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| Credit Coverbild: © Plaion Pictures |
Und genau diese
Vorstellung ist für Horror-Mesiter Dario Argento natürlich geradezu
prädestiniert. Denn wo andere Regisseure Kunst als dekorativen Hintergrund
benutzen, interessiert Argento seit jeher der Moment, in dem das Schöne ins
Bedrohliche kippt, in dem Farbe nicht mehr lediglich Farbe, sondern psychologischer
Reiz wird, in dem ein Bild seine scheinbare Zweidimensionalität verliert und zu
einer Falle für den Blick wird. Schon Alfred Hitchcock – eine der großen Inspirationen
Argentos - hatte sich immer wieder mit
der Frage beschäftigt, wie sehr Wahrnehmung manipuliert werden kann; Argento
treibt diese Idee jedoch noch weiter und macht den Blick selbst zum
eigentlichen Schauplatz des Horrors.
In „The Stendhal
Syndrome“ von 1996 verfolgt der Meister des italienischen Genrekinos genau
diesen Gedanken – und verwandelt ausgerechnet die Kunstbetrachtung in einen
psychologischen Ausnahmezustand. Nun ist der Film in einer ebenso schönen
Sammleredition bei Plaion Pictures erschienen, die dem Werk jene aufwendige
Präsentation zukommen lässt, die man sich bei einem Argento-Film wünscht.
Der Plot
Die junge italienische Polizistin Anna Manni reist nach Florenz, um eine Reihe brutaler Sexualmorde zu untersuchen. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Marco betritt sie eine Kunstgalerie, in der sich einige der bedeutendsten Werke der Renaissance befinden – und bereits hier beginnt sich ihre Wahrnehmung auf unheilvolle Weise zu verändern. Während Anna die Gemälde betrachtet, verliert sie zunehmend die Kontrolle über ihre Sinne. Die Bilder sind plötzlich nicht mehr bloße Bilder. Sie entwickeln eine geradezu physische Sogwirkung.
Plötzlich wird aus dem
Museumsbesuch ein Albtraum. Anna erleidet einen Anfall des sogenannten
Stendhal-Syndroms, verliert das Bewusstsein und erlebt Halluzinationen, in
denen sie regelrecht in die dargestellten Bilder hineinzustürzen scheint. Was
normalerweise als Inbegriff kultureller Bildung gilt – die Betrachtung großer
Kunst – verwandelt sich bei Argento in eine existenzielle Bedrohung. Der
Museumsraum wird vom Ort der Kontemplation zum psychologischen Minenfeld. Doch
damit beginnt erst die eigentliche Hölle. Anna wird in der Folge mit einem
Serienmörder konfrontiert, der sie nicht nur körperlich bedroht, sondern ihre
Wahrnehmung selbst zu manipulieren scheint. Realität, Erinnerung, Halluzination
und Einbildung beginnen immer stärker miteinander zu verschwimmen. Was hat Anna
tatsächlich erlebt? Was hat sie lediglich gesehen? Und was davon ist überhaupt
noch zuverlässig?
Im Bann des Unheimlichen
Der Beginn von The Stendhal Syndrome, gedreht in den Uffizien, Argento hatte hier eine „Special Permission“, gehört zu jenen Momenten, in denen selbst Neulinge verstehen werden, weshalb dieser Regisseur einer der ganz großen Meister des Kinos ist. Die Uffizien erscheinen nicht nur als Museumsräume, sondern als eine Art übernatürlicher Resonanzraum, in dem Gemälde, Architektur und menschlicher Körper miteinander verschmelzen. Angetrieben vom Score Ennio Morrciones gleitet die Kamera durch die Räume und wie in der verzerrten (?) Wahrnehmung von Anna – gespielt von Argentos Tochter Asia – verschmelzen Bilder und Realität. Ein Fiebertraum von einer Intro-Sequenz. Der Zuschauer weiß irgendwann selbst nicht mehr genau, ob er gerade eine Halluzination, eine Erinnerung oder eine reale Situation sieht. Das ist keine technische Spielerei, sondern die eigentliche Dramaturgie des Films. Es ist beinahe so, als würde Argento den Zuschauer dazu zwingen, selbst am Stendhal-Syndrom zu erkranken.
Asia Argento ist vom gesamten
Cast besonders hervorzuheben, sie ist mehr als nur eine Scream Queen, sondern
spielt die vielschichtige Anna derart intensiv, dass man von einer Standout-Performance
sprechen muss.
Trotzdem muss man
sagen, dass gerade die zweite Hälfte des Film etwas abfällt. Der Film ist zudem
etwas gealtert, man merkt es an den Effekten, teilweise auch an der
Ausleuchtung und Szenengestaltung. Im Werk Argentos nimmt er so einen Platz im
guten Mittelfeld ein. „The Stendhal Syndrome“ ist nicht „Profondo Rosso“, nicht
„Tenebre“ und nicht „Suspira“. Aber es ist das Werk eines absoluten Meisters,
der hier viele Stärken seien Kunst ausspielt und sich noch einmal mit einem zentralen
Element seines Kinos auseinandersetzt: dem Blick oder dem „Argento Gaze“. Es
ist ein Film über das Sehen und die Manipulation der Wahrnehmung. Die Angst
davor, dass ein Bild nicht dort endet, wo seine Leinwand endet und darüber was
Die neue
Sammleredition von Plaion Pictures präsentiert den Film in seiner bislang
besten Version: Uncut, im attraktiven Mediabook mit Schuber, Booklet und in exzellenter
Qualität und reich an Featurettes. Es ist deshalb eine gute Gelegenheit, diesen
Film wiederzuentdecken und neu zu betrachten. Denn trotz einiger Längen ist
dieser Nineties-Giallo an einigen Stellen so betörend – der Zuseher könnte sich
beinahe in ihm verlieren…
