Montag, 18. Mai 2026

MERCURIALL 6160III Test – Brown Sound & moderne High-Gain-Perfektion

Credit Bild: © Mercuriall Audio Software
Der 5150 zählt zweifellos zu den meistmodellierten Gitarrenverstärkern überhaupt – nur von den unzähligen Marshall-Sims übertroffen. Im Bereich High Gain gibt es überhaupt keinen anderen Amp, der derart oft digital rekonstruiert oder als klanglicher Referenzpunkt herangezogen wurde wie das ursprünglich gemeinsam mit Eddie Van Halen entwickelte Design. Und das hat einen einfachen Grund: Der 5150, zunächst von Peavey gefertigt und später unter dem eigenen EVH-Markenbanner weiterentwickelt, ist in seinen zahleichenen Iterationen und Revisionen ein Standard für modernen High Gain. Vom späten Hard Rock der 1990er über Metalcore, Nu Metal und modernen Progressive Metal bis hin zu heutigen Djent-Produktionen zieht sich die DNA des 5150 in all seiner Aggression, Kontrolle und Spielgefühl durch unzählige Genres.

Mit dem Mercuriall 6160III versucht Mercuriall Audio nun genau diese spezielle Mischung aus digital einzufangen. Die spannende Frage dabei ist allerdings nicht bloß, ob der typische Sound getroffen wird. Interessanter ist vielmehr, ob die Simulation auch jenes unmittelbare Spielgefühl reproduzieren kann, das den 5150 seit Jahrzehnten zu einem der wichtigsten modernen Amp-Designs überhaupt macht.

Digitale Präzision

Der Mercuriall 6160III basiert auf dem EVH 5150III Stealth. Dieser bietet drei Kanäle und drei Klang-Charaktere: Clean, Crunch und Lead. Was auf dem Papier zunächst vertraut wirkt, entfaltet in der Praxis eine bemerkenswerte Bandbreite.Der Clean-Kanal bleibt klar, druckvoll und direkt, ohne jene sterile Glätte vieler moderner Metal-Amps zu entwickeln. Statt klinischer Sauberkeit erhält man hier einen Sound mit Charakter. Der Crunch-Kanal liefert genau jene bissige, artikulierte Zerre, die man für rhythmisches Spiel benötigt, hat aber soviele Gain-Reserven, dass er auch für Leads problemlos funktioniert.Und schließlich der Lead-Kanal: dicht, sustainreich,– aber eben nicht undefiniert oder matschig. Besonders interessant ist dabei die interne Abstimmung der Gain-Struktur. Selbst bei extremen Einstellungen bleibt der Sound erstaunlich kontrollierbar.

Modeling & Spielgefühl

Wie schon bei anderen Mercuriall-Simulationen basiert auch der 6160III auf einem sehr tiefgehenden Modeling-Ansatz. Die Entwickler simulieren nicht bloß Frequenzgänge oder statische Verzerrungsprofile, sondern rekonstruieren das Verhalten der eigentlichen Schaltkreise. Und genau deshalb fühlt sich der 6160III weniger wie ein statisches Plugin und deutlich mehr wie ein echter Verstärker an.Besonders auffällig ist dabei das Verhalten beim Zurückdrehen des Volume-Potis. Selbst stark verzerrte Sounds reagieren äußerst organisch auf Pegelreduktionen. Palm Mutes kommen präzise und definiert. Selbst schnelle Riffpassagen behalten ihre Kontur. Leads schneiden mühelos durch den Mix, ohne unangenehm schrill zu wirken. Gleichzeitig bleiben selbst komplexe Arrangements transparent.

Der 6160III reagiert dabei bemerkenswert sensibel auf Anschlagdynamik und Spielweise. Trotz hoher Kompression bleibt die Artikulation erhalten. Schnelle Alternate-Picking-Passagen bleiben differenziert, komplexe Akkorde matschen nicht ineinander und selbst moderne Low-Tuning-Riffs behalten eine erstaunliche Klarheit.

Stealth vs. Classic – zwei Gesichter desselben Amps

Ein besonders spannendes Detail der Mercuriall-Umsetzung – bei dem sich die Entwickler sogar gewisse Freiheiten gegenüber dem Original herausgenommen haben – ist die Möglichkeit, zwischen Stealth- und Classic-Voicing im dritten Kanal zu wechseln. Und genau dieses Feature verändert die Charakteristik des Amps deutlich stärker, als man zunächst vermuten würde. Der Stealth-Mode klingt moderner, aggressiver und dichter komprimiert. Das ist auch jener Modus, mit dem sich der spätere EVH-Sound erstaunlich authentisch reproduzieren lässt – jener fully saturated Ton, den Van Halen selbst in seinen späteren Jahren bevorzugte. Der Classic-Mode hingegen geht klanglich einige Schritte zurück Richtung Ursprung. Offener, luftiger, dynamischer und näher an den traditionelleren High-Gain-Strukturen früherer 5150-Generationen.Man bewegt sich hier gewissermaßen entlang einer Zeitachse moderner High-Gain-Geschichte.

Fazit

Mit dem 6160III gelingt Mercuriall Audio eine der überzeugendsten digitalen Interpretationen eines modernen High-Gain-Klassikers, der beine inflationär häufig gemodelt wurde. Vor allem die Mischung aus massiver Sättigung, Tightness und erstaunlicher Transparenz wird hier beeindruckend authentisch eingefangen. Dabei reproduziert die Software nicht nur den Sound des EVH 5150III Stealth, sondern auch das Spielgefühl.