase Metallicas - es sind Bilder aus einer unschuldigeren Zeit: Man sieht die Band on stage aber auch beim Herumalbern abseits der Konzertbühne mit den weißen Kreuzen. Es sind Zeitdokumente der Sturm und Drang-Phase des Metal, als eine Subkultur-Szene endgültig aus dem Schatten ins Licht der Mainstream-Öffentlichkeit trat. In jene Zeit fiel jedoch auch der tragischste Einschnitte der Band-Geschichte: der Unfalltod des prägenden Bassisten Cliff Burton, der vor genau 33 Jahren bei einem Tourbus-Unfall ums Leben kam. „Back To The Front“ ist auch ein Tribute an diesen innovativen Musiker.

Es handelt sich dabei zwar bei weitem nicht um das erste coffee-table-Buch der Metalheroen aus San Francisco – Hetfield & Co. erkannten schon früh die prestigeträchtige Wirkung der gediegenen Bildband-Retrospektive. Doch ist es die erste monothematische Rückschau, die sich ganz und gar einer ganz speziellen Ära in der illustren Karriere Metallicas widmet. Dass damit vorwiegend der ganz harte Kern der „Metallica Family“ angesprochen wird ist klar. Der erhält jedoch ein toll gestaltetes, bibliophiles Sammlerstück das unzählige ungesehene Dokumente vereint.

Metallica: Back To The Front, erschienen bei Edition Olms

Montag, 30. Dezember 2019

METALLICA – BACK TO THE FRONT


Credit Bild: © Edition Olms
Blickt man auf die Diskographie der größten Rockbands der Musikgeschichte so fällt auf, dass es bei vielen Künstlern ein ganz spezielles „Schlüsselalbum“ gibt. Eine LP die einem regelrechten  „watershed moment“ gleicht. Auf jenen Alben  erfolgt entweder eine entscheidende Weiterentwicklung des Signature Sounds oder es wird gleich eine neue, für die spätere Karriere wesentliche Richtung eingeschlagen.
Die Beatles hatten beispielsweise ihr erstes psychedelisches Magnum Opus  „Revolver, die Stones ihr „Beggars Banquet“ das symptomatisch für die bis in die 70er reichende Hit-Serie sein sollte. Bei den Heavy-Ikonen Metallica kann man diesen Moment ganz klar im Jahre 1986 verorten, denn da erschien „Master Of Puppets“(kurz „MoP“).

Dieser Klassiker des Schwermetalls gilt vielen als das beste Genre-Album ever. Und das nicht zu unrecht. Schon auf ihrem Debut „Kill ´Em All“ und insbesondere bei „Ride The Lightning“ zeigten sie sich weitaus vielseitiger und vielschichtiger als all ihre Bay Area-Kollegen. Auf „MoP“ gingen sie diesen Weg konsequent weiter: Während Slayer sich in kakophonischen Collagen ergingen, legten Hetfield, Hammett, Ulrich und Burton einen zusätzlichen Grundstein für die zunehmende Progressivität ihrer Kompositionen. Und trotz dem eher überschaubarem  Mainstream-Appeal aufgrund seines hyper-aggressiven Sounds war „MoP“  ein kommerzieller Triumph – der Durchbruch war geschafft. Die sich aus dem metallischen Themen-Triumvirat  – Wahnsinn, Krieg , Darkness – speisenden Songs sind bis heute Klassiker, die aus den Live-Gigs der San Francisco-Ikonen nicht wegzudenken sind.

Der Bildband „Back To The Front“ beleuchtet nun die Mittachtziger-Phase Metallicas - es sind Bilder aus einer unschuldigeren Zeit: Man sieht die Band on stage aber auch beim Herumalbern abseits der Konzertbühne mit den weißen Kreuzen. Es sind Zeitdokumente der Sturm und Drang-Phase des Metal, als eine Subkultur-Szene endgültig aus dem Schatten ins Licht der Mainstream-Öffentlichkeit trat. In jene Zeit fiel jedoch auch der tragischste Einschnitte der Band-Geschichte: der Unfalltod des prägenden Bassisten Cliff Burton, der  vor genau 33 Jahren bei einem Tourbus-Unfall ums Leben kam. „Back To The Front“ ist auch ein Tribute an diesen innovativen Musiker.

Es handelt sich dabei zwar bei weitem nicht um das erste coffee-table-Buch der Metalheroen aus San Francisco – Hetfield & Co. erkannten schon früh die prestigeträchtige Wirkung der gediegenen Bildband-Retrospektive. Doch ist es die erste monothematische Rückschau, die sich ganz und gar einer ganz speziellen Ära in der illustren Karriere Metallicas widmet. Dass damit vorwiegend der ganz harte Kern der „Metallica Family“ angesprochen wird ist klar. Der erhält jedoch ein toll gestaltetes, bibliophiles Sammlerstück das unzählige ungesehene Dokumente vereint.

Samstag, 9. Mai 2026

TAL: Roland-Ikonen im modernen Plugin-Format

Ein Original der Eighties: JX-8P
Credit Bild: © TAL
Die Geschichte elektronischer Musik kennt einige wenige Instrumente, die ganze Klangästhetiken geprägt haben. Der typische „80er-Sound“, der sofort Assoziationen zu Synth-Pop, New Wave, Italo Disco oder den ikonischen Film-Soundtracks jener Zeit weckt, zählt fraglos dazu. Und viele dieser Sounds wären ohne bestimmte Instrumente kaum denkbar: den Roland Juno-60, den Roland Jupiter-8 – und später auch dessen geistiger Nachfolger, den Roland JX 8P.

Sie alle stammen aus der goldenen Phase analoger Poly-Synthesizer – einer Zeit, in der Firmen wie eben die japanische Roland Corporation begannen, komplexe Synthese plötzlich massentauglich zu machen. Heute, mehr als vierzig Jahre später, gehören diese Instrumente zu den begehrtesten Vintage-Synthesizern überhaupt. Originalgeräte erzielen auf dem Gebrauchtmarkt teils astronomische Preise. Der Grund dafür ist einfach: Diese Synths besitzen einen extrem charakteristischen Klang, der sich selbst mit modernen, technisch weit überlegenen Instrumenten nicht ohne Weiteres reproduzieren lässt. Ihre Mischung aus Wärme, Eigenheiten, Instabilität und musikalischer Direktheit bleibt einzigartig. Kein Wunder also, dass Entwickler seit Jahren versuchen, diese Klassiker möglichst authentisch in Softwareform neu zu emulieren.

Eine der interessantesten Adressen dafür ist die Schweizer Softwareschmiede Togu Audio Line – besser bekannt als TAL.

Tale of TAL: Schweizer Präzision beim Synth-Modeling

Der Anspruch, den TAL verfolgt, lässt sich klar umreißen: eine möglichst naturalistische und realistische digitale Emulation legendärer Hardware-Synthesizer umzusetzen– inklusive aller Eigenheiten, aber auch der charmanten Limitationen, die Vintage-Designs zwangsläufig mit sich bringen. Denn genau diese kleinen Unzulänglichkeiten machen den Charakter vieler analoger Klassiker überhaupt erst aus. Eine zu starke Modernisierung würde den eigentlichen Klang verfälschen. TAL verfolgt deshalb beinahe eine Art Reinheitsgebot: Der Originalsound steht im Mittelpunkt, ergänzt lediglich um behutsame Zugeständnisse an moderne Produktions-Workflows. Am Ende soll für Spieler und Zuhörer idealerweise nur eine Frage offenbleiben: War das jetzt ein Softsynth oder tatsächlich ein Originalgerät? Und wenn man bedenkt, wie eigenständig und charaktervoll diese Vintage-Synthesizer klingen, wird schnell klar, wie schwierig dieses Unterfangen eigentlich ist.

TAL hat diese Herausforderung jedoch bravourös gemeistert und genießt in der Synthesizer-Szene – insbesondere im Synthwave- und Retrowave-Bereich – seit vielen Jahren einen exzellenten Ruf. Die Produkte von Mastermind Patrick Kunz zählen so mittlerweile zu den etablierten Klassikern unter den Software-Synthesizern.

Juno Pose: TAL U-NO-LX

Credit Bild: © TAL
Nein – hier geht es natürlich nicht um Sabrina Carpenters Bühnenshow, sondern um den legendären Klang des Roland-Juno-Synths. Bei TAL heißt die digitale Neuinterpretation U-NO-LX – und liefert genau jenen warmen, direkten Charakter, der bis heute in unzähligen Produktionen weiterlebt.

Obwohl bis heute nicht vollständig geklärt ist, welche konkreten Synthesizer die Stranger Things-Komponisten Kyle Dixon und Michael Stein tatsächlich verwendeten, gilt ein Juno-6 als sehr wahrscheinlich. Gerade Stücke wie „Kids“ tragen genau jene schwebende, melancholische Klangästhetik in sich, für die die Juno-Serie berühmt wurde. Und bereits nach wenigen Minuten mit dem U-NO-LX wird deutlich: Patrick Kunz hat den Kultsound des Originals bemerkenswert präzise eingefangen.

Anders als viele komplexe Konkurrenten setzte Roland beim Juno auf ein erstaunlich simples Konzept: einfacher Aufbau, direkte Bedienung, sofort musikalische Ergebnisse. Der Synth verfügte lediglich über einen einzigen Oszillator pro Stimme, ergänzt durch einen Suboszillator, ein Filter und klassische Hüllkurven. Technisch betrachtet war das vergleichsweise überschaubar. Und dennoch entwickelte der Juno eine der markantesten Klangsignaturen der gesamten Synthesizer-Geschichte.

Der Grund dafür lag vor allem in zwei Dingen: seinem Filter – und seinem legendären Chorus. Der integrierte Stereo-Chorus war ursprünglich eher als zusätzlicher Effekt gedacht, entwickelte sich jedoch schnell zum eigentlichen Markenzeichen des Instruments. Sobald man ihn aktiviert, passiert etwas Magisches: Ein zunächst relativ einfacher Synth-Sound verwandelt sich plötzlich in eine breite, schwebende und beinahe cineastische Fläche. Genau dieser Effekt wurde zum Herzstück zahlloser Produktionen – von Synth-Pop über Ambient bis hin zu Filmmusik.

Und genau hier zeigt TAL seine große Stärke: Der Chorus des U-NO-LX klingt für meinen Geschmack erstaunlich nah am Original. Dieses leicht verrauschte, organische Schweben wurde extrem überzeugend getroffen.

Mit dem U-NO-LX hat TAL eine besonders akkurate Softwareversion des Juno geschaffen. Der Synth wurde anhand realer Hardware modelliert; Oszillatoren, Filter und Hüllkurven orientieren sich sehr eng am Verhalten des Originals. Besonders auffällig ist dabei, wie konsequent sich das Plugin am historischen Vorbild orientiert. Anders als viele moderne Softsynths versucht der U-NO-LX nicht, das ursprüngliche Konzept künstlich aufzublasen oder mit zahllosen Zusatzfeatures zu überladen. Hier geht es ausschließlich um den Sound.Und der überzeugt bis heute.

Pads wirken weich und schimmernd. Bässe besitzen überraschend viel Druck für einen Single-Oszillator-Synth. Leads haben jene subtile analoge Wärme, die selbst in modernen Produktionen sofort funktioniert. Gerade in Kombination mit dem Chorus entsteht ein Klangbild, das unmittelbar nach klassischem Analog-Synth klingt – und exakt versteht man, weshalb der Juno bis heute Kultstatus genießt.

Der U-NO-LX ist so fraglos eine der besten Emulationen dieses verdienten Klassikers. Eine puristische, klanglich extrem starke Hommage an einen der wichtigsten Synthesizer der 1980er-Jahre.

TAL J-8: Rolands majestätisches Flaggschiff

Credit Bild: © TAL
Wenn der Juno der pragmatische Allrounder der Roland-Welt war, dann war der Jupiter-8 ihr Luxusmodell. Der 1981 vorgestellte Synthesizer gehörte zu den leistungsfähigsten polyphonen Instrumenten seiner Zeit. Zwei Oszillatoren pro Stimme, umfangreiche Modulationsmöglichkeiten, Split- und Layer-Modi – der Jupiter-8 war eine regelrechte Klangmaschine. Und er klang entsprechend.

Während der Juno eher weich und atmosphärisch wirkt, besitzt der Jupiter eine deutlich größere klangliche Bandbreite: von massiven Brass-Sounds über aggressive Leads bis hin zu riesigen, komplexen Flächen. Der Jupiter-8 tauchte in den 1980ern praktisch überall auf. Synth-Pop, frühe elektronische Filmmusik, Progressive Rock – kaum ein Genre jener Zeit kam ohne diesen Synth aus. Sein Sound war groß, breit und präsent. Genau deshalb wurde er schnell zum Studiostandard vieler Produzenten.

Auch beim J-8 verfolgt TAL dieselbe Philosophie wie bereits beim U-NO-LX: möglichst authentische Nachbildung statt unnötiger Feature-Explosion.

Das Plugin basiert erneut auf einem realen Hardware-Gerät, dessen Verhalten möglichst exakt modelliert wurde. Zwei Oszillatoren, Crossmodulation, Filter, Hüllkurven und klassische Jupiter-Funktionen wurden sehr detailgetreu umgesetzt.Besonders interessant ist dabei die Kalibrierungssektion. Hier lassen sich Eigenschaften wie Filterverhalten, Resonanz oder Instabilitäten einzelner Stimmen verändern. Dadurch kann man den Sound entweder sauber und kontrolliert halten – oder bewusst stärker in jene leicht unperfekte Vintage-Richtung treiben, die viele Produzenten so lieben.

SCUFFHAM S-GEAR Test: Plugin-Klassiker mit Boutique-Amp-Sound

Credit Bild: © Scuffham
Die Plugin-Suite Scuffham S-Gear zählt zu den älteren noch immer erhältlichen Versuchen ikonische Amp-Sounds zu digitalisieren und stammt aus einer Zeit, als das Prinzip Verstärker in ernstzunehmender Weise als Plugin zu emulieren noch relativ jung war. Ein Pionier-Plugin sozusagen, das seit seiner Einführung 2011 schon mehrere Iterationen und Updates durchlaufen hat und nach dem Prinzip "still going strong" nach wie vor upgedatet wird. Trotz dieses Veteranen-Status fliegt S-Gear etwas unter dem Radar, man liest und hört  – abseits von Insider-Zirkeln – verhältnismäßig wenig darüber.  Warum ist das so? Handelt es sich dabei mittlerweile eher um ein Legacy-Produkt oder doch um einen Sleeper-Star, der seiner Zeit weit voraus war und noch heute zu begeistern vermag und mit den aktuellen Platzhirschen mithalten kann? Let’s find out.

Mike Scuffham und die Rack-Ideologie

S-Gear ist das „Brainchild“ von Mike Scuffham – unter Kennern ein Name mit Gewicht. Bevor er unter eigenem Banner entwickelte, arbeitete er als Ingenieur bei Marshall und zeichnete unter anderem für das legendäre JMP-1 Rack-Modul verantwortlich. Das prägte fraglos auch das Kernkonzept und Layout von S-Gear – nicht nur, weil hier selbstredend ein digitaler Marshall-Style-Amp enthalten ist, sondern auch den Aufbau des gesamten Plugins: Denn S-Gear ist wie ein komplexes Rack-System modular konzipiert.

Dieser Ansatz setzt im Vergleich zu vielen Konkurrenzprodukten nicht auf maximalen Skeuomorphismus im Sinne von optisch bis ins Detail nachgebildeten Vintage-Amps, sondern folgt einer eigenen, funktionalen Logik, bei der man schmale Module aneinanderreihen und tauschen kann. Das Resultat ist ein Konzept, das sich deutlich von vielen Mitbewerbern unterscheidet, sich aber im Praxis-Workflow als nicht minder praktikabel erweist. 

Auch beim Herzstück von S-Gear, den Verstärkern wandelt Scuffham auf eigenen Wegen, geht es hier doch nicht um die möglichst exakte Modellierung eines spezifischen Amps, sondern vielmehr um eigenständige Interpretationen bewährter Klassiker von Fender bis Soldano. Die Amps kann man sich am besten als Hybride aus unterschiedlichen Referenz-Modellen vorstellen. Ein weiterer Punkt der S-Gear unique macht, zumal die hier vertretenen Verstärker klanglich allesamt erstklassig sind.

Die Amps im Detail: Archetypen statt Masse

Scuffham entwarf S-Gear als in sich abgeschlossenes, sprich „self-contained“, Ecosystem, das im Grunde alles enthält, was der Gitarrist braucht – zumindest jener Gitarrist mit einer gewissen Genre-Verortung. Doch dazu kommen wir noch. S-Gear ist eine All-in-One-Lösung, bei der von „Clean to Scream“, sprich vom unverzerrten Sound über Crunch-Tones hin zum vollverzerrten Solo- und Riff-Brett mit Effekten garniert, alles abgedeckt wird. Nur, dass das Scuffham-Konzept eines des Understatements und der bewussten Reduktion bzw. Besinnung aufs Wesentliche ist.So bietet dieses Plugin keine endlose Amp-Collection sondern eine kuratierte Auswahl – und genau das ist Teil des Konzepts. Jeder Amp markiert ein klar definiertes klangliches Terrain, ohne als reine Kopie aufzutreten. Was sofort auffällt: Gemein ist allen Modellen, dass sie extrem sensibel auf Anschlagdynamik und das Volume-Poti der Gitarre reagieren. Auch im kritischen "On the Edge of Breakup"-Bereich  – dort, wo der Ton gerade ins Overdrive kippt – zeigt S-Gear eine Qualität, die manch anderes Plugin vermissen lässt:extreme Nuancen.

Die Amps im Detail:

The Duke: "Robben Ford in a box" oder auch Scuffhams Interpretation des Dumble und Fender-Sound-Ideals. Der Tone Stack ist vom Super Reverb abgeleitet, kalifornische Clean und Overdrive-Klänge sind die Forte dieses amerikanisch-geprägten Amps.

Custom ’57: S-Gears „Tweed“ und eine der besten digitalen Versionen der berüchtigt schwer zu fassenden Sounds jener Amps mit dem charakterischen Bezug. Von Clapton-esquen Twin-Sounds zu brachialen Neil Young Proto-Grunge Exzessen ist hier alles möglich.

The Stealer: der "Marshall"-Style Amp, inspiriert von einem seltenen Park-Head, der Scuffham einst begeisterte. Äußerst flexibel und schafft es  Hendrix-artige Semi-Clean-Sounds ebenso gut abzubilden wie archetypische Britische Hard Rock Sounds. Nur wer hier einen José-modded Plexi oder Brown Sound erwartet wird etwas zu wenig Gain-Reserven vorfinden.

The Wayfarer: ein weiterer amerikanisch geprägter Amp, hier geht es ins Territorium getuneder Fender-Sounds. Der Wayfarer ist dabei so etwas wie das Schweizer Taschenmesser unter den Scuffham Amp-Sims, da er am drastischsten in seiner Klangformung ist (inkl. tiefgreifendem EQ, der an Mesa Boogie-Designs erinnert ). Im Grundcharakter erinnert das stark an die legendären Paul Rivera-modded Fenders (frühe Steve Lukather Sounds!). Damit ist S-Gear die einzige  Plugin-Suite, die diesem seltenen Klangideal nahekommt.

The Jackal: der heavieste unter den Scuffham-Amps, tight, fokussiert. Der lila Bezug macht klar dass hier u.a. der Soldano-SLO-100 Pate stand. Nun ist dies sicher nicht die authentischste aller SLO-Emulationen, aber der High Gain-Sound, der hier abrufbar ist, erweist sich beim Recording als recht wandlungsfähig.

Braucht man mehr als diese 5 Archetypen? Das kommt darauf an, in welchen Musikgenres man sich heimisch fühlt. Ebenso wie die Grundphilosophie von S-Gear nicht jeden erdenklichen Sound abdecken will, richten sich auch die Amps vor allem an Player, die auf Clean- und „On the Edge of Breakup“-Sounds stehen und Vintage-Distortion bevorzugen – also Gitarristen, die eher im Blues-, Country- und Roots-Rock-Bereich die Saiten zum Glühen bringen. Und in diesen Genres sind Dynamics bekanntlich King. Jene gibt es hier zuhauf, auch weil man anders als bei den vielen anderen Amp Sims, die jeweiligen Verstärker nicht nur via der Standard-EQ-Knöpfen tweaken kann, sondern bis ins Detail Parameter wie Presence und Sag einstellen kann. Die Amps, wie letztlich jedes einzelne Modul von S-Gear - entpuppen sich dabei als regelrechete Chamäleons. Sie reagieren zudem extrem sensibel auf Anschlagdynamik und das Volume-Poti. Dieses Verhalten fühlt sich organisch an. S-Gear entfaltet eine Dynamik, die viele „größere“ Suites vermissen lassen.Der Sound  lässt sich am treffendsten als dreidimensional beschreiben. S-Gear wirkt offener, unmittelbarer, näher am Gefühl eines lauten Boutique-Tube-Amps, der in einem guten Raum abgenommen wurde. Clean-Sounds perlen, Crunch hat Biss und Textur. Der Bereich Roots-Rock und Blues ist fraglos sein Metier.