Samstag, 17. Oktober 2026

SOUNDS OF HORROR: Sample Libraries für jene, die auszogen das Fürchten zu vertonen

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Die Scary Season ist wieder da. Das verrät nicht nur ein Blick auf den Kalender, sondern auch die alljährliche Horror-Offensive der Streaming-Anbieter und Kinos. Halloween naht. Und damit jene Jahreszeit, in der selbst ansonsten ausgesprochen gemütliche Wohnzimmer plötzlich zum Schauplatz unheimlicher Aktivitäten werden, besessene Kinder ihr Unwesen treiben und Menschen trotz sämtlicher Warnzeichen unbedingt noch einmal allein in den Wald gehen müssen. Natürlich mitten in der Nacht. Und vorzugsweise mit einem Handy, dessen Akku spätestens beim ersten verdächtigen Geräusch den Geist aufgibt.

Die alptraumhaften Bilder und blutigen Grand-Guignol-Einfälle des Genres sind dabei das eine. Doch was wäre all das ohne den passenden Soundtrack? Ein Schatten an der Wand ist zunächst einmal nur ein Schatten. Erst ein kaum wahrnehmbares Dröhnen, ein verstimmtes Kinderlied oder ein dissonanter Streichercluster machen daraus jenen Moment, in dem man sich unwillkürlich etwas tiefer in den Sessel drückt. 

Alfred Hitchcock soll den Anteil von Bernard Herrmanns Musik an der Wirkung des ersten „Psycho“ einmal ziemlich konkret beziffert haben: „Thirty-three percent of the effect of Psycho was due to the music.“ Ausgerechnet die berühmte Duschszene hatte der Regisseur ursprünglich ohne Musik vorgesehen, ehe Herrmann ihn überzeugen konnte. Eine Entscheidung, für die nicht nur Generationen von Filmkomponisten dankbar sein dürften. Man stelle sich umgekehrt John Carpenters „Halloween“ ohne die drohende Präsenz der Synthesizer vor. Die Vorstadt wäre vermutlich immer noch kein besonders sicherer Ort. Aber sie würde deutlich weniger nach unmittelbar bevorstehendem Unheil aussehen. Oder vielmehr: klingen.

Kaum ein anderes Filmgenre versteht es also so meisterhaft, mit unseren Erwartungen, Urängsten und vor allem unserer Fantasie zu spielen. Und die Musik ist dabei weit mehr als bloß atmosphärisches Beiwerk. Sie kündigt Unheil an, lange bevor es sichtbar wird, lässt vermeintlich harmlose Situationen bedrohlich erscheinen und sorgt mitunter dafür, dass uns selbst bei ausgeschaltetem Fernseher noch ein kalter Schauer über den Rücken läuft.

Moderne Scores haben für dieses Unbehagen ein beträchtliches Vokabular entwickelt. Zu Nackenhaar aufstellenden Themen, Dissonanzen und Crescendi kommen Texturen, fragile Übergänge und hybride Klangwelten, die sich während des Hörens verändern. Für Komponisten werden damit auch Instrumente interessant, deren Material bereits Bewegung, Instabilität und innere Unruhe mitbringt. Für Filmkomponisten ist das ein ebenso reizvolles wie anspruchsvolles Betätigungsfeld, denn hier darf die Musik auch einmal sämtliche Konventionen über Bord werfen. Und wer sich auf die Suche nach den passenden Klängen begibt, findet mittlerweile eine ganze Reihe von Sample Libraries, die eigens dafür geschaffen wurden, das Fürchten zu vertonen.

Ein paar der besten und unheimlichsten in diesem Segment kommen aus Deutschland, genauer gesagt von Orchestral Tools, die mit ebenso ungewöhnlichen wie vielfältigen Libraries quasi die ganze Klaviatur des Entsetzens bespielen. 

Natürlich bietet keine dieser Libraries „Cheap Thrills“. Wir sitzen hier schließlich nicht in der günstigsten Mitternachtsvorstellung eines heruntergekommenen Grindhouse-Kinos, sondern im gediegenen Arthouse-Theater bei der exklusiven Galapremiere eines A24-Streifens. Entsprechend tief muss man für diese Premium-Libraries in die Tasche greifen. Spannender als die Frage nach dem Eintrittspreis ist allerdings, wie viel Angst und Schrecken sich mit ihnen tatsächlich verbreiten lässt – und dies sei ganz ohne Spoiler schon jetzt verraten: Auf der klinischen Hamilton-Angstskala bewegen sich alle im eher ungesunden Bereich, was in Sachen Horror-Scoring mehr als erstrebenswert ist.

HEDDAL – Wenn der Wald zurückflüstert

Credit Bild:© Orchestral Tools
Den Anfang macht eine Collection, deren Aufnahmeort bereits einen ziemlich brauchbaren Ausgangspunkt für einen Folk-Horror-Film liefern würde. Denn im Wald, da sind die Räuber – und vermutlich noch ganz andere Dinge.  Heddal wurde in der gleichnamigen norwegischen Stabkirche aufgenommen. Der Sage nach war an deren Errichtung ein Troll namens Finn beteiligt, der das Bauwerk innerhalb von drei Tagen fertigstellen sollte. Der Preis für seine Arbeit fiel allerdings etwas ungewöhnlicher aus als die Rechnung eines örtlichen Handwerksbetriebs. Sonne und Mond oder Menschenblut standen unter anderem zur Diskussion. Man ahnt: Die Vertragsbedingungen sollte man hier besser vollständig lesen.

Als gedanklicher Hintergrund für eine Library mit nordischer Klangidentität funktioniert diese Sage jedenfalls ausgezeichnet. Zum Instrumentarium gehören nordische Exoten wie anderem Nyckelharpa, Tagelharpa und Hardangerfiedel, außerdem Kantele, Langeleik, Seljefløyte und Bukkehorn. Solistische Farben treffen auf ungewöhnlich zusammengestellte Ensembles; zu den  Spielweisen zählen unregelmäßige Tremoli, Biegungen, flüsternde und aleatorische Texturen. Eine zusätzliche Sounddesign-Ebene verarbeitet das Ausgangsmaterial etwa durch Umkehrung, Tape- beziehungsweise Cassette-Bearbeitung, Synthese und Resonatoren.

Schon diese Auswahl eröffnet einen ganz anderen Zugang als eine klassische Horror-Streicher-Library. Hier führt der Weg ins Unheimliche über eine musikalische Landschaft, in der etwas Altes und nur halb Vertrautes gegenwärtig bleibt. Holz, SYnth-Sounds und gestrichene Saiten können zunächst enorme Nähe herstellen – und genau dadurch irritieren, sobald ihre Bewegungen plötzlich nicht mehr ganz natürlich erscheinen.

Gedanklich ist man schnell beim Folk Horror à la Robert Eggers oder bei der trügerischen Helligkeit von Midsommar, wo das Grauen bekanntlich keinen finsteren Keller benötigt. Manchmal reichen ein sonniger Tag, ein freundliches Lächeln und das unterschwellige Gefühl, dass alle anderen längst etwas wissen, was einem selbst noch niemand erklärt hat.

Heddals Konzept wirft entsprechend interessante Fragen auf: Wie lässt sich eine Landschaft musikalisch beleben? Wie bekommt eine Tradition einen bedrohlichen Unterton? Und wann kippt ein zunächst schöner Klang ins Befremdliche?

Die Vorstellung von Schwärmen, Moornebel und einem verwunschenen Norden passt hier wesentlich besser als der nächste möglichst gigantische Braaam. Für solche Bilder braucht es keineswegs zwingend plakative Sounds. Eine unstete musikalische Textur kann dem Zuhörer durchaus einreden, dass sich zwischen den Bäumen etwas bewegt – obwohl auf der Leinwand noch kein einziges Monster zu sehen ist.

Heddal verspricht deshalb vor allem dort interessante Möglichkeiten, wo Schönheit und Bedrohung miteinander verbunden werden sollen. Ein einzelnes fragiles Motiv kann dabei mehr leisten als das komplette Ensemble im Dauerbetrieb.

Und dann besitzt diese Library tatsächlich Sounds, wie ich sie in dieser Form noch in keiner anderen VI-Collection gehört habe: Orchestral Tools hat hier allen Ernstes Geräusche des Moors spielbar gemacht. Was zunächst fast nach einem Gag klingt, fügt sich erstaunlich schlüssig in das Konzept. Denn gerade diese diffuse Mischung aus Naturgeräusch, Textur und musikalischem Material verwischt die Grenze zwischen Score und Sounddesign auf eine Weise, die für Horror enorm ergiebig ist. Wenn man irgendwann nicht mehr sicher sagen kann, ob das gerade ein Instrument, Wind, Wasser oder etwas Lebendiges war, hat die Library ihre Aufgabe bereits ziemlich gut erfüllt.

KORVEN – Angstmaschine ohne Ausschaltknopf

Credit Bild:© Orchestral Tools
Mark Korven zählt zu den profiliertesten und eigenwilligsten Stimmen des zeitgenössischen Horrorfilms. Mit seinen Soundtracks zu The VVitch, The Lighthouse,The Black Phone oder Them hat sich der kanadische Komponist einen festen Platz im Genre erspielt und dabei eindrucksvoll bewiesen, dass es nicht immer eines ausgewachsenen Orchesters bedarf, um dem Publikum das Fürchten zu lehren. Seine Spezialität sind ungewöhnliche Klangfarben, verstörende Texturen und eine musikalische Sprache, die sich häufig irgendwo zwischen Musik, Sounddesign und akustischem Albtraum bewegt. Wer könnte also besser geeignet sein, einer ausdrücklich für Horror-Scoring konzipierten Sample Library seinen klanglichen Stempel aufzudrücken?

Seine gemeinsam mit Orchestral Tools entwickelte Signature-Collection zählt entsprechend zu den stärksten und unheimlichsten Libraries dieses Feldes. 622 spielbare Instrumente und Patches stehen zur Verfügung, darunter zahlreiche geschichtete und aufwendig bearbeitete Klanggebilde. Eine zentrale Rolle spielt Korvens eigene Apprehension Engine – jenes akustische Spezialinstrument, dessen Name bereits ziemlich unmissverständlich erklärt, wofür es gebaut wurde. 

Korvens Filmmusik interessiert sich häufig für das Unbehagen, das entsteht, wenn Klang seine vertraute Funktion verliert. Etwas wird gestrichen, angeregt, gekratzt oder in Schwingung versetzt – aber die akustische Ursache bleibt für den Zuhörer undeutlich.Für Horror ist das eine ziemlich ergiebige Ausgangslage. Ein sauber identifizierbarer Synthesizer-Sound lässt sich mental rasch einsortieren. Ein Geräusch, das irgendwo zwischen Instrument, Tierlaut, Insektenschwarm und beschädigter Mechanik liegt, beschäftigt das Ohr wesentlich länger. Gerade diese fehlende Zuordenbarkeit erzeugt Unruhe: Der Klang ist hörbar real, aber seine Ursache bleibt außerhalb des Bildes.

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die Kategorie Orchestral Metamorphosis. Hier lassen sich Klangschichten per Modulationsrad ineinander überblenden. Korven empfiehlt zudem ausdrücklich einen erkundenden Umgang mit dem Material; ein erheblicher Teil der Patches ist überhaupt nicht dafür gedacht, auf klassische Weise Melodien abzuspielen.

Alptraumhafte Noises oder von Verwesung zeugende Insekten-Sounds betreten auch im VI-bereich durchaus Neuland. Wer also eine traditionelle Orchester-Library mit Sound-Effekten erwartet, in der jede Artikulation einer klar umrissenen musikalischen Aufgabe dient, muss umdenken. Hier geht es oft um kontrolliertes Chaos. Ein langer, eigenwilliger Klangverlauf ist hier bereits ein kleines dramaturgisches Ereignis. Seine Entwicklung muss zur Szene passen – und darf möglicherweise auch einmal ganz bewusst gegen sie arbeiten.

Dabei kann gerade ein zurückhaltend eingesetztes Detail besonders wirkungsvoll sein. Ein Kratzen am Rand der Wahrnehmung. Ein fast organisch wirkendes Schwirren wie ein unsichtbarer Insektenschwarm. Ein Übergang, bei dem ein vertrauter Klang allmählich durch etwas Fremdes ersetzt wird. Eine Bewegung, deren Ende man nicht vorhersehen kann.

Korven ist ein ausgesprochen eigenständiges Werkzeug für alle, die das Fürchten vertonen möchten. Der Reiz liegt dabei in den dramaturgischen Möglichkeiten: Ein Klang kann zunächst nur leise am vermeintlichen Frieden einer Szene kratzen, sich allmählich in den Vordergrund drängen und schließlich das gesamte Geschehen bestimmen. Gerade für diese Entwicklung von unterschwelligem Unbehagen zu handfester Bedrohung liefert die Library ein charaktervolles Instrumentarium, das zu eigenen musikalischen Ideen einlädt.

Damit ist Korven eine reizvolle Bereicherung für den Scoring-Alltag – besonders dort, wo Musik und Sounddesign gemeinsam eine Atmosphäre schaffen sollen, die den Zuschauer auch nach dem Abspann noch beschäftigt. Wenn der nächste Horrorfilm bereits vor seinem ersten sichtbaren Schrecken unter die Haut gehen soll, ist dieses Instrument eine ausgesprochen gute Besetzung.

Diese Library eignet sich besonders für Musiker, die das Unberechenbare selbst komponieren wollen. Und deshalb gehört sie für mich auch ganz klar zu meinen liebsten Libraries in diesem Bereich.

DRONES – Der Schrecken bleibt einfach stehen

Credit Bild:© Orchestral Tools
Nicht jede Bedrohung kommt näher. Manche ist bereits da. Im Raum. Im Boden. Im Kopf. Drones, entwickelt mit Alexander Hacke, beschäftigt sich genau mit solchen anhaltenden Klangzuständen. Dass Hacke unter anderem mit den Einstürzenden Neubauten verbunden ist, vermittelt bereits eine gewisse Vorstellung davon, in welche Richtung diese Library geht.

Die Collection bietet lange, überwiegend chromatisch spielbare Drones in unterschiedlichen Intensitäten. Zu den Ausgangs-Sounds gehören unter anderem Gitarren mit E-Bow beziehungsweise Feedback, Synthesizer, tiefe Streicher, Posaunen, Männerchor, Drehleier, Tanpura und E-Bow-Piano. Neben ausgearbeiteten Klanggebilden stehen auch einzelne Bausteine zur Verfügung, die sich für eigene Kombinationen nutzen lassen. Mit Arkanum kam zudem eine Erweiterung mit 33 von Hacke selbst gestalteten Sounds hinzu.

Der Name Drones könnte zunächst eine etwas undankbare Erwartung wecken: Taste drücken, düsterer Dauerton, fertig ist das Suspense-Underscore. Drone vermag dies beipsilhaft - kann jedoch noch mehr.

Das wäre dramaturgisch allerdings ziemlich kurz gedacht. Ein anhaltender Ton verändert die Wahrnehmung der Zeit. Er kann einer Szene einen Boden geben, unter dem etwas weiterarbeitet, während die Figuren scheinbar vollkommen gewöhnliche Dinge tun. Sobald dieser Boden instabil wird, verändert sich auch das Bild darüber.David Lynchs Eraserhead ist für diese Denkweise ein naheliegender filmischer Bezugspunkt. Dort gehört das akustische Unbehagen zur Welt selbst. Man wartet nicht nur auf ein Ereignis; bereits die Umgebung scheint sich permanent in einem Zustand zu befinden, in dem etwas grundsätzlich nicht stimmt.

Fürs Scoring ergibt sich daraus eine reizvolle Aufgabe: Wie viel Bewegung braucht ein scheinbar stehender Klang? Ein kleiner Wechsel der Gewichtung kann bereits genügen. Ein zweiter Ton kann aus einer neutralen Fläche plötzlich eine Reibung machen. Und das Ende einer Drone kann mindestens so bedeutungsvoll sein wie ihr Beginn.

Ein dichter, lang gehaltener Klang beansprucht allerdings Platz – musikalisch ebenso wie im Mix. Unter Dialog, Geräuschen und weiteren Instrumenten kann aus bedrohlicher Präsenz schnell eine permanente akustische Überfüllung werden. Dann bleibt dem Zuhörer kaum noch Gelegenheit, einzelne Veränderungen überhaupt als bedeutsam wahrzunehmen.

Die Möglichkeit, eigene Schichten zusammenzustellen, ist hier deshalb konzeptionell besonders wertvoll. Sie erlaubt wesentlich gezieltere Entscheidungen über Register, Dichte und Funktion, als es eine ausschließlich fertig arrangierte Atmosphäre tun würde.Drones eignet sich damit ideal für jene Szenen, in denen man die Gefahr noch nicht zeigen möchte, ihre Anwesenheit aber bereits spürbar machen will. Der Komponist muss dabei nur den Mut behalten, den Klang irgendwann auch wieder zurückzunehmen.

Und von allen hier vorgestellten Libraries ist Drones vielleicht jene, die am wenigsten ausschließlich an Horror gebunden bleibt. Dieselben Flächen und Texturen, die unter einem verstörenden Film funktionieren, können ebenso in zeitgenössischer Pop-, Rock-, Industrial- oder Ambient-Produktion ihren Platz finden. Gitarrenfeedback, E-Bows, Stimmen und organische Schichten besitzen schließlich eine musikalische Existenz weit jenseits des nächsten Exorzismus.

Das macht die Collection besonders interessant: Sie ist im Horror zuhause, aber keineswegs darin gefangen.

GRIMM – Es war einmal....

Credit Bild:© Orchestral Tools

Die Brüder Grimm sind beliebt, berühmt – und je nach Märchen auch ein klein wenig berüchtigt. Wer sich nur an die weichgespülten Versionen mancher Kinderbuchausgabe erinnert, vergisst leicht, wie finster, brutal und stellenweise erstaunlich wenig jugendfrei die ursprünglichen Geschichten sein konnten. Für den einen oder anderen Klassiker hätte man bei konsequenter Umsetzung vermutlich durchaus über eine FSK 16 diskutieren können.Das Genre Grimdark wiederum ist im modernen Bücherregal längst eine feste Größe. Dark Fantasy, Königreiche sind korrumpiert, Helden moralisch zumindest diskussionswürdig und der Wald ist grundsätzlich kein Ort, an dem man unbeaufsichtigt spazieren gehen sollte.

Genau in beide Richtungen schielt die Orchestral-Tools-Library Grimm. Sie kann sich in einem Game of Thrones-artigen Fantasy-Universum ebenso zuhause fühlen wie in einem modernen, progressiven Horrormärchen, bei dem man der vermeintlich guten Fee besser nicht sofort vertrauen sollte.

Mit Grimm wenden sich Orchestral Tools und das Komponistenkollektiv Bleeding Fingers Music einer Klangwelt zu, die historische Instrumente mit zeitgenössischem Scoring verbindet. Die Collection setzt auf sechs kleine, jeweils dreiköpfige Ensembles. Zum Instrumentarium gehören unter anderem Tagelharpa, Lauten, Drehleier, historische Posaunen, Flöten und Streicher; melodische, texturale und aleatorische Spielweisen werden durch bearbeitete Klänge ergänzt.

Im offiziellen Entstehungsbericht wird deutlich, dass das historische Material bewusst ziemlich unhistorisch behandelt wurde. Bei einzelnen Flötenaufnahmen entfernte man beispielsweise die Mundstücke, um andere Luft- und Geräuschanteile hervorzubringen. Auch die Verbindung alter Instrumente mit einer raueren, teilweise vom Rock beeinflussten Ästhetik gehörte zum Konzept.

Für einen Gitarristen wie mich ist das ein ausgesprochen sympathischer Ansatz. Historische Klangquellen müssen schließlich nicht automatisch höfisch korrekt und mit ehrfürchtig gesenktem Blick präsentiert werden. Auch eine Drehleier darf etwas zu sagen haben, das sich nicht für das nächste Burgfest eignet.

Die kleinen Ensembles sind dabei eine besonders interessante Entscheidung. Ein riesiger orchestraler Apparat kann Bedrohung monumental machen. Eine überschaubare Gruppe von Spielern vermittelt dagegen viel eher den Eindruck, dass hier tatsächlich Menschen gemeinsam etwas ausführen. Die Musik wirkt dadurch näher, unmittelbarer – und mitunter eben auch unangenehm nah.

Die Verbindung zu Heddal ist naheliegend. Beide Collections arbeiten mit Instrumenten, deren kulturelle beziehungsweise historische Herkunft unsere Wahrnehmung entscheidend beeinflusst. Heddal zeichnet stärker eine nordische Landschaft; Grimm öffnet dagegen eine breitere, historisch inspirierte Fantasiewelt  die dreckig und richtig unheimlich klingen kann.

Als dramaturgische Farbe bleibt Grimm ausgesprochen reizvoll: für düstere Märchen, beschädigte Königreiche, heidnische unheimliche Rituale und Geschichten, in denen hinter dem vermeintlich Vertrauten etwas wesentlich Älteres lauert.Also hört gut zu, ihr lieben Kinder, es war einmal. Ob man danach noch ruhig schläft, ist eine andere Frage.

SPLINTER – Wenn die Idylle Risse bekommt

Credit Bild:© Orchestral Tools
: Es muss nicht immer das typische Horror-Instrumentarium zwischen musikalischem Insektenschwirren à la Korven und zombieartigen Moorgeräuschen aus Heddal sein, um beim Zuschauer beziehungsweise Zuhörer den kalten Schweiß ausbrechen zu lassen.Manchmal ist das wesentlich Unheimlichere ein Klang, den man eigentlich kennt – der sich nur plötzlich falsch verhält.

Genau aus dieser Reibung zieht Splinter einen beträchtlichen Teil seines Reizes. Vertrautes trifft auf Fremdes, akustische Instrumente geraten aus ihrer vorgesehenen Rolle und ein scheinbar normales Kammerensemble entwickelt langsam Eigenschaften, bei denen man lieber nicht mehr allzu genau nachfragen möchte. Willkommen in der Kammer der peculiar sounds.

Auch daraus lässt sich ausgesprochen eigenwilliger Horror bauen. Man denke nur an jene moderne Arthouse-Horror-Schule, für die Studios wie A24 in den vergangenen Jahren beinahe zum Synonym geworden sind: weniger Geisterbahn, mehr latentes Unbehagen; weniger Monster im Türrahmen, mehr die Frage, warum der Raum plötzlich so merkwürdig klingt.Genau dafür ist Splinter hervorragend geeignet.

Streicher mit prononciert aggressivem Sustain kippen über das Modwheel allmählich in beinahe synthetische Klangwelten. Brutales, fast Neil-Young-artiges Gitarrenfeedback trifft auf Violas, während bewusst lo-fi gehaltene Spielzeugtrommeln Geräusche produzieren, die irgendwo zwischen Kinderzimmer und sehr schlechter Vorahnung liegen.

Ein Streicherklang, dessen Tonhöhe langsam aus der Spur gerät, kann einem scheinbar harmlosen Bild jede Sicherheit nehmen. Gerade die Zwischenräume und eine unsichere Intonation bekommen dabei eine beinahe körperliche Präsenz. Eine interessante gedankliche Nachbarschaft für Splinter, mit dem Orchestral Tools das Kammerensemble auf ausgesprochen eigenwillige Abwege schickt.

Diese Sample Library versammelt jeweils zwei Violinen, Bratschen und Celli sowie einen Kontrabass. Dazu kommen Ondes Martenot, ein verstimmtes Pianino, E-Gitarre, Bass und Banjo, ein Drumkit sowie allerlei Percussion bis hin zu Spielzeug und Schrottplatz-Fundstücken. Schon diese Besetzung lässt erahnen, dass hier ein Ensemble mit durchaus ungewöhnlichen musikalischen Umgangsformen zusammenfindet.

Besonders reizvoll ist der Umgang mit den Instrumenten: Gitarren werden gestrichen, Streicher mit dem Plektrum bearbeitet; Nebengeräusche und Unregelmäßigkeiten gehören ausdrücklich zum Material. Hinzu kommen über das Modwheel steuerbare Glissandi und Cluster. Gerade ein kontrollierbares Gleiten zwischen Tonhöhen bietet für Suspense wesentlich mehr als einen hübschen Spezialeffekt. Man kann einen zunächst stabilen Klang schrittweise aus dem Gleichgewicht bringen, während sich im Bild noch überhaupt nichts verändert. Der Zuschauer hört bereits, dass etwas nicht stimmt. Die Figur im Film weiß davon selbstverständlich noch nichts.

Auch die Ondes Martenot, ein frühes elektronisches Musikinstrument, passen bestens in diese Gesellschaft. Unterschiedliche Legato-Varianten, Effektklänge und ein zusätzlicher resonierender Lautsprecherkanal erweitern ihre Ausdrucksmöglichkeiten; 50 mehrschichtige Sounddesign-Patches ergänzen das Ensemble. Aufgenommen wurde im Saal 3 des Funkhauses Berlin, mit bis zu elf Mikrofonpositionen und einem separat regelbaren Hallkammerkanal. Für die musikalische Erzählung eröffnet diese räumliche Kontrolle einen interessanten Spielraum: Ein Geräusch unmittelbar vor dem Hörer wirkt vollkommen anders als derselbe Laut aus einer kaum bestimmbaren Entfernung. Gerade im Horrorfilm ist die Frage, wo etwas lauert, schließlich oft mindestens so unangenehm wie die Frage, was da eigentlich lauert.

Allerdings verlangt ein solches Instrumentarium nach Fingerspitzengefühl. Wer jede Phrase mit einer weiteren Merkwürdigkeit versieht, riskiert, dass sich das Ohr schnell an den Ausnahmezustand gewöhnt. Die stärkere Idee besteht häufig darin, einzelnen Klängen Platz zu lassen und ihre Eigenheiten gezielt gegen eine vergleichsweise schlichte musikalische Umgebung zu setzen.

Ein verstimmtes Klavier muss schließlich nicht automatisch nach Spukhaus klingen. Es kann ebenso Erinnerung, Verlust oder eine brüchige Form von Vertrautheit vermitteln. Genau deshalb funktioniert Splinter nicht nur dann, wenn im Bild bereits Blut von der Wand tropft. Vielleicht ist die Library sogar noch interessanter in jenem Moment davor, in dem eigentlich alles normal aussieht und man trotzdem spürt, dass irgendetwas aus dem Lot geraten ist.

Darin liegt für mich das eigentliche dramaturgische Potenzial dieses Konzepts. Splinter bietet Material für jene Zwischenzone, in der Melancholie langsam in Unbehagen übergeht, Schönheit einen Riss bekommt und vertraute Klänge ihre Unschuld verlieren.

Für den nächsten Horror-Score ist das eine ausgesprochen interessante Farbe – besonders für jene Szene, in der noch alle glauben, sie seien in Sicherheit bevor der Schrecken bzw. die Dissonanz einsetzt.

Fazit

Gemeinsam ist allen fünf Libraries damit vor allem eines: Sie verstehen Horror nicht bloß als Sammlung spektakulärer Schockeffekte .Und genau darin liegt ihre Stärke. Sie liefern auf höchstem Sampling-Niveau fünf Wege ins akustische Unbehagen

Bei Heddal ist es die Landschaft. Ein Instrument klingt nicht nur nach Holz, Saite oder Atem, sondern nach Herkunft. Nach einem Ort, an dem Geschichten älter sein könnten als die Menschen, die sie erzählen. Gerade die Verbindung traditioneller nordischer Instrumente mit Texturen, Sounddesign und den ausgesprochen eigentümlichen Moorgeräuschen macht diese Library zu einer starken Wahl für Folk Horror und alles, was Schönheit mit einem leicht fauligen Unterton verbinden möchte.

Korven geht den entgegengesetzten Weg und zerstört die akustische Gewissheit fast vollständig. Die Apprehension Engine, experimentelle Ensembles und metamorphosierenden Klanggebilde lassen häufig offen, was man überhaupt gerade hört. Das Instrument verliert seine eindeutige Identität und wird zum Ereignis. Für zeitgenössischen Horror ist das Gold wert, weil sich Angst bekanntlich besonders wohl dort fühlt, wo sich etwas nicht klar benennen lässt.

Drones braucht dagegen gar kein konkretes Ereignis. Diese Collection versteht, dass Bedrohung auch ein Zustand sein kann. Ein Ton bleibt einfach bestehen, verändert kaum merklich seine Farbe und macht dadurch eine ansonsten banale Szene immer unerträglicher. Gleichzeitig reicht das Material weit über Horror hinaus und kann ebenso gut in experimentellen Rock-, Pop-, Industrial- oder Ambient-Kontexten funktionieren. Vielleicht ist Drones gerade deshalb eine der vielseitigsten Collections dieses Feldes.

Grimm wiederum erinnert daran, dass sich Horror und Märchen ohnehin nie besonders weit voneinander entfernt haben. Alte Instrumente, kleine Ensembles und moderne Bearbeitung erzeugen eine Welt, die irgendwo zwischen historischem Echo und erfundener Vergangenheit liegt. Das ist kein akademisches Mittelalter und soll es auch nicht sein. Es ist Musik für Königreiche, in denen nachts besser niemand die Tür öffnet.

Und Splinter beweist schließlich, dass man für Unbehagen nicht zwangsläufig vollkommen fremde Klänge benötigt. Manchmal genügt es, einen vertrauten Sound minimal aus seiner Achse zu drehen. Ein Streicher, der plötzlich synthetische Eigenschaften entwickelt. Eine Gitarre, die sich nicht mehr wie eine Gitarre verhält. Ein verstimmtes Klavier, das weniger nach Spukhaus als nach einer beschädigten Erinnerung klingt. Genau in dieser Grauzone zwischen vertraut und falsch besitzt Splinter seinen besonderen Reiz.

Das Handwerkszeug für schlaflose Nächte wäre damit vorhanden. Fehlt nur noch der passende Film – einer, bei dem das Publikum irgendwann feststellt, dass Augen zuhalten allein erstaunlich wenig hilft.

In diesem Sinne: Happy Halloween!