Montag, 14. September 2026

CROW HILL COMPANY ARCANE STRINGS Test: Herrlich unperfekt

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Credit Bild: © Crow Hill Company
Im Klassik- und Orchesterbereich herrscht traditionell das Streben nach Vollkommenheit vor. Abweichungen, Imperfektionen oder gar unpräzises Spiel haben hier wenig verloren. Geradezu mechanische Perfektion war dementsprechend über Jahre hinweg auch das große Versprechen moderner Sample-Libraries: sauber intonierte Streicher, perfekt aufeinander abgestimmte Ensembles, klinisch präzise Dynamik und ein Klangbild, in dem möglichst kein einzelner Musiker unangenehm aus der Reihe tanzt. Kurz gesagt: Je homogener, desto besser. 

Die immer etwas ausgefallene The Crow Hill Company geht mit ARCANE STRINGS nun bewusst in die entgegengesetzte Richtung. Nachdem es von Crow Hill zuletzt eher kleinere Releases mit überschaubarerem Funktionsumfang gab, erscheint mit ARCANE STRINGS wieder ein echtes „Full Size“-Instrument aus den Highlands – und wie so oft sind es gerade die ungewöhnlichen Ideen von Mastermind Christian Henson, die bei den größeren Libraries besonders gut funktionieren. Denn wo andere Entwickler versuchen, ihre Samples möglichst perfekt zu konservieren, interessiert sich Henson offensichtlich viel mehr für das, was passiert, wenn man einem Ensemble ein Stück weit die Kontrolle entzieht. ARCANE STRINGS liefert deshalb perfekt-unperfekte Streicher. Hier quietscht es. Hier ächzt es. Hier darf ein Ton einmal hörbar danebenliegen, eine Stimme leicht auseinanderdriften oder eine Bewegung nicht exakt dort landen, wo der Computer sie gerne hätte. Und genau darin liegt der unwiderstehliche Reiz dieser Library.

Radikal anders

Was wäre, wenn ein klassisches Streicherensemble plötzlich seine gute Erziehung vergessen würde? Wenn Bratschen, Celli und Kontrabässe nicht mehr nach den strengen Regeln des Konzertsaals funktionieren, sondern rau, widerspenstig und beinahe körperlich klingen? Genau an diesem Punkt setzt Arcane Strings an. Das Instrument versteht sich nicht als weitere Hollywood-String-Library, die darauf wartet, den nächsten perfekten Legato-Teppich unter eine Blockbuster-Partitur zu legen. Vielmehr werden die Streicher bewusst dorthin geführt, wo professionelle Musiker normalerweise gerade nicht mehr hingehen würden: in die Unsauberkeit, die Reibung, die Mikrotonalität und den kontrollierten Kontrollverlust. Man könnte sich das klanglich tatsächlich so vorstellen, als würden Bögen aus Stroh über rostigen Stacheldraht gezogen. Streicher, die plötzlich beinahe wie schroffe Blechbläser reagieren. Eine Library, die musikalische Anweisungen nicht immer brav ausführt, sondern mit kleinen Ungehorsamkeiten antwortet. Das klingt zunächst nach einem ziemlich speziellen Konzept – und ist es auch. Aber genau deshalb funktioniert es.

 Die Klangsprache ist archaisch, primitiv, teilweise beinahe brutal, gleichzeitig aber erstaunlich musikalisch. Es geht um die organische Masse eines Ensembles, ohne die einzelnen Stimmen darin zu begraben. Um kleine zeitliche Verschiebungen, unterschiedliche Intonationen und jene winzigen Unregelmäßigkeiten, die bei echten Musikern völlig selbstverständlich sind und in der Welt perfekter Sample-Libraries zunehmend herausgerechnet werden. Das Resultat besitzt dadurch etwas ausgesprochen Menschliches. Nicht schön im klassischen Sinne, aber interessant. Nicht sauber, aber lebendig.

Drei Perspektiven auf ein Ensemble

Technisch steckt hinter diesem vermeintlichen Kontrollverlust allerdings deutlich mehr Konzept, als der erste Eindruck vermuten lässt. Arcane Strings arbeitet mit drei miteinander kombinierbaren Klanganteilen, die nicht einfach unterschiedliche Mikrofonpositionen simulieren, sondern verschiedene Perspektiven auf die Performance selbst darstellen. "MICROTONAL" bildet dabei gewissermaßen die kontrolliertere Seite des Ensembles ab. Hier wurde stärker in die Intonation eingegriffen, um die Spieler etwas enger zusammenzuführen. Das Ergebnis ist wärmer, intimer und vergleichsweise fokussiert.

"MACROTONAL" geht bewusst einen Schritt weiter. Weniger nachträgliche Korrektur bedeutet mehr Bewegung innerhalb des Ensembles – und damit paradoxerweise auch mehr Größe. Denn je größer eine Gruppe von Musikern wird, desto weniger präzise und homogen spielt sie. Genau diese scheinbare Schwäche wird hier zum Gestaltungsmittel. Man hört nicht mehr nur „die Streicher“, sondern beginnt einzelne Stimmen innerhalb der Masse wahrzunehmen. Die minimale Abweichung der Tonhöhen erzeugt dabei nicht nur einen organischeren Charakter, sondern auch eine ganz eigene räumliche Breite.

"INTENSE" schließlich ist die kompromissloseste Variante. Nah mikrofoniert, stark komprimiert und mit zusätzlichem EQ bearbeitet, wird das Ensemble hier regelrecht verdichtet. Aus den drei Komponenten lässt sich dadurch ein erstaunlich großer Klangkörper formen. Und genau hier wird es interessant: Die drei Fader sind keine klassische Mischpult-Alternative zu Close, Mid und Room, sondern drei unterschiedliche Bestandteile des eigentlichen Klangcharakters. Man mischt also nicht nur Raumanteile, sondern komponiert gewissermaßen die Beschaffenheit des Ensembles.

Sampling am Limit

Dass dieser Ansatz überhaupt funktioniert, liegt auch am enormen Sampling-Aufwand. Gerade bei einer Library, die von Bewegung und Unberechenbarkeit lebt, wären kurze Loops oder wenige dynamische Layer ziemlich schnell entlarvt. Crow Hill geht deshalb ungewöhnlich weit. Die langen Artikulationen wurden über enorme Zeiträume aufgenommen, sodass pro Tonzentrum rund 40 Minuten Performance-Material zusammenkommen. Dadurch entsteht bei den Longs und Oszillationen nicht das typische Gefühl eines Samples, das irgendwann unauffällig wieder am Anfang angekommen ist. Die Bewegung darf stattfinden, ohne dass der Rechner sie nach wenigen Sekunden verrät.

Hinzu kommen bis zu vier Dynamikstufen und bis zu sieben Round Robins. Gerade Letzteres ist bei einem derart charakterbasierten Instrument entscheidend. Wenn ohnehin jeder Musiker hörbar bleiben soll, wäre es kontraproduktiv, bei jedem Anschlag immer wieder exakt dieselbe Performance abzurufen. Hier wird versucht stattdessen, die natürliche Varianz eines Ensembles möglichst lange am Leben zu erhalten.

Noch interessanter wird die Sache durch die Herkunft der Spieler. Neben professionellen Musikern wurden bewusst improvisationsfreudige Multi-Instrumentalisten und weniger klassisch ausgebildete Streicher eingesetzt. Ein Teil des Materials stammt sogar von Henson selbst. Das Ergebnis ist ein Ensemble, das nicht nach einem perfekt trainierten Studio-Orchester klingt, sondern nach vielen individuellen Stimmen mit unterschiedlichen Vorstellungen davon, wie ein Instrument eigentlich gespielt werden kann.

19 Arten, falsch richtig zu machen

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Credit Bild: © Crow Hill Company
Insgesamt stehen 19 Artikulationen beziehungsweise Spielweisen zur Verfügung, und schon die Namen machen deutlich, dass hier nicht die übliche Hollywood-Menükarte abgearbeitet wird. "RUSTY LONGS" liefern lange, vergleichsweise direkte Töne ohne ausgeprägtes Vibrato, während "ASHEN LONGS" stärker in Richtung Sul Tasto tendieren und damit eine weichere, fast neblige Textur erzeugen. "OSCILLATIONS" bewegen sich tempo-synchron durch das Material, bleiben dabei aber bewusst etwas lockerer als typische Motor-Libraries. Genau diese minimale Distanz zum Raster verhindert, dass daraus bloß eine weitere mathematisch perfekt laufende Pattern-Maschine wird.

Besonders reizvoll sind die freien Tremolos, die als "STORM TREMS" eine regelrechte klangliche Grundmasse erzeugen, ohne dass die einzelnen Musiker darin vollständig verschwinden. "BREATHS" und "GASPS" arbeiten wiederum mit einer freien, nicht an das DAW-Tempo gekoppelten Bewegung. Das Material darf atmen und sich entwickeln, anstatt sich einem musikalischen Raster unterzuordnen. Bei den STRIKES wiederum bleiben auch die Nebengeräusche nach dem eigentlichen Anschlag erhalten. Ein zusätzlicher Ton, ein Nachschwingen oder eine kleine Unregelmäßigkeit kann plötzlich wichtiger werden als der eigentliche Attack – und erinnert dadurch eher an einen Donnerschlag als an einen sauber gesampelten Orchesterhit.

"ARCANE STRIKES" gehen noch weiter und besitzen eine derart spezifische zeitliche Form, dass man sie teilweise bewusst vor dem eigentlichen Beat platzieren muss, wenn der Anschlag genau auf dem musikalischen Ereignis landen soll. Und dann wären da noch die "PLUCKS", die ohnehin wenig mit dem zu tun haben, was man von einer konventionellen Streicher-Library erwarten würde.

Das Entscheidende dabei: Diese Artikulationen sind nicht einfach eine Sammlung möglichst skurriler Effekte. Sie bilden unterschiedliche Zustände desselben musikalischen Gedankens ab. Mal ist das Ensemble nur leicht aus der Spur, mal beinahe vollständig entfesselt. Dadurch wird aus der vermeintlichen Imperfektion ein regelrechtes Kompositionswerkzeug.

Fazit

Gerade im Bereich Film und Scoring sehe ich deshalb die eigentliche Stärke von Arcane Strings. Natürlich kann man damit keine komplette klassische Strings-Library ersetzen. Wer eine möglichst authentische Streichergruppe für traditionelle Hollywood-Partituren sucht, wird hier ziemlich schnell an Grenzen stoßen. Die bewusst unsaubere Intonation kann in einem Kontext, der maximale tonale Präzision verlangt, schlicht falsch sein. 

Doch diese Collection will eben nicht alles können.Ihre Stärke liegt vielmehr darin, eine Ebene in eine Produktion zu bringen, die mit perfekt quantisierten und sauber intonierten Samples nur schwer zu erreichen ist. Ein paar Takte dieses Materials hinter einem ansonsten klinisch sauberen Ensemble können plötzlich genau jene organische Reibung erzeugen, die einer Szene bislang gefehlt hat. Ein düsterer Score bekommt mehr Körper, ein minimalistisches Arrangement mehr Bewegung und eine vermeintlich perfekte Streicherfläche plötzlich eine unangenehme, menschliche Kante. Gerade bei modernen Independent-Produktionen, experimenteller Filmmusik, Horror, Thriller oder auch elektronisch geprägtem Sounddesign kann diese Ästhetik Gold wert sein: Dies ist kein General Purpose-Plugin, aber vielelicht eine entscheidende Geheimwaffe im Scoring-Prozess.