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1962: Sinatra im Studio mit Count Basie Credit Bild: © Phil Stern Estate, Courtesy of the Fahey/Klein Gallery, Los Angeles |
„Sinatra
mit Schnupfen ist wie Picasso ohne Farbe, Ferrari ohne Sprit – nur
schlimmer. Weil ihn eine Erkältung seines unbezahlbaren Juwels,
seiner Stimme, beraubt; sie bohrt sich nicht nur tief in sein
Selbstbewusstsein und verändert seine Psyche, sondern ruft obendrein
noch eine Art psychosomatischen Schnupfen bei Dutzenden von Menschen
hervor, die für ihn arbeiten, mit ihm trinken, ihn verehren, auf
Gedeih und Verderb von ihm abhängig sind.“ Messerscharfe
Beobachtungen wie diese, die - insbesondere „back in the Mid
Sixties“ – nicht gerade üblich für ein Prominenten-Feature
waren, machten Gay Taleses Portrait über einen Superstar, zu dem er
trotz eines high profile-Auftrags des Esquire Magazins einfach nicht
vordringen konnte, legendär.
Dabei
fing alles recht konventionell an: Im Winter des Jahres 1965 bekam
Talese vom renommierten Blatt den Auftrag einen Artikel über den
ikonischen Swing Sänger zu schreiben. Frank Sinatra war damals 50
und trotz eine sich zunehmend ändernden Musik-Zeitgeists noch immer
„on top of the world“, auch in kreativ-künstlerischer Hinsicht.
Der Esquire-Artikel hatte also potentiell alles was ein spannender
Beitrag über einen großen Stilisten und Interpreten brauchte.Nur
ein nicht ganz unwesentliches Detail trübte das Bild: Sinatra war
unpässlich - „had a cold“.„Sinatra mit Schnupfen ist wie
Picasso ohne Farbe, Ferrari ohne Sprit – nur schlimmer. Weil ihn
eine Erkältung seines unbezahlbaren Juwels, seiner Stimme, beraubt;
sie bohrt sich nicht nur tief in sein Selbstbewusstsein und verändert
seine Psyche, sondern ruft obendrein noch eine Art psychosomatischen
Schnupfen bei Dutzenden von Menschen hervor, die für ihn arbeiten,
mit ihm trinken, ihn verehren, auf Gedeih und Verderb von ihm
abhängig sind.“ Messerscharfe Beobachtungen wie diese, die -
insbesondere „back in the Mid Sixties“ – nicht gerade üblich
für ein Prominenten-Feature waren, machten Gay Taleses Portrait über
einen Superstar, zu dem er trotz eines high profile-Auftrags des
Esquire Magazins einfach nicht vordringen konnte, legendär.
„The
Voice“, der nicht nur der Big Apple zu Füßen lag, fühlte sich
nicht gut und wollte überdies auch nicht mit dem Journalisten
sprechen. Was also tun, wenn das Subjekt des Artikels gar keinem „one
on one“-Interview mit dir zustimmt ? Normalerweise der absolute
Supergau für jeden Berichterstatter, in diesem Fall aber ein
Katalysator für kreative Höchstleistungen - an deren Ende eines der
absoluten Schlüsselwerke einer völligen neuen Gattung Journalismus
stand. Denn Talese verzagte nicht sondern beschrieb und interviewte
kurzerhand das Umfeld Sinatras. Auch ohne dessen direkte
Mitwirkung zeichneten Kollegen, Produzenten, Studiobosse, Angehörige
ein überaus plastisches Bild des des Mannes aus Hoboken.
Der
fertige Artikel hatte es in sich, denn was 1966 auf den Seiten des
Esquire erschien - ohne dass es je zu besagtem Interview mit Sinatra
gekommen wäre - wurde zu einem der definierenden
Momente des New Journalism, bei dem die vormals harte Grenze
zwischen Literatur und Journalismus verwischt wurde und in stark
subjektiver und künstlerischer Art und Weise die Muster der
nüchterne Berichterstattung alter Schule aufgebrochen wurden.
Im
Taschen Verlag ist nun eine neue Edition dieses Stücks Journalismus-
und Musikgeschichte erschienen, die den Esquire-Artikel Taleses mit
Faksimiledrucken von Manuskriptseiten, Briefwechseln und
Original-Storyboards sowie einer Vielzahl von Fotos (behind the lens:
Phil Stern, John Bryson, John Dominis und Terry O’Neill !) in einem
großformatigen Buch vereint. Die expressiven Bilder und der
brillante Text ergänzen sich perfekt und machen „Frank Sinatra Has
A Cold“ zu einem faszinierenden Coffe table-Bildband über einen
großen Musiker und einen Pionier im Bereich des kreativen
Journalismus. Noch heute, Jahrzehnte später, wirkt dieser Artikel
alles andere als verstaubt, der Leser wird förmlich in die
Geschichte hineingezogen – auch weil diese bahnbrechende
Arbeit nicht nur ein unkonventionelles Portrait Sinatras ist,
sondern letztlich eine Abhandlung über jene schwer zugänglichen
Sphären, in denen Menschen einer gewissen Prominenzstufe weilen.
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Credit
Coverbild: © Taschen Verlag |
Gay Talese. Phil Stern. Frank Sinatra Has a Cold
Hardcover mit einem Fold-out, 23,6 x 33,3 cm, 1,88 kg, 250 Seiten
ISBN 978-3-8365-8829-4, Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, taschen.com