Max Richter zÀhlt
fraglos zu den spannendsten und populĂ€rsten Gegenwartskomponisten – und
gleichzeitig zu jenen KĂŒnstlern, die ĂŒber einen unverwechselbaren Signature
Sound verfĂŒgen. Seine Musik bewegt sich irgendwo zwischen Neoklassik, Minimal
Music, Ambient und Filmmusik, wobei gerade das Prinzip der Reduktion einen
erheblichen Teil ihrer soghaften Wirkung ausmacht. Wenige Töne, langsam
verschobene Harmonien, fragile StreicherflÀchen und eine enorme emotionale
Verdichtung: Richter schreibt Musik, die nicht mit Pomp und Bombast arbeitet,
sondern mit subtilen Nuancen.
Credit Bild: © SRM Sounds
Genau diese Nuancen
bzw. diesen Klangkosmos versucht Richter mit seiner eigenen Company SRM Sounds
und den jĂŒngst erschienenen Max Richter Strings nun in eine Sample
Library zu ĂŒbertragen. Im Zentrum steht dabei nicht das groĂe symphonische
Orchester, sondern ein intimes String Quintet bestehend aus Violine 1, Violine
2, Viola sowie zwei Celli. Das zusĂ€tzliche Cello gegenĂŒber einem klassischen
Streichquartett sorgt fĂŒr mehr Tiefe, WĂ€rme und Resonanz und kommt damit dem
charakteristischen Klangbild Richters bemerkenswert nahe. Aufgenommen wurden fĂŒr
diese Library Musiker, die ĂŒber Jahrzehnte hinweg im Umfeld von Richter
gearbeitet haben – ein Detail, das fĂŒr die AuthentizitĂ€t der Library von
entscheidender Bedeutung ist.
Schon die technische
Dimension macht deutlich, dass SRM Sounds hier nicht einfach eine weitere
String-Library auf den Markt werfen wollte. Rund 145 GB unkomprimierte Samples
sind eine Ansage und verdeutlichen den Anspruch, möglichst viele Facetten
dieser Klangwelt einzufangen. Hinzu kommen mehrere Artikulationen pro
Instrument – Spiccato, Staccato, Tenuto, Brushed, Harmonics, Sustain und Legato
– sowie vier unterschiedliche Mikrofonsignale. Die Library lĂ€uft in Kontakt oder im gratis
Kontakt Player ab Version 8.10.2.
Kein
Streicher-Bombast
Interessant wird Max
Richter Strings allerdings nicht primÀr durch die schiere Menge an Samples,
sondern durch den musikalischen Ansatz dahinter. Wie eingangs erwÀhnt
funktioniert Richters Musik gerade nicht
ĂŒber das klassische orchestrale Prinzip von möglichst groĂen Tutti-FlĂ€chen,
maximaler Dynamik und möglichst spektakulÀren Crescendi. Seine StÀrke liegt
vielmehr in der Reduktion.
Das ist eine
grundlegend andere Herangehensweise an String Sampling. WĂ€hrend viele Libraries
versuchen, möglichst jede denkbare orchestrale Situation abzudecken,
konzentriert sich SRM Sounds hier auf einen sehr spezifischen Bereich: intime, expressive Streicher, die
von der zerbrechlichen Solo-Linie bis zu leisen cineastischen Texturen
reichen. Die Library soll nicht
lediglich den Klang eines Streichensembles reproduzieren, sondern jene
menschliche Bewegung und Nuancierung einfangen, die Richters Aufnahmen
auszeichnet. Und tatsÀchlich liegt genau hier die eigentliche StÀrke des
Konzepts. Richter ist ein Komponist der kleinen Verschiebungen. Seine Musik
lebt von Wiederholungen, minimalen harmonischen VerĂ€nderungen und dem GefĂŒhl,
dass sich innerhalb eines scheinbar statischen Klangbildes permanent etwas
bewegt. Das verlangt von einer String Library weniger spektakulÀre Patches als
vielmehr einen hohen Detailgrad und einen ganz eigenen Vibe. Und an dieser
Front delivered dieser Library vollends. Zerbrechliche Sounds die hauchzart mahler-ische
Melodien weben sind hier sehr gut umzusetzen.
Schönklang
SRM Sounds
positioniert Max Richter Strings damit in einem Bereich, der momentan generell
eine interessante Entwicklung im Sampling widerspiegelt. Weg von möglichst
universell einsetzbaren „Middle of the Road“-Streichern und hin zu Libraries
mit einer klar definierten Persönlichkeit.Das ist ein Ansatz, der bereits bei
anderen modernen String-Libraries zu beobachten war. Statt lediglich ein
möglichst neutrales Orchesterinstrument bereitzustellen, wird ein spezifischer
musikalischer Charakter zum eigentlichen Produkt. Bei Max Richter ist dieser
Charakter besonders ausgeprÀgt. Intim, introspektiv. Es hat beinahe etwas von
einem impressionistischen Maler, der nicht die Konturen eines Motivs möglichst
scharf zeichnet, sondern mit Licht, Farbe und kleinen Bewegungen arbeitet.
Genau diese Ăsthetik in eine String Library zu gieĂen, ist ein durchaus
reizvolles Unterfangen.
Komponist Max Richter bei der Arbeit
Credit Bild: © SRM Sounds
Dass es hier es zu keinem Zeitpunkt primĂ€r um groĂe Pinselstriche, sondern um Nuancen geht ist der USP der Richter Strings, gleichzeitig auch ihre Limitation (ob es sich um hierbei um eine groĂe oder kleine EinschrĂ€nkung hĂ€ngt davon ab, wie viele String Libraries man in der persönlichen Collection hat).
Wer eine möglichst
umfassende Allround-String-Löaung sucht, wird hier zwangslÀufig an Grenzen
stoĂen. Die Library ist bewusst auf einen bestimmten Klangcharakter und eine
bestimmte EnsemblegröĂe fokussiert. Vor allem das Fehlen eines Tutti-Patches
fĂ€llt hier auf, geht einem doch damit ein wichtiger Bestandteil ab. NatĂŒrlich
lassen sich aus mehreren Spuren von Violinen, Viola und Celli gröĂere
StreicherwĂ€nde erzeugen. Gerade fĂŒr den Cinematic-Bereich wĂ€ren jedoch
zusÀtzliche Pad-artige Strukturen beziehungsweise umfassendere Ensemble-Patches
eine user-freundliche Bereicherung gewesen, zumal dieser Aspekt angesichts des recht
einzigartigen Klangcharakters dieser Library reizvoll gewesen wÀre und diese
Library auch „Beyond Richter“ noch universeller einsetzbar gemacht hĂ€tte.
Fazit
SRM Sounds Max
Richter Strings ist eine
eigenwillige Library von fragiler Schönheit, die mit ihrem impressionistischen
Klangideal auch angesichts einer wahrten Flut an derzeit am Market befindlichen
String Collections ihre Berechtigung hat. Zwar handelt es sich dabei nicht um
eien super flexible Allround-Lösung – doch ihr eigentlicher Reiz liegt nicht
darin, möglichst viele orchestrale Situationen abzudecken, sondern einen sehr
spezifischen Klangcharakter mit hoher Detailtiefe und menschlicher Anmutung
bereitzustellen. Die gelingt ihr bemerkenswert gut: Wer den Sound von „The Blue
Notebooks“ oder „On The Nature of Daylight“ liebt, bekommt hier ein ausgesprochen
interessantes Werkzeug in die DAW gelegt. Aber auch fĂŒr alle, die nach intimen
und cineastischen Streichern suchen, ist dieses release einen Blick wert: Eine
String Library FĂŒr die elegischen Momente.
