Dienstag, 3. November 2026

WHITESNAKE – 1987 Vinyl: Vom britischen Blues Rock auf die Motorhaube

Credit Bild: © 6strings24frames , Universal Music
Neonlicht, ein Cabrio, Gitarren mit spitzen Kopfplatten, High-Gain-Amps und Haare, auf die jeder Damenfriseur neidisch geworden wäre. Fehlt zum vollkommenen L.A.-Traum der Achtziger eigentlich nur noch ein Playmate auf der Motorhaube. Bei Whitesnake übernahm diesen Part die bemerkenswert biegsame Schauspielerin Tawny Kitaen. Wollte man einer späteren Generation anhand eines einzigen Musikclips erklären, was es mit dem Exzess der MTV-Ära auf sich hatte – hier wäre er. Der Mann, der sich diesen kalifornischen Traum erfüllte, war freilich Brite. David Coverdale hatte bei Deep Purple gesungen und seine eigene Band Whitesnake auf einem denkbar britischen Fundament errichtet: Die englische Spielweise des Blues, eine ordentliche Portion Hardrock und jene tiefe, leicht angeraute Stimme, der man Liebeskummer ebenso bereitwillig abnahm wie die ziemlich eindeutigen Absichten danach.

Als eines der quintessenziellen Eighties-Hard Rock-Alben zählt diese selbstbetitelte Platte, die auch als „1987“ bekannt ist, zu den wichtigsten und besten ihrer Ära – nun wurde ihn ihrer ursprünglichen US-Fassung nun neu auf Vinyl aufgelegt.

Der Gitarrist, der den Sound dieser Platte entscheidend prägte, war bei den Videodrehs schon nicht mehr in der Band: Virtuose John Sykes, der Mann, den MTV kaum zeigte.

Wie viel Sykes für diese Neuerfindung von Whitesnake bedeutete, hört man schon am Opener „Crying in the Rain“. Das Stück stand bereits 1982 auf Saints & Sinners. Damals konnte man sich Coverdale dazu gut in einem verrauchten Club vorstellen; fünf Jahre später braucht allein die Gitarre mehr Platz, als der ganze Laden hergibt.

„Still of the Night“ muss man erwähnen, ein komplexes Jahrhundert-Riff, mit kongenialem Einsatz von Pausen.  Sykes stoppt das Riff ab, lässt Coverdale Raum die Lyrics in brünftigem Tonfall ins Mikro singen und fällt ihm mit dem nächsten Akkord so effektvoll ins Wort, dass man unwillkürlich lauter dreht. Im leisen Mittelteil hängt dann diese unheimliche, an die gestrichene Saiten eines Cellos erinnernde Figur. Led Zeppelin lassen  grüßen.

Auch „Here I Go Again“ hatte Coverdale schon für Saints & Sinners aufgenommen. Gerade hier lohnt sich der direkte Vergleich: Die frühere Version hat noch den gemächlichen Gang eines Mannes, der seine Sachen packt und tatsächlich allein loszieht. Beim Remake von 1987 braucht es nur den ersten Refrain, und man hat den Eindruck, halb Amerika würde ihn auf diesem einsamen Weg singend begleiten. Ganz falsch ist das Bild nicht: In den US-Charts landete der Song auf Platz eins. Das melodische Solo der Albumfassung stammt übrigens von Adrian Vandenberg – eine der wenigen Stellen, an denen man auf dieser Platte tatsächlich jenen Gitarristen hört, den man aus dem Video kennt. Und dann natürlich die Ballade „Is This Love“. Das cleane Intro-Riff feiert nicht nur auf Tik Tok eine Renaissance, es subsumiert wieder ebenjenen typischen Eighties-Sound

Die Vinyl-Neuauflage dieses großen Albums mutet mitunter spartanisch an: Neun Songs, eine LP, keine Bonustracks. Dennoch zählt „1987“ nach wir zu den ganz großen Werken der Achtziger und einer ganzen Ära des Hard Rock.