Samstag, 9. Mai 2026

TAL: Roland-Ikonen im modernen Plugin-Format

Ein Original der Eighties: JX-8P
Credit Bild: © TAL
Die Geschichte elektronischer Musik kennt einige wenige Instrumente, die ganze Klangästhetiken geprägt haben. Der typische „80er-Sound“, der sofort Assoziationen zu Synth-Pop, New Wave, Italo Disco oder den ikonischen Film-Soundtracks jener Zeit weckt, zählt fraglos dazu. Und viele dieser Sounds wären ohne bestimmte Instrumente kaum denkbar: den Roland Juno-60, den Roland Jupiter-8 – und später auch dessen geistiger Nachfolger, den Roland JX 8P.

Sie alle stammen aus der goldenen Phase analoger Poly-Synthesizer – einer Zeit, in der Firmen wie eben die japanische Roland Corporation begannen, komplexe Synthese plötzlich massentauglich zu machen. Heute, mehr als vierzig Jahre später, gehören diese Instrumente zu den begehrtesten Vintage-Synthesizern überhaupt. Originalgeräte erzielen auf dem Gebrauchtmarkt teils astronomische Preise. Der Grund dafür ist einfach: Diese Synths besitzen einen extrem charakteristischen Klang, der sich selbst mit modernen, technisch weit überlegenen Instrumenten nicht ohne Weiteres reproduzieren lässt. Ihre Mischung aus Wärme, Eigenheiten, Instabilität und musikalischer Direktheit bleibt einzigartig. Kein Wunder also, dass Entwickler seit Jahren versuchen, diese Klassiker möglichst authentisch in Softwareform neu zu emulieren.

Eine der interessantesten Adressen dafür ist die Schweizer Softwareschmiede Togu Audio Line – besser bekannt als TAL.

Tale of TAL: Schweizer Präzision beim Synth-Modeling

Der Anspruch, den TAL verfolgt, lässt sich klar umreißen: eine möglichst naturalistische und realistische digitale Emulation legendärer Hardware-Synthesizer umzusetzen– inklusive aller Eigenheiten, aber auch der charmanten Limitationen, die Vintage-Designs zwangsläufig mit sich bringen. Denn genau diese kleinen Unzulänglichkeiten machen den Charakter vieler analoger Klassiker überhaupt erst aus. Eine zu starke Modernisierung würde den eigentlichen Klang verfälschen. TAL verfolgt deshalb beinahe eine Art Reinheitsgebot: Der Originalsound steht im Mittelpunkt, ergänzt lediglich um behutsame Zugeständnisse an moderne Produktions-Workflows. Am Ende soll für Spieler und Zuhörer idealerweise nur eine Frage offenbleiben: War das jetzt ein Softsynth oder tatsächlich ein Originalgerät? Und wenn man bedenkt, wie eigenständig und charaktervoll diese Vintage-Synthesizer klingen, wird schnell klar, wie schwierig dieses Unterfangen eigentlich ist.

TAL hat diese Herausforderung jedoch bravourös gemeistert und genießt in der Synthesizer-Szene – insbesondere im Synthwave- und Retrowave-Bereich – seit vielen Jahren einen exzellenten Ruf. Die Produkte von Mastermind Patrick Kunz zählen so mittlerweile zu den etablierten Klassikern unter den Software-Synthesizern.

Juno Pose: TAL U-NO-LX

Credit Bild: © TAL
Nein – hier geht es natürlich nicht um Sabrina Carpenters Bühnenshow, sondern um den legendären Klang des Roland-Juno-Synths. Bei TAL heißt die digitale Neuinterpretation U-NO-LX – und liefert genau jenen warmen, direkten Charakter, der bis heute in unzähligen Produktionen weiterlebt.

Obwohl bis heute nicht vollständig geklärt ist, welche konkreten Synthesizer die Stranger Things-Komponisten Kyle Dixon und Michael Stein tatsächlich verwendeten, gilt ein Juno-6 als sehr wahrscheinlich. Gerade Stücke wie „Kids“ tragen genau jene schwebende, melancholische Klangästhetik in sich, für die die Juno-Serie berühmt wurde. Und bereits nach wenigen Minuten mit dem U-NO-LX wird deutlich: Patrick Kunz hat den Kultsound des Originals bemerkenswert präzise eingefangen.

Anders als viele komplexe Konkurrenten setzte Roland beim Juno auf ein erstaunlich simples Konzept: einfacher Aufbau, direkte Bedienung, sofort musikalische Ergebnisse. Der Synth verfügte lediglich über einen einzigen Oszillator pro Stimme, ergänzt durch einen Suboszillator, ein Filter und klassische Hüllkurven. Technisch betrachtet war das vergleichsweise überschaubar. Und dennoch entwickelte der Juno eine der markantesten Klangsignaturen der gesamten Synthesizer-Geschichte.

Der Grund dafür lag vor allem in zwei Dingen: seinem Filter – und seinem legendären Chorus. Der integrierte Stereo-Chorus war ursprünglich eher als zusätzlicher Effekt gedacht, entwickelte sich jedoch schnell zum eigentlichen Markenzeichen des Instruments. Sobald man ihn aktiviert, passiert etwas Magisches: Ein zunächst relativ einfacher Synth-Sound verwandelt sich plötzlich in eine breite, schwebende und beinahe cineastische Fläche. Genau dieser Effekt wurde zum Herzstück zahlloser Produktionen – von Synth-Pop über Ambient bis hin zu Filmmusik.

Und genau hier zeigt TAL seine große Stärke: Der Chorus des U-NO-LX klingt für meinen Geschmack erstaunlich nah am Original. Dieses leicht verrauschte, organische Schweben wurde extrem überzeugend getroffen.

Mit dem U-NO-LX hat TAL eine besonders akkurate Softwareversion des Juno geschaffen. Der Synth wurde anhand realer Hardware modelliert; Oszillatoren, Filter und Hüllkurven orientieren sich sehr eng am Verhalten des Originals. Besonders auffällig ist dabei, wie konsequent sich das Plugin am historischen Vorbild orientiert. Anders als viele moderne Softsynths versucht der U-NO-LX nicht, das ursprüngliche Konzept künstlich aufzublasen oder mit zahllosen Zusatzfeatures zu überladen. Hier geht es ausschließlich um den Sound.Und der überzeugt bis heute.

Pads wirken weich und schimmernd. Bässe besitzen überraschend viel Druck für einen Single-Oszillator-Synth. Leads haben jene subtile analoge Wärme, die selbst in modernen Produktionen sofort funktioniert. Gerade in Kombination mit dem Chorus entsteht ein Klangbild, das unmittelbar nach klassischem Analog-Synth klingt – und exakt versteht man, weshalb der Juno bis heute Kultstatus genießt.

Der U-NO-LX ist so fraglos eine der besten Emulationen dieses verdienten Klassikers. Eine puristische, klanglich extrem starke Hommage an einen der wichtigsten Synthesizer der 1980er-Jahre.

TAL J-8: Rolands majestätisches Flaggschiff

Credit Bild: © TAL
Wenn der Juno der pragmatische Allrounder der Roland-Welt war, dann war der Jupiter-8 ihr Luxusmodell. Der 1981 vorgestellte Synthesizer gehörte zu den leistungsfähigsten polyphonen Instrumenten seiner Zeit. Zwei Oszillatoren pro Stimme, umfangreiche Modulationsmöglichkeiten, Split- und Layer-Modi – der Jupiter-8 war eine regelrechte Klangmaschine. Und er klang entsprechend.

Während der Juno eher weich und atmosphärisch wirkt, besitzt der Jupiter eine deutlich größere klangliche Bandbreite: von massiven Brass-Sounds über aggressive Leads bis hin zu riesigen, komplexen Flächen. Der Jupiter-8 tauchte in den 1980ern praktisch überall auf. Synth-Pop, frühe elektronische Filmmusik, Progressive Rock – kaum ein Genre jener Zeit kam ohne diesen Synth aus. Sein Sound war groß, breit und präsent. Genau deshalb wurde er schnell zum Studiostandard vieler Produzenten.

Auch beim J-8 verfolgt TAL dieselbe Philosophie wie bereits beim U-NO-LX: möglichst authentische Nachbildung statt unnötiger Feature-Explosion.

Das Plugin basiert erneut auf einem realen Hardware-Gerät, dessen Verhalten möglichst exakt modelliert wurde. Zwei Oszillatoren, Crossmodulation, Filter, Hüllkurven und klassische Jupiter-Funktionen wurden sehr detailgetreu umgesetzt.Besonders interessant ist dabei die Kalibrierungssektion. Hier lassen sich Eigenschaften wie Filterverhalten, Resonanz oder Instabilitäten einzelner Stimmen verändern. Dadurch kann man den Sound entweder sauber und kontrolliert halten – oder bewusst stärker in jene leicht unperfekte Vintage-Richtung treiben, die viele Produzenten so lieben.

Der Jupiter-Sound unterscheidet sich wie bereits erwähnt deutlich vom Juno.Er wirkt größer, aggressiver und oft spektakulärer. Brass-Sounds besitzen enorme Präsenz, Leads schneiden mühelos durch dichte Arrangements, und Pads entwickeln eine fast orchestrale Breite.

Gerade im Unison-Modus entstehen beeindruckend massive Synth-Sounds, die sofort nach „großer 80er-Produktion“ klingen. Der TAL J-8 eignet sich deshalb hervorragend für elektronische Filmmusik (Goblin!) oder atmosphärische Ambient-Flächen. TALSs J-8 zeigt eindrucksvoll, warum der Jupiter-8 bis heute als einer der größten Synthesizer aller Zeiten gilt. Allerdings auch einer, bei dem man etwas mehr Zeit in die Klangformung  investieren muss, dank des im Vergleich zum Juno komplexeren Layout. Die mannigfaltigen Presets – selbst eines für ZZ Tops „Legs“ ist hier enthalten – erleichtern Einsteigern jedoch die Sound-Exploration. Synth-Veteranen fidnne sich sowieso im Nu zurecht, denn auch in Sachen Optik und Bedienung ist das hier eien extrem originalgetreue Emulation.

TAL J-8X: Der Übergang in die moderne Ära

Credit Bild: © TAL
Mit dem TAL J-8X hat TAL unlängst auch eine Interpretation des Roland JX-8P veröffentlicht – gewissermaßen den Brückenschlag zwischen klassischer Analogwelt und der zunehmend digitalisierten Mitte der 1980er-Jahre.Der Roland JX-8P und der Jupiter-8 stammen zwar beide aus der goldenen Ära polyphoner Synthesizer, stehen jedoch für zwei unterschiedliche Entwicklungsphilosophien.

Der 1981 erschienene Jupiter-8 war Rolands kompromissloses Flaggschiff: vollständig analog, mit zwei spannungsgesteuerten Oszillatoren (VCOs) pro Stimme. Diese Architektur sorgt für den berühmten lebendigen und leicht instabilen Klangcharakter, der oft als breit, warm und luxuriös beschrieben wird. Der 1985 veröffentlichte JX-8P markierte dagegen bereits den Übergang in eine stärker digital geprägte Ära. Zwar basiert auch er auf einem analogen Signalweg, verwendet jedoch digital gesteuerte Oszillatoren (DCOs), wodurch die Stimmen deutlich stabiler arbeiten. Das Resultat ist ein sauberer, glatterer und etwas kontrollierterer Klang.

Gerade darin liegt aber auch sein eigener Reiz: Der JX-8P liefert genau jene seidigen Flächen, schimmernden Chorus-Strings und polierten 80er-Sounds, die man sofort mit späteren Produktionen dieser Dekade verbindet.

Zudem brachte der JX-8P moderne Features wie MIDI, Speicherbarkeit und Aftertouch mit – Eigenschaften, die ihn im Studioalltag wesentlich flexibler machten als viele frühere Analog-Synths.Der Sound wirkt glatter, eleganter und etwas moderner als beim J-8. Gleichzeitig bleibt jedoch genügend analoge Wärme erhalten, damit die typischen Roland-DNA jederzeit hörbar bleibt.

Gerade Fans klassischer 80er-Balladen, Synthwave-Produktionen oder nostalgischer Soundtrack-Flächen dürften hier voll auf ihre Kosten kommen.

Fazit

Mit U-NO-LX, und den beiden Jupitern hat TAL bemerkenswert überzeugende Software-Interpretationen klassischer Roland-Synthesizer geschaffen.

Der U-NO-LX fängt den unverwechselbaren Charakter des Juno erstaunlich präzise ein: warme Pads, breite Chorus-Sounds und eine unmittelbare Spielbarkeit, die man sonst eher von echter Hardware kennt. Der J-8 wiederum liefert den majestätischen Klang des Jupiter-8 – mit all der Breite, Tiefe und Präsenz, die diesen Synthesizer in den 1980ern legendär gemacht haben. Und der J-8X ergänzt dieses Trio sinnvoll um jene modernere, glattere Roland-Ästhetik, die die späten 80er definierte.

Alle drei Plugins verfolgen dabei dieselbe Philosophie: kein unnötiger Feature-Overload, keine sterile Perfektion, sondern eine möglichst authentische Reproduktion des Charakters der Originalinstrumente. Und genau darin liegt ihre große Stärke.

Wer nach authentischem Roland-Vintage-Sound sucht, ohne mehrere Tausend Euro für seltene Originalgeräte auszugeben, findet hier einige der überzeugendsten Plugins überhaupt. TAL beweist eindrucksvoll, dass gute Synthesizer nicht zwangsläufig mit endlosen Funktionslisten beeindrucken müssen. Manchmal reichen eben ein hervorragender analoger Klang – und  dreibeziehungsweise drei Synthesizer, die Musikgeschichte geschrieben haben.