Mittwoch, 23. September 2026

SYNTH-80 Test: Der Super Jupiter für die DAW

Credit Bild: © Yun Murakami
Es gibt Synthesizer, deren Bedeutung sich an Verkaufszahlen, Legendenstatus oder der Anzahl berühmter Platten, auf denen sie erklungen sind, messen lässt. Und dann gibt es Instrumente wie den Roland MKS-80 SUPER JUPITER, die unter dem Radar fliegen und  trotz vergleichsweise kurzer Produktionsgeschichte einen ganz eigenen Platz in der Synthesizer-History einnehmen. 1984 vorgestellt, achtstimmig polyphon und vollständig analog aufgebaut, war der MKS-80 gewissermaßen die Rackmount-Antwort auf Rolands große Jupiter-Ära – allerdings mit einer Besonderheit, die ihn aus heutiger Sicht geradezu prädestiniert für eine Software-Emulation macht: Nahezu sämtliche Parameter des Instruments lassen sich per MIDI steuern. Was damals vor allem komfortabel und technisch fortschrittlich war, wird Jahrzehnte später zum Glücksfall für Reverse Engineering und akribische Messungen. Genau diesen Umstand hat der japanische Entwickler Jun Murakami genutzt, um mit seinem privaten Passion Project  SYNTH-80 die erste vollständige und überaus detailliertesten Software-Interpretationen des MKS-80 Rev.4 zu realisieren.

Synth im Rackformat

Der MKS-80 wird bis heute gerne etwas unterhalb seines großen Bruders Jupiter-8 eingeordnet. Zu Unrecht. Während der Jupiter-8 mit seinem massiven, warmen und unmittelbar analogen Klang zum Synonym für den großen Roland-Poly-Synth wurde, besitzt der MKS-80 eine andere Ästhetik. Eleganter, kontrollierter, beinahe kultivierter – und gerade deshalb ungemein charakterstark. Der Klang ist weniger die große Geste als vielmehr eine sorgfältig ausformulierte Oberfläche, in der Filter, Oszillatoren, Noise und Modulationen erstaunlich fein miteinander arbeiten. Der MKS-80 war dabei nie einfach nur ein Jupiter-8 im 19-Zoll-Gehäuse. Gerade die unterschiedlichen Revisionen und die verwendete Schaltungstechnik machen das Instrument zu einem faszinierenden Stück Synthesizer-Geschichte; für SYNTH-80 stand explizit die Rev.4 im Mittelpunkt.

Und genau hier unterscheidet sich das Projekt wohltuend von vielen klassischen „Vintage Synth Emulator“-Konzepten. Murakami hat nicht einfach versucht, einen bekannten Klang nach Gehör nachzubauen. Über einen langen Zeitraum wurden mehr als 100 speziell entwickelte automatisierte Messprogramme eingesetzt, die einzelne Schaltungen und Parameter des Originals wiederholt ansteuerten, veränderten und analysierten. Das ist weniger romantisches Analog-Voodoo als vielmehr akribische Grundlagenarbeit. Jede noch so kleine Veränderung der Parameter kann damit untersucht und anschließend in der DSP-Programmierung berücksichtigt werden. Parallel zur Entwicklung des Plugins wurde das Verhalten des Originals immer weiter vermessen und das Modell nachjustiert – bis an die Grenze dessen, was sich digital abbilden lässt.

Das Ergebnis ist bemerkenswert. Wer SYNTH-80 mit identischen Patches gegen einen echten MKS-80 Rev.4 antreten lässt, dürfte bei zahlreichen Sounds durchaus ins Grübeln kommen, welches Instrument gerade tatsächlich aus der DAW kommt. Besonders beeindruckend ist dabei nicht irgendein spektakulärer „Analog“-Effekt, sondern die Summe vieler kleiner Details: das Verhalten der Filter, die subtilen Eigenheiten der Noise-Oszillatoren, die charakteristische Textur der verwendeten IC-Schaltungen und vor allem die Art und Weise, wie all diese Komponenten miteinander reagieren. Genau diese Kleinigkeiten sind es schließlich, die einen alten Synthesizer von einem guten Synthesizer-Emulator unterscheiden.

Weniger Parameter, mehr Instrument

Auf den ersten Blick wirkt SYNTH-80 beinahe unspektakulär. Grafisch kompromisslos retro, keine verschachtelten Menüs, keine Modulationsmatrix mit gefühlt 400 Quellen und Zielen. Stattdessen befinden sich sämtliche wichtigen Parameter auf einer einzigen Oberfläche. Was zunächst nach Reduktion aussieht, ist tatsächlich ein ziemlich cleveres Interface-Konzept. Denn wer schon einmal versucht hat, bei einem modernen Software-Synthesizer den Überblick über zehn LFOs, zwölf Hüllkurven und endlose Routing-Möglichkeiten zu behalten, weiß, wie schnell aus kreativer Freiheit technische Verwaltung werden kann.

SYNTH-80 verfolgt deshalb einen anderen Ansatz: Man soll das Instrument verstehen, indem man es benutzt. Die Benennung der Parameter bleibt bewusst direkt und unkompliziert und orientiert sich damit unter anderem an der Philosophie von Synth1. Selbst für Einsteiger gibt es dabei eine kleine, aber ausgesprochen praktische Software-Erweiterung gegenüber der Hardware: Bewegt man die Maus über einen Parameter, wird das dazugehörige Modul hervorgehoben. Signalwege und Zusammenhänge erschließen sich dadurch beinahe nebenbei. Welcher Oszillator landet wo, welches Filter sitzt an welcher Stelle und welche Sektion beeinflusst eigentlich gerade den Sound? Ein kurzer Blick genügt.

Das klingt banal, ist in der Praxis aber erstaunlich effektiv. Gerade bei einer Emulation eines historischen Instruments ist es schließlich nicht damit getan, möglichst viele Parameter anzubieten. Entscheidend ist, dass man die musikalische Logik hinter dem Original versteht. SYNTH-80 zwingt den Anwender nicht mit künstlichen Einschränkungen dazu, sondern macht die Struktur des Instruments sichtbar. Oder anders formuliert: Hier wurde nicht versucht, aus dem MKS-80 einen moderneren Synthesizer zu machen. Man wollte ihn als Instrument besser zugänglich machen.

Der Sound – elegant, analog und erstaunlich lebendig

Klanglich spielt SYNTH-80 seine größten Stärken dort aus, wo sich viele Software-Emulationen traditioneller Analogsynthesizer verraten: in den Übergängen. Ein Oszillator klingt nicht einfach nur „analog“, ein Filter ist nicht lediglich mit einem Vintage-Label versehen und ein Noise-Generator produziert nicht bloß irgendein Rauschen. Vielmehr entsteht der Eindruck eines komplexen elektronischen Systems, dessen einzelne Komponenten aufeinander reagieren. Genau das verleiht den Sounds diese schwer greifbare Mischung aus Präzision und organischer Unberechenbarkeit.

Typische MKS-80-Flächen profitieren davon natürlich besonders. Breite Pads, dezente Brass-Sounds, warme Chords und fein modulierte Texturen besitzen diese charakteristische Eleganz, die den SUPER JUPITER von den brachialeren Roland-Klassikern unterscheidet. Aber auch Bässe und Sequenzen profitieren von der präzisen Modellierung. Der Sound bleibt kontrolliert, ohne steril zu wirken, und kann sich dadurch sowohl in elektronischen Produktionen als auch in Film-, Game- und Pop-Arrangements erstaunlich selbstverständlich behaupten.

Interessant ist dabei auch die persönliche Geschichte des Entwicklers. Murakami kam ursprünglich über die Musik selbst zu diesem Instrument. Als Kind war er Fan der japanischen 80er-Jahre-Band GRASS VALLEY, deren Keyboarder den JUPITER-6 spielte. Während andere Bands jener Zeit mit Prophet- oder Oberheim-Synthesizern oft auf einen deutlich massiveren und offensiveren Sound setzten, faszinierte ihn gerade diese elegante, filigrane Klangsprache. Später arbeitete Murakami als Komponist für Film und visuelle Medien, unter anderem an Anime-Produktionen wie „Steins;Gate“, bevor er lange Zeit als Music Director, Producer und A&R tätig war. Der MKS-80 blieb dabei ein Instrument, das ihn über Jahre hinweg begleitete, ohne jemals tatsächlich im eigenen Studio zu landen. Erst der Einstieg in die Plugin-Entwicklung machte es schließlich möglich, genau diesen lange gehegten Wunsch auf digitalem Weg umzusetzen.

Das erklärt vielleicht auch, warum SYNTH-80 weniger wie ein technisches Forschungsprojekt und mehr wie ein persönliches Instrument wirkt. Hier wurde nicht irgendein Vintage-Synthesizer ausgewählt, weil er gerade populär ist. Es ist vielmehr der Versuch, einen ganz bestimmten Klangkosmos nachzubauen, der den Entwickler musikalisch seit seiner Kindheit begleitet.

Effekte mit eigenem Charakter

Auch bei den integrierten Effekten beschränkt sich SYNTH-80 erfreulicherweise nicht auf ein paar Alibi-Regler, die nach dem Motto „Reverb ist auch noch drin“ irgendwo am unteren Rand des Interfaces platziert wurden. Das Effekt-Rack wurde mit derselben Konsequenz entwickelt wie die Synthesizer-Sektion und kann sogar als eigenständiges Audio-Plugin aus dem Instrument herausgelöst werden.

Besonders interessant ist die Chorus-Sektion. Vier unterschiedliche Algorithmen decken dabei ein erstaunlich breites Spektrum klassischer und moderner Chorus-Ästhetiken ab. Der Synth Chorus orientiert sich an den charakteristischen Roland-Chorussen der Juno-Generation und bringt genau jene breite, leicht schwebende Modulation ins Spiel, die man von klassischen Poly-Synths kennt. Der Studio Chorus wiederum nimmt sich den legendären Roland Dimension D zum Vorbild und arbeitet deutlich subtiler: weniger offensichtlicher Effekt, mehr kontrollierte räumliche Verbreiterung. Der Pitch Chorus geht in eine andere Richtung und erzeugt seine Breite über leicht gegeneinander verstimmte Delay-Lines – ein Ansatz, der nicht zufällig an klassische Eventide-Konzepte erinnert. Und mit dem Digital Chorus steht schließlich ein deutlich umfangreicheres Modell zur Verfügung, das wesentlich mehr Eingriffsmöglichkeiten bietet.

Dazu kommen unterschiedliche Reverb-Charaktere für Hall, Plate und Room sowie ein Compressor auf Basis des ZeroComp-Algorithmus. Das Entscheidende: Die Effekte wirken nicht wie nachträglich angeflanschte Standardmodule, sondern sind klanglich so eigenständig, dass man sie problemlos auch außerhalb des eigentlichen Synthesizers einsetzen kann.

Kein Leichtgewicht

So viel Detailtreue hat allerdings ihren Preis – und zwar nicht nur beim Entwicklungsaufwand. SYNTH-80 gehört definitiv nicht zu den CPU-schonendsten Vertretern seiner Gattung. Das ist angesichts der komplexen Modellierung allerdings wenig überraschend. Wer lediglich die Browser-Version antestet und daraus auf die tatsächliche Performance schließen möchte, sollte deshalb vorsichtig sein. Erst innerhalb der eigenen DAW lässt sich wirklich beurteilen, wie sich das Plugin im persönlichen Setup verhält.

Die Philosophie dahinter ist letztlich dieselbe wie beim Klang selbst: möglichst viele Details statt möglichst geringer Rechenlast. Wer einen modernen Rechner besitzt, dürfte damit kaum vor unlösbare Probleme gestellt werden, bei großen Projekten mit zahlreichen Instanzen sollte man den CPU-Hunger aber durchaus einkalkulieren. Dafür bekommt man einen Synthesizer, dessen klangliche Feinheiten nicht auf einer oberflächlichen Vintage-Illusion beruhen, sondern auf einer außergewöhnlich detaillierten Rekonstruktion der Hardware.

Fazit

Hier gibt es keinen Versuch, aus einem historischen Instrument ein modernes Schweizer Taschenmesser zu machen. Stattdessen bekommt man einen hochpräzisen digitalen puristischen Super Jupiter, dessen Bedienung unmittelbar, dessen Sound charakterstark und dessen technische Grundlage erstaunlich tiefgehend ist.

Besonders überzeugend ist dabei die Kombination aus wissenschaftlicher Akribie und musikalischem Instinkt. Mehr als 100 automatisierte Messprogramme mögen zunächst nach trockener Ingenieursarbeit klingen, doch am Ende zählt nicht die Anzahl der Messungen, sondern das, was daraus musikalisch entsteht. Und SYNTH-80 klingt eben nicht nach einem Laborversuch, sondern nach einem Instrument. Elegant, fein aufgelöst, charaktervoll und mit genau jener leicht schwer greifbaren analogen Tiefe, die den MKS-80 seit Jahrzehnten zu einem Geheimtipp unter Synthesizer-Enthusiasten macht.

Jun Murakami App Factory