Im Klassik- und
Orchesterbereich herrscht traditionell das Streben nach Vollkommenheit vor.
Abweichungen, Imperfektionen oder gar unpräzises Spiel haben hier wenig
verloren. Geradezu mechanische Perfektion war dementsprechend über Jahre hinweg
auch das große Versprechen moderner Sample-Libraries: sauber intonierte
Streicher, perfekt aufeinander abgestimmte Ensembles, klinisch präzise Dynamik
und ein Klangbild, in dem möglichst kein einzelner Musiker unangenehm aus der
Reihe tanzt. Kurz gesagt: Je homogener, desto besser. 
Credit Bild: © Crow Hill Company
Die immer etwas ausgefallene The Crow Hill Company geht mit ARCANE STRINGS nun bewusst in die entgegengesetzte Richtung. Nachdem es von Crow Hill zuletzt eher kleinere Releases mit überschaubarerem Funktionsumfang gab, erscheint mit ARCANE STRINGS wieder ein echtes „Full Size“-Instrument aus den Highlands – und wie so oft sind es gerade die ungewöhnlichen Ideen von Mastermind Christian Henson, die bei den größeren Libraries besonders gut funktionieren. Denn wo andere Entwickler versuchen, ihre Samples möglichst perfekt zu konservieren, interessiert sich Henson offensichtlich viel mehr für das, was passiert, wenn man einem Ensemble ein Stück weit die Kontrolle entzieht. ARCANE STRINGS liefert deshalb perfekt-unperfekte Streicher. Hier quietscht es. Hier ächzt es. Hier darf ein Ton einmal hörbar danebenliegen, eine Stimme leicht auseinanderdriften oder eine Bewegung nicht exakt dort landen, wo der Computer sie gerne hätte. Und genau darin liegt der unwiderstehliche Reiz dieser Library.
Radikal anders
Was wäre, wenn ein
klassisches Streicherensemble plötzlich seine gute Erziehung vergessen würde?
Wenn Bratschen, Celli und Kontrabässe nicht mehr nach den strengen Regeln des
Konzertsaals funktionieren, sondern rau, widerspenstig und beinahe körperlich klingen?
Genau an diesem Punkt setzt Arcane Strings an. Das Instrument versteht sich
nicht als weitere Hollywood-String-Library, die darauf wartet, den nächsten
perfekten Legato-Teppich unter eine Blockbuster-Partitur zu legen. Vielmehr
werden die Streicher bewusst dorthin geführt, wo professionelle Musiker
normalerweise gerade nicht mehr hingehen würden: in die Unsauberkeit, die
Reibung, die Mikrotonalität und den kontrollierten Kontrollverlust. Man könnte
sich das klanglich tatsächlich so vorstellen, als würden Bögen aus Stroh über
rostigen Stacheldraht gezogen. Streicher, die plötzlich beinahe wie schroffe
Blechbläser reagieren. Eine Library, die musikalische Anweisungen nicht immer
brav ausführt, sondern mit kleinen Ungehorsamkeiten antwortet. Das klingt zunächst
nach einem ziemlich speziellen Konzept – und ist es auch. Aber genau deshalb
funktioniert es.
Die Klangsprache ist archaisch, primitiv, teilweise
beinahe brutal, gleichzeitig aber erstaunlich musikalisch. Es geht um die
organische Masse eines Ensembles, ohne die einzelnen Stimmen darin zu begraben.
Um kleine zeitliche Verschiebungen, unterschiedliche Intonationen und jene
winzigen Unregelmäßigkeiten, die bei echten Musikern völlig selbstverständlich
sind und in der Welt perfekter Sample-Libraries zunehmend herausgerechnet
werden. Das Resultat besitzt dadurch etwas ausgesprochen Menschliches. Nicht
schön im klassischen Sinne, aber interessant. Nicht sauber, aber lebendig.
Drei Perspektiven
auf ein Ensemble
Technisch steckt
hinter diesem vermeintlichen Kontrollverlust allerdings deutlich mehr Konzept,
als der erste Eindruck vermuten lässt. Arcane Strings arbeitet mit drei
miteinander kombinierbaren Klanganteilen, die nicht einfach unterschiedliche
Mikrofonpositionen simulieren, sondern verschiedene Perspektiven auf die
Performance selbst darstellen. "MICROTONAL" bildet dabei gewissermaßen die
kontrolliertere Seite des Ensembles ab. Hier wurde stärker in die Intonation
eingegriffen, um die Spieler etwas enger zusammenzuführen. Das Ergebnis ist
wärmer, intimer und vergleichsweise fokussiert.
"MACROTONAL" geht
bewusst einen Schritt weiter. Weniger nachträgliche Korrektur bedeutet mehr
Bewegung innerhalb des Ensembles – und damit paradoxerweise auch mehr Größe.
Denn je größer eine Gruppe von Musikern wird, desto weniger präzise und homogen
spielt sie. Genau diese scheinbare Schwäche wird hier zum Gestaltungsmittel.
Man hört nicht mehr nur „die Streicher“, sondern beginnt einzelne Stimmen
innerhalb der Masse wahrzunehmen. Die minimale Abweichung der Tonhöhen erzeugt
dabei nicht nur einen organischeren Charakter, sondern auch eine ganz eigene
räumliche Breite.
"INTENSE" schließlich
ist die kompromissloseste Variante. Nah mikrofoniert, stark komprimiert und mit
zusätzlichem EQ bearbeitet, wird das Ensemble hier regelrecht verdichtet. Aus
den drei Komponenten lässt sich dadurch ein erstaunlich großer Klangkörper formen.
Und genau hier wird es interessant: Die drei Fader sind
keine klassische Mischpult-Alternative zu Close, Mid und Room, sondern drei
unterschiedliche Bestandteile des eigentlichen Klangcharakters. Man mischt also
nicht nur Raumanteile, sondern komponiert gewissermaßen die Beschaffenheit des
Ensembles.
Sampling am Limit
Dass dieser Ansatz
überhaupt funktioniert, liegt auch am enormen Sampling-Aufwand. Gerade bei
einer Library, die von Bewegung und Unberechenbarkeit lebt, wären kurze Loops
oder wenige dynamische Layer ziemlich schnell entlarvt. Crow Hill geht deshalb
ungewöhnlich weit. Die langen Artikulationen wurden über enorme Zeiträume
aufgenommen, sodass pro Tonzentrum rund 40 Minuten Performance-Material
zusammenkommen. Dadurch entsteht bei den Longs und Oszillationen nicht das
typische Gefühl eines Samples, das irgendwann unauffällig wieder am Anfang
angekommen ist. Die Bewegung darf stattfinden, ohne dass der Rechner sie nach
wenigen Sekunden verrät.
Hinzu kommen bis zu
vier Dynamikstufen und bis zu sieben Round Robins. Gerade Letzteres ist bei
einem derart charakterbasierten Instrument entscheidend. Wenn ohnehin jeder
Musiker hörbar bleiben soll, wäre es kontraproduktiv, bei jedem Anschlag immer
wieder exakt dieselbe Performance abzurufen. Hier wird versucht
stattdessen, die natürliche Varianz eines Ensembles möglichst lange am Leben zu
erhalten.
Noch interessanter
wird die Sache durch die Herkunft der Spieler. Neben professionellen Musikern
wurden bewusst improvisationsfreudige Multi-Instrumentalisten und weniger
klassisch ausgebildete Streicher eingesetzt. Ein Teil des Materials stammt
sogar von Henson selbst. Das Ergebnis
ist ein Ensemble, das nicht nach einem perfekt trainierten Studio-Orchester
klingt, sondern nach vielen individuellen Stimmen mit unterschiedlichen
Vorstellungen davon, wie ein Instrument eigentlich gespielt werden kann.
19 Arten, falsch
richtig zu machen
Insgesamt stehen 19
Artikulationen beziehungsweise Spielweisen zur Verfügung, und schon die Namen
machen deutlich, dass hier nicht die übliche Hollywood-Menükarte abgearbeitet
wird. "RUSTY LONGS" liefern lange, vergleichsweise direkte Töne ohne ausgeprägtes
Vibrato, während "ASHEN LONGS" stärker in Richtung Sul Tasto tendieren und damit
eine weichere, fast neblige Textur erzeugen. "OSCILLATIONS" bewegen sich
tempo-synchron durch das Material, bleiben dabei aber bewusst etwas lockerer
als typische Motor-Libraries. Genau diese minimale Distanz zum Raster
verhindert, dass daraus bloß eine weitere mathematisch perfekt laufende
Pattern-Maschine wird.
Credit Bild: © Crow Hill Company
Besonders reizvoll
sind die freien Tremolos, die als "STORM TREMS" eine regelrechte klangliche
Grundmasse erzeugen, ohne dass die einzelnen Musiker darin vollständig
verschwinden. "BREATHS" und "GASPS" arbeiten wiederum mit einer freien, nicht an
das DAW-Tempo gekoppelten Bewegung. Das Material darf atmen und sich
entwickeln, anstatt sich einem musikalischen Raster unterzuordnen. Bei den
STRIKES wiederum bleiben auch die Nebengeräusche nach dem eigentlichen Anschlag
erhalten. Ein zusätzlicher Ton, ein Nachschwingen oder eine kleine
Unregelmäßigkeit kann plötzlich wichtiger werden als der eigentliche Attack –
und erinnert dadurch eher an einen Donnerschlag als an einen sauber gesampelten
Orchesterhit.
"ARCANE STRIKES" gehen
noch weiter und besitzen eine derart spezifische zeitliche Form, dass man sie
teilweise bewusst vor dem eigentlichen Beat platzieren muss, wenn der Anschlag
genau auf dem musikalischen Ereignis landen soll. Und dann wären da noch die "PLUCKS", die ohnehin wenig mit dem zu tun haben, was man von einer
konventionellen Streicher-Library erwarten würde.
Das Entscheidende
dabei: Diese Artikulationen sind nicht einfach eine Sammlung möglichst
skurriler Effekte. Sie bilden unterschiedliche Zustände desselben musikalischen
Gedankens ab. Mal ist das Ensemble nur leicht aus der Spur, mal beinahe
vollständig entfesselt. Dadurch wird aus der vermeintlichen Imperfektion ein
regelrechtes Kompositionswerkzeug.
Fazit
Gerade im Bereich Film und Scoring sehe ich deshalb die eigentliche Stärke von Arcane Strings. Natürlich kann man damit keine komplette klassische Strings-Library ersetzen. Wer eine möglichst authentische Streichergruppe für traditionelle Hollywood-Partituren sucht, wird hier ziemlich schnell an Grenzen stoßen. Die bewusst unsaubere Intonation kann in einem Kontext, der maximale tonale Präzision verlangt, schlicht falsch sein.
Doch diese Collection will eben nicht alles können.Ihre Stärke liegt vielmehr darin, eine Ebene in eine Produktion zu bringen, die mit perfekt quantisierten und sauber intonierten Samples nur schwer zu erreichen ist. Ein paar Takte dieses Materials hinter einem ansonsten klinisch sauberen Ensemble können plötzlich genau jene organische Reibung erzeugen, die einer Szene bislang gefehlt hat. Ein düsterer Score bekommt mehr Körper, ein minimalistisches Arrangement mehr Bewegung und eine vermeintlich perfekte Streicherfläche plötzlich eine unangenehme, menschliche Kante. Gerade bei modernen Independent-Produktionen, experimenteller Filmmusik, Horror, Thriller oder auch elektronisch geprägtem Sounddesign kann diese Ästhetik Gold wert sein: Dies ist kein General Purpose-Plugin, aber vielelicht eine entscheidende Geheimwaffe im Scoring-Prozess.