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| Credit Bild: © Rast Sounds |
Das Problem: Eine wirklich charakteristische Stimme lässt sich wesentlich schwieriger synthetisieren als ein analoges Brass-Pad. Genau hier setzt Rast Sound World Vocals 5 an.
Rast Sound sammelt
seit rund zehn Jahren Gesangsaufnahmen aus unterschiedlichsten Regionen der
Welt. Für die aktuelle Version wurden diese bislang teilweise separat
erhältlichen Libraries nun in ein einziges eigenständiges Instrument überführt.
21 Performer aus fünf Kontinenten und elf Vocal Collections treffen
dabei auf eine komplett neue Dual-Layer-Engine. Kontakt wird erstmals nicht
mehr benötigt – World Vocals 5 läuft direkt als VST3, AU oder AAX-Plugin in der DAW.
Stimmen zwischen Afrika, Indien und dem Balkan
Das eigentliche Herzstück bleibt natürlich das Ausgangsmaterial.Enthalten sind Vocals aus Afrika, dem Balkan, Kambodscha, Indien, dem Mittleren Osten, Persien, Südamerika, der slawischen Kultur sowie der sephardischen Tradition. Dazu kommen experimentell bearbeitete Stimmen. Viele dieser Aufnahmen stammen aus älteren Rast-Sound-Libraries, drei Bereiche – Cambodian Vocals, Sephardic Vocals und Xperiments – sind innerhalb dieser Zusammenstellung neu hinzugekommen.
Und genau diese stilistische Bandbreite macht World Vocals 5 interessant.Die African Vocals bringen beispielsweise Chants und kräftigere Ensemble-artige Passagen mit, während die India-Sektion naturgemäß wesentlich melismatischer und ornamentreicher ausfällt. Die Balkan- und Slavic-Sounds besitzen wiederum jene melancholische, beinahe archaische Qualität, die hervorragend in historische oder dramatische Scores passt. Persian und MidEast bewegen sich in einer komplett anderen melodischen Welt, während Ritual Vocals mit Stimmen aus Afrika und Südamerika eher in Richtung Zeremonie, Tribal und atmosphärisches Sounddesign gehen.
Es ist dadurch weniger eine Vocal Library als eine Sammlung unterschiedlicher musikalischer Dialekte.Und gerade für Filmkomponisten liegt darin der Reiz.Einige dieser Stimmen können einem Cue innerhalb weniger Sekunden eine Identität geben, die mit einem neutralen „Ahh“-Choir kaum erreichbar wäre.
Authentizität
Besonders positiv ist, dass viele Aufnahmen nicht klinisch glattpoliert wirken.Man hört Persönlichkeiten.Atem, Artikulation und die Eigenheiten der jeweiligen Sänger bleiben Bestandteil des Sounds. Genau das ist bei derartigen Libraries entscheidend. Eine World-Vocal-Sammlung verliert sehr schnell ihren Reiz, wenn jede Performance durch dieselbe Produktionsästhetik gejagt wurde und am Ende Afrika, Persien und Osteuropa beinahe identisch klingen.World Vocals 5 versucht das Gegenteil.
Natürlich bewegt man sich beim Einsatz derartiger Sounds immer auf einem schmalen Grat. Einzelne traditionelle Stimmen sollten nicht bloß als austauschbares „Exotic Flavor“ verwendet werden. Musikalisch sinnvoll eingesetzt bekommt man hier allerdings Klangfarben, die mit klassischen Sample-Libraries nur schwer nachzustellen sind.Und manche Performances besitzen jene magische Qualität, bei der man zunächst nur einen Sound ausprobieren möchte und fünf Minuten später plötzlich der komplette Track in eine andere Richtung gegangen ist.
Die neue Engine: Zwei Stimmen werden eine
Der vielleicht größte Fortschritt gegenüber den früheren Rast-Vocal-Produkten liegt allerdings nicht im Sample-Material, sondern in dessen neuer Präsentation.World Vocals 5 besitzt eine Dual-Layer-Engine, in der zwei unterschiedliche Vocal Sources gleichzeitig geladen werden können. Diese lassen sich klassisch ineinander überblenden – oder über eine Morph-Funktion wesentlich radikaler miteinander verschmelzen. Dabei werden nicht einfach nur zwei Lautstärken gegeneinander gefahren, sondern spektrale Eigenschaften der Sounds miteinander kombiniert.
Und hier beginnt World
Vocals 5, wirklich zum Instrument zu werden.
Eine afrikanische
Performance lässt sich beispielsweise mit einer kontrastierenden Stimme
kombinieren, während zwei völlig unterschiedliche Vocal-Typen beim Morphen neue
Klangfarben erzeugen können, die mit keiner der ursprünglichen Aufnahmen identisch
sind.
Das löst auch ein grundsätzliches Problem von Phrase Libraries.Ein Vocal-Sample ist zunächst immer ein Vocal-Sample. Je charakteristischer es ist, desto schneller erkennt man es wieder. Durch Layering und Morphing lässt sich das Material wesentlich stärker verfremden und damit persönlicher gestalten.
Tempo bitte
Ebenso wichtig für den praktischen Workflow ist BPM Sync.Vocal-Phrasen können an das Projekttempo angepasst werden, ohne dass dabei zwangsläufig die Tonhöhe mitverändert wird. Zusätzlich lassen sich Abschnitte über Length Lock an musikalische Raster von einer Sechzehntelnote bis hin zu zwei Takten binden.Das klingt auf dem Papier unspektakulär.In der Praxis ist es enorm wichtig.
Nichts zerstört Inspiration schneller, als zunächst minutenlang eine interessante Phrase schneiden, warpen und taktgenau platzieren zu müssen. Hier lässt sich das Material wesentlich unmittelbarer in einen Cue integrieren.Gerade bei rhythmischeren Chants oder kürzeren Vocal-Phrasen macht das World Vocals 5 deutlich flexibler als eine klassische Sammlung von WAV-Files.
Aus Stimme wird
Sounddesign
Wer noch weiter weg
vom ursprünglichen Vocal möchte, bekommt 15 Transform-Presets,
Randomisierung des Sample-Starts, variable Attack-Zeiten sowie eine granulare
Cloud-Funktion. Vier globale Character Modes – Neutral, Silk, Dark und Edgy –
verändern den Klang zusätzlich.
Gerade Cloud gehört für mich zu den interessanteren Möglichkeiten.Ein aufgenommenes Vocal verliert dadurch zunehmend seinen klassischen Phrase-Charakter und verwandelt sich in eine schwebende, organische Textur. Das kann irgendwo zwischen menschlicher Stimme, Pad und Soundscape landen – also genau in jenem Terrain, das für moderne Filmmusik besonders interessant ist.Rast Sound verlässt damit den Bereich des reinen Vocal-Samplers.Aus einer Sängerin wird plötzlich eine Fläche.Aus einem Chant ein rhythmisches Element.Aus zwei Stimmen etwas, das in dieser Form ursprünglich überhaupt nicht aufgenommen wurde.
Bring your own
voice
Eine überraschend mächtige Funktion ist zudem der eigene Sample-Import.WAV-, MP3-, FLAC- und OGG-Dateien lassen sich direkt in die Engine ziehen und anschließend mit denselben Tools bearbeiten, morphen und spielbar machen wie das mitgelieferte Material.Damit wird World Vocals 5 plötzlich auch außerhalb seiner eigentlichen Library interessant.Eigene Vocal-Aufnahmen, Field Recordings oder andere Samples können durch die gleiche Engine geschickt und mit den Rast-Aufnahmen kombiniert werden.Und genau hier öffnet sich die Tür zu wesentlich experimentellerem Sounddesign.
Nicht jede Stimme
passt überall
Naturgemäß ist World
Vocals 5 kein Instrument, das man einfach so auf jeden Track werfen kann.
Die stärksten Performances besitzen eben gerade deshalb Charakter, weil sie stilistisch sehr spezifisch sind. Eine persische Phrase passt nicht automatisch in einen skandinavischen Thriller und ein Tribal Chant wird aus einer mittelmäßigen Action-Szene noch lange kein „Black Panther“.Context matters.Auch sollte man sich bewusst sein, dass phrase-basiertes Arbeiten immer gewisse Grenzen besitzt. Wer jede Silbe einer Gesangslinie selbst schreiben und bis ins Detail kontrollieren möchte, benötigt ein anderes Werkzeug.
World Vocals 5
funktioniert am besten, wenn man die vorhandenen Performances als kreative
Ausgangspunkte betrachtet – und sie anschließend mit der Engine in den
eigenen musikalischen Kontext zieht.
Fazit
Rast Sound World
Vocals 5 vereint zwei Dinge, die nicht zwangsläufig zusammengehören: authentisches,
charakterstarkes Ausgangsmaterial und moderne Sounddesign-Möglichkeiten.
Allein die Bandbreite
aus 21 Performern, fünf Kontinenten und elf Vocal Libraries würde bereits eine
beachtliche Sammlung ergeben. Der eigentliche Fortschritt besteht jedoch darin,
dass Rast diese Aufnahmen nicht mehr einfach nur als Archiv präsentiert. Dual
Layers, BPM Sync, spektrales Morphing, granulare Bearbeitung und die
Möglichkeit, eigenes Material zu importieren, verwandeln daraus ein echtes
Instrument.
Natürlich ersetzt World Vocals 5 keinen Sänger. Das soll es auch nicht - und hier muss man auch ehrlicherweise sagen, dass man da noch viel mehr Samples und vor allem Phrasen zur Verfügung haben müsste.
Dennoch bekommt man hier einen außergewöhnlich vielfältigen Pool menschlicher Stimmen, der einem Arrangement innerhalb weniger Sekunden einen interessanten Touch verleihen kann.
