„Just Like Paradise“ ist nicht nur der Titel eines David-Lee-Roth-Songs, sondern könnte durchaus auch als Beschreibung jenes Schlaraffenlands dienen, in dem sich der moderne Gitarrist mittlerweile wiederfindet. „Like a kid in a candy store“ würde ebenfalls passen, denn was heute an hochklassigen Amp-Sims, virtuellen Pedalen und komplett modellierten Gitarren-Rigs verfügbar ist, davon konnte man vor noch gar nicht allzu langer Zeit nur träumen. Wahrlich paradiesische Zustände also. Einen weiteren Schritt zur klanglichen Glückseligkeit oder, je nach Weltanschauung, tonalem Nirvana für Gitarreros geht nun auch eine der größten Firmen im Pluginland, Universal Audio. Nach einigen zuvor erschienenen Standalone Amp-Sims ist das üppig ausgestattete Paradise Guitar Studio nicht nur eine umfassende Amp-Suite, sondern soll gleich die komplette Recording-Kette abbilden.
Credit Bild: © Universal Audio
Konzipiert von UA’s prominentem Sound-und Produktdesigner James Santiago gibt es hier elf handverlesene Vintage- und modifizierte Röhrenamps, 35 Kombinationen aus Cabinets und Mikrofonierung, mehr als 25 Pedale und Studioeffekte sowie über 300 Presets stecken in einem einzigen Plug-in, sodass sich tatsächlich ein komplettes virtuelles Gitarrenstudio innerhalb einer einzigen Oberfläche aufbauen lässt. Die entscheidende Fragen sind nun wie gut dieses All-in-One-Konzept im praktischen Studiobetrieb funktioniert und wie sich dieses Plugin gegenüber der immens großen Konkurrenz behauptet.
Die Amps: Von Vintage-Tweed bis Boutique-Overdrive

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Das Herzstück bilden natürlich die Verstärker. Und hier zeigt sich bereits eine klare Positionierung. Nämlich Vintage statt Vollsortiment. Der neueste Amp im Bunde kommt aus dem auch schon einige Zeit zurückliegenden Jahre 1982. Gainmäßig ist mit einem „hot rodded“ Marshall und dem Spätsiebziger „Brown Soudn“ Van Halens Schluss. Paradise Guitar Studio versucht also nicht, jeden denkbaren Gitarrensound abzudecken. Der Schwerpunkt liegt auf Vintage und Boutique Klängen. Das zeigt sich in der an die Sechziger erinnernden Retro-Ästhetik der GUI.
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Der Woodrow '55 bringt den klassischen amerikanischen Tweed-Charakter ins virtuelle Studio. Rau, direkt und mit jener leicht ungehobelten Note, die gerade bei Blues, Roots, Americana und verwandten Spielarten ihren Reiz besitzt.
Der Ruby '63 Top Boost bringt britisches Chime und Jangle ins Spiel. Gerade mit Single-Coil-Gitarren entstehen jene offenen, brillanten Sounds, die man mit der britischen Gitarrenästhetik der frühen Sechziger verbindet. Gleichzeitig lässt sich der Amp sehr gut in den berühmten Overdrive a öa Rory Gallagher oder Brian May treiben.
Der Dream '65 steht für die andere Seite amerikanischer Vintage-Amps: glockige Cleans, Fender-Style Spritzigkeit, natürliche Röhrenkompression und der typische Spring-Reverb-Charakter. Die zusätzlich abrufbaren modifizierten Schaltungen machen den kalifornischen Klassiker noch flexibler und reichen vom aufgemotztem Stock-Sound hin zu texanischen Blues Rock-Tone.
Mit dem Enigmatic '82 Overdrive Special bewegt sich Paradise in die Boutique-Ecke von Amps wie man sie vom Alexander Dumble kennt. Hier geht es um die extrem dynamische Ansprache und den charakteristischen Overdrive eines Dumble-inspirierten Designs. Die vier Varianten Suede, Silver, Cream und Black sind dabei keineswegs bloß kosmetische Variationen, sondern eröffnen unterschiedliche Klangrichtungen innerhalb dieses Konzepts.
Und dann wäre da noch der Lion '68. Hier wird es naturgemäß etwas rockiger. Neben der klassischen Lead-Variante stehen eine Brown- und eine Bass-Version zur Verfügung. Die Brown-Variante führt in jene klangliche Welt, die mit der Modifikation klassischer britischer Amps und der Rockmusik der späten Siebziger verbunden ist. Das klingt sehr authentisch…mag aber dem ein oder anderen in Vergleich zu manch anderer Marshall-inspirierter Ampsim zu wenig Gain haben.
Universal Audio hat bewusst keinen virtuellen Metal-Zoo gebaut. Selbst vergleichbare, mittlerweile fast schon zum Klassiker avancierte Vintage-orientierte Plugins wie S Gear haben teilweise schwerere Geschütze im Portfolio. Wer ausschließlich nach modernen High-Gain-Sounds sucht, wird in diesem Paradise nicht glücklich werden. Das engt den Anwendungskreis einerseits ein, sorgt andererseits aber für eine deutliche klangliche Identität. Vom Sound her ist jeder einzelne Verstärker jedenfalls sehr gut bis ausgezeichnet und zudem realistisch in seiner Ansprache.
Cabinets & Mikrofone: Der entscheidende zweite Teil des Sounds
Ein Amp allein macht bekanntlich noch keinen fertigen Gitarrensound. In der realen Welt entscheiden Speaker, Cabinet, Mikrofon, Positionierung und Raum mindestens ebenso stark darüber, was am Ende vor dem Lautsprecher oder im Mix landet.
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Im Paradise Guitar Studio können die verschiedenen Amps können mit unterschiedlichen Cabinets und Mikrofonierungen kombiniert werden. Insgesamt stellt UAD 35 kuratierte Kombinationen aus Lautsprechern und Mikrofonen bereit. Anders als bei vielen klassischen Amp-Sims sind die Kombinationen dabei nicht starr an einen bestimmten Verstärker gebunden: Paradise erlaubt es, die verfügbaren Amps mit den Cabinets und Mikrofonen zu kombinieren.
Dadurch entstehen bereits auf dieser Ebene deutlich mehr Klangvarianten, bevor überhaupt ein Pedal oder Studioeffekt ins Spiel kommt. Wer einmal mit realen Gitarrenaufnahmen gearbeitet hat, weiß, wie groß der Unterschied zwischen zwei Mikrofonpositionen oder unterschiedlichen Speakern sein kann. Paradise versucht, diesen Teil des Recording-Prozesses nicht dem Zufall zu überlassen. Die daraus resultierenden vorgefertigten Mikrofonpositionen erlauben zwar weitaus weniger Möglichkeiten der detailreichen Klangformung als bei der Konkurrenz, gleichzeitig sind die idealen „Angles“ die UA hier vorher ausgewählt hat allesamt erstklassig – insofern ist diese Suite trotz ihres schieren Umfangs sehr „plug & play“.
Pre- und Post-Effekte: Mehr als nur eine Amp-Sim

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UAD-Effekte zählen seit jeher zur "Best in Class"-Riege...so überrascht es wenig, dass sie auch hier zu begeistern vermögen. Overdrives, Reverb und EQs zählen zum Standardumfang einer modernen Amp-Simulation.Paradise Guitar Studio geht jedoch einen Schritt weiter und modelliert praktisch das gesamte Studio-Environment rund um den Gitarrenverstärker. Insgesamt stehen mehr als 25 Pedale und Studioeffekte zur Verfügung. Dazu gehören sechs Overdrive- und Distortion-Effekte, sieben Modulations-Effekte, zwei Dynamikprozessoren, vier Delays, vier Reverbs sowie drei Tone- und Filter-Effekte.
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Interessant wird das Ganze vor allem durch das Routing.
Fünf Effekt-Slots können vor dem Amp platziert werden – also genau dort, wo man klassischerweise seine Pedalboard-Kette aufbauen würde. Weitere fünf Slots stehen hinter dem Verstärker für Studio-Processing zur Verfügung. Damit lassen sich beispielsweise Overdrive, Fuzz oder Modulation vor dem Amp einsetzen, während Kompression, EQ, Delay und Reverb anschließend als Studioeffekte folgen. Damit wird aus der klassischen Amp-Sim tatsächlich ein kleines Recording-Studio.
Ich persönlich mixe und arbeite dennoch nach wie vor gerne mit separaten Tape-Simulationen, diversen Kompressoren und Channel Strips und würde deshalb nicht behaupten, dass eine All-in-One-Lösung grundsätzlich jede externe Bearbeitung überflüssig macht. Allerdings werden viele User fraglos eine weniger komplexe Lösung bevorzugen – Paradise Guitar Studio erlaubt hier ein sehr intuitives Handling – auch wenn das Switchen zwischen Amps bei einigen anderen Ampsims noch schneller und smoother vonstattengeht. Bei UAD muss man teilweise ein paar Klicks mehr machen, um beispielsweise ein Pedal auszuwählen oder die entsprechende Sektion aufzurufen. Aber gut, wir sprechen hier von Sekunden.
Fazit
Wer auf Vintage-Amps, Boutique-Charakter und einen unkomplizierten All-in-One-Gitarren-Workflow steht, bekommt hier eine ausgesprochen schlüssige Lösung, die weniger mit maximaler Modellanzahl als mit einem durchdachten Gesamtpaket überzeugen will. Wer klassische Sounds sucht oder auch moderne Nashville-Tones, die sich natürlich immer noch stark an den Vintage-Standards orientieren, steht, findet hier sein „Ticket to Paradise“.