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| Credit Coverbild: © Universal Music |
Schon mehrfach hatte
es in der jüngeren Vergangenheit so ausgesehen, als könnten die Rolling Stones
tatsächlich aufhören. Blue & Lonesome, die vermutlich beste Stones-Platte
seit den Siebzigern, war ein regelrechter Full-Circle-Moment: eine Band kehrt
zu jenem Blues zurück, durch den sie selbst musikalisch sozialisiert wurde.
Dann starb der unersetzliche Charlie Watts. „Hackney Diamonds“ war anschließend
eine Überraschung und ein erstaunlich erfolgreiches spätes Comeback-Statement –
Grammy inklusive. Und nun also „Foreign Tongues“.
Der Titel klingt
zunächst beinahe nach einem Stilwechsel. Doch die Veteranen sprechen hier
keineswegs plötzlich in fremden Zungen. Dass mit „You Know I’m No Good“ ein
Song der vergleichsweise jungen Amy Winehouse gecovert wird, ist neben einem
kurzen Gastauftritt von Goth-Meister Robert Smith vermutlich das
Ungewöhnlichste an einem Album, das ansonsten erstaunlich konsequent auf
vertrautem Terrain bleibt. Und gerade darin liegt eventuell seine Stärke. Die
Stones versuchen nicht, nach 2026 zu klingen. Sie klingen wie die Rolling
Stones im Jahr 2026. Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.
Zwar ist Foreign
Tongues keine museale Rekonstruktion der eigenen Vergangenheit, dennoch
funktioniert diese Platte wie eine selbstreferenzielle Pastiche, in der sich
die verschiedenen Phasen des Stones-Oeuvres gegenseitig zitieren. Für die
meisten Fans ist das wohl genug. Analog zum Cover mit den vermischten
Gesichtern der drei verbliebenen Stones ist auch die Musik ein musikalisches
Composite Image: Bekanntes wird neu kombiniert, vertraute Stilmittel werden in
andere Konstellationen gebracht, und immer wieder blitzen Momente auf, die
unmittelbar an die große Ära der Band erinnern.
Schon der Opener
„Rough And Twisted“ macht klar, wohin die Reise geht. Ein dreckiger
Blues-Rocker, ein Shuffle, wie ihn eigentlich nur die Stones spielen können.
Kein Hochglanz-Rock, keine sterile Studioarchitektur, sondern Riff, Groove,
Mundharmonika. Stellenweise ist Foreign Tongues deutlich rauer und roher als Hackney
Diamonds, obwohl Andrew Watt wieder für eine sehr glatte, moderne Produktion
sorgt.
Obwohl das Album auch
Material von der letzten Session mit Charlie Watts aus dem Jahre 2021 enthält, fehlt
er schmerzlich. Seine Abwesenheit bleibt eine jener unsichtbaren Leerstellen,
die man auch musikalisch wahrnimmt, der Tod des Gentleman-Drummers hat den
Sound der Band spürbar verändert. Steve Jordan ist inzwischen als Nachfolger
hinter dem Schlagzeug etabliert und ein Könner an den Fellen, doch Watts’.
Jordan macht seinen Job keineswegs schlecht – im Gegenteil. Aber Charlie Watts
war eben nie nur ein Schlagzeuger, der den Takt vorgab. Er war Teil der inneren
Statik der Stones. Sein Spiel konnte gleichzeitig lässig und präzise,
zurückgenommen und treibend sein; häufig bestand seine Kunst gerade darin,
nicht zu zeigen, wie viel er eigentlich konnte.Auf "Foreign Tongues" ist diese
Veränderung deshalb permanent präsent.
Vom Songmaterial her liegt die neue Platte liegt näher an jener Stones-Ästhetik, die man von „Some Girls“ und „Black And Blue kennt. Diese Alben waren schließlich auch deshalb so spannend, weil die Band nie völlig in einer einzigen stilistischen Schublade steckte. Blues, Funk, Soul, Country, Rock’n’Roll, Disco – die Stones konnten Einflüsse aufnehmen, ohne ihre eigene Identität dabei aufzugeben. Auch die Gastauftritte sind keine Fremdkörper als Erweiterungen dieses musikalischen Universums. Paul McCartney, Steve Winwood und Robert Smith liefern subtile Beiträge die amn wenn man es nicht wüsste vermutlich nicht erkennen würde. McCartney ist auf „Covered In You“ am Bass zu hören, während Robert Smith Backing Vocals beisteuert.
„Foreign Tongues“ klingt
überraschend kraftvoll ist liegt besonders an Mick Jagger zu tun. Der Mann singt, als hätte
er noch immer etwas zu beweisen. Auf „Jealous Lover“ geht er sogar in die Falsett-Region,
die treibend Sten, geradezu punkigen Stücke a la Spät-Siebziger gehen auf sein
Konto.
Natürlich gibt es auf „Foreign Tongues“ kein zweites „Gimme
Shelter“ und kein neues „Brown Sugar“. Die Messlatte liegt bei den Rolling
Stones seit Jahrzehnten in einer Höhe, die kaum noch zu erreichen ist. Dennoch
ist dies eine mehr als solide Platte: Es ist noch zu früh, um zu sagen, welchen
Platz das Album im Œuvre der Stones einmal einnehmen wird – dafür ist es
schlicht zu jung.
Vor allem ist es gut zu wissen, dass diese Institution
weiterrollt, mehr Energie als viele ihrer Epigonen haben sie ohnehin.Am Ende
steht dann wieder ein Full Circle-Moment, ein Chuck Berry Cover. Manche Dinge
ändern sich nie. Und diese Konstanz ist doch auch etwas Beruhigendes.
