Montag, 18. Mai 2026

MERCURIALL EUPHORIA Test - Digitale Ekstase

Credit Bild: © Mercuriall Audio Software

Es gibt Verstärker, die einfach nur gut klingen – und es gibt jene, die eine ganze Ära mitdefinieren. Der vom deutschen Amp Guru Reinhold Bogner entwickelte Bogner Ecstasy gehört zweifellos in beide Kategorien. In einer Zeit, in der Gitarrensounds zunehmend zwischen Vintage-Romantik und kompromisslosem High-Gain-Exzess polarisierten, gelang Bogner Anfang der 1990er-Jahre ein bemerkenswerter Balanceakt: ein Verstärker, der in all diesen Metiers gleichermaßen reüssieren konnte – und noch deutlich mehr.

Mit der Amp Sim „Euphoria“ der russischen Entwickler von Mercuriall Audio gibt es nun digitale Interpretation dieses Amps – inklusive austauschbarer Front Grill-Designs und all jener Schalter, Optionen und Eigenheiten, die den Bogner seit Jahrzehnten zum Favoriten unzähliger Tweaker machen. Doch vermag es diese digitale Rekreierung tatsächlich auch, die komplexen Eigenheiten des sehr speziellen Bogner-Signature-Sounds überzeugend einzufangen und damit für die titelgebende Euphorie zu sorgen?

Die Geburt eines modernen Klassikers

Der Ecstasy war nie nur  als bloße Weiterentwicklung bestehender Konzepte gedacht, sondern vielmehr als eigenständiges Design, das zwar auf d en Schultern von Riesen stand, gleichzeitig aber auch die ureigene Vision Reinhold Bogners, eines Mannes mit ebenso ausgeprägten technischen Fähigkeiten wie klanglichen Visionen umsetzte. Drei Kanäle, umfangreiches Tone Shaping, schaltbare Voicings – ein Baukasten für professionelle Gitarristen, die maximale Kontrolle bei gleichzeitig musikalischer Ansprache suchten und genau wussten, was sie taten. Denn der Bogner gab Musikern mit seinen unzähligen Reglern und Schaltern zwar einerseits nahezu grenzenlose Möglichkeiten der Klangformung in die Hände, gleichzeitig mussten sie diesen für damalige Verhältnisse relativ komplexen Amp aber auch beherrschen lernen. Der mächtige, eher bassige Grundcharakter des Bogner-Sounds ist dabei eines jener Signature-Merkmale, die sich nur schwer authentisch modellieren lassen. Bogner vereinte in seinem Design vieles von dem, was den Marshall Plexi einst zum Standard machte, kombinierte dies jedoch mit moderneren High-Gain-Konzepten der 1980er-Jahre und verlieh dem Ganzen gleichzeitig eine sehr eigene klangliche Handschrift. Das Ergebnis war ein ganz spezieller Sound: tendenziell dunkel und gleichzeitig brillant, bei Bogner war so etwas nie Widerspruch. Cremig, artikuliert, dynamisch. Maximale „Saturation“ also Sättigung, aber mit  maximaler Noten-Transparenz. Nicht zuletzt deshalb avancierte der Amp schnell zum Geheimtipp unter Studio-Profis und Tour-Gitarristen.

Digital Euphoria

Mit Mercuriall Audios Euphoria wird genau dieses Klangideal erstaunlich präzise eingefangen. Die gesamten Sounds, die man von einem solchen Amp erwartet, sind sofort präsent: der rotzige, rauchige Blues Rock-Ton wie man ihn etwa von Audley Freed in seiner Zeit bei den Black Crowes kennt (nachzuhören auf dem genialen Album „Live At The Greek“, zusammen mit Jimmy Page), der edle, fast schon flüssige Lead-Ton a la Steve Lukather und dieser massive Heavy-Riff-Sounds mit enormem Druck, der nach Neunziger schreit und noch heute ein Referenz-Sound ist.

Hier spielt das extrem komplexe Modeling-Konzept von Mercuriall seine größten Stärken aus. Das bedeutet konkret: Die internen Abläufe des Röhrenverstärkers wurden auf Schaltkreisebene modelliert. Nichtlineare Verzerrungen, Interaktionen zwischen einzelnen Bauteilen sowie dynamische Abhängigkeiten von Signalpegeln und Reglerstellungen wurden dabei detailliert berücksichtigt. Der Verstärker wird bei diesem Verfahren nicht einfach oberflächlich „nachgebaut“, sondern in seiner eigentlichen Funktionsweise digital rekonstruiert. Und genau das hört man. Selbst stark verzerrte Sounds lassen sich bemerkenswert gut allein über das Volume-Poti der Gitarre cleaner einstellen – eine Eigenschaft, die gerade bei digitalen Amp-Simulationen noch immer keineswegs selbstverständlich ist, zumindest nicht in jener Güte die Mercuriall bewerkstelligt.

Besonders beeindruckend ist außerdem, wie deutlich hörbar die jeweiligen Switches und Voicing-Schalter tatsächlich arbeiten. Jede Änderung greift spürbar in das Spielgefühl und die Klangstruktur ein, anstatt lediglich minimale klangkosmetische Unterschiede zu erzeugen. Auch die integrierten Boosts des Ampbox-Ecosytsems in das dieser Amp eingebettet ist, sowie das hauseigene IR-System interagieren vorbildlich mit dem Amp und tragen entscheidend zum authentischen Gesamtbild bei.

Fazit

Mit Euphoria gelingt Mercuriall Audio eine weitere  bemerkenswert präzise digitale Nachbildung eines berühmten Verstärkers. Gerade die Eigenheiten und charakteristischen Stärken des Bogner Ecstasy – seine Dynamik, seine Tiefe und sein enorm wandelbarer Grundcharakter – werden hier erstaunlich organisch und inspirierend eingefangen. Der Bogner Amp lebt nicht nur von seinem Gain, sondern von seiner Ansprache. Von der Art, wie der Ton unter den Fingern reagiert. Genau dieses Gefühl transportiert Euphoria mehr als überzeugend in die digitale Welt.