Donnerstag, 10. September 2026

DARREN ALMOND – FULLMOON: Wenn die Nacht zum Tag wird

Credit Coverbild: © Taschen Verlag
Vom Mond und seinem Licht geht eine eigentümliche Faszination aus. Seit jeher zieht er den Blick auf sich – nicht nur, weil er bloß die finstere Nacht erhellt, sondern weil er die Welt um uns herum geradezu verändert. Landschaften, die uns bei Tageslicht vertraut erscheinen, bekommen unter dem Mond plötzlich etwas Fremdes, Entrücktes, manchmal sogar Unheimliches….man denke nur an Robert Eggers mondlichtgetränkten „Nosferatu“-Film aus dem Vorjahr.

 Konturen lösen sich auf, Farben verschwinden, Schatten werden zu Flächen und selbst bekannte Orte scheinen für einen Moment einer anderen Zeit anzugehören. Gerade der Vollmond besitzt dabei eine besondere Kraft: Er macht die Nacht sichtbar, ohne ihr ihre Dunkelheit vollständig zu nehmen. Darren Almond nimmt diese besondere Qualität des Mondlichts zum Ausgangspunkt für seine Werke. Im Taschen-Bildband Fullmoon sind nun seine Fotosafaris verein: eine fotografische Reise, in der nicht nur Landschaften, sondern auch Zeit und Wahrnehmung eine zentrale Rolle spielen und der Betrachter Zeuge einer Zwischenwelt aus Sichtbarem und Verborgenem wird.

Dieses besondere Licht wird in Fullmoon zum eigentlichen Protagonisten. Almond begibt sich  auf eine nächtliche Reise rund um den Globus, bei der Landschaft plötzlich nicht mehr nur Ort, sondern auch Erinnerung, Zeit und Projektion wird.

Denn obwohl es sich bei den mehr als 370 Fotografien in diesem Buch um Berge, Flüsse, Küsten, Wiesen, Eisfelder und Wälder handelt, ist dies kein klassischer Bildband über spektakuläre Natur. Almond interessiert sich weniger für das Postkartenmotiv als für den Moment, in dem sich Landschaft, Zeit und Wahrnehmung gegenseitig auflösen. Der Vollmond ist dabei nicht einfach eine Lichtquelle, sondern so etwas wie ein fotografisches Werkzeug

Genau hier liegt die eigentliche Faszination von Fullmoon. Almond arbeitet mit extrem langen Belichtungszeiten von mehr als einer Viertelstunde; dadurch entstehen Bilder, die auf den ersten Blick fast wie Aufnahmen im Morgengrauen wirken. Doch irgendetwas stimmt nicht. Das Licht ist zu weich, die Schatten zu präsent, der Himmel gleichzeitig von feinen Sternenlinien durchzogen. Wasser bekommt eine beinahe neblige, schaumartige Struktur, während Felsen, Wiesen und Berge ihre normale fotografische Materialität verlieren. Die Landschaft wirkt dadurch weniger dokumentiert als erinnert – als hätte jemand versucht, sich einen Ort vorzustellen, an dem er einmal gewesen ist, ohne noch ganz sicher zu sein, wann.

Und natürlich ist genau das kein Zufall. Almond beschäftigt sich als Konzeptkünstler seit vielen Jahren mit Erinnerung, Kulturgeschichte und Zeit; Fullmoon verbindet diese Themen auf ausgesprochen elegante Weise mit einer romantischen Vorstellung von Natur. Allerdings ist diese Romantik nicht einfach rückwärtsgewandt. Almond fotografiert keine idyllische Welt, in der der Mensch noch im Einklang mit der Natur lebt, sondern untersucht vielmehr, wie wir Landschaft heute überhaupt noch wahrnehmen. Zwischen Nationalpark, Reisefotografie, Naturdokumentation und romantischer Malerei entsteht ein eigenartiger Schwebezustand. Man erkennt die Orte – und erkennt sie gleichzeitig nicht wieder.

Das macht auch die geografische Spannweite des Buches so interessant. Von Yosemite über Patagonien und die Alpen bis zur japanischen Küste und der englischen Heide reicht diese nächtliche Reise rund um den Globus. Es gibt majestätische amerikanische Berglandschaften, karge arktische Eisfelder, Felsen am Meer und immer wieder die vergleichsweise unspektakulären, vertrauten Landschaften Großbritanniens. Gerade diese Mischung verhindert, dass Fullmoon zu einem simplen Best-of spektakulärer Naturaufnahmen wird. Almond interessiert sich offensichtlich nicht nur für das Monumentale. Ein Stück Wiese, ein dunkler Hang oder ein stiller Küstenabschnitt kann ihm genauso wichtig sein wie ein Bergmassiv. Entscheidend ist nicht die Größe des Motivs, sondern seine Fähigkeit, im Mondlicht eine andere Identität anzunehmen.

Das führt zu einem interessanten Paradox: Je länger Almond belichtet, desto weniger scheint er die Kontrolle über das Bild zu behalten – und desto stärker beginnt die Landschaft selbst mitzuwirken. „Bei Langzeitbelichtungen kann man nie sehen, was man fotografiert“, sagt Almond, „aber man gibt der Landschaft mehr Zeit, sich auszudrücken.“ Das klingt zunächst fast esoterisch, beschreibt aber ziemlich präzise seine Methode. Während der Belichtung verändert sich das Licht, bewegen sich Wolken, Wasser fließt, Sterne wandern durch den Himmel; die Kamera sammelt nicht einfach einen Augenblick, sondern eine ganze Zeitspanne. Das fertige Foto ist damit weniger Momentaufnahme als Zeitkompression.

Und genau deshalb funktionieren die Bilder so gut als Gegenentwurf zur permanenten Beschleunigung unserer Gegenwart. Während Smartphones und digitale Kameras längst darauf optimiert sind, möglichst schnell möglichst perfekte Bilder zu produzieren, macht Almond das Gegenteil: Er wartet. Eine Viertelstunde, manchmal länger. Er kann währenddessen nicht wirklich kontrollieren, wie sich das Motiv entwickelt. Das Ergebnis ist eine Fotografie, die gerade aus dieser Ungewissheit ihre Spannung bezieht. Fullmoon ist damit auch ein Buch über das Warten – und über die erstaunlich produktive Erkenntnis, dass nicht jede fotografische Entscheidung in Echtzeit getroffen werden muss.

Mondsüchtig: Dies ist ein Buch für die Nacht und fürs langsame Blättern. Für mich persönlich ist es auch eine Inspiration für musikalische Erkundungen. Denn Almonds Bilder evozieren eine ganz eigentümliche Atmosphäre – eine, die nach getragenen Angelo Badalamenti-Streichern wie bei Twin Peaks und warmen, sanften Synthesizer-Flächen verlangt.

Darren Almond  - Fullmoon. Hardcover, 30 x 30 cm, 3.44 kg, 564 Seiten, erschienen im Taschen Verlag

Ein Blick ins Buch:

Credit Bild: © Darren Almond Taschen Verlag
Credit Bild: © Darren Almond Taschen Verlag
Credit Bild: © Darren Almond Taschen Verlag
Credit Bild: © Darren Almond Taschen Verlag
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