Mittwoch, 4. November 2026

CROW HILL COMPANY BROTHER TREE SOUND Test: Mein Freund, der Baum

Credit Bild: © Crow Hill Company
Noch eine String-Library? Nun, wenn das berühmt-berüchtigte Kreativteam um Christian Henson seine Streicher ausdrücklich zum Geschichtenerzählen anheuert, das Ganze in einem ans Auenland gemahnenden Look daherkommt und einen mit „Brother Tree“ begrüßt, als wäre man in Woodstock – consider me intrigued. Zumal hinter dem Namen ein sehr reales Streichquartett steckt. Seit 2017 spielen die vier Musiker des Kollektivs Brother Tree Sound zusammen. Für die gleichnamige Library von The Crow Hill Company trafen sie sich mit Henson in den Londoner Air-Edel Studios. Dort bekamen sie etwas aufs Notenpult, das bei einer Sampling-Session keineswegs selbstverständlich ist: ein eigens für sie geschriebenes Stück Musik.

Ein spezielles Quartett

Hintergrund: Das Spielen dieses Stücks liefert für das Sampling genau jene Töne, die Henson vorschwebten. Resultat ist nun ein Virtual Instrument, das besonders realistisch klingen soll, als würde man eine Live-Band dirigieren. Ein vollmundiger Ansatz, doch während meine Finger über die Tasten meines Keyboards gleiten, sind die ätherischen Töne, die Brother Tree Sound zu evozieren vermag, tatsächlich sehr lebensecht, realistisch und organisch.

Auf zweite Takes verzichtete man bei der Sampling-Session. Erst nach der Aufnahme löste das Team die langen Töne aus den gespielten Passagen heraus; die Bogenansätze nahm man separat auf. Darin steckt der eigentliche Charme dieser Streicher-Library: Wie bestimmt oder zaghaft ein Ton beginnt, entscheidet man beim Einspielen selbst. Was danach an Bewegung in ihm steckt, haben die vier Musiker bereits mitgebracht. Hensons persönlicher Favorit und den Werks-Presets,  Fragile Moments, ist dafür ein besonders schönes Beispiel. Ein zarter Klang, der jedoch ungemein expressiv ist - wie überhaupt diese gesamte Library bei der Nebengeräusche (hier handelt es sich bewusst nicht um eine puristisch, klinisch-perfekte Collection), zarte Bogenstriche und Effekte ineinander zu fließen scheinen.

Kammer-Musik

Apropos Effekte: diese gibt e sin Form von Reverb, die in diesem Fall besonders hervorzuheben sind . Chamber und Hall stehen für lange und kurze Noten getrennt zur Verfügung – keineswegs selbstverständlich bei einer Streicher-Library. Gerade darin steckt für mich viel vom filmischen Reiz des Plugins: Brother Tree kann ausgesprochen relativ  straight nach Kammermusik klingen oder mit denselben vier Musikern ziemlich rasch die ausgetretenen Pfade traditionellerer String-Libraries verlassen.

Feathers, Longs und Shorts: Der Bogen macht den Ton

Die drei Fader im Mixer regeln hier ausnahmsweise keine Mikrofonpositionen. Longs liefert die aus den Darbietungen gewonnenen Haltetöne. Mit Feathers dosiert man den separat aufgenommenen Bogenansatz, also jenes kurze, raue Geräusch, bevor die Saite frei schwingt. Wie entschieden ein Ton beginnt, lässt sich über den Tastenanschlag mitbestimmen. Das Modulationsrad führt währenddessen durch bis zu vier Dynamikstufen. So darf ein weich über dem Griffbrett gestrichenes Sul tasto auch einmal kräftiger werden, während sich über die Anschlagstärke eine Melodienote aus dem Akkord hervorheben lässt.

Praktisch ist der Shorts-Fader: Kurze Striche lassen sich beimischen oder für sich spielen, ohne dass man mitten in der Phrase nach dem richtigen Keyswitch fahndet. Bei einem raschen, messerscharf zum Bild geschnittenen Ostinato wären mir manche davon eine Spur zu gemächlich. Crow Hill lässt dem Bogen hörbar Zeit, die Saite in Bewegung zu setzen. Was beim Sechzehntellauf ein wenig Attack kosten kann, macht ein paar vereinzelte Akzente unter einer akustischen Gitarre umso glaubwürdiger. Da klingt tatsächlich Holz mit.

Fazit

Die Unique Noises, die beim Spielen entstehen und Teil der Samples sind, verleihen dieser Library neben den otherworldly Reverbs eine ganz eigene Note. Es handelt sich hierbei nicht um die Allround-Cinematic-String-Library, aber der Ansatz, den Henson hier verfolgte – eine Storytelling-Library zu kreieren – geht durchaus auf.

Das Rad des Streicher-Samplings erfindet Crow Hill hier dennoch nicht vollends neu. Brother Tree Sound ist aber entschieden mehr als bloß eine gut klingende Quartettaufnahme mit ein paar schönen Hallräumen. Die 22 Spielweisen decken einiges ab; den bleibenden Eindruck hinterlassen für mich gerade jene kleinen Eigenheiten, die sich nicht per Fader bestellen lassen. Ein etwas spröder Ansatz, ein Ton, der sich innerhalb eines ruhigen Akkords kurz bemerkbar macht – bei vier Streichern haben solche Details musikalisches Gewicht. Für intime Scores und Songarrangements ist das eine der interessanteren Streicher-Libraries der letzten Zeit.