Mittwoch, 23. September 2026

THE MYSTERIES OF TWIN PEAKS: Was ist los mit Bob?

Credit Coverbild: © Prestel Verlag
David Lynchs Twin Peaks war „Peak TV“, bevor überhaupt jemand auf die Idee gekommen war, diesen Begriff zu erfinden. Die Serie über die merkwürdigen Vorkommnisse in der nur vermeintlich beschaulichen Kleinstadt nahe der kanadischen Grenze markierte Anfang der Neunzigerjahre gewissermaßen die Stunde Null dessen, was später einmal als „Quality Television“ bezeichnet werden sollte: Fernsehen, das nicht mehr nur gute Unterhaltung im bekannten Serienformat liefern wollte, sondern sich erzählerisch, visuell und atmosphärisch an den Anspruch des Hollywood-Kinos heranwagte.

Mit Twin Peaks schien plötzlich alles möglich. Eine Mordermittlung konnte zur surrealistischen Geistergeschichte werden, eine Seifenoper zum Albtraum, ein Provinzstädtchen zur Schnittstelle zwischen unserer Realität und irgendwelchen anderen Dimensionen. David Lynch und Mark Frost legten mit der Serie den Grundstein für ein Fernsehen, das seine Zuschauer nicht mehr ausschließlich unterhalten, sondern auch irritieren, fordern und im besten Fall ratlos zurücklassen wollte. Twin Peaks deutete auf einen Paradigmenwechsel in der „Small Screen“-Branche hin. Das Versprechen dieses neuen Fernsehens sollte allerdings erst einige Jahre später endgültig eingelöst werden, lange nachdem die erste Folge des Mystery-Kults über amerikanische TV-Geräte geflimmert war: Mit David Chases „Sopranos“ (an der wiederum der spätere „Mad Men“-Macher Matthew Weiner mitwirkte) wurde endgültig das „goldene Zeitalter“ der TV-Serien eingeläutet: es folgten Mad Men, Breaking Bad, Boardwalk Empire oder Dexter, die das Fernsehen endgültig als dem Kino nicht mehr nachstehende erzählerische Kunstform etablierten.

Aber selbst in der heute geradezu unüberschaubaren Landschaft moderner Serien bleibt Twin Peaks ein Sonderfall. Denn Twin Peaks will nicht vollständig verstanden werden. Die Serie ist ein Rätsel, ein Fiebertraum, ein Puzzle, bei dem einige Teile offensichtlich fehlen – und das Verrückte daran ist: Selbst nach mehrmaligem Anschauen hat man nicht unbedingt das Gefühl, der Lösung nähergekommen zu sein. Im Gegenteil. Je genauer man hinsieht, desto mehr Fragen tauchen auf.

Was hat es mit der Schwarzen Hütte auf sich? Wer oder was ist Bob? Was genau hat es mit dem Red Room auf sich? Welche Rolle spielt Agent Cooper tatsächlich in diesem ganzen metaphysischen Geflecht? Warum sind manche Figuren scheinbar ganz normale Bewohner eines amerikanischen Provinznests und im nächsten Moment Teil einer völlig anderen Realität? Und was hat es eigentlich mit diesem verdammt guten Kaffee auf sich ;-)?

Genau hier setzt das neu erschienene Buch The Mysteries of Twin Peaks: Unlocking the Secrets of David Lynch's Masterpiece an. Der Band von Johan Chiaramonte, und Camille Mathieu, die zuvor schon ähnliche gelagerte werke überr Wes Adnerson und Quentin Tarantino verfasst haben,  versucht, Ordnung in dieses absichtlich unordentliche Universum zu bringen und die zahlreichen Rätsel, Querverbindungen, Figuren und Motive der Serie aufzuschlüsseln. Und das ist ein ziemlich gewagtes Unterfangen. Denn wer sich an Twin Peaks heranwagt, muss damit leben, dass Showrunner David Lynch und Mark Frost ihre Geheimnisse nicht freiwillig preisgeben wollten.

Das Spannende an The Mysteries of Twin Peaks ist deshalb weniger die bloße Tatsache, dass hier Erklärungen geliefert werden. Viel interessanter ist die Art und Weise, wie sich die Autoren dem Material nähern: beinahe wie Popkultur-Detektive. Und genau das macht das Buch auch für diejenigen interessant, die Twin Peaks längst mehrfach gesehen haben.

Denn natürlich kennt man die großen Eckpunkte, Laura Palmer und Co.. Aber Lynch hat sein Universum mit einer solchen Dichte an Details versehen, dass sich zwischen diesen bekannten Bestandteilen unzählige kleine Hinweise, Motive und Querverbindungen verstecken. Es geht um die großen Mysterien, aber eben auch um die scheinbar nebensächlichen Dinge, die den Kosmos von Twin Peaks erst so unverwechselbar machen. Schauplätze, Nebenfiguren, Dialoge, wiederkehrende Symbole und jene merkwürdigen disruptiven Momente, die Agent Coopers Ermittlungen auf den Kopf stellen.

Besonders schön ist dabei, dass die Autoren nicht nur versuchen, die Handlung nachzuerzählen. Stattdessen funktioniert das Buch wie eine Spurensicherung: Hier ein Hinweis, dort eine Verbindung, dazwischen eine Figur, die man vielleicht längst vergessen hatte und die plötzlich wieder relevant wird.

Was mich an The Mysteries of Twin Peaks besonders überzeugt, ist deshalb, dass das Buch nicht ausschließlich für Einsteiger funktioniert. Auch für jemanden, der Twin Peaks bereits mehrfach durchlebt hat, entfaltet das Buch dagegen einen ganz eigenen Reiz.

Denn es macht genau das, was gute Begleitliteratur zu einer Kultserie leisten sollte: Es öffnet neue Türen. Man liest, erinnert sich, blättert zurück – und bekommt unweigerlich Lust, die Serie erneut zu starten.

Verdammt guter Kaffee. Verdammt gutes Buch. Und verdammt guter Grund, Twin Peaks noch einmal zu schauen.

The Mysteries of Twin Peaks, von Johan Chiaramonte und Camille Mathieu, erschienen im Prestel Verlag