Mittwoch, 5. Oktober 2016

STONES-SPECIAL: THE ROLLING STONES - TOTALLY STRIPPED

Credit Coverbild: Eagle Rock Entertainment  EDEL
Einer der größten Trends der an Trends nicht gerade armen Neunziger Jahre war die Idee, Rockstars ihre Elektrifizierung zu nehmen und jene, die sonst nur in Stadien oder auf den größten Bühnen des Erdballs weilten, in intimen Rahmen auftreten zu lassen. Etwa um Mitte der Nineties hatte diese Unplugged-Welle ihren absoluten Höhepunkt erreicht -  dank Grunge und erfolgreicher Formate wie VH 1 Storytellers und natürlich vor allem MTV Unplugged, in dessen Rahmen Mr. Slowhand Eric Clapton und Kurt Cobain mit Nirvana denkwürdige Auftritte absolvierten. Auch die Rolling Stones gingen 1995 in diese Unplugged-Richtung, allerdings nicht für einen der großen Musiksender, sondern für eine Konzertreihe und Studio-Sessions. Das Ergebnis: das „Stripped“-Album, produziert von Don Was, das die Stones mit sparsamer Instrumentierung zeigt und wenngleich nicht durchgehend ohne in den Amp gestöpselte Gitarre zumindest semi-akustisch, mit viel Westerngitarre und zurückgenommenen Arrangements.

Woods, Jagger und Richards in Action
Credit Bild: © Ilpo Musto  Eagle Rock Entertainment  EDEL
Der Stretch in diese „(semi-)unplugged“-Richtung  war bei den Stones weniger weit als bei manch anderem Künstler, waren doch schon Klassiker der Bandgeschichte wie „Beggars Banquet“ oder „Let It Bleed“ maßgeblich mit akustischen Instrumenten eingespielt worden
Dennoch markiert die kurze „Stripped“-Phase einen interessanten Zeitpunkt in der Karriere von Jagger, Richards, Watts und Wood: Die Stones waren schon in ihrem heutigen Entwicklungsstadium angekommen, - sprich auf dem Status eines Mega-Acts mit gigantischen Touren durch die größten Stadien der Welt. „Stripped“ stellte da ein regelrechtes Kontrastprogramm dar: die Gigs  fanden in wesentlich kleineren Clubs vor deutlich weniger Leuten statt und die Arrangements waren „bare bones“ oder auch „back to the roots“. Auch der damals mehr oder minder in Stein gemeißelten Setlist aus Klassikern wurden noch interessante Raritäten hinzugefügt.

Credit Bild: © Ilpo Musto  Eagle Rock Entertainment  EDEL
Die Blu ray „Totally Stripped“ dokumentiert nun in Spielfilmlänge die Studio-Sessions und Aufritte der „Stripped“-Phase. Als Zuseher gewinnt man gerade bei den Studio-Segmenten des Films erfährt man einiges über die lockere Arbeitsweise der Band.
Die Live-Gigs finden in einem Rahmen statt, wie man ihn heute eigentlich nur mehr bei Spontan-Gigs wie dem letztjährigen „Sticky Fingers“-Überraschungs-Gig in L.A., miterleben kann - die Steine auf kleiner Bühne und im Publikum u.a. ein Hollywood-Star wie Jack Nicholson, der Backstage vorbeischaut und sich über „seinen“ „ Song „Jumping Jack Flash“ freut. Schade ist nur, dass in der Doku nicht alle Lieder voll ausgespielt werden - etwa wenn Jagger zum furiosen Harmonika-Solo in „The Spider And The Fly“ ansetzt wird  zur nächsten Szene geschnitten.

Credit Bild: © Ilpo Musto  Eagle Rock Entertainment  EDEL
Der für Fans interessanten Mixtur aus Konzertfilm und Doku merkt man das Entstehungsjahr stellenweise an - etwa was die Nineties-Style Kameraführung bei den Gigs betrifft. Das Highlight von „Totally Stripped“ stellen jedoch insbesondere die Studio Sessions dar, die einen interessanten Einblick in den Studioalltag von Legenden liefern.

Dienstag, 4. Oktober 2016

STEVEN TYLER - WE´RE ALL SOMEBODY FROM SOMEWHERE



Credit Coverbild: Universal Music
Dass es Aerosmith-Frontröhre Steven Tyler auf seinem allerersten Soloalbum weder zum Blues noch zum Hard Rock sondern ins Country-Genre zieht, ist weniger verwunderlich als konsequent. Denn amerikanische Roots-Musik bildete schon immer die Basis für den Sound seiner Stammband und bereits 1987 nahmen Aerosmith einen der besten Song ihrer ganzen Karriere mit Country-Legende Willie Nelson auf: das von Tyler geschriebene „One Time Too Many“, das als langsames Cowboy-Lament beginnt, nur um in vollverzerrtem Bluesrock zu enden.


Credit Bild: Zack Whitford 
Universal Music
Umso gespannter durfte man auf das lange angekündigte Solowerk Tylers sein -  das erste in seiner im  5.Jahrzehnt angekommenen Karriere. Die bereits im Vorjahr veröffentlichte erste Singleauskopplung „Love Is Your Name“ verhieß erst einmal nichts Gutes und erging sich in  poppigem „Country“ - wenn man es denn so nennen will - der sich allzu stark am gängigen Nashville-Mainstream orientierte. Das nun erschienene Full-Length-Album rückt diesen Ersteindruck nur bedingt zurecht. Denn Tyler widmet sich darauf weder dem 60s/70s Country Rock-Sound der „cosmic american music“ eines  Gram Parsons noch bewährtem Blues-Rock mit Steel Guitar Twang.
Vielmehr frönt er dem seit einigen Jahren die Radiostationen im  ruralen Amerika dominierenden Sound zwischen Zeitgeist-Orientierung und der tiefen Verwurzelung in der Genre-Tradition. Überraschenderweise ist „We´re All Somebody...“ ein recht ruhiges, bisweilen gar zurückgenommenes Album geworden, dass vor allem von akustischen Instrumenten und langsamen bis mid-tempo Nummern und Balladen mit Hang zur großen Geste und Bombast geprägt wird - wie bereits beim wehmütigen Opener „My Own Worst Enemy“ deutlich wird. Die einzige richtige  Uptempo-Nummer „The Good, The Bad, The Ugly & Me“ ist weniger von Leone und Morricone inspiriert, als ein lupenreiner, von elektrischer Gitarre angetriebener Shuffle, der als einer der Standout-Tracks deutlich macht, in welche Richtung Tylers Solo-Album auch hätte gehen können.


Credit Bild: Zack Whitford 
Universal Music
Eine Richtung, die auf  „We´re All Somebody From Somewhere“ allerdings zugunsten von unerklärlich poppigen Songs und balladesken Variationen meist nicht eingeschlagen wird - Trotz einiger durchaus starker Momente, die sich auch auf einem Aerosmith-Album der Neuzeit gut gemacht hätten, ist die Platte so nicht der große Überraschungswurf in der späten Phase in Tylers Karriere geworden ist - und das trotz der interessanten Country-und  „Roots“-Orientierung und eines Produzenten vom Schlage eines T-Bone Burnett.
Damit findet Tyler in den USA sicherlich dennoch viele neue Fans - da genau jener Sound seit Jahren die Country-Szene prägt, weit entfernt vom klassischen Outlaw-Sound eines Cash doer Jennings . „We´re All Somebody....“ ist über weite Strecken symptomatisch für diese radiofreundliche Ausrichtung des Genres - an diesem Eindruck ändert auch ein solides Joplin-Cover („Piece Of My Heart“) zum Finale nichts mehr.
Von Tyler hätte man sich durchaus  mehr erwarten können, vor allem weil er auf „We´re All Somebody....“ immer wieder zeigt, dass er sowohl ein großer Country-Balladier mit der nötigen Melancholie in der Stimme ist und gleichzeitig mit der ihm eigenen Energie schmissig rocken kann.

Credit Bild: Zack Whitford 
Universal Music

Montag, 26. September 2016

STONES-SPECIAL: Das Jahr des Zippverschlusses


Credit Coverbild: Universal Music

Sticky Fingers“ gilt vielen als der Höhepunkt der Stones-Diskographie und als bestes Album der Briten. Mir persönlich fällt es schwer aus den in den Jahren 1968 bis 1974 veröffentlichten Platten einen klaren Favoriten auszuwählen - denn das Album mit dem Jeans-Cover entstand in einem ganz speziellen Zeitfenster, in dem  die Stones einfach nichts falsch machen konnten und in einem beeindruckendem Tempo einen genialen Meilenstein nach dem anderen einspielten:„Beggars Banquet“, „Let It Bleed“ und eines der besten Live-Dokumente aller Zeiten, „Get Yer Ya Ya´s Out“, lagen zum Zeitpunkt des „Sticky Finger“-Releases hinter ihnen,  „Exile On Main Street“ noch vor ihnen in der Zukunft in Nellcote.
Fest steht, dass das 1971 erschienene Album nicht nur im Backkatalog der Stones sondern auch musikhistorisch betrachtet zu den ganz großen Werken zählt, das nicht umsonst mit mehrfach Platin ausgezeichnet wurde und sowohl in UK als auch den USA Platz 1 der Charts erklomm.

Nach den extrem tumultreichen End-Sechzigern (Altamont) und dem tragischen Tod von Brian Jones, hört man hier erstmals den Ex-Bluesbreaker Mick Taylor als fixes Bandmitglied auf einer Studio-Platte. Die Stones tauchen tief ein in die amerikanische Roots-Musik - und lassen beinahe kein Genre aus:  Otis-Redding und Stax-Soul bei „I Got The Blues“ mit  Billy Prestons großartig-melodischem Hammondsolo; Country Rock bei „Dead Flowers“ mit dem beinahe ununterbrochenen Strom präzise gebendeter Licks, die Mick Taylor seiner Gitarre entlockt. Mississippi Fred McDowells „You Gotta“ Move ist ein tiefer Blues-Stampfer „done stones style“. Mit „Bitch“ geht es gar in funkige Gefilde, das brünftige „Can´t You Hear Me Knockin´“ explodiert in einem Latin-Rock Orgasmus und  „Bown Sugar“ - ein klassischer Open G-Tuning Keith Richards-Kracher - mit einem Text der kein „Skandal-Thema“ auslässt, darf bis heute bei keinem Gig der Steine fehlen.

An „Sticky Fingers“ ist letztlich alles Kult - das fängt schon beim von Popart-Ikone Andy Warhol gestalteten Cover, das die sexuell aufgeladene und gleichzeitig bedrohlich-düstere Stimmung des Album mit seinem Fokus auf den Topoi „Sex und Drogen“ perfekt einfängt.
Eine besondere Premiere gab es bei „Sticky Fingers“ auf der Rückseite des Plattencover - erstmals wurde das ikonische „Tongue and Lip“- Logo gezeigt, das über die Jahre zu einer der anhaltendsten Insignien der Popkultur werden sollte.

Die derzeit aktuelle Neuauflage dieses Klassikers in der bekannten Deluxe Version-Reihe
erweitert das Album zwar nicht beträchtlich (zudem muss man in der normalen Doppel CD-Version auf den originellen echten Zipper an den Jeans verzichten) sondern fügt auf der Bonus Disc vor allem Alternativ-Versionen der Album Track hinzu. Allen voran sticht hier jedoch die großartige „Brown Sugar“ - Version mit niemand geringerem als Mr. Slowhand Eric Clapton himself an der Gitarre - heraus: hier trifft sich „rock royalty“.

Der Schmelztiegel unterschiedlicher Sounds im unverkennbaren Stones-Stil fasziniert bis heute - toppen konnte dieses Werk nicht einmal die Band selbst. So ist „Sticky Fingers“ ganz ohne Nostalgie einfach extrem gut gealtert - bzw. hat sich trotz seines die frühen Seventies definierenden Sounds das Prädikat „zeitlos“ mehr als verdient.

Rock Classics Nr. 16: GUNS N´ ROSES - Das Sonderheft


Credit Coverbild:
© Ross Halfin
Rock Classics/SLAM Media GmbH
Wäre diese 16. Ausgabe der „Rock Classics“ Reihe des Slam Zines im letzten Jahr erschienen, sie wäre für den Leser vor allem eine wehmütige Retrospektive auf jene Band gewesen, die als letzte ihrer Art im Mainstream Fuß fassen konnte, an ihrem Zenith jedoch die Selbstzerstörung dem stadienfüllenden Triumph vorzog.
Heuer ist jedoch alles anders - was knapp 2 Jahrzehnte als unvereinbar galt, fand sich nun doch wieder zusammen - und wenngleich die Guns N´ Roses - Reunion aufgrund des Fehlens einiger Ex-Bandmitglieder - Izzy Stradlin, Steven Adler, Matt Sorum und Gilby Clarke - nicht ganz komplett ausfiel -  dass der Hutmeister Slash und Duff McKagan wieder mit Axl auf der Bühne stehen, ist doch eine kleine Sensation - zu der mit der aktuellen Rock Classics auch die passende Begleitlektüre erscheint.

Das Heft ist eine liebevolle Rückschau auf den musikalischen Werdegang der einstigen „most dangerous Band in the world“. Die Musiker werden ausführlich porträtiert und ihre Projekte abseits der Guns beleuchtet. Die Diskographie wird evaluiert und man findet Essays zu Epoche machenden Alben wie „Appetite for Destruction“ oder auch ein Slash-Interview. Besonders gelungen ist ein kleiner Reiseführer durch Los Angeles („L.A. is my Lady“) für Freunde der Sleaze-Rock Reise geht es ins Whisky, ins Rainbow oder auch zum Hell House, in dem die Band einst...ähem...wohnte...
Auch die weniger rühmliche Phase nach dem Ausstieg beinahe aller Bandmembers wird nicht ausgespart - diese ist zwar weniger interessant, gehört aber letztlich auch zur Geschichte der Band.  Sehr schön ist auch die für diese Heft-Reihe obligatorische Bonus Disc - die weit über die übliche Beigabe von hinausgeht, denn die CD „The Roots Of Guns N´ Roses vereint 5 ungeschliffene Songs von Hollywood Rose, jener Band, die neben den L.A. Guns quasi die andere Hälfte von G N´R  darstellte - eine schöne Rarität.

Wer die Gunners erst unlängst für sich entdeckt hat, erhält mit dieser „Rock Classics“-Nummer einen Craskurs,  um zu ergründen, warum die kleine Band aus L.A. so erfolgreich werden konnte. Wer seit Jahrzehnten G N´R-Fan ist, kennt zwar die viele Fakten bereits, findet jedoch in  dem attraktiv gestalteten und mit zahlreichen tollen Fotos gespickten Heft sehr viel Stoff zum Schmökern.

Freitag, 23. September 2016

ZZ TOP - LIVE - GREATEST HITS FROM AROUND THE WORLD


Credit Coverbild: ADA-Warner Music/Suretone Records
Seit über 4 Jahrzehnten sind ZZ TOP in der unumstößlichen Originalbesetzung -  Billy F. Gibbons, Dusty Hill und Frank Beard - in irgendeiner Form on the road oder im Studio. Mit ihrem unverkennbaren, trockenen Sound zählen sie nicht nur zum Kreis der unbestrittenen Koryphäen des Texas Blues, Gibbons prägte mit seinem satten und mächtigen Gitarrensound das Klangideal ganzer Gitarristen-Generationen. Und in der Infantenphase des seinerzeit noch als Musiksender firmierenden MTV waren sie mit der Ästhetik ihrer Videoclips Trendsetter.
Das einzige was in der Karriere der „lil´ ol´ band from texas“ bislang fehlte, ist etwas das seit den Sechzigern eigentlich zum Fixpunkt im Backkatalog aller großen Bands gehört: ein klassisches  Live-Album. Zwar gab es vor einigen Jahren mit „Live From Texas“ bereits ein Konzertdokument der Band, das war jedoch keine Liveplatte im „old school“-Sinn, da sie parallel mit einem Konzertfilmen released wurde. So schließt sich erst mit der neu erschienenen „Greatest Hits Live From Around The World“ die Lücke in der Diskographie der Band.

Hill, Beard und Gibbons
Credit Bild: courtesy of Hugh Brown-Warner Bros Records
Die CD bietet einen auf die 70er und frühen 80er konzentrierten Querschnitt mit - wie der Titel bereits erahnen lässt - verstärktem Augenmerk auf den bekanntesten Gassenhauern -
aufgenommen bei Gigs rund um den Erdball - vom Big Apple bis nach Sin City, von der Music City Nashville bis London oder von Rom bis Houston: Von der Schilderung der nächtlichen Jagd nach knackigen Hintern bei „Tush“ zum eindeutig-zweideutigen „Tube Snake Boogie“, vom Loblied auf das beste Hurenhaus ganz Texas´ mit dem Boogie von „La Grange“ bis zum MTV-Videoclip-Triumvirat aus „Gime All Your Lovin“, „Legs“ und „Sharp Dressed Man“  sind viele der bekanntesten ZZ-Stücke vertreten.
Die spätere Phase etwa mit dem genialen Spätwerk „La Futura“ wird zwar vollständig ausgeklammert, dennoch gibt es auch auf dieser Live-Greatest Hits ein paar Überraschungen:
„Jesus Just Left Chicago“  etwa findet man hier in einer der besten Versionen ever- mit unglaublich schmutziger Blues Harp von James Harmann, der auch bei „Waitin´ On The Bus“ ins Mississippi Saxophone bläst.
Das  auch Jahrzehnte nach der Veröffentlichung etwas zu glatte - „Rough Boy“ wird zusammen mit Jeff Beck gespielt. Die Gitarrenlegende gastiert zudem auf dem  finalen Track der Plattedem tonnenschwer groovenden Tennessee Ernie Ford-Cover „Sixteen Tones“ - das witzigerweise mit dem Riff von „I Ain´t Superstitious“ in der 60er Jeff Beck Group-Version beginnt - eine direkte Reminiszenz an jene Zeit, in der der britische Gitarrist und seine Band auf Tour im Lone Star State waren und erstmals auf Billy Gibbons  trafen, der ihnen mit seiner damaligen Band The Moving Sidewalk half ihr Equipment zum nächsten Gig in Texas zu bringen,

Die "tres hombres" aus dem Lonestar State
Credit Bild: courtesy of Warner Bros Records
Die neue „Greatest Hits Live“ vervollständigt den ZZ TOP-Backkatalog  um ein schnörkelloses Live-Album, das zwar nur ein paar Überraschungen bietet, jedoch den mächtigen ZZ-Sound in Reinkultur zelebriert- und zudem in Zeiten, in denen immer seltener dezidierte Live-Alben ohne zugehörige DVD- oder Blu ray- Auswertung produziert werden, beinahe eine Seltenheit darstellt.

Montag, 5. September 2016

ARE YOU READY FOR FREDDIE ?

Credit Coverbild: Universal Music
Am heutigen Tage wäre Farrokh Bulsara, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Freddie Mercury, 70 Jahre alt geworden. Ein runder Geburtstag, von dem der Sänger in einem Interview einmal meinte, dass er ihn nicht erleben würde.
Unvergessen sind bis heute die progressiven Aufnahmen mit Queen, die legendären Auftritte und der unglaubliche Starappeal des 1991 an AIDS gestorbenen Musikers.

Wenn man sich Mercurys Bühnenpräsenz und seine Extravaganz vergegenwärtigt, erscheint es  auch durchaus passend, dass genau 25 Jahre nach seinem Tod ein Himmelskörper nach ihm benannt wird: Die Internationale Astronomische Union IAU gab einem Planetoiden, der  ursprünglich im Todesjahr des Sängers entdeckt wurde, den klingenden Namen Asteroid 17473 Freddiemercury“  - und dieser  saust wohl mit jener Geschwindigkeit, die Mercury einst selbst in „Don´t Stop Me Now“ beschrieb, durchs All.

Auch das Review des heutigen Tages steht anlässlich des Birthdays ganz im Zeichen Mercurys und führt uns zurück in die Frühphase Queens, zu „A Night At The Odeon“.

Im Dezember 2015 war es genau 40 Jahre her, dass Queen im Londoner Hammersmith Odeon an Heiligabend einen denkwürdigen Gig spielten, der seinerzeit auch in TV und Radio von der BBC übertragen wurde. Vier Jahrzehnte nachdem diese Show  über die Bühne der legendären britischen Konzertvenue gegangen ist, wird der Mitschnitt dieses Gigs, der einen wesentlichen Meilenstein in der damals noch recht jungen Karriere der Band darstellte, nun als CD-und Blu ray-Set released.
Doch zurück ins Jahr 1975 - das epochale „A Night At The Opera“-Album war erst im Vormonat veröffentlicht worden und hatte bereits für Furore gesorgt, die Vision einer Rock- Symphonie fand in dem so genialen wie komplexen „Bohemian Rhapsody“ ihre Vollendung. Die Hammersmith Setlist setzte sich jedoch noch überwiegend aus den ersten drei Alben - Queen I, II und Sheer Heart Attack - zusammen. Die Ausnahmen: Covers wie „Big Spender“ oder das Rock N´ Roll-Medley mit „Jailhouse Rock“  sowie 2 Tracks des 4. Opus  - natürlich am Schluss „God Save The Queen“ und „Bohemian Rhapsody“,  das jedoch leider nicht in seiner ganzen, epischen Länge gespielt wird sondern nur Teil eines Medleys ist.

In den Achtzigern hatte die Band fraglos die kompakteren Hits, in den Seventies waren Queen jedoch noch wesentlich härter, stellenweise beinahe an der äußeren Grenze des Hard Rocks. Fast ist es, als sehe man hier eine ganz andere Band ... Was sich jedoch nicht änderte sind Brian Mays lyrisch-melodische Gitarren-Soli, die er natürlich aus seiner Red Special-Gitarre kitzelt; dazu die tighte Rhythm Section mit Roger Taylor an den Drums und John Deacon am Bass und natürlich Freddie Mercury, schlichtweg der geborene Frontman mit einer Bühnenpräsenz und Show sondergleichen.

Der Digipak von „A Night At The Odeon“ beinhaltet eine CD und eine Blu Ray mit dem Christmas Gig in SD-HD Qualität. Trotz des Alters der Aufnahmen kann das Release von der technischen Seite überzeugen - sowohl was das Bildmaterial als auch den durchwegs kraftvollen Sound anbelangt. Als Bonus gibts noch Tracks eines Gigs aus dem japanischen Budokan sowie eine 22 minütige Doku „Looking Back At The Odeon“.

Sonntag, 7. August 2016

VINYL: Der Reverend und die Reise von Houston nach Havanna

Credit Coverbild: Universal Music
 
Ungewöhnliche ist sie, die allererste Soloplatte von ZZ TOPs Billy Gibbons - verweilt der bärtige Reverend musikalisch doch nicht an der vertrauten texanisch-mexikanischen Border sondern verlässt die Staaten in Richtung einer neuen Destination: Kuba.

Gibbons verbindet seinen sorgsam kultivierten Blues-Rock mit afro-kubanischen Rhythmen. Eine überraschende Kombination, deren Ursprung man in der Biographie des Mannes aus Texas findet: schon in seiner Jugend begeisterte er sich für diese Musik, studierte gar die hohe Kunst des Percussion-Spiels unter der Ägide Tito Puentes. Ein Einfluss, der im ZZ Top-Sound nicht eben omnipräsent war, der jedoch scheinbar so profund war, dass Gibbons sein erstes Album ohne Dusty Hill und Frank Beard ganz ins Zeichen jener Musik stellt.
Wenn Gibbons seine Bluesgitarre laid back vor einem emsigen Latin-Background  erklingen lässt, gemahnt das immer wieder an den frühen Santana der Sechziger. Maracas, Congas und Bongos spielen ihren ganz eigenen Groove, die Hammond B-3 blubbert im Background nur um im nächsten Moment scharf akzentuierend nach vorne  zu schnellen. Zusammen bildet dies einen extrem dichten, karibisch bis afro-kubanisch beeinflussten Soundteppich, durch den sich  tief im Delta verwurzelte Riffs ihren Weg bahnen - oder es zumindest versuchen.

Denn die Verschmelzung von Blues Rock und Latin-Sound gelingt nicht durchgehend völlig reibungslos und fällt nicht immer so lässig wie bei der das Album eröffnenden Slim Harpo-Nummer „Got Love If You Want It“ oder der ersten Singleauskopplung „Treat Her Right“ aus.
Inmitten von lyrisch zweideutigen Songs blitzen zwar immer wieder Riff-Fragmente auf, die es in ihrer vertrackten Rhythmik auch durchaus auf ein ZZ Top-Album hätten schaffen können - doch allzu oft, werden diese im nächsten Moment vom teils allzu gefällig-smoothen Latin-Sound begraben.
So wirkt „Perfectamundo“ über weite Strecken überfrachtet und etwas zerfahren - sinnbildlich hierfür steht der  Song „Quiero Mas Dinero“, der mit seinem Intro-Lick genial wie ein Stax-Soul Song beginnt, nur um dann urplötzlich den Groove zu ändern und mit einer vollkommen unpassenden Rap-Einlage zu befremden.

Inwieweit das „Perfectamundo“- Experiment als geglückt anzusehen ist, hängt stark von der Affinität des Hörers zu Afro-Cuban-Sounds ab. So manch eingefleischter ZZ-Fan wird wohl nicht viel mit Gibbons Solo-Exkurs anfangen können, wenngleich das Album durchaus immer wieder starke Momente hat.  Der Reverend ist nicht der erste, der die interessanten Möglichkeiten der feurigen Verbindung zwischen Blues-Rock und Latin  erkannt hat  - in seiner Umsetzung  bleibt vom exzentrisch-experimentellen Solo-Debut des 65-Jährigen Texaners jedoch der Eindruck einer Platte, die - wenn man die genialen Gastauftritte Gibbons der vergangen Zeit (siehe etwa Live From Daryl´s House) betrachtet - nicht nur ganz anders hätte ausfallen können sondern auch das Potential zu wesentlich mehr gehabt hätte.

Einige Monate nach dem ursprünglichen Release von Gibbons´ Afro-Cuban-Blues-Rock-Experiment ist „Perfectamundo“ nun auch in der Version für Black Gold-Enthusiasten erhältlich:
Allerdings wird das bekannte Album nicht um zusätzlichen Content erweitert;  keine Bonus Tracks und auch keine aufwändige Picture Disc, wie sie ja zu so einem stylischen Musiker wie Gibbons passen würde - weshalb letztlich eher der Eindruck eines Standard-Vinyl-Releases bleibt.

Dienstag, 21. Juni 2016

TASCHEN WAREHOUSE SALE & ELVIS - GEWINNSPIEL

All jenen, die nach der Lektüre meines Reviews des Gisele Bündchen-Buchs Lust auf hochwertige Bildbände bekommen haben, kann ich einen besonderen Event-Tip geben:
 
Denn Sommerzeit ist auch immer Sale-Zeit - und auch wenn das Wetter mancherorts momentan eher zu wünschen übrig lässt - einen Schlussverkauf gibt´s trotzdem.
Ab diesem Donnerstag findet nämlich wieder der große Sommer Sale des Taschen Verlags statt.
 
Credit Bild: © Taschen Verlag
 
Credit Bild: © Taschen Verlag
 
Vom 23.-26- Juni gibt es für coffee table-Fans Rabatte von 50 - 75 % auf Ansichts- und Mängelexemplare der luxuriösen Bildbände aus Bereichen wie Film, Musik, Popkultur, Kunst, Erotik, Architektur oder Mode & Design. Wer also schon immer ein bestimmtes Exemplar der bibliophilen Sammlerstücke des Kölner Verlags zum besonders günstigen Preis haben wollte, hat in den kommenden Tagen Gelegenheit dazu.
Hier die genauen Adressen der Stores:
 
TASCHEN Store Hamburg
Bleichenbrücke 1-7
20354 Hamburg
Öffnungszeiten für den Warehousesale vom 23.-25 Juni: 10 - 20 Uhr

TASCHEN Store Köln
Hohenzollernring
50672 Köln
Öffnungszeiten für den Warehousesale 23.-25 Juni: 10 - 20 Uhr
 
Wer nicht in Deutschland wohnt oder gerade keinen Städtetrip geplant hat und deshalb den stylishen Stores keinen Besuch abstatten kann: den Sale gibt es auch online auf www.taschen.com
 
WIN - WIN - WIN
Passend zu diesem Warehouse Sale gibt es auch etwas zu gewinnen:
In freundlicher Zusammenarbeit mit dem Taschen Verlag verlose ich einen Prachtband
über den King Of Rock N´ Roll Elvis Presley mit ikonischen Aufnahmen von Alfred Wertheimer:
 

Credit Coverbild: © Alfred Wertheimer, Taschen Verlag
Alfred Wertheimer. Elvis and the Birth Of Rock N´ Roll
          Chris Murray, Robert Santelli
           Hardcover, 26,5 X 37, 4 cm, 360 Seiten
    € 49,99

Wie ihr mitmachen könnt ? Ganz einfach:
 
1) Schreibt eine E-Mail mit dem Hinweis, dass ihr von mir bzw. 6strings24frames  kommt und an dem Gewinnspiel teilnehmen möchtet.
2) In die Betreffzeile der E-Mail schreibt ihr den Titel des Elvis-Buchs und schickt die Mail an  c.henrich@taschen.com
 
Der Gewinner oder die Gewinnerin wird dann kontaktiert.
 
Folg mir auf Twitter und Instagram (Links dazu auf der rechten Seite), viel Glück beim Gewinnspiel- und viel Spaß bei der Schnäppchenjagd !
 

Einsendeschluss ist der 26. Juni 2016
Keine Barablöse möglich.
Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

 

Sonntag, 19. Juni 2016

GISELE BÜNDCHEN

 
Credit Coverbild: © Mark Seelen, Taschen Verlag
TASCHEN
Gisele Bündchen
Hardcover, Schweizer Bindung, 536 Seiten
€ 59,99
 
Als die Ära der Supermodels - jener Modeikonen der späten Achtziger und frühen Neunziger,  die erst ab einer gewissen Summe morgens aufstanden, sich für George Michael im „Freedom ! ´90“-Musikvideo rekelten und auch abseits des Fashion-Zirkels eine solche Popularität erreicht hatten, dass die Nennung ihrer Vornamen bereits genügte - zu Ende ging, schafften es nur noch zwei Laufstegschönheiten sich auch im Mainstream langfristig zu etablieren und in diesem Zuge selbst zu Marken wie zuvor Linda, Claudia, Naomi, Cindy und Christy  zu werden: Die eine, die Britin Kate Moss, prägte mit ihrem androgynen Skinny-Look den düsteren Nineties Heroin Chic maßgeblich mit. Die andere stellte in vielerlei Hinsicht die genaue Gegenthese zu ihrer englischen Kollegin dar: die Brasilianerin Gisele Bündchen verkörperte einen Typ Frau, der mit einer sportiv-trainierten Sexiness die Köpfe verdrehte.

Hot, Hotter, Gisele: Bündchen für Mert & Marcus
Credit Bild: © Mert Alas & Marcus Piggott / Art Partner licensing
Bis heute ist die Bündchen ein topgebuchtes Model, das es noch immer schafft Gesicht der prestigeträchtigsten und lukrativsten Kampagnen zu werden - Stichwort Chanel.
Der brasilianischen Schönheit mit den markanten Gesichtszügen ist nun ein Prachtband aus dem Taschen Verlag gewidmet, ihre Einnahmen aus dieser stylishen Publikation lässt die engagierte Philanthropin Bündchen karitativen Zwecken zukommen.
Allein schon das Cover dieses coffe table-books mit der nackten Gisele und dem mehrfarbigen Schutzumschlag ist ästhetisch ungemein gelungen. Der Band ist eine umfassende Retrospektive auf ihre außergewöhnliche Karriere geworden und stellt gleichzeitig ein Best Of der Modefotografie der letzten Jahre dar. Denn Gisele wurde regelmäßig  für die renommiertesten Modezeitschriften und größten Lables fotografiert - und das vom  „Who Is Who“ der internationalen Szene: Steven Meisel (der auch ein Vorwort verfasste), Terry Richardson, David Sims, Mert & Marcus, Inez & Vinoodh, Jürgen Teller, David LaChapelle, Rankin, Mario Testino, Ellen von Unwerth, Mark Seelen......


Bündchen in einem unpublished shot von Juergen Teller für eine Sonya Rykiel-Kampagne
Credit Bild: © Juergen Teller
Spricht man von Fotografen und ihren Models fällt häufig das Klischee vom Spiel mit der Kamera. Dass dies jedoch nicht lediglich eine Phrase ist, wird beim Durchblättern der 536 hochglänzenden Seiten dieses Bandes deutlich: Bündchen hat dieses gewisse Etwas, das sie tatsächlich von den meisten ihrer Kolleginnen abhebt - das „Girl from Horizontina“ ist nämlich nicht nur unglaublich fotogen sondern strahlt darüber hinaus einen irrsinnigen Sex-Appeal aus.
Was zudem auffällt, ist die Wandlungsfähigkeit der Bündchen. Sie passt bemerkenswerterweise zu jedem Stil und das ohne zur sprichwörtlichen weißen, eigenschaftslosen Leinwand zu werden. Vielmehr gelingt es ihr in unterschiedlichen Settings völlig glaubhaft, überzeugend und nie deplatziert zu wirken - ganz gleich ob sie unschuldig in die Kamera lächelt  oder aber ihr laszive Blicke zuwirft; ob sie bodenständigen Sexappeal als Cowgirl in einer Dolce & Gabbana Kampagne ausstrahlt oder sich als lasziver Vamp in Strümpfen räkelt; ob als „dirty bride“ für Ellen von Unwerth oder in distanziert-artsy Shoots.  

Das Model mit einem der ausdrucksstärksten Gesichter der Branche
Credit Bild: © Paulo Vainer
Die überaus gelungene Auswahl der Fotos in diesem Bildband - eine bemerkenswerte Aufnahme folgt hier auf die nächste  - spiegelt diese Vielseitigkeit gekonnt wider. Überdies gibt es einige bis dato „unpublished shots“ zu sehen: Für Nude - Aufnahmen von Mario Sorrenti zeigt sich die Bündchen hier etwa besonders freizügig.
 So ist dieser Bildband nicht nur in  ästhetischer Hinsicht gelungen, er macht auch nachvollziehbar wieso die Bündchen eigentlich so einen enormen Erfolg haben konnte und verdeutlicht zudem weshalb sie so viele Jahre nach ihrem Start im Fashion-Business noch immer dermaßen gefragt ist.

Samstag, 11. Juni 2016

QUENTIN TARANTINO, HELMUT BERGER UND DER KALK

Intertextualität und Referenzialität: Zitate, Referenzen und Querverweise, die sich auf eine (pop-) kulturelle Vergangenheit und andere Werke beziehen - sie sind einer der Aspekte im Schaffen von Kultregisseur Quentin Tarantino, der zwar vielen Zusehern verborgen bleibt, der jedoch seine Filme zum Genuss für Cineasten macht.
Ein Beispiel für einen solchen Moment der dichten Verwobenheit mit der Kinogeschichte findet man etwa in „Jackie Brown“ (1997) - jenem Film, der nach dem epochalen „Pulp Fiction“ kam.

In „Jackie Brown“ verbringt  die von Bridget Fonda verkörpere Melanie ihre Zeit damit sich zuzudröhnen und high zu werden, den erst aus dem Gefängnis entlassenen Louis (Robert De Niro) zu teasen und im Appartement ihres Waffenhändler-Freunds Ordell (Samuel L. Jackson) fernzusehen: Auf ihrem persönlichen Spielplan stehen dabei der Seventies Car Chase-Streifen  „Dirty Mary Crazy Larry“ - mit ihrem real-life Vater Peter Fonda - und auch Sergio Griecos „Der Tollwütige“ aka „Beast With A Gun“, ein Paradebeispiel für das italienische Exploitation-Kino der Siebziger.

Exploitation-Kino  -  das waren Filme, die in mitunter reißerischer Manier gewisse Themen „exploiten“, also ausnutzen bzw. ausschlachten - und dafür eignet sich natürlich der Topos „Sex and violence“ ganz besonders. Doch eigentlich könnte man zur „Erklärung“ dieser Filmgattung auch  nur Sergio Griecos Tollwütigen von 1977  hernehmen: denn selten, war ein Film so etwas wie die Definition eines ganzen Genres.
Der dünne, bisweilen auf Poilziottesco (italienische Polizei/Gangsterfilme)-Pfaden wandelnde Plot bietet dabei alles, was dieses geschmähte und oftmals unterschätzte Genre zu bieten hat: exzessive Gewalt, Tabubrüche am laufenden Band und natürlich Sex (der hier mitunter mit Gewalt kombiniert wird). Aber halt: Dieser Film bietet noch etwas anderes - nämlich einen übeaus überzeugenden Hauptdarsteller, der seine Sache derartig gut macht, dass man ihm den total Irren einfach abnimmt.
Im Zentrum der Story steht ein vergewaltigender Killer, der sich an denen die ihn hinter Gitter brachten rächen möchte, gespielt von Österreichs vielleicht am meisten unterschätzten Darsteller Helmut Berger. Berger, damals nach den großen Visconti-Erfolgen (wie zB.. „Die Verdammten“) auf dem Höhepunkt seiner Exploitationkarriere (aus der immerhin Tinto Brass´ „Salon Kitty“ hervorkam), zieht hier als Hauptfigur Nanni Vittale alle Register.

Seine berserkerartigen Anfälle bekommen u.a. der von Richard Harrison verkörperte, ermittelnde Kommissar und Marisa Mell zu spüren, die sich zunächst unfreiwillig und danach bereitwillig ihrem Peiniger hingibt. Diese beiden sind es auch, die dafür sorgen, dass der Film nicht nur zur One-Man Show für Berger wird. In einer weiteren Nebenrolle sieht man noch den Nello Pazzafini, der einigen vielleicht aus den Sergio Sollima-Italowestern wie „Von Angesicht zu Angesicht“ bekannt sein dürfte.
Dass die Handlung gerademal ein dürftiges Gerüst für die episodenhaften Exzesse Vittales darstellt, ist verschmerzbar - denn wo „Der Tollwütige“ nicht mit Handlung oder gar Logik punktet, da trumpft er mit seiner schieren Zügellosigkeit auf. An sadistischer Gewalt ist der Film tatsächlich schwer zu überbieten: Da werden Unschuldige wahllos gefoltert oder - in einer besonders einprägsamen Szene - Verräter mit Kalk übergossen und lebendig begraben.

Das ganze abgründige Treiben wird von einem einzigartigen Score von Umberto Smaila untermalt. Der Soundtrack besteht zwar nur aus einem bzw. zwei Stücken die ad nauseam wiederholt werden, aber schon nach dem ersten Hören bleibt der einprägsam minimalistische Track mit dem der Charakter des Nanni Vittale eingeführt wird im Gedächtnis. Für Helmut Berger-Fans ist der Film natürlich Pflicht, denn was er hier für ein Feuerwerk an Verkommenheit abfackelt, ist wahrlich einmalig.


Dennoch muss man einräumen, dass dieser Film sicher nicht jedem uneingeschränkt zu empfehlen ist: Dafür verzichtet er zu sehr auf eine im herkömmlichen Sinne stringente und logische Handlung und ist im Gezeigten sicher zu extrem: Alteingesessene Genrefans, die diesen zu Unrecht vergessenen Film noch nicht kennen, werden allerdings ihre wahre Freude mit einem der schmutzigsten Italo-Reißer haben, doch wer bis jetzt mit Poliziottesco & Co nichts anfangen konnte , wird seine Einstellung diesen Subgenres gegenüber nach dem Genuss des Films nur bestätigt wissen.

Dienstag, 7. Juni 2016

ERIC CLAPTON - I STILL DO



Credit Coverbild: Universal Music
„I Still Do“ -  ein Albumtitel, dem durchaus etwas programmatisches anhaftet, wenn man an die letzten Jahre in der Karriere von Gitarrenlegende Eric Clapton denkt: In Interviews und auch bei der emotionalen Konzertdoku „Planes, Trains and Eric“ konnte man sich des Gefühls nicht erwehren, dass die Zeichen in Richtung eines Abschieds wiesen: Eine Abkehr vom Touren ? Würde Clapton dann auch dem Tonstudio den Rücken zuwenden? Nach dem „Slowhand At 70“-Jubiläum aus dem Vorjahr und wenige Monate nach ECs 71.Geburtstag gibt es jetzt jedoch glücklicherweise mit „I Still Do“  ein neues Studio-Album, das den Mann aus Surrey mit zwei Wegbegleitern aus seiner langen Karriere wiedervereint:
Das Cover malte der britische Popart-Künstler Peter Blake, der in den Sixties mit den Beatles bei „Sgt. Pepper´s“ gearbeitet hatte und für Clapton schon das „24 Nights“- und „Me and Mr. Johnson“-Cover entwarf. Am Stuhl des Produzenten nahm  der legendäre Glyn Johns (Led Zeppelin, Faces, Stones, Eagles....) Platz, der 1977 Claptons „Slowhand“ produzierte: ein Album, das mit „Cocaine“, „Wonderful Tonight“ und Lay Down Sally“  drei seiner größten Smash-Hits beinhaltete.

Claptons 23. Studioalbum eröffnet gleich mal mit einem der besten Opener eines EC-Albums seit geraumer Zeit: Leroy Carrs „Alabama Woman Blues“,  ein energischer, stampfender Blues mit heavy verzerrter Slidegitarre. Bluesig - allerdings mehr in Richtung Tulsa/Oklahoma -  gehts auch auf Track 2 „Can´t Let You Do It“ weiter: Diese erste Singleauskopplung ist wieder ein JJ Cale-Song, der sich auch auf dem Tribute-Album „The Breeze“ gut gemacht hätte; ein typischer Groove, bei dem besonders die mit den Rhythmus-Riffs verschmelzenden Wah-Licks herausstechen. Ab Track 3  „I Will Be There“ wechseln sich dann regelmäßig ruhige, balladeske Stücke und Blues-Rocker ab, ein Muster das fast ausnahmslos bis zum Schluss von „I Still Do“ durchgehalten wird.

Wie wichtig Clapton die Musik nach wie vor ist, wird in den Lyrics von  „Spiral“ - dessen Musikvideo Clapton in unterschiedlichen Phasen seiner langen Karriere zeigt - überdeutlich.
Es ist alles ein großer Song; alles ein Kreislauf. Robert Johnsons „Stones in My Passway“ hätte auch auf dem „Me and Mr. Johnson“-Album stehen können, „Somebody´s Knockin´“ (wieder von Cale) kennt man schon von Clapton-Konzerten der letzten Jahre, der atmosphärische Slow-Shuffle erhält hier eine gute Studioversion.

Die  Aufnahmen selbst müssen beschwerlich gewesen sein, wurde  Clapton doch während des Recordings von  Ekzemen befallen  - ein Bild seiner geschundenen, einbandagierten Hände am Backcover der CD ist Zeuge dessen.
„I Still Do“ überrascht den Zuhörer über die gesamte Spielzeit von knapp einer Stunde nicht, aber es sind die zuvor genannten Tracks, bei denen „I Still Do“ am besten ist:  Clapton lässt sich Zeit, laid back, ohne Hast, mit diesem sexy Gitarrenton; die sparsam eingesetzten Licks schlängeln sich  einer Schlange gleich entlang des Rhythmus. Die Balladen - mitunter mit Zydeco-Einschlag - fallen demgegenüber eher schwach aus und erinnern an Claptons 90s Phase.

Trotz Johns hinter der Konsole des Produzenten ist das Album kein Throwback zu den Seventies: Nur in Ansätzen - etwa in „Can´t Let You Do It“ - gemahnt „I Still Do“  vage an diese Zeit: Der 71-Jährge Clapton von heute ist merklich ein anderer geworden. Die Zeit des aufgerissenen Marshalls und der wilden Soli - sie scheint vorbei. So ist „I Still Do“ vor allem ein typisches Album für diese Phase in Claptons Karriere geworden: Cale-Groove, Johnson-Blues, Balladen - all das kennt man natürlich in genau dieser Form schon von den letzten Clapton-Platten. Doch als Zuhörer merkt man  auch - und das nicht nur bei  „Spiral“, in dem das explizit thematisiert wird -  wieviel dieser Legende die Musik bedeutet.
„I Still Do“  ist dennoch kein neues „From The Cradle“ geworden, wenngleich die solide Platte wesentlich besser ist als so manch Album der letzten 12,13 Jahre - wie beispielsweise „Old Sock“ oder „Back Home“. Ganz am Schluss, beim finalen Track „I´ll Be Seeing You“, das zwischen Optimismus und Traurigkeit balanciert,  schafft er es einen noch tief zu rühren....he still does.

QUENTIN TARANTINO´S THE HATEFUL EIGHT ORIGINAL MOTION PICTURE SOUNDTRACK



Credit Coverbild: Universal Music
Trotz seiner jahrzehntelangen, wegweisenden Kompositionen wurde Ennio Morricone erst bei der diesjährigen Oscar-Verleihung endlich mit einem regulären Oscar ausgezeichnet - für seinen Soundtrack zum Western „The Hateful Eight“ von Quentin Tarantino.
Einem Regisseur, bei dem die Musik eine so zentrale Rolle wie keinem anderen Director der Gegenwart spielt. Soundtracks sind bei ihm nicht bloße szenische Untermalung  sondern integraler Bestandteil des filmischen Gesamtkunstwerks. Mit großer Spannung wird nicht nur jeder neue Streifen des derzeit aufregendsten Auteurs erwartet sondern auch die jeweils filmbegleitenden kultigen Musik-Releases.

Auch der OST zu seinem achten Film ist wenig verwunderlich - es ist eine Konstante seit „Reservoir Dogs“ von 1992 - wieder eine Klasse für sich. Dabei unterscheidet sich der „The Hateful Eight“-OST
jedoch recht deutlich von all seinen Vorgängern. Tarantinos bisherige Werke waren von einem beinahe ausschließlichen Zurückgreifen auf pre-existente Musik, die rekontextualisiert eingesetzt wurde, geprägt.
Diesmal verwendet der Regisseur jedoch zu weiten Teilen einen orchestral-instrumentalen Score, der von Maestro Ennio Morricone extra für diesen Film kreiert wurde (Ausnahme bilden nur einige Stücke, die Morricone für den ´82er John Carpenter Paranoia-Klassiker „The Thing“ komponierte, die  dann jedoch nicht im Film eingesetzt wurden).
Was beim „Django Unchained“-Soundtrack begann wird bei „The Hateful Eight“ fortgesetzt: Damals steuerte Morricone nur ein einziges neues Stück bei („Ancora Qui“, in der Szene kurz vor dem Abendessen im Anwesen des von Leonardo DiCaprio verkörperten Calvin Candie).

Nun hat der italienische Meister  für Tarantino - der seit Jahrzehnten ein Verehrer Sergio Leones und Morricones ist - den Großteil des Soundtracks für „The Hateful Eight“ komponiert  - und wieder einen Geniestreich geschaffen. Morricones Stücke sind wuchtig, unheimlich, unglaublich düster, unheilvoll und bedrohlich und erinnern weniger an seine Western-Kompositionen für Leone als an den Score eines Horrorfilms oder Giallo der Siebziger. Dabei entfacht die Musik eine faszinierende Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann.
Neben dem Morricone-Score und einigen Tracks mit den genialen Monologen bzw. Dialogen aus der Feder Tarantinos (und der Performance des Lieds „Jim Jones At Botany Bay von „Daisy Domergue“ Jennifer Jason Leigh aus einer Schlüsselszene des Films) finden sich auf der CD nur drei Songs aus dem Bereich der Populärmusik. Während bei „Django Unchained“ die vereinzelten unpassend- anachronistischen Rap-Nummern verwunderten, fügen sich die drei kontemporären Lieder - der Country/Folk-Song „Apple Blossoms“ der White Stripes mit  an Spaghetti Western erinnerndem Gitarrensolo; David Hess´ Gänsehaut erzeugende „The Last House On The Left“-Ballade „Now You´re All Alone“ und Roy Orbisons bebendes „There Won´t Be Many Coming Home“ aus „The Fastest Guitar Alive - diesmal nahtlos ins historische Film-Setting nach dem amerikanischen Sezessionskrieg ein.
„The Hateful Eight“ ist ein faszinierendes Album geworden, das zum Besten zählt, was man im Bereich classical music und Soundtrack seit geraumer Zeit hören durfte.

Montag, 23. Mai 2016

FROM DUSK TILL DAWN - Die komplette zweite Staffel

Credit Coverbild: WVG/Entertainment One
Quentin Tarantinos und Robert Rodriguez´ „From Dusk Till Dawn“, ein wilder Mix aus Gangstermovie und Splatter-Horror wurde zu recht einer DER Kultfilme der 90er. Für Rodriguez’ eigenen 2013  gestarteten US-Fernsehsender El Rey Network wurde dieser Streifen als TV-Serie neu adaptiert - mit unerwartetem Ergebnis. Denn trotz des schier übermächtigen Films von 1996 schaffte die erste Season dieses prestigeträchtigen Projekts das beinahe Unmögliche - die Fernseh-Interpretation fiel mehr als solide und über weite Strecken sehr unterhaltsam aus. Die spritzigen Dialoge, coole One-Liner und selbst die jungen Darsteller -  allen voran Zane Holtz als Richard Gecko und die fesche Eiza Gonzalez als Santanico Pandemonium - wussten zu überzeugen.
Die Ausgangshandlung nach dem Script von Quentin Tarantino - die beiden kriminellen Brüder Seth und Richard Gecko setzen sich mit Hilfe ihrer Geißeln, dem Prediger Jacob und seinen Kindern, über die Grenze nach Mexiko ab und landen in der Stripbar Titty Twister, die sich jedoch weniger als Sündenpfuhl denn als Vorhof zur Hölle entpuppt - wurde übernommen, jedoch für das „small screen“-Format stark modifiziert und ausgebaut. Season 2 geht einen anderen Weg, kappt jetzt weitgehend die direkte Verbindung zum Original und dreht so alle  Zeichen auf einen Neustart.

Zur Story von Season 2:
zunächst eine kleine Spoiler-Warnung, wer Season 1 noch nicht gesehen hat, einfach den folgenden Absatz skippen und nach dem Bild weiterlesen: Die vampirartigen Schlangenwesen Culebras, die im Titty Twister stets Nachschub an menschlicher Nahrung bekommen haben, wurden zwar in Scharen dahingemetzelt - doch nicht nur in den Brustkorb so mancher Kreatur der Hölle wurde ein Pfahl getrieben - sondern auch zwischen die Beziehung zwischen Richard und Seth Gecko. Denn Richie wurde in Kontrast zum Original nicht von seinem Bruder gepfählt  sondern hat das Blutbad im Titty Twister überlebt. Nach dem wörtlich zu nehmenden Biss der Schlangenfrau Santanico macht er sich mit dieser auf in die „estados unidos“ und lässt Seth zurück. Vom Verlust des ge- bzw. verwandelten Bruders gebeutelt, schließt sich dieser mit der Predigerstochter Kate Fuller  zusammen. Während Seth in die Drogensucht abgleitet, plant Kate  ihren Bruder aus den Klauen der Culebras zu erretten. Diese sind nämlich nicht vollends besiegt, sondern haben noch ein Ass in Form des prominenten Gaststars Danny Trejo (der auch hier über weite Strecken Danny Trejo bzw. eine für ihn typische Rolle spielt) im Ärmel, dass ihnen ihre Hohepriesterin Santanico schnellstmöglich zurückbringen soll....

Richie Gecko (Zane Holtz) und seine Königin der Nacht, Santanico Pandemonium (Eiza Gonzalez)
Credit Bild: WVG/Entertainment One
Zu Beginn von Staffel 2 ist das geniale Originalscript Tarantinos abgearbeitet worden; die Handlung gänzlich neu - und obwohl in einem solchen Neuanfang durchaus Potential schlummert: bei der zweiten Staffel ist genau das das Problem. Denn schon Season 1 war immer dann am schwächsten wenn die Fantasy-Elemente mit den Culebras überhandnahmen und die reichlich verworrene Backstory zu jenen Wesen eingeführt wurde. Bei Season 2 dominieren nun über weite Strecken diese übersinnlichen Elemente. Gerade dies dürfte so manchen Horrorfans gefallen - denn eines muss man sagen, die Serie ist aufwändigst produziert, ihr Look gleicht eher einem Film als einer Serie, zudem gibt es zahlreiche Effekte und recht aufwändige Action-Sequenzen - doch kann all dies nicht über die streckenweise dürftige Handlung hinwegtäuschen. Auch die vereinzelten Popkultur-Exkurse in den Dialogen - ein eindeutiger Wink auf die berühmten Tarantino-Texte - wirken diesmal eher bemüht und etwas aufgesetzt.
Wer die Gangsterhandlung aus dem Original und die mysteriösen erste Hälfte der Season 1 mochte, wird mit der zweiten Staffel wohl weniger Freude haben. Wem hingegen Rodriguez letzte Filme wie „ Machete Kills“ gefielen, wird auch hier gut unterhalten werden.

Letztlich sind es vor allem die gut aufgelegten Darsteller und das ungebrochen interessante Setting der Serie, die  den Zuseher trotz des relativ hohen Trash-Faktors der deutlich schwächeren zweiten Staffel letztlich doch vorm TV-Gerät halten und zum Binge-Watching einladen.