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| Credit Bild: © Universal Music |
Was eine interessante
Frage für die nun erstmals auf Vinyl erschienene 2003er Compilation The
Spirit of Radio: Greatest Hits 1974–1987 aufwirft: Wie bringt man eine
Band, der gelegentlich schon eine Plattenseite für einen einzigen Song gerade
recht kam, auf einer LP mit nur 10 Songs unter? Vom ausladenden Auftakt zu
„2112“ bis zum gurgelnden Oberheim-Synth von „Tom Sawyer“ ist damit erstaunlich
viel von jener Phase vertreten, die für viele Fans bis heute die große Zeit der
kanadischen Prog-Rocker ist. Über die Auswahl lässt sich dennoch trefflich
streiten.
Seite A: Von der Garage zu den Priestern von Syrinx:Die Einzel-LP beginnt mit„Finding My Way“, das erste Stück des selbstbetitelten Debüts von 1974. Dann der Sprung von der melodischen Kürze von „Fly by Night“ zu „2112: Overture / The Temples of Syrinx“. Eben noch ein Refrain, den man im Auto aus voller Kehle mitsingen möchte, und wenig später erklären einem die Priester einer zukünftigen Gesellschaft mit beträchtlichem Nachdruck, wer hier das Sagen hat. Die Beschränkung auf die ersten beiden Teile der gut zwanzigminütigen Suite ist ein vernünftiger Schnitt: Man bekommt Lifesons weit ausholende Gitarren, Pearts scharf gesetzte Akzente und Lees herrlich schrillen Auftritt als geistliche Obrigkeit. Wie die Geschichte für ihren unglücklichen Helden ausgeht, darf man auf dem Originalalbum nachhören.
Nach dem akustisch
eingeleiteten „Closer to the Heart“ beschließt der Namensgeber die erste Seite.
Und „The Spirit of Radio“ ist vielleicht das beste Argument dafür, warum eine
Greatest-Hits-LP von Rush überhaupt funktionieren kann. Lifesons flirrende Gitarrenfigur
genügt als Erkennungsmelodie, der Refrain reicht für eine ganze Arena, und kurz
vor Schluss nimmt die Nummer auch noch den Umweg über Jamaika.
Seite B: Der Oberheim meldet sich zu Wort: Einmal umdrehen, und schon erklingt der Oberheim Synthesizer gurgelnd bei „Tom Sawyer“.Über den federnden Bass von „New World Man“, die nervösen Synthesizer von „Distant Early Warning“ und „The Big Money“ führt Seite B schließlich zu „Time Stand Still“. Eine kluge Wahl für den Ausklang: Nach all den Riffs, Fills und virtuosen Hakenschlägen bleibt ausgerechnet Aimee Manns schlicht gesungene Titelzeile im Ohr. Und hier holt die Gegenwart die Platte tatsächlich ein: Beim Tourauftakt in Los Angeles stand Mann heuer mit Lee und Lifeson auf der Bühne, um ihren Part erstmals live mit Rush zu singen.
„Limelight“ hätte man schon gern dabeigehabt, allein wegen jenes schwebenden Lifeson-Solos. „Subdivisions“ wäre für die Synth-Seite der Band mindestens ebenso naheliegend gewesen.
Dennoch gelingt dieser
Rush-Compilation auf Vinyl etwas ausgesprochen Schönes: Zwischen dem
ungestümen Hardrock von „Finding My Way“ und der beinahe wehmütigen Popmelodie
von „Time Stand Still“ liegen dreizehn Jahre, und auf zwei Plattenseiten lässt
sich nachvollziehen, wie dieselbe Band von einem zum anderen gekommen ist. Für
Einsteiger eine gut gewählte erste Rush-LP, für langjährige Fans ein kompakter
Streifzug mit dem einen oder anderen schmerzlichen Auslassungspunkt.
