| Credit Bild: © Scuffham |
Mike Scuffham und die Rack-Ideologie
S-Gear ist das „Brainchild“ von Mike Scuffham – unter Kennern ein Name mit Gewicht. Bevor er unter eigenem Banner entwickelte, arbeitete er als Ingenieur bei Marshall und zeichnete unter anderem für das legendäre JMP-1 Rack-Modul verantwortlich. Das prägte fraglos auch das Kernkonzept und Layout von S-Gear – nicht nur, weil hier selbstredend ein digitaler Marshall-Style-Amp enthalten ist, sondern auch den Aufbau des gesamten Plugins: Denn S-Gear ist wie ein komplexes Rack-System modular konzipiert.
Dieser Ansatz setzt im Vergleich zu vielen Konkurrenzprodukten nicht auf maximalen Skeuomorphismus im Sinne von optisch bis ins Detail nachgebildeten Vintage-Amps, sondern folgt einer eigenen, funktionalen Logik, bei der man schmale Module aneinanderreihen und tauschen kann. Das Resultat ist ein Konzept, das sich deutlich von vielen Mitbewerbern unterscheidet, sich aber im Praxis-Workflow als nicht minder praktikabel erweist.
Auch beim Herzstück von S-Gear, den Verstärkern wandelt Scuffham auf eigenen Wegen, geht es hier doch nicht um die möglichst exakte Modellierung eines spezifischen Amps, sondern vielmehr um eigenständige Interpretationen bewährter Klassiker von Fender bis Soldano. Die Amps kann man sich am besten als Hybride aus unterschiedlichen Referenz-Modellen vorstellen. Ein weiterer Punkt der S-Gear unique macht, zumal die hier vertretenen Verstärker klanglich allesamt erstklassig sind.
Die Amps im Detail: Archetypen statt Masse
Scuffham entwarf S-Gear als in sich abgeschlossenes, sprich „self-contained“, Ecosystem, das im Grunde alles enthält, was der Gitarrist braucht – zumindest jener Gitarrist mit einer gewissen Genre-Verortung. Doch dazu kommen wir noch. S-Gear ist eine All-in-One-Lösung, bei der von „Clean to Scream“, sprich vom unverzerrten Sound über Crunch-Tones hin zum vollverzerrten Solo- und Riff-Brett mit Effekten garniert, alles abgedeckt wird. Nur, dass das Scuffham-Konzept eines des Understatements und der bewussten Reduktion bzw. Besinnung aufs Wesentliche ist.So bietet dieses Plugin keine endlose Amp-Collection sondern eine kuratierte Auswahl – und genau das ist Teil des Konzepts. Jeder Amp markiert ein klar definiertes klangliches Terrain, ohne als reine Kopie aufzutreten. Was sofort auffällt: Gemein ist allen Modellen, dass sie extrem sensibel auf Anschlagdynamik und das Volume-Poti der Gitarre reagieren. Auch im kritischen "On the Edge of Breakup"-Bereich – dort, wo der Ton gerade ins Overdrive kippt – zeigt S-Gear eine Qualität, die manch anderes Plugin vermissen lässt:extreme Nuancen.
Die Amps im Detail:
• The Duke: "Robben Ford in a box" oder auch Scuffhams Interpretation des Dumble und Fender-Sound-Ideals. Der Tone Stack ist vom Super Reverb abgeleitet, kalifornische Clean und Overdrive-Klänge sind die Forte dieses amerikanisch-geprägten Amps.
• Custom ’57: S-Gears „Tweed“ und eine der besten digitalen Versionen der berüchtigt schwer zu fassenden Sounds jener Amps mit dem charakterischen Bezug. Von Clapton-esquen Twin-Sounds zu brachialen Neil Young Proto-Grunge Exzessen ist hier alles möglich.
• The Stealer: der "Marshall"-Style Amp, inspiriert von einem seltenen Park-Head, der Scuffham einst begeisterte. Äußerst flexibel und schafft es Hendrix-artige Semi-Clean-Sounds ebenso gut abzubilden wie archetypische Britische Hard Rock Sounds. Nur wer hier einen José-modded Plexi oder Brown Sound erwartet wird etwas zu wenig Gain-Reserven vorfinden.
• The Wayfarer: ein weiterer amerikanisch geprägter Amp, hier geht es ins Territorium getuneder Fender-Sounds. Der Wayfarer ist dabei so etwas wie das Schweizer Taschenmesser unter den Scuffham Amp-Sims, da er am drastischsten in seiner Klangformung ist (inkl. tiefgreifendem EQ, der an Mesa Boogie-Designs erinnert ). Im Grundcharakter erinnert das stark an die legendären Paul Rivera-modded Fenders (frühe Steve Lukather Sounds!). Damit ist S-Gear die einzige Plugin-Suite, die diesem seltenen Klangideal nahekommt.
• The Jackal: der heavieste unter den Scuffham-Amps, tight, fokussiert. Der lila Bezug macht klar dass hier u.a. der Soldano-SLO-100 Pate stand. Nun ist dies sicher nicht die authentischste aller SLO-Emulationen, aber der High Gain-Sound, der hier abrufbar ist, erweist sich beim Recording als recht wandlungsfähig.
Braucht man mehr als diese 5 Archetypen? Das kommt darauf an, in welchen Musikgenres man sich heimisch fühlt. Ebenso wie die Grundphilosophie von S-Gear nicht jeden erdenklichen Sound abdecken will, richten sich auch die Amps vor allem an Player, die auf Clean- und „On the Edge of Breakup“-Sounds stehen und Vintage-Distortion bevorzugen – also Gitarristen, die eher im Blues-, Country- und Roots-Rock-Bereich die Saiten zum Glühen bringen. Und in diesen Genres sind Dynamics bekanntlich King. Jene gibt es hier zuhauf, auch weil man anders als bei den vielen anderen Amp Sims, die jeweiligen Verstärker nicht nur via der Standard-EQ-Knöpfen tweaken kann, sondern bis ins Detail Parameter wie Presence und Sag einstellen kann. Die Amps, wie letztlich jedes einzelne Modul von S-Gear - entpuppen sich dabei als regelrechete Chamäleons. Sie reagieren zudem extrem sensibel auf Anschlagdynamik und das Volume-Poti. Dieses Verhalten fühlt sich organisch an. S-Gear entfaltet eine Dynamik, die viele „größere“ Suites vermissen lassen.Der Sound lässt sich am treffendsten als dreidimensional beschreiben. S-Gear wirkt offener, unmittelbarer, näher am Gefühl eines lauten Boutique-Tube-Amps, der in einem guten Raum abgenommen wurde. Clean-Sounds perlen, Crunch hat Biss und Textur. Der Bereich Roots-Rock und Blues ist fraglos sein Metier.
Die High Gain-Sounds sind auch sehr gut, aber für modernen Metal fehlen einfach die endlosen Gain-Reserven. Der einzige Overdrive-Effekt des spartanischen Pedalboards (dazu später mehr) ist meist nötig, um wirklich stark verzerrte Sounds zu erreichen. Für den Hard’n’Heavy-Gitarristen ist das zu wenig,. Metal-Sounds lassen sich zwar – insbesondere wenn es etwa um klassische Priest-Sounds geht – problemlos einstellen, aber für die Schwermetall-Fraktion ist diese Plugin-Suite dennoch nicht die erste Wahl. Dafür gibt es allerdings ohnehin genug Alternativen. Für Leute, die Vintage-Sounds suchen, ist S-Gear jedoch erste Liga.
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Ein oft unterschätzter Faktor bei Amp-Plugins ist die Cabinet-Sektion – hier steht und fällt so manche Amp-Sim. Trotz des relativ hohen Alters der S-Gear-Suite sind die hier enthaltenen IRs besser als bei vielen neueren Suites. Der "ProConvolver" liefert eine convolution-basierte Speaker-Simulation, die mit einer kuratierten Auswahl erstklassiger Speaker-Sims aufwartet. Diese sind natürlich perfekt auf die hier vertretenen Amps abgestimmt und zählen im Bereich IR zu den besten Vertretern digitaler Speaker. Wie bei den Amps lassen sich hier zahlreiche Feinjustierungen vornehmen, um dem eigenen Wunschsound näher zu kommen. Das gibt es in dieser Form nicht bei allen Amp-Sims – und auch hier spielt S-Gear eine klare Stärke aus.
Effekte
Front-of-Amp- und Rack-Effekte gibt es auch Auswahl, das Ganze ist allerdings auf das Nötigste reduziert.
Ein Overdrive, der jedoch sehr flexibel ist und klanglich zwischen Tube Screamer und Klon angesiedelt ist. Ein Wah – eigentlich eher ein zu vernachlässigender Effekt, immerhin sind Wah-Plugins selten gut. Hier gibt es jedoch ein praktisches und richtig überzeugend klingendes Auto-Wah, das sich für mehr Authentizität auch via MIDI-Pedal steuern lässt. Muss aber nicht sein – wer in den Urlaub fährt und auf ein paar Nuancen verzichten kann, wird mit dem WahThing auskommen und kann das große Wah zuhause lassen. Der Compressor ist ausgezeichnet. Im Rack gibt es Delay und Reverb mit zahlreichen Varianten und ein reduziertes, aber praktikables Modulations-Rack-Modul, bei dem man zwischen flüssigem Chorus und eisigem Flanger wählen kann.Nicht üppig, aber funktional.
Lädt man sich die auf der Scuffham-Website verfügbaren kostenlosen Dan-Huff-Presets herunter und reichert den in S-Gear vorhandenen Chorus mit einem Eventide H3000 an, dann ist man in Studio City – und es ist 1987 in L.A. … ein gutes Zeugnis für die Klanggüte, die Scuffham in S-Gear trotz relativ beschränkter Mittel realisiert hat.
Dynamik & Spielgefühl: Der eigentliche Prüfstein
Ein zentraler Punkt, der sich kaum in Specs ausdrücken lässt, ist das Spielgefühl. Und genau hier trennt sich bei Amp-Plugins oft die Spreu vom Weizen. Wenn es einen Bereich gibt, in dem sich S-Gear ganz besonders signifikant von vielen Konkurrenten absetzt, dann ist es die Ansprache. Kompression entsteht nicht als statischer Effekt, sondern als echtes Resultat des Spielens. Der Übergang von Clean zu Crunch fühlt sich fließend an – nicht wie ein Schalter, sondern wie ein Prozess.
Fazit
S-Gear ist kein Plugin für jedermann – und genau darin liegt sein USP. Es verzichtet bewusst darauf die modernsten Trends mitzumachen. Stattdessen konzentriert es sich auf das, was am Ende zählt: Klang, Dynamik, Spielgefühl.Ja, im Ultra-High-Gain-Nischenfach hat S-Gear Limitierungen. Gleichzeitig liefert die Suite ein erstaunlich vollständiges Ökosystem für Leute die klassische Blues, Rock, Country und Eighties Studio-Sounds suchen.
Dass Tone-Connaisseurs wie Scott Sharrard oder Dan Huff zu S-Gear greifen, wundert einen nach dem Test-Spiel nicht. S-Gear war seiner Zeit fraglos voraus und zählt heute noch immer zu den besten Plugin-Suites am Markt und kann in den oben genannten Bereichen locker mit viel neueren Produkten mithalten.