Mittwoch, 4. November 2026

UVI SYNTH ANTHOLOGY 5 Test: Einmal alles, bitte!

Credit Bild: © UVI

Es gibt Klänge, zu denen das Kopfkino gleich die passenden Bilder liefert. Ein breiter Synth-Brass-Akkord, und irgendwo geht eine Neonröhre an. Ein gläserner Digital-Sound, und die Achtziger stehen vor der Tür. Eine langsam anschwellende Fläche wiederum genügt mitunter, um aus dem eigenen Arbeitszimmer die Kommandozentrale eines ziemlich einsamen Raumschiffs zu machen.

Synthesizer haben der Popmusik und dem Kino ganze Klangwelten geschenkt. Wer sich diese Farben ins Studio holen möchte, steht allerdings schnell vor einer beträchtlichen Auswahl: Welcher Analogsynth darf es sein? Wie viel FM braucht der Mensch? Und wäre dieses eine obskure Keyboard nicht doch noch eine schöne Ergänzung?UVI beantwortet solche Fragen mit einer ausgesprochen großzügigen Geste. Synth Anthology 5 versammelt Sounds aus 300 Hardware-Synthesizern in einem einzigen spielbaren Software-Instrument. Ein Angebot, das beim Synth-Aficionado durchaus den Sammeltrieb wecken dürfte.Glücklicherweise muss dafür niemand den Schreibtisch durch ein dreistöckiges Keyboard-Rack ersetzen.

Eine Retrospektive zum Spielen

Was bekommt man hier konkret? Synth Anthology ist eine samplebasierte Synthesizer-Sammlung mit eigener Klangbearbeitung. UVI hat auf den Originalgeräten Sounds programmiert, diese aufgenommen und daraus eine Bibliothek mit mehr als 6.000 Sound-Layern zusammengestellt. Die Auswahl umfasst analoge und digitale Instrumente, darunter Minimoog, Prophet-5, Jupiter-8, DX7, PPG Wave und modernere Vertreter wie Hydrasynth oder Waldorf Quantum.

Diese Aufnahmen bilden das Ausgangsmaterial für die Klangerzeugung. Man lädt einen Sound, spielt ihn über das MIDI-Keyboard und passt ihn anschließend innerhalb der Anthology an. Dabei handelt es sich um ein zusammenhängendes Instrument mit gemeinsamer Oberfläche – nicht um 300 separat zu öffnende Synth-Plugins.

Betrieben wird die Soundbank in der kostenlosen UVI Workstation oder in Falcon. Für den Einstieg ist der zusätzliche Kauf von Falcon also nicht erforderlich.

Das Konzept hat etwas angenehm Unkompliziertes. Man muss zunächst weder die Programmierung eines historischen Digitalsynths durchschauen noch wissen, welcher Hersteller in welchem Jahrzehnt welche technische Revolution ausgerufen hat. Die musikalische Vorstellung darf vor dem Gerätenamen kommen: ein Bass mit Kontur, eine flächige Begleitung, ein metallischer Anschlag oder ein Lead, der sich zwischen Gitarren behaupten soll.

Gerade die Begegnung unterschiedlicher Klangästhetiken macht eine solche Sammlung interessant. Analoge Wärme ist schließlich nur eine Möglichkeit unter vielen. Die sprödere, künstlichere Seite digitaler Synthesizer kann ebenso reizvoll sein – gerade dann, wenn eine Produktion bereits genügend weiche, schmeichelnde Sounds besitzt.

Manchmal braucht ein Arrangement eben etwas mit Ecken.

Aus alten Bekannten werden neue Kombinationen

Die Anthology belässt es erfreulicherweise nicht beim Abrufen des aufgenommenen Materials. Ihre Engine arbeitet mit zwei Layern, die sich kombinieren und unabhängig bearbeiten lassen. Hüllkurven, Filter, Unison und Effekte formen die einzelnen Ebenen; auch das Mischverhältnis zwischen beiden kann moduliert werden.

Das eröffnet einen anderen Zugang zum Sounddesign als die Arbeit mit einer einzelnen historischen Maschine. Man könnte etwa einen kurzen digitalen Anschlag mit einem weich auslaufenden Analogklang verbinden. Der erste Bestandteil sorgt für die klare Kontur, der zweite trägt den Ton weiter. Oder man legt eine bewegte Figur über eine ruhige Fläche und erhält damit bereits das Grundgerüst einer kleinen musikalischen Szene.

Fürs Scoring ist das ausgesprochen reizvoll: Ein Klang kann seine Gewichtung verändern, ohne dass gleich ein neues Motiv eingeführt werden muss. Für einen Song wiederum ließe sich eine zweite Ebene erst im Refrain stärker hervorholen. Die Harmonie bleibt dieselbe, der musikalische Raum wird größer.

Zwei LFOs und zwei Step-Modulatoren bringen zusätzliche Bewegung ins Spiel. Dazu kommen Arpeggiator und Phraser sowie Effekte wie Chorus, Phaser, Delay und Reverb. Die Werkzeuge sind damit vorhanden, um aus einem Ausgangsklang eine eigene Figur oder Textur zu entwickeln. Wie weit man diese Bearbeitung treibt, darf erfreulicherweise der musikalische Bedarf entscheiden.

Version 5 ergänzt unter anderem die Filtermodelle Ladder und VCF4023 sowie einen Analog-Drift-Regler. Gerade Letzterer passt zum Grundgedanken: Ein wenig Unregelmäßigkeit kann einen Klang beleben. Daraus muss allerdings nicht gleich eine musikalische Seegangssimulation werden.

Bei der enormen Auswahl hilft außerdem der Proximity Explorer. Er schlägt zum geladenen Sound acht klanglich verwandte Layer vor. Das ist besonders dann sinnvoll, wenn die Richtung bereits stimmt, aber noch eine bestimmte Nuance fehlt. Statt die Suche komplett neu zu beginnen, kann man benachbarte Klangfarben ausprobieren.

Wobei natürlich auch eine intelligente Suchhilfe niemanden davor bewahrt, sich eine Stunde lang durch Sounds zu klicken und anschließend festzustellen, dass der Song noch immer aus denselben vier Takten besteht.

Viel Auswahl – mit einer klaren Grenze

So verlockend die Zahl von 300 Synthesizern auch sein mag: Sie bedeutet nicht, dass hier 300 vollständig programmierbare Originalarchitekturen zur Verfügung stehen.Das ist die wesentliche Einschränkung des Konzepts.

Bei einem gesampelten DX7-Sound lassen sich die ursprünglichen FM-Operatoren und ihre Verschaltung nicht nachträglich so bearbeiten wie in einer entsprechend ausgelegten Einzelemulation. Ebenso bekommt man beim aufgenommenen Analogsound keinen vollständigen Zugriff auf dessen ursprüngliche Oszillatoren und sämtliche Wechselwirkungen der Hardware. Man bearbeitet das aufgezeichnete Klangergebnis mit den Möglichkeiten der UVI-Engine.

Das ist durchaus ein kreativer Vorgang. Es ist aber ein anderer.Wer einen bestimmten Synthesizer im Detail erforschen, einen Patch von Grund auf konstruieren oder gezielt dessen ungewöhnlichste Einstellungen ausloten möchte, wird mit einem spezialisierten Plugin häufig weiterkommen. Auch die Eigenheiten der originalen Bedienung, aus denen mitunter interessante musikalische Ideen entstehen, vermittelt eine gemeinsame Oberfläche naturgemäß nur begrenzt.

Für viele Aufgaben ist diese Beschränkung allerdings gut vertretbar. Wer eine passende Keyboard-Farbe für einen Song sucht, benötigt nicht automatisch Zugriff auf jede Stufe ihrer Entstehung. Und wer zwei unterschiedliche Klangcharaktere verbinden möchte, profitiert hier gerade davon, dass sie derselben Bedienlogik folgen.

Die Anthology hat insofern genügend Gestaltungsmöglichkeiten, um über eine reine Preset-Sammlung hinauszugehen. Ihre enorme Breite sollte man nur nicht mit der vollständigen Programmiertiefe sämtlicher Vorbilder verwechseln.

Fazit

Synth Anthology 5 ist vor allem für jene Musiker interessant, die sich zwischen unterschiedlichen Klangwelten bewegen: zwischen Gitarrenproduktion und elektronischem Arrangement, zwischen Retro-Flair und zeitgenössischem Scoring. Die große Auswahl gibt dafür eine beachtliche Grundlage ab; die gemeinsame Bearbeitung und das Layer-Konzept machen daraus ein vielseitiges Arbeitsinstrument.

Spezialisierte Softsynths  mit all ihren Eigenheiten wird die Anthology für den passionierten Synth-Tüftler nicht vollständig ersetzen. Sie kann deren Umfeld aber beträchtlich erweitern – um Farben, die man sich als einzelne Spezialinstrumente vielleicht nie ins Studio geholt hätte.