Sonntag, 25. Oktober 2026

CROW HILL COMPANY FOREST HARPS Test: Saitenzauber aus dem Unterholz

Credit Bild: © Crow Hill Company
The Weird and the Wonderful: Elchgeweih, Tierrippen, ein großes Schneckenhaus und Angelschnur: Die Zutaten für Forest Harps lesen sich, als wäre beim Instrumentenbau jemand auf ausgesprochen ungewöhnliche Ersatzteile angewiesen gewesen. Tatsächlich bildet diese eigenwillige Harfenkonstruktion das Herzstück eines samplebasierten Instruments von The Crow Hill Company, das die Grenzen zwischen akustischen Zupfklängen und atmosphärischem Sounddesign erkundet. Zwei Psalterien, also traditionelle Saiteninstrumente, ergänzen das Ensemble. Eine ziemlich überschaubare Besetzung – mit einer umso interessanteren musikalischen Ausgangsidee.

Denn gerade beim Scoring sind jene Klänge besonders reizvoll, die vertraut genug erscheinen, um unmittelbar etwas auszulösen, sich aber keiner eindeutigen Schublade zuordnen lassen. Ein bisschen Harfe, eine Ahnung von gezupfter Gitarre, dazu metallisch schimmernde Noises. Musik für einen Märchenwald, dessen Bewohner man vielleicht lieber bei Tageslicht kennenlernt.

Waldklang

Gefunden hat Christian Henson das ungewöhnliche Harfeninstrument in einem Folk-Musikgeschäft gegenüber dem Crow-Hill-Studio. Zum Glück besitzt die Konstruktion einen Tonabnehmer, denn akustisch ist sie ausgesprochen leise. Neben der Mikrofonierung kamen deshalb ein kleiner Verstärker und schließlich ein langsam rotierendes Leslie zum Einsatz (dennoch ist diese Library generell sehr leise, ein Pegel-Boost via Limiter ist in der Praxis also vonnöten)

Gerade diese Entscheidung ist musikalisch interessant. Die Bewegung des rotierenden Lautsprechers erweitert den gezupften Ton um eine räumliche Unruhe, die sich für schwebende Begleitfiguren anbietet. Die Psalterien ergänzen feinere, metallische Konturen; eines der beiden ist eigentlich zum Streichen gedacht, wurde hier aber ebenfalls gezupft.

Daraus entstehen zwölf Klangprogramme: solistische Varianten, unterschiedliche Ensemble-Kombinationen und sechs atmosphärische Pads. Die Zahl bezeichnet also verschiedene Aufbereitungen derselben drei Ausgangsinstrumente. Darin liegt eine Stärke des Konzepts: Einzelne Zupftöne und stärker bearbeitete Flächen bleiben klanglich miteinander verwandt und lassen sich als unterschiedliche Ebenen eines Arrangements denken.

Für einen intimen Indie-Folk-Song wäre etwa eine sparsame Begleitfigur naheliegend; in einem Fantasy-Score könnte dieselbe Klangfamilie anschließend den atmosphärischen Hintergrund übernehmen.

Bewegung zwischen den Saiten

Besonders spannend ist der TREMS-Regler. Er mischt bei vielen akustischen Klängen unregelmäßige Tonwiederholungen hinzu, deren Geschwindigkeit zwischen den einzelnen Noten variiert. Ein gehaltener Akkord kann dadurch kleine, wechselnde Figuren hervorbringen: Mal tritt dieser Ton hervor, dann ein anderer.

Für schwebende Texturen ist das ein reizvoller Ansatz. Allerdings verlangt er auch nach musikalischer Zurückhaltung. Wo bereits eine präzise rhythmische Begleitung arbeitet, können zusätzliche, frei laufende Wiederholungen schnell zu viel des Guten werden.

Filter sowie die Makros für Leslie, Delay, Sparkles und Splosh erlauben weitere Eingriffe. Interessant dürfte dabei gerade das Dosieren sein: genügend Bearbeitung für räumliche Tiefe, aber noch ausreichend Kontur, damit die ungewöhnlichen Saiteninstrumente ihren Charakter behalten.

Eigenwilliger Spezialist mit klaren Grenzen

Die Begrenzung von Forest Harps liegt vor allem in seiner bewusst engen Klangwelt. Aus der kleinen Besetzung entstehen unterschiedliche Perspektiven, eine umfassende Sammlung akustischer Instrumente sollte man hier aber keineswegs erwarten. Auch für die detailgetreue Umsetzung einer klassischen Konzertharfenpartitur ist dieses Konzept kaum die naheliegende Wahl.

Seine besondere Farbe verlangt zudem nach Platz im Arrangement. Zwischen dichten Gitarren, großen Streicherflächen und üppigen Synth-Layern dürften ausgerechnet jene feinen Details in den Hintergrund geraten, die das Instrument interessant machen. Als exponierte Stimme oder gezielt eingesetzte Ergänzung erscheint Forest Harps deshalb besonders sinnvoll.

Fazit

Kleine Besetzung, große Vorstellungskraft: Crow Hill Forest Harps überzeugt durch eine ungewöhnliche, musikalisch schlüssige Idee. Die Verbindung aus gezupften Naturmaterialien, metallischen Saiten und bewegten Texturen eröffnet reizvolle Möglichkeiten für Folk, Ambient und atmosphärisches Scoring. Der extrem begrenzte Umfang bleibt dabei ein Vorbehalt, die ausgeprägte Eigenart ein überzeugendes Argument. In Summe ein kleines Instrumentarium mit genügend Charakter, um aus einer unscheinbaren Begleitfigur den musikalischen Fingerabdruck einer Szene zu machen.