Es gibt Synthesizer,
deren Bedeutung sich an Verkaufszahlen, Legendenstatus oder der Anzahl
berühmter Platten, auf denen sie erklungen sind, messen lässt. Und dann gibt es
Instrumente wie den Roland MKS-80 SUPER JUPITER, die unter dem Radar fliegen
und trotz vergleichsweise kurzer
Produktionsgeschichte einen ganz eigenen Platz in der Synthesizer-History
einnehmen. 1984 vorgestellt, achtstimmig polyphon und vollständig analog
aufgebaut, war der MKS-80 gewissermaßen die Rackmount-Antwort auf Rolands große
Jupiter-Ära – allerdings mit einer Besonderheit, die ihn aus heutiger Sicht
geradezu prädestiniert für eine Software-Emulation macht: Nahezu sämtliche
Parameter des Instruments lassen sich per MIDI steuern. Was damals vor allem
komfortabel und technisch fortschrittlich war, wird Jahrzehnte später zum
Glücksfall für Reverse Engineering und akribische Messungen. Genau diesen
Umstand hat der japanische Entwickler Jun Murakami genutzt, um mit seinem
privaten Passion Project SYNTH-80 die
erste vollständige und überaus detailliertesten Software-Interpretationen des
MKS-80 Rev.4 zu realisieren.
Credit Bild: © Yun Murakami
Synth im Rackformat
Der MKS-80 wird bis
heute gerne etwas unterhalb seines großen Bruders Jupiter-8 eingeordnet. Zu
Unrecht. Während der Jupiter-8 mit seinem massiven, warmen und unmittelbar
analogen Klang zum Synonym für den großen Roland-Poly-Synth wurde, besitzt der
MKS-80 eine andere Ästhetik. Eleganter, kontrollierter, beinahe kultivierter –
und gerade deshalb ungemein charakterstark. Der Klang ist weniger die große
Geste als vielmehr eine sorgfältig ausformulierte Oberfläche, in der Filter,
Oszillatoren, Noise und Modulationen erstaunlich fein miteinander arbeiten. Der
MKS-80 war dabei nie einfach nur ein Jupiter-8 im 19-Zoll-Gehäuse. Gerade die
unterschiedlichen Revisionen und die verwendete Schaltungstechnik machen das
Instrument zu einem faszinierenden Stück Synthesizer-Geschichte; für SYNTH-80
stand explizit die Rev.4 im Mittelpunkt.
Und genau hier
unterscheidet sich das Projekt wohltuend von vielen klassischen „Vintage Synth
Emulator“-Konzepten. Murakami hat nicht einfach versucht, einen bekannten Klang
nach Gehör nachzubauen. Über einen langen Zeitraum wurden mehr als 100 speziell
entwickelte automatisierte Messprogramme eingesetzt, die einzelne Schaltungen
und Parameter des Originals wiederholt ansteuerten, veränderten und
analysierten. Das ist weniger romantisches Analog-Voodoo als vielmehr
akribische Grundlagenarbeit. Jede noch so kleine Veränderung der Parameter kann
damit untersucht und anschließend in der DSP-Programmierung berücksichtigt
werden. Parallel zur Entwicklung des Plugins wurde das Verhalten des Originals
immer weiter vermessen und das Modell nachjustiert – bis an die Grenze dessen,
was sich digital abbilden lässt.
Das Ergebnis ist
bemerkenswert. Wer SYNTH-80 mit identischen Patches gegen einen echten MKS-80
Rev.4 antreten lässt, dürfte bei zahlreichen Sounds durchaus ins Grübeln
kommen, welches Instrument gerade tatsächlich aus der DAW kommt. Besonders
beeindruckend ist dabei nicht irgendein spektakulärer „Analog“-Effekt, sondern
die Summe vieler kleiner Details: das Verhalten der Filter, die subtilen
Eigenheiten der Noise-Oszillatoren, die charakteristische Textur der
verwendeten IC-Schaltungen und vor allem die Art und Weise, wie all diese
Komponenten miteinander reagieren. Genau diese Kleinigkeiten sind es
schließlich, die einen alten Synthesizer von einem guten Synthesizer-Emulator
unterscheiden.
Weniger Parameter,
mehr Instrument
Auf den ersten Blick
wirkt SYNTH-80 beinahe unspektakulär. Grafisch kompromisslos retro, keine
verschachtelten Menüs, keine Modulationsmatrix mit gefühlt 400 Quellen und
Zielen. Stattdessen befinden sich sämtliche wichtigen Parameter auf einer
einzigen Oberfläche. Was zunächst nach Reduktion aussieht, ist tatsächlich ein
ziemlich cleveres Interface-Konzept. Denn wer schon einmal versucht hat, bei
einem modernen Software-Synthesizer den Überblick über zehn LFOs, zwölf
Hüllkurven und endlose Routing-Möglichkeiten zu behalten, weiß, wie schnell aus
kreativer Freiheit technische Verwaltung werden kann.
SYNTH-80 verfolgt
deshalb einen anderen Ansatz: Man soll das Instrument verstehen, indem man es
benutzt. Die Benennung der Parameter bleibt bewusst direkt und unkompliziert
und orientiert sich damit unter anderem an der Philosophie von Synth1. Selbst
für Einsteiger gibt es dabei eine kleine, aber ausgesprochen praktische
Software-Erweiterung gegenüber der Hardware: Bewegt man die Maus über einen
Parameter, wird das dazugehörige Modul hervorgehoben. Signalwege und
Zusammenhänge erschließen sich dadurch beinahe nebenbei. Welcher Oszillator
landet wo, welches Filter sitzt an welcher Stelle und welche Sektion
beeinflusst eigentlich gerade den Sound? Ein kurzer Blick genügt.
Das klingt banal, ist
in der Praxis aber erstaunlich effektiv. Gerade bei einer Emulation eines
historischen Instruments ist es schließlich nicht damit getan, möglichst viele
Parameter anzubieten. Entscheidend ist, dass man die musikalische Logik hinter
dem Original versteht. SYNTH-80 zwingt den Anwender nicht mit künstlichen
Einschränkungen dazu, sondern macht die Struktur des Instruments sichtbar. Oder
anders formuliert: Hier wurde nicht versucht, aus dem MKS-80 einen moderneren
Synthesizer zu machen. Man wollte ihn als Instrument besser zugänglich machen.
Der Sound –
elegant, analog und erstaunlich lebendig
Klanglich spielt
SYNTH-80 seine größten Stärken dort aus, wo sich viele Software-Emulationen
traditioneller Analogsynthesizer verraten: in den Übergängen. Ein Oszillator
klingt nicht einfach nur „analog“, ein Filter ist nicht lediglich mit einem
Vintage-Label versehen und ein Noise-Generator produziert nicht bloß irgendein
Rauschen. Vielmehr entsteht der Eindruck eines komplexen elektronischen
Systems, dessen einzelne Komponenten aufeinander reagieren. Genau das verleiht
den Sounds diese schwer greifbare Mischung aus Präzision und organischer
Unberechenbarkeit.
Typische
MKS-80-Flächen profitieren davon natürlich besonders. Breite Pads, dezente
Brass-Sounds, warme Chords und fein modulierte Texturen besitzen diese
charakteristische Eleganz, die den SUPER JUPITER von den brachialeren
Roland-Klassikern unterscheidet. Aber auch Bässe und Sequenzen profitieren von
der präzisen Modellierung. Der Sound bleibt kontrolliert, ohne steril zu
wirken, und kann sich dadurch sowohl in elektronischen Produktionen als auch in
Film-, Game- und Pop-Arrangements erstaunlich selbstverständlich behaupten.
Interessant ist dabei
auch die persönliche Geschichte des Entwicklers. Murakami kam ursprünglich über
die Musik selbst zu diesem Instrument. Als Kind war er Fan der japanischen
80er-Jahre-Band GRASS VALLEY, deren Keyboarder den JUPITER-6 spielte. Während
andere Bands jener Zeit mit Prophet- oder Oberheim-Synthesizern oft auf einen
deutlich massiveren und offensiveren Sound setzten, faszinierte ihn gerade
diese elegante, filigrane Klangsprache. Später arbeitete Murakami als Komponist
für Film und visuelle Medien, unter anderem an Anime-Produktionen wie
„Steins;Gate“, bevor er lange Zeit als Music Director, Producer und A&R
tätig war. Der MKS-80 blieb dabei ein Instrument, das ihn über Jahre hinweg
begleitete, ohne jemals tatsächlich im eigenen Studio zu landen. Erst der
Einstieg in die Plugin-Entwicklung machte es schließlich möglich, genau diesen
lange gehegten Wunsch auf digitalem Weg umzusetzen.
Das erklärt vielleicht auch, warum SYNTH-80 weniger wie ein technisches Forschungsprojekt und mehr wie ein persönliches Instrument wirkt. Hier wurde nicht irgendein Vintage-Synthesizer ausgewählt, weil er gerade populär ist. Es ist vielmehr der Versuch, einen ganz bestimmten Klangkosmos nachzubauen, der den Entwickler musikalisch seit seiner Kindheit begleitet.
Effekte mit eigenem
Charakter
Auch bei den
integrierten Effekten beschränkt sich SYNTH-80 erfreulicherweise nicht auf ein
paar Alibi-Regler, die nach dem Motto „Reverb ist auch noch drin“ irgendwo am
unteren Rand des Interfaces platziert wurden. Das Effekt-Rack wurde mit
derselben Konsequenz entwickelt wie die Synthesizer-Sektion und kann sogar als
eigenständiges Audio-Plugin aus dem Instrument herausgelöst werden.
Besonders interessant
ist die Chorus-Sektion. Vier unterschiedliche Algorithmen decken dabei ein
erstaunlich breites Spektrum klassischer und moderner Chorus-Ästhetiken ab. Der
Synth Chorus orientiert sich an den charakteristischen Roland-Chorussen der Juno-Generation
und bringt genau jene breite, leicht schwebende Modulation ins Spiel, die man
von klassischen Poly-Synths kennt. Der Studio Chorus wiederum nimmt sich den
legendären Roland Dimension D zum Vorbild und arbeitet deutlich subtiler:
weniger offensichtlicher Effekt, mehr kontrollierte räumliche Verbreiterung.
Der Pitch Chorus geht in eine andere Richtung und erzeugt seine Breite über
leicht gegeneinander verstimmte Delay-Lines – ein Ansatz, der nicht zufällig an
klassische Eventide-Konzepte erinnert. Und mit dem Digital Chorus steht
schließlich ein deutlich umfangreicheres Modell zur Verfügung, das wesentlich
mehr Eingriffsmöglichkeiten bietet.
Dazu kommen
unterschiedliche Reverb-Charaktere für Hall, Plate und Room sowie ein
Compressor auf Basis des ZeroComp-Algorithmus. Das Entscheidende: Die Effekte
wirken nicht wie nachträglich angeflanschte Standardmodule, sondern sind
klanglich so eigenständig, dass man sie problemlos auch außerhalb des
eigentlichen Synthesizers einsetzen kann.
Kein Leichtgewicht
So viel Detailtreue
hat allerdings ihren Preis – und zwar nicht nur beim Entwicklungsaufwand.
SYNTH-80 gehört definitiv nicht zu den CPU-schonendsten Vertretern seiner
Gattung. Das ist angesichts der komplexen Modellierung allerdings wenig
überraschend. Wer lediglich die Browser-Version antestet und daraus auf die
tatsächliche Performance schließen möchte, sollte deshalb vorsichtig sein. Erst
innerhalb der eigenen DAW lässt sich wirklich beurteilen, wie sich das Plugin
im persönlichen Setup verhält.
Die Philosophie
dahinter ist letztlich dieselbe wie beim Klang selbst: möglichst viele Details
statt möglichst geringer Rechenlast. Wer einen modernen Rechner besitzt, dürfte
damit kaum vor unlösbare Probleme gestellt werden, bei großen Projekten mit
zahlreichen Instanzen sollte man den CPU-Hunger aber durchaus einkalkulieren.
Dafür bekommt man einen Synthesizer, dessen klangliche Feinheiten nicht auf
einer oberflächlichen Vintage-Illusion beruhen, sondern auf einer
außergewöhnlich detaillierten Rekonstruktion der Hardware.
Fazit
Hier gibt es keinen
Versuch, aus einem historischen Instrument ein modernes Schweizer Taschenmesser
zu machen. Stattdessen bekommt man einen hochpräzisen digitalen puristischen
Super Jupiter, dessen Bedienung unmittelbar, dessen Sound charakterstark und
dessen technische Grundlage erstaunlich tiefgehend ist.
Besonders überzeugend
ist dabei die Kombination aus wissenschaftlicher Akribie und musikalischem
Instinkt. Mehr als 100 automatisierte Messprogramme mögen zunächst nach
trockener Ingenieursarbeit klingen, doch am Ende zählt nicht die Anzahl der
Messungen, sondern das, was daraus musikalisch entsteht. Und SYNTH-80 klingt
eben nicht nach einem Laborversuch, sondern nach einem Instrument. Elegant,
fein aufgelöst, charaktervoll und mit genau jener leicht schwer greifbaren
analogen Tiefe, die den MKS-80 seit Jahrzehnten zu einem Geheimtipp unter
Synthesizer-Enthusiasten macht.