Donnerstag, 10. September 2026

NOUVELLE VAGUE: Richard Linklaters Hommage an eine filmische Revolution

Credit Coverbild: © Plaion Pictures

„Alles was man für einen guten Film braucht ist ein Mädchen und eine Knarre“ – Jean-Luc Godard

Es gibt Filme, bei denen bereits die Entstehungsgeschichte selbst zum Mythos geworden ist. Und dann gibt es Filme, deren Entstehungsgeschichte so eng mit der Geschichte des Kinos verwoben ist, dass eine Rekonstruktion derselben zwangsläufig auch zu einer Reflexion über das Medium Film wird. Jean-Luc Godards „Außer Atem“ (Originaltitel „À Bout de Souffle“, 1960) gehört gleich in beide dieser Kategorien.  Es ist ein Film, einen ganzen Stil (mit-)begründete und als intertextuell stark verwobenes Werk Elemente großer Film aufgriff - ein Meta-Werk über das Kino. Zudem beeinflusst er ganze Generationen von Filmemachern und überzeugte sie davon, dass man die Regeln des etablierten Kinos nicht zwangsläufig befolgen muss.

Richard Linklater, selbst ein Regisseur dessen Karriere maßgeblich von Unabhängigkeit und der Ablehnung von Konventionen geprägt ist, widmet sich mit dem leidenschaftlichen Film „Nouvelle Vague“ genau diesem Moment der Kinogeschichte in einer dokumentarisch anmutenden Hommage. Nun ist dieses ausschließlich für Hradcore-Cineasten geeignete Werk auf Blu-ray erschienen – zum Immer-Widersehen und anschließendem ausgiebigem Diskutieren, am besten wie einst Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg im Bett…

Obwohl der kettenrauchende Visionär Godard fraglos im Zentrum dieses Streifens steht ist „Nouvelle Vague“ keineswegs einfach ein klassisches Biopic über den Regisseur geworden. Linklater fokussiert vielmehr auf die interessante Genesis des Kultfilms „Außer Atem“ und die Hand in Hand damit einhergehend  Entstehung der titelgebenden „neuen Welle“, die auch die Geburtsstunde eines neuen filmischen Denkens war.

Was ist eigentlich die Nouvelle Vague?

Der Begriff „Nouvelle Vague“ bezeichnet streng genommen nicht einfach ein bestimmtes Genre, einen einheitlichen visuellen Stil. Vielmehr handelt es sich um eine miteinander verbundene Gruppe junger französischer Filmemacher, die Ende der 50er Jahre begann, die bis dahin geltenden Konventionen des französischen Kinos radikal in Frage zu stellen.

Die Nouvelle Vague bezeichnet die französische Filmbewegung der späten 1950er- und frühen 1960er-Jahre, die sich bewusst von den etablierten Produktions- und Erzählkonventionen des französischen Kinos absetzte und mit Regisseuren wie François Truffaut, Jean-Luc Godard, Éric Rohmer oder Claude Chabrol eine neue, persönlichere und formal freiere Filmsprache entwickelte. Ihr Einfluss reicht weit über das französische Kino hinaus: Handkamera, natürliche Schauplätze, improvisiert wirkende Dialoge, Sprünge in der Montage und ein bewusster Bruch mit klassischen Erzählmustern wurden zu stilprägenden Mitteln eines modernen Kinos, das den Film nicht länger nur als perfekt konstruiertes Produkt, sondern als unmittelbaren Ausdruck einer persönlichen Haltung verstand.

Die maßgeblichen Regisseure waren allesamt Autoren, die zunächst als Filmkritiker für die legendären „Cahiers du Cinéma“ schrieben, bevor sie selbst hinter die Kamera wechselten. Ihr gemeinsamer Ausgangspunkt war also nicht die klassische Filmhochschule, sondern die leidenschaftliche Auseinandersetzung mit bereits existierendem Kino.

Die jungen Cineasten der „Cahiers“ entwickelten in ihren Texten eine radikal neue Vorstellung davon, wie Filme betrachtet und bewertet werden sollten. Anstatt primär das Drehbuch, die literarische Vorlage oder die technische Perfektion einer Produktion zu beurteilen, rückte zunehmend die Handschrift des Regisseurs in den Mittelpunkt.

Besonders wichtig war dabei die Wiederentdeckung amerikanischer Regisseure, die vom damaligen französischen Kulturbetrieb teilweise als kommerzielle Unterhaltungsfilmer abgetan wurden. Alfred Hitchcock, Howard Hawks, Nicholas Ray, Robert Aldrich oder Samuel Fuller wurden von den jungen französischen Kritikern nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer persönlichen Handschrift zu Auteurs erhoben. Das Kino wurde damit endgültig vom anonymen Produktionsprodukt zum Ausdruck einer individuellen künstlerischen Persönlichkeit.

Dass ausgerechnet amerikanische Genre-Regisseure zu den geistigen Paten einer französischen Kunstfilmbewegung wurden, ist dabei mehr als nur eine filmhistorische Fußnote. Die Nouvelle Vague war auch eine Rebellion gegen die sterile Perfektion des etablierten französischen Kinos. Die jungen Regisseure empfanden dieses Kino zunehmend als künstlich, akademisch und vom wirklichen Leben entkoppelt. Sie wollten raus aus dem Studio und hinein auf die Straße. Gedreht wurde in Paris, mit kleinen Crews, leichtem Equipment und teilweise improvisierten Dialogen. Die technische Improvisation wurde dabei nicht als notwendiges Übel verstanden, sondern konnte selbst zum ästhetischen Prinzip werden.

„Außer Atem“ (ein Film, der im Kern ganz nach dem Prinzip des Intro-Zitat funktioniert) ist dafür das vielleicht berühmteste Beispiel. Godard filmte die Amour Fou zwischen Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg auf den Straßen von Paris, arbeitete mit einer vergleichsweise kleinen Crew und ließ die Kamera teilweise wie ein unsichtbarer Beobachter durch die Stadt gleiten. Die berühmten Jump Cuts zerhackten die klassische Kontinuität des Filmschnitts und verliehen dem Film einen nervösen, modernen Rhythmus. Was aus heutiger Sicht längst zur filmischen Grammatik gehört, wirkte 1960 wie ein Affront gegen die etablierten Regeln des Filmemachens.

Die Nouvelle Vague war damit nicht nur eine französische Filmbewegung, sondern ein entscheidender Schritt auf dem Weg zum modernen Autorenkino. Ihr Einfluss reicht von New Hollywood über das europäische Arthouse-Kino bis zum Independent Cinema der Gegenwart. Regisseure wie Martin Scorsese, Brian De Palma, Francis Ford Coppola oder später Quentin Tarantino wurden von jener Vorstellung geprägt, dass ein Film die unverwechselbare Handschrift seines Regisseurs tragen kann.

Und damit schließt sich auch der Kreis zu Richard Linklater. Denn wenn dieser in „Nouvelle Vague“ heute auf Godard und seine Generation zurückblickt, blickt hier ein Auteur auf andere Auteurs zurück. Ein Filmemacher, dessen eigene Karriere ebenfalls von unabhängiger Produktion, langen Dialogen, improvisatorischen Elementen und einer gewissen Skepsis gegenüber den Konventionen des Mainstream-Kinos geprägt ist, erzählt von einer Generation, die das gleiche Grundprinzip bereits einige Jahrzehnte zuvor realisiert hatte.

Für Cineasten

Um Linklaters Film wirklich vollständig genießen zu können, ist filmhistorisches Vorwissen unbedingt notwendig. Der Film ist voll von Referenzen und cineastischen Easter Eggs. Wer die entsprechenden Filme kennt, wird immer wieder mit kleinen Deja-Vu-Momenten belohnt. Wer sie nicht kennt, bekommt zumindest einen Eindruck davon, wie radikal cineastisch diese Generation sozialisiert war.

Der Film selbst funktioniert dadurch beinahe wie eine audiovisuelle Fußnote zur Geschichte der Filmkritik. Die vielleicht schönste Idee des Films besteht darin, dass Linklater Godards Film nicht einfach nacherzählt, sondern versucht, dessen Entstehungsprozess formal spürbar zu machen. „Nouvelle Vague“ ist schwarzweiß gedreht, im klassischen 1,37:1-Format und mit einer bewusst analogen Anmutung. Selbst die kleinen Cue Marks am oberen rechten Bildrand, die einst den Rollenwechsel im Kino signalisierten, fehlen nicht.Das ist natürlich Fanservice. Aber es ist verdammt guter Fanservice für Eingeweihte.

Der Cast ist ausgezeichnet, allen voran die hinreißende Zoey Deutch als Seberg. Guillaume Mrabeck als Godard schafft es den Godard nahbarer wirken zu lassen. Nur Aubry Dullin hat die schwierige (sprich: undankbare) Aufgabe den französichen Nationalhelden und Über-Charismatiker Belmodno zu spielen – er macht seien Sache solide kommt aber nie an die ikonische Qualität die „Bébel“ 1960 ausstrahlte heran.

„Außer Atem“ war seinerzeit radikal, weil Godard die etablierten Regeln des Filmemachens ignorierte. „Nouvelle Vague“ rekonstruiert diesen Regelbruch jedoch mit einer bemerkenswerten Präzision. Aus dem einstigen Chaos wird eine sorgfältig komponierte Rekonstruktion des Chaos. Das ist einerseits faszinierend, andererseits auch das zentrale Problem des Films.Denn Linklaters Film ist letztlich wesentlich konventioneller als sein Gegenstand. Die eigentliche Revolution wird konventionell rekonstruiert. Man sieht Godard dabei zu, wie er die Regeln bricht, während Linklater selbst einen äußerst kontrollierten Film darüber dreht. Die Jump Cuts, die Improvisationen, die scheinbare Unbekümmertheit – all das ist hier Bestandteil einer kunstvoll gestalteten „Dokumentation“, die trotz der merkbaren Leidenschaft Linklaters auch ihre Längen hat. Für die OG Nouvelle Vague wird dieser Film daher wohl nur die wenigsten Zuschauer begeistern.

Dennoch ist dies ein fraglos ausgesprochen schöner Film. Er ist elegant, witzig, cinephil und voller kleiner Details. Die Schwarzweißfotografie von David Chambille besitzt jene körnige Textur, die das Paris der späten 50er Jahre gleichzeitig historisch und beinahe mythisch erscheinen lässt. „Nouvelle Vague“ ist eine Liebeserklärung an Godard, an Belmondo, an Seberg, an Truffaut und an eine revolutionäre Zeit. Eine Film für Menschen, die Filme nicht bloß sehen, sondern über sie nachdenken.

Die deutsche Blu-ray von Plaion Pictures bietet den Film in perfekter Qualität, allerdings lediglich mit einem Trailer als „Bonus“.