2026 ist ein gutes
Jahr – zumindest für Synth-Heads und in Sachen elektronischer Klangerzeugung.
Denn trotz eines mittlerweile beinahe übersättigten Marktes und zahlloser
Vintage-Reissues, Neuauflagen und Variationen bekannter Synthesizer-Konzepte
gibt es sie noch: die kleinen und großen Innovationen, die in Sachen Synthese
tatsächlich etwas Neues wagen und, wenn schon keine Revolution, dann zumindest
eine kleine Evolution in der elektronischen Klangerzeugung anstoßen.
Credit Bild: © Scaler Music
Der jüngste Spross aus
dem Hause Scaler Music, Carbon Electra 2, ist so ein Fall. Ein mit
Features vollgestopftes Plugin, das einerseits bewährte Tugenden des
klassischen Synthesizers pflegt, andererseits aber einige ziemlich coole
Features mitbringt, die man nicht an jeder Ecke findet – und die sowohl beim
Klangexperimentieren als auch beim Komponieren eine Lücke schließen können.
Oder anders
formuliert: Carbon Electra 2 will nicht nur gut klingen. Es will dabei helfen,
musikalisch sinnvolle Sounds zu bauen. Und genau das macht den Synth
interessant.
Zwischen Retro-Synthwave
und Zukunftsmusik
Carbon Electra – das
klingt nach Neonlicht und aufgestellten Blazern, nach Miami Vice, nach Eighties
und ausuferndem Synthwave. Und in dieser Disziplin des Synthesizers, einst für
klangliche Kälte und Sterilität gescholten und heute für seine Vintage-analoge
Wärme geliebt, kann es schon einmal ziemlich prächtig glitzern.
Im Kern arbeitet
Carbon Electra 2 mit einer Four-Oscillator-Synth-Engine, die klassische
Wellenformen, wavetable-Synthese und die neue Waveterrain-Synthese miteinander
verbindet. Letztere ist dabei das eigentliche Alleinstellungsmerkmal: Statt
lediglich durch eine Tabelle verschiedener Wellenformen zu fahren, arbeitet
Waveterrain mit einer Art dreidimensionaler Klanglandschaft, über die sich die
Wellenform bewegt
Aus dieser
ungewöhnlichen Syntheseform entstehen sich ständig verändernde Texturen, Pads
und bewegte Klangfarben, ohne dass man dafür zwangsläufig in einem Menüwald aus
47 Unterseiten verschwinden muss. Carbon Electra 2 bleibt seinem Grundprinzip
treu: möglichst viel Klangkontrolle auf einer Oberfläche, möglichst wenig
unnötige Sucherei.
Dazu kommen drei LFOs
und zwei Hüllkurven, die sich nicht nur auf die klassischen Syntheseparameter
loslassen, sondern auch auf die Effektsektion und weitere Ziele routen lassen.
Der Modulationssequencer geht noch einen Schritt weiter: Für jeden Schritt können
Kurvenformen definiert und unterschiedliche Parameter bewegt werden; durch
unabhängig einstellbare Zeiten entstehen damit Modulationen, die weit über das
hinausgehen, was man von einem simplen Step-Sequencer erwartet.
Und dann wäre da noch Scale
Lock.
Locked in Key
Das ist tatsächlich
eines der Features, bei denen Carbon Electra 2 seine Herkunft aus dem
Scaler-Universum nicht verleugnen kann. Scale Lock sorgt dafür, dass
Oszillatoren, Filter und Sequencer auf einer gewählten Tonleiter
beziehungsweise harmonischen Struktur bleiben. Wer schon einmal beim wilden
Schrauben an einem Synthesizer versehentlich aus einem hübschen Akkord ein
atonales Geräuschgebilde gemacht hat, weiß, warum das interessant ist.Dabei
geht es nicht darum, dem Musiker die Musiktheorie abzunehmen. Vielmehr wird sie
zu einem kreativen Geländer.
Die Musical Filters
treiben dieses Prinzip noch weiter. Statt lediglich eine Frequenzkurve zu
bearbeiten, können die Filter auf Skalentöne, Akkordtöne oder definierte
Intervalle reagieren. Der Filter wird damit selbst zu einem musikalischen
Werkzeug – und nicht nur zu einem klassischen Klangformer.
Das klingt auf dem
Papier vielleicht nach einer Kleinigkeit. In der Praxis verändert es jedoch,
wie man an Sounddesign herangeht. Ein Pad kann sich bewegen, ein Resonanzfilter
kann auf einer Skala entlangwandern, ein Sequencer kann Riffs und Akkordfolgen
erzeugen, ohne dass man bei jedem Schritt kontrollieren muss, ob man gerade
musikalisches Gold oder den akustischen Weltuntergang produziert.
Dazu kommt ein
skalengeführter Noten- und Akkordsequencer, mit dem sich Riffs, Basslinien und
harmonische Pattern erzeugen lassen. Transpositionen, Umkehrungen und parallele
Verschiebungen gehören ebenso dazu wie unterschiedliche Notenlängen und
Abspielrichtungen.
Das Entscheidende ist
aber: All diese Funktionen bleiben musikalisch miteinander verbunden.
Genau hier
unterscheidet sich Carbon Electra 2 von einem weiteren Synthesizer, der einfach
nur möglichst viele Knöpfe auf die Oberfläche packt.
Film & Games
Aufmerksame Leser dieser Site wissen, dass ich einen kleinen Soft Spot für Sequencer habe. Der Rhythmik kann man sich nicht entziehen – das klingt nach DAW und früher Achtziger-EDM, aber vor allem auch nach Filmmusik.Gerade in diesem Bereich glänzt Carbon Electra 2 besonders. Nicht unbedingt, weil er nun den klassischen Hollywood-Orchester-Synthesizer ersetzen würde, sondern weil seine Kombination aus Waveterrain-Synthese, Modulation und musikalischen Filtern genau jene Zwischenwelt bedient, in der elektronische Klangflächen plötzlich anfangen, eine eigene dramaturgische Funktion zu übernehmen.
Ein langsam wanderndes
Waveterrain-Pad, dessen Klangfarbe sich über einen LFO verändert, dazu ein
musikalisch gerasterter Resonanzfilter und eine Sequenz, die sich innerhalb
einer definierten Tonleiter bewegt – und schon ist man weit entfernt vom
klassischen „ein Preset drücken und fertig“-Synthesizer.
Für Film und Games sind gerade solche hybriden Sounds interessant: Atmosphären, die nicht eindeutig analog, digital oder orchestral klingen, sondern irgendwo dazwischen liegen. Carbon Electra 2 kann hier ungewöhnliche Klanglandschaften erzeugen, ohne dass man dafür einen modularen Monsterpark aus zehn Plugins aufbauen muss.Und natürlich funktioniert das auch für Trailer, Sound Design, elektronische Scores oder schlicht für den Moment, in dem ein Track plötzlich etwas braucht, das nicht schon nach dem tausendsten Serum-Preset klingt.
Songwriting
Beim Songwriting
spielt Carbon Electra 2 seine zweite große Stärke aus. Riffs, Basslinien und
Akkordideen lassen sich relativ schnell skizzieren, während Scale Lock dafür
sorgt, dass Oszillatoren, Filter und Sequencing harmonisch mit dem
musikalischen Kontext verbunden bleiben.Das klingt zunächst nach
Komfortfunktion. Ist es auch. Aber eben nach einer ziemlich gut gemachten.
Denn der Unterschied
zwischen „bequem“ und „kreativ nützlich“ liegt darin, ob ein Feature den
Workflow tatsächlich beschleunigt oder lediglich eine weitere Checkbox im
Marketing-Sheet darstellt. Bei Carbon Electra 2 gehört Scale Lock eindeutig zur
ersten Kategorie.
Die klassische
Synthese bleibt dabei keineswegs auf der Strecke. Vier Oszillatoren, flexible
Mischung und Routing, Unison, Glide und Legato liefern genügend konventionelles
Fundament, um aus dem Plugin auch ganz normale Bässe, Leads, Pads und Flächen
herauszuholen. Dazu kommen fünf integrierte Effekte – Distortion, Chorus, EQ,
Delay und Reverb –, die sich in ihrer Reihenfolge verändern lassen und
ebenfalls in die Modulation eingebunden werden können.
Das ist wichtig, weil
Carbon Electra 2 dadurch nicht wie ein Spezialwerkzeug wirkt. Vielmehr ist es
ein ausgewachsener Hybrid-Synthesizer, der seine ungewöhnlichen Features
zusätzlich zu den klassischen Werkzeugen anbietet.
Und die Presets? Davon
gibt es reichlich. Neben den Werksounds finden sich Artist-Banks unter anderem
von Carl Cox, Timo Garcia, Faze Action und Christian Laffitte. Damit wird
Carbon Electra 2 auch für diejenigen interessant, die nicht grundsätzlich jeden
Synthesizer von der Initial-Position aus programmieren möchten.
Wobei gerade hier der
eigentliche Spaß beginnt.
Denn Carbon Electra 2
lädt dazu ein, ein Preset nicht als fertiges Instrument, sondern als Starting
Point zu betrachten. Ein wenig Waveterrain, etwas FM, ein bewegter Filter,
Scale Lock dazu – und aus einem vermeintlichen Standard-Pad wird plötzlich etwas,
das im eigenen Track tatsächlich eine Funktion übernimmt.
Das ist für mich der
entscheidende Punkt dieses Synthesizers: Er will nicht unbedingt durch eine
völlig neue Bedienlogik beeindrucken. Er nimmt vielmehr bekannte
Syntheseprinzipien und verbindet sie mit einer musikalischen Ebene, die bei
vielen anderen Instrumenten erst nachträglich über MIDI, externe Sequencer oder
zusätzliche Tools hergestellt werden muss.
Fazit
Carbon Electra 2 ist
ein gut klingender Synth, der neben praktikablen Werksounds zu besonderen
Experimenten einlädt.
Das innovative Scale
Lock lässt ihn aus der Masse herausstechen und sorgt nicht nur für
scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten, sondern verleiht bekannten Features wie
Effekten, Filtern und Sequencing noch eine weitere Nuance, die gerade beim
Experimentieren Türen öffnet.
Hinzu kommt mit
Waveterrain eine Syntheseform, die tatsächlich einen eigenen Charakter besitzt.
Natürlich ist nicht
alles revolutionär. Die klassischen Oszillatoren, Filter, Effekte und
Modulationsmöglichkeiten sind Synthesizer-Grundausstattung. Und wer bereits
einen ganzen Fuhrpark moderner Software-Synthesizer besitzt, wird sich fragen
müssen, ob er wirklich noch einen weiteren Vier-Oszillator-Synth braucht.
Die Antwort liegt hier
allerdings weniger in der Anzahl der Oszillatoren als in deren Zusammenspiel
mit der musikalischen Logik von Scaler Music.
Carbon Electra 2 ist
damit ein gelungenes Powerhouse mit Allround-Charakter, das sich
chamäleonartig zwischen Retrowave, Synthwave, moderner EDM, Sound Design und
filmischer Elektronik bewegen kann – und gerade aufgrund seiner USP-Features
einen festen Platz in meiner persönlichen Synth-Arsenal erhalten hat.