Neonlicht, ein Cabrio,
Gitarren mit spitzen Kopfplatten, High-Gain-Amps und Haare, auf die jeder
Damenfriseur neidisch geworden wäre. Fehlt zum vollkommenen L.A.-Traum der
Achtziger eigentlich nur noch ein Playmate auf der Motorhaube. Bei Whitesnake
übernahm diesen Part die bemerkenswert biegsame Schauspielerin Tawny Kitaen.
Wollte man einer späteren Generation anhand eines einzigen Musikclips erklären,
was es mit dem Exzess der MTV-Ära auf sich hatte – hier wäre er. Der Mann, der
sich diesen kalifornischen Traum erfüllte, war freilich Brite. David Coverdale
hatte bei Deep Purple gesungen und seine eigene Band Whitesnake auf einem
denkbar britischen Fundament errichtet: Die englische Spielweise des Blues,
eine ordentliche Portion Hardrock und jene tiefe, leicht angeraute Stimme, der
man Liebeskummer ebenso bereitwillig abnahm wie die ziemlich eindeutigen
Absichten danach.
Credit Bild: © 6strings24frames , Universal Music
Als eines der
quintessenziellen Eighties-Hard Rock-Alben zählt diese selbstbetitelte Platte,
die auch als „1987“ bekannt ist, zu den wichtigsten und besten ihrer Ära – nun wurde
ihn ihrer ursprünglichen US-Fassung nun neu auf Vinyl aufgelegt.
Der Gitarrist, der den
Sound dieser Platte entscheidend prägte, war bei den Videodrehs schon nicht
mehr in der Band: Virtuose John Sykes, der Mann, den MTV kaum zeigte.
Wie viel Sykes für
diese Neuerfindung von Whitesnake bedeutete, hört man schon am Opener „Crying
in the Rain“. Das Stück stand bereits 1982 auf Saints & Sinners.
Damals konnte man sich Coverdale dazu gut in einem verrauchten Club vorstellen;
fünf Jahre später braucht allein die Gitarre mehr Platz, als der ganze Laden
hergibt.
„Still of the Night“
muss man erwähnen, ein komplexes Jahrhundert-Riff, mit kongenialem Einsatz von
Pausen. Sykes stoppt das Riff ab, lässt
Coverdale Raum die Lyrics in brünftigem Tonfall ins Mikro singen und fällt ihm
mit dem nächsten Akkord so effektvoll ins Wort, dass man unwillkürlich lauter
dreht. Im leisen Mittelteil hängt dann diese unheimliche, an die gestrichene
Saiten eines Cellos erinnernde Figur. Led Zeppelin lassen grüßen.
Auch „Here I Go Again“ hatte Coverdale schon für Saints & Sinners aufgenommen. Gerade hier lohnt sich der direkte Vergleich: Die frühere Version hat noch den gemächlichen Gang eines Mannes, der seine Sachen packt und tatsächlich allein loszieht. Beim Remake von 1987 braucht es nur den ersten Refrain, und man hat den Eindruck, halb Amerika würde ihn auf diesem einsamen Weg singend begleiten. Ganz falsch ist das Bild nicht: In den US-Charts landete der Song auf Platz eins. Das melodische Solo der Albumfassung stammt übrigens von Adrian Vandenberg – eine der wenigen Stellen, an denen man auf dieser Platte tatsächlich jenen Gitarristen hört, den man aus dem Video kennt. Und dann natürlich die Ballade „Is This Love“. Das cleane Intro-Riff feiert nicht nur auf Tik Tok eine Renaissance, es subsumiert wieder ebenjenen typischen Eighties-Sound
Die Vinyl-Neuauflage dieses
großen Albums mutet mitunter spartanisch an: Neun Songs, eine LP, keine
Bonustracks. Dennoch zählt „1987“ nach wir zu den ganz großen Werken der
Achtziger und einer ganzen Ära des Hard Rock.