Glockenhell
erklingen die Stimmen der Sängerknaben. Klar, schwebend, beinahe körperlos
steigen sie über dem Arrangement auf; vielleicht ein Glockenspiel dazu, ein
paar zurückhaltende Streicher, die den Gesang tragen, ohne seine fragile
Schönheit zu überdecken. Es ist eine jener Klangkombinationen, deren emotionale
Wirkung man längst verinnerlicht hat. Kindheit, Geborgenheit, eine Welt, die
zumindest für die Dauer einiger Takte noch in Ordnung scheint. Ein Fest der
Reinheit.
Credit Bild: © Crow Hill Company
Oder nicht? Denn
dieselben Stimmen können eine vollkommen andere Geschichte erzählen. Ein leerer
Schulhof, ein schwach beleuchteter Korridor, eine Tür, hinter der eigentlich
niemand mehr sein dürfte. Der Chor singt weiter. An seinem Klang muss sich
dafür zunächst erstaunlich wenig ändern – es genügt mitunter, dass das Bild
seiner vermeintlichen Harmlosigkeit widerspricht. Was eben noch wohlig warm und
beinahe himmlisch wirkte, bekommt plötzlich etwas Beunruhigendes. Die Reinheit
bleibt hörbar, bloß traut man ihr nicht mehr.
Kontext ist
alles. Gerade im Horrorfilm gibt es eine lange Tradition, die „Stimmen der
Unschuld“ so gar nicht unschuldig klingen zu lassen. Der Effekt reicht dabei
über den naheliegenden Gegensatz von schönem Klang und schrecklichem Geschehen
hinaus: Kinderstimmen tragen eine Erwartung von Schutzbedürftigkeit in sich.
Sobald sie selbst zur Bedrohung werden, gerät etwas Grundsätzliches aus dem
Gleichgewicht und wenn man diese Stimmen dann noch mit Effekten verfremdet ist der
wohlige Schauer garantiert.
Das weiß auch
Christian Henson, der gemeinsam mit The Crow Hill Company ein Instrument für
diese akustische Grauzone vorlegt. Der zur Halloween-Saison vorgestellte Children’s
Choir macht das Kippen zwischen Schönheit und Unbehagen zu seinem eigentlichen
Thema. Oder, wie Henson es mit trockenem Humor formuliert: „There’s nothing
scarier than kids.“
Stimmen aus
der Zwischenwelt
Ganz Unrecht
hat der Mann damit nicht. Man denken an “Children of the Corn” oder natürlich „The
Omen“, wo das vermeintlich unschuldige Kind endgültig zur Projektionsfläche für
das Böse wird. Diese Filmreferenzen stecken das passende Terrain ab: Kinder,
deren Verhalten einer eigenen, für Erwachsene zunehmend undurchschaubaren Logik
folgt. Die Sängerknaben des Crow Hill Children’s Choir könnten durchaus aus
einem dieser Universen stammen – kleine Dämonen in äußerlich tadelloser
Verfassung, jederzeit bereit, gemeinsam aus einem verlassenen Internat zu
marschieren.
Das Spannende
dabei ist die Konsequenz des Konzepts. Hier steht ein Jungenensemble im
Zentrum, dessen Stimmen gezielt auf dem schmalen Grat zwischen kindlich,
sakral, schön und verstörend eingesetzt werden. Diese Spannung prägt das
Instrument schon, bevor man beginnt, sein Material weiter zu verfremden. Der
Chor bringt eine Atmosphäre mit. Und mit ihr den Verdacht, dass hinter der
nächsten sauberen Kadenz etwas lauert.
Horror FX
Das
dramaturgische Potenzial effektvoll eingesetzter Kinderchoräle ist enorm. Ihr
Klang kann religiös aufgeladen sein, entrückt, traurig oder von einer beinahe
schwerelosen Zuversicht. Im entsprechenden Zusammenhang bekommt er dagegen
etwas vollkommen Falsches – als würde eine vertraute musikalische Geste an
einem Ort erklingen, an den sie unmöglich gehören kann. Genau diese Irritation
ist für einen Score ausgesprochen wertvoll.
Crow Hill
nähert sich dem Thema über einen akustischen Baukasten. Unterschiedliche
Gesangsfarben, kurze Ereignisse, Konsonanten und Vokalkombinationen lassen sich
über Keyswitches beziehungsweise das Singing-Style-Menü abrufen. Der
Schwerpunkt liegt auf unmittelbar verwendbarem Ausdrucksmaterial. Wer hier vor
allem eine möglichst umfangreiche Sammlung neutraler Sustains oder einen
ausgeklügelten Word Builder erwartet, geht mit einer anderen Vorstellung an das
Instrument heran.
Für den
kompositorischen Zugriff ist diese Direktheit durchaus reizvoll. Statt zunächst
eine aufwendige Sprachsimulation zu programmieren, arbeitet man mit
Klanggesten: ein kurzer Einsatz, eine instabile Tonhöhe, eine plötzlich
aufflammende Gruppe von Stimmen. Solche Elemente können innerhalb einer Szene
bereits sehr viel erzählen. Man muss sie lediglich an die richtige Stelle
setzen – und ihnen gelegentlich auch den Raum lassen, für sich allein zu
wirken.
Besonders
interessant sind in diesem Zusammenhang die Wavering-Artikulationen. Die
Stimmen wandern um ihr tonales Zentrum, halten den Ton nicht vollkommen ruhig
und bekommen dadurch etwas Kindliches, Unsicheres. Einzeln eingesetzt lässt
sich darin noch eine gewisse Fragilität hören. Überlagert man mehrere dieser Bewegungen,
entsteht dagegen eine Unruhe, die sich harmonisch kaum beruhigen will. Der
Akkord steht, doch in seinem Inneren stimmt etwas nicht.
Rises, Falls und verschiedene Shorts
erweitern dieses Vokabular um aufsteigende, absinkende und kurze Gesten. Dazu
kommt die expressive Shouts-Ebene, mit der ein zuvor zurückhaltender
Chor plötzlich eine ganz andere Entschlossenheit entwickeln kann. Gerade für
Übergänge zwischen latenter Bedrohung und offenem Ausbruch ist das ein
reizvolles Element.
Entsprechend
zentral fällt die Expression-Steuerung aus. Sie verändert neben dem Pegel auch
den Klangcharakter, einschließlich einer leichten Filterung. Über einen zweiten
Controller lässt sich die Shout-Ebene zusätzlich hineinmischen. Damit wird aus
einem gehaltenen Klang eine kleine Entwicklung: Die Stimmen treten hervor,
gewinnen an Intensität, sammeln sich zu etwas, das zunehmend einen gemeinsamen
Willen zu besitzen scheint. Im passenden Arrangement klingt das dann weniger
nach einem abgelegten Chor-Sample als nach einer Gruppe Kinder, die gerade
beschlossen hat, zusammen etwas sehr Unangenehmes zu tun.
Drei
Partials, drei Perspektiven
Die drei Partials
eröffnen unterschiedliche Perspektiven auf das Material. Ihr Reiz liegt darin,
dass sich beim Mischen auch die räumliche und körperliche Wirkung des Chors
verschiebt. Die Stimmen können unmittelbar vor einem stehen, zusätzliches
Gewicht entwickeln oder in eine schwerer greifbare Entfernung rücken.
Besonders
eigenwillig ist Pitched: eine künstlich gedehnte, nach unten oktavierte
Ebene, deren hörbare Bearbeitung ausdrücklich zum Charakter gehört. Die
Artefakte geben dem Material etwas Fremdes. Unter den kindlichen Stimmen
erscheint ein Schatten, der sich zwar mit ihnen bewegt, aber nicht ganz zu
ihren vermeintlichen Körpern passen will.
Gerade beim
Kombinieren mit Streicher-Libraries ist dieser Ansatz interessant. Das
zusätzliche Fundament kann eine Verbindung zwischen dem schwebenden Gesang und
einem dichteren instrumentalen Arrangement herstellen. Der Chor bekommt Masse,
ohne dass man seine Präsenz ausschließlich über den Pegel erzwingen muss. Es
ist jene Sorte Layer, die zunächst fast zu auffällig erscheint und deren
Funktion sich besonders deutlich zeigt, sobald man sie wieder herausnimmt.
Distant verschiebt die Perspektive in die
andere Richtung. Hier kommt eine im Sample enthaltene Raumkomponente hinzu, die
den Gesang aus seiner unmittelbaren Nähe löst. Sie gehört zur aufgenommenen
Ebene und verhält sich damit anders als ein nachträglich zugeschalteter
Standardhall. Gerade beim Loslassen der Tasten werden die Nachwirkungen
interessant: Der musikalische Einsatz endet, während seine räumliche Spur noch
einen Moment bleibt.
Für
atmosphärische Musik ist diese Ausklangphase oft ebenso wichtig wie der
eigentliche Ton. Sie entscheidet mit darüber, ob ein Ereignis abgeschlossen
wirkt oder im Raum hängen bleibt. Bei einem Kinderchor kann daraus eine
besonders unangenehme Frage entstehen: Haben die Stimmen aufgehört – oder hört
man sie bloß nicht mehr deutlich genug?
Auch die
Effektsektion führt diesen Gedanken weiter. Ein breiter Chorus erweitert das
Klangbild, Chop bringt einen unregelmäßig wirkenden, zerhackten
Charakter ins Material, und Splosh bündelt die räumliche Positionierung
in einer Makrosteuerung. Mit Daemons wartet schließlich eine
entsprechend bizarre Effektkette darauf, die letzten Reste eines gewöhnlichen
Chorarrangements hinter sich zu lassen. Der Name ist hier eine recht brauchbare
Vorwarnung. Im Kinderzimmer würde man das Ergebnis vermutlich eher nicht
ausprobieren.
Die Presets
eignen sich dabei als Starting Points. Sie führen vor, welche Beziehungen
zwischen Artikulationen, Partials und Effekten möglich sind, und liefern damit
Anstöße für eigene Kombinationen. Gerade bei einem so stark charakterisierten
Instrument ist das sinnvoll: Ein Preset kann eine Szene eröffnen. Wie sich
diese Szene entwickelt, bleibt Sache des Komponisten.
You Can’t Always Get What You Want
Dass der User
dennoch – frei nach Mick Jagger – nicht alles bekommt, was er will, hängt mit
der zentralen Entscheidung hinter diesem Instrument zusammen. Die stark
bearbeiteten und deutlich charakterisierten Voices machen den Children’s Choir
zu einem Spezialisten.
Für Horror,
Thriller, Mystery und Dark Fantasy ist das ein naheliegender Vorteil.
Verlassene Internate, okkulte Zeremonien, ein nächtlicher Kinderchor irgendwo
hinter den Bäumen: Das klangliche Personal für derartige Szenarien ist
vorhanden. Bei einem warmen, klassischen Film-Score, in dem die Kinderstimmen
tatsächlich Geborgenheit vermitteln sollen, kann dieselbe Eigenständigkeit
allerdings zur Einschränkung werden.
Ein paar
deutlich cleanere, weniger verfremdete Varianten wären deshalb willkommen
gewesen. Gerade weil die Grundidee so viel Potenzial besitzt, würde man
gelegentlich gerne weiter zurückgehen können – bis zu jenem Punkt, an dem die
Stimmen vollkommen natürlich wirken und erst durch ihren Einsatz unheimlich
werden.
Man denke an
den verstörend schönen kindlichen Gesang in Profondo Rosso. Der
Schrecken entsteht dort wesentlich aus dem Zusammenhang, in dem ein an sich
vertrauter Klang auftaucht. Seine Harmlosigkeit bleibt Teil der Wirkung. Man
hört etwas, das beruhigen könnte, und weiß zugleich, dass Beruhigung die
denkbar falsche Reaktion wäre.
Genau diese
Zwischenzone hätte dem Crow-Hill-Instrument zusätzliche dramaturgische
Möglichkeiten gegeben. Denn je eindeutiger ein Sound bereits „Horror“
signalisiert, desto weniger muss die Szene selbst noch zu seiner Verwandlung
beitragen.
Trotzdem ist der Children’s Choir ein ziemlich cooles Konzept mit einer ausgeprägten klanglichen Identität. Seine kuratierte Auswahl bringt bereits Geschichten mit, ohne deren Verlauf vollständig festzulegen. Ein einziger Akkord kann genügen, um eine scheinbar eindeutige Einstellung umzudeuten. Eben war da noch ein Haus. Jetzt würde man lieber nicht hineingehen.
Für die Scary
Season ist das eine ausgesprochen passende Library – und für den nächsten
Horrorfilm ein Instrument, das man durchaus im Hinterkopf behalten sollte.
Fazit
Wer einen
spezialisierten Chor für die dunkleren Ecken von Film, TV und Game Audio sucht,
findet hier vor allem eine konkrete dramaturgische Farbe. Der Children’s Choir
ergänzt das kompositorische Vokabular dort, wo sauber gesungene Aahs und Oohs
allein die gewünschte Atmosphäre noch nicht herstellen. Seine Stärke liegt in
jenem Moment, in dem ein schöner Klang eine verstörende Eigenschaft entwickelt,
die man zunächst eher spürt als eindeutig benennen kann.
Ein paar
schwebende Stimmen, ein leicht verschobenes tonales Zentrum, etwas Gewicht aus
der Pitched-Ebene und ein Hauch Distanz: Aus diesen Zutaten lässt sich eine
Spannung entwickeln, die keinen permanenten Schockeffekt braucht. Schönheit und
Bedrohung bleiben gleichzeitig hörbar. Genau diese Reibung ist das eigentliche
Instrument.
Die Kehrseite
gehört allerdings zum Urteil dazu. Für einen möglichst neutralen, sauber
intonierten Kinderchor im klassischen Score sind die charakterisierten Voices
nur bedingt die erste Wahl. Etwas mehr tatsächliche Unschuld hätte das Spektrum
erweitert. Manchmal ist eben ein vollkommen normal singendes Kind im falschen
Moment beunruhigender als ein ganzer Chor offensichtlich dämonischer Stimmen.
Doch die klare
Ausrichtung gibt dem Children’s Choir auch seinen Wiedererkennungswert. Wer
schon einmal eine Horrorszene vertont hat, kennt die Suche nach jenem einzelnen
Klang, der plötzlich alles zusammenbringt: das Bild, die unausgesprochene
Bedrohung, die Erwartung des Publikums. Eine spezielle Farbe kann dabei
wertvoller sein als eine weitere Library, die von allem ein bisschen
beherrscht.
Also: Licht
aus, Kopfhörer auf und Kinderchor an.Das passt zur Scary Season. Und vielleicht
schon zum nächsten Horror-Film-Score.