„Marshall auf
Steroiden“ ist eine jener Formulierungen, die im Gitarrenjournalismus fast
schon inflationär gebraucht wird, wenn es um aufgemotzte Variante klassischer
britischer Amp-Designs geht. Beim Fortin
Cali ist sie allerdings tatsächlich mehr als zutreffend. Denn genau dort
beginnt die Geschichte: bei einem klassisch britischen Verstärkerkonzept, das Amp-Designer Mike Fortin so lange getuned hat und auf moderne Gain-Reserven getrimmt hat,
bis etwas sehr Eigenes herauskam. Die Fortin Cali Suite von Neural DSP konserviert
diesen Ansatz seit Jahren auf dem Rechner – und ist damit heute fast schon
selbst ein Veteran im schnelllebigen Amp-Sim-Markt. Umso spannender ist die
Frage, ob der digitale Cali auch heute noch überzeugt und Feuer spuckt.
Credit Bild: © Neural DSP
Ein bisschen
Geschichte: Die Modifizierung von Jim Marshalls Design
Der klassische britische Rock-Amp war laut, direkt, mittig und besaß jene organische Verzerrung, die ganze Generationen von Gitarristen geprägt hat. Trotzdem begann spätestens in der amerikanischen Hard-Rock-Szene der Siebziger und Achtziger das große Hot-Rodding: mehr Gain, veränderte Gain-Stufen, Master-Volume-Mods, zusätzliche Schalter, andere Bright-Caps, teilweise Dioden-Clipping. Die Zentren der Klangentwicklung verschoben sich gewissermaßen: Aus Bletchley wurde Los Angeles und aus dem klassischen Plexi-Sound zunehmend eine eigene Gattung.Der modded Marshall war geboren.
Eine der
Schlüsselfiguren dieser Entwicklung war der in Los Angeles arbeitende
Amp-Techniker José Arredondo, dessen Name heute beinahe synonym mit
einer bestimmten Spielart heißgemachter britischer Amps verwendet wird. Fortin
Amplification selbst stellt die eigene Modding-Tradition ausdrücklich in diesen
historischen Zusammenhang und bezeichnet den Cali als Hommage an jene
kalifornischen Mods der Achtziger.
Das bedeutet nicht, dass der Fortin Cali schlicht ein moderner José-Mod-Nachbau und die Suite dessen digitale Kopie wäre.Interessanter ist gerade die Evolution. Amp-Designer Mike Fortin nahm jene Grundidee des modifizierten britischen Amps – mehr Gain und Sättigung, ohne den ursprünglichen Charakter komplett zu verlieren – und entwickelte daraus über seine eigenen Cali- und Killer-Kali-Modifikationen eine moderne Interpretation. Für mich ist dies fraglos eine der besten Modded-Marshall-Varianten überhaupt: einerseits dank des erstklassigen Grundsounds und seines ausgeprägten Charakters, andererseits aufgrund der enormen Flexibilität. Denn selbst wenn man schon hundert verschiedene Marshalls und deren zahllose Variationen gespielt hat, scheint fast jeder dieser Verstärker wieder eine eigene Persönlichkeit mitzubringen. Der Cali besitzt jedenfalls eine ausgesprochen markante.
Neural DSP hat genau
diesen Verstärker in die Fortin Cali Suite übertragen: eine elegante,
auf schnelle Workflows getrimmte Plugin-Suite, die gleichzeitig genügend
Möglichkeiten für einen tieferen Einstieg in die Klanggestaltung bietet. Man
gelangt rasch zu einem brauchbaren Sound, kann sich aber ebenso ausgiebig mit
den Feinheiten der Verstärkerschaltung beschäftigen.
Klanglich haben wir es
hier mit einem der tightesten Vertreter dieser britisch geprägten Amp-Familie
zu tun. Der Sound bleibt präzise, Chugs und palm-muted Riffs schnellen ohne
Matsch oder verwischte Konturen aus den Speakern. Unweigerlich möchte man die
leere E-Saite bearbeiten und Sepulturas „Dead Embryonic Cells“
anstimmen.
Aber: Wer bei Fortin
automatisch ausschließlich an ultratightes modernes Metal-Geballer denkt,
bekommt hier eine kleine Überraschung. Denn der Cali erzählt eigentlich die
Geschichte davon, wie man von einem klassischen britischen Amp überhaupt zum
High-Gain-Monster gekommen ist.
Drei Kanal-Biest
Der virtuelle Amp
besitzt wie das reale Vorbild drei Kanäle: Clean, OD2 und OD1. Neural
DSP selbst spannt den Bogen vom Vintage-Clean über Hot-Rodded-British-Sounds
bis zu modernem High Gain.
Mit moderatem Gain und Humbuckern führt die Reise relativ schnell in die Achtziger: Hard Rock, klassischer Heavy Metal und jene Zwischenwelt, in der ein Amp bereits deutlich mehr Verzerrung liefert als ein Vintage-Plexi, aber noch nicht unter jener Gain-Kompression verschwindet, die viele moderne Metal-Amps charakterisiert.
Das ist für mich einer
der stärksten Bereiche der Suite. Die einzelnen Saiten eines Akkords bleiben
nachvollziehbar, der Amp reagiert merklich auf Anschlag und Volume-Regler und
besitzt trotzdem bereits diesen zusätzlichen Biss, den man mit einem klassischen
Stock-Amp erst durch Pedale oder Modifikationen erzeugen müsste.
Zwischen
Plexi-Anleihen und einer durchaus an den JCM800 erinnernden Schärfe findet sich
hier ein breites Spektrum britischer Rock-Sounds. Der Cali lässt diese
Verwandtschaft hörbar werden, ohne dabei seine eigene klangliche Handschrift
aufzugeben.
Und dann gibt es natürlich den Violence Switch.Sowohl OD1 als auch OD2 können damit eine zusätzliche Gain-Stufe aktivieren. Violence bedeutet allerdings nicht einfach nur „derselbe Amp, aber lauter“. Die zusätzliche Sättigung und Kompression verändern das gesamte Spielgefühl. Der Ton wird dichter, aggressiver und bewegt sich merklich stärker in Richtung moderner High-Gain-Amp. Palm Mutes bekommen mehr Gewicht, Leads mehr Sustain, und bei tieferen Tunings wird klar, warum Fortins Designs gerade bei Metal-Gitarristen einen derart guten Ruf besitzen.
Interessanterweise
bleibt dabei trotzdem genug von der Grundstruktur erhalten. Der Cali verwandelt
sich nicht plötzlich in einen völlig anderen Amp. Er klingt eher wie dieselbe
Schaltung, nachdem jemand beschlossen hat, sämtliche Sicherheitsvorkehrungen zu
ignorieren.
Und gerade dieser
Übergang macht mehr Spaß als einfach nur „Gain auf zehn“.
Effektive Effekte
Vor dem eigentlichen
Amp stellt Neural DSP drei Fortin-Pedale bereit.
GRIND dient weniger dazu, einen ohnehin verzerrten Amp mit
noch mehr Distortion zu überladen, sondern verändert vor allem die Struktur des
Eingangssignals: Überschüssiges Low End wird reduziert, Attack und Artikulation
treten deutlicher hervor, und gerade tiefer gestimmte Gitarren wirken erheblich
kontrollierter.
Der HEXDRIVE bewegt
sich stärker in Richtung klassischer Overdrive beziehungsweise Boost und bietet
damit eine weitere Möglichkeit, die verschiedenen Cali-Kanäle zu formen.
Und schließlich gibt
es den ZUUL, Fortins Noise Gate – für mich zumindest ein heißer Kandidat
auf den Titel des besten Noise Gates überhaupt. Gerade bei Sounds mit viel Gain
ist entscheidend, dass die Spielpausen tatsächlich still werden, während
ausklingende Töne ihre Natürlichkeit behalten. Ein abgewürgter Lead-Ton wäre
schließlich ein ziemlich hoher Preis für ein bisschen Ruhe zwischen zwei Riffs.
Der ZUUL passt mit seiner direkten Bedienung jedenfalls bestens zur Philosophie
der Suite.
Hinter der Amp-Sektion sitzt ein 9-Band Graphic EQ.Gerade bei stark verzerrten Gitarren ist das erheblich nützlicher, als es zunächst klingt. Ein paar dB in den richtigen Mittenbereichen verändern häufig mehr als noch eine weitere Gain-Stufe. Der EQ erlaubt deshalb relativ präzise Korrekturen, bevor man überhaupt zusätzliche Plugins in der DAW bemühen muss.
Delay und Reverb ergänzen die Suite um die obligatorischen räumlichen Effekte. Diese Sektion kam allerdings erst mit Version 2.0 im Jahr 2021 hinzu – gemeinsam mit dem Graphic EQ, neuen Artist Presets und einer Überarbeitung des Amp-Modellings. Damit erhielt der Cali seinerzeit sowohl zusätzliche Möglichkeiten für die Klanggestaltung als auch eine technische Überarbeitung.
Der Cali gehört
inzwischen dennoch eindeutig zu den älteren Generationen des
Neural-DSP-Katalogs. Die aktuelle Installer-Version des Cali ist 2.0.1
vom Mai 2023. Ein X-Update hat das Plugin bislang nicht erhalten; Neural
DSP führt den Cali weiterhin unter jenen Produkten, bei denen die Entwicklung
einer X-Version noch nicht begonnen hat und deren weiterer Status geprüft wird.
Auch die Quad-Cortex-Kompatibilität ist auf der offiziellen Produktseite
weiterhin mit „To Be Confirmed“ gekennzeichnet.
In der Praxis muss man
jedoch sagen: Für den Einsatz als Amp-Sim im Studio spielt das klanglich keine
Rolle. Als bloßes Legacy-Produkt kann man den Cali deshalb keineswegs
abstempeln. Das fehlende X im Namen macht ihn nicht obsolet. Denn klanglich ist
das Plugin nach wie vor ausgezeichnet.
Fazit
Für mich persönlich
gehört der Cali zu den besten Interpretationen des modifizierten
Marshall-Sounds überhaupt. Entsprechend zählt die Neural DSP Fortin Cali
Suite in meinem Studio zu den Go-to-Amp-Sims, wenn es um Achtziger-Rock,
bissigen Crunch und den rauen Charakter heißgemachter britischer Verstärker
geht.
Der digitale Cali spuckt also weiterhin Feuer. Für mich besonders überzeugend genau dort, wo die klassische britische Rock-Attitüde bereits kalifornisches Tuning erhalten hat, der ursprüngliche Charakter aber noch deutlich durch die zusätzliche Sättigung hindurchscheint.
Von Bletchley nach Los
Angeles – und von dort ziemlich direkt in mein Studio.