
Credit Bild: © UVI
Es gibt Klänge, zu
denen das Kopfkino gleich die passenden Bilder liefert. Ein breiter
Synth-Brass-Akkord, und irgendwo geht eine Neonröhre an. Ein gläserner
Digital-Sound, und die Achtziger stehen vor der Tür. Eine langsam anschwellende
Fläche wiederum genügt mitunter, um aus dem eigenen Arbeitszimmer die
Kommandozentrale eines ziemlich einsamen Raumschiffs zu machen.
Synthesizer haben der
Popmusik und dem Kino ganze Klangwelten geschenkt. Wer sich diese Farben ins
Studio holen möchte, steht allerdings schnell vor einer beträchtlichen Auswahl:
Welcher Analogsynth darf es sein? Wie viel FM braucht der Mensch? Und wäre dieses
eine obskure Keyboard nicht doch noch eine schöne Ergänzung?UVI beantwortet
solche Fragen mit einer ausgesprochen großzügigen Geste. Synth Anthology 5
versammelt Sounds aus 300 Hardware-Synthesizern in einem einzigen spielbaren
Software-Instrument. Ein Angebot, das beim Synth-Aficionado durchaus den
Sammeltrieb wecken dürfte.Glücklicherweise muss dafür niemand den Schreibtisch
durch ein dreistöckiges Keyboard-Rack ersetzen.
Eine Retrospektive
zum Spielen
Was bekommt man hier
konkret? Synth Anthology ist eine samplebasierte Synthesizer-Sammlung mit
eigener Klangbearbeitung. UVI hat auf den Originalgeräten Sounds
programmiert, diese aufgenommen und daraus eine Bibliothek mit mehr als 6.000
Sound-Layern zusammengestellt. Die Auswahl umfasst analoge und digitale
Instrumente, darunter Minimoog, Prophet-5, Jupiter-8, DX7, PPG Wave und
modernere Vertreter wie Hydrasynth oder Waldorf Quantum.
Diese Aufnahmen bilden
das Ausgangsmaterial für die Klangerzeugung. Man lädt einen Sound, spielt ihn
über das MIDI-Keyboard und passt ihn anschließend innerhalb der Anthology an.
Dabei handelt es sich um ein zusammenhängendes Instrument mit gemeinsamer
Oberfläche – nicht um 300 separat zu öffnende Synth-Plugins.
Betrieben wird die
Soundbank in der kostenlosen UVI Workstation oder in Falcon. Für
den Einstieg ist der zusätzliche Kauf von Falcon also nicht erforderlich.
Das Konzept hat etwas
angenehm Unkompliziertes. Man muss zunächst weder die Programmierung eines
historischen Digitalsynths durchschauen noch wissen, welcher Hersteller in
welchem Jahrzehnt welche technische Revolution ausgerufen hat. Die musikalische
Vorstellung darf vor dem Gerätenamen kommen: ein Bass mit Kontur, eine flächige
Begleitung, ein metallischer Anschlag oder ein Lead, der sich zwischen Gitarren
behaupten soll.
Gerade die Begegnung
unterschiedlicher Klangästhetiken macht eine solche Sammlung interessant.
Analoge Wärme ist schließlich nur eine Möglichkeit unter vielen. Die sprödere,
künstlichere Seite digitaler Synthesizer kann ebenso reizvoll sein – gerade
dann, wenn eine Produktion bereits genügend weiche, schmeichelnde Sounds
besitzt.
Manchmal braucht ein
Arrangement eben etwas mit Ecken.
Aus alten Bekannten
werden neue Kombinationen
Die Anthology belässt
es erfreulicherweise nicht beim Abrufen des aufgenommenen Materials. Ihre
Engine arbeitet mit zwei Layern, die sich kombinieren und unabhängig
bearbeiten lassen. Hüllkurven, Filter, Unison und Effekte formen die einzelnen
Ebenen; auch das Mischverhältnis zwischen beiden kann moduliert werden.
Das eröffnet einen
anderen Zugang zum Sounddesign als die Arbeit mit einer einzelnen historischen
Maschine. Man könnte etwa einen kurzen digitalen Anschlag mit einem weich
auslaufenden Analogklang verbinden. Der erste Bestandteil sorgt für die klare
Kontur, der zweite trägt den Ton weiter. Oder man legt eine bewegte Figur über
eine ruhige Fläche und erhält damit bereits das Grundgerüst einer kleinen
musikalischen Szene.
Fürs Scoring ist das
ausgesprochen reizvoll: Ein Klang kann seine Gewichtung verändern, ohne dass
gleich ein neues Motiv eingeführt werden muss. Für einen Song wiederum ließe
sich eine zweite Ebene erst im Refrain stärker hervorholen. Die Harmonie bleibt
dieselbe, der musikalische Raum wird größer.
Zwei LFOs und zwei
Step-Modulatoren bringen zusätzliche Bewegung ins Spiel. Dazu kommen
Arpeggiator und Phraser sowie Effekte wie Chorus, Phaser, Delay und Reverb. Die
Werkzeuge sind damit vorhanden, um aus einem Ausgangsklang eine eigene Figur
oder Textur zu entwickeln. Wie weit man diese Bearbeitung treibt, darf
erfreulicherweise der musikalische Bedarf entscheiden.
Version 5 ergänzt
unter anderem die Filtermodelle Ladder und VCF4023 sowie einen Analog-Drift-Regler.
Gerade Letzterer passt zum Grundgedanken: Ein wenig Unregelmäßigkeit kann einen
Klang beleben. Daraus muss allerdings nicht gleich eine musikalische
Seegangssimulation werden.
Bei der enormen
Auswahl hilft außerdem der Proximity Explorer. Er schlägt zum geladenen
Sound acht klanglich verwandte Layer vor. Das ist besonders dann sinnvoll, wenn
die Richtung bereits stimmt, aber noch eine bestimmte Nuance fehlt. Statt die
Suche komplett neu zu beginnen, kann man benachbarte Klangfarben ausprobieren.
Wobei natürlich auch
eine intelligente Suchhilfe niemanden davor bewahrt, sich eine Stunde lang
durch Sounds zu klicken und anschließend festzustellen, dass der Song noch
immer aus denselben vier Takten besteht.
Viel Auswahl – mit
einer klaren Grenze
So verlockend die Zahl
von 300 Synthesizern auch sein mag: Sie bedeutet nicht, dass hier 300
vollständig programmierbare Originalarchitekturen zur Verfügung stehen.Das ist
die wesentliche Einschränkung des Konzepts.
Bei einem gesampelten
DX7-Sound lassen sich die ursprünglichen FM-Operatoren und ihre Verschaltung
nicht nachträglich so bearbeiten wie in einer entsprechend ausgelegten
Einzelemulation. Ebenso bekommt man beim aufgenommenen Analogsound keinen
vollständigen Zugriff auf dessen ursprüngliche Oszillatoren und sämtliche
Wechselwirkungen der Hardware. Man bearbeitet das aufgezeichnete Klangergebnis
mit den Möglichkeiten der UVI-Engine.
Das ist durchaus ein kreativer Vorgang. Es ist aber ein anderer.Wer einen bestimmten Synthesizer im Detail erforschen, einen Patch von Grund auf konstruieren oder gezielt dessen ungewöhnlichste Einstellungen ausloten möchte, wird mit einem spezialisierten Plugin häufig weiterkommen. Auch die Eigenheiten der originalen Bedienung, aus denen mitunter interessante musikalische Ideen entstehen, vermittelt eine gemeinsame Oberfläche naturgemäß nur begrenzt.
Für viele Aufgaben ist
diese Beschränkung allerdings gut vertretbar. Wer eine passende Keyboard-Farbe
für einen Song sucht, benötigt nicht automatisch Zugriff auf jede Stufe ihrer
Entstehung. Und wer zwei unterschiedliche Klangcharaktere verbinden möchte,
profitiert hier gerade davon, dass sie derselben Bedienlogik folgen.
Die Anthology hat
insofern genügend Gestaltungsmöglichkeiten, um über eine reine Preset-Sammlung
hinauszugehen. Ihre enorme Breite sollte man nur nicht mit der vollständigen
Programmiertiefe sämtlicher Vorbilder verwechseln.
Fazit
Synth Anthology 5 ist
vor allem für jene Musiker interessant, die sich zwischen unterschiedlichen
Klangwelten bewegen: zwischen Gitarrenproduktion und elektronischem
Arrangement, zwischen Retro-Flair und zeitgenössischem Scoring. Die große
Auswahl gibt dafür eine beachtliche Grundlage ab; die gemeinsame Bearbeitung
und das Layer-Konzept machen daraus ein vielseitiges Arbeitsinstrument.
Spezialisierte
Softsynths mit all ihren Eigenheiten
wird die Anthology für den passionierten Synth-Tüftler nicht vollständig
ersetzen. Sie kann deren Umfeld aber beträchtlich erweitern – um Farben, die
man sich als einzelne Spezialinstrumente vielleicht nie ins Studio geholt
hätte.