Der Erfolg von Pink
Floyd lässt sich tatsächlich nur mit Superlativen beschreiben. Kaum eine andere
Band hat es geschafft, über derart unterschiedliche Generationen hinweg
gleichzeitig Kultstatus, Mainstream-Relevanz und intellektuelle Aura zu
bewahren. Von den psychedelischen Londoner Underground-Tagen über die
gigantomanischen Stadiontourneen der Siebziger bis hin zur ewigen
Popkultur-Kanonisierung von „The Dark Side Of The Moon“ oder „The Wall“: Pink
Floyd sind längst kein bloßer Rock-Act mehr, sondern ein kulturelles Monument.
Ein eigenes audiovisuelles Universum zwischen Progressive Rock,
Kunstinstallation, philosophischer Melancholie und Größenwahn.
Credit Coverbild: © Hannibal Verlag
Genau dieser Mythos
steht im Zentrum von Mark Blakes monumentaler Oral History „Shine On“,
erschienen im Hannibal Verlag. Und schon nach wenigen Seiten wird klar: Hier
geht es nicht um eine gewöhnliche Musikerbiografie. Blake verfolgt vielmehr
einen Ansatz, der frappierend an die erzählerische Dynamik moderner
Oral-History-Formate erinnert – irgendwo zwischen klassischen Rockdokumentationen,
den besten Musikjournalismus-Texten und der literarischen Dramaturgie von Daisy
Jones & The Six. Bloß dass hier keine fiktionalisierte Bandgeschichte
erzählt wird, sondern eine der faszinierendsten realen Musik-Sagas überhaupt.
Der britische
Rockjournalist und Pink-Floyd-Spezialist Mark Blake hat über Jahre hinweg
Interviews, Archivmaterial und Originalzitate zusammengetragen und daraus ein
schillerndes Mosaik konstruiert. Zu Wort kommen dabei nicht nur die Musiker
selbst – also etwa Roger Waters, David Gilmour oder Nick Mason – sondern auch
Produzenten, Wegbegleiter, Techniker, Fotografen, Designer und kreative
Mitstreiter. Gerade dadurch entsteht jene spezielle Unmittelbarkeit, die Oral
Histories von klassischen Biografien unterscheidet.
Man liest „Shine On“
nicht wie ein lineares Sachbuch, sondern beinahe wie einen gigantischen
Dokumentarfilm in Textform. Stimmen greifen ineinander, widersprechen sich,
ergänzen sich oder entlarven alte Legenden als Halbwahrheiten. Genau darin
liegt einer der größten Reize dieses Buchs. Denn die Geschichte von Pink Floyd
war immer auch eine Geschichte konkurrierender Narrative. Wer hatte wann die
kreative Kontrolle? Wie groß war der Einfluss Syd Barretts wirklich? War Roger
Waters visionärer Auteur oder destruktiver Egomane? Und wie viel von der
Melancholie und Isolation der Band war genuine Emotion – und wie viel
kalkulierte Mythologie?
Blake versucht
erfreulicherweise nie, diese Fragen endgültig „aufzulösen“. Stattdessen
entsteht ein vielschichtiges Gesamtbild, das die internen Spannungen der Band
ebenso sichtbar macht wie ihre kreative Genialität. Genau dadurch wirkt „Shine
On“ oft ehrlicher als klassische Musiker-Biografien, die allzu häufig einer
glattpolierten Meistererzählung folgen.
Besonders stark ist
das Buch immer dann, wenn es Atmosphäre einfängt. Die frühen Kapitel über das
Swinging London der Sechziger besitzen stellenweise beinahe etwas Filmisches.
Man spürt den Rauch der Clubs, die experimentelle Aufbruchsstimmung jener Zeit
und die eigentümliche Mischung aus Kunsthochschul-Avantgarde und
psychedelischem Chaos, aus der Pink Floyd hervorgingen.
Gerade Syd Barrett
schwebt dabei wie ein tragischer Geist über dem gesamten Buch. Seine kreative
Vision, sein mentaler Zerfall und seine Abwesenheit werden fast zur
unsichtbaren Hauptfigur der gesamten Erzählung. Ähnlich wie in den besten
Musikdokumentationen entwickelt sich daraus ein permanentes Echo: Barrett ist
weg – und doch irgendwie immer präsent. Selbst die gigantischen Erfolgsjahre
der Band wirken oft wie der Versuch, diesen Verlust künstlerisch zu verarbeiten
oder zu übertönen.
Blake zeichnet dabei
eindrucksvoll nach, wie sich Pink Floyd Schritt für Schritt von einer
experimentellen Underground-Band zur globalen Stadion-Institution entwickelten.
Der Weg führt von improvisierten Acid-Happenings über die
Konzeptalbum-Revolution der Siebziger bis hin zu den monumentalen Bühnenshows,
die Musik, Filmprojektionen, Architektur und Performance-Art verschmelzen
ließen.
Gerade diese Entwicklung macht „Shine On“ auch zu einem spannenden Buch über die Transformation des Rock selbst. Denn kaum eine Band steht derart exemplarisch für den Wandel von den utopischen Sechzigern zur zunehmend gigantomanischen Mega-Entertainment-Kultur der späten Siebziger und Achtziger.
Natürlich nimmt auch
der berühmte interne Konflikt zwischen Waters und Gilmour breiten Raum ein. Und
hier wird „Shine On“ besonders spannend. Denn Blake verfällt nie der simplen
Versuchung, bloß einen „Helden“ und einen „Bösewicht“ zu konstruieren. Vielmehr
zeigt sich, wie sehr die kreative Spannung zwischen den verschiedenen
Persönlichkeiten überhaupt erst jene Musik möglich machte, die Pink Floyd
unsterblich werden ließ.
Die Studio-Sessions zu
„Wish You Were Here“, „Animals“ oder „The Wall“ lesen sich stellenweise wie
Berichte aus einem kreativen Kriegsgebiet. Ego-Kollisionen, Perfektionismus,
psychische Erschöpfung und künstlerische Besessenheit greifen ineinander. Gerade
dadurch entsteht aber auch jene fast obsessive Detailarbeit, die viele
Floyd-Alben bis heute derart einzigartig macht.
Bemerkenswert ist
zudem, wie stark das Buch immer wieder den technischen und visuellen Aspekt der
Band hervorhebt. Pink Floyd waren eben nie „nur“ Musiker. Ihre Arbeit mit
Sounddesign, Quadrophonie, Lichtinstallationen und gigantischen Bühnenshows
machte sie zu Pionieren eines audiovisuellen Gesamtkunstwerks. Auch die
legendären Cover-Artworks von Hipgnosis bekommen erfreulich viel Raum.
„Shine On“ ist keine
nüchterne Chronik zum schnellen Durchblättern. Mark Blake hat vielmehr eine
monumentale Oral History geschaffen, die sich wie ein vielstimmiger
Dokumentarfilm liest. Gerade die Vielzahl der Perspektiven macht das Buch
derart lebendig, intensiv und immersiv. Hintergrundwissen wird jedoch vorausgesetzt. Wer
lediglich eine oberflächliche Einführung sucht, könnte von der Materialfülle
beinahe überfordert werden. Für echte Musikfans – insbesondere natürlich für
Floyd-Aficionados – ist dieses Werk jedoch ein absoluter Glücksfall. Denn Blake
gelingt etwas, das nur wenige Rockbücher schaffen: Er konserviert nicht bloß
Fakten, sondern rekonstruiert Atmosphäre, kreative Spannung und einen Zeitgeist.
So wird „Shine On“ letztlich selbst zu etwas sehr Floyd-artigem: groß,
detailverliebt, gelegentlich exzessiv, voller Abschweifungen, aber gleichzeitig
hypnotisch und emotional erstaunlich präzise.
Pink Floyd - Shine On: Die ganze Geschichte in eigenen Worten