Sonntag, 25. Oktober 2026

HEAVYOCITY OBLIVION & OBLIVION DRUMS Test: Soundtrack zur Apokalypse

Credit Bild:© Heavyocity
Manche Sounds wollen nicht gefallen. Sie wollen überwältigen. Sie drücken, zerren und knurren, wachsen zu massiven Klangflächen heran und nehmen einen Raum ein, bevor darin überhaupt Platz für eine Melodie wäre. Heavyocitys OBLIVION-Reihe besitzt genau diese Qualität. Verzerrte Bässe, mechanisch pulsierende Rhythmen und düstere Texturen beschwören eine Welt, in der rostige Maschinen weiterarbeiten, obwohl ihre Bedienungsmannschaft das Gebäude längst verlassen hat. Freiwillig vermutlich nicht.

Mit OBLIVION und dem rhythmischen Schwesterinstrument OBLIVION DRUMS liefert Heavyocity zwei Kontakt-Libraries für jene Schnittmenge aus Hybrid Scoring, Industrial und elektronischem Sounddesign, die modernen Action-, Horror- und Game-Scores ihre physische Wucht verleiht. Entwickelt wurden beide gemeinsam mit David Levy, dessen Arbeiten unter anderem Musik für DOOM Eternal umfassen. Die Verbindung zu dieser Ästhetik kommt also keineswegs von ungefähr.

Allerdings wäre es zu einfach, das Duo auf maximale Verzerrung zu reduzieren. Hinter der martialischen Fassade steckt ein durchdachtes Instrumentarium, mit dem sich Aggression formen, dosieren und dramaturgisch entwickeln lässt. Auch der Weltuntergang braucht schließlich ein Arrangement.

OBLIVION: Aggression als musikalischer Ausgangspunkt

Zunächst zur Einordnung: Heavyocity OBLIVION ist ein samplebasiertes Sounddesign-Instrument. Sein Ausgangsmaterial wurde bereits aufgenommen und charaktervoll bearbeitet; die weitere Gestaltung erfolgt innerhalb einer auf der Gravity-2-Engine basierenden Oberfläche. Wer sämtliche Einzelheiten einer Synthesizer-Schaltung selbst entwerfen möchte, sollte diese konzeptionelle Grenze kennen.

Dafür bekommt man eine ausgesprochen konsequent zusammengestellte Klangpalette. Mehr als 330 Sources und 350 Presets decken rhythmische Klangbetten, Bässe, Leads, tonale und atonale Texturen, Drones sowie kurze Akzente und Übergänge ab. Besonders interessant sind die 72 Rhythmic Pedals: multisampelte, temposynchronisierte Sounds, die einer Komposition unmittelbar einen rhythmischen Grundgedanken geben können.

Gerade darin liegt eine der großen Stärken der Library. Ein knurrender Puls kann bereits festlegen, wie sich eine Szene bewegt. Ein schneidender Lead legt eine aggressive melodische Richtung nahe, während eine langsam anschwellende Textur das Unheil zunächst nur ankündigt. OBLIVION liefert damit Material, aus dem sich eine musikalische Idee entwickeln lässt, noch bevor man die übrige Instrumentierung festgelegt hat.

Klanglich bleibt die Handschrift deutlich: dicht, rau und ausgesprochen präsent. Zwischen den brachialen Sounds finden sich aber auch atmosphärische Momente, die in Richtung Dark Ambient oder beschädigter Science-Fiction-Romantik weisen. Die Bedrohung muss hier keineswegs permanent zuschlagen.Manchmal genügt es, wenn sie hörbar näherkommt.

Im OBLIVION Designer lassen sich drei Klangquellen kombinieren und über eigene Hüllkurven, Klangregelung, Verzerrung, Bewegungs- und Raumeffekte bearbeiten. Ein zentraler Macro-Regler bündelt mehrere Eingriffe, deren Wirkung und Umfang sich gezielt festlegen lassen. Hinzu kommen Sequencing und automatisierbare Mischbewegungen zwischen den Ebenen.

Für das Scoring ist diese Architektur ausgesprochen sinnvoll. Ein Cue kann mit einem verhältnismäßig schmalen Puls beginnen, allmählich mehr Obertöne entwickeln und schließlich eine zusätzliche Textur freigeben. Die Steigerung entsteht dadurch innerhalb des Sounds. Man muss nicht bei jedem dramaturgischen Wendepunkt eine weitere Spur darüberlegen.

Das separate OBLIVION Menu verteilt einzelne Klänge auf 36 Tasten. So lässt sich eine eigene Auswahl aus Stings, Noises und Übergängen zusammenstellen; ein ausgewählter Sound kann außerdem über die Tastatur ausgebreitet werden.

Damit bedient Heavyocity zwei sinnvolle Arbeitsweisen: das ausführliche Entwickeln eines Klanges und den schnellen Zugriff auf passende Einzelereignisse. Die Presets erleichtern den Einstieg, während die Engine genügend Möglichkeiten bereithält, um ihnen eine eigene Richtung zu geben. Für diesen tieferen Eingriff muss man sich allerdings mit den verschiedenen Bearbeitungsseiten beschäftigen. Ein großer Macro-Regler nimmt einem diese Entscheidungen nicht vollständig ab.

OBLIVION DRUMS: Jetzt bekommt die Apokalypse einen Beat

Credit Bild:© Heavyocity
OBLIVION DRUMS führt dieselbe Klangidee auf perkussiver Ebene fort. Dabei handelt es sich um ein eigenständiges Instrument mit 30.361 Samples, 99 Presets und 864 Sources einschließlich 504 Loops, verteilt auf Kit Designer, Ensemble Designer und Loop Designer. Die organischen Ausgangsaufnahmen der Kicks und Snares entstanden in den Power Station Studios in South Florida, bevor umfangreiches analoges Processing den Klängen ihre ausgeprägte Härte verlieh.

Dieser akustische Ursprung ist konzeptionell entscheidend: Die Bearbeitung setzt an einem tatsächlich aufgenommenen Schlag an, dessen Körper und räumliche Eigenschaften anschließend drastisch vergrößert oder verformt werden. Das passt hervorragend zur Verbindung aus synthetischer Bedrohung und physischer Wucht, die bereits OBLIVION prägt.

Der Kit Designer bietet dafür ein vertrautes Layout mit 16 frei bestückbaren Stimmen und individuellen Effektketten. Vier Klangfamilien geben die Richtung vor: HYPER für stark bearbeitete organische Drums, MONSTER für besonders schwere Beats, ELECTRO für hybride elektronische Farben und OBSCENE für jene Momente, in denen Zurückhaltung endgültig Feierabend hat.

Heavyocity nennt sechs Round Robins pro Voice sowie dynamische Abstufungen, bei denen die Anschlagstärke auch den Bearbeitungscharakter beeinflusst. Das wirkt der Gefahr entgegen, dass sich massiv verarbeitete Drums bloß wie unterschiedlich laute Kopien desselben Schlages verhalten.

Ensemble und Loop Designer: Vom Schlag zum vollständigen Cue

Der Ensemble Designer erweitert das Drumkit zum Scoring-Werkzeug. Einzelne Sounds lassen sich auf einer virtuellen Bühne im Panorama und in der Tiefe positionieren. Close-, Overhead-, Room- und Hall-Signale bestimmen die Perspektive; ein zusätzlicher LFE-Kanal ergänzt das tieffrequente Fundament. Performance-Funktionen ermöglichen unter anderem Rolls, Crescendi und wiederholte rhythmische Figuren.

Damit bekommt ein Schlag eine dramaturgische Position: unmittelbar vor dem Zuhörer oder weiter hinten in einem großen Raum. Gerade bei einer ohnehin massiven Klangästhetik ist diese räumliche Staffelung wertvoll, weil nicht jedes Element gleichzeitig an der vordersten Front stehen muss.

Der Loop Designer wiederum kombiniert bis zu drei Loop-Ebenen. Die Aufteilung des Materials in Low-, Mid- und High-Stems erlaubt es, Bestandteile unterschiedlicher Patterns zusammenzuführen und weiterzubearbeiten.

Das ist ein ausgesprochen praktischer Workflow für schnelle Entwürfe. Ein tragfähiger Groove steht früh, während einzelne rhythmische Bestandteile später ausgetauscht werden können. Gerade unter einer Deadline ist das hilfreich: Die musikalische Richtung lässt sich prüfen, bevor man jede Bewegung einzeln programmiert hat.

Viel Charakter braucht viel Platz im MixGemeinsam ergeben OBLIVION und OBLIVION DRUMS ein schlüssiges Toolkit für aggressive Scores. Ein rhythmisches Pedal, eine schwere Kick, darüber eine instabile Textur und ein gezielt gesetzter Übergang: Aus wenigen Elementen kann bereits eine überzeugende Action-Skizze entstehen.

Die Gefahr liegt eher darin, zu viel davon gleichzeitig zu verwenden.Wenn Bass, Drumkit, Drone und Impact jeweils maximale Größe beanspruchen, verliert das Arrangement schnell seine Hierarchie. Gerade diese Libraries profitieren deshalb von Auswahl, Kontrasten und bewussten Pausen. Der mächtigste Sound muss nicht durchgehend spielen, um Eindruck zu hinterlassen.

Zugleich bleibt die Klangästhetik eine klare Einschränkung. Für fein nuancierte, transparente oder weitgehend natürliche Klangbilder ist das Duo nur bedingt geeignet. OBLIVION kann Spannung auch zurückgenommen aufbauen, trägt seine raue Färbung aber bereits im Ausgangsmaterial. Eine intime Dialogszene oder ein filigranes akustisches Arrangement verlangt häufig nach einer anderen Palette.

Das ist keine Frage fehlender Einstellmöglichkeiten. Es ist die Konsequenz einer bewusst zugespitzten musikalischen Identität.

Fazit

Zwei Spezialisten mit beträchtlicher Durchschlagskraft: Heavyocity OBLIVION und OBLIVION DRUMS überzeugen durch ihre konsequente Verbindung aus charaktervollem Ausgangsmaterial und weitreichender Bearbeitung. OBLIVION liefert die dystopischen Klangfarben und rhythmischen Impulse, während OBLIVION DRUMS mit seinen drei Arbeitsoberflächen deutlich über eine bloße Sammlung brachialer Schläge hinausgeht.

Für Action, Sci-Fi, Horror, Games und härtere elektronische Produktionen ist das eine ausgesprochen reizvolle Kombination. Die Presets vermitteln unmittelbar eine Richtung; eigene Layer, Automationen und rhythmische Eingriffe sorgen dafür, dass daraus mehr wird als ein vertrauter Genre-Sound.Subtilität bleibt dabei eine Frage der Dosierung. Die Grundhaltung dieser Instrumente ist unverkennbar in your face – und genau dort spielen sie ihre Stärken aus.