Donnerstag, 10. September 2026

ROLLING STONES – FOREIGN TONGUES

Credit Coverbild: © Universal Music
Ein neues Album der Rolling Stones – das ist immer etwas Besonderes. Selbst dann, wenn die letzte wirklich große Stones-Platte bereits einige Jahrzehnte zurückliegt. „They keep on rolling“ – oder, um das alte Sprichwort zu bemühen: A rolling stone gathers no moss. Und tatsächlich wirkt „Foreign Tongues“ weniger wie ein bloßes Alterswerk als wie eine weitere Etappe einer erstaunlichen Karriere, die sich inzwischen über mehr als sechs Jahrzehnte erstreckt. Das 14 Songs umfassende Album folgt auf Hackney Diamonds von 2023. Erneut saß Andrew Watt an den Reglern, erneut geht es um eine Celebration jener ganz speziellen Stones-Songwriting-DNA, die sich über all die Jahrzehnte erstaunlich resistent gegenüber musikalischen Moden erwiesen hat.

Schon mehrfach hatte es in der jüngeren Vergangenheit so ausgesehen, als könnten die Rolling Stones tatsächlich aufhören. Blue & Lonesome, die vermutlich beste Stones-Platte seit den Siebzigern, war ein regelrechter Full-Circle-Moment: eine Band kehrt zu jenem Blues zurück, durch den sie selbst musikalisch sozialisiert wurde. Dann starb der unersetzliche Charlie Watts. „Hackney Diamonds“ war anschließend eine Überraschung und ein erstaunlich erfolgreiches spätes Comeback-Statement – Grammy inklusive. Und nun also „Foreign Tongues“.

Der Titel klingt zunächst beinahe nach einem Stilwechsel. Doch die Veteranen sprechen hier keineswegs plötzlich in fremden Zungen. Dass mit „You Know I’m No Good“ ein Song der vergleichsweise jungen Amy Winehouse gecovert wird, ist neben einem kurzen Gastauftritt von Goth-Meister Robert Smith vermutlich das Ungewöhnlichste an einem Album, das ansonsten erstaunlich konsequent auf vertrautem Terrain bleibt. Und gerade darin liegt eventuell seine Stärke. Die Stones versuchen nicht, nach 2026 zu klingen. Sie klingen wie die Rolling Stones im Jahr 2026. Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.

Zwar ist Foreign Tongues keine museale Rekonstruktion der eigenen Vergangenheit, dennoch funktioniert diese Platte wie eine selbstreferenzielle Pastiche, in der sich die verschiedenen Phasen des Stones-Oeuvres gegenseitig zitieren. Für die meisten Fans ist das wohl genug. Analog zum Cover mit den vermischten Gesichtern der drei verbliebenen Stones ist auch die Musik ein musikalisches Composite Image: Bekanntes wird neu kombiniert, vertraute Stilmittel werden in andere Konstellationen gebracht, und immer wieder blitzen Momente auf, die unmittelbar an die große Ära der Band erinnern.

Schon der Opener „Rough And Twisted“ macht klar, wohin die Reise geht. Ein dreckiger Blues-Rocker, ein Shuffle, wie ihn eigentlich nur die Stones spielen können. Kein Hochglanz-Rock, keine sterile Studioarchitektur, sondern Riff, Groove, Mundharmonika. Stellenweise ist Foreign Tongues deutlich rauer und roher als Hackney Diamonds, obwohl Andrew Watt wieder für eine sehr glatte, moderne Produktion sorgt.

Obwohl das Album auch Material von der letzten Session mit Charlie Watts aus dem Jahre 2021 enthält, fehlt er schmerzlich. Seine Abwesenheit bleibt eine jener unsichtbaren Leerstellen, die man auch musikalisch wahrnimmt, der Tod des Gentleman-Drummers hat den Sound der Band spürbar verändert. Steve Jordan ist inzwischen als Nachfolger hinter dem Schlagzeug etabliert und ein Könner an den Fellen, doch Watts’. Jordan macht seinen Job keineswegs schlecht – im Gegenteil. Aber Charlie Watts war eben nie nur ein Schlagzeuger, der den Takt vorgab. Er war Teil der inneren Statik der Stones. Sein Spiel konnte gleichzeitig lässig und präzise, zurückgenommen und treibend sein; häufig bestand seine Kunst gerade darin, nicht zu zeigen, wie viel er eigentlich konnte.Auf "Foreign Tongues" ist diese Veränderung deshalb permanent präsent.

Vom Songmaterial her liegt die neue Platte liegt näher an jener Stones-Ästhetik, die man von „Some Girls“ und „Black And Blue kennt. Diese Alben waren schließlich auch deshalb so spannend, weil die Band nie völlig in einer einzigen stilistischen Schublade steckte. Blues, Funk, Soul, Country, Rock’n’Roll, Disco – die Stones konnten Einflüsse aufnehmen, ohne ihre eigene Identität dabei aufzugeben. Auch die Gastauftritte sind keine Fremdkörper als Erweiterungen dieses musikalischen Universums. Paul McCartney, Steve Winwood und Robert Smith liefern subtile Beiträge die amn wenn man es nicht wüsste vermutlich nicht erkennen würde. McCartney ist auf „Covered In You“ am Bass zu hören, während Robert Smith Backing Vocals beisteuert.

„Foreign Tongues“ klingt überraschend kraftvoll ist liegt besonders an  Mick Jagger zu tun. Der Mann singt, als hätte er noch immer etwas zu beweisen. Auf „Jealous Lover“ geht er sogar in die Falsett-Region, die treibend Sten, geradezu punkigen Stücke a la Spät-Siebziger gehen auf sein Konto.

Natürlich gibt es auf „Foreign Tongues“ kein zweites „Gimme Shelter“ und kein neues „Brown Sugar“. Die Messlatte liegt bei den Rolling Stones seit Jahrzehnten in einer Höhe, die kaum noch zu erreichen ist. Dennoch ist dies eine mehr als solide Platte: Es ist noch zu früh, um zu sagen, welchen Platz das Album im Œuvre der Stones einmal einnehmen wird – dafür ist es schlicht zu jung.

Vor allem ist es gut zu wissen, dass diese Institution weiterrollt, mehr Energie als viele ihrer Epigonen haben sie ohnehin.Am Ende steht dann wieder ein Full Circle-Moment, ein Chuck Berry Cover. Manche Dinge ändern sich nie. Und diese Konstanz ist doch auch etwas Beruhigendes.