![]() |
| Credit Bild: © Iconic Instruments |
Der Detroit Drum Sound war direkt, kompakt und unverschämt effektiv: eine Snare mit Biss, eine Kick mit Schub, kurze Toms, trockene Räume und genau die richtige Portion Dreck zwischen den Transienten. Nicht groß, nicht luxuriös, nicht auf Hochglanz poliert – dafür mit einem Groove, der Songs innerhalb weniger Takte auf Betriebstemperatur brachte.
Und natürlich entstand dieser ganz spezielle Charakter nicht allein am Schlagzeug. Stimmung, Mikrofone, Preamps, Bandmaschinen, Kompression, Raum und allerlei technische Eigenheiten verschmolzen zu einer klanglichen Handschrift, die heute geradezu ikonisch ist. Gerade weil damals vieles aus heutiger Sicht limitiert war, besitzen diese Aufnahmen etwas, das modernen Produktionen trotz praktisch unbegrenzter Möglichkeiten erstaunlich oft fehlt: Identität.
Genau hier setzen ICONIC INSTRUMENTS DETROIT DRUMS & DETROIT FX an. Das eine Plugin liefert das rhythmische Fundament, das andere soll die passende Produktionsästhetik rundherum beisteuern. Gemeinsam wollen sie also nicht einfach ein paar Vintage-Drums und Retro-Effekte in die DAW stellen, sondern eine ganze Ära klanglich rekonstruieren.
Detroit Drums: Motown ohne Museum
Detroit Drums besteht aus zwei separaten Drum-Modellen, schlicht L-Model und S-Model betitelt. Beide entstanden in Zusammenarbeit mit dem Good Hands Drum Shop in New York und basieren auf originalen Kits aus den Sechzigern, bestückt mit zeitgenössischen beziehungsweise heute kaum noch erhältlichen Original-Fellen und Cymbals. Selbst die Tuning-Methoden orientieren sich an der damaligen Praxis.
Das ist wesentlich wichtiger, als es zunächst klingt. Ein Vintage-Drum-Sound entsteht nämlich nicht dadurch, dass man ein modernes Kit durch eine Tape-Simulation jagt. Die Instrumente selbst waren anders dimensioniert, anders gestimmt und oftmals erheblich stärker gedämpft als das, was man heute aus Rock- und Pop-Produktionen kennt. Detroit Drums trifft diese Ästhetik ausgesprochen gut. Die Sounds wirken kompakt, warm und sofort älter, ohne nach einem übertriebenen Lo-Fi-Filter zu klingen.
Dampening – the lost art
Eines der interessantesten Features ist die individuelle Kontrolle über Tuning und Dampening jedes Drums.Gerade die Dämpfung ist für Sixties-Sounds essenziell.
Ein Tea Towel, ein Stück Tape oder andere Formen der Fell-Dämpfung verändern Sustain, Attack, Obertöne und letztlich die komplette Rolle der Trommel im Arrangement. Iconic Instruments macht diesen Bereich direkt spielbar.Ein offenerer Sound bewegt sich stärker in Richtung Jazz, frühes R&B oder akustischere Produktionen; mit zunehmender Dämpfung landen Snare und Toms schneller in jener kurzen, fokussierten Welt klassischer Soul- und Pop-Records.Gerade dadurch ist Detroit Drums erheblich flexibler, als der Name vermuten lässt.Natürlich ist Motown der offensichtliche Ausgangspunkt.Aber nicht die Endstation.
Genau deshalb funktioniert die Library auch ausgezeichnet für Beat Music und British Invasion.Die frühen britischen Bands entwickelten ihre Sprache schließlich keineswegs in einem Vakuum. Amerikanischer Rhythm & Blues, Soul, Rock ’n’ Roll und Motown waren wesentliche Bezugspunkte jener Musiker, die wenige Jahre später von Liverpool und London aus die Popwelt veränderten. Selbst der internationale Erfolg des Motown-Sounds nahm während der British-Invasion-Ära weiter zu.Für einen frühen Charlie Watts-Sound muss man bei Detroit Drums deshalb gar nicht besonders viel verbiegen.
Zwei Kits, zwei Perspektiven
Die beiden Modelle unterscheiden sich genug, um nicht wie reine Variationen desselben Kits zu wirken.
Das L-Model besitzt nach meinem Eindruck etwas mehr Offenheit und den klassischeren großen Pop-/R&B-Charakter. Die Snare wirkt detailreicher, während das Kit insgesamt etwas universeller erscheint.
Das S-Model kommt dunkler und etwas kompakter daher. Gerade für Funk, engere Soul-Grooves oder stärker gedämpfte Beat-Sounds ist das ausgesprochen reizvoll.
Beide Instrumente sind multisampled und unterstützen Round Robins. Zusätzlich gibt es ungewöhnlich viele Artikulationen: sechs Snare-Varianten, unterschiedliche Kick- und Tom-Zonen, mehrere Cymbal-Artikulationen und sechs Öffnungsgrade der Hi-Hat, die sich sogar kontinuierlich per Controller durchfahren lassen. General MIDI und ein erweitertes chromatisches Mapping stehen ebenfalls zur Verfügung.
Dadurch bleibt Detroit Drums trotz seines Retro-Konzepts tatsächlich ein spielbares Drum-Instrument und nicht nur eine Kollektion hübscher One-Shots.
Der eigentliche Star sitzt hinter dem Kit
Mindestens genauso wichtig wie die Samples ist allerdings die integrierte Mixing-Umgebung.Und hier beginnt Detroit Drums richtig interessant zu werden. Iconic Instruments hat eine komplette Sixties-artige Recording Chain eingebaut: Vintage-Mikrofonierung, Tube-Preamp-Färbung für verschiedene Mic-Busse, Plate Reverb, 660-style Vari-Mu Compression, einfacher Shelving EQ und Tape Processing. Über eine Routing-Matrix kann das komplette Kit intern gemischt oder für externe Bearbeitung auf einzelne DAW-Ausgänge verteilt werden.
Damit verändert sich die Arbeitsweise fundamental.Man lädt nicht einfach „Vintage Snare 01“ und klebt anschließend fünf Retro-Plugins dahinter.Die Drum-Library wurde von Anfang an mit der Aufnahmekette als Teil des Instruments gedacht.Denn wer einen alten Record reproduzieren möchte, braucht eben nicht nur das Instrument, sondern die gesamte Strecke zwischen Fell und Master Tape.
Die im Drum-Instrument integrierten Processing-Module sind bewusst reduzierte Versionen eigenständiger Iconic-Instruments-Plugins. Im Detroit FX Bundle bekommt man diese Tools in vollständiger Form – und kann damit natürlich nicht nur die Drums bearbeiten.
Der Model 350 Tube Preamp orientiert sich an der Input-Stufe eines Ampex-350-Tape-Systems. Statt daraus eine komplizierte Vintage-Laborstation zu machen, konzentriert sich das Plugin auf den musikalisch relevanten Teil: Record Level für die Röhrenfärbung, High- und Low-Pass-Filter zur Eingrenzung der Saturation, paralleles Mixing sowie Playback Level. Iconic hat sogar bewusst mehr Drive zugelassen, als mit dem historischen Gerät normalerweise möglich gewesen wäre.
Klanglich ist genau das die Art Plugin, die man schnell auf zu saubere digitale Spuren wirft.
Nicht um hörbare Distortion zu erzeugen, sondern um den Transienten ein wenig Härte zu nehmen und dem Signal jene subtile Verdichtung zu geben, die man meist erst bemerkt, wenn man das Plugin wieder deaktiviert.
Der Transport Vintage Tape setzt diesen Gedanken konsequent fort. Neben klassischer Tape-Saturation und Compression lassen sich Low- und High-Frequency-Drive separat beeinflussen, ein Head-Bump erzeugen und die Höhen nach der Bearbeitung wieder kontrolliert zurückholen. Besonders clever finde ich den HF-Bypass, mit dem sich die Tape-Färbung auf bestimmte Frequenzbereiche konzentrieren lässt.
Damit kann man Vintage bekommen, ohne automatisch Blanket-over-the-speakers zu erzeugen.
Exciting Compression – Detroit Parallel Processing
Besonders passend zur ganzen Motown-Thematik ist der Model 660 X Exciting Compressor.
Die Grundlage bildet ein klassischer 660-artiger Vari-Mu-Compressor. Iconic Instruments greift darüber hinaus aber eine Technik auf, die mit Motown-Engineer Lawrence Horn verbunden ist: Ein paralleler, stark komprimierter Signalweg wurde zusätzlich massiv in den oberen Frequenzen angehoben und dem unbearbeiteten Signal lediglich beigemischt. Ziel war mehr Präsenz und Excitement, ohne den natürlichen Haupttrack komplett plattzumachen.Model 660 X integriert genau diesen Gedanken direkt.
Neben Input, Threshold und Time Constant gibt es einen separaten Excitement-Bereich, Drive, regelbares Knee und Mix.Auf Drums funktioniert das hervorragend.Ein trockener Beat bekommt plötzlich mehr Snap und Forward Motion, ohne dass man die natürlichen Transienten des Originals komplett opfert.Auch auf Vocals macht das historische Konzept nach wie vor Sinn.
ParametrEQ – sieben musikalische Entscheidungen
Der ParametrEQ rekonstruiert wiederum einen modifizierten Detroit-EQ mit sieben festgelegten Frequenzbändern. Jedes lässt sich um acht Dezibel anheben oder absenken; besonders interessant ist die variable Q-Struktur, die bei kleineren Eingriffen breit und musikalisch bleibt, mit zunehmendem Boost beziehungsweise Cut aber selektiver wird.Das fühlt sich vollkommen anders an als ein moderner grafischer Analyzer-EQ mit 24 frei platzierbaren Nodes.Und gerade deshalb ist er interessant.
SP140 – put it on a plate
Mit dem SP140 kommt schließlich eine der wichtigsten Zutaten klassischer Studioproduktion hinzu: Plate Reverb.Enthalten sind fünf unterschiedliche 140-artige Steel Plates, ergänzt um Pre-Delay, fünf Density-Stufen, Filter, Tube Drive und Stereo-Width-Kontrolle.Gerade auf Detroit Drums ist der Effekt beinahe sofort verständlich.Ein trockener Snare-Schlag bekommt jene leicht metallische, dichte räumliche Fahne, die man mit unzähligen Produktionen der Sechziger und Siebziger verbindet. Und hier führt der Weg wieder weg von Motown und hon zu Phil Spector – und zu „Be My Baby“, zud en Ronettes, aber auch zur Intro-Sequenz von Martin Scorseses „Mean Streets“Der Song entstand zwar nicht in Detroit, sondern in Gold Star, wo Spectors berühmte Echo Chambers einen wesentlichen Teil der Wall-of-Sound-Ästhetik lieferten. Doch der Grundgedanke ist derselbe: Raum war ein Produktionsmittel, nicht nachträgliche Dekoration.
Vintage ist nicht automatisch vielseitig
Ein kleiner Reality Check gehört dennoch dazu. Detroit Drums besitzt eine sehr klare ästhetische Identität.Wer riesige moderne Rock-Kicks, hyperrealistische 20-Tom-Kits oder maximal offene Cinematic-Percussion sucht, ist hier vollkommen falsch. Auch hinsichtlich der schieren Anzahl an Kit Pieces und Artikulationen können große aktuelle Drum-Libraries natürlich mehr bieten.Aber genau diese Beschränkung empfinde ich fast als Stärke.Dieses Instrument möchte nicht jedes Drumkit zwischen 1950 und heute abbilden.Es möchte eine bestimmte Ära glaubwürdig reproduzieren.Und das gelingt.
Auch das FX Bundle ist stärker Charakter-Sammlung als Universal-Mixing-Suite.
Fazit
Iconic Instruments Detroit Drums und Detroit FX funktionieren für mich besonders gut, weil sie Vintage-Sound nicht auf Tape Flutter und ein vergilbtes GUI reduzieren. Hier wurde verstanden, dass eine Ära aus einer Kette von Entscheidungen besteht.Detroit Drums bringt einen erstaunlich großen Teil der klassischen Drum Recording-Chain bereits innerhalb eines einzigen Instruments zusammen. Die zwei Kits klingen glaubwürdig nach Sixties, lassen sich über Tuning und Dampening aber weit genug formen, um nicht ausschließlich für Motown-Pastiches interessant zu sein.
Das Resultat ist weniger Drum Library plus Effektpaket als eine kleine virtuelle Zeitmaschine. Destination: 1964.
